23. April 2008

Gedicht

Venedig (1922)















Im Norden
Frieren die Götter.
Hier
Strahlt jeder Gauner: ein heisser Gott.


Seines Tempels Stufen
Steigen aus dem Canale grande.
Er opfert

Sein südliches Herz sich selbst.


Die Sbirren schleichen

Zur Dämmerung.
Am Himmel segelt

Eine Gondel.


Die Adria
Brandet an meine Brust.

Der Markusplatz
Tönt wie eine Harfe.


An vergitterten Fenstern,
An freigelassenen Menschen vorbei:

Auf einer weissen Piazza

Entfaltet sich wie eine rote Mantille dein Lächeln.


Ists Tag? So ist die Sonne,

Ists Nacht? So ist der Mond

Am Herzen

Aufgegangen.



Klabund 1890 - 1928

20. April 2008

Castello I - Campo Arsenale


Der Raum vor dem Arsenale ist ein langer Schlauch entlang des Rio dell'Arse-
nale. Am Anfang rechts ist der Eingang zur großen
Ausstellungshalle alter Schiffe des Museo Storico Navale, sehr sehenswert, wird leider gerne übersehen, und der Zugang zum Biennale-Gelände des Arsenale.
Bei der Passage des Rio wurden früher die Handels- und
Kriegsschiffe direkt vor ihrer Ausfahrt in die Adria mit Lebensmitteln bestückt, ehemalige Getreidespeicher und Militärbäckereien finden sich noch an beiden Ufern und in den Namen der angrenzenden Gassen. Am Tor zum Arsenale ist Ende, Militärgebiet.

Vor 20 Jahren führte noch eine Vaporettolinie zu den Fondamente Nove durch diesen Rio und durchs Arsenale. (Nicht dass man auf der Fahrt durch das Arsenale Vecchio und den Canale delle Galeazze viel erkannt hätte - mehr zu sehen gibt es, vor allem mit Hilfe eines kleinen Fernguckers, bei Besuchen der Kunst- und Architekturbiennalen auf dem Arsenalegelände. Die Konversion der rein militärischen in eine zumindest teilweise zivile Nutzung des riesigen Wassergeländes, z. B. für Rudervereine, ist im Gange. Aber das ist eine ANDERE Geschichte.)

Der Campo Arsenale ist eher ruhig, einladend ein paar Bars und Trattorien mit Übersicht über den Campo zum Abhängen und Beobachten. Neben vorbei wandernden Touristen sind zu beiden Seiten des Rio weisse und blaue Uniformen unterwegs, mehr in gockeliger Wichtigkeit als in militärischer Einschüchterungspose, passen aber natürlich zur Triumphal-
architektur des Arsenaletores. Es hat sich im Laufe der Jahrhunderte weiter entwickelt und erinnert an diverse Siege zur See, besond
ers aber an den über die osmanische Flotte bei der Seeschlacht von Lepanto (heute Navpaktos) im Golf von Korinth 1571.

Der viel bejubelte Sieg war dann aber doch nur ein kurz-
fristiger Einschnitt im Niedergang der großen venezianischen Kolonien, nach den entscheidenden Verlusten der besetzten Gebiete der Peloponnes und der Inseln Evia und Cypern an die türkischen Osmanen im Laufe des 15.und 16. Jahrhunderts. Er konnte die Geschichte nicht aufhalten, aber immerhin die venezianische Selbstdarstellung retten.


Noch ein Triumph wird auf dem Campo Arsenale gefeiert: der des Francesco Morosini, der 1684-87 im Rundumschlag und ebenfalls nur kurzfristig alle verlorenen Kolonien und noch ein bisschen mehr zurück eroberte (unterstützt von einer Allianz Papst/Frankreich/Österreich/Russland, nicht alleine...).
Er war DER Held der venez
ianischen Militärgeschichte, wurde später als Einziger in Abwesenheit ins Dogenamt gewählt und hat auch ansonsten bleibenden Eindruck hinterlassen: die Bombardierung der Akropolis von Athen, das Pulverlager der Türken, geht auf sein Konto. In alle Ewigkeit erinnert das weggesprengte Dach des Parthenon an Francesco Morosini.



Bronzener Fahnenfuss zu Ehren Francesco Morosinis am Campo Arsenale







Er hatte, nebenbei, vermutlich griechische Wurzeln, denn die Familie Morosini (venezianisch Morexini) erscheint im 7. Jahrhundert, ursprünglich als Mavroseni, aus dem öströmischen Reich im byzantinischen Veneto.
Sein Lebenswerk als Capitano Generale da Mar ist mit den griechischen Kolonien Venedigs verbunden in seiner Aufgabe als Provveditore Generale der Insel Candia (Kreta) und letztendlich dem Verlust auch dieser Kolonie. Er ließ die Befestigungen der Städte Canea, Rethymnon und Candia durch venezianische Festungsarchitekten massiv verstärken und setzte alle verfügbaren Söldner des gerade in Europa zu Ende gegangenen 30jährigen Krieges und eingekauftes Kanonenfutter aus
vor allem deutschen Fürstentümern ein. Der 25jährige Kampf um Candia (heute Hraklion) gilt angeblich als der längste Belagerungskrieg überhaupt, mit entsetzlichen Opfern der Beteiligten und ist in seiner Vergeblichkeit die dunkelste Seite der venezianischen Kolonialgeschichte.

Am 31.10.1669 übergab Francesco Morosini die Insel an die Osmanen und hatte mit dem Rest seiner Flotte freien Abzug. (Im Gegensatz zum armen Marcantonio Bragadino 100 Jahre vorher bei der Übergabe von Cpyern, aber das ist eine ANDERE Geschichte.)
Auf seinen Freispruch im anschließenden Militärprozess (bekanntlich werden die Siege dem Helden, die Niederlagen dem Fussvolk zugeschoben, in diesem Fall waren die Söldner unzuverlässig) folgte seine glänzende Rehabilitation; auf die Kampagne 1684-87
größte Ehrenbeweise wie der Ehrentitel 'Il Peloponnesiaco'. Seine Büste wurde schon zu Lebenszeiten im Dogenpalast aufgestellt und auf dem Campo Arsenale gibt es eine Fahnenstange mit einem Bronzefuss analog den drei Fahnenstangen auf dem Markusplatz: sie ist dem Ruhm Morosinis gewidmet.

Und ihm ist hier auch der für mich netteste aller venezianischen Löwen zu danken, er hat ihn in Piräus geklaut, als Mitbringsel für die Serenissima. Der Löwe sitzt ganz links am Eingangstor zur Marineschule, die nach Francesco Morosini benannt ist.
Angeblich (ich kann so viel Text nicht erkennen...) steht auf seiner Flanke in normannischen Runen eingeritzt: "Asmud ritzte diese Runen ein zusammen mit Asgeir, Thorleif, Thord und Ivar, auf Wunsch Haralds des Langen, obwohl sich die Griechen nach näherer Erwägung widersetzten."

Naja. Francesco war auch da, aber er ritzte nicht, sondern ließ per Kanonen sprengen, und die Griechen haben auch in diesem Fall nach näherer Erwägung sicher nicht kooperiert. Aber sie haben ihren Löwen später nicht zurück verlangt (keine Chance, im Gegensatz, hopefully, zu den Elgin Marbles...), sondern sich eine Kopie gemacht, die wieder wie früher am Hafeneingang des '
Porto Leone' von Piräus sitzt. Dort bewundert man den Löwen vom Schiffsdeck aus, aber das Original in Venedig kann man anfassen...

Hafeneinfahrt Piräus, Kopie des Löwen vom Arsenale

Francesco Morosini, Der Peloponnesier, starb in Napoli di Romania (heute Navplio) am 6.1.1694 nach bewegten und wirkungsmächtigen 76 Lebensjahren, wurde pompös militärisch überführt und in Santo Stefano begraben. Sein Grabmal ist die große kreisrunde Platte einige Schritte geradeaus, wenn man die Kirche durch den Haupteingang betritt.

16. April 2008

Venedig, 16.4.08, 12 Uhr


Heute bin ich mal kurz NICHT in Venedig unterwegs gewesen, aber der griechische Pilot ist wegen der etwas diesigen, aber schönen Sicht freundlich erst weiter nördlich nach links abgebogen...