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22. Januar 2016

Venezianisch-byzantinische Importe in Glienicke

Byzantinischer Kaiser am Campiello Angaran,
Zwilling des Kaisers aus dem Klosterhof,
dessen Original sich in Washington, Dumbarton Oaks befindet
Bei Recherchen zur Entwicklung des Parkprojektes auf der Insel Certosa (Eintrag vom 19.8.2014) stieß ich auf einen kurzen Film zur Geschichte der Insel, den ich damals für Projektwerbung hielt. Bei Licht betrachtet ist er aber die praktische Umsetzung eines Sommerkurses zum digitalen Visualisieren der Internationalen Universität Venedig, die ihren Sitz auf S. Servolo hat. Und, so gesehen, ein nettes Projekt. (12 weeitere Einträge zum Thema La Certosa hier.)


Ausstellung 'Acqua e Cibo', Dogenpalast 26.9.15-14.2.16
Ansicht der Insel Certosa 17. JH
In der Mitte der zentrale (kleinere) Kreuzgang unterhalb der Kirche
"Isola della Certosa"  enthält von 2:57 bis 3:05 die überraschende Information, dass "(18)50 Prinz Carl von Preussen den zentralen Kreuzgang kaufte und nach Berlin verlegte". Oha. Ich stellte mir das vor wie den Kauf eines schottischen Schlosses und seinen kompletten Wiederaufbau in Kalifornien durch einen U.S. Milliardär. 
Zu Beginn meiner Recherchen war kein venezianischer Kreuzgang in Berlin zu finden, dafür aber ein Mosaik in Potsdam, das vom Bruder Prinz Carls, Kronprinz Friechrich Wilhelm IV. auf Murano gekauft worden war. Dann traf ich im www auf den Kunsthistoriker Gerd-H. Zuchold und seine penible, präzise, perfekte Forschungsarbeit, was zu allen weiteren Schritten führte. (Siehe Buchhinweise am Ende des Eintrags.)

Angeleitet von Heinrich Menu von Minutoli, seinem Erzieher seit dem 9. Lebensjahr, entwickelte Prinz Carl (1801-1883) leidenschaftliches Interesse für Geschichte, Archäologie und alte Kunst. Und sich selbst, neben seiner pflichtschuldigen Militärkarriere als Preussenprinz, seit seiner ersten Italienreise im Alter von 21 Jahren zum Sammler. Laut G.-H. Zuchold zum qualifizierten Sammler, denn "da er auch als Kind nie bedeutende Ansätze einer eigenschöpferischen künstlerischen Veranlagung zeigte, ... verlegte er sich auf das Sammeln von Kunst, und hier gelang ihm in der Tat eine Leistung, deren Bedeutung erst langsam ins Bewußtsein gerufen wird: er legte nämlich die erste Sammlung byzantinischer Kunstwerke im modernen Europa dort an, wo byzantinische Kunst nicht heimisch ist, deren Sammeln also mehr als beispielsweise in Italien einen bewußtseins- und willensmäßigen Akt bedeutete." 


Klosterhof von außen mit 2 Bogenhallen, Vorhof, Säule mit 'Markuslöwen',
in der Mitte der verschlossene Innenhof  
An seinem Sommersitz, heute Schlosspark Glienicke, ließ er in kleiner Entfernung zum Schloss ein Museum zur Aufnahme seiner venezianisch-byzantinisch-mittelalterlichen Sammlung bauen, den Klosterhof. (Er erscheint mittlerweile ausführlich im Wikipedia-Eintrag zu Glienicke, 2014 war das noch nicht nicht der Fall.) Wie Hunold begründet, ist der Architekt des Klosterhofs wohl nicht Ferdinand von Arnim, sondern Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) selber und Friedrich August Stüler, der das Neue Museum in Berlin baute und nach dem Tod des Architekten Ludwig Persius die Friedenskirche in Potsdam (siehe oben). 


Innenhof des Klosterhofs, wie er durch das schmiedeeiserne
Portal zu sehen ist. Säulen aus dem Kreuzgang von
Sant' Andrea della Certosa, Brunnenkopf, die Apsis gestaltet
mit dem (leeren) Sarkopharg des Pietro d' Abono, Säulen,
Formelle, einem Atlanten und weiteren Objekten aus der
byzantnischen Sammlung Prinz Carls.
Die Repliken des Kaiserrelief (s. u.) und der Marmorikone der Agiosoritissa
hängen im rechten Gebäudeteil.
Zur architektonischen Gestaltung von Carls Museum wurden auf La Certosa im bereits weitgehend abgerissenen Kloster Sant' Andrea noch vorhandene Säulen des zentralen (kleineren) Kreuzgangs akquiriert. Hunold belegt mit Dokumenten des Staatssarchivs Venedig, dass, folgend der napoleonischen Schließung des Klosters "bereits 1807 die besten und kostbarsten Stücke verkauft" waren, und dass in Reiseführern der Jahre 1815 und 1819 Sant' Andrea als "schon abgerissen" bezeichnet wird. (Grabplatten und ähnliche Relikte, die weder verkauft noch von Kirchen oder Museen übernommen wurden, werden heute im Seminario Patriarcale aufbewahrt.)
Vor 1811 schlug der damalige venezianische Bürgermeister Daniele Renier die Umnutzung der Certosa als Friedhof vor (und nicht, wie geplant, als Militärstützpunkt der Österreicher), um die vollständige Zerstörung der Kirche von Sant'Andrea zu verhindern, "eines der besten Werke von Pietro Lombardo, ... voll von ausgezeichneten Kunstwerken, reich an preziösen Marmorarten, versehen mit außerordentlichen Malerein, kurzum eine der Zierden der Stadt". Wie wir wissen, wurde nichts daraus, gerettet wurde S. Michele, eine andere Zierde der Stadt. 


1845 wurde das größte Klostergebäude als Kaserne erneuert (heute der letzte Ruinenhaufen auf der Insel), und alle anderen Gebäude unwiederbringlich vernichtet. Hunold vermutet, dass Prinz Carl gerade noch rechtzeitig ein eher kleines Kontingent der wenigen Überreste für seinen Klosterhof ergattern (lassen) konnte. Sein kleines kostbares Museum im Wald oberhalb der Havel, übers Wasser 'verbunden' mit den Sakralbauprojekten seines Bruders, der Friedenskirche in Potsdam und der Heilandskirche in Sacrow, wurde also durch gezielt gekaufte Relikte der Kartause in der Lagune aufgebaut. In seine Mauern wurden planvoll Spolien aus der Sammlung integriert, und die Sammlung byzantinischer Kunst fest eingebaut. (Sie enthielt natürlich auch 'nicht-venezianische' Kostbarkeiten wie den Goslarer Kaiserstuhl, die ich hier nicht berücksichtige.) 


Die letzte Ruinenhaufen auf La Certosa, ehemaliges Kloster-
dann Kasernengebäude. Stand November 2015
Die Provinienz der Kreuzgangssäulen von der Certosa ist belegt. Andere sind selbst erklärend, wie z. B. das Affenrelief vom Turm in Pisa (Austauschteil, das bei einer Restaurierung des schiefen Turmes zum Verkauf stand) oder die Platte mit der Stiftungsinschrift der Scuola S. Giovanni Battista aus Murano. Mögliche Provinzienzen von vielen Einzelstücken erläutert Hunold mit Hilfe seiner kunsthistorischen Expertise, durch Werkvergleiche von Künstlern und Meistern. 
Trotz seiner Kompetenz kann er aber häufig nur vermuten, dass ein Stück "wohl aus dem Andreas-Kloster auf der Insel Certosa" sei. Denn die große Plünderung Konstantinopels 1204 und folgend die jahrundertelange 'Verlegung' massenweiser Kunst- und Kirchenschätze, Heiligenreliquien und ganzer Heiliger überschwemmte die Lagune mit allem, was der Verschönerung und dem Ruhm Venedigs diente. Alles, was nicht eindeutig einheimischen Künstlern zuzuordnen ist, kann also Werk eines Künstlers aus dem byzantinischen Reich sein. Das trifft vor allem auf die vielen dekorativen Patere, Formelle, Säulenteile etc. zu, die einen weiten Weg durch Zeit und Raum hinter sich haben können. 


Stiftungstafel der Scuola S. Giovanni Battista di Murano. Text transkiribiert und übersetzt bei Hunold: 
"Am 30. Oktober des Jahres 1374, als der edle und gelehrte Herr Gabriele Zaccharis Bürgermeister von Murano war, wurde dieses Gebäude errichtet. Oberer war währenddessen Herr Gabriele Buxelo und seine Brüder Vorsteher der Suola der Flagellanten von S. Giovanni Battista in Murano. Herr Iacomelo Damolin, Herr Olivier Darpo, Herr Matteo Roso, Herr Nicholeto von Greguol, Herr Giovanni Capo di Vetro, Herr Paris Sartor, Herr Nicholo del Soler, der Kaufmann Herr Alvise, Herr Meneghelo aus Stra, Herr Anthonio Zio, der Brotbäcker Herr Benvenuto, Herr Marcho Santo".

Große Teile der Klosterhof-Installation Prinz Carls sind überhaupt inzwischen, wie Hunold belegt, weitergewandert. Als erster nutzte sein Enkel Friedrich Leopold (1865-1931) den materiellen Wert und das ging weiter so bis zur historischen Zäsur des 2. Weltkriegs - 1937 z. B. wurden das 'Kaiserrelief' und eine marmorne Marienikone (Agiosoritissa) an amerikanische Sammler verkauft und befinden sich heute in Sicherheit im Museum Dumbarton Oaks in Washington. Im Klosterhof sieht man Repliken beider Werke aus Beton.


Campiello Angaran bei S. Pantaleon
Zum Rundrelief (Tondo) des byzantinisches Kaisers (der im verschlossenen Innenhof des Klosterhofs vom Gitter aus leider nicht zu sehen ist) gibt es einen originalen "Zwilling" in Venedig (bei S. Pantalon rechts, in der Ecke hinter der Bank, Campiello Angaran). Man kann also dort seine Schönheit, Würde und überraschende Größe bewundern. Er ist privates Eigentum, sein Besitzer gab ihn schon für eine Ausstellung her, aber nicht für eine Museumsaufbewahrung, sondern will ihn traditionstreu als Schmuck an seinem Haus behalten. Wissenschaftlich ist er noch ein Rätsel - wurden 2 Kaiserreliefs aus dem Osten nach Venedig geschafft? War es eines, von dem in Venedig eine leicht abweichende Nachbildung gemacht wurde? Wenn ja, wann? Wie sind die Unterschiede der beiden Werke einzuschätzen? Das Deutsche Studienzentrum in Venedig stellte noch detailliertere Fragen (und fand keine abschließenden Antworten) auf einer Studientag am 5.3.2015, von dem ich leider zu spät erfahren und ihn verpasst habe. 
Giuseppe Tassini schreibt in seinen "'Curiosità Veneziane" unter den Text zum Stichwort "Angaran detto Zen, Campiello, a S. Pantaleone" einen kleinen Nachsatz: "Am Campiello Angaran ist in eine Hauswand eingelassen ein Medaillon aus griechischem Marmor, in das ein orientalischer Kaiser in seiner Tracht eingemeißelt ist, eine Arbeit des IX. Jahrhunderts (wahrscheinlich ein Bildnis des Kaisers Leon VI.). Irrtümlicherweise meinte Zanotto, Lorenzo Tiepolo hätte den Marmor aus den Marmorbrüchen von Mongioja nach Venedig schaffen lassen." Auch kein Konsens zum Thema also.


Verschlossenes Portal vom Vorhof zum Innenhof .
2  Säulenpaare aus rostrotem Marmor von der Insel La Certosa,
von Holzlatten geschützt.Originalpatera im Giebel.
Verpatzte Mosaikrestaurierung der 50er Jahre. 2 Heiligenfiguren,
ersetzt bei der Restaurierung.
In Kleinglienicke war ich im April 2015. Nachdem ich rechtzeitig vorher per Mail die Parkverwaltung und das Bezirksamt Zehlendorf kontaktiert hatte, wurde für mich (danke nochmal für diese unklomplizierte Bürgerfreundlichkeit!) sogar der schon seit den Zeiten Prinz Carls immer verschlossene innere Bereich des Klosterhofs aufgeschlossen, inklusive eines hochinteressanten Gesprächs mit den beiden angetretenen Fachfrauen. 
Der Klosterhof ist ein wunderbarer ästhetischer Raum im Wald über der Havel. Eine Komposition alter und sehr sehr alter Gebäudeteile und Kunstobjekte, eine helle Offenheit des Raums und ein Schweben in der Zeit  an einem sonnigen Frühlingstag. Eine Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin. Die Perfektion des sinnlichen Erlebens wird für mich vor allem bestimmt durch die Balance der Architektur und die Symmetrie der eingepassten Kunstwerke - ein Wechsel zwischen Einzelwerken und Paarinstallationen (von denen mehrfach ein altes Exemplar durch eine Nachbildung des 19. JH ergänzt wurde, um eben diese Symmetrie künstlich herzustellen), sowie die ästhetisch sehr kluge und sensible Kombination von Werken, die ursprünglich überhaupt nicht zu einander gehörten. 


'Markussäule' im Vorhof des Klosterhofs
Basis ist eine Säulentrommel vom Poseidon-Tempel des Cap Sounion,
Säule und korinthisches Kapitell byzantinisch, 11. JH. ,
der Löwe  besteht aus Originalspolien und modernen Ergänzungen
Das kann ja sehr schief gehen, wie z. B. beim "Markuslöwen" auf einer Säule im Vorhof, der offensichtlich aus lauter Spolien zusammengesetzt wurde und aussieht wie eine hinkende Katze mit Teddybärengesicht und angeschnallten Flügeln. 

Aber der Fuss der Säule! Er besteht (wissenschaftlich durch Luigi Beschi 1972 nachgewiesen) aus einer Säulentrommel des Poseidontempels vom Cap Sounion in Attika, zwei weitere dieser Trommeln liegen als Dekoration weiter unten im Park beim Schloss, weitere stehen, zu einer Säule aufgerichtet, im Garten der Palazzina Briati (Universitätsgebäude) in Venedig. Es gibt diese Säulentrommeln im Park des Fürsten von Pückler (der mit Peter Josef Lenné den Kleinglienicker Park gestaltete) in Muskau, aber anscheinend ist deren Provinienz noch nicht überprüft und deshalb nicht belegt. Es scheint aber naheliegend, dass sie gleichen Ursprungs sind wie die Säulenteile in Kleinglienicke und Venedig. Zwei Säulen aus Sounion wurden 1825/26 (also mitten im Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft) von österreichischen Flottenkommandanten nach Venedig gebracht. Noch eine spannende Geschichte...


Säulentrommeln vom Poseidon-
Tempel auf Cap Sounion gestalten auch
den Schlosspark
(vergrößern bitte jeweils anklicken)
Säulentrommeln vom Poseidon-
Tempel auf Cap Sounion
Garten der Palazzina Briati


Spannend ist auch der Brunnenkopf ('vera da pozzo') im Innenhof des Klosterhofs und gut durch das verschlossene Gittertor zu sehen (4. Foto von oben). Er wird von Hunold auf das 1. Viertel des 11. JH datiert und ist aus einem Block aus den Steinbrüchen von Aurisina bei Triest gearbeitet. Einen Brunnenkopf mit frei stehenden Ecksäulen gibt es meines Wissens in Venedig nur noch im Innenhof des Palazzo Vendramin Calergi (Spielkasino) und dort bei offener Landtür (ist auch der Eingang zum Wagnermuseum, Calle Larga Vendramin) zu besichtigen.
(Selbstverständlich haben Preussens den Brunnenkopf nicht als SPRINGbrunnen verwendet, wie im Wikipediaeintrag zum Klosterhof steht. Was hätte mitten im Wald springen sollen? Der Springbrunnen befindet sich im inneren Garten des Schlosses, dessen Wände übrigens von römischen, griechischen, karthagischen... Spolien bedeckt sind. Überwältigend.)



Brunnenkopf im Innenhof des Palazzo Vendramin Calergi (Kasino)
mit 4 freistehenden Säulen ähnlich dem Klosterhof-Brunnenkopf,
der aber älter ist.
Der Klosterhof ist in einem relativ guten Zustand, wenige Kriegsschäden wurden in den 50er Jahren restauriert. Die Reparatur des Madonnenmosaiks über dem Eingangsportal,  beschädigt durch Zielübungen Steine werfender Kinder, nicht Bomben, ist leider völlig daneben gegangen. (Hunold liefert in seiner Monographie die dazu gehörige Korrespondenz mit dem ausführenden Berliner Handwerksbetrieb.) 
Dringend restaurierungsbedürftig ist der Mosaikboden des Kreuzgangs, der ebenfalls original aus der Lagune stammt. Seit der Nachkriegsrenovierung hat das Mosaik teilweise keinen festen Kontakt mehr zum darunterliegenden Boden und kann bei jedem Schritt Schaden nehmen. Und natürlich ist prinzipiell Instandhaltung nötig, wofür die Mittel fehlen. Trotz des Statussymbols "Weltkulturerbe" verlottert der Park Kleinglienicke, sagt Anett Kirchner am 6.3.2014 im Tagesspiegel und erklärt auch sehr genau, warum. Am 10.1.2015 wiederholt sie ihre Klage anlässlich der 200-Jahre-Peter-Josef-Lenné-Feier, ich finde, ihre Kritik sollte dringend gehört werden. 

Fahrradtour, die den Park Kleinglienicke mit dem Klosterhof einbezieht, veröffentlicht vom Tagesspiegel am 28.7.2014.
Anreise mit ÖPNV: Bus 316 von Berlin Wannsee nach Schloss Glienicke in 14 Minuten.



Buchhinweise:

Presse- und Informationsamt des Landes Berlin, 1984
Gerd-H. Zuchold: 
Byzanz in Berlin, Der Klosterhof im Schlosspark Glienicke
vergriffen, darf als Teil der Schriftenreihe Berlin Forum "nicht gegen Entgelt weitergegeben werden", ist aber trotzdem antiquarischerhältlich (gegen variables Entgelt) bei Booklooker.
Gute und detaillierte Information auf 84 Kleinbroschürenseiten, s/w Fotos.
Inhalt: 
Glienicke - Klassizismus und Romantik zwischen Berlin und Potsdam
Die Geschichte des Klosterhofs
Prinz Carls Intentionen als Kunstsammler
Kunstgeschmack als politisches Phänomen
Lageplan von Glienicke
Anmerkungen, Nachwort, über den Autor.



Hrsg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Landeskonservator: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin
Gebr. Mann Verlag Berlin 1993
Gerd-H. Zuchold:
Der "Klosterhof" des Prinzen Karl von Preussen im Park von Schloss Glienicke in Berlin
Band 1, Geschichte und Bedeutung eines Bauwerkes und seiner Kunstsammlung
Band 2, Katalgo der von Prinz Karl von Preussen im "Klosterhof" aufbewahrten Kunstwerke
Diese Monographie empfehle ich sehr für LeserInnen, die an einer akribischen, kompetenten wissenschaftlichen Arbeit mit einem entsprechend großen bibliografischen, fotografischen und dokumentarischen Anhang interessiert sind. Geschrieben in erfreulich präziser, aufmerksamkeitsfreundlicher Sprache.

Band 1 enthält die komplette wissenschaftliche Untersuchung des Themas. 
Band 2 enthält die detaillierte wissenschaftliche Beschreibung aller Objekte, inkl. Provinienz, Quellen etc. 
Bei Booklooker wird größenteils nur Band 1 zu unterschiedlichen Preisen angeboten, also Vorsicht, was man da bestellt und Preise vergleichen.
Ich empfehle die Bestellung der Monographie bei Fröhlich und Kaufmann, beide Bände werden als Pack um 2/3 ermäßigt für 50 € angeboten. 






Ergänzung 23.1.2016

Ein weiterer Brunnenkopf mit frei stehenden Ecksäulen wurde mir heute von einem Korrespondenten freundlicherweise gemeldet. Er ist, finde ich, außerordentlich schön gearbeitet und steht im Innenhof des Fondaco dei Turchi, also dem Naturkundemuseum. In allen Jahren Venedig war ich da nie... herzlichen Dank!
Er schreibt dazu:
"Übrigens rate ich allen, bei einem Venedigbesuch das Naturkundemuseum zu besuchen. Ich finde es ausgesprochen gelungen.
Das erste Mal war ich aus Versehen mit GEOMONDO virtuell dort.
Beim letzten Venedigbesuch waren wir dann mit Freunden life im Museum und waren alle hellauf begeistert. (Alle keine ausgewiesenen Naturkundefans.)"




(C) für beide Bilder: C.H.


Hier geht es zum Eintrag "Eine Geschichte von Murano und Potsdam"



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16. August 2015

Eine Geschichte von Murano und Potsdam


Eine überraschende Kombination?!

Den ersten Teil der Geschichte erzählt Alvise Zorzi; ich übersetze und zitiere aus seinem Werk "Venezia scomparsa": 

"Bis heute gehört zu den Titeln des Patriarchs von Venedig der es Ewigen Komtureiabtes von San Cipriano di Murano, obwohl die Abtei schon lange nicht mehr existiert. Die letzen Gebäude-
reste wurden vor 1840 niedergerissen, sogar die Fundamente wurden 1864 ausgehoben und wo es danach auf dem Gelände Gärten gab, stehen heute moderne Gebäude.


Die Abtei hatte ihren Ursprung in Malamocco. Der Doge Ordelaf Falier gestattete, das primitive Kloster zu verlassen und die Abtei nach Murano zu verlegen, nachdem Pietro Gradenigo 1109 den Brüdern ein Grundstück in San Savatore in Murano geschenkt hatte. 1111 waren Kirche und Konvent fertiggestellt. Die Apsis-
wölbung der Hauptkapelle war ausgestattet mit einem herrlichen byzantinischen Mosaik, gestiftet von Frosina Marcello 'pro anima suaque Petri Marcelli Marci et Teofili suorum filiorum' laut der Inschrift, über die Moschini berichtet, und es zeige 'den segnen-
den Erlöser mit der Jungfrau, den Heiligen Petrus, Johannes und Cipriano und die Erzengel Michael und Raffael'. (Moschini G. A.; Guida per l'isola di Murano, Venedig 1808)."


seconda parte
Lage von S. Cipriano im Südwesten Muranosnahe den Inseln S. Michele
und S. Christoforo, aus denen jetzt der Friedhof besteht.
Heute weist noch die Calle S. Cipriano auf  das Kloster hin
Alvise Zorzi berichtet weiter, dass sich hier neben anderen die Grablegen des Dogen Pietro Polani und des Dogen Pietro Gradenigo befanden. 1563 eröffnete nach Verfügung von Papst Pius IV der venezianische Patriarch und ehemalige Abt von S. Cipriano Giovanni Trevisan ein "ewiges" Priestersemiar, dem Orden der Somasker unterstellt. 1632 ergänzte der Patriarch Kardinal Federico Corner das Priesterseminar durch eine Inter-
natsschule für die Patrizierjugend, die Ansehen gewann und u. A. von Ugo Foscolo,
Gasparo Gozzi und Giacomo Casanova besucht wurde. (Casanova schreibt in Band 1 seiner Memoiren: "Hierauf zeigte man mir in drei Sälen mindestens hundertfünfzig Seminaristen, ferner zehn bis zwölf Schulzimmer, den Speisesaal, den Schlafsaal, die Gärten für die Freistunden; man gab sich die größte Mühe, mir einzureden, ich würde an diesem Ort das glücklichste Leben finden, das ein junger Mensch sich nur wünschen könnte...").
Die nicht sehr große dreischiffige Kirche wurde 1650 unter dem Patriarchen Francesco Morosini renoviert, die 3 Absidenkapellen und das Mosaik blieben dabei unverändert. Bis 1817 gab es in der Kirche Kunstwerke von Cristoforo da Parma, Pordenone, Palme il Giovane, Polidoro, drumherum einen großen gepflegten Klostergarten, bis das Seminar durch den Patriachen Franceso Maria Milesi dahin verlegt wurde, wo es noch heute seinen Sitz hat, in Venedig zwischen Salutekirche und Dogana (wie schon 1807 der Bischofsitz von S. Pietro di Castello nach S. Marco ver-
legt worden war). Damit wurde 
San Cipriano 1817 "schmählich aufgegeben" und der Plünderung überlassen.

Muran 1600

Die Bibliothek des Seminars und die Kunstschätze der Kirche wurden beim Umzug soweit möglich mitgenommen und befinden sich noch heute im Seminario patriarcale. 

"Was übrig war, wurde 1837 einem Geschäftsmann namens Medina überlassen, der Stück für Stück alles niedermachte und Marmor, Ziegel und Steine als Baumaterial verkaufte. Es war sogar die Rede davon, das kostbare Mosaik aus der Apsis der Hauptkapelle zu reissen, um die Einzelteilchen für Reparaturen an den Mosaiken von San Marco zu verwenden, für die es kein Material gab. ...  
Urnen und Grabmäler wurden barbarisch zerstört, die Urne des Dogen Pietro Gradenigo verkauft, und was im verbleibenden Schutthaufen an menschlischen Überresten gefunden wurde, ließ Federico Gradenigo mit Regierungserlaubnis unter dem Altar in der Kapelle seines Palazzo am Rio Marin wieder bestatten.
Wenigstens das Mosaik wurde 1838 vom preußischen Kron-
prinzen gekauft, von den Künstlern Pietro Querena und Lorenzo Priuli aus der Apsiskuppel gelöst, nach Deutschland verfrachtet und in der Apsis der Friedenskirche in Potsdam angebracht, wo es sich heute noch befindet und auf wunderbare Weise alle Zerstörungen des Krieges überstand."




Soweit Alvise Zorzi. Beim "preußischen Kronprinzen" handelte es sich um Friedrich Wilhelm, der kurze Zeit später, ab 1840, FW IV König von Preußen sein würde. 
Und so geht der zweite Teil der Geschichte:

Friedrich Wilhelm, seit seiner Kindheit fromm und religiös, seit seiner Jugend gefördert auch in Themen der Theologie und Kunstgeschichte, vertieft durch Reisen in Italien, und mit höch-
stem Interesse an Architektur, plante seit Beginn der 30er Jahre eine Kirche in Potsdam, als deren Vorbilder er die Kirche S. Clemente und für den Turm S. Maria in Cosmedin, beide in Rom, wählte. Die frühchristliche byzantinische Vorstellung, ein Kirchengebäude symbolisiere den Staat Gottes, übertrug er in seine Vorstellung vom preussischen Staat als Analogie zum Gottesstaat. Was er plante, war ein Bau mit Leitbildcharakter, und er wünschte ein originales byzantinisches Mosaik zur Verstärkung der Symbolik. Der byzantinische Pantokrator - Allherrscher - in Analogie zum Herrscher Friedrich Wilhelm im Gottesstaat Preußen, um es ganz knapp zu formulieren.




Das Mosaik der Stifterin Frosina Marcello war ein wahrer Fund für 385 Taler, Querena und Priuli lösten es kunstgerecht aus der Apsis von S. Cipriano, zerteilt in 100 trapezförmige Teile, was fast ein Jahr dauerte. (Archiviert ist die Bescheinigung der "Kgl. Zufriedenheit und Bewilligung eines Gnadengeschenkes" für die beiden Mosaizisten vom 14.3.1840.) Technische Details kann man höchst interessant in der Diplomarbeit von Philipp Schubert, FH Potsdam 2009, nachlesen.
Die Spedition mit Schiff, Bahn, Fuhrwerk kostet das 5fache des Kaufpreises, in Potsdam werden vorhandene Pläne den Maßen des Mosaiks angepasst, überhaupt nervt FW seinen Architekten Ludwig Persius (und nach dessen frühem Tod, Friedrich August Stüler, Ferdinand Ludwig Hesse und Ferdinand von Arnim) durch immer neue Änderungwünsche im Detail und im Gesamtkonzept. Grundsteinlegung ist am 14.4.1845, erst kurz zuvor steht der Name der Kirche fest: Friedenskirche




Ich war im April in Potsdam um das Mosaik aus Murano zu be-
wundern und fand in der wunderbaren Gesamtanlage eine ganze Reihe weiterer venezianischer Spolien wie einen Brunnenkopf, Skulpturen und Reliefs. Ich vermute, dass einige davon schon von ihrem Ursprungsort im östlicheren Mittelmeerraum nach Venedig kamen und nach Potsdam "weitergereist" sind. Die Kirche strahlt sehr große Ruhe und Würde aus (gewöhnt an die Fülle in katholischen venezianischen Kirchen). Das Mosaik ist überwältigend schön und klar, der große goldene Hintergrund lässt an das Mosaik in der Apsis der Assunta von Torcello den-
ken. Das Mosaik zeigt, wie schon Alvise Zorzi schreibt, die Dar-
stellung der Deesis - Christus empfängt als Pantokrator (All-
herrscher) die Fürbitten seiner Mutter und des Täufers, in die-
sem Fall begleitet von den Heiligen Petrus und Cipriano, einge-
rahmt von den Erzengeln Michael und Raffael (deren Seiten vertauscht wurden, kann passieren). Von Thomas-Peter Gallon steht eine hochinteressante Arbeit zum Mosaik "Herrscher, Richter, Segensspender?" im www (38 Seiten Text, 15 Seiten Fussnoten, jede Zeile davon lesenswert). 




Man kann nicht dankbar genug dafür sein, dass uns dieses Werk erhalten ist und nicht im Schutt von S. Cipriano versank oder als Reparaturmaterial in S. Marco landete. Das Mosaik wurde nicht 'geraubt', sondern gerettet und muss weiter verantwortlich ge-
pflegt werden als kostbares kulturelles Erbe und Teil des UNESCO Welterbes. Der Unterbau (genauer: Überbau) an dem es befestigt ist, verrottet und muss dringend erneuert werden. Das Mosaik selbst bedarf der Restauration. Auch die Kirche insgesamt braucht Sanierungen. Bereitgestellte öffentliche Mittel reichen nicht aus, Spenden müssen her. 


Wer Venedig und die Lagune liebt, wer das venezianische Erbe erhalten wissen will, darf sich verantwortlich fühlen für das Kunstwerk aus der Lagune, das seinen Weg zu uns gefunden hat. Einmal gerettet, soll es dauerhaft gerettet bleiben.  

Märkische Allgemeine: Alarmstufe Rot für die Friedenskirche
RBB: Mit Spendenmillionen zu neuem Glanz
Potsdamer: Hilfe für Kirche mit Dachschaden
Spenden an den Bauverein der Friedenskirche
Spenden für die Friedenskirche an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Monumente online der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Faltblatt Friedenskirche der Deutschen Stiftung Denkmalschutz



Vom Hauptbahnhof Potsdam fährt eine Straßenbahn (Nummer vergessen, sorry) zur Friedenskirche, ca. 300 m zu Fuss ab Haltestelle, immer dem Anblick des Campanile nach. Lage auf Bing Maps

Die Kirche kann zu Gottesdiensten besucht werden, und es gibt eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die Verantwortung für die tägliche Öffnung der Kirche Sorge trägt. Es ist trotzdem sinnvoll, bei einem geplanten Besuch vorher das Gemeindebüro anzurufen, um sicherzustellen, dass eine Besichtigung möglich ist.
Am Grünen Gitter, 14469 Potsdam, Tel. 0331-974009

Am Tag des offenen Denkmals 13.9.2015, ist die Friedenskirche geöffnet für BesucherInnen von 12-18 Uhr. Von 13-17 Uhr gibt es stündlich kostenlose Führungen durch Mitglieder des Bauvereins Friedenskirche und weitere ExpertInnen.



Hier geht es zum Eintrag
"Venezianisch-byzantinische Importe in Glienicke"



Nachtrag 1.1.2017
Eine gute Nachricht am ersten Tag des Jahres: Die Friedenskirche wird saniert.


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