Posts mit dem Label VenezianerInnen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label VenezianerInnen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

1. Juli 2017

Der Protest in Venedig geht weiter

Quelle: Gruppo 25 aprile

Für morgen, Sonntag 2. Juli mobilisieren 41 venezianische Bürgerinitiativen, federführend Gruppo 24 aprile + 3 Einzelpersonen zu einer Kundgebung und einem Protestmarsch gegen den Ausverkauf der Stadt und die Verdrängung der einheimischen Bürger*innen. Titel der Veranstaltung ist "Mi No Vado Via" - Ich geh hier nicht weg. Mehr als 1000 Teilnehmer*innen werden erwartet. 

Wer das wenig findet, sollte bedenken, dass die Zahl der Einwohner*innen mittlerweile dramatischerweise unter 50.000 gesunken ist. Man kann diese 1000 Venezianer*innen auch als die hartnäckigsten, widerstandsfähigsten Exemplare einer untergehenden Spezies sehen und ihren Kampf um den Erhalt ihres Lebensraum muss man bewundern. Ich hoffe, dass diese Tapferen morgen entsprechend vom touristischen Publikum mit Applaus und Anfeuerungen ermutigt und bestätigt werden. 

Wer nicht dabei sein kann, kann über den Hashtag #MiNoVadoVia auf Twitter die Sache verfolgen und anspornende Tweets beisteuern.  

Die Kundgebung findet von 10:30 bis 11:30 Uhr auf dem Campo dell'Arsenale und der Fondamenta dell'Arsenale statt, danach zieht der Protestmarsch Richtung Dogenpalast. Es wird auch entlang der Riva Auftritte geben, allerdings ohne Bühne; der Zug wird sich dann gegen 13 Uhr am Denkmal für Vittorio Emanuele II auflösen.

Siehe dazu auch Venezia Today, Gazzettino und besonders "Campaign for al Living Venice" mit der Möglichkeit, eine Petition zu unterschreiben.


Der nächste Schritt ist eine weitere große internationale Protestveranstaltung am 24. Sepember unter Federführung von "NoGrandiNavi".
Alle Einträge zu "NoGrandiNavi".



Ergänzung 2.7.:

Veneziablog: Venetians Taking to the Streets to Declare "Voglio Vivere a Venezia"






.

16. Juni 2017

Monteverdi 450





Vom 16.-20.6.2017 feiert das Teatro La Fenice 450 Jahre Claudio Monteverdi, der seit 1613 Maestro in der Basilica di San Marco war, in Venedig viele Werke schrieb und aufführte und in der Apsiskapelle ganz links in der Frarikirche ruht. 
Beginnend heute Abend und in den nächsten Tagen werden seine drei Opern - Orfeo, Ulisse und Poppea - in Venedig wieder aufgeführt vom Monteverdi Choir unter Leitung von Sir John Eliot Gardener und sind seit Monaten ausverkauft. 

In einem Workshop hat sich der Chor in den Gebäuden der Fondazione Cini auf S. Giorgio Maggiore im letzten Herbst auf die Monteverdi-Europa-Geburtstagstour vorbereitet und dazu einige kurze, interessante Videos ins www gestellt. 






Man wäre gerne dabei aber verkneift sich den Neid. (Als kleinen Trost kann man auf diesem Blog eine Aufführung des Orfeo anklicken, aufgenommen eben in Santa Maria Gloriosa dei Frari, vor dem Grab des Meisters.)

Das englischsprachige Feuilleton hat frühzeitig auf Monteverdi 450 eingestimmt:


Aber auch das deutschsprachige Feuilleton ist dabei: 


Mehr zu den Aufführungen des Monteverdi Choir im Juli/August in Österreich bei den Salzburger Festspielen, am 22., 25. und 26.8. beim Lucerne Festival und im September beim Musikfest Berlin auf der Seite der Berliner Festspiele und auf der Seite der Berliner Philharmoniker.

Wer nicht nur in Venedig unterwegs ist, sondern auch in Cremona, der Geburtsstadt Monteverdis, hat große Programmauswahl bei den Feierlichkeiten. Auch Mantova feiert morgen mit einer Aufführung Monteverdi alla corte dei Gonzaga (was allerdings kein Monteverdi-Werk ist), Konzerten und Ausstellungen.


In Venedig wird es weitere Musikereignisse des Monteverdi-Jahres geben. Das Venetian Center for Baroque Musik bietet im Rahmen seines jährlichen Monteverdi Festivals (nicht nur Monteverdi) Konzerte in Palästen, die sicher nicht die perfekte Akustik, aber wunderbare Atmosphäre haben. Programme der Konzerte und Kartenkauf.

Mehr werde ich in den Kulturkalender des 2. Halbjahres und als Ergänzung dieses Eintrags eintragen.



Ergänzung 23.6.:

Alle drei Opernaufführungen der letzten Tage im Teatro La Fenice werden als Streaming on Demand auf Culturebox zur Verfügung gestellt. Jaaa...!

L'Orfeo ab heute, 23.5., Il ritorno d'Ulysse ab morgen, 24.6., L'incoronazio di Poppea ab übermorgen, 25.6.
Ich habe schon reingeschaut und -gehört, wunderbar! Gewissermaßen können wir doch noch dabeisein...

Ergänzung 31.7.:
Besprechung des "Tagesspiegel" der drei Aufführungen bei den Salzburger Festspielen, in Erwartung des Berliner Gastspiels im Herbst: Der Klang der Seele.  

Claudio Monteverdi ca. 1630 (Bernardo Strozzi)


.

8. Oktober 2013

Carpaccios Löwe


Heute habe ich mir nach 10 Jahren Neugier die Zeit genommen, dem Rätel von Carpaccios Löwen nachzuforschen, bzw. der Drachenwurz, die Vittore Carpaccio prominent im Bildvordergrund links fast neben den Löwen gesetzt hat. Ich habe ja mehr als nur ein paar Urlaubstage!

Wer schon im Dogenpalast war, kennt das Bild, das zusammen mit anderen Markuslöwen in den ehemaligen Dogenräumen hängt. Es symbolisiert, 1516 gemalt, die Herrschaft der Serenissima über Meer (die Kolonien in Adria und Ägäis blühen noch, bis auf Negroponte/Evia-Euböa, das schon 1470 osmanisch wurde) und Land (wo die Liga von Cambrai in der Schlacht von Agnadello Venedig 1509 schrecklich besiegt hatte). Mit den Hinterfüssen steht der Löwe im Wasser, mit den Vorderfüßen auf Land, er zeigt das Buch mit dem Friedenssatz "Friede Dir, Markus mein Evangelist" aber auch schon mal vorsichtshalber die Zähne, denn die Dinge ändern sich gerade. Was hätte Carpaccio davon ahnen können?


Dieses Plakat hängt seit über 10 Jahren in meinem Flur. Abgeschnitten sind das Wäldchen auf der linken und die Gebäude (S. Giorgio Maggiore, Dogana) auf der rechten Seite
Im Hindergrund ist links das Ufer an der Piazzetta perfekt dargestellt mit Dogenpalast, den Säulen, Kuppeln von San Marco, und dem damals nagelneuen Uhrenturm, Mauro Codussi hatte ihn 1499 fertiggestellt. Rechts das Arsenale, das Markusbecken mit einigen aufgetakelten Segelschiffen,und räumlich eher frei angelegt, S. Giorgio Maggiore und die Dogana.
Im Vordergrund links einige Kräuter, vielleicht Salbei?, dahinter Gebüsch oder ein kleines Wäldchen, dazwischen aber eine der spektakulärsten Blüten, die ich wildwachsend kenne: eine Drachenwurz! Die Frage lautet seit 10 Jahren: warum?

Die Drachenwurz ist nicht in der Lagune heimisch, aber in den damaligen venezianischen Kolonien, vor allem auf Kreta, wo sie im Winter während der Regenfälle und im Frühjahr mit der Schneeschmelze entlang von Flußbetten austreibt und im Mai blüht. Die großen Blätter bestehen aus wunderschön im Kreis angeordneten 9 "Fingern". Die Blüte (Spatha, griech. "Schwert") ist enorm, 0,5 m hoch, schimmernd wie guter Samt, der Blütenstand ist eine noch enormere phallische Sache, glatt und etwas genarbt wie altes Leder. Und alles in einer leuchtenden Farbe, die man Bordeaux nennen kann oder Ochsenblut, ein sehr dunkles Rot. Der Anblick ist umwerfend, und der Aasgeruch der Pflanze auch. Wie alle Aronstäbe ist sie giftig, wobei die Reaktion von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Es kann im Einzelfall zu heftigem Erbrechen führen, wenn man ein Blatt anfasst und danach mit ungewaschenen Händen isst. 

Ich war mehr als gespannt auf der Suche nach dem, was KunsthistorikerInnen dazu einfällt. In der Bibliothek, in der ich zur Zeit arbeiten darf, habe ich mir 4 Monografien zu Carpaccio gesucht, Standardwerke, dicke Schwarten, und wurde leider schwer enttäuscht. Drei Autoren erwähnen die Drachenwurz nicht. Nur im Katalog der Carpaccio-Ausstellung im Dogenpalast von 1963 steht: "...auf der Linken einige exotische Pflanzen und ein gedrängter Wald, die die Funktion eines farblichen Kontrapunktes zur phantastischen Erscheinung der Stadt übernehmen, die zum großen Teil hinter der Gestalt des Löwen verschwindet."



Na. Jetzt aber. 
Carpaccio setzt eine Pflanze in sein Bild, die
  • nur in den Kolonien in Griechenland, ggfs. Istrien, Dalmatien, Albanien, existiert
  • aus einem riesigen Schwert und noch riesigerem Phallus besteht
  • heftigen Aasgeruch verbreitet
  • hochgiftig ist
Und niemand möchte wissen, was er uns damit sagen will?

Wahrscheinlich haben 3 Dutzend KunsthistorikerInnen fleißige Aufsätze darüber geschrieben, die Symbolik hin und her interpretierend... und keinen Verlag dafür gefunden. Oder in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, wo die viele Arbeit gut und für immer begraben ist. 

Und ich muss mir jetzt alleine ausdenken, dass Carpaccio vielleicht durch die Blume andeuten wollte, wo der Hammer bald nicht mehr hängt? Wo es stinkt und giftig wird, bei aller Großartigkeit? Das war zur Zeit des Dogen Leonardo Loredan. Während seines Dogats ging Venedigs Glanz zu Ende. 

 
Ergänzung 18.10.2013:
Der Vorschlag von Andreas (siehe 'Kommentare') wurde aufgegriffen, und die hier (auf S. Giorgio M.) vorhandenen Ikonografien überprüft. Erfolglos ein aktuelles italienisches Buch, das wie die Ikonografie bei mir zuhause auf einzelne Blumen eingeht, die in der Malerei als Symbole verwendet wurden (Tulpe, Zyklame, Rose, Lilie etc.), diese aber nicht differenziert. Also keine Unterguppen o. ä., Familien wie 'Aronstabgewächse' schon gar nicht.
Dann ein sehr dickes Buches über Symbole in der Malerei allgemein, half auch wenig, da alphabetisch sortiert und ich den italienischen Namen für Drancunculus vulgaris nicht kenne. Zu aufwändige Sucherei. 
Dann ein Reprint einer Sammlung von Emblemen von Beginn des 16. Jahrhunderts. Hoffnung! Denn es kommen auch viele Zeichnungen, Stiche, Holzschnitte von Pflanzen vor. Aber es stellt sich heraus: Emblem ist nicht gleich Symbol, scheint sehr viel festgelegter zu sein, auch in Zusammenhängen. Keine Aronstäbe, viel italienischer Text, kein Ergebnis.

Stundenlange Recherchen online mit spannenden Funden... die alle nicht konkret zielführend sind, wenn auch meine Bildung erweitern.
Ich bleibe am Thema und verlinke heute zu einer interessanten Seite des Metropolitan Museum of Art zu mittelalterlichen Gärten, Menüpunkt "Plants in Medieval Art"


Ergänzung 30.10.:
Weitere Monografien zu Carpaccio erfolglos geprüft, weitere Ikonografien - darunter eine hochgelehrte deutschsprachige aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, darin etwas zu mittelalterlichen Vorstellungen zur Heil- und Magiekraft der Drachenwurz gefunden. Immerhin!
Letzte Woche eine Kunsthistorikerin kennengelernt, die sich beruflich im letzten Jahr mit Veröffentlichungen über die Bellinis und Carpaccio beschäftigte und also den Überblick hat. Sie versicherte mir, dass es zu meiner Frage keine, gar keine Veröffentlichung gibt.


.

3. Februar 2013

Ca' Foscari - Führung für Fortgeschrittene

Innenhof der Ca'Foscari

Die Führung durch die Ca' Foscari braucht man nicht beim ersten (oder einmaligen) Venedigbesuch, ist aber sehr zu empfehlen für Fortgeschrittene und WiederholungstäterInnen, die über Jahre hinweg die Stadt immer besser kennenlernen wollen. 

Als Sitz einer der venezianischen Hochschulen, der Universität Ca' Foscari, ist das Gebäude im Prinzip zugänglich, man kann durch den 'Hintereingang' (direkt an der Brücke über den Rio di Ca' Foscari') und durch den Innenhof (in dem jährlich die ArtNight eröffnet wird) in den ehemaligen Androne, die Halle im Parterre, marschieren. Aber erst wenn man sich mal hinsetzt, z. B. in den Innenhof mit dem schönen Brunnenkopf, nimmt man Reste von Fresken an der Gebäuderückseite wahr oder kann im Androne die Innenausstattung des venezianischen Architekten Carlo Scarpa und den Blick durchs Wassertor auf den Canal Grande genießen.


Reste von Fresken an der Hauswand des Innenhofes



 



Mit dem Namen des Hauses ist natürlich verbunden der Doge Franceso Foscari, den wir vor dem Markuslöwen knien sehen über der Porta della Carta zwischen S. Marco und dem Dogenpalast. Nach den Bränden des 15. und 16. Jahrhunderts veranlasste Foscari den Bau der westlichen Teile des Dogenpalastes, und für den Bau der Familienresidenz am Canal Grande verpflichtete er den gleichen Architekten: Bartolomeo Buon.
FF war der Doge mit der längsten Amtszeit, und er war der Doge der wirklich harten Zeiten. 
Während seiner ganzen Amtszeit kämpfte er mit der Konkurrenz der Familie Loredan, deren Mitglied Pietro Loredan bei der Dogenwahl gegen ihn verloren hatte. 
Die wiederholten langen Kriege auf dem Festland (mit Akteuren wie dem Heerführer Carmagnola) wurden finanziert durch ziemlich gewaltsame Steuern und Zwangsanleihen, trotzdem geriet das Staatsbudget zunehmend außer Kontrolle. Der Senat stellte fest, dass es vom wirtschaftlichen Standpunkt nicht mehr "um Ruhm und Würde, sondern um Existenz und Freiheit" der Republik ging.
Nicht zu verhindern war trotz aller Bemühungen der politische wie wirtschaftliche GAU, der Fall Konstantinopels 1453, der ganz Europa erschütterte. Die Folgen für Venedig stelle ich mir ähnlich vor wie Wirtschaftskrisen der letzten Jahre: Handelsketten und Banken brachen zusammen, der gesamte Handel inkl. Zinswesen etc. östlich Venedigs musste neu aufgebaut werden, eine Flüchtlingswelle von Kaufleuten, Handwerkern, aber auch griechischen Intellektuellen und Künstlern rollte an und musste integriert werden. 


Große Aula, gestaltet von Carlo Scarpa

Das Familiendrama der Foscari bewegte Venedig über Jahrzehnte: Verlust der ersten Ehefrau Maria Priuli und aller Kinder aus erster und zweiter Ehe mit Marina Nani, einige in den Pestepidemien, die auch die Reichen nicht verschonten. Das einzige überlebende Kind war der Sohn Iacopo. Der, mehrfach angeklagt wegen schlimmer Sachen wie u. a. Mord und Landesverrat, durch seinen Vater verbannt (werden musste) - wieder zurück genommen - erneut verbannt - wieder zurückgeholt - bei einer Verfahrenswiederaufnahme endlich freigesprochen wurde, allerdings erst kurze Zeit nach seinem frühen Tod in der letzten Verbannung auf der venezianischen Insel Candia (Kreta). Das Vater-Sohn-Drama wurde jenseits der Gerichtsakten erhalten in den Künsten durch Lord Byron, Giuseppe Verdi und diverse Maler, z. B. Delacroix, als "I due Foscari".  

Francesco Foscari lebte in seiner Dogenwohnung des Dogenpalastes, während sein Palazzo am Canal Grande auch außenpolitischen Zwecken diente, wie z. B. dem tagelangen Fest, das dem französischen Thronfolger Heinrich III auf seiner Reise von Polen nach Frankreich gegeben wurde (siehe auch Eintrag 'Nicht in Venedig unterwegs'). Eigens zu diesem Anlass wurden Umbaumaßnahmen im Palast durchgeführt. Bis zu Iacopos Tod hoffte der Vater wohl, sein Sohn würde eines Tages die Familientradition in der Ca' Foscari fortsetzen. Er selbst verbrachte, gebrochen und sterbend, nur die letzten 10 Tage seines Lebens dort, nach seiner durch den Rat der Zehn illegal erzwungenen Abdankung. Sein Grab ist erhalten in der rechten Wand der Apsis von S. Maria Gloriosa dei Frari. Das Leben Forscaris ist insgesamt eine hochspannende dramatische Geschichte, die sich nachzulesen lohnt (siehe Buchhinweise unten).

Die heutige Ca' Foscari ist innen baulich so verändert, dass man auch mit schönster Phantasie keine Idee von Foscaris Räumlichkeiten mehr hat. Aber immerhin ist ja die wunderbare Fassade an der Biegung des Canals erhalten, bis heute Zielpunkt der großen Ruderregatten.
Die Führung zeigt und erläutert (neben der Geschichte des Hauses) den Androne (mit Gang raus auf die kleine Terasse), die Restaurierungen des letzten Jahrhunderts und die Umbauten durch Carlo Scarpa, Besuch der Aula mit Gang raus auf den Balkon zum phantastischen Blick über den Canal Grande bis zum Rialto auf der einen Seite und zur Accademia auf der anderen.  


Sie bewegt sich auch in das Nachbargebäude Ca' Giustinian (in der Richard Wagner zweitweise wohnte und Teile des "Tristan" schrieb), was man aber wegen durchbrochener Wände gar nicht merkt.  Die Gebäude stehen so nah beieinander, das keine Hand dazwischen passt. Auch vom Innenhof der Ca' Foscari gibt es einen Durchbruch in den Innenhof der Ca'Giustinian mit Pozzo und sehr beeindruckender Aussentreppe in den piano nobile, der auch zur Führung gehört. 

Hinweise zur Führung Ca' Foscari
Man meldet sich telefonisch an, holt die bestellte Karte im Sekretariat (rechts neben dem Eingang) und wartet im Innenhof auf die Führungsfachkraft.


Balkonblick zum Rialto

Venedig und die Dogen: ein Buch, das ALLE venezianischen Dogen behandelt, auch Francesco Foscari und aus dieser Sicht interessante Aspekte zur venezianischen Geschichte liefert (die es ja aus verschiedensten Blickwinkeln gibt). Helmut Dumler ist Journalist. Ich habe sein Buch mit Gewinn und langeweilefrei gelesen.

 

The Likeness of Venice; ein Buch, das ausschließich den Dogen Francesco Foscari behandelt, wissenschaftlich recherchiert und sehr spannend geschrieben von Dennis Romano, der an der Syracuse University Kunst und Geschichte unterrichtet. Hochgelobt, ich lese es derzeit noch und empfehle es uneingeschränkt, es gibt keine Übersetzung aus dem Englischen.




 Blick auf die Biegung des Canal Grande am Wassertor der Ca' Foscari







10. November 2012

Tizians Haus


Die Werke des Malers Tiziano Vecellio sind überall in Venedig zu bewun-
dern, z. B. in der Ac-
cademia (z. B. sein "Tempel-
gang" und seine er-
greifende "Pietá"), im Dogenpalast und in vielen Kirchen (z. B. in der Jesuitenkirche an den Fondamente nove sein dramatisches "Martyrium San Lorenzos" oder in der Frarikirche seine "Assunta" und "Madonna des Hauses Pesaro").
Wenn man will, besucht man noch sein Grab in der Frarikirche, sehr pompös, aber sein Wohnhaus ist kein Ziel von Wallfahrten und kommt, im Gegensatz zu Tintorettos Wohnhaus, in Reiseführern nicht vor.
Hugh Douglas, dessen Buch 'Venice on Foot' von 1906 ich schon mal durch die Gassen folge, schreibt sogar "Als Tizian hier lebte, war zwischen dem Haus und der Lagune nur der Garten (weshalb die schöne Aussicht immer erwähnt wird), jetzt ist die Gegend ein Labyrinth von Slums, schwerlich einen Besuch wert." 



Tizians Gässchen, Richtung Norden, sein Haus rechts

Trotzdem geht es hier um dieses Haus. Denn die derzeitige Besitzerin, ein briti-
sches Ex-Model, findet Medienaufmerksamkeit für ihr Gejam-
mer, dass sie wegen der EU-Krise die 1,6 Millionen € (brutto 1,95 Mio.) nicht bekommt, die sie dafür haben möchte. 


Donnerschlag! Die Gegend ist zwar kein Slum-Labyrinth mehr sondern ein Wohnviertel, gespickt mit Handwerksbetrieben orientiert am nahen Friedhof (Grabsteine, Särge, Glaslampenschirme...). Aber es handelt sich um ein eher kleines Haus (150 qm) in einem Sackgässchen, mit Hintergärtchen (150 qm) ohne Aussicht auf die Lagune, geschweige denn die Alpen. Das wesentliche Verkaufs- bzw. Preisargument ist der berühmte Vorbesitzer. Eines der vielen Beispiele für den venezianischen Immobilien-Wahnwitz, scheint mir, und ich habe ein bisschen zu Tizians Haus recherchiert und auf der Seite der Universität Heidelberg einen Text dazu gefunden, der mir gefällt: 

Tizians Gässchen, Richtung Süden, Tizians Haus links





 


Tizians Heimwesen
(Growem J. A. und Cavalcaselle, G. B.: Tizian: Leben und Werke, Bd. 2, Leipzig 1877, S. 407 ff.)
Noch viele Jahre nach Tizian's Niederlassung in Venedig war der nordöstlichste Saum der Stadt spärlich angebaut. Wer damals eine Fahrt nach der Villenstadt Murano machte, fand beim Austritt aus dem Canalgewirr bei S. Apostoli, S. Canziano oder S. Giovanni e Paolo Landstreifen mit grünen Feldern bedeckt oder Sumpfstellen und Gartenanlagen. Der lange öde Quai der heutigen Fondamenta Nuova bestand noch nicht; wer in der Nähe von S. Maria de' Miracoli hauste, galt schon halbwegs als Landbewohner. Für den Freund malerischer und ungestörter Häuslichkeit hatten die nördlichen Lagunenufer Reiz genug. Hier lag die Wasserfläche offen und der Blick schweifte ungehindert nach Murano hinüber; dahinter erhoben sich über em Flachlande bei Mestre die Hügel von Ceneda, durch deren Sättel hindurch man die Cadoriner Alpen erblickte; hier gab es frisches Grün und Bäume, überhaupt einen ganz andern Zustand als zwischen den Palastwänden des grossen Canals oder in der kellerigen Dämmerung des Wassernetzes der Volksstadt.

Das Haus bei S. Samuele, welches Tizian in der Zeit von 1516 bis 1530 bewohnt hatte, lag im Herzen der Stadt, dicht am grossen Canal, gleich weit vom S. Marco und vom Rialto entfernt. Im Jahre 1531 gab er dieses Quartier auf und zog in den nordöstlichen Stadttheil. Der Miethsvertrag über die Wohnung, die noch heute existiert, war unterm 1. September abgeschlossen; die Lage derselben wird darin bezeichnet: in der Contrada oder  Pfarrei S. Canziano in Biri. Als das Haus im Jähre 1527 von dem Patrizier Alvise Polani  erbaut worden war, hiess es die „Casa Grande" und stand nicht hart an der Lagune, sondern durch Gärten davon getrennt, das Erdgeschoss war an verschiedene Pächter abgegeben, die ihren besonderen Eingang hatten, in das obere Stockwerk, welches aus einem grossen Wohnraum und etlichen kleineren bestand und eine Terrassen-Loggia hatte, gelangte man mittelst einer Treppe vom Garten her. Man begreift wohl, dass sich Tizian hier, wo ihn bei klarem Morgenlicht die Berge seiner Heimath grüssten und wo der Lärm des Hafens und des Marktes nicht hindrang, behaglich fühlte. Nachdem er den ersten Miethsvertrag wiederholt  erneuert, pachtete er 1536 die ganze Casa Grande und erwarb endlich im Jahre 1549 das gesammte Grundstück, das sie einschloss. (...)  Wir wissen, dass Tizian im Lauf der Jahre seine Heimstätte sehr verschönerte und den Garten an der Wasserseite ausbaute, sodass dort ein traulicher Winkel entstand, wo gute Gesellschaft gern verkehrte und gern gesehen war.


Wer heute das Haus Tizian's besuchen will, stösst auf erhebliche Schwierigkeiten. Noch vor etlichen Jahren war es zugänglich. Die Verfasser haben es eingehend geprüft, obgleich es schon damals unmöglich war, die ursprüngliche Eintheilung der Räume sich klar zu machen, da ihr Aussehen durch Zwischenwände und Uebertünchungen verändert ist. Die Freitreppe vom Garten her sowie der Altan sind abgetragen und das Haus, das ehedem einzeln dastand, verschwindet alhnälig in dem öden Einerlei der Strassenzeile. Wir fanden bei dem Eintritt durch die ehemalige Loggienthür eine Innentreppe, die zu dem einst von Tizian bewohnten Geschoss hinanführt. Das sehr grosse Hauptzimmer war an der Nordseite in mehrere kleine Räume getheilt. Der Blick auf Murano ist jetzt nur noch durch die Calle Colombina offen.

Auch Gilbert gibt in seinem Buche über Cadore eine sehr melancholische Auskunft über das Tusculum Tizian's: „Wenn der Gondelführer den Theil der Pfarrei von S. Canziano, der Bin heisst, mit Mühe gefunden hat und endlich sogar in das Stückchen von Biri eingedrungen ist, welches den Namen Campo Tiziano führt, steht man in einem engen Gehöft, welches an der einen Seite von einer Reihe neuer Häuschen begrenzt wird  und dessen Abschluss ein Gartenthor mit der Nummer 5526 bildet. Wem  es gelingt, dort einzudringen, der thue es nur; wenn nicht, dann möge er sich an den gefälligen Handwerker wenden, welchen ich in einem der grossen die Gartenmauer überragenden Hause fand.

Aber der Blick aus der Wohnung dieses Mannes beweist nur, dass von alle dem, was Tizian ehemals um sich sah, fast nichts mehr vorhanden ist. Nur das steinerne Gesims existiert noch, das rund um das eigentliche Haus und längs der ganzen Flucht der Nachbarhäuser hinlaufend uns andeutet, dass dieser Complex ehemals eine einzige Behausung gewesen ist, in deren oberem Stocke sich das geräumige Atelier des Meisters  befand. Seit jener Zeit aber ist der Ausblick, den man damals über Land und Wasser hatte, erbarmungslos  durch Neubauten verbarrikadiert, zu denen auch die Wohnung jenes Handwerkers gehört, die zwischen dem Garten und dem Strand sich erhebt, wahrscheinlich also einen grossen Theil von Tizian's Gartenanlage bedeckt, die den Beschreibungen nach sehr ausgedehnt gewesen sein muss, da sie nachweislich bis an's Wasser reichte.
Der Weg zu Tizian's Hause fuhrt jetzt von der Kirche S. Canziano durch die Calle Widman zum Campo  Rotto.


Oder: von der Haltestelle Fondamente nove in die Calle dei Buranelli, weiter geradeaus in die Calle del fumo, rechts in die Calle del volto, rechts in die Corte della Carità, links vorbei an der winzigen Osteria alla Frasca und geradeaus auf den Campo Tiziano. Alles winzige Gassen, z. T. nur ein paar Meter. 
(Das A auf Karte bezeichnet genau Tizians Haus)


Größere Kartenansicht

Nachtrag 2.9.2018
Im Ergeschoss des Hauses befinden sich heute die Werkstätten von Mario Berta Battiloro, einer er letzten Vertreter der Zunft der Goldschläger. Mit Terminvereinbarung zu besuchen.  Siehe auch Mario Berta Battiloro unter den Tipps zu den venezianischen Handwerker*innen und Kunsthandwerker*Innen und den Eintrag "Ganzkörperfoto auf Goldgrund?" vom 2.6.2017.


.

14. Oktober 2012

La testa di Carmagnola - Carmagnolas Kopf

So nennt ihn der Volksmund seit dem 15. Jahrhundert. Wieder eine dieser venezianischen Mischungen von Geschichte und Geschichten. Wunderbar.

Ein kleiner dunkler Fleck unterhalb der Fahnenstange auf der Balustrade: Carmagnolas Kopf

1. Der Kopf:
Sitzt oben auf der Südwest-
ecke der Balustrade von San Marco, gegenüber dem Campa-
nile. So hoch, dass man ihn von unten nicht wahrnimmt, es sei denn, man weiß, er ist da. Ob man ihn von oben wahrnimmt, weiß ich nicht, ich war nur einmal vor Jahren auf dieser Terasse und so hin und weg von der Aussicht und der wunderbaren Quadriga (ihrer Nachbildung, aber eben ganz nah!), dass ich diesen roten Hinterkopf links auf der Ecke ganz sicher nicht mitbekommen habe. Und selbst wenn man ihn tätscheln würde: ein Kopf halt, lebensgroß, Porphyr. Stichwort Porphyr: führt zu 3., aber erst mal folgt



2. Carmagnola
eigentlich Franceso Bussone, genannt Carmagnola, war einer der Söldnerführer des 15. Jahrhunderts, die für Venedig die Landkriege erledigten, denn die Serenissima Repubblica besass kein stehendes Heer. Historische Details stehen im Wikipediaeintrag.

Gentile Bellini: Die Prozession auf dem Markusplatz, 1496, Detail. Pfeile: Oben rechts von der roten Figur, unterhalb der orangefarbenen Dekoration der Porta della carta, ein kleiner rotbrauner Kopf: der Porphyrkopf. (Notfalls Lupe nehmen, dann ist er eindeutig zu erkennen. Unten die pietra del bando.

Erfolgreich genug als Mann des Krieges leistete er sich anscheindend den Luxus oder die Dummheit, Loyalitäten nicht klar zu setzen und damit Vertrauen zu verspielen. Da niemand seine Fähigkeiten unterschätzte, lud man ihn zu einem vorgeblichen Palaver nach Venedig ein und, wie ich irgendwo las, führte man ihn im Dogenpalast mittels Schließen von Türen und Postieren von Wachen immer weiter bis in einen Raum aus dem es kein Entkommen mehr gab. Verhör, Geständnis, Gerichtsverhandlung, Urteil und Vollstreckung erfolgten blitzschnell. 
Ehe die VenezianerInnen noch recht wussten was warum passierte, lag sein Kopf schon ausgestellt auf der "pietra del bando", dem Stein (aus ebenfalls Porphyr) an der Südwestecke von San Marco, der eigentlich der Verkündung von Regierungsnachrichten diente (immer noch da, hinter der Absperrung die die Basilika umgibt). Alle abgeschlagenen Köpfe wurden dort drei Tage und drei Nächte zur Abschreckung ausgestellt (wie die Viergeteilten an den Haken an der Fährstation bei S. Canciano und bei den Tolentini). 
Carmagnolas Kopf wurde wieder abgeräumt, aber seine Schuld blieb in der Diskussion, wurde nie bewiesen, die Anklage war falsch, die Strafe unverdient. Eines der nie eingeräumten Fehlurteile der venezianischen Justiz, gegenüber sehr wenigen öffentlich bekannten.
Und die Projektion des justizirrtümlich hingerichteten Carmagnola wanderte von der pietra del bando geraus nach oben auf die darüber liegende Brüstung zum Porphyrkopf, der dort schon seit längerer Zeit angebracht und passend rot war, die Legende von Carmagnolas Kopf entstand.

3. Porphyr - der Stein der Kaiser
Der Kopf stammt, genau wie die Porphyr-Skulptur der Tetrarchen und viele weitere Schätze in und um San Marco, von der Plünderung Konstantino-pels 1204. Porphyr wurde im byzantini-
schen Kaiserreich, also Ostrom, fast ausschließlich für die Darstellung von KaiserInnen verwendet (Kinder byzantinischer Herrscher wurden als porphyrgeboren bezeichnet). Bei der Identifizierung des Kopfes war die Steinart der wichtigste Hinweis, nach einigem wissenschaftli-
chen Hin und Her im 20. Jahrhundert hat man sich darauf geeinigt, dass er Kaiser Justinian I darstellt. Vor allem Vergleiche mit Münzen und Mosaiken in Ravenna, die Justinian I zeigen, führten zu dieser Auffasung. Ausserdem glaubt man, dass er aus dem Philadelphion in Konstantinopel stammt, wie die Tetrachen eine Etage tiefer.



Wenn sich jetzt jemand, wie ich, fragt, ob das französische Revolutionslied 'La Carmagnole' ("...es lebe der Ton der Kanon...") etwas mit Carmagnola zu tun hat: Nein. 
Nicht alles ist mit allem verbunden.


Museum San Marco
Alessandro Manzoni: Il conte di Carmagnola; Trauerspiel 




23. Dezember 2011

Eine seltsame traurige wahre Geschichte


Auf Matteo Lovat trifft man auf San Servolo, während der Führung durch das Museo del Manicomio, der ehemaligen 'Irrenanstalt', der Psychiatrie für Männer. Er wird vorgestellt als "der berühmteste Patient", der, der sich selbst gekreuzigt hat.

Der Besuch des Museums hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Methoden der Behandlung, die Vitrinen voller Gerätschaften mit
denen sie ausgeführt wurden, und die Gesichter der Kranken, stark vergrößerte Portraitfotos, denen man sich nicht entziehen kann - im Gedächtnis haftet der Name Matteo Lovat und wird gegoogelt.

Es findet sich ein kleines Buch, keine 40 Seiten, der Bericht des venezianisch
en Arztes Dr. Cesare Ruggieri an zwei Kollegen, den Deutschen Dr. J. D. F. Scherf und den Niederländer David van Gesscher, als Faksimile, ursprünglich geschrieben auf französisch, übersetzt von Julius Heinrich Gottlieb Schlegel und veröffentlicht in Rudolstadt 1807.
Calle della Vida, kleinste Gasse, die von der Vaporettostation Fondamente Nove nach Cannaregio hinein führt, in den Ortsteil Biri

Dr. Ruggieri war zufällig in der Nähe der Calle delle muneghe, als Matteo Lovat, 47 Jahre alt, sich dort im Frühsommer 1805 selbst kreuzigte und traf nach dessen Notversorgung durch einen Wundarzt (Fußbad, herzstärken-
des Mitte
l) bei ihm ein, fand ihn im Schock und kaum kommunikationsfähig und ließ ihn (mit Genehmigung der anwesenden Polizeidirektors von Cannaregio) von S. Alvise ins Hospital SS. Giovanni e Paolo rudern.
Dr. Ruggieri war der Leiter der kaiserlichen klinischen Schule, die Behandlung Matteo Lovats bestand aus Pflege der Wunden, Diät, Versorgung mit Medikamenten, Gesprächen. Neben der psychischen Disposition vermutete Dr. Ruggieri, dass Matteo Lovat an
Pellagra litt.

Calle della Vida, wo Matteo Lovat zur Untermiete lebte. Die Häusernummerierung hat sich seit 1802 geändert, die Identifizierung des Hauses (für mich) nicht möglich

Dr. Ruggieri berichtet durchaus sensibel die Vorgeschichte Matteo Lovats, der den Wunsch hatte Priester zu werden, Schuhmacher wurde und trotz (oder wegen?) Fleißes, Anpassung und Frömmigkeit in die Katastrophe steuerte: im Juli 1802 "nahm er an sich mittels eines scharfen Schuhmacherinstruments eine allgemeine gänzliche Amputation der Zeugungstheile vor und warf alle Theile, derer er sich eben beraubt hatte, zum Fenster hinaus auf die Straße".
Dr. Ruggieri reflektiert die Ursachen dieser Tat und bewundert, wie umsichtig Matteo Lovat die Wundversorgung vorbereitete, durchführte und so unerwartet schnell völlig heilte, während er gleichzeitig in seinem Dorf, Casale, Ortsgespräch war und blieb und letztlich zu Gespött der Dörfler wurde.

Ort des ersten Selbst-
kreuzigungs-
versuches, Calle delle croce (heute venezianisch 'de le tre crose')


Weshalb er im Novemver 1802 nach Venedig zog, eine Anstellung bei einem Schuster neben dem Ospedaletto (hinter SS. Giovanni e Paolo) fand und bei der Witwe Osgualda in Cannaregio in der Calle della vida 5775 (Quergasse an der Vaporettostation Fondamente Nove) wohnte. Im September 1803 wurde er von Nachbarn eine Gasse weiter, der Calle delle croce, beim ersten Kreuzigungsversuch mitten auf der Gasse gestoppt und wechselte daraufhin Wohnung (bei S. Alvise, Calle delle muneghe 2888) und Arbeitgeber (am Rio della sensa). Dort lebte und arbeitete er unauffällig und bereitete seine nächste Kreuzigung vor.


Zeichnung T. Mattani, Stich G. Rosaspina, dem Buch entnommen mit freundlicher Genehmigung des Verlags Belleville

Dr. Ruggieri beschreibt das komplizierte Vorgehen in allen Details; die Kreuzigung selbst, die Verhütung von Aufmerksamkeit damit keine Helfer eingreifen, und schließlich die Präsentation, indem der Gekreuzigte sich durch ruckartige Bewegungen und mit Hilfe eines Seils und seines eigenen Gewichtes aus seinem Fenster gleiten ließ und sich der Nachbarschaft zeigte.

Matteo Lovats Wunden heilten schnell im Hospital SS. Giovanni e Paolo, aber er blieb krank, schlafgestört, litt an Schmerzen und Bewusstseinsstörungen, und Dr. Ruggieri konnte in Gesprächen den Hintergrund der Selbstkreuzigung nicht klären. Er berichtet seinen Kollegen ausführlich über die Therapie Matteo Lovats und über seine Kenntnisse und Erfahrungen in der Behandlung ähnlicher Krankheiten, er scheint ein erfahrener Arzt und einfühlsamer Mensch gewesen zu sein.


Klosterkirche San Servolo

Matteo Lovat wurde per Entscheid der "Poli-
zeigeneral-
direktion" im August 1805 in das "Hospital für Wahn-
sinnige" nach San Servolo gebracht, nachdem er sein Ausgeh-
verbot zu brechen vers
uchte durch Nahrungsverweigerung und Verlassen des Hospitals im Hemd. Der Bericht Dr. Ruggieris wird ergänzt durch den Bericht des Ordensgeistlichen & Arztes auf San Servolo, R. P. Louis Portalupi.

Calle delle muneghe, zwischen Fondamenta della Sensa und Rio di S. Alvise, in der Matteo Lovat seine Selbstkreuzigung vollzog

Matteo Lovat starb am 8. April 1806 auf San Servolo. Die gut sieben Monate bis zu seinem Tod müssen ein Martyrium gewesen sein von Nahrungs- und Flüssigkeits-
verweigerung und Zwangsernährung (per Klistier), verschie-
denen schweren Erkrankungen der Atemwege, Schwellungen von Gesicht und Gliedmaßen, freiwilligen extremen Sonnenexpositionen bis zu Hautverbrennungen, die gewaltsam unterbunden wurden.

  Dr. Ruggieri zieht in seinem medizinischen Bericht den Schluss, dass man "Matteo Lovats Wahnsinn ganz von der Gattung Manie ableiten kann, wo der Kranke stets nur eine einzige fixe Idee, höchstens nur für sehr wenige Gegenstände Sinn hat und von Kühnheit in den Unternehmungen des Willens begleitet wird, welche Mich. Ettmüller mit Delirium melancholicum mit der Benennung 'Mania cum studio' bezeichnete".



'Selbstkreuzigung. Der Fall Matteo Lovat' kann nur noch im Verlag Belleville bei Michael Farin bestellt werden unter http://www.belleville-verlag.de/scripts/start.php


.

2. Dezember 2011

Haus zu verkaufen am Canal Grande

Treppe im Androne zum 1. Mezzanin rechts und links

Zu überbieten sind derzeit 40 Millionen € + Fertigstellung begon-
nener Restauration + laufende Erhaltung... es geht um die Ca' Corner della Regina.

Das ist wohlgemerkt nicht der Palast von
Caterina Corner, der Königin von Cypern und Armenien im 15. Jahr-
hundert, sondern ein größerer Nachfolgebau des 18. Jahrhunderts über den Grundmauern des Gebäudes, indem Caterina geboren wurde.


Caterina Corner nimmt in der Geschichte Venedigs und Zyperns eine Schlüsselposition ein. Trotzdem war sie aus heutiger Sicht, mit Zwangsverheiratung als Straftatbestand, vermutlich ein armes reiches Mädchen.
Und wer zu Verschwörungstheorien neigt, sieht in ihr vielleicht eine tragische Figur, deren kleine
r Sohn und sein Vater keine Überlebenschance hatten. Denn beider Tod war die Voraussetzung, dass das Königreich Zypern, das wirtschaftlich (Zuckerrohr) und militärisch (zwischen dem osmanischen Reich und dem venezianischen Königreich Candia = Kreta liegend) unverzichtbar war, als venezianisches Königreich den Kolonien im östlichen Mittelmeer hinzugefügt werden konnte.

Die Wände des mittleren Saals (Portego) des 1. Piano nobile sind komplett mit Darstellungen aus dem Leben Caterina Cornaros gestaltet

Die Hintergründe deuten also mehr auf Staatraison, und trotzdem ist Caterina Opfer der romantischen Wahrnehmung geworden dank künstlerischer Darstellungen quer durch Literatur, Musik, Malerei. Z. B. Gaetano Donizetti: Caterina Cornaro (kostenlos hören).
Aber Caterina ist eine andere Geschichte, jetzt geht es um das Haus, das ihre Verwandtschaft 160 Jahre nach ihrem Tod bauen ließ, Ca' Corner della Regina. Ich hatte im Juni das Glück den Palazzo von innen zu sehen anläßlich einer Ausstellung der Fondazione Prada während der 54. Biennale und habe darüber berichtet ("Hütten und Paläste").
Portego des 1. Piano nobile, rückwärtige Schmalseite zum kleinen Innenhof

Die Ausstellung wurde am 2.10.2011 geschlossen und am 21.11. machte die Fondazione Prada über die zum Konzern gehörende Firma Petranera s.r.l. das Kaufangebot von 40 Millionen €.
Ich vermute, dass die öffentliche Ausschrei-
bung, Abgabetermin 20.12. mittags, eine formale Angelegenheit und der Verkauf an
Prada zum Jahresende eine festgeklopfte Sache ist; man wohl auch kein weiteres ernsthaftes Angebot erwartet. Ich finde diese bürokratische Prozedur hochinteressant und bin gespannt, wie es weitergeht.
Denn vor kurzem haben wir ja schon einen anderen Verkauf am Canal Grande erleben dürfen, der des Fondaco dei Tedeschi, mit dem Ergebnis, dass aus den hochfliegenden Plänen bisher wohl nix geworden ist und das Gebäude ungenutzt und verrammelt neben der Rialtobrücke steht.

Deckenschmuck in einem Nebenraum des 1. Piano nobile

Wenn die Ca' Corner della Regina an Prada verkauft wird, kann man sicher auch künftig mit Ausstellungen und Besuchsmöglichkeiten rechnen. Das ist bei letzten zum Verkauf stehenden Palazzo, den ich anläßlich der Biennale 2007 besuchen konnte, nicht der Fall: Palazzo Soranzo van Axel, der nach seiner derzeitigen Umgestaltung in Eigentumswohnungen der Spitzenklasse ("...a wonderful home for discerning people wanting the full Venetian experience..." sagt der Verkäufer Sotheby's) nicht mehr zugänglich sein wird.




Detaillierte Verkaufsausschreibung (Avviso di vendita)
und
technische Dokumentation (documentazione tecnica) mit Plänen und Fotos

als PDF-Links am Ende der Veröffentlichung


Noch nicht fertiggestellte Restaurierung im 1. Mezzanin (Zwischengeschoss)

31. Januar 2011

Luigi Nono - 50 Jahre 'Intolleranza 1960'

Hintereingang des Fenice



Zur Erinnerung an die Uraufführung von
Luigi Nonos Oper 'Intolleranza 1960' im Jahr 1961 gibt das Opernhaus La Fenice zur Zeit, noch bis 5. Februar, eine Wiederaufführung.

Hinweise und Kartenbestellung La Fenice
Luigi Nono al Teatro La Fenice



Eingang des Luigi Nono Archivs im Komplex SS. Cosma e Damiano auf der Giudecca


Zum gleichen Thema findet eine Ausstellung des Luigi Nono Archivs statt, bis 3. April, aber nicht in den Räumen des Archivs auf der Giudecca, sondern im Studio von Emilio Vedova, dem Ausstel-
lungsraum der Stiftung Vedova
an den Zattere, in der Nähe der Salute.
Vedova war der Bühnenbildner der Uraufführung 1961.

Hinweise zur Ausstellung



Besten Dank an Jutta für den noreply-Hinweis!




.

31. Dezember 2010

Zephir



Zum Jahresende
Wind und und für das neue Jahr Leichtigkeit und Harmonie






von Claudio Monteverdi


.

28. März 2009

Koloniale Mitbringsel 2 - die Mesopandítissa in Santa Maria della Salute


Venedigs zweite "nicht von (Menschen-)
hand gemachte", sprich "vom Hl. Lukas gemach-
te", ist die
Mesopandítissa in der Salute Kirche.

Sie ist nicht "schwarz", wie gerne behauptet wird, sondern einfach alt, wie auch die Nikopió in San Marco (siehe vorherigen Eintrag).
Auch sie stammt ursprünglich aus Konstantinoupolis und wurde während des Bilderstreits und vor der Eroberung der Stadt durch die Kreuzfahrer nach Kreta, damals Chandaka, gerettet. Sie wurde dort, wie die Odigítria in Konstantinoupolis, die zentral verehrte Ikone und hatte ihren Sitz in der Hauptkirche Agios Titus, in Wohngemeinschaft mit den Reliquien eben dieses Heiligen.


Ihr Name ist nicht so sinnfällig wie der der Nikopió/Siegbringerin. Im Prinzip tragen viele orthodoxe Marienikonen einen persönlichen Namen wie du und ich, und die, die keinen Eigennamen haben, gehören zu einer inhaltlichen "Gattung", der man sie zuordnen kann. (Die Mesopandítissa ist eine Odigítria, eine Wegweiserin.) Auf der Website der Pfarrgemeinde im heutigen Iraklion, zu der sie ursprünglich gehörte, wird der Name pragmatisch definiert als "Die zwischen Lichtmess und Fastenbeginn (ihren Feiertag hat)". Älter ist die Übertragung "Die zwischen den Parteien Vermittelnde, die Mediatorin". Die Wunderwirkung der Ikone der Mesopandítissa liegt nicht im Militärischen , wie die der Nikopió, sondern in der Aussöhnung Verfeindeter, mit legendären Belegen.
Besonders während des heiklen Agios-Minas-Aufstandes 1264 der anfänglich permanent gegen die venezianische Kolonisierung rebellierenden Kreter kam es zum Friedensschluss durch die aktive Intervention der Ikone.


Die Venezianer übernahmen die Verehrung der Kreter für die Ikone, deren dienstägliche und feiertägliche Prozessionen (die den Riten in Konstantinopel entsprachen) ausgedehnt wurden. Die Ikone wurde nicht mehr nur zwischen den orthodoxen Kirchen paradiert, sondern vor allem auch zu den lateinischen Kirchen und Klöstern innerhalb der Befestigungsmauern der Hauptstadt Candia.
Zur Teilnahme verpflichtet war nicht nur die Bevölkerung, sondern auch der orthodoxe und der lateinische Klerus (letzterer sogar bei Strafandrohung). Die Prozession der Ikone wurde so zum wöchentlichen Hauptevent in Candia und wichtigen sozialen und religiösen Bindeglied zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen Venezianer - Kreter. Die Mesopandítissa spielte sozusagen die Rolle der Garantin kolonialen Friedens und Harmonie auf der Insel Candia.


Als die Venezianer unter Francesco Morosini (siehe auch Eintrag vom 20.4.2008) nach langer Belagerung durch die Osmanen Candia 1669 aufgeben mussten und die Insel damit komplett in Feindeshände fiel, wurde die Mesopandítissa neben Menschen, Archiven und anderen Werten als Bestandteil des kolonialen Erbes nach Venedig gerettet. Ihre neue Kirche wartete bereits, Santa Maria della Salute.
Sie blieb und bleibt in Venedig, als Versicherung gegen die Pest, während die ebenfalls "geretteten" Reliquien des Hl. Titus immerhin 1966 zurück reisen durften.

Die Ikone wird, wie die Nikopió von San Marco, nicht mehr herumgeschleppt. Statt dessen kommt jährlich am 21. November die ganze Stadt - Bevölkerung, Honorationen, Ruderclubs, der Patriarch... zu Besuch, man hängt ihr ihren gesamten Gold- und Silberschmuck um, eine Brücke wird für drei Tage über den Canal Grande gebaut. (Siehe auch Eintrag vom 12.1.2008).

Ein verbindendes Fest,
ein ziemlicher Rummel. Aber vielleicht war das nicht viel anders, früher auf Kreta.


.