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30. Dezember 2018

Neueste Führung für Fortgeschrittene - postindustrielle Giudecca

Residenza Universitaria Junghans

Die postindustrielle Giudecca ist kein Thema, das jede*n (romantische*n) Venedigfreund*in aus dem Sessel reißt. Trotzdem -  die Angebote von IVESER (Venezianisches Institut für die Geschichte des Widerstands und die Gegenwartsgesellschaft) bieten als einzige Zugang zu Themen der jüngeren Geschichte Venedigs und müssen deshalb genutzt werden, aus meiner Sicht.
Die Führung "Nach den Fabriken. Spaziergang zu den postindustriellen Stätten der Giudecca" im September 2018 war herausragend in Qualität und Informationsgehalt, mit einem tollen Konzept. Das nämlich bestand in einem Exkursionsführer (Historiker), der themenübergreifend für den Eingangsvortrag und die Begleitung der Gruppe zuständig war, plus Fachleuten, die an jeder Station des Spaziergangs dazukamen: ex-Arbeiter, ein Unternehmer und eine Angestellte, ehemalige und derzeitige Bewohner*innen. Die meisten gingen nach ihrem Vortrag weiter mit und man konnten so während des 3,5stündigen (!) Spaziergangs vom Westen bis fast zum Ostende der Giudecca vertiefende Gespräche mit ihnen führen.

Wie schon unter dem Link oben zu sehen, war das Programm, von dem ich berichte (aber das ich nicht referiere, das Führungserlebnis kann ein kleiner Bericht nicht ersetzen)

1. Molino Stucky
2. Fabbrica della birra
3. Herion / Cosma e Damiano
4. Junghans
5. Cnomv
6. Ville Hériot


und startete also an der ehemaligen Stucky-Mühle und Nudelfabrik (Film steht leider nicht mehr in der ARTE-Mediathek). 
Ein dominantes Industriedenkmal, das (aus meiner Sicht: unpassend, zu groß, zu nordisch) in Venedig steht, aber nun mal dazugehört; in dem das Hilton seinen Sitz hat, das ich nicht verlinke (wer die Cookies will, kann sie selber laden). Den Brand des im Bau befindlichen Hoteltraktes habe ich am 15.4.2003, zufällig bei Nico auf der Terrasse ein Eis essend, staunend miterlebt: erst kleine, dann riesige Rauchschwaden aber kaum Flammen, stundenlange Löscharbeiten der venezianischen Wasserpolizei und mehrerer Hubschrauber, Sperrung des Canale della Giudecca. Danach hatten sich praktischerweise die Denkmalschutzauflagen für das Hilton erledigt und man konnte sozusagen bauen, wie man gewollt hatte. 


Stucky / Hilton

Der Einführungsvortrag vor dem Hotelportal wurde zeitweise akustisch überlagert von US-Gästen, die sich mit massigen Rollkoffern und hemmungsloser Lautstärke am Hotel in Wassertaxis einschifften, auf dem Weg zum Hafen zur ihrer "Kreuzfahrt". Löblich, kein Vaporetto zu benutzen! 

Auftritt der ersten lokalen Führerin, eine sehr professionelle Hilton-Öffentlichkeitsarbeiterin, die uns, vorbei an wenigen sichtbaren Resten der Fabrik - großen Metallspolien in der Wand auf dem Weg zu den Fahrstühlen - aufs Dach führte: Dachbar mit Swimmingpool hinter dem Turmgiebel, Blick auf Venedig! Und auf den Hafen. Wer hier vor oder nach seiner "Kreuzfahrt" übernachtet, bekommt einen gerechten Anteil der Brennstoffemissionen der Grandi Navi ab. Danach interessante Darstellung der Stucky-Geschichte, aus Sicht des Hilton, während eines langen Marsches vorbei an Frühstücks- und Speisesäälen, durch Flure des Hotels und sogar die für Gäste nicht zugelassene Verwaltungsabteilung, durch einen kolossalen Doppelballsaal (bescheiden im Format dagegen der napoleonische Ballsaal an der Piazza) und den Innenhof mit der Büste des Firmengründers Giovanni Stucky. Insgesamt ein Einblick, der deutlich über die Erfahrungen von Hilton-Gästen hinausgehen dürfte.


Stucky, Kreuzfahrthafen

2: Etappe: ehemalige Bierbrauerei, direkt neben dem Stucky und von ähnlicher Optik, da gleicher Architekt. Hier übernahm die Führung ein alter, sehr rüstiger fröhlicher Kommunist, Sohn eines Brauereiarbeiters und einer Brauereiarbeiterin, der mit beeindruckender Eloquenz und Detailkenntnis über die Vergangenheit: Arbeit, Arbeitsorganisation, Arbeitskämpfe und auch Nachbarschaft der in Fabrikswohnungen auf dem Gelände lebenden Arbeiter*innen berichtete. Er hat sein ganzes Leben in dieser Nachbarschaft verbracht und führte auch durch die Sozialsiedlung mit 44 Wohnungen, die die Stadt Venedig 1985-91 in leerstehenden Fabrikbauten und ehemaligen Wohnungen realisierte. 


Ex-Brauerei

Das große Kulturzentrum war (Samstagvormittag und keine aktuelle Nutzung als Biennale-Ausstellungsräume) geschlossen. Die Ausstellungsräume befinden sich in hohen fensterlosen, ein bisschen muffigen Hallen der ehemaligen Brauerei und sind nur für Film- oder sonstige Lichtprojektionen geeignet. Oder bei der diesjährigen Biennale für den Cruising Pavilion. In der Nachbarschaft außerhalb einer Führung herumzulaufen ist möglich, wenn auch die Rücksicht auf die Bewohner*innen das nicht rät, aber ein Besuch der Ausstellungsräume ist vielleicht zur Kunstbiennale ab Mai im Angebot. Dieser Besuch zur Geschichte der Brauerei jedenfalls  war ein Gewinn, vor allem durch die engagierte Persönlichkeit des Führers. 


Ex-Brauerei,
ein letztes Foto vergangenen venezianischen Decors

3. Etappe: ehemalige Herion-Fabrik in der ex-Kirche Cosmas e Damiano + Kultur- und Wohnzentrum im Gebäudekomplex. 
Begleiter in der Kirche war der Geschäftsführer von Serendpt (auszusprechen wie serendipity = engl.: unerwartete, glückliche Entdeckung). Das ist ein Zusammenschluss von Forschungsprojekten und Startups in ganz Venedig, der nach verschiedenen industriellen Nutzungen der Kirche als Produktionsstätte von Herion jetzt seinen Sitz hier hat.



*
Kleines Ausstattungsdetail
in der Apsis S. Cosmas e Damiano - gibt zu denken!

Wow. Das war eine Überraschung. Es gibt alte Fotos von Arbeiterinnen an Webstühlen der ehemaligen Herion-Weberei auf mehreren Zwischenetagen, auf denen nicht mehr zu erkennen ist, dass es sich bei den Räumen und ein Kirchenschiff handelt. Jetzt sind die wenigen erhaltenen Reste der Kirchenausstattung und die überlebenden Fresken restauriert und schmücken die Apsis. Das Kirchenschiff wurde mit Glaswänden (ähnlich wie in der Tesa 105 des Arsenale) in Büroräume/Arbeitsplätze untergliedert, die von allen Seiten einsehbar sind. Weitere Räume gibt es im Pfarrhaus hinter der Kirche. Das Projekt startete klein bereits vor 30 Jahren, ist in Erweiterung begriffen (hier auf englisch) und man ist interessiert, weitere Startups zu integrieren und hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen. Ein beeindruckender "Arbeitgeber" und ein ermutigendes Projekt jenseits touristischer Dienstleistungen, von dem man Venedig mehr wünscht. 





 Im wunderschönen Kreuzgang im Schatten der Kirche Cosmas und Damian trat der nächste Führer an, der über die Entwicklung des ehemaligen Klostergebäudekomplexes, in städtischem Besitz seit den 90er Jahren, berichtete. Die Gruppe konnte (endlich mal) zwischen den Säulen des Kreuzgangs entspannt Platz nehmen und war ganz Ohr beim Vortrag, aber visuell sehr abgelenkt von einem zärtlichen felinen Paar, das hinter dem Vortragenden miteinander beschäftigt war. Der arme Referent hatte bereits einen Teil seiner Fassung verloren, weil die ganze Gruppe entzückt mit den Kameras in seine Richtung zielte, dreht sich dann aber zum Glück mal kurz um...!


Wie man schon auf der Karte sehen kann: eine Galerie, Ausstellungsräume (auch regelmäßig Biennale, und nicht nur Nebenevents) in der Sala del Camino, darüberhinaus 12 Kunsthandwerker*innenateliers und -werkstätten, eine Theaterwerkstatt und, wichtig, das Archiv Luigi Nono. Es wurden 24 Sozialwohnungen eingebaut, zu denen auch die Nutzung des großen Gartens gehört, den man vom Kreuzgang aus erreichen kann (deshalb die Verlinkung auf Googlemaps oben, um das große Grüngelände zu zeigen). 



Die nächste der 6 Stationen der postindustriellen Wanderung war der große ehemalige Junghans-Komplex. Die Brüder Herion (siehe oben, Cosmas und Damian) gründeten 1878 die erste Produktion von Präzisionsmechanik, in die die deutsche Uhrenfirma einstieg.
Hier trat auf ein echter ehemaliger Junghans-Arbeiter, um nicht zu sagen Malocher, der hier seine Berufsausbildung und dann ein ganzes Arbeitsleben absolvierte. Der Mann erinnert sich an alles und erzählt, wie alle anderen bisher, frei und ohne Spickzettel, vom Arbeitsalltag, den Kollegen, der miterlebten Firmengeschichte und der Schließung, und von dramatischen und witzigen Details. Und lässt Historisches wie die Phase der Kriegsproduktion von Spezialuhren für Zünder und ähnlicher Dinge nicht aus. 
Wir ziehen durch das ehemalige Firmengelände, auch hier wohnten neben den Produktionsstätten die Arbeiter*innen und Angestellten. Einige ältere Wohnpalazzi, also Mietwohnungshäuser, sind erhalten, aber nach dem langen  Niedergang des Komplexes wurde hier zum Jahrtausendwechsel das moderne "Quartiere Junghans" gebaut. (Siehe dazu 2 deutschsprachige Artikel: "Wo wohnen eigentlich die Venezianer?", Berliner Zeitung vom 16.9.16 und BAUWELT 32/2013 "Junghans auf Giudecca".)

Campo Junghans - rechts eines der alten Junghans-Wohnhäuser

Der zweite Junghans-Führer ist ein aus Afrika stammender Student, gut gelaunt und kommunikativ sowie derzeit Bewohner des Wohnheims für Studierende, das einen Teil der ehemaligen Büros und Produktionsstätten belegt. Er führt durch das Erdgeschoss der Residenza Universitaria, wo Fotos der Junghans-Geschichte und vielen Arbeitsplätzen jede freie Wandstelle zieren, und der Junghans-Arbeiter erläutert die Fotos im Detail und bricht immer wieder in sozusagen nostalgische Begeisterung aus. (Ich nehme an, das entspricht der Ruhrpott-Nostalgie vom Arbeitsglück und Zusammenhalt unter Tage in Erinnerung eigentlich grauenhafter Arbeitsbedingungen...)

Junghans, verkürzter Ex-Fabrikschlot

Letzter Industriestandort der Agenda: der Komplex der CNOMV, sozusagen der ehemalige marine städtische Bauhof Venedigs. Jetzt die Marina della Giudecca mit einem Bootsparkhaus für 460 Boote bis 20 m Länge, 24/7 geöffnet, computergestützt natürlich. Umgeben von einer Reihe von Fachwerkstätten, in denen von Bootsmotoren bis Holzschiffen alles repariert werden kann, inkl. der Pflege und Instandhaltung historischer Boote. Außerdem gibt es Nautikbedarf, den Ruderverein der Giudecca und ein Restaurant, wie man auf Googlemaps sehen kann. Der hinzugezogene Begleiter war natürlich ein echter Fachmann auf einem Gebiet, von dem ich keine Ahnung und also keinen italienischen Wortschatz habe. Sein Vortrag muss aber sehr interessant gewesen sein, zu urteilen nach der Aufmerksamkeit der Gruppe, die sich immer enger um ihn drängte. Was auch an dem Rabatz einiger Kinder lag, die sich mit einer Art Trailer vergnügten, was zu beobachten mich voll für das entschädigte, was ich sprachlich nicht mitbekam.

Görenvolk in der Marina della Giudecca

Letzte Station! Villa Hériot, Sitz von IVESER. Ehemalige Residenz eines Industriellen, des französischen Seifen- und Kosmetikproduzenten Hériot, jetzt im städtischen Besitz, mit öffentlicher Bibliothek, Archiv, freundlichen Kolleg*innen. Wir bekamen Wasserflaschen in die Hand und noch eine kurze Geschichte des Hauses bzw. seiner Besitzer verpasst, es war Samstagnachmittag und nicht nur wir Teilnehmer*innen waren nach fast 4 Stunden am Ende unserer Kapazitäten, sondern auch die IVESER-Leute wollten ins Wochenende. 
Villa Hériot, Sitz von IVESER


IVESER bietet in Venedig 7 hochinteressante Rundgänge zur jüngeren Geschichte und Politik Venedigs an. Nicht nur 'alte' venezianische Geschichte ist hochinteressant, sondern auch das, was damals und heute verbindet und ein wichtiger historischer Teil Venedigs ist. Vor allem, wenn es so qualifiziert und engagiert überreicht wird wie bei dieser Führung. Die Führungen finden leider nicht regelmäßig statt. Sie werden auf der Website mit genügendem Vorlauf angekündigt, und auch ich nehme sie in meine Halbjahres-Kulturkalender auf, unter dem Inhaltspunkt "Führungen". 




Hier kann man viel von dem, was ich auf dieser Führung erfahren habe, aus dem Mund Gualtiero Bertellis hören (und sehen), Arbeitersohn von der Giudecca, Musiker und Musikwissenschaftler. 

Auch er spricht, wie die Begleiter dieser Führung (außer dem gesamtführenden Historiker von IVESER und natürlich dem afrikanischen Studenten), selbstverständlich kein lupenreines italienisch, sondern ist venezianisch in der Wolle gefärbt.
Und, der Vollständigkeit halber, ist hier seine sehr populäre Musik zu hören:





Der "Architekturführer Venedig" (siehe Eintrag vom 9.6.2014 "Architekturführer Venedig" widmet den Industriebauten bzw. Neubauten von denen in diesem Eintrag die Rede ist, ausführliche 10 Seiten 183-193. Nochmals dringend zu empfehlen!

Lagunenufer der Villa Hériot


Ergänzung 17.4.2019
Neues vom Projektzentrum SerenDPT (siehe oben, in der ehemaligen Kirche San Cosma e Damiano). Sehr spannend, was sich da an Ideen entwickelt!

Neuer Termin für diese Führung: 21.9.2019
21.9. Giudecca, Führung IVESER (Istituto veneziano per la storia della Resistenza e della società contemporanea) "Doppo le fabbriche". Spaziergang durch die postindustrielle Giudecca. Diese Führung (in italienischer Sprache). Online Anmeldung erforderlich. Die Anmeldung ist freigeschaltet am 10.9. ab 7 Uhr. Jeweils nur 3 Personen kann man anmelden, TN-Zahl 25.

Ergänzung 23.6.20
Giudecca industriale (Youtube der Associazione Amici dei Musei e Monumenti Veneziani

Ergänzung 1.11.2020



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26. August 2015

Die mittlere Giudecca

Campo S. Cosmo
Links und rechts der Haltestellen Redentore und Palanca und das Stück dazwischen, in voller Tiefe der Giudecca, ist die Gegend, um die es hier geht. Hier wohnen normale Leute, die großen bzw. exklusiven Hotels sitzen an den jeweiligen Enden der Insel. Hier in der Mitte gibt es genug zu sehen und zu tun, gerne auch mit Kindern. Die Linie 2 fährt im 10-Minuten-Takt, die 4.1/4.2. im 20-Minuten Takt, und auch wer innerhalb dieser Linien umstei-
gen will, tut das besser auf der Giudecca als an der Riva degli Schiavoni und spart sich den Kampf durch die Menschenmassen und über Brücken. 

Auf der Guidecca ist es entspannter, direkt an der Haltestelle Redentore gibt es eine ungestylte Normalbar mit Holztischen, in der auch ein einfaches Mittagessen gekocht wird von einem freundlichen Inhaberpaar und sich Nachbarn auf einen Kaffee oder einen Wein sehen. 

Redentore und Palanca sind zeitweise enorm wichtig im Verkehr des Canale della Giudecca: am Fuß der Kirche des Redentore landet am Redentorefestwochenende (3. Samstag im Juli)  die Pontonbrücke, von S. Spirito in Dorsoduro kommend, und Palan-
ca ist die Verbindung, die während der Streiks der ACTV zu den Zattere hinüber aufrechterhalten wird (neben der Verbindung Zitelle-S. Giorgio). 



Helle Redentorefassade zum Canale della Giudecca
Die Kirche des Santissimo Redentore, des Allerheiligsten Erlö-
sers,  ist eine
Palladio-Kirche (also hohe Besichtigungspriorität!) und CHORUS-Kirche und wird in jedem Reiseführer beschrieben. Vormittagsbesuch empfiehlt sich wegen des Sonnenstandes und Lichts in der Kirche, nachmittags ist es ein bisschen düster. Hinter der Kirche ist auf Karten oder online-Plänen eine große Grünfläche zu sehen, der Klostergarten, in dem Obst, Gemüse, Oliven, Wein und Blumen wachsen, Hühner und Möwen picken, und wer gerne auf "Venetian Style" verzichtet und sich mit not-
wendigstem Wohnambiente begnügt, kann in der ehemaligen Manica Lunga (dem langen Zellentrakt) des Klosters eine
Zelle bewohnen, zu denkbar günstigem Preis. Die Nutzung eines se-
paraten schattigen Gartens zur Laguna Sud raus ist inklusive. Die Mönche leben in einem abgeschlossenen Trakt der Kloster-
anlage.



Rote Redentoreapsis und -türme zum Kloster und Garten
Wer nach der Redentorekirche links die erste Gasse, Calle S. Giacomo, von Canaleseite bis zum Ende der Mietshäusergrup-
pe durchquert, landet in einem schönen öffentlichen Garten an der Lagunenseite, mit alten Bäumen, einem Spielplatz für kleine Kinder und Sitzbänken. Und wer sich vorher auch noch im Super-
markt am Redentore oder beim Bäcker und den Wurst-, Käse- und Gemüsegeschäften an der Palanca eingedeckt hat, kann hier ein wunderbares Picknick mit Aussicht halten. Entsorgen der Abfälle inklusive, unaufgeräumte Hinterlassenschaften sind ja einer der berechtigten Aufreger der VenezianerInnen. Von diesem Garten sieht man die Inseln in der Lagune schwimmen: Lido, San Servolo, La Grazia, San Clemente, Sacca Sessola und in der Ferne die Lagunenausfahrt von Malamocco. Und schon rechts Bootsliegeplätze, eine Art kleiner Marina, das ist das nächste Ziel: ein Bootsparkhaus mit 24stündigen Service, plus Reparaturwerkstätten mit allem Zip und Zap.



Laguna Sud vor der mittleren Giudecca, Blick auf Malamocco
Also zurück über die Calle S. Giacomo, am Ufer links und durch den nächsten Sottoportego links, man erkennt den Eingang zum Gelände an einer dort ausgestellten Gondel, die Kinder zu ihrem Glück richtig anfassen können. Der Weg führt wieder Richtung Lagunenufer. Man sollte den Arbeitern nicht im Weg stehen, aber man darf problemlos bei der Arbeit zusehen: Boote werden computer aided aus der Garage geholt und zu Wasser gelassen, aus dem Wasser geholt und in dem tiefen, mehrstöckigen Han-
gar verstaut, alles hochspannend. Es kann auch stressig wer-
den, an Tagen, an denen viele Leute gleichzeitig ihre Boote abholen wollen (Redentore!), und wenn es ruhig ist, kann man mit den Garagenleuten einen Schwatz halten. Es gibt auf dem Gelände auch ein Restaurant mit Blick auf das Geschehen, habe ich nicht ausprobiert. Zurück zur Canaleseite auf dem gleichen Weg, dann wieder links über den Rio del Ponte Longo, ein wun-
derschöner Blick, und direkt wieder die erste Gasse links, 
Calle delle erbe.


Marina, im Südwesten die Euganeischen Hügel auf dem Fesstland
Von hier aus kann man diese Teilinsel der Giudecca erkunden, die aus Nachbarschaften älterer Wohngebäude besteht, aber auch aus dem Ende der 90er Jahre von Cino Zucchi u. a. neu gestalteten Junghans-Viertel inklusive 2005 erbautem Theater und Schauspielschule. (Siehe meine Buchempfehlung "Architekturführer Venedig" vom 9.6.2014.)
Mir wurde hier empfohlen das "Ristorante Self Service Food & Art" auf dem Campo Junghans 487, Tel. 393.55.97.626, ire_ve_82@yahoo.it als gut, sehr preisgünstig, ambitioniert. Eigentlich ist Food&Art die Kantine für die Arbeiter der Marina und der in der Nähe ansässigen Werften und die Studierenden der Wohnheime auf der Giudecca, aber offen für Gäste - leider auch nicht ausprobiert. Zurück zur Canaleseite durch eine der beiden Calli Ferrando. 


Campo Junghans 2007
Und wieder links, über den Ponte Piccolo und auf die nächste Insel, auf der man eine große Zahl kleiner und großer Campi, Campazzi und Corti findet, um die sich die Wohnnachbarschaften gruppieren. Idyllisch für vorbeigehende BesucherInnen, denen die Intimität solcher Wohngemeinschaften vielleicht weniger gefiele. Bis man schließlich auf einem 'echten' Campo landet, einer der letzten venezianischen grasbewachsenen Campi vor einer Kirche: Campo S. Cosmo vor Kirche und Ex-Kloster SS. Cosmas und Damiano, immer geschmückt mit Fischerutensilien und ausgebreiteten Netzen. So mag das früher in allen Rand-
gebieten Venedigs ausgesehen haben - der Canal Grande ist eine völlig andere Welt.  


Die Kirche ist geschlossen und durch die Nutzung als Fabrik baulich so verändert, dass eine Öffnung nicht zu erwarten ist, aber durch ein unverschlossenes Gittertor tritt man in einen Sottoportego, der zum Kreuzgang führt. Sonnengeflutet, von Katzen bewohnt, ein schöner Brunnenkopf ist erhalten, zwei Ausgänge führen in die umgebende grüne Wildnis, die der Insel-
jugend vorbehalten zu sein scheint. Im Parterre des ehemaligen Klosters hat das Archiv des Komponisten Luigi Nono seinen Sitz und in den letzten Jahren haben sich dort einige Kunsthandwer-
ker mit Ateliers eingerichtet. Man kann auch Ihnen bei der Arbeit zusehen und bei Interesse und Sprachkenntnissen darüber plau-
dern. Die oberen Räume werden von Kulturprojekten genutzt und für Biennaleausstellungen angemietet. Wo man nicht rein soll, ist abgeschlossen, man kann sich also umschauen ohne Sorge, jemandem zu nahe zu treten. 



Vera da pozzo im Kreuzgang SS. Cosmas e Damiano
Auf der Fondamenta del rio di S. Eufemia erreicht man wieder die Canaleseite, und mit Glück (sprich: Gottesdienstzeit, Hochzeit, Taufe, Trauerfeier...) hat man eine Chance, anschließend die Kirche zu betreten. Es dauerte Jahre, bis ich sie zum ersten Mal sehen konnte, aber es dauerte auch lange, bis ich die Guidecca gezielt unter die Füsse nahm - ich vermute, das geht einigen Anderen auch so und ich hoffe, Neugier geweckt zu haben, einen sehr speziellen Teil Venedigs zu erkunden. Auf den beschriebe-
nen Wegen oder anderen.


Dazu bietet sich unbedingt eine aktuelle Gelegenheit, wenn am 11.-13.9.2015 wieder das Guidecca Kunstfestival stattfindet, das von EinwohnerInnen gegründet wurde und gemeinsam ge-
staltet wird, schon 5 mal in Folge mit jeweils gesteigertem Erfolg. Es beteiligen sich die Kulturgruppen der Guidecca - Musik, Thea-
ter, Tanz; die Galerien, Handwerk- und KunsthandwerkerInnen, Restaurants, jeder kann sich an der Gestaltung des Programms beteiligen. Der Termin steht seit Wochen im Kulturkalender, aber ich will noch eigens daran erinnern:


Nicht verpassen!





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18. September 2011

Letzte Termine im September

Park der Villa Herliot zur Laguna Sud

Ich wüßte nicht, dass in den letzten 10 Jahren septembers schon mal dermaßen viele Festivals und "Tage" in Venedig angesagt waren. Aber desto besser!

Nach dem überaus aktiven vergangenen Wochenende (siehe die letzten beiden Einträge mit den Festivals der Laguna Nord und der Kultur auf der Giudecca) geht es flott weiter mit den folgenden bunt gemischten Angeboten:


Festival Galuppi an den wunderbaren Aufführungsorten Teatro La Fenice, der Scuola Grande di San Rocco, der Frari-Kirche, im Garten der Villa Herliot auf der Giudecca, dem Gärtnerhaus auf der Insel Certosa. Bis in den Oktober hinein. Der online-Kartenverkauf scheint nicht zu funktionieren, vielleicht wird das in den nächsten Tagen noch repariert. (Zum Komponisten Baldassare Galuppi siehe Eintrag Burano.)

Musikbiennale zeitgenössischer Musik 24.9.-1.10. Online-Ticketkauf funktioniert, über das Programm, per Aurufen der einzelnen Veranstaltung öffnet sich der Link zur Bestellung.

Tage des Europäischen Erbes 23./24.9. mit kostenlosen Führungen in öffentlichen Kultureinrichtungen/Mussen.

Ausstellung im Palazzo Ca' Corner della Regina










Flugtage auf dem Lido 23./24./25.9., mein Interessensgebiet ist das nicht. Ich habe vor zwei Jahren an einem träumerischen Septembersamstagnachmittag am Stand von Sant'Erasmo die Flugkunstübungen dieser Veranstaltung beobachtet, das war dann, zusammen mit den vielen Kreuzfahrtschiffen die sich nach und nach durch den Lidokanal schoben, ziemlich viel Verkehr zu Wasser und in der Luft...

Die Europäische Nacht der Forscher
Venetonight 23.9. mit extrem interessanten und ebenfalls kostenlosen Führungen/Veranstaltungen in der Lagune, in der Stadt, in Ateliers und Labors - Achtung teilweise nur per Voranmeldung wegen sachlich beschränkter Teilnehmerplätze.

Ein luxuriöser Vorschlag, aber interessant: das südliche Venedig aus der Luft mit dem Wasserflugzeug von der Insel San Clemente aus (dorthin mit dem kostenlosen Bootstransfer des 'Hotel San Clemente' ab Anlegestelle San Marco oder ab dem Kreuzfahrterminal). Sonderangebot 2 für 1 ist allerdings schon abgelaufen.

Neben allem, was die Biennale immer noch und bis Ende November bietet, sind besonders noch einige Gebäude zu besichtigen, die nur im Zusammenhang mit der Biennale und nur noch kurz geöffnet sind:

Scuola Grande della Misericordia: Pflege des güldenen Fußbodens








Ca' Corner della Regina am Canal Grande (Fondazione Prada) bis 2.10.
Palazzo Donà dalle Rose an den Fondamente Nove bis 25.9.
Scuola grande della Misericordia (
Jan Fabre bis 16.10) und neu im Herbst, Ausstellung Pierre Casè

(
Blog-Eintrag zur Scuola grande della Misericordia von der Biennale 2009)




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15. September 2011

Kulturfestival auf der Giudecca


Weniger Interesse an den Inseln der Laguna Nord? Schade.


Aber dieses Wochenende bietet in Venedig noch mehr Auswahl: das Kulturfestival auf der Giudecca, bei dem auf einer einzigen Insel (na gut, verbunden durch Brücken) alles aufgeboten wird, was dazu gehört. Musik, Theater, Performances, Tanz, Kino, Lesungen, Ausstellungen, Führungen, Workshops, Straßenkünstler....

Festival delle Arti 2011, hier das komplette Programm als Blog.

Und hier als PDF inkl. Übersichtskarte


Heute ging es schon los, und es wird sicher ein sehr abwechslungsreiches Wochenende.
(Inklusive Ska-J am Samstagnachmittag!)


Linien 2, 42


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