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31. März 2017

Noch eine venezianische Restaurierung





Es geht in diesem 35-Minuten-Film um die Restaurierung des Palazzo Papadópoli am Canal Grande. Ich fand ihn zufällig bei einer Recherche und da wir uns gerade über die schöne Restaurierung des Teatro Italia freuen, ist er sicher ein Genuss für Venedig-Appassionati - italienischer Text, englische Untertitel egal - allein schon die Aufnahmen von den Arbeiten sind hoch beeindruckend.
Der Film wurde veröffentlicht von der ausführenden Firma Dottor Group, damit ist keine Werbung auf diesem werbefreien Blog beabsichtigt, auch nicht für das Hotel, das seit der Restaurierung dort seinen Sitz hat. Beides gehört zur Information. Wir wissen, in Venedig wird restauriert mit der Absicht, Geld zu verdienen. Ausnahmen davon sind die Stiftungen (aufgelistet im Eintrag zum 50. Jahrestag des Hochwassers von 1966).

Ich konnte das Haus komplett besichtigen während der Kunstbiennale 2011, die Ausstellungen des Future Generation Art Prize belegten alle Räume vom Androne bis in die Bibliothek und die Nebenräume im obersten Geschoß. Direkt anschließend begannen die Restaurationsarbeiten. Heute kann jeder in diesem Haus übernachten, sofern er/sie über ein angemessen stattliches Budget verfügt. 

Zu Beginn des Films spricht der Eigentümer des Palazzo, Giberto Arrivabene, von einem Gemälde Paolo Veroneses, der "Madonna der Familien Coccina", das in der Gemäldegalerie in Dresden hängt. In der rechten Ecke unteren Ecke ist der Palazzo zu sehen, um den es hier geht.  

Ein spannender Einblick in das Innenleben einer venezianischen Baustelle, die Details der Arbeit der Restaurierungsspezia-
list*innen von den Ledertapeten, Fresken und Gemälden über Muranoglaslüster bis hin zu den Terrazzoböden und dem Dach. So geht das also - faszinierend zuzugucken.



Die Bloggerin im Glanz des unrestaurierten Palazzo 2011

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21. September 2014

Die Heirat einer libanesischen Rechtsanwältin...

Ca' Farsetti (linke Bildhäfte) Rathaus & Standesamt Venedig,
vom Balkon des Palazzo Papadopoli
... und eines amerikanischen Filmschauspielers am 29.9.2014 im venezianischen Rathaus Ca' Farsetti am Canal Grande wäre eigentlich kein Anlass für einen Blogeintrag. 

Allerdings finden angeblich 3tägige (!) voreheliche Feierlichkeiten statt, im Hotel Cipriani auf der Giudecca und im Hotel Aman Canal Grande, schräg gegenüberliegend am anderen Ufer. Ein paar Ruderschläge mit der Hochzeitsgondel, sozusagen. Der Sitz des Aman ist der Palazzo Papadopoli, den ich während der Kunstbiennale 2011 besuchen konnte und der nach dem Ende der 2 Monate dauernden damaligen Ausstellung Future Generation Art Prize sofort geschlossen und 2 Jahre lang renoviert wurde. Eine Blitzrenovierung im Vergleich mit manchen anderen, z. B. dem Palazzo Soranzo van Axel, an dem seit 5 Jahren gearbeitet wird. 
In der 3-teiligen Arte-Serie "Verborgenes Venedig" wird u. a. darüber berichtet (ab 11:23 Min.) Jetzt ist das Haus für Men-
schen meines Budgets für alle Zeiten off limits.


Ich fragte mich seither, ob ich mit 60 Fotos des Gebäudes im Zustand des Sommers 2011 wohl jemals mehr machen könnte als sie ansehen. Da kommt mir die Hochzeit und die PR, die das Haus dadurch erfährt, gerade recht, ich hänge mich dran und zeige, was ich habe.


Löwenköpfe im gesamten Treppenhaus. Die Mäuler dienen dem Halt von Kordeln als Geländer
Die offiziellen Fotos zur Hoteleröffnung im Frühsommer 2013 gingen durch die hochklassige Reiseberichterstattung, sprich Werbung. Zu solchen Anlässen werden Fachjournalisten zu einem Aufenthalt eingeladen (Blogger nicht, wir sind und haben keine angemessene Zielgruppe(n). Aber da bin ich neidlos und verlinke einige der vielen Berichte, ausschließlich mit schön langen Fotostrecken, nur zum Teil identisch. Man bekommt also einen Eindruck von Klasse und Ambiente dieses Hotels und kann mit meinen unrenovierten Eindrücken vergleichen.

yatzer: Aman Canale Grande Hotel, Venice, Italy
The National: Hotel insider: Aman Canal Grande, Venice 

Deutschsprachige Berichte kamen etwas später, im Dezember 2013 der Kurier "Zu Gast beim Grafen in Venedig" und erst im September 2014 der Stern "Venedigs pompösester Palast". So ein Pech, man wusste noch nichts von der geplanten Hochzeit 4 Wochen später, es hätte ein brandaktueller Bericht sein können... 

Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit hatte, das Haus zu sehen. Bei der Biennale 2009 stellte hier die Ukraine aus und ich kam nicht rein. Man sieht, dass viel Sinn und Aufwand in der Renovierung des Hauses steckt und es bleibt, ihm einen langen Bestand zu wünschen. Wie auch der Ehe, die geschlossen werden soll.

Parterre, Androne mit Treppenaufgang, Steinskulpturen der Ausstellung.
Die Schiffslaternen sind weiter Teil der Ausstattung







Androne mit Wassertor zum Canal Grande


Treppenhaus von unten und oben


Trep-
penhaus
Fresken 

und
Beleuch-
tung


Piano nobile, Portego zum Canal Grande mit eingebautem Kunstwerk





Portego,
Stuckdecken,
Fresken,
Wandmalerei,
Murano-
leuchter


Piano nobile,
Räume links und rechts des Portego



Räume im Anbau zur
Gartenseite. 

Asiatische
Dekorations-
motive, schöne Terrazzoböden
und viel Stuck.


Klein und sehr niedrig
im Vergleich mit den Prunkräumen des
Palazzo 







Räume im Dachgeschoss, 

2011 Bibliothek, in der
Kunstvideos gezeigt wurden.
Heute sind dies
wohl die privaten
Räume der Besitzerfamilie






25. Dezember 2012

Josef Brodsky und Venedig

Der russische Dichter Josef Brodsky wurde im Juni 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert, während ich, junge Deutsche der ersten Nachkriegsgeneration, seine Stadt Leningrad besuchte. Ich erinnere mich an die ziemlich romantischen Weißen Nächte am Ufer der Newa, die physische und psychische Erschütterung beim Besuch der Piskarjowskoje Gedenkstätte, des Friedhofs der Opfer der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, und an die hinreißende Schönheit Leningrads, die Weite des Blicks in den Straßen und auf dem Wasser, das Licht, die Großzügigkeit der Maße, das Wohlgefühl in einer Umgebung des goldenen Schnitts. Leningrad war 18 Jahre lang für mich die schönste Stadt der Welt - bis ich in Venedig ankam.

Vielleicht war seine Heimatstadt für Josef Brodsky nicht die schönste Stadt der Welt, was normal wäre, aber die Verbindung steht sofort bei seiner winterlichen Ankunft in Venedig ein halbes Jahr später: "Es war eine windige Nacht, und noch ehe meine Netzhaut irgend etwas registrierte, befiel mich ein äußerstes Glücksgefühl: schlagartig drang ein Geruch in meine Nase, der für mich immer schon ein Synonym für Glück gewesen ist, der Geruch von gefrierendem Seetang. ... In gewissen Elementen erkennt man sich selbst wieder; zu der Zeit, als ich auf den Stufen des Bahnhofs diesen Geruch einsog, waren verborgene Dramen und Ungereimtheiten offengestanden meine Stärke."   

Es folgen auf weniger als 90 Seiten Impressionen, Assoziationen, Beschreibungen, Phantasien, Menschen des winterlichen Venedig in poetischer Sprache, teilweise schräger Zusammenstellung und nicht ohne Humor.
"Links, rechts, oben und unten tauschen ihren Platz, und du findest dich nur noch zurecht, wenn du ein Einheimischer bist oder einen Cicerone bei dir hast. Der Nebel ist dicht, sichtberaubend und unbeweglich. Letzteres jedoch ist von Vorteil, wenn du zu einer kurzen Besorgung hinausgehst, sagen wir, um eine Schachtel Zigaretten zu kaufen, denn du findest den Weg zurück, und zwar duch den Tunnel, den dein eigener Körper in den Nebel gegraben hat; der Tunnel bleibt wohl eine halbe Stunde lang erhalten."

Ein Text, auf den keinE VenedigliebhaberIn verzichten sollte und als Trost fern von Venedig auch gar nicht kann. 

Blick von der Fondamenta degli Incurabili über den Giudecca-Kanal

Originalsprache ist englisch (nicht russisch), die Übersetzung von Jörg Trobitius kann ich nicht beurteilen, da ich das Original nicht kenne. Der Titel "Ufer der Verlorenen" ist jedenfalls ganz und gar verunglückt. Der Originaltitel "Fondamenta degli Incurabili" hätte unübersetzt bleiben sollen, er ist einfach eine Ortsbezeichnung, quasi ein Straßenname, östlich der Haltestelle Zattere, das Ufer des ehemaligen Hospitals der Incurabili, die heutige Hochschule für Kunst der Universität Venedig. 

 
Die Fondamenta degli Incurabili war ein Ort, an dem sich Josef Brodsky während seiner Venedigbesuche besonders gerne aufhielt, eine Tafel erinnert dort an ihn ('...er liebte und besang diesen Ort'). Ich finde an dieser Stelle des breiten Giudecca-Kanals mit dem Blick auf die Palladio-Kirchen den weit schweifenden, geblendeten Blick über die Newa in Leningrad wieder, vielleicht war es für ihn ein heimatlicher Blick.

Während der Kunstbiennale 2011 gab es an dieser Uferstraße, den Zattere, in der Bibliothek der Universiät Ca' Foscari eine Hommage an Josef Brodsky. Es war eines der vielen 'collateral events' im Programm, vor der Tür zwar das übliche rote Biennale-Schild, aber die Bibliotheksangestellten hatten keine Ahnung. Erst nach einigem Weiterreichen landete ich bei einer Bibliothekarin, die mir den Weg zeigen konnte durch das ehemalige große Warenlager, hohe Räume vom Boden bis ins Dachgestühl, zu einem Lesesaal, der für einige Wochen Brodsky diente. 


Auf einer Leinwand lief ein Film mit Venedig-Luftaufnahmen, dazu rezitierte die bekannt monotone Stimme Brodskys Texte in russischer Sprache (die ich nicht spreche). Auf den Arbeitsplätzen unter Glas und Spotlights Drucke von Gedichten in italienischer Sprache, begleitet von abstrakten (Holz?)Schnitten. 


Ich war allein, die Ausstel-
lung im Halbdunkel, die Stimme Brodskys deklamierte immer weiter, ihre Tonhöhe steigerte sich merklich, um dann plätzlich wieder zu fal-
len. Ausatmen. Persönliche Atmosphäre trotz des großen Funktions-
raumes mit den dicken Haustechnikrohren entlang der Wände, vielleicht hätte dem Dichter das gut gefallen.
Ich verdanke ihm und dem/der KuratorIn eine schöne Kontemplation bevor ich wieder in die Vormittagssonne der Zattere trat. 


Josef Brodsky verbachte sein Leben nach Leningrad in New York, viele Winter in Venedig und er ist einer der 'Gäste' auf auf S. Michele, im 'protestantischen' Teil des Friedhofs, in dem auch Orthodoxe liegen, alles, was christlich, aber nicht rechtgläubig katholisch ist. Auf seinem Grab steht ein Hausbriefkasten aus Metall, und er hat Post (ich habe ihm nicht geschrieben, aber den Deckel einen Zentimeter weit geöffnet - das musste sein).  



Josef Brodsky in Venedig (Video)
Besprechung 'Ufer der Verlorenen' von von Birgitta Ashoff  Nov. 1991
Josef Brodsky 'In the Light of Venice' (Teil)



Nachtrag 28.12.2012
Lagunenlicht hat ein kurzes, charmantes Brodsky-Video per Mail geschickt. Zwei gut gelaunte ältere Herren am Rialto. Da im Kommentarbereich keine Verlinkung möglich ist, stelle ich den Link hier ein, bitte klicken:

http://youtu.be/ebFOh0Z-tH8




Nachtrag 07.01.2013
JW (c) trägt frühe Fotos vom Grab Josef Brodskys bei. Das Grabkreuz aus dem Jahr 1998 und der neue Grabstein aus dem Jahr 2000, noch ohne Briefkasten, aber mit einer kleinen Sammlung von Schreibutensilien. Eine sehr spezielle Grabgabe. Herzlichen Dank für die Fotos!














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27. November 2011

Letzter Bericht Biennale 2011 - Passage 2011


Das Boot, von Aichner und Huber über die Alpen geschleppt und jetzt vom Publikum über den Campo dei SS. Apostoli

Die Wahl für meinen letzten Bericht heute, am letzten Tag der 54. Biennale, muss sozusagen logisch auf 'Passage 2011' fallen.

Erstens konnte niemand an der Kunstaktion teilnehmen als die beiden Künstler Wolfgang Aichner und Thomas Huber und der Filmemacher Matthias Fuchs.

Am Ende, bei der 'Präsentation' in Venedig am 23. Juni gab es natürlich Publikum, aber nicht entfernt zu vergleichen mit der Besucherzahl von 440.000. (Wie man der heutigen
Pressemitteilung entnehmen kann.) Ich vermute also, es könnte die am wenigsten wahrgenommene Kunstaktion der 54. Biennale gewesen sein.

Die Künstler während der Pastorenpredigt (in der ev.-luth. Kirche Venedigs, der ehemaligen Scuola di S. Angelo Custode), wie man schon an der Körpersprache erkennt




Den Blog, den Aichner u
nd Huber während der Alpenüberquerung schrieben, finde ich im www nicht mehr, nur noch Nachrichten der beteiligten Kirchengemeinde in München und der Comunitá Evangelica Luterana di Venezia.

Und zweitens zeigt dieses Projekt in seiner Absurdität wunderbar exemplarisch, dass es weder beim Herstellen noch beim Konsumieren von Kunst um Sinnhaftigkeit, Nützlichkeit oder Schönheit geht.

Die Website 'Passage 2011' zeigt das Konzept und die Entwicklung des Projekts sehr schön, vor allem, dass es sich bei der Sache nicht um eine spinnerte Idee handelte, sondern um ein wohlüberlegtes Gesamtkunstwerk, das mit guter Vorbereitung und großen Mühen verbunden und durchaus der Möglichkeit des Scheiterns ausgesetzt war.


Die 'Sisy' wird frisch getauft in den Kanal gelassen

Wobei das Absaufen der 'Sisy' im Rio dei SS. Apostoli, wenig
e Meter nachdem sie zu Wasser gelassen wurde, natürlich nicht unter 'Scheitern' firmiert, sondern das Projekt davor gerettet hat, nicht doch noch zum Ende Nützlichkeit... s. o., Perfektion, Berechenbarkeit oder dergleichen zu entwickeln. Und die vielschichtige Metaphorik wurde nicht davon angekratzt.

Damit hatte ich nicht gerechnet: dieses Boot schwimmt! Nur ein paar Meter. Ein paar Sekun-
den nach der Aufnahme läuft es blitzschnell voll Wasser.


Nach einer gewissen Feierlichkeit zu Beginn der 'Präsentation' mit würdevoller Pastorenrede, Anwesenheit von Menschen, die ihre Wichtigkeit zur Schau trugen und etwas verkrampft wirkenden Künstlern, entspannte sich die Lage nach der Havarie.
Das Boot wurde aus dem Kanal gefischt und unter viel Gelächter in die Kirche getragen, die durchweichten Künstler standen nicht mehr vor dem Publikum sondern mitten im Gewühle und wurden geherzt und getrocknet.



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5. November 2011

Meine Biennale-Favoriten 2011...

Giardini delle Vergini im Juni (oben) und Oktober (unten)

... sind tatsächlich mal die beiden mit Goldenen Löwen ausge-
zeich
neten.

Ich war begeistert, dass Christoph Schlingen-
sief mit dem d
eutschen Biennale-Beitrag beauftragt wurde, tief bekümmert über seinen Tod und den Verlust seiner kreativen Kraft für uns alle, und habe die Arbeit am deutschen Pavillon im Internet mit Spannung verfolgt.

Eintrag vom 30.6.2010
Eintrag vom 21.8.2010
Eintrag vom 13.2.2011

Die dreigeteilte Ausstellung (Operndorf, mittlerer Ausstellungsraum, Kino) stellt für mich Auszüge seines Werkes vor und nach seinem Tod dar, denn es bleibt ja die Erwartung, dass andere seine Pläne weitertragen.

Das Angebot der Filme im 'Kino' war toll, es gibt ja wenige Möglichkeite
n, sie zu sehen.
Die Schlingensief-Interviews, die im Vorraum des Kinos gezeigt wurden, höchst interessant und unterhaltsam. Der knackig-trockene Ruhrpotthumor Schlingensiefs in Verbindung mit seiner enthusiastischen und emphatischen, authentischen Art ungebremst zu reden, nimmt volle Aufmerksamkeit in Anspruch.


Irritierend fand ich, dass die Kircheninstallation des mittleren Ausstellungsraums vom Publikum offensichtlich als solche wahrgenommen wurde, man nahm Platz in den Bänken, schwieg, produzierte Andacht wie in einer Liturgie, ging schweigend wieder raus.
Leute, das ist eine Ausstellung eines überaus kreativen und potenten Künstlers, eine Lebens-, keine Trauerfeier! Auch wenn es um seine Krankheit zum Tode geht. In Gesprächen (mit Italienern, Amerikanern, Franzosen) hörte ich die Vorstellung, Schlingensief sein ein "schwerer" deutscher Künstler. Das ist so ein Bauchurteil, man fragt aus Höflichkeit nicht genauer nach, was damit gemeint sei. Ich kann es mir nur aus der Betroffenheit über seinen grausam frühen Tod erklären, dass Schlingensiefs verrückte, wilde, maßlose und witzige Züge unbekannt sind oder ausgeblendet werden.

Den Goldenen Löwen für das beste Einzelkunstwerk erhielt Christian Marclay für "The Clock". Wird gezeigt im Arsenale, ganz am Ende der Tana (Seilerei). Leider nur 8 Stunden täglich, zu Beginn der Biennale gab es wohl ein paar 24-Stunden-Aufführungen.


Ein hinreißender Film, dem man mit Worten nicht gerecht werden kann, man muss es mit eigenen Augen sehen. Ich habe mehrere Stunden des Films zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Tagen gesehen, habe mich in den sehr bequemen breiten Sofas gefläzt und war hin und weg.
Eine unglaublich akribische, perfekte Arbeit, die Filmgeschichte, Schnitttechnik, Zusammenstellung von Bildinhalten, Rhythmus, Sprachen, Filmmusik, Szeneneinstellungen etc. etc. als ein höchst unterhaltsames, federleichtes Gesamtkunstwerk genießen lässt.


Die Zeit bei einem Biennalebesuch ist immer zu knapp, aber man sollte sich selbst nicht mit 20 Minuten abspeisen, sondern mindestens die Zeit einplanen, die man sich normalerweise für Filme nimmt. Ich wünschte, ich hätte irgendwann die Möglichkeit, das ganze Werk zu sehen. Ich kann keine öffentliche Uhr mehr sehen, egal wo, ohne sofort an "The Clock" zu denken.
Kgr. Saudi-Arabien: The Black Arch



Ein weiterer Publikumslieblin
g im Arsenale hat mir sehr gefallen: "The Black Arch", erste Biennale-Beteiligung des Königreichs Saudi-Arabien.

Man sollte sich mit d
em spontanen Eindruck von SCHÖN aber nicht zufrieden geben, sondern sich die Zeit nehmen, die vielfältigen sinnlichen Eindrücke des Werkes auf sich kommen zu lassen.


Und ein kleines, zauber-
haftes Video m
it Über-raschungs-
effekt in der Tana: 'Untitled' (Ghost) von Elad Cassry.




Und ein Objekt, das mich sehr begeistert
hat, leider habe ich mir den Namen des/der KünstlerIn nicht notiert: eigentlich ein Haufen Reste und Abfall, aber zusammengefügt zur perfekten Darstellung eines Schiffes in wilder Fahrt. Vielleicht 60 cm lang, steht in der Tana, glasgeschützt, deshalb eine Spiegelung im Bild.

Padiglione Italia, Gianluigi Colin: Presente Storico Cristo morto 1480/Che Guevara morto 1967

Der Padiglione Italia, von der Kritik niedergemacht, ist trotzdem eine Wundertüte - an schlechtem Geschmack auch, aber auch an Werken die stracks ins Herz oder in den Kopf oder sogar in beides einschlagen.

Und es gibt für BesucherInnen den gewissen Spanner-Effekt: wer hat denn die Exponate empfohlen? Der verantwortliche Vittorio Sgarbi hat ja die Auswahl der 200 Exponate anderen Künstlern
überlassen und das ist dann im doppelten Sinne eine exhibitionistische Angelegenheit...
Griechischer Pavillon

Mir gefiel sehr gut in ihrer zurückhaltenden, kontemplativen Strenge die Bearbeitung des griechischen Pavillons.
Diohandi verkleidet den an byzantinische Architektur angelehnten Backste
inbau mit dünnen Holzlatten, über eine schmale Treppe kommt man in das Gebäude, das flach, aber komplett mit Wasser geflutet ist. Ein Steg, nicht breiter als die venezianischen Hochwasserstege, führt durch den Raum. Sehr still bis auf einen hohen pulsierenden Ton, bewegunglos bis auf ein kleines Fließen des Wassers, ohne Farben.

Die Holzverkleidung wurde durch Graffitti verändert: "Sold out" und ein we
iteres, das ich öfters sah, "Anonymous Stateless Immigrants Pavillon". Im Gespräch mit der griechischen 'Aufpasserin' erfuhr ich, dass Diohandi das als persönlichen Angriff versteht und nicht bereit ist, als sozusagen politische Ergänzung ihres Werkes zu deuten. Was ich schade finde bei einer Künstlerin, die eigentlich auch politische Aspekte in ihre Arbeit einbezieht.

Schön geworden sind die Giardini delle Vergini, die zur letzten Biennale künstlerisch als Schlammlandschaft gestaltet worden waren. Niederländische Gärtner haben einen wunderbar wilden Garten eingerichtet, der fraglos in meine Liste der "(nicht) geheimen venezianischen Gärten" aufgenommen werden kann. (Siehe Fotos oben)

Und nun zur ärgerlichsten Ausstellung des Sommers 2011.
Silbernes Abzugsrohr auf S. Giorgio Maggiore

Bei der Biennale 2009 war dies für mich der Pavillon der Ukraine.Link
Es muss ja nicht zu jeder Biennale eine ärgerlichste Ausstellung geben, aber dieses Jahr gewinnt den von mir verliehenen Preis "Warwohlnix" die hochgelobte Installation 'Ascension' des eigentlich (auch von mir) hochverehrten Anish Kapoor in der Palladio-Kirche San Giorgio Maggiore.

Ich weiß nicht, was der Sponsor des Events, die Kaffeefirma Illy, mit dem "Paradox einer Rauchsäule" meint. Die Rauchsäule ist spätestens seit Ka
in und Abel als physikalische Realität bekannt.
Von außen zeigt sich das Werk als großes silbriges Rohr auf dem Kirchendach. In das im Sommer ein Blitz einschlug und die Sache außer Funktion setzte, was man als knallharten Fingerzeig des HERRN hätte verstehen können.


Abzugsrohr, dünne Rauchsäule,
3 von 4 fetten Ventilatoren-
säulen


So betritt man die Kirche und steht sofort mitten in einem unglaublichen fabrikmäßigen Lärm. An den 4 Ecken des ca. 1,60 m hohen Aufbaus der den Rauch prodziert stehen 4 Säulen, die aus jeweils 12 übereinandergetürmten großen Ventilatoren bestehen, die alle gleichzeitig arbeiten. Die sensible palladianische Akkustik verstärkt das laut brummende Technikgeräusch. Die BesucherInnen sprechen nicht miteinander, sie
rufen sich zu.

In der Kuppel über diesem Aufbau hängt das Ende des großen silbrigen Rohrs vom Kirchendach, das man natürlich auf keinem Foto sieht weil es die Illusion von 'Spiritualität' versaut. Es soll das vergleichsweise dünne Rauchfädchen, das natürlich physikalisch und mit Nachhilfe der Ventilatoren aufsteigt (Ascension), aufnehmen.
3 von insgesamt 48 (!) Ventilatoren

Ein Wahnsinnsaufbau mit einem Wahnsinns-
energieaufwand für ein physikalisches Experiment, das jedem Kind, geschweige denn Raucher etc. bekannt ist. Der die Atmosphäre dieses sehr besonderen Gebäudes niedermacht. (Nebenbei: ich möchte nicht wissen, womit dieser Rauch hergestellt wird. Nach 15 Minuten hatte ich ein scharfes Brennen in den Bronchien, das erst im Laufe des Nachmittags wieder nachließ.)
Ich weiß nicht, ob Herr Kapoor die Installation persönlich abgenommen hat. Falls nicht, soll er kommen und sich das ansehen/anhören. Falls doch, sollten er und/oder sein Sponsor Illy Wiedergutmachung für dieses ärgerlich überflüssige und optisch/akustisch unästhetische Projekt leisten, z. B. durch eine spürbare Spende an eine gute venezianische Organisation, vielleicht im Umweltbereich oder an den Archeoclub Venezia, bzw. den Eko Club, der mit Freiwilligen die archäologische Erforschung der Laguneninseln betreibt. (Fällt mir gerade ein, weil ich wieder zu Besuch auf Lazaretto Nuovo war...)

Nach ca. 15 Minuten wurde die Krach-Rauch-Maschine abgeschaltet. Das war wunderbar, aber vermutlich nur für eine kurze Atem- und Schweigepause...


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Link