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31. Mai 2015

Biennale 2015 - die praktischen Tipps

Neu anstelle der Boxoffices am Arsenale:
Biglietteria hinter der Mauer, Innenhof mit Sitzgelegenheiten
Die praktischen Tipps der letzten Kunstbiennale 2013 gelten im Wesentlichen noch.  

Aber es gibt Aktuelles. 

Die Preise des öffentlichen Verkehrs des ACTV steigen zum 1.7.2015

Meine wiederholten Empfehlungen für den Bereich des Arsenale Novissimo, Nordeingang über die Haltestelle Bacini (Linien 4. und 5.) oder über Celestia - Arsenalemauer, die sich auf interessante Kunst und kostenlosen Eintritt bezogen, gelten in diesem Jahr (leider) NICHT.
Im Mai gab es hier nur die nationale Ausstellung von Lettland in 'kollateraler' Form, soll man sie bedauern wegen ihrer Isolation oder ihrer Präsentation? Möglicherweise finden im Laufe des Sommers hier noch ausgegliederte Veranstaltungen der Expo in Marghera statt, was vielleicht mehr BesucherInnen hier hin führen würde? 
Außerdem wird in der Tesa (Halle) 94 Teil 1 'Plessi' ausgestellt, Eintritt 5 € (Teil 2 zum wiederholten Male im Androne der Ca' d'Oro). Letztere habe ich 2013 gesehen, erstere besteht aus mallorquinischen Fischerbooten umspült von blauem Licht und einer ungeheueren Geräuschkulisse pathetischer Musik. Ich fragte die beiden freundlichen Aufpasser, ob sie abends noch wüssten, wo ihre Ohren sitzen, sie meinten, kein Problem. Sie schalten den Ton nur für BesucherInnen ein, und ich vermute, die bringen sich wie ich jeweils schnell wieder in Sicherheit. 

Auch auf San Servolo (Linie 20 ab S. Zaccaria) gibt es 2015 nur 2 Ausstellungen. Einen Teil der nationalen Ausstellung Syrien, dominiert von den spiegelnden Werken Helidon Xhixhas (der andere Teil auf der Giudecca, im ehemaligen Kino rechts neben der Redentorekirche, mit beeindruckenden Werken des chinesi-
schen Künstlers Liu Shuishi). Und den Pavillon von Cuba, ärger-
lich, in 3 Räumen eine Menge z. T. sehr kleiner Videoscreens, vor denen man jeweils schon eine Weile stehen muss, um einen Einstieg zu finden. Kein Stuhl weit und breit. Wie kommen KuratorInnen auf die Idee, wir Kunstinteressierte würden vor 20 Minibildschirmchen jeweils 10 Minuten oder länger stehen? 

Aber die Empfehlung: schöne Pause im Grünen, günstiges Mittagessen (11 € für 3 Gänge, ein bisschen Schlange stehen)  in der Mensa (Ristorante) auf San Servolo besteht unverändert.


Detail der ehemaligen Klosterdruckerei S. Lazzaro degli Armeni
Die nationale Ausstellung Armeniens, Armenity, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen, findet auf S. Lazzaro degli Armeni statt, das man normalerweise nur im Zusammenhang mit den täglichen Führungen am Nachmittag zu besuchen kann. Jetzt und nur bis 18.10. (nicht bis zum Ende der Biennale am 22.11.!) ist die Insel geöffnet von 13-17:30 Uhr, und neben der Linie 20 ab S. Zaccaria gibt es bis Ende Juni einen zusätzlichen Transfer von der Haltestelle Giardini nach S. Lazzaro. Eintrittspreis 6 €, wer sein Biennale-Ticket vorlegt, zahlt reduzierte 3 €.
Inhaltlich erhält die Ausstellung viel Lob, betont wird auch die Zurückhaltung, mit der der Völkermord vor 100 Jahren von "Diaspora"-armenischen KünstlerInnen reflektiert wird. Ich finde die Integration der Kunstwerke in die Räume des Klosterkomple-
xes beeindruckend, und noch mehr, dass Räume einbezogen werden, die nicht Teil der normalen Führung sind, z. B. die der ehemaligen Druckerei. Auch das ist ein Grund, die Ausstellung nicht zu verpassen. Man kann sich darrüber hinaus in der Kirche, im Museum, im Kreuzgang etc. frei bewegen und in Muße alles ansehen, wozu während einer Führung die Zeit nicht reicht. Auch Fotografieren war während meines Besuches nicht eingeschränkt. 



Detail eines Wandteppichs, Museum Kloster S. Lazzaro degli Armeni
Der Pavillon der Niederlande mit der Ausstellung von Hermann de Vries macht glücklich, und wer das Glück krönen will mit einem Besuch seines Kultplatzes auf der Insel Lazzaretto Nuovo muss im Pavillon die Aufpasserin um ein Bootsticket bitten. Es fährt täglich um 15 Uhr kostenlos ein Boot mit ca. 20 Plätzen ab der 1. Brücke zwischen Arsenale und Sant'Elena, Dauer ca. 2 Stunden. Fällt aus bei Regen oder zuviel Wind. Ich hatte am 20.5. einen Platz im Boot am 22. bekommen, an dem es leider heftig regnete. Vielleicht bekomme ich im Herbst eine 2. Chance...

Noch ein letzter praktischer Insel-Tipp: noch bis 7.6. gibt es 2 Ausstellungen auf S. Giorgio Maggiore, die das eingeschränkte Betreten der Gebäude der Fondazione Cini ermöglichen, jenseits von Führung oder Bibliotheksbesuch.  Es ist dies einmal die Ausstellung 'Das Meisterstück' von Matthias Schaller im Cenacolo (Speisesaal) des Klosters von Palladio. Cenacolo mit Veronese-Replika der "Hochzeit zu Kana" und kurzen Gang durch den Zypressen-Kreuzgang ist unbedingt sehenswert, die Ausstellung von Schaller fand ich sehr beeindruckend. 
Die zweite Ausstellung ist 'Stabat Mater Dolorosa' von Giovanni Manfredini, Musik Ennio Morricone, eine sehr pathetische Sache (und nicht mein Ding) in einem völlig dunklen Raum, vor dem eine Schlange auf Einzelbesichtigung wartet. Aber man geht aus diesem Anlass über das Longhena-Treppenhaus und hat einen schönen Blick von oben auf den Palladio-Kreuzgang (den vorderen der beiden Kreuzgänge).
Die Tür zur Fondazione Cini ist geöffnet, dahinter steht ein Tisch, an dem AusstellungsbesucherInnen einen Spezialanstecker bekommen (ohne Anstecker=Badge kein Eintritt bei Cini auf S. Giorgio). 


Longhena-Treppenaus auf S. Giorgio Maggiore, Fond, Cini
Arsenale:
Die Box-Offices vor dem Arsenale, die a. im Weg und b. in der prallen Sonne standen, sind umgezogen in einen schönen Informationsbereich hinter die Arsenalemauer mit Sitzgele-
genheiten im Freien, Bäumen und direktem Zugang in den Bookshop und das Café des Arsenale-Eingangs. Hinten in der Ecke rechts vom Arsenaleeingang, man sieht es nicht unbedingt auf den ersten Blick. Danke, gute Idee. 

Die Vergini-Gärten des Arsenale sind jetzt als öffentlicher Park der Bevölkerung (und dem Tourismus) kostenlos zugänglich durch die "Hintertür" an der Calle stretta, auch eine gute Idee, nochmal danke. Man kann von da aus aber NICHT aufs Biennale-Gelände des Arsenale, dennoch haben in diesem Bereich erfreulicherweise einige Ausstellungen Platz gefunden. Z. B. Sarah Szes Installationen zwischen Flora und Ruinen oder "Das Lied der Deutschen" (ja!) in vielen afrikanischen Sprachen, das im kleinenTurm an der Ecke der Porta Nuova schon von weitem zu hören ist. Vielmehr bekommen Biennale-BesucherInnen, die von innen kommend auch den Vergini-Bereich durchstreifen wollen, ein rotes numeriertes Armbändchen verpasst und dürfen in den öffentlichen Bereich. Wer in den Biennalebereich (zurück-) will, muss ein unversehrtes rotes Armbändchen vorweisen. Ich habe vergessen, mich nach den Öffnungszeiten dieses kleinen schönen Parks zu erkundigen, aber nehme an, mindestens während der Biennale-Öffnungszeiten 10-18 Uhr.


Lied der Deutschen, gedruckt und gesungen auf Lingala
Zattere:
Ein kleines Biennale-Projekt findet bisher nicht so viel Beach-
tung, aber abends bei Sonnenuntergang an den Zattere statt, am Fuß des Ponte lungo, "The Laguna's Tribute": projektmäßig ausgewählte Gedichte, die monatlich wechseln, werden der Sonne hinterher gerufen. Von einem Schauspieler, der auf einer eigens installieren Apfelkiste aus Bronze steht und es teilweise gar nicht leicht hat, den Wasserverkehrslärm und den Wind zu übertönen. Und danach kann man, poetisch animiert, den Tag am Ufer der Zattere bei einem Glas und manchmal auch Live-Musik ausklingen lassen...






Ich begleite und führe zu Nationenausstellungen und Nebenausstellungen in interessanten Gebäuden in der Stadt. Auch themen- oder personenzentrierte Begleitungen können auf Anfrage abgestimmt werden über einen Klick ganz oben rechts in der dunkelgrünen Spalte.
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26. Oktober 2013

Ein Wort zu Behinderten in der Kunst


 
Behinderte KünstlerInnen stehen völlig außer Frage. Die Beschäftigung mit künstlerischen Ausdrucksformen gehört heute zur Integration und Kunstwerke behinderter Menschen werden als solche wahrgenommen, ausgestellt, verkauft. Auch im Internet, z. B. unter Insiderart.

Gerade bei dieser Biennale "Il Palazzo encyclopedico" stößt die Obsessivität vieler der ausgestellten KünstlerInnen in bezug auf ihr Thema oder das rituelle Wiederholen ihres Tuns an das, was ich als Selbsttherapie empfinde, auch als eine Abgren-
zung, als Schutz. Ich würde nicht wagen, die Grenze einzu-
schätzen zwischen kreativer Einzigartigkeit und einzigartiger Fokussierung, die möglicherweise zwanghafte Züge trägt.


Die Darstellung behinderter Menschen in der Kunst ist ein ganz anderes Thema. Schwierig. Was man an Alison Lapper sieht, als anerkannte Künstlerin mit Kunsthochschulabschluss einer-
seits und als Thema der Kunst von Marc Quinn. Seit 3 Wochen gehört 'Alison Lapper pregnant' zu meinem täglichen Umfeld, und sie gehört für mich prägend zu diesem Kunstsommer in Venedig.

Ausgerechnet bei diesem Kunstwerk verliert sich die Diskus-
sion, die ich mitbekomme, zum Teil in geschmäcklerischen Fragen der Ästhetik, in vereinzelten Äußerungen, die peinlich an "gesundes Volksempfinden" erinnern. Dass Behinderung an sich in der Kunst kaum thematisiert wird, ist aus meiner Sicht keine Frage der Ästhetik sondern der Ausgrenzung von Behinderung in der Kunst, der Angst vor dem Blick auf das Ungewohnte.


Michel de Montaigne schreibt im 2. Band seiner Essais:
„Was wider die Gewohnheit geschieht, nennen wir wider die Natur. Doch es gibt nichts, überhaupt nichts, was nicht gemäß der Natur geschähe. Lasst uns anhand ihrer univer-
salen Vernunft die abwegige Verblüffung abschütteln, die uns bei ungewohnten Erscheinungen jedes Mal überkommt!“


In Venedig gibt es seit fast 500 Jahren die Skulptur eines Behinderten, der Gobbo vom Rialto. Aus entsprechender Per-
spektive kann man seine Wirbelsäulenkrümmung gut erkennen, sie hat eine praktische Funktion einerseits (sie trägt die kleine Plattform für den Nachrichtenschreier) und gleichzeitig wird dem Behinderten eine gewisse magische Funktion zugewiesen.


Eine andere Darstellung eines behinderten Mannes aus dem 16. Jahrhundert wurde in einem hochinteressanten Forschungsprojekt wissenschaftlich untersucht.


Im Rahmen der Biennale gibt es ein Projekt des Künstlers César Meneghetti, "Io è un altro" (Ich ist ein anderer), das mich überaus beeindruckt hat. Meneghetti stellte mit einer Gruppe behinderter Frauen und Männer Filminstallationen und einen Interviewfilm her, in denen seine ProtagonistInnen sich selbst entspannt und authentisch darstellen. 


Für mich gehört diese Ausstellung zu den wirklich überzeu-
genden dieser Biennale. Der Trailer gibt eine kleine Vorstellung der Arbeit.

Ich empfehle sehr, nach San Servolo zu fahren (Linie 20 ab S. Zaccaria, alle 40 Minuten, also 9:50, 10:30, 11:10, 11:50, 12:30 usw.) und sich die Zeit zu nehmen, das Projekt, vor allem den Film, anzusehen. (Wer über Mittag dort ist, kann für 10 € ein günstiges Mittagessen im Mensa- oder Kantinen-ähnlichen Restaurant hinter den Ausstellungsräumen bekommen, mit Tablett, Warteschlange, Vorspeise, Hauptgang aus Fisch/Fleisch+3 Gemüsen, Salat, Nachtisch, alles inlusive.)


Und ich habe es auch geschafft, das Aufblasen von "Alison Lapper pregnant" zu beobachten, das keineswegs bei Sonnenaufgang stattfand, sondern um 10 Uhr, als ich von einem sehr frühen morgendlichen Besuch der Bibliothek des Museo Correr wieder auf die Insel zurückkam. Da hatte ich wirklich Glück!



Bücher zum Thema

Ergänzung 18.03.2015 
The Guardian: Statues around the world that show disability: share your photos

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11. Oktober 2013

Streik 24 Stunden

Am nächsten Freitag, 18. Oktober.
Die Inseln werden mit einem Notdienst versorgt.

Die Samstag/Sonntag-Führungen auf S. Giorgio Maggiore fallen aus, wie schon an diesem Wochenende, wegen interner Veranstaltungen. Wer den Campanile besteigt, kann von oben die Buffet-Aufbauten in den Kreuzgängen bewundern.
 
Vollmond ist auch....

Sieht nach Picasso aus, ist aber Detail einer sehr witzigen Installation von Camilla Ancilotto, "Desposizione", im Park von S. Servolo bis 24.11.


23. Dezember 2011

Eine seltsame traurige wahre Geschichte


Auf Matteo Lovat trifft man auf San Servolo, während der Führung durch das Museo del Manicomio, der ehemaligen 'Irrenanstalt', der Psychiatrie für Männer. Er wird vorgestellt als "der berühmteste Patient", der, der sich selbst gekreuzigt hat.

Der Besuch des Museums hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Methoden der Behandlung, die Vitrinen voller Gerätschaften mit
denen sie ausgeführt wurden, und die Gesichter der Kranken, stark vergrößerte Portraitfotos, denen man sich nicht entziehen kann - im Gedächtnis haftet der Name Matteo Lovat und wird gegoogelt.

Es findet sich ein kleines Buch, keine 40 Seiten, der Bericht des venezianisch
en Arztes Dr. Cesare Ruggieri an zwei Kollegen, den Deutschen Dr. J. D. F. Scherf und den Niederländer David van Gesscher, als Faksimile, ursprünglich geschrieben auf französisch, übersetzt von Julius Heinrich Gottlieb Schlegel und veröffentlicht in Rudolstadt 1807.
Calle della Vida, kleinste Gasse, die von der Vaporettostation Fondamente Nove nach Cannaregio hinein führt, in den Ortsteil Biri

Dr. Ruggieri war zufällig in der Nähe der Calle delle muneghe, als Matteo Lovat, 47 Jahre alt, sich dort im Frühsommer 1805 selbst kreuzigte und traf nach dessen Notversorgung durch einen Wundarzt (Fußbad, herzstärken-
des Mitte
l) bei ihm ein, fand ihn im Schock und kaum kommunikationsfähig und ließ ihn (mit Genehmigung der anwesenden Polizeidirektors von Cannaregio) von S. Alvise ins Hospital SS. Giovanni e Paolo rudern.
Dr. Ruggieri war der Leiter der kaiserlichen klinischen Schule, die Behandlung Matteo Lovats bestand aus Pflege der Wunden, Diät, Versorgung mit Medikamenten, Gesprächen. Neben der psychischen Disposition vermutete Dr. Ruggieri, dass Matteo Lovat an
Pellagra litt.

Calle della Vida, wo Matteo Lovat zur Untermiete lebte. Die Häusernummerierung hat sich seit 1802 geändert, die Identifizierung des Hauses (für mich) nicht möglich

Dr. Ruggieri berichtet durchaus sensibel die Vorgeschichte Matteo Lovats, der den Wunsch hatte Priester zu werden, Schuhmacher wurde und trotz (oder wegen?) Fleißes, Anpassung und Frömmigkeit in die Katastrophe steuerte: im Juli 1802 "nahm er an sich mittels eines scharfen Schuhmacherinstruments eine allgemeine gänzliche Amputation der Zeugungstheile vor und warf alle Theile, derer er sich eben beraubt hatte, zum Fenster hinaus auf die Straße".
Dr. Ruggieri reflektiert die Ursachen dieser Tat und bewundert, wie umsichtig Matteo Lovat die Wundversorgung vorbereitete, durchführte und so unerwartet schnell völlig heilte, während er gleichzeitig in seinem Dorf, Casale, Ortsgespräch war und blieb und letztlich zu Gespött der Dörfler wurde.

Ort des ersten Selbst-
kreuzigungs-
versuches, Calle delle croce (heute venezianisch 'de le tre crose')


Weshalb er im Novemver 1802 nach Venedig zog, eine Anstellung bei einem Schuster neben dem Ospedaletto (hinter SS. Giovanni e Paolo) fand und bei der Witwe Osgualda in Cannaregio in der Calle della vida 5775 (Quergasse an der Vaporettostation Fondamente Nove) wohnte. Im September 1803 wurde er von Nachbarn eine Gasse weiter, der Calle delle croce, beim ersten Kreuzigungsversuch mitten auf der Gasse gestoppt und wechselte daraufhin Wohnung (bei S. Alvise, Calle delle muneghe 2888) und Arbeitgeber (am Rio della sensa). Dort lebte und arbeitete er unauffällig und bereitete seine nächste Kreuzigung vor.


Zeichnung T. Mattani, Stich G. Rosaspina, dem Buch entnommen mit freundlicher Genehmigung des Verlags Belleville

Dr. Ruggieri beschreibt das komplizierte Vorgehen in allen Details; die Kreuzigung selbst, die Verhütung von Aufmerksamkeit damit keine Helfer eingreifen, und schließlich die Präsentation, indem der Gekreuzigte sich durch ruckartige Bewegungen und mit Hilfe eines Seils und seines eigenen Gewichtes aus seinem Fenster gleiten ließ und sich der Nachbarschaft zeigte.

Matteo Lovats Wunden heilten schnell im Hospital SS. Giovanni e Paolo, aber er blieb krank, schlafgestört, litt an Schmerzen und Bewusstseinsstörungen, und Dr. Ruggieri konnte in Gesprächen den Hintergrund der Selbstkreuzigung nicht klären. Er berichtet seinen Kollegen ausführlich über die Therapie Matteo Lovats und über seine Kenntnisse und Erfahrungen in der Behandlung ähnlicher Krankheiten, er scheint ein erfahrener Arzt und einfühlsamer Mensch gewesen zu sein.


Klosterkirche San Servolo

Matteo Lovat wurde per Entscheid der "Poli-
zeigeneral-
direktion" im August 1805 in das "Hospital für Wahn-
sinnige" nach San Servolo gebracht, nachdem er sein Ausgeh-
verbot zu brechen vers
uchte durch Nahrungsverweigerung und Verlassen des Hospitals im Hemd. Der Bericht Dr. Ruggieris wird ergänzt durch den Bericht des Ordensgeistlichen & Arztes auf San Servolo, R. P. Louis Portalupi.

Calle delle muneghe, zwischen Fondamenta della Sensa und Rio di S. Alvise, in der Matteo Lovat seine Selbstkreuzigung vollzog

Matteo Lovat starb am 8. April 1806 auf San Servolo. Die gut sieben Monate bis zu seinem Tod müssen ein Martyrium gewesen sein von Nahrungs- und Flüssigkeits-
verweigerung und Zwangsernährung (per Klistier), verschie-
denen schweren Erkrankungen der Atemwege, Schwellungen von Gesicht und Gliedmaßen, freiwilligen extremen Sonnenexpositionen bis zu Hautverbrennungen, die gewaltsam unterbunden wurden.

  Dr. Ruggieri zieht in seinem medizinischen Bericht den Schluss, dass man "Matteo Lovats Wahnsinn ganz von der Gattung Manie ableiten kann, wo der Kranke stets nur eine einzige fixe Idee, höchstens nur für sehr wenige Gegenstände Sinn hat und von Kühnheit in den Unternehmungen des Willens begleitet wird, welche Mich. Ettmüller mit Delirium melancholicum mit der Benennung 'Mania cum studio' bezeichnete".



'Selbstkreuzigung. Der Fall Matteo Lovat' kann nur noch im Verlag Belleville bei Michael Farin bestellt werden unter http://www.belleville-verlag.de/scripts/start.php


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30. Oktober 2011

Die letzten 4 Wochen der 54. Biennale...

Ausstellungspavillon Cuba auf S. Servolo. Leider vergessen, Künstlernamen & Titel zu notieren.

...die am 27 November schließt, bieten trot
z vieler bereits beendeter 'eventi collaterali' des Sommers noch interessante Länderausstellungen in der Stadt, auf die ich bisher noch nicht hingewiesen habe.

Dazu gehören die auf der Insel S. Servolo, Cuba und Syrien. Cuba hat fast 50 Jahre nicht an der Biennale teilgenommen und zeigt unter dem Titel 'Cuba mon amour' eine Palette kraftvoller Arbeiten, Malerei und Skulpturen vor allem. Pathos durchaus, aber wenig Fidel-Pathos. Hat mir sehr gut gefallen.

Pavillon Syrien auf S. Servolo

Die Ausstellung Syriens 'Evolution' ist zurückhaltender (aufgrund der politischen Situation?), vor allem indem viele nicht syrische KünstlerInnen vertreten sind (Nemat Badawi, Nizar Sabour, Rima Salamoun, Sabhan Adam, Talal al Abdalla, Bernard Aubertin (Frankreich), Salvo Pastorello, Beppe Bonetti (Italien), Renato Mambor (Italien), Piero Mottola (Italien), Ivan Lardschenider (Italien), and PG-SLIS. Die ich bisher alle nicht kannte. Es gibt auch keine eigene Website der Ausstellung. Selber ansehen ist zu empfehlen.

Mensagebäude (rechts) des Kongresszentrums San Servolo

Der Ausstellungsbesuch auf S. Servolo ist natürlich der kleine Ausflug ins Grüne, diverse schöne Aussichtpunkte in die Laguna Sud, nach S. Lazzaro degli Armeni, ein bisschen Liegen im Gras unter Bäumen, die Inselcafeteria im Hauptgebäude, oder, wenn es zeitlich passt, ein günstiges Mittagessen in der Mensa im letzten Gebäude auf der rechten Seite, am Ende von S. Servolo.

Ich fand in diesem Jahr erstaunlich viele große tote Bäume im Park auf der gesamten Insel und frage mich, ob ich vor 2 Jahren keinen Blick dafür hatte, oder ob hier ein Baumsterben vor sich geht? Und wenn ja, warum?
(Vaporetto Linie 20 ab S. Zaccaria)


Video 'Music While We Work', Hong-Kai Wang, Foto entnommen dem Ausstellungs-
programm '& The Unheard, Soundscape Taiwan









Weiter sind sehenswert in der Stadt die (bisher noch nicht erwähnten) Länderausstellungen von Tai
wan, Zimbabwe und Azerbaijan. Taiwan wie immer in der Location des Palazzo delle Prigioni, der ehemaligen Gefängnisse neben dem Dogenpalast an der Riva. Ein überaus beeindruckendes düsteres Gebäude, 1589 von Antonio da Ponte begonnen und 1614 von Antonio Contino fertiggestellt. Die Gefängnisse erreicht man über die Seufzerbrücke beim Rundgang durch den Dogenpalast.
Die heutigen Ausstellungsräume liegen im ehemaligen Sitz der
Signori di Notte al Criminal, zuständig für den Wachdienst und die Anklage von Kriminellen, im vorderen Gebäudeteil durch den Haupteingang (erste Etage).
Die Biennale-Ausstellung selbst '
The heard and the unheard' ist mehr für die Ohren, viele Kopfhörer + Sitzgelegenheiten, damit man sich in Ruhe auf das zu Lauschende, teilweise ziemlich Überraschende, einlassen kann. Einige faszinierende Videos.


Zimbabwe, Misheck Masamvu, Rebirth
Zimbabwe, zwei Brücken weiter auf der Riva, direkt hinter der Kirche der Pietà links, (Istituto S. Maria della Pietà, 2. Etage, Fahrstuhl), ist zum ersten Mal dabei und tritt in ganz unspektakulären Räumen auf, aber dafür ist die Ausstellung 'Seeing ourselves' beeindruckend bis ergreifend. Und überraschend vielfältig in der Auswahl der Exponate. Unbedingt sehenswert.


Azerbaidjan hat wieder den Vorzug, in ei
nem Palazzo auszustellen, der normalerweise nur zur Biennale öffentlich zugänglich ist, der Palazzo Benzon am Canal Grande (leider sind diesmal die Balkons zum Canal nicht geöffnet, wie 2009).


Ausstellung Azerbaidjan, Portego des Piano Nobile, Palazzo Benzon. Blick zum Garten, nicht zum Canal Grande

Ein ganz typischer Palazzo, mit Mittel- und Seitenteilen, die im Parterre in Androne mit Wassertor und Lagerräume rechts und links gegliedert sind, darüber in Portego durch die ganze Länge des Hauses und dem Parterre entsprechende Seitenräume, schöne Deckenfresken & Stuck.
Die oberste Etage ist nicht zugänglich, aber man kann hier eine
Ferienwohnung mieten. Die Ausstellung 'Relational' ist ziemlich groß, ziemlich spannend, ziemlich vielseitig sprich auch von unterschiedlicher Qualität, auf jeden Fall besuchenswert.
(Vaporettostation S. Angelo, Linie 1, von da links halten, 2 Brücken.)


Kleine Ecke auf dem Dachboden des Palazzo Fortuny, in der es anscheinend NOCH höher geht...

Link Vom Palazzo Benzon sind es nur ein paar Meter zum Palazzo Fortuny, wo (jenseits der Biennale) die vielgelobte Ausstellung 'TRA - The Edge of Becoming' läuft, die bei meinem Besuch rappelvoll war. Man wurde gebeten, 10 Minuten auf dem Campo S. Beneto zu warten. Dieser Hype ist natürlich übertrieben, bei all den spannenden Angeboten in der Stadt. Aber die Empfehlung 'Palazzo Fortuny hat sich anscheinend seit der Ausstellung 'In-Finitum' 2009 herumgesprochen.

TRA entspricht in der Konzeption exakt 'In-Finitum', die mich sehr begeisterte. Diese 'Kopie' macht die Ausstellung keineswegs weniger sehenswert. Die Exponate sind andere, abgesehen von der Einrichtung des Piano Nobile, aber wieder wunderbar ausgewählte Einzelstücke verbunden zu einer Gesamtkomposition auf jeder einzelnen Etage und im ganzen Haus.

Auszug aus dem Katalog für die Exponate im 1. Piano Nobile

Es gibt für das Piano Nobile und den Dachboden jeweils Kataloge zur Identifikation der vielen kleinen und großen Exponate. Wenn man erstmal drin ist, kann es schon mal länger dauern, dazu lädt diese Ausstellung (und die vielen Sitzgelegenheiten) ein, und die große Anzahl der Besucher verteilt sich letztendlich auf den 4 Etagen ganz gut. Unter dem Link oben gibt es eine überzeugende Virtual Tour, in der aber nicht die ausgestellten Videos enthalten sind, die alle einen gewissen meditativen Charakter haben und mir sehr gut gefielen.


Glasstress:
Sehr großer gläserner Schreibtisch von Zaha Hadid
(Detail)

Als 'collateral event' der Biennale wird auch in diesem Jahr die Ausstellung 'Glasstress' verkauft, im Wortsinne, Eintritt 10 €, im Palazzo Franchetti an der Accademia Brücke.
Ich empfehle die Ausstellung mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist dies ein sehr schönes Haus,
erlesen ausgestattet bzw. renoviert, von den Parketts über die Tapisserien zu den Zimmerdecken, nicht zu vergessen das opulente Treppenhaus und der schöne Blick auf den Canal Grande, die Brücke, die Accademia...

Andererseits ist die Qualität der Exponate sehr unterschiedlich, Glaskunst kann sehr hart am Kitsch entlang schrammen und manchmal tut es (mir) schon ein bisschen weh. Trotzdem fasziniert, was Künstler mit diesem schwierigen Material machen. Aber der fette Eintrittspreis und die ärgerliche Tendenz, immer mehr 'collateral events', geadelt mit dem Logo der Biennale, als Dukatenscheißer während des Biennalesommers zu nutzen.


Skulptur von Erwin Wurm im Garten (Elternhaus)

Im Garten zum Canal Grande steht in diesem Jahr die begehbare Skulptur (des Elternhauses) des Künstlers Erwin Wurm, deren Schlichtheit in der pompösen Nachbarschaft des Palazzo schon sehr eindrücklich ist, und innen herrscht das private Grauen der 50er und frühen 60er Jahre. Leider nur mit Glasstress-Eintrittskarte!


Im nächsten Eintrag zeige ich meine Favoriten der Biennale und verleihe zum ersten Mal den von mir gegründeten giftigen Preis "Warwohlnix" für die ärgerlichste Ausstellung des Biennalesommers. Spannung!



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27. August 2011

In Venedig einlaufen

In Venedig an Bord eines großen Schiffes anzukommen ist eine Erfahrung, die den Atem nimmt und unvergesslich berührt. Vor vielen Jahren war das eine meiner allerersten Begegnungen mit dieser wunderbaren Stadt, und völlig überraschend dazu - ich wußte nicht, dass die Einfahrt durch den Porto di Lido läuft, weil die Ausfahrt der Griechenlandfähre drei Wochen zuvor über den Porto di Malamocco ging. Zwangsläufig - der Mulino Stucky brannte an diesem Tag und der Canale della Guidecca war wegen der Löscharbeiten gesperrt. Ich stand bei der Einfahrt im Sonnenaufgang auf dem obersten Deck der Fähre und konnte unter Tränen meinen Augen kaum glauben.

Ein Kreuzfahrttourist teilt sein Erlebnis dankenswerterweise mit uns und alle berechtigte Kritik an den großen Pötten, politische, ökologische, denkmalschützerische, ästhetische... macht jetz mal kurz Pause.







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5. März 2010

San Servolo

Im Park von S. Servolo

Das ist die Insel, von der ich jahrelang glaubte, sie sei irgendwie nicht interessant genug für einen Besuch oder zumindest keine Priorität, obwohl es dort meistens Kunst zu sehen und oft zu hören gibt.
Ein Irrtum, siehe Eintrag vom
17.10.2009, Biennale auf den Laguneninseln.

Ausserdem ist hier die ganztägige Öffnungszeit touristenfreundlicher als z.
B. auf der benachbarten Insel San Lazzaro degli Armeni, wo es täglich nur zwei Führungen am Nachmittag gibt.
(Beide Inseln mit dem Vaporetto Linie 20 ab S. Zaccaria alle 20 Minuten.)

Mensagebäude der Internationalen Universität

Die Insel San Servolo gehört der Provinz Venedig und ist damit nicht ein komplett privater Raum wie z. B. die Klosterinseln S. Lazzaro und S. Francesco, die Hotelinsel S. Clemente, die 'Archäologieinsel' Lazaretto Novo und andere. Man kann sich in den Aussenbereichen frei bewegen und z. B. die Cafeteria nutzen, während die große überdachte Grillanlage und der Tennisplatz wohl eher den Studierenden und Übernachtungsgästen vorbehalten sind.

Die Studierenden und WissenschaftlerInnen, die vorübergehend auf der Insel leben/arbeiten, gehören zur Venice International University, zum Archiv der Basaglia-Stiftung und zur Stiftung San Servolo. Ausserdem finden regelmäßig Tagungen/Konferenzen statt, die z. T. sogar öffentlich sind.

Madonnenkapelle im Park von S. Servolo

Im 7. Jahrhundert wurde die erste Kirche erbaut, ab dem 8. Jahrhundert existierte für ca. 500 Jahre ein Benediktinerkloster (Mönche) auf der Insel. Im Zuge der Evakuierung der venezianischen Kolonie Candia (Kreta) vor der endgültigen Eroberung durch die Osmanen Mitte des 17. Jahrhunderts fanden die venezianisch-kretischen Nonnen verschiedener (!) katholischer Orden hier eine gemeinsame Bleibe. Was auf die Dauer keine gute Idee war, und es blieb im Wesentlichen bei der Altersversorgung der geretteten Nonnen.

Eindrücke aus dem Museo del Manicomio










Anfang des 18. Jahrhunderts wurde das erste Hospital eingerichtet, das auch bereits psychisch Kranke (des
venezianischen Adels) aufnahm. Im Jahr 1797 wurde es mit der Ankunft der Franzosen in Venedig zu einer ausschließlichen "Irrenanstalt" (für Männer, kranke Frauen wurden auf S. Clemente behandelt und interniert), die bis 1978, als die Versorgung psychisch Kranker in Italien reformiert wurde, als solche genutzt wurde.
Ausführlicheres zu Geschichte auf der Website der Stiftung San Servolo ('The Island').

Die zentrale Aufgabe der Stiftung San Servolo ist die Pflege des Archivs der ehemaligen Anstalt für psychisch Kranke (Manicomio) vor allem für wissenschaftliche Zwecke, und das Museo del Manicomio. Der Besuch muss angemeldet werden, unter der Telefonnummer (0039)041-2765001402 erreicht man die sehr freundliche mehrsprachige Rezeption und bekommt einen Termin für eine Führung in der gewünschten Sprache.
(Achtung: es gibt 'eigentlich' keine Einzelführungen. Ich hatte eine, weil die angemeldete englische Kleingruppe, der ich mich als Einzelperson anschließen wollte, nicht erschien. Als Einzelperson sollte man sich deshalb von der Rezeption an eine Gruppe vermitteln lassen.)


Der Besuch ist sehr beeindruckend
und, wenn man sich in die Angst und den Horror der hier ausgelieferten Patienten einfühlt, erschütternd. Die junge Frau, die mich durch das Museum führte, war sehr kompetent nicht nur das Museum betreffend, sondern auch in medizinhistorischen und psychiatriehistorischen Fragen.
Ihre Führung war so interessant, dass ich mir in der Folge die kleine Veröffentlichung über den 'berühmtesten Patienten' der Insel, Matteo Lovat, besorgt habe. Der venezianische Arzt D. Cesar Ruggieri berichtet 1805 seinem Freund, dem Lippeschen Hofrat, Leibarzt, Medizinalrat... D. J. C. F. Scherf über den Fall und gibt einen spannenden Einblick in psychiatrische und medizinische Behandlung jener Zeit.

Rückseite der Kirche San Servolo

Zur Führung gehört ausserdem die Kirche (wenn sie denn fertig renoviert ist), die historische Apotheke der Klinik (vergleichbar, aber größer als die historische Apotheke "All'Ercole d'Oro" bei S. Fosca in Cannaregio) und die Anatomie, in der verstorbene Patienten seziert wurden.
Die Führung ist aus meiner Sicht für Kinder NICHT geeignet, solange sie nicht eindeutig verstehen, dass hier die Behandlung psychisch kranker Menschen der Vergangenheit, nicht der Gegenwart, dokumentiert ist.

San Servolo ist neben diesem interessanten Museum eine grüne Oase der Ruhe mit solitären Kunstwerken, aber auch großartigen Ausstellungen, mit beeindruckender Fauna (Beschilderung der Bäume wie in botanischen Gärten), wunderschönen Ausblicken auf die Lagune und Gras unter den Füssen. Welch ein Genuss nach dem venezianischen Pflaster.

Die Nachbarinseln S. Lazzaro d. Armeni (links) und S. Clemente (rechts)








Unbedingt einen Besuch wert!

Auf der Website der Insel finden sich alle Informationen.

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17. Oktober 2009

Biennale auf den Laguneninseln

San Servolo. Detail "Save the Poetry" : durchscheinender Marmorschmetterling

In diesem Jahr gibt es Biennale-Ausstellungen auf den Inseln San Servolo, La Certosa und Sant'Erasmo. Über die letztere habe ich schon öfters berichtet, die beiden anderen noch nie besucht.
Und wie ich der Meinung bin, dass Biennale
grundsätzlich für Kinder interessant ist, finde ich die Ausstellungen mit der Möglichkeit, mal ins Grüne zu rennen, besonders reizvoll.

San Servolo: Linie 20 ab S. Zaccaria alle 20 Minuten. Der Par
k beginnt am Eingang rechts. Wenn man am Hauptgebäude vorbei geradeaus geht, gibt es hinten links, an der Piazza Baden Powell, eine Cafeteria (mit guter Toilette) mit normalen Preisen.
(Ich dachte übrigens, diese Piazza sei nach dem von mir verehrten brasilianischen Musiker benannt. Nix! Gemeint ist der englische Pfadfinder...)



San Servolo. Viel Kunst hängt in den alten Bäumen

An der Piazza Baden Powell sind die beiden Ausstellungen 'Mercury House' und 'Save the Poetry' und ganz am Ende der Insel der kleine Pavillon von San Marino mit einigen schönen Exponaten und Postern, die man mitnehmen kann, aber anscheinend leider ohne eigenen Webauftritt. Schade ist auch, dass so wenige Besucher den schönen Weg dahin auf sich nehmen.

Dazwischen gab e
s im Laufe des Sommers verschiedene weitere Ausstellungen die aber nun schon beendet sind, wie die OPEN 12, aber trotzdem finden sich noch einige Kunstwerke im Park, die man im Grünen unter großen alten Bäumen wunderbar abklappern kann. Der Rasen ist betretbar und die Bäume bekletterbar, der Ausflug auf die Insel mit ihrem 'englischen' Park ein sehr schöner Kontrast zum venezianischen Pflaster.
San Servolo- Der Pavillon von San Marino aussen, mit Heuballen-Kunstwerk...

(Der Besuch des Museums der ehemaligen psychiatrischen Anstalten für Männer muss telefonisch oder per Internet angemeldet werden und ist weniger für den Besuch mit Kindern geeignet. Ich werde über dieses Museum an anderer Stelle berichten.)

... und von innen (in der mittleren Kugel eine Teilansicht der Ausstellung + Fotografin)




La Certosa: mit den Linien 41/42 im 20-Minuten-Takt. Die Insel ist eigentlich gar nicht so klein, aber nur ein kleiner Teil ist zugänglich. Die
Exponate findet man direkt geradeaus hinter der Mauer, im offenen Bereich der auf der Insel angesiedelten Bootswerft.

La Certosa. Teil der Ausstellung 'La citta ideale'


Man kann annehmen, dass
Kinder die überall herumstehenden Boote und die Arbeiten in den großen Hallen interessanter finden als manche Kunst. Die Ausstellung 'La Citta Ideale' bietet aber ebenfalls spannende Entdeckungen. Die Arbeitsbereiche der Werft sind von der Kunst durch Pictogramme ordentlich abgegrenzt, man darf an den Toren gucken, aber nicht rein.

Wenn man zwischen den Hallen durchgeht, erreicht man das kleine Hotel Certosa,
mit Restaurant drinnen (auch hier ordentliche Toiletten) und Tischen auf der Wiese, dazwischen immer noch ein paar Kunstwerke (der eher schlichten Art).
La Certosa. Kleiner Teil des Werftgeländes

Am Eingang nach rechts gehend kommt man der Umfassungsmauer entlang zu vielen Ruinen von kleinen Ziegelgebäuden, die vermutlich von der österreichischen und italienischen militärischen Nutzung der Insel stammen. Schön zum Entdecken und Rollenspielen, und für die Aussicht auf den Schiffsverkehr im Bacino. Zusätzlich gibt es noch eine große Hasenwiese (es hoppeln tatsächlich Hasen ungerührt herum, bis auf 2 m Entfernung) mit einigen Tischen und Bänken zum Rasten und Picknicken. Völlig anders als der gepflegte Park auf San Servolo.

La Certosa. Ruinen am westlichen Inselrand, dahinter eine große Hasenwiese, nicht auf dem Foto

Die lange Brücke von der Schiffshaltestelle zur Insel hängt übrigens frei an
Metallpfählen, damit sie sich mit den Gezeiten heben und senken kann. Heißt, sie hebt und senkt sich auch mit Schiffswellen und Schritten. Heißt, seekrank beim Gehen oder auch jede Menge Spaß auf der heftig schlackernden Brücke...!

San
t'Erasmo. Kunst in der Torre Massimiliana

Sant'Erasmo: die
Sommerlinie der Laguna Nord läuft nur bis zum 22.10., danach kommt man nach Sant'Erasmo wie immer mit der normalen Linie 13 ab Fondamente Nove.
Die Ausstellung auf Sant'Erasmo unter dem Titel 'Krossing' findet wie immer in der Torre Massimiliana statt. Es gibt wenige, aber aus meiner Sicht besonders stimmungsvolle Exponate. Aber vielleicht bin ich einfach positiv voreingenommen, weil ich in diesen bunkerähnlichen Räumen schon einige wunderbare Ausstellungen gesehen habe.
Strand von Sant'Erasmo. Noch ist der Biergarten der 'Tedesci' sommerlich im September, wenn auch die Gäste weniger werden...

Wie immer bleibt auf Sant'Erasmo der Besuch im beliebten schlichten Biergarten der "Tedesci". (Ich habe tratschweise erfahren, der Biergarten wurde gar nicht von Deutschen gegründet, sondern von Österreichern. Die möglicherweise fürchteten, sie seien aus Gründen früherer Besatzung noch unbeliebter als die Deutschen. Ob sie ihr Lokal deshalb 'Die Deutschen' nannten?) Und wie immer eine Wanderung am langen Lagunenstrand, wenn auch nicht mehr im Wasser entlang des Ufers.
...während die Felder der Gemüseinsel schon den Herbst ahnen lassen
Oder zur Abwechs-
lung mal die Miete von Fahrrädern im Ferienzentrum 'Lato Azzurro' und eine Fahrradtour über die herbstliche Insel. Bevor der Winter kommt.

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