29. März 2020

Pflücke den Tag in der Distanzierung


Schöne italienische 70er-Jahre-Musik! Teile der Gewinne dieser Musikproduktion gehen an das Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo, der Stadt mit der höchsten Zahl an Covod 19-Todesopfern in Italien. Wer mehr Geld spenden möchte, überweist bitte an die

 Spendenaktion,
die das Krankenhaus über GoFundMe
 initiiert hat,
die derzeit (1.4., 11 Uhr) mit 20.000 Spender*Innen schon über die Hälfte ihres ersten Ziels von 1.5000.0000 erreicht hat. 

Wer direkt spenden will, nutzt bitte ein vom Krankenhaus eingerichtetes Spendenkonto:
Azienda Socio Sanitaria Territoriale Giovanni XXIII
IBAN IT52 2056 9611 1000 0001 2000 X95, BIC POSOIT22



New York Times 27.3.20: Bergamo, Italy. This is the bleak heart of the world's deadliest coronavirus outbreak.



Wie die Venezianer*innen sind auch wir DRIN, wenn auch nicht unter Strafandrohung. Die Medien behaupten, die Leute wollen schnellstens wieder raus. Die Leute, direkt gefragt, sagen aber meistens, sie wollen die Sache ordentlich durchziehen und hoffentlich zu einem Abschluss bringen. Warum wird ein angeblicher common sense vorgeschoben, um Druck unterm Deckel zu machen?! Ich empfinde das als Mißbrauch des Einflusses, den Medien in demokratischen Ländern eigentlich zum Glück haben. 

Ich selbst bin gerne "DRIN". Ich war schon als Kind Einzelgängerin, meine Ruhe ist mir wichtiger als Gesellschaft. Wenn ich nach hause komme, freue ich mich, dass niemand da sitzt und meine Aufmerksamkeit will, und dass ich die Tür hinter mir zumachen kann. Einsamkeit und Langeweile sind mir schon immer fremd.

Das geht nicht allen so. Die  Menschen haben soziale Bedürfnisse und Ansprüche, angeboren oder daran gewöhnt, zufrieden oder notgedrungen angepasst damit lebend, Einsamkeit hinnehmend oder darunter leidend. Aber jetzt müssen wir im Feldversuch alle unfreiwillig "Isolation" probieren, uns selbst beim Denken zuhören, uns mit Büchern, Klavieren, Strickzeug und Gartenumgraben beschäftigen, neue Formen von Disziplin ausprobieren, neue Aspekte des Wesentlichen erkennen, Konflikte ertragen und ggfs. danach die Scheidung oder Kündigung einreichen.  

Denkt jemand daran, selbst unter den Toten zu sein, die für nächsten Wochen definitiv angekündigt sind? Das ist eine ernsthafte Option. Kann diese kurze Zeit der "Isolation" die Gelegenheit sein, genauer hinzusehen, Entscheidungen nochmal zu überdenken, Bilanzen zu ziehen, Dankbarkeit zu empfinden, ins Reine zu kommen und die Endlichkeit des Lebens mit allen Konsequenzen auf sich selbst beziehen? Und wichtig: über Wünsche und Pläne nachzudenken, die nicht liegen geblieben sein sollten, wenn denn die Klappe fällt. 

In Gesprächen mit Sterbenden fanden Wissenschaftler*innen heraus, dass kaum jemand bereut oder beklagt, was er oder sie im Laufe des Lebens getan hat. Aber alle Sterbenden bedauern das, was sie nicht getan haben, als noch Zeit dazu war. Wir hoffen zu Recht, gesund durch die Seuche zu kommen. Aber vielleicht ist dies die Zeit, zu danken, zu verzeihen, sich zu erklären, zu telefonieren, zu skypen und zu schreiben, die Menschen mit Nähe in der Distanz, das Leben mit Hingabe und Lust zu genießen und danach "Redentore zu feiern wie noch nie!"?


Gewitter über Burano

Und außerdem gibt es hier ein paar Tipps für Venedigfreund*innen, die beim Pflücken dieser Tage auch in der schönsten Stadt verweilen möchten. Auch für die, die sie bisher leider nicht kennenlernen konnten. Virtuell.
(Die Liste wird mit neuen Angeboten erweitert.)



Virtuelle Besuche von Museen und Gebäuden
Fondazione Cini auf San Giorgio Maggiore.
(Siehe dazu auch die Einträge "Empfehlung: neues Besuchskonzept auf S. Giorgio Maggiore" vom 7.3.18 und "Der Heilige Stuhl und die Architekturbiennale" vom 28.3.18.)

Meraviglie di Venezia - Wunder von Venedig, rund um die Piazza San Marco.

Städtische Museen Venedig - MUVE
und YouTube Kanal der MUVE mit Videos der einzelnen Museen
Bei Google Arts and Culture:
Dogenpalast
Ca' Pesaro
Museo Correr
Ca' Rezzonico
Palazzo Mocenigo
Glas Museum Murano
Naturgeschichtemuseum

La Biennale: Historische Archive der Gegenwartskunst
La Biennale: Die Kunstbiennale 2015 als Onlineprojekt. Das war die großartige Biennale Okwui Enwezors, der leider vor einem Jahr verstarb. Siehe dazu auch die Blogeinträge zur Biennale 2015.

Scuola Grande di San Giovanni Evangelista (und Wikipedia) zeigt virtuelle ihre Räume auf Google:
Campiello San Giovanni
Campiello della Scuola
Sala delle Colonne 1
Sala delle Colonne 2 
Scalone monumentale 1
Scalone monumentale 2
Salone San Giovanni 
Oratorio della Croce
Sala dell'Albergo
(Siehe auch Eintrag "Scuola Grande di San Giovanni Evangelista" vom 7.9.2008.)

Santa Maria della Salute
(siehe auch die Einträge des Labels 'Salute')

Scuola Grande della Misercordia: die Räumlichkeiten
(Siehe auch Eintrag "Scuola Grande della Misericordia in neuem Glanz" vom 14.6.2016.)

Musik und Theater
Teatro La Fenice - Opernaufführungen und Konzerte
Teatro Stabile del Veneto "Una stagione sul sofà - eine Saison auf dem Sofa" mit Veranstaltungen auch des Teatro Goldoni in Venedig

Film 
Cineteca del Museo Nazionale del Cinema di Torino - 256 historische Kunstfilme
Film der Kooperative venezianischer Stadtführer*innen zu Kunst und Covid 19
Liste von Venedig-Spielfilmen, an die man heute über Streamingdienste besser herankommt als früher, von Jeff Cottons Seite Fictional Cities
Mediathek ARTE in italiano
Magnitudo Film Italia bietet freien Zugang zu den aktuellen Dokufilmen, u. a. zum neuen Palladio-Film, der im Mai in italienische Kinos kommt. Man muss sich mit Kontaktdaten anmelden, um die Liste der zur Verfügung stehenden Dokus zu erhalten.

Bücher
Liste von Büchern (belletristisch, englisch, deutsche Übersetzung kann man ggfs. recherchieren auf entsprechenden Seiten wie z. B. Amazon) von Jeff Cottons Seite Fictional Cities 
John Ruskin, The Stones of Venice (online)
Canaletto, Die Skizzen (online)
Casanova online (online

Vorträge in italienischer Sprache
Istituto Veneto di scienze lettere ed arti: You Tube Kanal mit Vorträgen zu verschiedenen Bereichen (siehe auch Eintrag "Palazzo Loredan - noch eine Führung für Fortgeschrittene" vom 17.3.2013.)
Ateneo Veneto, die Volkshochschule Venedigs: You Tube Canal mit Vorträgen zu verschiedenen Sachbereichen (siehe auch Eintrag "Neue Führung für Fortgeschrittene: Ateneo Veneto" vom 23.11.2017.)

"Zeitvertreib"
32 Online-Puzzles mit Venedigmotiven von Jigsawplanet




Ergänzung 30.3.20:
Mediathek ARTE:  re: Sperrzone Norditalien bis 27.6.20
(Dank nach Holland für den Tipp!)

Ergänzung 1.4.20:
Betrifft das Video "Rinascerò, rinascerai" siehe oben: Ursprünglich gab es einen Hinweis, dass jeder Klick auf das Video eine Spende von YouTube an das Krankenhaus Papa Giovanni III veranlasse. Ein Korrespondent hat diese Angabe überprüft und fand Unstimmigkeiten, die er mir mitteilte (Dank an B.F.!). Meine "Quelle" des Videos hat die Unstimmigkeiten seinerseits überprüft und fand das Misstrauen bestätigt, weitere Recherchen folgten (Dank an W.S.!).
Die Kontendaten und die GoFundMe-Initiative wurden 3fach überprüft und müssten nun korrekt und damit vertrauenswürdig sein. Grund mehr, eine Spende zu erwägen! 




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27. März 2020

Verlassenes Venedig 27.3.2020



Quelle: Andrea Rizzo auf Vimeo
(links oben auf den Titel klicken)



Was ist wohl widersprüchlicher als die Schönheit der seit über 1000 Jahren bunt bevölkerten Stadt Venedig und ihre Verlassenenheit in diesen Tagen?

Die Vermieterin "meiner" Ferienwohnung schreibt: " Wir sind zuhause und gehen nur raus wenn es unumgänglich ist. Und wir sehen unsere Stadt mit neuen Augen. Welche Pracht! Welche Schönheit an jeder Ecke!"


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25. März 2020

Dantedì 25. März 2020






AUGURI! 

Heute ist der allererste Dantetag (italienisch Dantedì) in Italien. Den neuen Feiertag beschloss der Ministerrat und am 3. März 2020 verkündete ihn der Kulturminister Dario Franceschini als jährliches nationales Fest. Das ist mal eine sehr bemerkenswerte Maßnahme, die man mit Applaus überschütten könnte, wenn man nicht gerade andere Sorgen hätte.

"Dante ist die Einheit des Landes, Dante ist die italienische Sprache. Dante ist die Idee Italiens" (Franceschini). 
Am 25.3. soll künftig in ganz Italien und weltweit an das Genie von Alighieri erinnert werden. Es ist der Tag "Maria Verkündigung" im christlichen Kirchenjahr, den man sich als den Beginn von Dantes mythischer Reise in der 'Göttlichen Komödie' vorstellt, aber es wurden im Laufe der Jahrhunderte weitere wichtige Ereignisse auf diesen Kalendertag eingetragen - z. B. die legendäre Gründung Venedigs am 25.3.412. 
Künftig werden Schulen, Schüler und die kulturellen Einrichtungen des Landes an der Gestaltung des Dantedì beteiligt sein. Im nächsten Jahr werden alle nationalen Kulturinstitutionen von der Accademia dell Crusca über die Dante-Gesellschaft bis zur Dante-Aleghieri-Gesellschaft zusammen mit ihren internationalen Dependancen den 700jährigen Todestag Dantes feiern. 


Ravenna Dantes Grabkapelle in Ravenna

Dies waren die Festtagsplanungen landesweit für heute. Nun muss es aus bekannten Gründen mehrere Nummern kleiner gehen. 

Die Feier wird online vom Kultusministerium bestritten um 11:00 Uhr auf dem YouTube-Kanal des Ministeriums. 

Und an Stelle von Dante-Lesungen, -Aufführungen in mittelalterlichen Gewändern, -Wettbewerben, dem Abschreiten von Dante-Pfaden, dem geführten Besuch von Dante-Originalschauplätzen, Konzerten etc. ergeht unter dem Hashtag #IoleggoDante die Einladung an alle, Dante zu lesen. Natürlich auch an Venedig-Liebhaber*innen. 



Dantes Text am Eingang des Arsenale

Dante besuchte 1321 Venedig und das Arsenale; der XXI. Gesang des Inferno, V. 7-12 seiner Göttlichen Kommödie gelten als authentische Beschreibung des Arsenale, der größten Schiffswerft bzw. Produktionsstätte überhaupt vor der Zeit der Industrialisierung.

"Quale nell'arzana de' Viniziani
bolle l'inverno la tenace pece

a ripalmare i legni lor non sani
chè navigar non ponno; - in quella vece
chi fa suo legno novo e chi ristoppa
le coste a quel che più viaggi fece.

Gleich wie man in Venedigs Arsenal
das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen,
womit das lecke Schiff, das manches Mal
bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen, 
kalfatert wird - da stopft nun der in Eil'
mit Werg die Löcher aus am Seitenboogen.



Er erkrankte noch in Venedig an der Malaria und starb kurz nach dem Rückreise in seiner Exilstadt Ravenna am 14.9.1321. Dort wurde er auf einem kleinen Klosterfriedhof begraben und später in eine prächtige Grabkapelle überführt. Seine Heimatstadt Florenz schmückt sich nur mit einem Grabdenkmal, nicht mit Dantes sterblichen Resten. 2018 besuchte ich Ravenna 1 Woche lang, auch mehrfach das Grab Dantes, das mitten in der Stadt liegt. Ein ungeheurer Tourist*innenauftrieb, besonders auch von christlichen Reisegruppen aus aller Welt, Pfarrern, Nonnen, die sich vor der Kapelle für ihre Gruppenfotos aufbauten.



In Venedig befindet sich im Canale delle Fondamente Nove, nahe beim Friedhof S. Michele, das Denkmal für Dante und Vergil, das ich im Blogeintrag "Dante und Vergil in der Lagune" vom 22.12.2016 vorstellte. Wegen dieses Blogs habe ich tief beeindruckt den Text aus dem 8. Gesang intensiver kennengelernt, aber abgesehen von einigen künstlerisch ausgestatteten Hochglanzausgaben nur im Projekt Gutenberg Stanzen, Verse oder Abschnitte gelesen.

Lassen wir uns also am Dantetag einladen, seinem Werk und unserer Allgemeinbildung ein bisschen Zeit zu schenken. Lesen wir über sein Leben und Wirken auf Wikipedia; über seine Göttliche Komödie und ihren kompletten Texte auf der Seite des Gutenberg Projekts; eine Rezension zu Dantes Gedichten "Rime" die 2014 auf deutsch in der Übersetzung von Thomas Vormbaum erschienen sind; vielleicht mithilfe der immer etwas schrägen Googleübersetzung einen Artikel vom 21.3. aus 'Artribune' zu den geplanten Online-Veranstaltungen oder der 'Repubblicca' vom 17.1., wo Roberto Benigni Dante rezitiert. (Auf YouTube rezitieren noch viele wunderbare Schauspieler Texte aus der Göttlichen Komödie.) 
Hören wir Franz Liszt, der nach der Lektüre der Göttlichen Komödie eine Sonate schuf, und einen kleinen Teil einer Hörbuchserie, bei der ich mir Gegackere nicht verkneifen kann...
Werfen wir einen Blick einen Artikel des Quotidiano di Puglia zur Entstehung des Dantetags, auch der Artribune zur Entwicklung des Feiertags, und als Anregung vielleicht auch auf die Website der Deutschen Dante-Gesellschaft 

Niemand weiss, wann wir die schönste Stadt wieder besuchen können, aber wer einen Sprachkurs in Venedig plant, interessiert sich neben den gewerblichen Sprachschulen vielleicht auch für die Non-Profit Arbeit der Società Dante Aleghieri und ihre Italienischkurse.


#iostoacasa - #ioleggoDante
Bleiben wir zuhause - lesen wir heute Dante!


Dante in Ravenna 2018


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22. März 2020

Kristallklar

Arsenale Juni 2014

"Kristallklar" ist das Stichwort, das derzeit durch die Medien aller Kontinente glitzert, nicht nur der social media, sondern auch der Printmedien (Spiegel, Guardian etc.). Schlagzeilen wie "Venezianische Kanäle waren seit Menschengedenken nicht so sauber wie seit der Coronavirus-Ausgangssperre" führen ganz schnell zu Fischen, Schwänen und Delfinen, die sich in Venedig tummeln. Und in den Kommentaren der Leserschaft herrscht neben handfesten Spekulationen über das schmutzige, ja stinkende Kanalwasser gefühlige Ökoromantik über Mutter Erde vor, die sich ihr Eigentum zurück nimmt, da die Menschen zum Glück aus dem Weg sind. 

Alle verlinken die selben kurzen Videofilmchen bzw. Fotos 1. eines Kanals, dessen algenbewachsener Grund zu sehen ist und ein Schwarm sehr junger Fische  (die es überall in den Nebenkanälen und in der Lagune gibt); 2. eines Delfins, gesichtet im Hafen des sardinischen Cagliari; 3. den Schwänen, die auf Burano leben, inklusiver bunter Buranohäuser im Hintergrund. In den ersten Meldungen wurden die Dinge noch halbwegs auseinandergehalten. Mit der Menge Retweets und der abgeschriebenen Artikel wurden Filmchen und Details immer weiter verrührt und begeistert auf die venezianischen Kanäle verteilt. Auch nicht der WWF Schweiz konnte sich einen reißerischen Tweet verkneifen. 
Wir sind so hoffnungsbedürftig in diesen Tagen der Schreckensnachrichten und -bilder, das Bild der wiedergeborenen Natur so tröstlich, dass jede*r dieses vermeintlich positive Ergebnis der Seuche mitteilen möchte. Natürlich gibt es auch Zweifler die dagegen halten, aber die gleichen Bilder ins Netz stellen, und schließlich die Realistischen mit der Erkenntnis, dass es sich um Fake news handelt, und nochmal mit diesen Bildern.
(Ergänzung 30.3.: Endlich nimmt sich zum Glück auch die Satire des Themas an.)



Gelegenheit, ein paar Sätze zur Abwasserentsorgung und zur Fauna Venedigs zu sagen.

Die sehenswerte Doku "Come funziona Venezia" zeigt neben der Stadtentwicklung und dem historischen Aufbau der Gebäude auch den traditionellen Weg der Abwasserentsorgung. (Bei fehlenden Italienischkenntnissen kann man den Text für Gehörlose im Link oben unter dem Film stehend per Google translate übersetzen und bequem lesen. )



Die venezianische Bauordnung sieht natürlich den Einbau von Kläranlagen und die Aufbereitung von Abwässern zwingend vor. Wo es geht! Also bei neuen Strukturen wie z. B. dem Gerichtszentrum und dem Studierendenwohnheim bei S. Marta, oder bei Konvertierung alter Gebäude in Hotels (z. B. derzeit die Ca' di Dio an der Riva). Aber die 1500 Jahre fortschreitende Bebauung der Laguneninseln, teilweise nur auf Sandbänken und einem Wald von Baumstämmen als Unterbau, schränkt die Raum- und Statikaspekte nachträglicher Unterbringung von Kläranlagen ein.

Ich habe eine venezianische Architektin zum Thema befragt, die mir das in Venedig verwendete 3-Kammern-System erklärte. Wenn die 3. Kammer gefüllt ist, ruft man den Veritas-Service, der mit einem Boot und genügend Verlängerungsrohren (ca. 15 cm Durchmesser, schwarz, geriffelt, kennen wir alle aus dem Stadtbild) kommt und die Kläranlage absaugt, egal wie weit entfernt sie vom nächsten Kanal ist. Der Job wird zeitnah, schnell, diskret, geräusch- und geruchsarm erledigt. Das abgesaugte Material wird wegen der Giftstoffe des Inhalts nicht als Dünger oder dergl. verwendet. Es wird getrocknet und per Verbrennung in Energie umgewandelt (sagt Veritas). 

Die Bakterien, die die Ablagerungen in den Kammern klären, gibt es in Dosen in jedem Haushaltswarengeschäft. Wer vergisst, rechtzeitig Bakterien nachzufüllen, wird durch einen wirklich schrecklichen faulig-fäkalen Geruch daran erinnert. 
(Das Alleinstellungsmerkmal des ehemaligen Klosterhostels des Redentore, mittlerweile geschlossen, war diese teilweise atemberaubende Geruchswolke im Garten zur südlichen Lagune. Der Betreiber war Nichtvenezianer, ihm fehlte naturgemäß das Feeling für diese Aufgabe und er hatte auch nie Zeit für eine Pause im Garten. Er wusste also nichts vom Killergeruch, solange man ihn nicht alarmierte.) 

Die Brauchwässer allerdings, die nicht durch die Kläranlagen wandern, z. B. Waschmaschinenwasser, werden durch die Fallrohre ungeklärt in die Kanäle geleitet und bei der nächsten Flut mitgenommen. Bei Flut befinden sich die Öffnungen der Rohre unter dem Wasserspiegel, bei Ebbe kann man das Laugenwasser in den Kanal plätschern sehen, wenn man es sehen will.
Die Mietshäuser vom Ende 19. JH an der Celestia, wo ich seit vielen Jahren mein venezianisches "Zuhause" miete, leiten enorm viel Waschmaschinenwasser in den Canale delle Fondamente Nove ein, morgens ist das Kanalwasser bedeckt mit Schaumkronen und das Wasser rund um die Haltestelle Celestia riecht intensiv nach Waschmitteln.

Wenn also, wie zur Zeit, nur ca. 50.000 Venezianer*innen und 0 Tourist*innen die Toiletten benutzen, duschen und Wäsche waschen, die Kanäle aber alle wie immer 2x täglich mit frischem Meer durchgespült werden, ist das Kanalwasser zwischen Ebbe und Flut logischerweise sauberer. Aber "kristallklar" ist natürlich nicht chemie-, bakterien- und virenfrei und Schwimmen in den Kanälen, wie noch vor 70 Jahren üblich, ist selbstverständlich ausgeschlossen, auch wenn es sehr schlichte Tourist*innen manchmal tun.



Text: Domenico Varagnolo


Die geringe Zahl der in der Stadt anwesenden Menschen wirkt sich natürlich auf den Bootsverkehr aus, der die Ablagerungen in den Kanälen aufwirbelt, die in den letzten 200 Jahren nicht mehr so regelmäßig und gründlich gereinigt werden wie zu Zeiten der Republik. Keine Taxiboote, wenig Transportverkehr des täglichen und des touristischen Bedarfs (alle Arten von Lebensmitteln, Toilettenpapier(!), gebrauchte und frisch gewaschene Hotelbettwäsche, Massen überflüssiger Trinkwasserflaschen et.), wenig Autofährenverkehr zum Lido. Man sieht die Bilder des spiegelglatten Canal Grande, Canale della Giudecca etc. und weiss: das neben der Bedrohung durch das Hochwasser wichtigste Umweltproblem Venedigs, der Moto ondoso, Wellen durch  Motorboote und Transportkähne ist derzeit nicht dramatisch. (Der noch bedrohlichere Moto ondoso der Grandi Navi fällt im Moment jahreszeitlich sowieso aus.)


Die Diversität der Fauna Venedigs ist natürlich kein Ergebnis einer Woche ohne Tourismus. Das ist Geschwätz. Die Tiere "erobern" sich nicht ihr Terrain zurück man kann sie nur besser sehen im klareren Wasser. Schulen sehr kleiner Fische waren da schon immer, wenn man gut hinguckte, auch Gruppen von ca. 20 cm langen Fischen unter geparkten Booten, ebenfalls nicht ganz leicht zu sehen, aber da. Das trifft auch auf andere Wassertiere zu, z. B. die Krabben und Krebse, die ich im Arsenale fand. Sie sind nur bei Ebbe zu sehen und versuchen, schnell wieder unter Wasser zu kommen. Nichts für den ungeduldigen Schnappschuss.


Die vielen Angler, die sich täglich auf ihre kleinen Boote zwischen S. Pietro di Castello und der Insel Certosa zurückziehen, pflegen sicher nicht nur ihr Privatleben, sondern fischen auch für ihre Bratpfanne.
Aber Delfine aus der Adria sind bisher nicht in der Lagune aufgekreuzt und wenn, wäre das ein Patzer wie vor einigen Jahrzehnten der kleine Wal, der versehentlich den Rhein bis Köln raufkam und sich wieder davon machte. 


Silberreiher Celestia 2019

Auf der vor einigen Jahren künstlich angelegten Salzwiese zwischen Friedhof und Arsenalemauer hat sich kontrolliert eine große Anzahl diverser Lagunenvögel angesammelt.
Silberreiher leben an einigen Stellen in der Stadt. Mir sozusagen persönlich bekannt sie die an der Haltestelle Accademia, die sich inmitten des Trubels aufhalten und ernähren, und der Silberreiher an der Haltestelle Celestia, den ich seit Jahren fotografiere, wie er sich elegant putzt. 
Die Enten auf der Giudecca bei S. Cosmas und Damiano leben "schon immer" da wie die Schwäne auf Burano, gehören jemandem und werden sicher gelegentlich gegessen (die Enten). 


Entenfamilie bei S. Cosmas und Damiano, Juni 2019

Die Tierwelt der Lagune allerdings kriegt nicht die gebührende Aufmerksamkeit. Nur die wenigsten Besucher nehmen sich Zeit, ein paar Tage in der nördlichen Lagune zu verbringen - Empfehlungen dafür werden das Thema eines der nächsten Einträge. Besonders eindruckvoll die Flamingoschwärme, die um Torcello und bei Jesolo rasten und für Ornitholog*innen eine Freude sind.
Website einer Bootsvermietung, die mit den Flamingos in der Lagune wirbt: Website der Casa Museo Andrich (siehe auch weitere Einträge zu Torcello)

Haubentaucher Canale delle Fondamente Nove März 2019

Ratten, Mäusen, Möwen, Tauben etc. ziehen aus dem Shut down Venedigs keinerlei Vorteile, denn nach Türeinsammlung von Hausmüll schränkt nun auch noch der Ausfall des essbaren Abfalls von Besucher*innen ihre Lebensqualität weiter ein. Und alte Menschen, denen das vor Jahren erlassene Vogelfütterverbot wurscht ist, dürfen nicht vor die Tür mit ihren Brotresten. Schlechte Karten. 
Aber auch für die Menschen ohne Arbeit, an die wir alle mit Mitgefühl und Solidarität denken und in der Hoffnung, dass "kristallklares Wasser" eine Metapher sei für das, was wir künftig besser machen wollen, wenn wir können.

Eine Venezianerin schrieb dieser Tage im Internet "Wenn das vorbei ist, feiern wir Redentore  (Il Redentore) wie noch nie!". Das ist der Spirit eines 1000jährigen Gemeinschaftssinns, der historische Common Sense uralten Zusammenhalts, der sich trotz schwindender Zahl der Echten Venezianer*innen immer noch erhält.





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17. März 2020

Stilles tönendes Venedig 17.03.2020

Das Deutsche Studienzentrum in Venedig und die Scuola Grande di San Rocco hatten zu einem Konzert für Saxophon und Orgel den Saxophonisten  Philipp Gerschlauer in die Kirche S. Rocco eingeladen. Philipp Geschlauer spielt beide Instrumente simultan. Das Konzert fand am 2. März mit Rücksicht auf "Io sto a casa" unter Ausschluss von Publikum statt. Also für uns alle. Danke.






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28. Februar 2020

In eigener Sache


Jemand hat diesen Blog auf die Vorschlagsliste des Grimme Online Award gesetzt. (Strg+F+Unterwegs in Venedig). Habe ich in dieser Woche erfahren. Eine Überraschung und zuviel der Ehre. 
Da ich nicht weiss, bei wem ich mich für diese ungewöhnliche Anerkennung bedanken soll, mache ich das auf diesem Wege: DANKE! für die Freude.

(Ganz von mir abgesehen, und da ich vorher noch nie so eine Vorschlagsliste gesehen hatte, empfehle ich, ein bisschen rauf und runter herumzusurfen. Es sind tolle und überraschende Arbeiten dabei, auf die man sonst vielleicht nicht käme.)


Ergänzung 26.3.
Wer neugierig ist, wie das grundsätzlich so funktioniert mit Grimme - hier gibt es Neuigkeiten.


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