2. Dezember 2019

Referendum Venedig-Mestre floppt, sozusagen

Fortsetzung des Eintrags vom 24.11.19 
"Referendum. Scheiden tut weh? Macht froh?"





Das Ergebnis des 5. Referendums ist eine Zustimmung zur Trennung mit 66,11 % (29.477 Wähler*innen). 33,89 % (15.109 Wähler*innen) sind gegen die Trennung. (Amtliches Zählergebnis 1:07 Uhr 2.12.19)

Im Detail:

  • Venezia Murano Burano  83,48 % ja  16,51 % nein
  • Lido Pellestrina              86,30 % ja  13,69 % nein
  • Favaro Veneto               45,89 % ja  54,10 % nein
  • Mestre Carpenedo         51,25 % ja  48,74 % nein
  • Chirignago Zelarino       47,88 % ja  52,11 % nein
  • Marghera                     36,39 % ja   63,60 % nein


ABER das behauptete Quorum von 50 % + 1 Stimme wurde nicht erreicht, das Referendum wurde gewonnen von den Enthaltungen bzw. vom Boykott, zu dem unter anderen der amtierende Bürgermeister Brugnaro aufgerufen hatte. Wie bereits im oben verlinkten Eintrag gesagt: Wer sich mit seiner Stimme nicht beteiligt, will, dass alles bleibt wie es ist. Was gegen alle großen Hoffnungen wohl zu erwarten war.
Unten die Abstimmungsbeteiligung insgesamt jeweils um 12, 19 und 23 Uhr und die Abstimmungsbeteiligung im Centro Storico von Venedig, in der Lagune und auf dem Festland.



Quelle:
https://twitter.com/TommasoCacciari/status/1201274878688665600

Das Abstimmungsverhalten des Festlandes ist einerseits für das Erreichen der Quorumsschwelle ausschlaggebend, andererseits zahlenmäßig für das Ergebnis.
In dieser Grafik zeigt sich, wo die Trennungbefürworter und Gegner*innen sitzen (ziemlich eindeutig sortiert, finde ich):


Quelle: https://twitter.com/comunevenezia/status/1201297259868119041

Damit wäre die letzte Option der Trennung von Venedig und Mestre gescheitert. ABER vielleicht ist doch noch nicht aller Tage Abend. Für den jetzt eingetretenen Fall, dass das behauptete Quorum von 50 % + 1 Stimme nicht erreicht wird, liegen bereits die Einsprüche fertig in den Jurist*innenschubladen. Denn weder die italienische Verfassung noch das Regionalgesetz sehen ein Quorum bei Volksabstimmungen vor - vielleicht ein Hebel, das Ergebnis anders zu bewerten.  



Zur Vollständigkeit der Dokumentation verlinke ich hier noch die letzten Überezugungsbemühungen des Gruppo 25 Aprile am Samstag 30.11., 3 Briefe an die Gruppen von Abstimmungsberechtigen und der zweite Teil von "Give Venice a chance:
Brief an die Freund*innen in Mestre
Brief an die Bürger*innen von Marghera
Brief an die Venezianer*innen


#Referendum Due Vvisioni a confronto
Give Venice a chance - seconda parte
(erster Teil 26.11.19 Give Venice a chance - prima parte)


Und 3 weitere Artikel, ebenfalls vom Samstag 30.11., der Essays auf der Website von ytali.:
ytali. Sì o No?
ytali. Perchè io voto Sì
ytali. In oltre_la separazione





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24. November 2019

Referendum. Scheiden tut weh? Macht froh?


Quelle: Gruppo 25 Aprile

In einer Woche, am 1. 12. 2019, findet das nunmehr 5. Referendum zur kommunalen Trennung von Venedig und Mestre statt. Das Thema ist hochkompliziert und für Außenstehende (mich) nicht wirklich überblickbar. Ein paar Sätze zur politisch und ökonomisch schwierigen Verbindung der beiden Städte stehen schon im Eintrag vom 4.9.19 "Bettenboom in Mestre - Luxuslogis in Venedig":
"Die Stadt Mestre wurde 1926 nach Venedig eingemeindet. Als quasi proletarische Vorstadt der petrochemischen Industrie am Ufer der Lagune, mit ca. halb so vielen Einwohner*innen als damals im 'Centro Storico', also in Venedig, lebten. Die Bevölkerungsstatistik vom Dezember 2018 zählt 260.520 Bürger*innen im gesamten Stadtgebiet (inkl. aller Eingemeindungen), davon  52.996 Bürger*innen in Venedig (ohne Inseln der Lagune) und 116.996 Bürger*innen in Mestre/Marghera. Dieser Bevölkerungszuwachs und -wandel ist mit ein Grund für die Kommunalwahlergebnisse (Lega und weitere rechte Konsorten!) und die sich rasant ändernde Rolle Venedigs, die immer mehr als "Museumsviertel" der "Metropolitanstadt Venedig" bestimmt wird: das der finanziellen Verwertung dienende Touristenzentrum am anderen Ende der Brücke. Dessen räumliche Kapazitäten ihre natürlichen Grenzen haben und deshalb einträglicher genutzt werden müssen (Luxussegment!). Aber darüber hinaus leicht erweitert werden können, im "Venedig" an der Landseite der Brücke, in Mestre. Verkehrstechnisch kein Problem mit den Trenitalia-Bahnen vom Bahnhof Mestre nach Venedig-Santa Lucia ohne Zwischenstopp und Bussen von ATCV und ATVO, und, so der Verkehr die Nutzung der Schiene erlaubt, mit der Tram."

Die bisherigen 4 Volksentscheide führten jedenfalls nicht zur Scheidung. 

Ergebnis 1979 unter der damals noch sozialistischen Verwaltung des Bürgermeisters Mario Rigo (ein engagierter Vertreter der Trennung, dessen Tod vor wenigen Tagen in Venedig sehr betrauert wird): 72,3 % für die Einheit, 27,6 % für die Trennung. 
Nächster Versuch 1989 während der Amtszeit des Bürgermeisters Antonio Casellati der grün-roten Verwaltung: 57,8 für die Einheit, 42,2, für die Trennung. 
Der 3. Anlauf 1994 mit der Stadtverwaltung des linken Bündnisses mit Bürgermeister Massimo Cacciari ergab 55,6 % fürs Zusammenbleiben, 44,4, % fürs Auseinandergehen.
Beim letzten Versuch 2002 unter Bürgermeister Paolo Costa des Mitte-links-Bündnisses wurde die erforderliche Wahlbeteiligung von 50 % nicht erreicht, damit war das Referendum ungültig.

(Es gab im Lauf der Jahre einige weitere Referenden, und zwar zur Autonomie Venetiens.  Hier geht es um eine nationalistische Bewegung, die mit der Autonomie Venedig-Mestre nicht verwechselt werden darf. Allerdings wurden die Trennungsversuche zwischen Venedig und Mestre mit Erfolg von den separatistischen Gruppen Venetiens instrumentalisiert.)

Beim nächsten Vorstoß am 1.12. also soll die Frage " Sind Sie für die Aufgliederung der Stadt Venedig in zwei eigenständige Städte Venedig und Mestre gemäß dem bürgerinitiativen Gesetzesprojekt  Nr. 8?" mit ja oder nein beantwortet werden. 
Die 256 Stimmbezirke (+ 14 Anstaltsbezirke) sind von 7 bis 23 Uhr geöffnet, die Auszählung erfolgt im Anschluss, das Ergebnis wird noch in der Nacht erwartet. Die Anzahl der wahlberechtigten Bürger*innen von Venedig+Inseln und Mestre  steht erst in der letzten Novemberwoche nach der Ausgabe der Wahlkarten fest.  
Hochgerechnet von den bisherigen 4 Venedig-Mestre-Referenden kostet der Spaß eine gute Million, das muss die Demokratie wert sein. Die Stadt kalkuliert 700.000 € für die Wahlvorbereitungen, 150.000 Kostenerstattungen von Wahlleiter*innen, Wahlsekretär*innen und Stimmenauszähler*innen, 150.000 € für die Sonderausgaben der Verwaltungsabteilungen inkl. Stimmzetteln/ Bürobedarf und über 6.000 € für "buon pasto". Gutes Essen gehört auch bei einem Referendum dazu, wir sind in Italien. 

Interessiert uns das? Ich finde schon! Deutschsprachige Medien wissen dazu wenig und sagen fast nichts, weder im Vorfeld und im Nachgang wahrscheinlich nur, wenn eine Sensation zu melden wäre, aber für Venedig-Appassionati sind ein paar Fakten erhellend, die ich venezianischen Medien und social media entnehme.

Z. B. auch die Folgekosten eines Wahlausgangs, der zur Scheidung führen würde: 2 Oberbürgermeister*innen kosten jährlich 132.000 € (Venedig als Regionalhauptstadt mtl. 6.400 €, Mestre nur mtl. 4.600 €). Der derzeitige Vizebürgermeister bekommt 5.200 € pro Monat, jährlich 62.500 €. 2 Vizebürgermeister schlügen für Venedig mit 57.600 € jährlich (4.800/Monat) und für Mestre mit 41.400 € 3.500 €), gesamt 99.000 € zu Buche (alles elegant von mir gerundet). Dazu kommen die Kosten für 2 Ratsvorsitzende von gesamt 79.200 €, bisher einer: 54.200 €.
Die Zahl und Kosten der Referent*innen würden sich erhöhen, ebenso die Zahl und Kosten der Ratsmitglieder. 

Eine konkrete Auflistung weiterer Kosten bzw. Einnahmen, z. B. von Steuern aller Art, Hafengebühren u. Ä. finde ich nicht im www. (Ein Bereich, in dem mir zugegebenermaßen der italienische Wortschatz fehlt, aber mithilfe eines Lexikons...) 
Lediglich die Verkehrsbetriebe ACTV veröffentlichen eine Einschätzung der Folgen einer Trennung der beiden Städte mit der abschließenden Bemerkung (Google-Übersetzung):  
"Auf der Grundlage der obigen Ausführungen, der aktuellen Vorschriften und der derzeit verfügbaren Informationen scheint es unmöglich, dass die Trennung der örtlichen Bevölkerung einen allgemeinen Nutzung in Bezug auf die Dienstleistungen oder niedrigere Sätze bringen könnte. In der Tat würde die hypothetische Gemeinde Mestre im Rahmen des Dienstleistungsvertrags ein strukturelles Defizit von 13 bis 14 Mio. im Jahr verzeichnen... die in jedem Fall zu zahlen sind, um den Bestimmungen des Gesetzes über Dienstleistungsverträge zu entsprechen."
Nun denn. Ich habe nicht den gesamten Text gelesen, da ich mir nicht zutraue, die Rechnerei sinnvoll nachvollziehen zu können.





Wer steht auf welcher Seite?

Die Antwort ist nicht durchgängig eindeutig, sondern zwischen den politischen Parteien und Akteur*innen gibt es auch Zickzacklinien für und gegen Trennung, und für Enthaltung, die ein wichtiger Aspekt bei der Sache ist.

Denn wer für die Enthaltung wirbt, wirbt nach der letzten Erfahrung eigentlich für die Einheit: ist das Referendum wegen mangelnder Wahlbeteiligung ungültig, bleibt alles beim Alten.
Prominenter Enhalter ist, aus nachvollziehbarem Grund, Bürgermeister von Lega Gnaden Luigi Brugnaro. Denn nach einer Scheidung hätte er weder in Venedig noch in Mestre einen Job. 
Zur Enthältung rät ebenfalls, mit erstaunlichen Argumenten, der Ex-Bürgermeister Massimo Cacciari, der Philosoph: "Eine lächerliche Sache, unzeitgemäß, schädlich. Man will die Zahl der Parlamentsmitglieder in Rom verringern, da frage ich die Befürworter: warum wollen sie die Zahl von Referenten und Ratsmitgliedern derart hochziehen?" 
Enthaltung empfehlen auch die Gewerkschaften. 

Gegen die Trennung, fürs Zusammenbleiben ist der Vizebürgermeister von Mestre, Gianfranco Bettin, Soziologe und aktiv in den Themen Umwelt und Anti-Mafia, für die er den Zusammenhalt der Städte wichtig findet - ein nachvollziehbares Argument.
Die Lega wählte Anfang Oktober eine neue Direktion, die zur Teilnahme am Referendum für die Einheit einlädt, aber nicht auffordert. Sie hat ohnehin eine starke Basis auf dem Festland, und sie will Venedig nicht aus ihrem sicheren Machtbereich Veneto entlassen, der Wiege der Lega Nord, aus der die heutige Lega für ganz Italien wurde.
Ebenfalls gegen die Trennung sind die Berlusconi-Partei Forza Italia und der Partito Democratico PD.


Für die Scheidung ist der kleine Teil der Lega, der bei den letzten Kommunalwahlen gegen die Berufung des parteilosen Luigi Brugnaro als Bürgermeister auftrat. Kopf der Gruppe ist Gian Angelo Bellati. Man will einen starken Lega-Mann an der Spitze der Metropolregion Venedig und nicht den parteilosen Selbstdarsteller Brugnaro.
Für die Trennung und zwei autonome Städte wirbt auch die Bewegung 5 Sterne (M5S), nationale Regierungspartei, und ein Zusammenschluss weiterer Gruppen wie CGIL VeneziaPiu Mestre piu Venezia und Mestre Mia.
Die Non-Proft-Organisation We are here in Venice informiert auch in englischer Sprache ausführlich und kompetent - pro Scheidung - auf Ihrer Website. Interessante Artikel sind z. B.: 
Vor allem aber die Bürgerinitiative "Gruppo 25 Aprile", Sprecher Marco Sitran (siehe Video oben) und Marco Gasparinetti kämpft für die Trennung. Auf der Website "25 Aprile" steht (in italienischer Sprache) eine ausführliche Einschätzung "Was sich ändern würde und was sich NICHT ändern würde".
(Die einzelnen Absätze kann man sich ggfs. von
Google übersetzen lassen, den 1. Absatz habe ich schon eingefügt...)

Gruppo 25 Aprile und die zweite wichtige  Bürgerinitiative NoGrandiNavi warben und werben mit gut besuchten Informationsveranstaltungen (z. B. heute um 11 Uhr im Ateneo Veneto  💥) für die Trennung und rufen für heute, 14 Uhr zu einer Demonstration gegen Grandi Navi, MOSE und Brugnaro auf. Das Motto ist "MOSE ist das Problem, nicht die Lösung". Nach den bisherigen  Hochwassern im November die Antwort auf die inkompetenten Behauptungen Brugnaros, sie seien Folge des Klimawandel - Rettung brächte die schnelle Fertigstellung der Hochwassersperren. Das ist ein griffiges Schlagwort. Und näher betrachtet ist es ein wesentlicher Teil des überaus kompexen Problems der Zukunft Venedigs und der Lagune. Aber was wäre die Lösung? Man wird es im Nachhinein wissen oder nie. Die Gletscher schmelzen, das Wasser steigt. MOSE hin, UNESCO Welterbe her. Arbeitet jemand an der Logistik für die Evakuation der mobilen Kunstschätze?

Gegen neue Regeln im Verfahren haben die Bürgerinitiativen Beschwerde eingereicht, weil seitens der Stadtverwaltung praktisch keine Werbung für das Referendum gemacht wird (und damit die Enthaltungen einseitig gefördert werden). Darüberhinaus habe Bürgermeister Brugnare mehrmals gesetzeswidrig zur Stimmenthaltung aufgerufen. Gleichzeitig wird der Aushang von Werbung für die Beteiligung - Aushänge, Fahnen etc. an Privathäusern und -wohnungen) mit Multe (Knollen sozusagen) bestraft und die Aushänge wenn nötig eigenhändig von der Polizei entfernt. 
Beschwerde wird auch geführt gegen die Regelung der Mindestwahlbeteiligung (50 % der Wahlberechtigten +1), die zur Ungültigkeit des letzten Referendumgs 2002 führte.


💥
Ergänzung 25.11.
Die Informations- und Diskussionsvorlage der Veranstaltung am 24.11. von Gruppo 25 Aprile im Ateneo Veneto wurde heute veröffentlicht. 
Das Ateneo Veneto stellt die Filmdokumentation der Veranstaltung am 24.11. auf YouTube. Podium: Gianpaolo Scarante, Presidente Ateneo Veneto
Interventi di: Maria Laura Faccini, portavoce associazione Mestre Mia Laura Fincato, già parlamentare e assessore Comune di Venezia Marco Gasparinetti, portavoce Gruppo 25 Aprile Nicola Pellicani, deputato Partito Democratico Mara Rumiz, già assessore Comune di Venezia Giorgio Suppiej, Presidente Venezia Serenissima (Beide Informationen beantworten einen Teil meiner Fragen, siehe unten, soweit ich sie verstehe - weniger sprachlich als mangels detaillierter Hintergrundkenntnisse als Nicht-Venezianierin.)




Dazu gab es in letzter Zeit einige lesenswerte Artikel:

Blätter für deutsche und internationale Politik Der Tod von Venedig. Tourismus bis zu Kollaps
FAZ Venedig ist nicht Opfer einer Naturkatasstrophe, sondern der Gier
Süddeutsche Zeitung Subito, Venezia!
Süddeutsche Zeitung Luigi Brugnaro
Zeit So schön ist der Hochmut
The Local Venice is dying: Residents to vote on wether to split city in half
Project Syndicate Saving Venice means restauring the citizenry as well as the art and buildings
Daily Beast Venice is Flooding Because of Corruption
APnews Flood-hit Venice's dwindling population faces mounting woes
The Spectator Venice needs Venexit
Guardian Venice goes to the polls in referendum on autonomy
Irish Times Venice voting on split from the sister city
Times Exploited Venice seeks salvation in vote to 'leave' mainland
Times Mayor Luigi Brugnaro accused of dirty tricks as Venice prepares for autonomy vote
ytali. Venezia-Mestre. Le ragioni del ni
ytali. Venezia. Referendum, le ragioni del mio sì
ytali. Venezia. Separare il Comune, scelta miope e anacronistica
ytali. Referendum. Una risposta di pancia ai problemi di Venezia
ytali. La separanzione ha senso solo se aprie la via a uno statuto speciale
La Nuova Applausi e fischi: il referendum "spacca" la platea al Teatro Goldoni
Universität Ca' Foscari Video zur Geschichte Venedig-Marghera

und 2 Tage vor der Abstimmung,  29.22., berichten schnell noch nur die TAZ: Eine Stadt - kein Disneyland und die SZ: Seenotrettung als deutschsprachige Zeitungen (soweit ich es überblicke) über das Thema. 


Die Probleme 
  • Korruption beim MOSE-Projekt, 
  • Abwanderung der Bevölkerung aufs Festland, 
  • mangelnde Bürgerorientierung und -beteiligungder Stadtverwaltung, 
  • halbherzige und groteske Versuche der Besucherregulierung (Drehkreuze! Eintrittgebühren!), 
  • Absicht, Mestre den ahnungslosen Besuchermassen als "Venedig" zu verkaufen und Venedig als lebendes Museum dem touristischen Luxussegment zuzuschlagen, 
  • unverminderte Menge und Größe der Kreuzfahrtschiffe wider alle Absichtserklärungen und Wissen um die Bedrohung von Stadt und Lagune
  • viele andere mehr
  • und zu allem auch noch ein untauglicher Bürgermeister ohne Augenmaß, Qualifikation und Sensibilität
scheinen es mir den Versuch wert sein zu lassen, die Zuordnung und Lenkung in der Kommune Venedig grundsätzlich anders zu organisieren. 
Was mich allerdings irritiert, sind viele Informationen zu den praktischen Konsequenzen, die mir fehlen. Die Gehälter von zwei Bürgermeistern anstelle eines einzelnen reicht als Kostenrechnung nicht aus. Wie genau trennt man zwei völlig verschiedene Städte? Wie funktioniert dann das regionale Konstrukt "Metropolregion"? Müsste man darüber nicht im VORAUS sprechen? Wie wirkt sich die Scheidung auf das Leben der Bewohner*innen in den nächsten 10 Jahren aus (um nur mal kurzfristig zu denken)? Was passiert mit großen Einheiten wie z. B. Flughafen und Hafen, wem "gehören" die, bzw. deren Steuern? Was passiert mit MOSE und dem Schutz der Lagune? Wie kann man den notwendigen Umbau mithilfe echter Bürger*innenbeteiligung aushandeln? Wie die Verantwortlichkeiten?

Nicht nur mich erinnert das an ein anderes Referendum, dessen Drama wir seit Jahren mit Grausen erleben. Schlecht informierte Bevölkerung erstmal abstimmen lassen und hinterher mit Mühe aushandeln, wie mit dem Ergebnis umzugehen ist, ohne vorher die Beteiligung der Bürger*innen am großen Wechsel zu sichern und bei gleichzeitiger Notwendigkeit, verantwortungslose Glücksritter am Aufsatteln zu hindern. 

Ich hoffe nächsten Sonntag auf ein eindeutiges Sì zur Scheidung und viele kluge Venezianerinnen und Venezianer, die danach die richtigen Entscheidungen zur rechten Zeit treffen. In bocca al lupo!


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20. November 2019

Spendenkonten für Venedig

In Venedig wurden sofort nach der ersten Hochwassernacht Nachbarschaftshilfen aktiv und vor allem Hilfsgruppen junger Leute. Schüler*innen, Student*innen, deren Bildungseinrichtungen tagelang geschlossen waren. Jetzt lernen und studieren sie wieder, aber trotzdem werden noch Hilfsaktionen für Bürger*innen mit Wasserschäden gefahren. Eine solidarische Stadt.

Wenn wir in Venedig helfen möchten, wie, wenn nicht mit Geld. Ein schönes Beispiel ist die Edicola von Walter Mutti, die mithilfe eines Spendenaufrufs im Internet innerhalb 24 Stunden mit dem Spendenziel von 25.000 € wieder finanziert war. Kleiner Tweet dazu.

Ich liste hier eine Reihe weiterer Spendenkampagnen auf: Wem das Mitgefühl mit den Menschen oder die Liebe zur schönsten Stadt und auch die Brieftasche locker sitzt, findet hier schnell eine Möglichkeit sich zu beteiligen.





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Spenden für das alte Herz der schönsten Stadt, die Basilica San Marco! Die Schäden sind dramatisch, der mit Mosaiken belegte Boden hat sich weiter gehoben, man konnte sehen, wie sich unter Wasser die Mosaiksteinchen lösten. Mehr dazu bei Gente Veneta, dem Medium der Diözese Venedig. Siehe auch Video von RAI news. Spiegel-Interview mit Francesco Moraglia, Patriarch von Venedig.

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Claudia Corò, Künstlerin auf der Giudecca, deren Studio/Geschäft zerstört wurde, bittet um 5.000 € für die Renovierung, damit sie wieder arbeiten kann.


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Die Scuola Grande di San Giovanni Evangelista (die immer Spenden zu karitativen Zwecken annimmt), hat im Erdgeschoss der Scuola und in der Kirche San Giovanni Evangelista große Wasserschäden zu renovieren und bittet ausdrücklich um Spenden dafür.
La Scuola ha subito, sta subendo danni gravissimi; colpita reiteratamente dall’onda di marea che ha raggiunto livelli di pochissimi centimetri inferiori a quelli del 1966. Tutte le nostre strutture del piano terra sono coinvolte: soprattutto la Chiesa di San Giovanni Evangelista, lo spazio Badoer, le due “casette” di pertinenza della Scuola ed il giardino; la sala delle Colonne, la Cappella della Memoria e le stanze adiacenti sottostanti lo scalone codussiano; gli uffici e la sala verde del bookshop. Solo la sala Stendardo è finora rimasta indenne. 
L’impegno straordinario, senza soluzione di continuità, che tutto il personale (e qualche confratello) ha saputo garantire - prima sulla base delle previsioni, quindi durante e dopo il verificarsi degli eventi - ha fatto sì che la gravità degli effetti negativi, ingenti, sia rimasta circoscritta “solo” a quanto la forza dell’acqua della laguna, la sua pervasività nelle strutture e negli impianti ha inevitabilmente prodotto. In una situazione tanto stressante per le strutture fisiche, gli apparati tecnici e di servizio, soprattutto per le persone, alcune note positive, non di poco conto, ci fanno bene sperare: i fondamentali apparati di servizio garanti dell’agibilità e della sicurezza rimangono finora efficienti; (fatta esclusione purtroppo per la Chiesa) passata ogni onda di marea la Scuola è stata resa prontamente fruibile e pienamente operativa (tanto che già nel giorno del picco più alto ha ospitato com’era previsto (sempre al meglio) un evento di rilievo nazionale ed inoltre l’Università Ca’ Foscari ci ha chiesto di poter ospitare un evento diventato per l’Ateneo improponibile); non ha subito conseguenze quanto sinora realizzato ed in corso d’opera per la salvaguardia ed il restauro dello Scalone del Codussi, con la sponsorizzazione straordinaria di Venetian Heritage.
Molti di voi, generosamente, chiedono come poter concretamente contribuire per essere partecipi, nella misura del possibile, al ripristino ed al risanamento delle strutture danneggiate. Per questo, come già previsto nel sito della Scuola (www.scuolasangiovanni.it/beneficenza), basta effettuare un versamento sul:

CC della Banca Intesa Sanpaolo, intestato alla Scuola Grande San Giovanni Evangelista di Venezia
IBAN: IT56 H030 6909 6061 0000 0013 320
SWIFT (BIC): BCITITMM 
CAUSALE: Contributo riparazione danni acqua alta. 


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Bäckereien haben großen Schaden an Maschinen und Backöfen genommen. Die Bäckerei Dal Nono Colussi bittet in einer Spendenkampagne um 15.000 €, um wieder arbeitsfähig zu sein.

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Das Ministerium für Kultur und Tourismus hat eine Spendenoption von 2 € per SMS eingerichtet. Unkomplizierter aber auch sparsamer gehts wohl kaum. Ich habe es versucht, hat leider nicht geklappt - ich habe den falschen Telefonprovider. Folgende sind kompatibel: TIM, Vodafone, Wind Tre, Fastweb, Tiscali, TWT (jeweils mobil und Festnetz); Iliad, PosteMobile, Coopvoce (jeweils nur mobil); Clouditalia, Convergenze (jeweils nur Festnetz).

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Die Vereinigung italienischer Autoren und Verleger spendet für die venezianischen Buchhandlungen 150.000 € und hat ein Spendenkonto eingerichtet mit der Bitte um Unterstützung. (Die venezianischen Buchhandlungen verschenken in diesen Tagen ihre Bücher, um die beschädigten wegzuschaffen und die Geschäfte trocknen und renovieren zu können.)


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Die Fondazione Querini Stampalia wird bei ihren Rettungsarbeit unterstützt von einer Schüler*innengruppe, bittet aber weiterhin um Spenden wegen der großen Schäden im Erdgeschoß, dessen Scarpa-Architektur ja bekanntlich den Zutritt des Kanals ins Haus ermöglicht.

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In der Grafikwerkstatt/Druckerei Ellemme wurden 5 alte Druckmaschinen und Mengen weiteren Arbeitsmaterials zerstört. Die Inhaber Michele und Luca bitten per Spendenkampagne um 40.000 €, um die Druckerei wieder arbeitsfähig zu machen.

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Die beiden Lazzaretti, Quarantäneinseln der Lagune, vecchio in der Nähe des Lido, nuovo gegenüber von S. Erasmo, sind wichtige Zeugen der Geschichte Venedigs und archäologische Grabungsstätten. Durch die ehrenamtliche Bürgerarbeit werden sie erhalten und sind als museales Angebot regelmäßig für Führungen geöffnet. Beide sind vom Wasser stark geschädigt und bitten um finanzielle Unterstützung auf ihrer Internetseite

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Zusammen mit den Gruppen "Venessia.com" und "Love" bietet Duri/Bianchi Solidaritäts-T-shirts an. (Weihnachten!) Minimalspende 15 €. Mit dem Gewinn werden durch das Hochwasser bedürftig gewordene Familien unterstützt.

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Der große Squero der Gondelbauer-Traditionsfamilie Tramontin wurde nach dem Tod des letzten männlichen Tramontin im letzten Jahr von den Töchtern der Familie, Elena und Elisabetta, übernommen. Die Gondelbauwerkstatt hat Gebäudewasserschäden aber vor allem wurden große Mengen Arbeitsmaterial, sprich wertvolle, jahrelang gelagerte Hölzer für den Gondelbau, von der Flut mitgenommen. Die beiden Frauen bitten in ihrer Spendenkampagne um 10.000 €.

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Die Universität Ca' Foscari wirbt um Spenden für 2 verschiedene Kampagnen: um als Teil der Stadt sich an der Unterstützung bedürftiger Bürger*innen beteiligen zu können. Und zur Unterstützung der Internationalen Universität auf San Servolo, (Webseite der Universität) die große Schäden erlitten hat.


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Die kleine Pizzeria l'Angelo hat beim Hochwasser den Kühlschrank und weitere elektrische Geräte verloren, die für die Arbeit unerlässlich sind. Gebeten wird in dieser Spendenkampagne um 8.000 €. Kleines Geld, um diese Existenz zu sichern.

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Marketingaktion der Lebensmittelmarktkette CONAD: vom 16.-30.11. werden für jeden ausgegebenen Kassenbon 10 Eurocent an Hilfsprojekte für Hochwasserschäden weitergegeben. Liste der Geschäfte unter dem Link.


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Die Balustrade am Ufer der Giardini der Biennale wurde von der Wellengewalt der Hochwassernacht des 12.11. völlig zerstört. Die Vereinigung der Architekten, Planer, Landschaftsplaner und Konservatoren der Provinz Pordenone  hat eine Kampagne für ihren Wiederaufbau eröffnet. Siehe dazu auch. Hier kann man sich mit einer Spende anschließen.

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Ri-prese ist ein Archiv meist privater venezianischer Kurzfilme von 1920-90. Das Projekt ist die Arbeit von 2 Personen und existiert seit 7 Jahren. Das gesamte Archiv mit Filmen und Geräten, in Parterreräumen untergebracht, stand unter Wassser. Zur Rettung (Digitalisierung) des Filmarchivs des venezianischen Privatlebens bitten Giuseppe Ferrari und Nicoletta Traversa um 10.000 €. Ausführlicher Bericht zum Projekt.

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Der T Fondaco, das Luxuskaufhaus im ehemaligen Fondaco dei Tedeschi, unterstützt Familien auf der Insel Pellestrina, die weitgehend neue elektrische Großgeräte wie Kühlschränke, Herde etc. brauchen, da alle Küchen der Insel im Parterrebereich liegen. Spendenaufruf hier. (Die Müllabfuhr des Gruppo Veritas sammelte auf Pelestrina 840 Kühlschränke, 900 Waschmaschinen etc. ein.)

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In der Werkstatt der Associzione El Felze konnten trotz aller Bemühungen Maschinen und kostbares Arbeitmaterial (wie im Squero Tramontin, siehe oben) nicht gerettet werden. Hilfe für die Gondelbauer ist dringend nötig. 

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7.12. jeweils 14:30 Uhr: 9 Führungen durch professionelle Führer*innen  zur finanziellen Unterstützung der dringenden Restaurierungsarbeiten an der Scuola Grande San Giovanni Evangelista nach dem Hochwasser vom 12.11.19. 
Nachfolgend die vorgeschlagenen Touren: 
  1. Das Sestiere von Dorsoduro zwischen Kunsthandwerk und Kuriositäten mit Annabianca Traversa - ​Start an der Piazzale Roma (Ponte di Calatrava
  2. Das jüdische Ghetto und das Viertel Cannaregio mit Giovanna Di Cataldo - Start am Bahnhof Santa Lucia (Eingang) 
  3. Venedig in der Literatur mit Domenico Moramarco - ​Start am Bahnhof Santa Lucia (Eingang) 
  4. Scuola Grande della Misericordia mit Ilaria Rizzardi - ​Start an der Scuola Grande della Misericordia (Eingang) 
  5. Dorsoduro und die Basilica della Salute mit Antonella Bracco  - Start an der Basilica della Salute (Eingang) 
  6. Abseits der ausgetretenen Pfade, San Trovaso und die Akademie, mit Diane Figarella - ​Start an der Basilica dei Frari (Eingang) 
  7. Venedig an seinen Ursprüngen und der Rialto-Markt mit Donatella Gibbin ​- ​Start am Campo San Bortolo (Statue von Carlo Goldoni) 
  8. Die Sestiere von San Marco mit Elisabetta Ferrari​ - ​ ​Start an der Kirche von San Zaccaria (Eingang) 
  9. Musik in Venedig und die Orte von Antonio Vivaldi mit Mauro Masiero - Start an der Piazza San Marco (Säule mit dem geflügelten Löwen von San Marco) 
RESERVIERUNG: E-Mail an moradomenico@yahoo.it mit der Nummer der ausgewählten Tour und der Anzahl der Teilnehmer 
BEITRAG: Kostenloses Angebot ab 10 € (Studenten 5 €) 
Zahlungsmethode: 
1. Überweisung Unter der Leitung von: Scuola Grande San Giovanni Evangelista von Venedig IBAN: IT 56 H030 6909 6061 0000 0013 320 SWIFT (BIC): BCITITMM Banca Intesa San Paolo Betreff: 7-12 Acqua Alta. Bestätigung der Teilnahme nach erfolgter Überweisung. 
2. Barzahlung an den Reiseleiter zu Beginn der Tour.



Liste wird nach Möglichkeit erweitert.
Bitte seid/seien Sie großzügig.







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18. November 2019

Mails aus Venedig 13.-17.11.2019


Foto: Danilo Reato

Der venezianische Autor Danilo Reato ("Die Masken der Serenissima", "Künstler im Cafè"), der auf dem Lido von Venedig lebt, schrieb in den letzten Tagen an seinen Bonner Verleger Arnold E. Maurer (Bonner Verlags-Comptoir) einige Mails über die Zustände in Venedig.



Anlegestelle S. M. Elisabetta, Lido
Foto: Danilo Reato


12. November 2019

In dieser Nacht hätte das Schlimmst passieren können. Seit der Zeit der Aufzeichnung (1923) hat uns zum zweiten Mal eine außergewöhnliche Flut mit 187 cm über Meeresniveau erreicht. Nach der von 1966 mit einer Höhe von 194 cm war es die zweite, die mit einer Bora mit Windgeschwindigkeiten von 100 km einherging. Im Moment fließt das Wasser wieder ab. Wie Du siehst, gehört auch das zu Venedig, das früher oder später ganz in den Fluten untergehen wird. Also: wenn Du Venedig noch sehen willst, dann mach Dich bald auf den Weg, es ist nicht klar, ob es ein Morgen geben wird.


Campiello del Piovan bei San Tomà
Foto: Danilo Reato


13. November 2019

The day after.

Das ist wirklich eine Katastrophe: auf dem Lido sind am Gran Viale (der Hauptflanierstraße) zwei Geschäfte komplett zerstört worden, die Konditorei C. und ein Geschäft für Reinigungsmittel, in dem ein Feuer ausbrach. Der Supermarkt C. ist geschlossen, er ist voll Wasser gelaufen. Und auch die nächste Flut mit einer Höhe von 160 cm hat alle an der Haupteinkaufsstraße auf eine harte Probe gestellt.

In Venedig stehen Gondeln im Trockenen vor den Hotels, auf der Piazza San Marco stand das Wasser in den historischen Cafès mehr als 1 m hoch. Das gilt auch für die Basilika von San Marco, die gerade restauriert wurde. Im Arsenal ist ein Boot fast bis zum Ende einer Gasse getrieben worden, andere sind gesunken. Bei einem Schiff ist das Ankerseil gerissen, es musste von der Hafenbehörde geborgen werden. Das ist wirklich das Ende dieser Stadt.


Helfer*innen entsorgen Hochwasserschäden
Calle dei Nomboli
Foto: Danilo Reato


15. November 2019

Venedig ist am Boden: ein Hochwasser folgt auf das vorherige. Auch heute waren es fast 160 cm. Es ist sogar schwierig geworden Brot einzukaufen, weil fast alle Backstuben unter Wasser stehen, Supermärkte sind überflutet. Auch hier auf dem Lido gibt es an der Haupteinkaufsstraße nur ein Lebensmittelgeschäft, das zum Glück ein paar Stufen höher liegt als die anderen und sich so gerettet hat.

Der Gran Viale (die Haupteinkauftsstraße auf dem Lido von Venedig) war heute ein einziger Fluss, vom Anleger bis zum Meer. Auch die Vaporetto-Anlegestelle wurde verlegt. Am Dienstag fuhren die Schiffe nur von San Niccolò aus, und das nach einem improvisierten Fahrplan. 
G. (ein gemeinsamer Freund) pendelt, zwischen seinen drei Geschäften in denen gewaltige Schäden angerichtet wurden, und leider sinkt der Wasserspiegel nicht. Es gibt mehr oder weniger zwei Hochwasser pro Tag. Er hat mich heute angerufen. Sein Handy war ins Wasser gefallen und er hat so sein Adressverzeichnis verloren. Er wollte mir mitteilen, dass ein gemeinsamer Freund gestorben ist (...). Morgen werden D. und ich versuchen, die Kirche San Silvestro zu erreichen, wo die Beerdigungsfeierlichkeiten stattfinden, aber das wird ein Angang werden.

Der Markusplatz wurde für Besucher gesperrt, nur Feuerwehrleute und Polizei dürfen durch. Die historischen Cafés sind betroffen, sogar das Florian hat Schwierigkeiten, obwohl es unter den Procuratie Nuove einige Stufen höher liegt, weil das Wasser den Holzfußboden, Stühle und Tische ruiniert hat. Ein wahres Unglück. Die Querini-Bibliothek bat um Hilfe, weil ein Teil der Bestände feucht wurde. Und so helfen denn viele Jugendliche, weil schon seit Tagen die Schulen geschlossen sind. Das Szenario ist wirklich apokalyptisch, und schon zittern alle vor einer neuen Flut, die die Stadt am Sonntagmorgen treffen könnte. Von der Biberrepublik, von der Goethe schrieb, scheint sich die Stadt zu einer Stadt der Aquanauten zu entwickeln.


Lido, Santa Maria Elisabetta
Foto Danilo Reato


17. November 2019

Venedig ist in die Kniee gegangen. Zahllose Einrichtungen sind geschlossen. In der Stadt hängt eine schier endlose Zahl von Zetteln an den Geschäften, die auf die Situation reagieren und verdeutlichen, dass unklar ist, wann man wieder öffnen kann. (...)

Das Café Florian hat heute über die Presse verlauten lassen, dass man nicht vor Mittwoch den Betrieb aufnehmen könne. Das ist nicht einmal1966 passiert. Das Cafè Lavena ist seit Tagen in einer Art Belagerungszustand. Der Geschäftsführer kann ebenfalls nicht sagen, wann die Geschäfte wieder laufen können. So betrachtet erlebt Wagner, der dort komponierte, noch einen Walkürenritt.

In den Buchhandlungen haben etwa 15.000 Bände einen Wasserschaden abbekommen, sie werden einfach weggegeben, so sind sie wenigstens in Sicherheit. In der Buchhandlung "Acqua Alta" ('Hochwasser') floss das Wasser sogar in die dort aufgestellten Wannen; und die Gondel, die in der Mitte der Buchhandlung steht, hob sich an. Deshalb titelte der "Corriere del Veneto" heute: "Tränen in einer Buchhandlung für 15.000 papierne Opfer".

Auf den Inseln Pellestrina und Burano hält die Flut nun schon seit 20 Stunden an. Die Situation ist deshalb so dramatisch, weil auf diesen beiden Inseln die Häuser in einer Art Standardbauweise gebaut wurden. Das bedeutet, dass Küche und Esszimmer ebenerdig liegen, die Schlafzimmer oben. So konnte das Hochwasser Küche, Herde, Kühlschränke und Waschmaschinen, zudem die ganze Elektrik ruinieren. Auf Pellestrina hätten enorm leistungsfähige Pumpen arbeiten sollen, aber die Verteilkästen für die Stromzufuhr waren ebenerdig aufgestellt. Und dann kam das Hochwasser und setzte die zentrale Stromzufuhr für die Pumpen außer Funktion. Ein echtes Desaster.

Fischerboote, die sich losgerissen haben, treiben in der Lagune umher oder gehen am nächstbesten Strand auf Grund. In Venedig rutschte an den Zattere ein Zeitungskiosk in den Kanal und man weiss nicht einmal, wo man ihn bergen soll. Am Ponte delle Guglie hat ein Kioskbesitzer über Stunden versucht, seinen Kiosk durch sein Körpergewicht so zu beschweren, dass er nicht langsam in den Kanal gleiten konnte, bis die Feuerwehr kam und die Situation rettete. Das wäre sonst ein wirkliches Desaster geworden, da der Kanal an dieser Stelle sehr flach ist und der Kiosk (...) den Schiffsverkehr behindert hätte.

Die Piazza San Marco ist auch heute gesperrt. Die Polizei sorgt dafür, dass nur denjenigen Personen Durchlass gewährt wird, die dort ein Geschäft besitzen. In all diesem Durcheinander gab es dann auch noch ein paar mediale Trittbrettfahrer. Eine Filmgesellschaft drehte einige Szenen eines bestimmten Films. "Die Show muss weitergehen", meinten die Schauspieler, und sie ernteten damit einen Proteststurm in den Social Media. Die Produktionsfirma entschuldigte sich und stellte das Filmen ein. Verrückte Sache.

Übersetzung: Arnold E. Maurer 


Libreria Giunti bei S. Aponal
Foto: Danilo Reato







































(Siehe auch Einträge 
"Edition BN-VE" 30.4.2018
"Die Masken der Serenissima" 30.1.2019.)


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13. November 2019

12.11.2019 (und 13.-15.11.)


Quelle: Twitteraccount Bürgermeister Brugnaro

 und nach Notsituationen
(besonders für Mieter*innen von Ferienwohnungen)


Berichte zur Schreckensnacht des 12.11. (die ich bis nach Mitternacht entsetzt am Computer mit den Webcams Venedigs verbrachte) und den folgenden Tagen finden sich weiter unten mit vielen Medienlinks. 
Hier folgen einfach nur praktische Informationen.

Nach der allgemeinen Schließung aller Schulen und Hochschulen HEUTE geben bisher weitere Institutionen die Schließung bekannt: ganztags Biblioteca Marciana, Fondazione Querini Stampalia, Fondazione Cini (auf S. Giorgio Maggiore und in Dorsoduro), Fondazione Bevilacqua la Masa (Piazza S. Marco und Dorsoduro), Biennale (Giardini und Arsenale), Peggy Guggenheim Collection. Nur vormittags: alle städtischen Museen (das Hochwasser hat bei 1,60 m gegen 9:30 Uhr seinen Scheitelpunkt erreicht und geht jetzt zügig zurück). 
Kein Direktverkauf von ÖPNV-Fahrkarten heute. Alilaguna informiert über den Stand der Flughafenverbindung (Wasserkanal des Flughafens geschlossen).

Siehe auch allgemein gültige Hinweise zum Thema Hochwasser der Verkehrsgesellschaft ACTV und der Stadt Venedig. Aktuelle Informationen des Wetter- und Tideninformationsdienstes der Stadt Venedig.



Siehe auch Eintrag L'Acqua Granda 1966-2016 vom 27.10.2016

Der Zeitungskiosk von Walter Muti an der Haltestelle Zattere wurde von Flut und Sturm vernichtet und weggespült. Eine Spendensammlung wurde eingerichtet. Falls jemand spontan etwas Gutes tun und sich an der Rettung eines Arbeitsplatzes beteiligen möchte.
(Ergänzung dazu am 30.11.: die Feuerwehr fand heute Walter Mutis Edicola in 7 m Tiefe und in einem Stück.)


Und zum Glück auch das Positive: Venezianische Resilienz   💗


Ergänzung 14.11.

Auch heute noch GESCHLOSSEN: 
alle Schulen und Kindergärten
Universität Ca' Foscari mit allen Gebäuden
Fondazione Querini Stampalian 
Dogenpalast
Teatro La Fenice - Führungen und Proben und auch die Konzerte
Peggy Guggenheim Collection
"Einige" der städtischen Museen (ggfs. telefonisch nachfragen bzw. geöffnet sind Museo Correr inkl. Archäologisches Museum, Torre del' Orologio, Museo del Vetro auf Murano, Museo del Merletto auf Burano)
Biblioteca Marciana (die rechtzeitig ihre Kostbarkeiten hoch über dem Wasser deponiert hat und keine Schäden erlitt, aber aufräumen und putzen will).
Die für heute geplante Konferenz wird auf den 10.11. 17 Uhr verschoben. 

Ebenfalls verschoben (bis auf weitere Informationen) ist die Eröffnung der neuen Ausstellung 16.11.-1.3.2020 Ca' Pesaro:  "Hommage to Umberto Moggioli 1886-1919". Einzelausstellung Umberto Moggioli aus der sogenannten Scuola di Burano.


Die Ausstellungen der Biennale sind heute wieder geöffnet. Schäden an Kunstwerken werden nicht gemeldet. Unter diesem Link werden ggfs. Updates gegeben.

Der Spendenauftruf für Walter Muti bzw. seine zerstörte Edicola an der Haltestelle Zattere war ein schneller Erfolg. Bisher kamen 18.500 € von den 20.000 angestrebten zusammen, alles kleine Beträge persönlicher Solidarität. Vielleicht will noch jemand kurz entschlossen die Gelegenheit nutzen, seinem/ihrem Mitgefühl auf pragmatische Weise zu folgen?
Außerdem durfte Walter sein Leid ganz oben klagen 👍: Giuseppe Conti.

12:42 Uhr Twitteraccount der medizinischen Notfallversorgung gibt die Warnstufe 2 bis Sonntagmorgen aus: "Voralarm - konkrete Wahrscheinlichkeit von Notfällen für Menschenmassen". Heißt, man ist vorbereitet auf Alarmstufen 3 und 4 und ggfs. die  Versorgung vieler Notfallpatienten.
Tidenstandsvoraussage zur gleichen Zeit bis Sonntag.



Ergänzungen 15.11. (Mittlerweile geht es um Öffnungen bzw. Schließungen bis 24.11.)

Auch am Freitag noch geschlossen:
weiterhin alle Bildungseinrichtungen
Dogenpalast
Palazzo Fortuny bleibt geschlossen bis 24.11.
Fondazione Cini, Führungen auf der Insel S. Giorgio Maggiore abgesagt bis Sonntag, 17.11.
Fondazione Querini Stampalia komplett geschlossen bis einschließlich Sonntag, 17.11. mit Bibliothek, Museum und Veranstaltungen
Peggy Guggenheim Collection nur bis 14 Uhr, danach geöffnet. Das war wohl noch nix. Neue Information: das Guggenheim bleibt aus Sicherheitsgründen geschlossen einschließlich Sonntag 17.11. 
Universität Ca' Foscari sagt die heutige Laurea-Feier für die frischen Titelinhaber*innen ab, die regelmäßig auf der Piazza San Marco stattfindet.
Städtische Museen in den nächsten Tagen
Teatro La Fenice sagt alle öffentlichen Veranstaltungen bis 19.11. ab.
Sonntag, 17.11. bleiben alle städtischen Museen geschlossen wegen der Wetter- und Tidenvoraussagen. Außer Museo Correr.

Nicht geschlossen:
Fondazione Prada


Hier kommen die heutigen positiven Nachrichten aus dem ganzen Schrecken:

Das Spendenziel für die neue Edicola von Walter Muti wurde erreicht und wir werden auch künftig unsere Zeitungen am Kiosk an der Haltestelle Zattere kaufen können.

Wer weiterhin eine Möglichkeit sucht, sich ganz pragmatisch finanziell an Renovierungskosten zu beteiligen, kann jetzt z. B. die Fondazione Querini Stampalia mit einer Spende unterstützen. Das Haus mit Museum, Bibliothek, Garten, Bookshop, Cafeteria und Veranstaltungsräumen ist im Parterre (wie überall in Venedig) komplett abgesoffen. Es ist vorläufig bis 18.11. geschlossen um die Schäden zu registrieren und aufzuräumen und zu säubern, wobei schon Schüler*innen des Gymnasiums Marco Foscarini helfen. (Siehe auch Eintrag vom 3.8.19 "Querini Stampalia - Stiftung, Ägäisinsel, Havarie, und eine Oper")

Praktische Hilfe leisten über die Website "Venice Calls" bereits mehr als 500 junge Venezianer*innen, die auf Hilferufe hin vor allem Schrott aufräumen und bei Schäden an Privat-, aber auch Gemeineigentum helfen. (Berichte dazu auf der Website.)
Aber auch spezielle Unterstützung bei der ersten Hilfe wird gesucht, z. B. für die Rettung von Handschriften der Bibliothek des Conservatorio Benedetto Marcello (wurde erfreulicherweise gefunden).
In der Fondazione Bevilacqua La Masa arbeiten bereits Dutzende von Helfer*innen an der Rettung des Archivs. 


Schön ist auch das Angebot auf Twitter: Wohnung (für 4 Menschen kostenlos) gegen tatkräftige Arbeit beim Räumen (5 Tage). 
My only requirements please: 1. you don't buy plastic, disposable wellie boots there 2. you shop and eat locally 3. you leave the place better than you found it 4. you promise never to go on a cruise to Venice 5. you water my only house plant, and have a pizza at Gina's. Cheers.

Venipedia spendet das Essen, das für den heute ausfallenden Kurs "Tapas und Cichetti im Vergleich" vorgesehen war. Mehr zu Venipedia und seinen Angeboten (für den nächsten Besuch in Venedig).

Die katholische Sozialorganisation Caritas versorgt obdachlos gewordene Familen.

Aktuellere Medienberichte:



Ich will diesen Eintrag schließen mit zwei mich irritierenden Beobachtungen.
Die erste ist ein Tweet des italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte vom 14.11. 18:53 Uhr
Deliberato in Cdm lo stato di emergenza per #Venezia. Stanziati 20 mln, i primi fondi per gli interventi più urgenti, a sostegno della città e della popolazione. Al lavoro per il piano per gli indennizzi a privati e commercianti e per rifinanziare la legge speciale per Venezia
6:53 nachm. · 14. Nov. 2019Twitter for iPhone
Korrekt fände ich, wenn Herr Conte auch bei dieser dramatischen Ausgangslage die üblichen Kanäle seines Presseamtes einsetzen würde. Ncht er lässt "der Stadt und der Bevöälkerung" 20 Millionen freundlicherweise zukommen, sondern das Land Italien aus der Steuerkasse. Der Idiot im Weißen Haus sollte kein Vorbild für seriöse Politiker*innen sein.


Die zweite Beobachtung ist ebenfalls zunächst nur ein Tweet der Comune Venezia vom 15.11., 12:22 Uhr
Ganz lakonisch - eine Kontonummer unter dem Titel "Eine Hilfe für Venedig, ihre Bevölkerung und die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aktivitäten". Inklusive Übersetzung "für die ausländischen Leute die Venedig lieben...". 
WAS IST DAS BITTE?
Ich vermutete eine Trollaktivität und prüfte die Website der Comune Venezia. Aber nein, wirklich ein Spendenaufruf der Stadt, aus dem Handgelenk, vielleicht angezettelt nach dem Erfolg der Spendenaktion für Walter Muti und seine Edicola - ohne Details und Erläuterungen, wer für diese "Hilfsmaßnahme" verantwortlich sei une wer wann wie in den Genuss der Spenden kommen soll!
Das beflügelt die Phantasie über die Qualität von Organisation und Verteilung und mehr noch das Mitgefühl für die arme Bevölkerung, die nicht nur mit einer menschengemachten Katastrophe, sondern auch mit einer chaotischen dilettantischen Stadtregierung geschlagen ist. Ich versuche sachlich zu bleiben und empfehle deshalb noch einen letzten Kommentar zur Situation, die 



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