19. August 2014

La Certosa - die Insel der Bauzäune

Klosterruine La Certosa
Im Juni machte ich wieder eine Runde über die Insel La Certosa, die ich nach dem Tornado am 6. Juni 2012 nicht mehr besucht hatte. Mit ausgesprochen gemischten Gefühlen.

In meinem ersten Eintrag über La Certosa vom September 2010 ging es ausschließlich um das damals neue Projekt "Urban Park 2015". Dieses Projekt scheint erledigt. Schöne Best-Practice-Idee, wahrscheinlich einige Projektmittel kassiert, Ergebnis ist und bleibt bisher das mit Photovoltaik betriebene Servicehaus für die Marina mit Sanitäranlagen, Wasch- und Trockenmaschinen etc.. Der hochfliegende Plan von energetisch autarker Insel, Wiederbelebung alter Techno-
logien, Wasserspeicherung, Abwasserbehandlung etc., siehe alter Eintrag, fand keine weitere Realisierung, mit meiner hoffnungsfrohen Einschätzung noch 2012 lag ich völlig daneben. 



Begehbare Kunstinstallation von OperaBosco,
Verflechtung von lebendem Rohr mit totem Holz 
Auch auf der "Parco della Certosa"-Website der Stadt Venedig und Vento di Venezia sieht man: über Juni 2011 gehen Berich-
te nicht hinaus. Wurden die Öko-Pläne ausgetauscht gegen eine pragmatischere (und gewinnsichernde) Nutzung? Das war ein ganzes Jahr vor den Verwüstungen durch den Tornado. 


Von 2011 gibt es einen Projektwerbefilm:

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Die Schäden des 12.6.2012 waren öffentlich gut zu besich-
tigen im Vergleich des Updates von Googlemaps von 2013 und der älteren Vor-Tornado-Karte von Bingmaps. Man erkennt die Waldschäden und eindeutig den entwurzelten Baum im ehema-
ligen Klosterhof bei Google, bei Bing steht er noch in voller Pracht. Im April 2012 hatte ich noch ein Filmchen aufgenom-
men und mich dabei unter den tief hängenden Ästen dieses Baums durchgequetscht. Die Zerstörung 2 Monate später war unvorhersehbar, aber aus heutiger Sicht und im Ergebnis vielleicht gar nicht so unwillkommen. Damals war ich schon der Laienmeinung, dass die Ruinen kaum zu retten seien, aber die Naturgewalt kann man im Falle von Kritik am folgenden Total-
abriss ganz praktisch vorschieben. Eintrag vom 19.6.2012, mein Bericht über La Certosa im April 2012.


Das Video von 2013 unten zeigt die Schäden, vor allem den Verlust hoher alter Bäume deutlich. Zu sehen sind aber auch militärische Ruinen aus der Zeit der österreichischen Besatz-
ung, ein erster Schutthaufen und die armseligen nackten Reste der Klosterruine, die vor dem weiteren Abriss von der Umklammerung des Dickichts befreit wurde.




Im Juni 2014 also stand ich dann doch einigermaßen fassungs-
los vor Bauzäunen, die die gesamte nördliche Hälfte der Insel plus den Westen der südlichen Häfte möglichst blickdicht abschirmen sollen (was natürlich nicht gelingt). Bagger und Räumgeräte sind ohnehin zu groß und zu laut, um sie zu ver-
stecken. Die Gebäude im Osten der südlichen Hälfte haben keinen Schaden genommen bis auf den Wasserturm, der früher neben dem Hotel stand, jetzt nicht mehr. Die Mitte der Insel scheint wie rasiert, auch vom Wasser aus kann man die hohe Schutthalde und die gerodeten Flächen sehen, beide wachsen seit Monaten, habe ich mir sagen lassen.


Mirabellen
Ich stärke mich im Hotelgarten mit einem Cappuccino und einem Croissant (die in Venedig Brioche heißen und in der Bar des Certosa Hotels einzigartig zart sind, ein Wölkchen aus Blätterteig!) und starte dann die Inselrunde.

Die Marina ist weiter gewachsen. Es liegen hier mittlerweile nicht nur große Segelyachten, sondern auch sehr große Motoryachten, und der Laden scheint voll zu sein. Im hinteren Bereich der Liegeplätze gibt es neue Sanitärgebäude, eine Kindersegelschule und Fahrräder für die Fahrt zum Restaurant. Entlang des Kanals zur Insel Le Vignole sieht alles aus wie zuvor, keine Waldschäden, aber als ich rechts abbiege zur Düne im Zentrum der Nordhälfte, die früher von hohen Bäumen eingefasst war, ist der Wald buchstäblich leer gefegt. Statt dessen große Stapel von klein gemachtem Holz und überall wieder Nachgewachsenes. Es ist ein wunderbarer Morgen auf dieser kleinen Insel in nächster Nähe Venedigs, große und laute Vogelkonversation, interessante Vegetation im Kleinen, Proviant im Angebot in Form von etwas unreifen Reineclauden und einer Art Mirabellen (überreif und eigentlich zu früh), Sonne scheint warm, Eidechsen flitzen, die Baumaschinen sind hier nicht zu hören. Hier soll künftig ein kleines Stück Wald erhalten werden, aber man wird es wohl nicht mit dem früheren Dschungel der Certosa vergleichen können.


Werke von OperaBosco
Krokodile am Strand
Die Umwelt-Künstlergruppe OperaBosco hat hier Anfang Juni eine dauerhafte Ausstellung installiert "nasce e rinasce", deren Exponate natürlich im Lauf der Zeit verrotten werden, die aber jetzt noch frisch und ihre Arbeitstechniken gut erkennbar sind. Ich sitze eine Weile im Halbschatten am Strand zwischen den Krokodilen, nachdem ich herausfinde, dass auch hier, am Tor der Mauer, die Nord- und Südhälfte der Insel trennt, der Bau-
zaun zwar nicht wirklich blickdicht ist, aber unbefugtes Betre-
ten der Riesenbaustelle wirksam verhindert. Und damit auch die komplette Umrundung der Insel. Ich wandere also zurück durchs Gehölz zur anderen Seite des Bauzauns, suche Guck-
löcher und sehe dann aus einiger Entfernung die letzten Reste der Klosterruine, es kann sich nur noch um Tage handeln, bis hier alles endgültig platt ist. 


Ebenfalls aus dem Juni stammt ein neues Werbefilmchen, siehe unten, mit einer 3-D-Darstellung des Karthäuserklosters. Nach vollendetem Abriss der Anlage kann man sie nun im www bewundern. Die Information, dass "der zentrale Klosterhof" bereits in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf Veranlassung von Prinz Carl von Preußen abgebaut und im Park von Schloss Glienicke wieder aufgebaut wurde, ist mir neu. Das werde ich mir beim nächsten Besuch in Berlin ansehen. 



Der Steinhaufen, der einmal die Klosterruine war, bleibt in diesem Film unkommentiert, ebenso wie die Geröllhalde der bereits abgerissenen Gebäude, die auf der Googlemaps-Einspielung zu sehen ist.

Die Bauzäune tragen Planen, auf denen die "Wiederbelebung" und künftige Nutzung der Insel erläutert werden. Von einem Bürgerbeteiligungsverfahren ist das weit entfernt, aber immer-
hin etwas Information. Erstaunlich finde ich, dass hier der Abbau von unterschiedlich kontaminierten Böden (Folge der militärischen Nutzung) angekündigt wird. Im ursprünglichen Plan von "Urban Park 2015" war keine Rede von kontaminierten Böden, trotz des hohen ökologischen Anspruchs. Das lädt zu Spekulationen ein, die ich mir lieber verkneife. 


Sagen wir bis auf Weiteres mal: das Leben geht weiter. Für den Sommer 2014 wurde ein 10tägiges Freiwilligencamp auf der Insel ausgeschrieben (ob es stattfand, weiß ich nicht), für Aufgaben in der Umweltsanierung und Umweltbildung. Es be-
darf sicher mehr als eines Camps auf der Wiese der kleinen Umweltbildungsstätte der Certosa, die bisher Ziel von Klas-
senausflügen ist.

Seit diesem Sommer kann man solar angetriebene Boote in der Marina mieten. Das würde mir gefallen, faul mit Sonnenenergie durch die Lagune gondeln. Es sind Schritte zur "Wiederbele-
bung" der Insel zu einer neuen, erweiterten touristischen Nutzung. Denn bei allen Beteuerungen, die neuen Strukturen der Certosa dienten auch der Lebensqualität der veneziani-
schen Bevölkerung, läuft die Sache letztendlich auf eine wei-
tere touristische Zielgruppe hinaus, die der auf dem Wasser mobilen. Und natürlich nicht mit kleinem Budget, wenn auch nicht ausdrücklich in der Luxuskategorie wie z. B. S. Clemente in der südlichen Lagune. 



Plane am Bauzaun
Aber die Venezianer haben La Certosa eigentlich schon abge-
schrieben. Ältere VenezianerInnen berichten nostalgisch von sonntäglichen Familienausflügen, auch als Freundesgruppen oder Paare, per Boot auf die verlassene Certosa. Mit Pick-
nicks, Strand- und "Dschungel"leben. Damit sei es schon lange vorbei, und mit den neuen Planungen erwartet niemand mehr einen bürgerfreundlichen Inselpark. Eher das Gegenteil davon.


Warten wir ab, was sich in den nächsten 10 Jahren entwick-
elt. Am 27. September tritt SKA-J (meine venezianische Lieblingsband!) im Rahmen der Feiern zum 30jährigen Bandju-
biläum auf der Certosa auf, Skardy vs. Furio. Das ist doch schon mal EIN freundlicher Blick in die nahe Zukunft. 





9. August 2014

Wenn das Gerüst fällt...

Fondaco dei Tedeschi - derzeit noch hinter Gerüst und Plane mit Fassadenaufdruck
... gibts schon mal eine Überraschung. Ich hoffe das Beste aber erwarte das Schlimmste für den Tag, an dem das Gerüst des Fondaco dei Tedeschi niedergeht. Und es wird nichts zu verheimlichen sein, denn es wird ja ein "Kaufhaus" im weite-
sten Sinne, wir dürfen alle rein. 


Ich zeige hier Fotos von 4 Fassaden, deren Renovierung gerade abgeschlossen wurde und hinter die wir leider nicht sehen dürfen. Die mich, offen gestanden, nicht umhauen, aber das war auch sicher nicht beabsichtigt. Vermutlich sind die Restriktionen der Bau- oder Denkmalbehörden in Venedig streng, wenn auch vielleicht nicht unumgänglich, wenn man das mal so sagen darf. Aber ein bisschen weniger schlicht bzw. mutiger dürften die BesitzerInnen und Verantwortlichen schon sein. 


Mietshaus S. Basilio, Dez. 2006
Das große alte Miets-
haus an der Halte-
stelle San Basilio fiel mir seit Jahren auf, weil es äußerlich einen brutal herun-
tergekommenen Eindruck machte. 


Es war von einer verwilderten Schön-
heit mit seinen dun-
kelgrünen Fenster-
läden in weißen Steineinfassungen und dem gescheckten abgeblätterten Putz in verschiedensten Ockertönen. Soviel Charakter kann man nur bewundern, aber meine Phantasien, wie eine Renovierung dem Erhalt des Hauses
und der Schönheit dienen könne, führten leider zu keinem Ergebnis. 


11. Oktober 2013

25. Oktober 2013
Als im letzten Oktober das Gerüst aufgestellt wurde, war ich hochgespannt und musste dann im Juni leider feststellen, dass die Fach-
leute auch nicht schlauer waren als ich. 

Juni 2014

LANGWEILIG! Chance vertan! Na gut, die wunderbare Struktur der Fassade, der Rhythmus der Fensteröffnungen kommen weiterhin zur Geltung. Aber weiß?! In Venedig? Vielleicht, weil das sonst niemand hat...? Untenrum ist es noch nicht fertig, und im Juni waren gerade die beiden Seiten und die Rückseite eingerüstet, aber was soll da noch kommen. Die Farbe und die Rahmung der Fenster - vorbei! Schönheit besiegt von Schniegeligkeit. Ach!





Scuola del SS. Crocifisso oder di S. Marcula,
alle Fotos Juni 2011, klicken zum Vergrößern
Juli 2013

Die alte Scuola del Santissimo Crocifisso hinter  der Kirche San Marcuola ist offensichtlich seit vielen Jahren geschlossen. Wobei man nie weiß, ob bei verrammelten Haupteingängen sich nicht hinter Nebeneingängen doch was tut. Aber es gab in den letzten 10 Jahren zumindest nie eine Ausstellung oder dergleichen. Im Internet findet sich nicht viel, siehe Link oben. An der rechten Ecke befindet sich ein kleines Denkmal mit der Jahreszahl 1668, das ist ein Jahr, bevor Venedig die Insel Candia (Kreta) endgültig an die Osmanen verlor, nach beispielloser 25jähriger Belagerung der Hauptstadt Candia, heute Iraklion. 





Scuola del SS. Crocifisso ge- und verputzt, alle 3 Fotos vom  Juni 2014
Das Gebäude ist stabil und nicht heruntergekommen. Ich fand es im Juli 2013 eingerüstet und es wurde offensichtlich be-
scheiden renoviert. Aufgrund des Anstrichs ist jetzt (für mich) erkennbar, dass es mit einigen Nachbargebäuden ein Ensemble bildet. Deshalb fiel mir auch jetzt erst auf, dass es auch mit dem dahinter stehenden Haus über einen Durchgang auf dem 1. Stock verbunden ist. Es steht zu hoffen, dass das Gebäude wieder genutzt wird (und ich es bald von innen sehen kann). 



Ca' da Mosto, Mai 2006
Dass die Renovierung der Ca' da Mosto am Canal Grande in Arbeit genommen war, merkte ich im Juni 2013 mehr oder weniger zufällig und schrieb einen Eintrag darüber im September


Ca' da Mosto, Oktober 2013
 Und schon scheint die Sache fertig zu sein, zumindest wenn man per Vaporetto geschwind daran vorbei geschippert wird. Ist dann aber doch nicht so, eher ein bisschen vorne hui und hinten pfui. Oder es dauert halt noch, bis der Sottoportego fertig ist, die Rückseite und die Etagen, und überhaupt das Haus wieder genutzt werden kann, wenn es denn wieder ge-
nutzt werden soll.
Man weiss es einfach nicht...weiß ist das Stichwort, auch hier ist der Anstrich weiß oder weißlich, seltsamerweise, oder sitzt gerade jemand im Denkmalschutz, der/die auf weiß steht? 


Ca' da Mosto Juni 2014
Tja. Schön geworden, sieht proper aus, die Friese, Patere, Wappen und Reliefs wurden verschont vom weiß und ver-
mutlich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft dauerhaft stabilisiert, was man nicht hoch genug schätzen kann. Jeder kann jetzt auch mit einem Blick sehen, dass das Haus ursprünglich aus 2 Etagen bestand, wie alle frühen veneto-byzantinischen Wohn- und Handelshäuser entlang des Canal Grande. Die beiden oberen Etagen wurden nachträglich aufgesetzt, und zwar in verschiedenen Jahrhunderten, das wird durch die Renovierung ehrbar-sichtbar. Schade finde ich auch hier, dass die Rahmung der Fenster als gestaltende Struktur wegfällt. Und bin gespannt, wie es weitergeht mit der Ca' da Mosto.




Palazzo Soranzo van Axel, Vorder- und Hinterbau, Juni 2009, kurz vor dem Baugerüst
Das Gerüst ist runter beim Palazzo Soranzo van Axel, aber auch im 5. Jahr des Umbaus und Verkaufs in Einzelappart-
ments ist die Sache nicht abgeschlossen, der Baukran steht und arbeitet noch. Im August 2008 schrieb ich einen Eintrag, nachdem ich dieses großartige Haus 2007 besuchen konnte. 2009 stand das Gerüst. Bei jedem Besuch in Venedig habe ich seitdem nachgesehen, was man eben so sehen kann, auf jeden Fall war die Baustelle immer aktiv. 
Oktober 2013
Juli 2011

Im Juni hat mein altes Adlerauge jetzt die Überraschung erspäht: ein winziger Rest eines bunten Freskos unter dem gotischen Fenster des Eingangsturms! Das ist ein Ding. Im Haus selbst gibt es teilweise Stuck, aber ich kann mich nicht erinnern, Fresken gesehen zu haben. Und nun aussen. Ich stelle mir den gesamten Palazzo außen bunt bemalt vor, vor allem die beiden Innenhöfe! Was für eine Pracht wäre das gewesen!





Wir wissen ja von Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts, dass (in der Salzluft leicht verderbende) Fresken zum Außen-
schmuck venezianischer Häuser gehörten (z. B. Bellinis "Wunder der Kreuzesreliquie"), wir wissen, dass die jungen Maler Tizian und Giorgione den Fondaco dei Tedeschi mit Außenfresken schmückten, von denen Reste in der Ca' d'Oro und im Palazzo Grimani aufbewahrt werden. Und vereinzelte Reste sind im Stadtbild erhalten, z. B. im Hof der Ca'Foscari, z. B. an einem Gebäude gegenüber von S. Stae am Canal Grande. Sie sind blass, aber man kann sie gut sehen, wenn man mit dem Vaporetto daran vorbei fährt. Aber dieses Fizzelchen Fresko war vor der Renovierung nicht zu sehen, von mir jedenfalls nicht. 



Auch der Palazzo Soranza van Axel ist verdächtig blass, vielleicht wird Venedig im Laufe der Restaurierungen des 21. Jahrhunderts immer weißer? Das werde ich kaum erleben, aber über die Fertigstellung des Soranzo van Axel werde ich hoffentlich bald berichten können. 


Frescorest unter dem Fenster


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3. August 2014

Werkbund - Ausstellung im Palazzo Tron

Modell GRAFT
In einem Beitrag zur Architekturbiennale klagte eine Bloggerin, sie hätte "Modelle" vermisst. Sind vielleicht wirklich nicht mehr der Mainstream, aber z. B. die Griechen und Ungarn haben sehr hübsche im Angebot; die Modelle der Parlamentsgebäude, die Österreich an die Wände gepappt hat, sind vermutlich nicht gemeint. 

Tolle Modelle zu besichtigen gab es in der leider bereits beendeten Ausstellung "This is modern" des Deutschen Werkbunds im Palazzo Tron, einer der Sitze der Universität IUAV, Fakultät für Architektur. 25 deutsche Architekturbüros waren um Vorschläge für einen neuen Nationenpavillon für Deutschland gebeten worden.

Das Nationenkonzept der Biennale wird im Kunstbereich seit längerem kontrovers diskutiert. Die Selbstdarstellung Deutschlands durch die Architektur des Pavillons Germania weckt geradezu Leidenschaften. Aus meiner Sicht gehört Architektur zur Kulturgeschichte und ist damit auch ein wich-
tiges Medium der historischen Orientierung und politischen Auseinandersetzung. Teile deutscher Geschichte noch im 21. Jahrhundert zu verschweigen, vertuschen, leugnen und im Falle von Architektur abzureißen ist natürlich indiskutabel. Unabhängig davon über einen Neubau nachzudenken (Australien baut gerade neu, warum, weiß ich nicht. Der alte Pavillon mit dem "Keller"raum gefiel mir gut.) und Ergebnisse zu präsentieren ist legitim und das Ergebnis hat zum Teil überrascht, war auf jeden Fall eine spannende Ausstellung. 



Blick aus dem Wassertor der Ca'Tron auf das Apartment Richard Wagners 
Der Besuch der Ca'Tron und ihres Gartens (aus dem man mehr machen könnte) als Uni-Gebäude ist eigentlich auch ohne Ausstellung möglich. Der Aufbau der Modelle im geräumigen Androne genau gegenüber dem Seitentrakt der Ca'Vendramin-Calergi, bei weit geöffnetem Wassertor, war allerdings schon sehr beeindruckend. Hier gab es Modelle satt und detaillierte Beschreibungen der Planung - keine Computermonitore, keine Videowände.
In einem der Seitenräume konnte man Veröffentlichungen des Werkbundes (und Ausstellungsplakate etc.) erwerben, sich mit freundlichen jungen RepräsentantInnen unterhalten; außerdem gab es jede Menge Werbematerial, Imagebroschüren etc. von Sponsorfirmen kostenlos. 

Ein Teil der Vorschläge beruht auf Neubauten, die ich schon erstaunlich finde (z. B. die palladianische Inspiration von Uwe Schröder oder der Hammer von GRAFT, die dezentere, klare Struktur von A&P, der Bunker von Kleihues). Die meisten Wettbewerber arbeiten mit dem alten Gebäude und lassen sich z. T. schöne Sachen einfallen (wie die Treppen- und Dachidee von Grüntuch, die Säulen von Dudler, Säulen & Dach von Patzschke


Mein Favorit von hps, tschoban, voss
Mein Favorit ist die geniale Idee von nps tschoban voss: Entkernung des alten Pavillons und Entfernung des Daches sowie dschungelmäßige Innenbepflanzung der "Ruine". Schrä-
ger Aufsatz einer gläsernen Schachtel für die Ausstellungen + gläserner Altana, die beide einen grandiosen Blick über das San-Marco-Becken und die Inseln erlauben. Das würde ich schon gerne erleben.


Alle ausgestellten Beiträge auf Competition online


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18. Juli 2014

Drohnen in Venedig

Die Rede ist natürlich nicht von militärischen Drohnen. 
Sondern von Modellfluggeräten, die eine First Person View (FPV) Kamera an Bord haben und zum Teil überraschende Bilder von Orten und visuellen Details liefern.

Ich bin auf die Gruppe LAGUNARI FPV gestoßen, die bei YouTube einige Filme eingestellt hat, die besonders die Inseln der Laguna Nord aus ungewohnten, großartigen Perspektiven zeigen. 
Die Begleitmusik ist auch großartig, aber in der Kombination etwas schräg... allerdings muss es ja wirklich nicht immer Vivaldi sein. Zur Not kann man Ton und Bild getrennt konsumieren.



Drohnenflug über Torcello
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13. Juli 2014

5 x Kultur und 1 Fluch auf S. Giorgio Maggiore

Heinz Mack, The sky over nine columns & Palladiofassade S. Giorgio M.
Kulturobjekt 1 ist zu sehen, ohne dass man die Insel über-
haupt betritt: Heinz Macks "
Der Himmel über neun Säulen". Immer ein anderer Anblick je nach Wetter, Tageszeit, Aussichtspunkt (Riva, Dogana, Gefängnis, Dachboden des Dogenpalastes, vom Wasser aus...). 
Von Nahem kommen die Goldreflexe auf dem Wasser dazu, die immobilen Hintergründe (S. Giorgio selbst, das immer über-
wältigende Panorama von Dogenpalast, Piazzetta, Campanile und Dogana, der Himmel, das Wasser) und die mobilen (Wasserfahrzeuge aller Arten und Größen) und das wechseln-
de Licht auf dem Gold der Säulen. Die dramatischen roten Sonnenuntergänge Venedigs finden hier eine neue Ausdrucks-
möglichkeit und der Einbruch der Dunkelheit zieht noch mehr der täglichen AbendfotografInnen an. Die Säulen sind eine wahre Spielwiese für Fotoexperimente, und da wir alle mit einer Kamera in der Hosen-, Jacken-, Fototasche durch Venedig wandern, gibt es mittlerweile sicher unzählige Fotos der "Nine Columns", alle verschieden trotz des gleichen Objekts. Entsprechend gibt es einen Wettbewerb für FotografInnen, überhaupt finde ich die Website zu dieser Skulptureninstallation sehr gelungen, z. B. den Menupunkt "Story".

(Bis 23.11., kostenlos)



Kulturobjekt 2 ist leider nur nachmittags geöffnet, zumindest war es das im Juni, was ich zu spät kapiert habe und die Zeit für den zusätzlichen schnellen Hupfer aus dem Vaporetto plötzlich nicht mehr reichte. Blöd! Es ist der nationale Beitrag Angolas "Beyond Entropy Angola" zur Architekturbiennale, kuratiert von der Non-profit-company Beyond Entropy, die auch schon den mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Beitrag Angolas zur Kunstbiennale 2013 "Beyond Entropy Africa" konzipierte. 
(Bis 23.11., 2. Tür nach der schmalen Stelle an der Fonda-
menta der Marina von S. Giorgio Maggiore, kostenlos)



Stanze del Vetro - Santillana Objekt
Kulturobjekt 3 ist die derzeitige Ausstellung in den 'Stanze del Vetro', den 'Glasräumen', mit Werken der Geschwister Laura de Santillana und Alessandro Diaz de Santillana. Wunderbare In-
spirationen in Glas, still, unprätentiös ausgestellt in äußerst zurückhaltender Umgebung (wie immer in diesen Räumen), teilweise geradezu meditativ, auch der Blick auf die Rückseite der Insel S. Giorgio ist unverstellt. Sehr empfehlenswert.

(Bis 3.8., tägl. außer Mittwoch 10-17 Uhr, hinter dem Terras-
sencafé rechts, 1. Tür links, kostenlos)



Glass Tea House Mondrian & Centro Branca im Hintergrund
Kulturobjekt 4 ist das "Glass Tea House Mondrian", eine Installation aus Bambusumfriedung, Wasserbecken, Glaskubus, Trittsteinen und Meditationsobjekten im Randbereich. Es liegt zwischen den Stanze del Vetro und dem Klostergarten der Benediktiner von S. Giorgio Maggiore, wird von außen begleitet von der Palladio-Architektur und den Glocken von S. Giorgio, von innen von zwei weiß gekleideten Frauen (Pyjama), die immer wieder die Trittsteine und die Steinplatten der Anlage mit Wasser benetzen (Gießkanne, Hände) und schwimmende Blätter aus dem blauen Becken fischen. Es soll Teezeremonien geben, ich habe keine erlebt. Aber die Anlage des Gartens ist in ihrer ruhigen Geometrie (die überraschenderweise durch die Gebäude des Centro Branca, in denen ich den Oktober 2013 verbrachte, nicht gestört, sondern verstärkt wird) auch ohne Zeremonie eine wunderbare Meditation oder Konzentration, je nach Bedarf. Wer sich Zeit nimmt, wird dafür belohnt. Wer Glück hat, muss das Glass Tea House Mondrian nicht mit allzu vielen BesucherInnen teilen. 
(Bis 3.8., Eingang in der Hecke gegenüber Stanze del Vetro, kostenlos)  


Raum, in dem der Restaurationsfilm zu sehen ist

Für das Kulturobjekt 5 begibt man sich in die Kirche und verlässt sie wieder durch das Querschiff links, wo man auf dem Flur landet, der zum Cam-
panile führt. In diesem Flur ist auf der linken Seite die Tür zu einem großen Raum geöffnet, dessen Funktion mir kirchen- oder kloster-
technisch nicht klar ist. Er liegt hinter dem Querschiff, links vom Alterraum, aber durch den Flur getrennt davon. Sehr hohes Kreuzgewölbe, holzverkleidete Wände, sparsame Wandbema-
lung, Altar mit Altar-
bild. 

Hier wird als Dauer-
schleife ein Film ge-
zeigt über die Restau-
rierung des S. Giorgio auf der Vierungskuppel der Kirche. Finanziert von der jungen Fonda-
zione Swarovski. Swarovski war und ist auch in diesem Jahr biennalemäßig in Venedig beteiligt (z. B. 2013 durch eine riesige Linse in S. Giorgio Maggiore und eine Protzyacht an der Riva, 2014 durch das Glitzertor zur Ausstellung Monditalia im Arsenale), aber in diesem Fall tut man offensichtlich Gutes  und schweigt darüber. Denn außer diesem bescheidenen aber sehr interessanten Film (italienisch, englische Untertitel) und einer kleinen Broschüre die am Eingang der Kirche ausliegt, findet sich im Internet nichts außer dem Fotobericht eines/einer französischen Bloggers/Bloggerin über die Installation und Einweihung der restaurierten Statue. Wer sich für Restaurationsfragen interessiert, sollte sich den Film inkl. differenzierter Details nicht entgehen lassen, alle anderen sind vielleicht neugierig, diesen Raum zu sehen, der sonst verschlossen ist. Wie lange diese Vorführung noch dauert weiß ich leider nicht. 



Von oben: Stanze del Vetro, Glass Tea House Mondrian, Klostergemüsegarten
Da ich mich immer auf den Campanile von S. Giorgio liften lasse, wenn ich die Gelegenheit habe, aber in diesem Fall das Glass Tea House Mondrian von oben sehen wollte, fuhr ich auf den Turm und fand ein Vorhängeschloss, befestigt an der kleinen Reling in Kopfhöhe an der Aussichtplattform, und zwar von JÜRGEN. Ich war sprachlos. Als Beweis für JÜRGENS unendliche Dämlichkeit habe ich das Ding fotografiert. Es folgt 1 Fluch.



JÜRGEN, Du Staubmilbe, musst Du wirklich als Beleg Deiner Existenz ein Schloss auf diesen Turm tragen? Wenn Du schon keinen Respekt vor Turm und Stadt hast, und ich mich frage, was Du eigentlich hier wolltest - bist Du auch noch zu blöd, die Symbolik eines Schlosses zu verstehen? 
Verboten - Ausgeschlossen - Eingesperrt - Kein Zutritt? 
So wie all die anderen IdiotInnen, die als Liebessymbol (!!) Schlösser an Brücken hängen? Dir und jeder/m anderen Hirnlosen, der/die die Hand an diesem Turm legt, soll sie festschnappen wie das Schloss, für immer und unwiderruflich.


Der restaurierte S. Giorgio


5. Juli 2014

Sommerführungen im Arsenale

Informationswand in der Tesa 105 -
Nördliches Eingangsgebäude ins Arsenale (Haltestelle Bacini) 
Am 6. Februar 2013 ist ein großer Teil des Arsenale aus dem Staatsbesitz (Verteidigungsministerium) in den Besitz der Stadt Venedig zurück gegeben worden. Neben der verblei-
benden militärischen und der wirtschaftlichen Nutzung der Riesenfläche und vorhandenen Bebauung (Thetis, ACTV, M.O.S.E. etc.) sollen künftig auch Bürgerinstitutionen, -initiativen, Vereine etc. in den Genuss des jetzt städtischen Geländes kommen. Daran wird noch gearbeitet und auch die BürgerInnen sollen an dieser Planung beteiligt werden.


Die Stadt ist erfreulich bemüht, das Gelände in die Öffentlichkeitsarbeit einzubeziehen, BürgerInnen reinzulassen und zu informieren unter dem Titel PartecipArsenale. Damit haben auch interessierte TouristInnen erfreulicherweise diese Möglichkeit (nicht der Partizipation, aber der Besuche). Im Sommer 2013 gab es z. B. die ersten Nachtführungen, die ein großer Erfolg waren.

Im Winter 2014 wurden kostenlose Führungen durch die Biennale-Räume des Arsenale angeboten, im April gab es ein Wochenende der offenen Tür und die Nachtführungen im Arsenale finden wieder statt an allen Donnerstagen im Juli und am 7. und 14. August (jeweils um 20 Uhr und 20:30 Uhr für Gruppen bis 40 Personen. Anmeldung erforderlich und nur möglich bis 16 Uhr am jeweiligen Donnerstag unter den beiden angegebenen Mailadressen). Ich finde es eine großartige Idee, nicht die heißen und stickigen Juli- und Augusttage, sondern die langen warmen Abende nach Sonnenuntergang für diese Führungen zu nutzen.

Am 27.6. gab es die erste (von geplanten 6) Führungen zum Thema "Kulturerbe Arsenale", eine umfassende Tour von 4 Stunden, inkl. Bootsfahrt durch das D'arsenabecken. Die Comune Venezia hat dazu gestern ein schönes Video veröf-
fentlicht.




VenezianerInnen (nicht TouristInnen) sind im September eingeladen zu einem Tag der Bürgerbeteiligung. Für den Termin am 5.7. ging nicht die gewünschte Zahl Anmeldungen ein (wie auch, Urlaubszeit!), die Sache wurde verschoben auf den 20.9. und man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.

Das Museo Storico Navale hängt sich dran und bietet neu-
erdings Führungen durch den Schiffspavillon (Padiglione delle nave) an, samstags 14:30 und 16 Uhr, sonntags 11, 12:30, 14:30 und 16 Uhr. Ich habe darüber am 19.7.2008 berichtet und empfehle den beeindruckenden Besuch, vor allem auch für interessierte Kinder, sehr.


Dass die Biennale ihr Arsenalegelände an Freitagen und Sams-
tagen bis einschließlich September erst um 21 Uhr schließt, ist bekannt, soll aber hier auch empfohlen sein, z. B. als ent-
spannter Abschluss eines Biennaletages in den Giardini delle vergini oder im Café am Kran.



Siehe auch Eintrag "Venedig 2014 - Termine Kultur und Tradition"  12.1.2014

Schwerverkehr im Arsenale

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29. Juni 2014

Die Biennale 2014 ist: leer

Architekturbiennale oder Ethno-Museum?
Leer ist nicht nur der erste, sondern der gesamte Eindruck, bevor es differenzierter wird. Das mag daran liegen, dass die Ausstellungsdauer von 3 Monaten (Sept./Okt./Nov.) verdop-
pelt wurde auf 6 Monate (plus Juni/Juli/Aug.). Da verteilen sich die BesucherInnen eben großzügig im Gelände und freuen sich, dass sie weder bei Kassenhäuschen noch Sanitärräumen Schlange stehen müssen und für eine Flasche Wasser oder ein Brötchen umstandslos an den leeren Tresen treten, bedient werden, Platz nehmen. 



Neue Bar-Terrasse hinter dem deutschen Pavillon
Das Angebot an Bars wurde erweitert (die hirnundmagen-
verdrehende Rehberger-Bar leider unverändert, aber jetzt menschenleer, ha): in den Giardini wurden im hinteren Bereich links der Brücke viele Tische und Bänke aufgestellt und anstelle der kleinen Kaffeebude eine reguläre gläserne Bar eingerichtet. 



Eine weitere gläserne Bar steht ganz neu hinter dem deutschen Pavillon und auf mehreren Ebenen wurde im Baum-
schatten eine noch nach frischem Holz duftende große Terrasse bis zum russischen Pavillon angelegt, die eine der spektakulärsten Aussichten Venedigs bietet. Ein neues Highlight, das man nicht verpassen sollte! Das gesamte Panorama von Stadt, Inseln, Bacino, umwerfend! Viele Plätze für viele BesucherInnen! Leider nicht geöffnet mangels BesucherInnen, was mich nicht hindert, frische Kirschen und Müsliriegel auszupacken und sie schwes-
terlich mit 3 Tauben zu teilen, die mit mir am Tisch Platz nehmen. 


Im Arsenale Novissimo wurde ebenfalls eine neue Bar eröffnet, in der Tesa 105, die quasi der Eingangsbereich ist, wenn man von der Haltestelle Bacini kommt. Also im eintrittsfreien Be-
reich des Arsenales, in dem bei Kunstbiennalen viele Aus-
stellungen untergebracht sind und der bisher leider ohne jede Versorgung war. Ein angenehm hoher weißer Raum, kühl und großzügig leer mit Blick aufs schattenlose Arsenalebecken und menschenleere Ausstellungsgelände in der Sonne gegenüber. Ein paar Tische mit großen Sonnenschirmen am Ufer draußen.

Da die geplante Brücke zwischen Torre della porta nuova und Giaggandre immer noch nicht gebaut ist, gibt es eine "Navet-
ta", ein kleines Motorboot, das zu festen Zeiten vom Arsenale ins Arsenale Novissimo übersetzt (wo es nur 2 Ausstellungen gibt), ich vermute, in umgekehrter Richtung gegen Vorlage einer gültigen Eintrittskarte.


Der von mir zu Kunstbiennalen immer wieder empfohlene Eingang durch das geöffnete Fenster in der Arsenalemauer steht nicht zur Verfügung, eben weil es hier "nur" 2 Aus-
stellungen gibt (genau: Tesa 100, Across Chinese Cities - überwältigende Menge an Details, für die man bei Interesse wirklich Zeit aufwenden sollte; und Tesa 92, India The Revealed Mysteries, jenseits der Biennale mit extra Eintritt von 12 € indische Gegenwartskunst, hatte für mich keine Priorität). 


Soviel zu den praktischen Dingen.


Friedrich Mielke erklärt wunderbar
Die Biennale in 3 Teilen unter dem Gesamttitel "Fundamentals" braucht Inhaltsverzeichnisse (die ich erst am Ort annähernd kapiere) - "Elements" im zentralen Pavillon der Giardini, "Mond-
italia
" in der Tana des Arsenale und 66 nationale Auftritte unter dem Titel "Absorbing Modernity"  in den Pavillons in Giardini, Arsenale, Stadt. Die Bedeutung von "absorbing" bleibt zweideutig - wird die Moderne absorbiert oder absorbiert sie? 

"Elements" hätte wohl ein Quilt sein sollen der die Basisteile von Architektur darstellt, ist aber ein Patchwork höchst ver-
schiedener Einzelteile geworden, hergestellt von höchst ver-
schiedenen Leuten/Arbeitsgruppen und ohne inneren Bezug. Da hat der Kurator  R. K. gepennt. Das Ergebnis, das mehr sein sollte als die Summe seiner Einzelteile, strahlt hier einfach nicht aus. Wer Sammlungen von 300 Türklinken sieht, von Toiletten oder kostbaren Häusermodellen aus Indonesion und Papua Neuguinea, sich von beweglichen Trennwänden, Pro-
duktionsprozessen von Fenstern oder Rolltreppen beeindruc-
ken lässt, hat danach genau die Einzelteile im Kopf, aber kein Konzept, weder zur Architektur noch zu ihrer Bewertung.

 
Detail der Nationalausstellung Neuseeland (Palazzo Pisani, calle delle erbe)

Jede/r findet die Details, die ihm/ihr gefallen, mich hat sehr tief beeindruckt und belehrt der Film über Friedrich Mielke und dessen Vortrag; auch der erstaunliche Film über die Tunnels von Welbeck Abbey
Aber der (hier unterstellte!) Sinn der Recherche und Ausstel-
lung von "Elements", falls es nicht die Chance für 100 oder mehr Koolhaas-StudentInnen ist, in ihr CV "Mitarbeit an der 14. Architekturbiennale" zu schreiben, ist mir wohl eher ver-
borgen geblieben.



Perspektiven im Pavillon Griechenland
Dagegen hat mir "Monditalia" in Übereinstimmung mit anderen BesucherInnen gut gefallen, der derzeit am besten besuchte Teil der Biennale. Was auch an den Anteilen von Tanzbiennale (Mitte Juni bis Mitte Juli) und quasi Filmbiennale liegen mag, die hier munter mit eingebaut werden. In der Tana/den Corde-
rie finden den ganzen Tag auf verschiedenen Bühnen Proben statt (die Aufführungen laufen abends ohne mich als Zuschau-
erin). 

82 Filmfragmente vor allem italienischer Regisseure des letzten Jahrhunderts, aber auch von den verehrten Angelopoulos, Godard, Straub, Tarkowskij etc. werden in Dauerschleifen gezeigt. Das ist nett, an Clips sind wir einerseits gewöhnt, und eine einzelne Szene, mehrfach hintereinander gesehen, ist andererseits ein ungewohntes Seherlebnis eines längst bekannten Films.

Die "Monditalia" besteht neben diesem Entertainment aber vor allem aus italienischen Problemprojekten - Sachen, die gründ-
lich schief oder aus dem Ruder liefen, die sich nicht retten ließen, Naturkatastrophen, Fehlplanungen. Zum Teil geht es auch um Architektur, aber eigentlich um das gesellschaftliche Chaos Italiens, das auf seine Weise so deprimierend ist wie das Griechenlands, das mir vertrauter ist. 


Um wieder zwei Beispiele zu nennen, die mich besonders be-
eindruckt haben: Assisi Laboratory über die Folgen des Erd-
bebens 2012 und die Probleme des Tourismus in dieser kleinen Stadt; und La Maddelana, die Insel, auf der 2009 der G 8-Gipfel stattfinden sollte, der kurzfristig von Berlusconi in das Erdbebengebiet von L'Aquila verlegt wurde. Die Perspektiv-
losigkeit der kostenorientierten "Restaurierung" in Assisi und der verschwendeten Mittel auf La Maddalena sind (mir) uner-
träglich, die Trauer der gezeigten Menschen und die Vergeblichkeit ihrer Arbeit brechen einem (mir) schier das Herz. 


Auf YouTube gibt es viele interessante Videos aus "Monditalia", die einen Blick wert sind. 


Ungarische Sitzbänke

Von den nationalen Präsentationen bleiben wie immer 

Rätsel (z. B. Ägypten, Groß Britannien, Schweiz (der Pavillon in den Giardini) überfordern mich); 

Ärger (z. B. Griechenland - müssen in dieser an sich sehr be-
eindruckenden Ausstellung die Erklärungen zu Modellen auf 1,20 m Höhe sein, in winziger Schrift und mich zu einer idio-
tischen, unbequemen Leseposition zwingen? Israel - was haben diese Sandzeichner mit dem politischen Aspekt der Siedlungspolitik der letzten 50 Jahre zu tun, der mich inte-
ressiert? Marocco - alle paar Jahre wiederholt sich die Idee, einen Pavillon 1/2 m hoch mit Sand einzustreuen, diesmal also Marocco. Ich mag keinen Sand in den Schuhen!); 


Beeindruckende Erfahrungen (z. B. USA - ein Büro mit Spiegelwand, was für ein Alptraum! Polen - politische Ge-
schichte anhand eines einzelnen Monumentes. Neuseeland und Süd Afrika - koloniale und postkoloniale Architekturgeschich-
te. Ungarn - eine sympathische Ausstellung, Modelle und Fotos, die die Laiin nicht überfordern und auch die ungarische Möblierung im hinteren Teil des Biennalegeländes mit schönen Sitzgelegenheiten gefällt mir);


Überzeugende Präsentationen (z. B. Dänemark - ein ästhe-
tisches, inspirierendes Erlebnis. Canada - Nunavut, ein fremder Kosmos, kreativ und informativ dargestellt. Nordischer Pavillon mit Tanzania, Kenia und Zambia - "Entwicklungs-" und Koope-
rationsprojekte ohne postkoloniale Ausbeutung).



Ich stoppe befehlsgemäß vor dem Grabmonument im polnischen Pavillon
Die Frage nach der Absorbierung der/durch die Moderne liegt außerhalb meiner Kompetenz. In den Jubel um Rem Koolhaas konnte ich noch nie einstimmen, und es gibt in meiner Sammlung von Berichten und Besprechungen genügend kriti-
sche und würdigende Stimmen von Fachmenschen zu Rem Koolhaas, seinem Konzept, seiner fachlichen Leistung als Di-
rektor der Biennale und seinem Anspruch als globalem Archi-
tektur-Platzhirsch. Der Mann ist bekanntrmaßen ursprünglich Journalist und Bedeutungen von Menschen, Dingen und Bewertungen ändern sich. Die Biennale dauert noch weitere volle 5 Monate, zu früh, Bilanzen zu ziehen.  



Hier wird "echt" gebaut: neuer australischer Pavillon

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