6. Oktober 2017

Keine Werbung für die italienische Marine...




... obwohl der Eindruck entstehen könnte.

Es ist der Hinweis, dass vom 14.-20.10. einmal wieder das beeindruckende 86 Jahre alte Segelschulschiff Amerigo Vespucci in Venedig nahe der Arsenalebrücke, vor dem Museo Storico Navale, festmacht und das Publikum zu einem Besuch an Bord einlädt. 
Das Schiff mit 326 Personen Besatzung, davon 79 Schüler*innen, hat eine sommerliche Runde durch nordamerikanische Häfen absolviert. Hamilton BermudaMontrealBostonQuebec, Halifax, New York, das sind nicht alle, aber überall lange Besucherschlangen und offensichtlich sind alle der Meinung, dies sei das schönste Schiff der Welt. 
Hier ist der Link zur derzeitigen Reiseroute

12.10.: Sie ist angekommen. Das Besuchsprogramm der kostenlosen Führungen in den nächsten Tagen:
Samstag 14.10. 14:30-16:30 Uhr
Sonntag 15.10. 14:30- 18:30 Uhr
Montag 16.10. 14:30-18 Uhr
Dienstag 17.10. 10-12 Uhr (Gruppen)
Mittwoch 18.10. 10-12 Uhr (Gruppen)
Donnerstag 19.10. 10-12 Uhr (Gruppen), 14:30-18:00 Uhr.


.

14. September 2017

Venezianische Gartennacht

Garten des Palazzo Soranzo Capello
"... mich im Garten aufzuhalten, wenn es nicht allzu heiß war. Ich hatte eine Laube errichtet und einen niedrigen Tisch und einen Lehnstuhl hineingestellt; ich brachte Bücher und Mappen mit Dokumenten nach draußen ... und arbeitete, wartete, sinnierte und hoffte, während die goldenen Stunden verstrichen und die Pflanzen im Sonnenlicht badeten und der unergründliche alte Palazzo jegliche Farbe verlor und dann, wenn der Tag sich neigte, sich zu erholen begann und eine rosige Farbe annahm..."
Henry James, Die Aspern Schriften

Der Palazzo Soranzo Capello und sein außergewöhnlicher Garten dienten Henry James als Handlungsort der 'Aspern Schriften'. Die erzählte Zeit dauert einen venezianischen Sommer und entfaltet sich symbolisch in einem zu Beginn vernachlässigten Garten, den der Autor aufblühen und seine verschwenderische Pracht ausbreiten lässt. Dann verschwindet der Garten aus dem Blickfeld, die Geschichte wird in anderen Räumen weiterentwickelt. 


Ich habe schon zweimal über diesen Garten berichtet:
26.6.2011 Ein venezianischer Garten - geöffnet bis 16. Juli
24.6.2015 Wieder geöffnet: Garten Soranzo Capello
und mehr ist diesen Einträgen eigentlich nicht hinzuzufügen. 
Der Garten öffnet sich nur alle paar Jahre dem Publikum, wie es scheint, immer nach größeren Pflegeaktionen, nachdem er ein paar Jahre ungestört von Gartenliebhaber*innen und Gärtner*innen vor sich hin wuchern durfte.

Und jetzt ist es wieder soweit, die Obere Denkmal-, Kunst- und Landschaftsbehörde, die ihren Sitz im Palazzo Soranzo Capello hat, bereitet uns eine wunderbare Herbstüberraschung: 

die nächtliche Öffnung des Gartens am 15., 19. und 22 September, jeweils von 19:00 bis 23:00 Uhr. Kostenfrei, keine Anmeldung erforderlich.

Darüber hinaus gibt es anlässlich der Europäischen Tage des Kulturerbes am Sonntag 24.9. kostenlose Führungen im Garten von 9:30 bis 13:30 und 14:30 bis 18:30 Uhr (und ich hoffe sehr, das Haus, das ich noch nicht kenne, ist in den Führungen enthalten)


Haltestellen Ferrovia und Riva di Basio.







.

26. August 2017

Übermorgen im Arsenale...

Quelle: des Fotos: wurde ohne Quellenangabe auf den Webseiter
verschiedener Lokalzeitungen veröffentlicht

gibt es eine Premiere. Open-Air-Kino im Arsenale!

Preview des Films "Dunkirk" am 28.8. um 21 Uhr im Arsenale Nord.

Die Information steht schon seit einem guten Monat im Kulturkalender:
Schon am 28.8. gibt es ein Pre-preview des Films "Dunkirk" im Arsenale. So wien es auf diesem Foto aussieht, wird ein Open-air-Kinsosaal aufgebaut neben dem alten U-Boot, das im militärischen Bereich aufgebockt ist. Näheres weiss ich noch nicht. Eingang durch die Tesa 105, Haltestelle Bacini, Linien 4.1.-2. und 5.1.-2.  Details (Uhrzeit, Tickets... folgen.)

aber erst heute habe ich erfahren, wie man an Karten kommt. Hoffentlich nicht zu spät für die, die sich für diese Veranstaltung interessieren. Ich gehöre nicht dazu und bin außerdem zuhause im klimatisch angenehmeren Norden. Aber wer zur Zeit (vielleicht sogar wegen der Filmfestspiele) in Venedig ist, will es vielleicht versuchen: 

Kartenanfrage über diesen Link  ('fai login e participa' klicken und Emailadresse registrieren). Kostenlose Einladung erfolgt per Email, falls noch Plätze vorhanden sind. Mit einer Einladung kann man eine ebenfalls kostenlose Shuttle benutzen (hin und auch wieder zurück):


von Ferrovia F30 und Tronchetto
19.00 – 19.15
19.30 – 19.45
20.00
von Zan Zaccaria/Monumento
19.15 – 19.30
19.45 – 20.00
20.15

Einheimische im Besitz eines RUDERbootes dürfen sich nach vorheriger online-Anmeldung (bis heute Abend) das Spektakel von ihrem Boot aus ansehen. Eine schöne Idee, die uns Normaltouristi aber nicht betrifft... 
Location auf Googlemaps ansehen.



.

22. August 2017

"Themenpark" Venedig





Wir wissen, was ein Themenpark ist.
In einer Ansammlung äußerlich themenspezifischer Architektur sollen wir künstlich hergestellte Abenteuer nacherleben und genormte Erfahrungen machen, Erlebnisse konsumieren, Adrenalin ausschütten. Außerdem hochpreisige Nahrungsmittel und Konsumartikel von eher schlechter Qualität erwerben, möglichst viel davon.
Der Gewinn wird von Besucher*innen individuell unterschiedlich empfunden, für die Betreiber ist er in der Bilanz hoch.  

Sprechen wir von Venedig? Eigentlich nicht, hätte ich bisher gedacht. Obwohl zu den Hauptgefährdungen des Centro Storico durch den Massentourismus 

  • 1. der Gefährdung der Bausubstanz durch 'moto ondoso', also Wellenschlag durch Riesenschiffe und massiv erhöhtes Verkehrsaufkommen insgesamt, und 
  • 2. der Gefahr der Entvölkerung der Stadt durch Konvertierung des Wohnraums in Hotels und Ferienwohnungen - auch als 
  • 3. die kulturelle Bedrohung durch "Disneyfizierung" seit Jahren befürchtet und beklagt wird, habe ich die Disneyfizierung eher als Problem gesehen, dem man zu einem gewissen Grad ausweichen kann. 
Im Großen und Ganzen schienen mir die Auswirkungen der Tourismusindustrie und dessen, was Einheimische und Migrant*innen zu ihrem Lebensunterhalt davon abzuzweigen versuchen, nicht speziell disneyhaft, verglichen mit anderen Orten weltweit, die vom und/oder wegen des Tourismus leben. Die Musikkultur mag gewisse Züge von Themenpark haben, aber die Museumskultur, die Kunst in Kirchen etc. fand ich authentisch. 

Aber in diesem Frühjahr habe ich der Disneyfizierung ins Auge geblickt, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte: im Museo Diocesano d'Arte, das dem Patriarchat Venedig untergeordnet ist. Also eigentlich eine ziemlich seriöse Institution, die im Gebäudekomplex von S. Appollonia ihre Sammlung venezianischer Sakralkunst, vor allem aus aufgehobenen Kirchen und Klöstern, zeigt. Und immer wieder zusätzlich kleine Kunstausstellungen (wie z. B.  im letzten Herbst einen frisch restaurierten Bellini) oder Nebenausstellungen der Biennale. Mit der Biennale ("Viva Arte Viva") eröffnete hier "VivaVivaldi", ein Produkt der Firma Emotional Experiences, und ich latschte in den ersten Tagen ahnungslos und mit Gottvertrauen in diese - nein, Ausstellung ist es nicht, Veranstaltung auch nicht - sagen wir mal: in dieses Event.

Der 45-Minuten-Durchlauf beginnt moderat mit einem Audiomaschinchen + Kopfhörern und der Anweisung, sich beim Zuhören mal den Kreuzgang (einzigartiger romanischer Kreuzgang von S. Appollonia) anzusehen und dann, weiter zuhörend, langsam über die (moderne) Treppe in die erste Etage zu begeben. Ton: Kurzreferat der Lebensgeschichte Antonio Vivaldi.  
Danach wird es "PHANTASMAGORISCH". 

Auszüge von Vivaldiwerken, von Cristian Carrara mit modernen Klangarrangements gesampelt, werden in 3 aufeinander folgenden Räumen begleitet zunächst von einfachen Videoprojektionen (der Videokünstler Jean-Francois Touillaud und Gilles Ledos unter Regie von Marco Pozzi), dann von einem Film, in dem eine schöne Frau und ein kleiner rothaariger Junge (il prete rosso!) nachthemdig und barfuß durch Flure und Hallen irren und ein jugendlicher Vivaldi wunderkindmäßig Violine spielt, und dann!! werden informationstechnische Register gezogen: im Hauptraum von S. Appollonia (ehemaliger Kapitelsaal des Primicierio von S. Marco?) wachsen digitale Wälder, Vögel zwischern, Musik jubelt, es bauen sich Wände, Säulen, Gewölbe auf, die Musik braust, Windböen fahren ins Publikum, die Wände fliegen weg, die Gewölbe explodieren, immer wieder, alles ist atemberaubend - und wie in einer Erleuchtung versteht man, was mit "Disneyfizierung" gemeint ist. Es geht nicht um Vivaldi, er ist nur der Aufreißer, sondern um ein schlaues Verfahren (populäre Musik + Video-mapping), das mit einem/einer guten Coder*in preiswert produziert und ohne weitere Sachkenntnis per Knopfdruck jederzeit und fast überall präsentiert werden kann. 
Und bei der Disneyfizierung Venedigs geht es nicht um Venedig, sondern, wie ich seit Jahren in diesem Blog ahne, um das schnelle profitwirksame Pumpen von Menschenmassen durch Stadt, die nur als Aufreißer dient, aus Sicht derer, die davon profitieren. Die Menschen bewegen sich für ein paar Stunden in der Postkarte, im Video Venedig und bekommen ihre Show. Wer vom disneyfizierten Venedig nicht profitiert, hat das Nachsehen und muss eine Nische im System finden, auch die Einheimischen, die sich nicht vertreiben lassen wollen (und die Begeisterten wie wir).
Die visuelle Sensation von VivaVivaldi wirkt beim ersten Mal, klar, aber sie verdirbt den Musikgenuss gründlich und wem Vivaldi schon als Fahrstuhlmusik auf den Zeiger ging, braucht ihn nach dieser Erfahrung für Jahre nicht mehr. 
Ich wankte aus dem EVENT wie ein Kleinkind aus der Geisterbahn. Außer mir war nur ein junges amerikanisches Paar anwesend und ich hätte gerne gefragt, wie sie es fanden - aber mich fragte die Museumsmitarbeiterin, mit der ich bei der Ausstellung des Bellini im November gesprochen hatte, wie ICH es fand. Meine Antwort war von größter Höflichkeit, unser kurzes Gespräch sehr freundlich. 
Soll man den Verantwortlichen im Museum und im Patriarcato Ahnungslosigkeit unterstellen? Ich glaube nicht. Indifferenz in Fragen der Kunst? Geschäftstüchtigkeit? Mangelnden Blick für den drohenden Themenpark? Profitgier? Darüber muss noch nachgedacht werden.

(Die FAZ am Sonntag hat am 9.6.17 VivaVivaldi besprochen: Vogelstimmen im Mondschein, kostet aber 1 €, den Text herunterzuladen.) 






Eine Vivaldi-Show in S. Appollonia wäre noch kein Themenpark, aber als Nächstes folgte im Juni mit der Ankündigung von "Magister Giotto" in der Scuola Grande della Misericordia ab 13. Juli. 
Wieder keine Ausstellung, keine Veranstaltung, sondern diesmal eine "Erfahrung", an deren Entwicklung viele Fachmenschen mitgearbeitet haben, was der Sache den Anstrich eines wissenschaftlichen Projekts verleiht . Es ist das erste Produkt eines Formats "kultureller Unterhaltung" mit dem Titel "Magister" der Medienfirma Cose Belle d'Italia, dem in den nächsten Jahren 2 weitere zu Canova und Raffael folgen sollen. 

Das Werk und das Leben Giottos wird in Themenkreisen (San Francesco-Fresken in Assisi, Wirkungsorte des Künstlers, Kreuzmalereien, Werke in Florenz, die Cappella degli Scrovegni, die Bilder des Halleyschen Kometen) als hochauflösende Projektionen übergroß in zu diesem Zweck geteilten Räumen des Obergeschosses präsentiert (im Raum von insgesamt 26.000 m3 auf 2 Etagen), es gibt kein Originalwerk Giottos zu sehen. Die Präsentation von 45 Minuten besteht aus Filmen des Regisseurs Luca Mazzieri von 2016 (siehe Trailer unten), also nicht etwa aus 3D-Rekonstruktionen, wie sie heute zur multimedialen Ausstattung vieler Ausstellungen gehören (z. B. von der TU Darmstadt entwickelt). Also eigentlich geht es um einen Kunstdokumentarfilm von 45 Minuten zu überhöhtem Eintrittspreis, der aber immerhin einen Blick in das großartige Gebäude erlaubt, wenn auch auf das Raumerlebnis der riesigen Halle der oberen Etage verzichtet werden muss, durch die Raumteiler. 

Ich habe "Magister Giotto" nicht gesehen, kenne aber die Scuola Grande della Misericordia vor und nach der Renovierung und habe mithilfe der Informationen aus dem www eine Vorstellung, die mir erlaubt, auch hier einen gezielten und offiziellen Schritt in Richtung Disneyfizierung und "Themenpark Venedig" zu sehen. Technisches Massenprodukt mit eher geringem Anspruch in öffentlich reputiertem Gebäude + hohe Eintrittskosten (18 €). 
Das Haus gehört der Stadt Venedig. Die Lokalpresse Venedigs diskutiert mögliche Funktionsvermischungen des Bürgermeisters Brugnaro, des Geschäftsmannes Brugnaro (Vorsitzender der Società Scuola della MisericordiaVenezia) und des Präsidenten Brugnaro des Sportsvereins Reyer, der zuletzt das Gebäude als Basketballhalle nutzte. Kritik betraf auch die Werbung für "Magister Giotto", eine gewerbliche private Veranstaltung, auf der offiziellen Seite der Stadt Venedig

Freund*innen, vor allem eine Kunstvermittlerin, warnen mich vor Arroganz, wenn es um den populären Zugang zu Kunst geht. Aber sind arrangierte Samples plus explodierende Wände wirklich ein Zugang zum allbekannten Vivaldi? Sind riesige Detailaufnahmen in 3-Sekunden-Schnitten wirklich eine Einladung, sich in Giottowerke zu vertiefen? 
Ist eine 45minütige Show ein Zugang zu Kunst oder Musik, wenn sich der Eintrittspreis einem Biennale-Ticket annähert, oder gleichwertig ist einem Piazza-San-Marco-Ticket mit Dogenpalast, Correr etc.? 
Wie oben gesagt, es geht nicht um Kunst. Es geht um ein zu vermarktendes Produkt, dessen Investitionskosten über den Aufreißer Venedig refinanziert und weitere Absatzoptionen getestet werden. Angeblich gibt es bereits japanische Interessenten für die Vermarktung in Tokyo und Kyoto.

Wir wissen, dass sich der weltweite Boom von "Kreuzfahrten" als direkte Folge der U.S. Fernsehserie "Love Boat" (und dem internationalen Verkauf des "Formats", in deutscher Produktion als "Traumschiff") ab den 80er Jahren entwickelt hat. Venedig ist einer der Orte der Kreuzfahrtshows geworden. Sollen die in Venedig erfundenen "Kunstformate" à la Vivaldi und Giotto die künftige Kunstpräsentation und -wahrnehmung vorgeben? Mit dem entsprechenden "Zugang" und vor entschlossenen Gewinnaus- und -absichten droht Unsägliches. 

Artribune schreibt am 19.8. Tutto Giotto, ma senza Giotto





Hat die Disneyfizierung einen weiteren offiziellen Fuß in der Tür zum Themenpark? Ich glaube schon. 
Palazzo Grassi und Dogana zeigen "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" von Damien Hirst - eigens für Venedig produziert, alle Exponate in 3facher Ausfertigung, für den Kunstmarkt. 

Ich füge hier ohne weiteren Kommentar einen Auszug aus dem Kulturkalender des Blogs an: Unmengen Fotos und interessante Medienkommentare des Frühlings und Sommers. Tendenz: war wohl nix. Man kann vielleicht doch nicht alles verkaufen im Aufreißer Venedig. 

23.2. Ein heutiger Text dazu aus dem Guardian.
10.3. Vorschau auf die Hirst-Ausstellungen
26.3. nochmal der Guardian
7.4. übermorgen Eröffnung für das Publikum - die Medien sind seit vorgestern in den "Depths of Bling"ArtnewspaperRealClearLifeGuardianTelegraphNY TimesArtLystArtNetNews
9.4.: MonopolZeit (eine Notiz ohne Informationswert und Verfasser), Deutsche Welle
10.4.: Deutsche WelleTagesanzeigerZitate aus dem englischsprachigen Feuilleton
11.4. Blouin ArtinfoArtlyst
15.4. Economist
16.4. nochmal Guardian
19.4. Artnet News mit Interessantem zum Thema Hirst und Kunstmarkt.
24.4. ArtnetNews (der 3. Artikel). 
25.4. Chicago Suntimes. Das deutschsprachige Feuilleton ist nicht weiter interessiert oder ist das Schweigen schon als Kritik zu verstehen oder vielleicht doch als Provinzialität? 
8.5.: pulse.ng - hat Damien Hirst Kunst aus Ife kopiert?
15.6. Tagesspiegel. (Das deutschsprachige Feuilleton lebt noch.)
6.7. Pambazuka News - eine afrikanische Stimme, nochmals zum Thema Plagiat
12.7. ArtNetNews zur venezianischen Verkaufsschau von Hirst
10.8. Hyperallergic ein wunderbarer Verriss ("brash and un-compelling")
13.8. Monopol äußert sich auch (abwinkend), nach immerhin 4 Monaten.



.

4. August 2017

Ein kleines Schubidu...


... zum Augustvollmondwochenende entlang des Rio della Misericordia in Cannaregio.






.

31. Juli 2017

Riva dei Sette Martiri - nicht nur Biennale

Pavillon Seychellen
Am kurzen Stück der venezianischen Uferpromenade, die den Namen Riva dei Sette Martiri* trägt, wird in diesem Jahr eine überraschende Menge Kunst präsentiert. Für Kunstinteressierte mit wenig Zeit sozusagen ein kostenloses, aber vielfältiges Kurzangebot zwischen den Haltestellen Arsenale und Biennale. 2 Nationenausstellungen (Seychellen und Tunesien) und eine Handvoll Nicht-Biennale-Events.

Tunesien hat seinen ersten Biennaleauftritt seit 1958 und an der Ecke der Riva und Via Garibaldi eine seiner Niederlassungen des Projektes "The Absence of Paths". Besucher*innen, die hier an den historischen Kiosk treten, sind Teil der Performance, die immer wieder neu stattfindet: schriftlicher Antrag, mündliche Prüfung und Ausgabe eines universellen Reisedokuments für Migrant*innen, eines "Freesa". Der Ausweis kostet nichts, ebenso wie das Gespräch, das alleine schon die Sache wert ist. Die Projektidee ist, dass wir alle Migrant*innen sind, zumindest im historischen Sinn, und obwohl wir als Toursti*innen hoffen, weiterhin zu den Privilegierten zu gehören, die nicht auf die ungewollte Wanderschaft geworfen werden - könnten wir uns ja irren. 

Die Ausweisbroschüre für das persönliche Freesa enthält die Erklärung: "Mit der Unterzeichnung dieses universellen Reisedokuments stimmt der Empfänger ausdrücklich einer Philosophie der universellen Reisefreit ohne staatlich begründete Sanktionen zu. Er behält sich eine wesentliche Beteiligung, auch auf kreative Weise, an der Diskussion des Themas Migration vor..." und ein Gedicht von Maulana Rumi: "Den ganzen Tag denke ich darüber nach, und in der Nacht sage ich es. Woher komme ich, und was ist meine Aufgabe? Ich habe keine Ahnung..."  
Wer schon da war und noch nachträglich (oder überhaupt!) das Bedürfnis hat, sich zu äußern oder zum Projekt beizutragen, hat hier die Gelegenheit.


Migranten an der Riva dei Sette Martiri

Ein paar Häuser weiter, Hausnummer 1610/A, gibt es "Empire II": 115 Kurzfilme ebenso vieler Künstler*innen, gezeigt in einer Schleife, präsentiert in einem winzigen Vorführräumchen "ein pulsierendes Herz digitaler Kunst" (sagt die Broschüre), das vom ebenso winzigen Eingangzimmerchen, vollgestopft mit Büchern wie ein Flohmarktbücherverkauf "an extensive library engaging in film history and theory" (sagt die Broschüre), nur durch einen schwarzen Vorhang getrennt ist. 
Die Frau, von der man in der Filmbude empfangen wird, ssschhhht die ganze Zeit, weil jede noch so kleine Konversation die Filmvorführung stört. Ein paar Klappstühle. Hitze. Schlechter Geruch mangels Lüftung. Auf "...Überlegungen zu Klimawandel, Verschleißpolitik, Immigration, Narzißmus, Sex, Verzweiflung, Liebe, Hass, Identitätsverlust, Abhängigkeit, Gewalt, misslungene Ökonomie, digitale Vergewaltigung, Cyberkriminalität, Raumfahrt, Umweltverschmutzung, Tod und Konsumdenken..." kann ich mich unter diesen Bedingungen leider nicht so richtig einlassen. Liebe Güte. Ein schweigendes Lächeln für die Empfangsdame, die ihre Schultern hochzieht und zurück lächelt.
Verantwortlich für diese (nicht Biennale-gebundene) Veranstaltung ist Negin Vaziri, ein Name, den man sich noch nicht merken muss, glaube ich. 


Tobi Möhring

Mehr Bewegungsfreiheit, Luft und Licht gibt es in der Palazzina Canonica, Haus Nummer 1364, wenn auch der Erdgeschossraum zur Riva in voller Breite einen Filmvorführraum enthält und die Fensterläden geschlossen sind. Das Haus ließ sich 1911 der Bildhauer Pietro Canonica bauen, ein Gründerzeitbau eben, aber die Aussicht vom Obergeschoss auf das Becken und S. Giorgio Maggiore ist phantastisch. Auch der Blick auf die Riva, die zu Beginn der 1930er Jahre als 'Riva dell'Impero' verbreitert wurde und Militär- und faschistischen Parteiaufmärschen diente. Während der deutschen Besatzung ab 1943 war das Haus der Sitz des Wehrmachtskommandos (über den Begriff bin ich unsicher, da mir das in einem italienisch geführten Gespräch erzählt wurde - jedenfalls die kommandierenden Nazis). Später hatten wissenschaftliche Einrichtungen hier ihren Sitz, zuletzt die Bibliothek des Instituts für Meeresforschung CNR ISMAR, das jetzt seinen Sitz in der Tesa 104 des Arsenale hat. Die Palazzina Canonica war seit 1970 nicht mehr öffentlich zugänglich, seit 4 Jahren stand sie leer. 


 "Where do we go now?"

ISMAR, der Nationale Forschungsrat, die Fondazione Querini Stampalia und Fortuny sind am Kunstprojekt "Leviathan" (7.5.-24.9.) von Shezad Dawood beteiligt, das hier seinen Start hat und während einer dreijährigen internationalen Tour bis 2020 weiterentwickelt und vollendet wird. Es besteht derzeit aus 2 Filmen, die im Haus Canonica (Episode 1: Ben, 13,5 Min.) und in einem Nebengebäude (Episode 2: Yasmine, 23 Min.) gezeigt werden, ab 1. September folgt in einem weiteren Gebäude im Garten der dritte Filmteil (Episode 3: Arturo) von insgesamt 10 Episoden, die bis 2020 hergestellt werden. 
Bis 25.8. wird jeweils Freitags um 18:30 Uhr zu (kostenlosen) Filmvorführungen eingeladen (siehe Link). 
Ds Filmprojekt wird im Haus Canonica ergänzt durch zwei Skulpturen ("Leviathan" und "Where do we go now?") und eine Installation in der ehemaligen Bibliothek unter Verwendung von Fortuny-Stoffen ("Labanof Cycle").

Haus ist interessant, Kunstinstallationen und Filme sehenswert, der Besuch ist zu empfehlen, genügend Zeit sollte eingeplant werden (alleine die Filmepisoden 1+2 dauern über 30 Minuten).


Lih-Jen Shih, The Reappearing of King Kong Rhino

Nunmehr kommt die Abteilung Menschen (lebensecht!), Tiere (groß und wild!), Sensationen (Badeanzüge trotz EnjoyRespectVenezia!) an der Riva dei Sette Martiri. Der Reihe nach. 

Alles findet statt in den beiden Gärten links und rechts der Marinaressa, dem Gebäude aus dem 16. JH mit den beiden hohen Torbögen, mit dem die Serenissima Repubblica besonders verdienten, vor allem seekriegsverdienten, Seeleuten kostenlose Alterswohnsitze zur Verfügung stellte. 
Links liegt der sogenannte Giardino della Marinaressa, der 2010 wieder angelegt und der Bevölkerung als Park übergeben, zur Biennale 2015 für die Ausstellung von Ursula von Rydingsvard wieder schön geputzt und erneuert wurde. 
Der Garten rechts gehört, wie man mir sagte, zum Gästehaus der Salesianer (siehe auch Eintrag "Wohnen in venezianischen Klöstern") zu betreten durch ein Gartentor im Hintergrund aber bisher nicht zu begehen, weil ein wildes Gestrüpp alles bedeckte und in dem ich noch nie einen Menschen gesehen hatte. Jetzt steht hier stahlblitzend ein riesiges Rhinozeros von Li-Jen Shih, ein paar der sehr witzigen Schweißarbeiten von Tobi Möhring, und, neben ein paar eher kunsthandwerklichen Schildkröten, dessen Schöpfer*in ich mir leider nicht gemerkt habe, die umwerfenden 16 Riesenschildkröten der Nationalausstellung der Seychellen. 
Unter dem Titel "Slowly Quietly" haben 16 Künstler*innen das von George Camille und Allen Camille geschaffene Schildkrötenbasismodell gestaltet - auf verschiedenste Weisen bemalt, ergänzt, und eher bescheiden im Hintergrund des Gartens aufgebaut. 
Hier sind alle Individuen, aber ohne den schönen Rahmen von Pinien und Sträuchern und Lagune. Sehr unterhaltsam. Und über den üblichen Zeitraum von 18 Uhr hinaus offen für Besuche - gemäß den Öffnungszeiten venezianischer Parks im Sommer bis 21 Uhr.


Carole Feuerman
Eine der Skulpturen ist bekleidet...

Nächste Tür: Menschen+Sensationen, die Badeanzugfrauen (und ein Mann) von Carole Feuerman. (Siehe auch Eintrag "2 x hyperrealistische Skulpturen..."). Parallel zu Duane Hanson entwickelte sie seit den 70er Jahren realistische, aber im Gegensatz zu seinen Charakterfiguren ausschließlich "schöne" Skulpturen Badender, ihre Werke sind unverwechselbar wie die Hansons. Auf der Biennale 2007 stellte sie ihre "Grande Catalina" im Garten des Paradiso vor, es war Liebe auf den ersten Blick für mich. 
Der Giardino della Marinaressa strahlt mit den scheinbar tropfnassen Leuten im Badeanzug derart Sommerlust und -frische aus, dass er schier zu einem Badeanzugflashmob herausfordert, natürlich innerhalb des Gartenzauns! Um die Gebote des genießenden Respekts nicht zu übertreten und kein 200 €-Knöllchen zu provozieren. Die Ausstellung an der Riva läuft bis 5.12., die parallele Ausstellung im Garten der Venissa auf Mazzorbo nur bis Ende September.


Carole Feuerman

* In einem katholischen Kosmos wie Venedig vermutet man beim Begriff "Martiri" leicht christliche Märtyrer - die Sieben, die hier mit der Uferbenennung geehrt werden, sind aber Teil der italienisch-deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Umbenennung von Riva dell'Impero in Riva dei 7 Martiri, Ufer der 7 Blutzeugen, ist die Erinnerung an
Bruno De Gasperi, 20 Jahre
Girolamo Guasto, 25 Jahre
Alfredo Gelmi, 20 Jahre
Luciano Gelmi, 19 Jahre
Gino Conti, 46 Jahre
Alibrando Armellini, 24 Jahre
Afredo Vivian, 36 Jahre,
die bei Sonnenaufgang des 3.8.1944 zwischen zwei Uferlaternen vor der Palazzina Canonica von 24 Soldaten des deutschen Besatzungskommandos in Venedig erschossen wurden. Sie waren antifaschistische politische Gefangene im venezianischen Männergefängnis S. Maria Maggiore; ihre Ermordung die Repressalie wegen eines verschwundenen deutschen Soldaten (der, wie sich herausstellte, besoffen in der Lagune ertrunken war). 500 BürgerInnen von Castello wurden gezwungen der Hinrichtung zuzusehen, die Toten lagen tagelang in der Sommerhitze am Ufer, von deutschen Soldaten bewacht, bis ihr Begräbnis erlaubt wurde.

Es wird Ihrer jährlich treu am 3. 8. gedacht, siehe unten das Einladungsplakat zum 72. Todestag 2016, das ich auf der Via Garibaldi fotografiert habe. Dass im Anschluss an den gemeinsamem Trauermarsch zur Riva, Gedenken und offziellen Ansprachen von 20-23 Uhr an der Riva Tango getanzt wird, ist eine schöne Geste in Erinnerung des trionfo della ingiusta morte...




Ergänzung 2.8.:
Tweet zum Gedenken am 3.8.2017  pic.twitter.com/N2tmoe2xGe

.

24. Juli 2017

Noch einmal: Villa Cornaro, Piombino Dese

Quelle: Regione del Veneto 2016

Am 7. September 2007, also vor 10 Jahren, fuhr ich von Venedig nach Piombino Dese, eine kleine Bahnstrecke von der Dauer der Vaporettofahrt von Giudecca Palanca bis Fondamente Nove, um auf Einladung des stolzen Besitzerpaares Sally und Carl Gable die Villa Cornaro, Werk Andrea Palladios, zu besuchen.

Meinen Bericht vom Oktober 2007 kann man hier lesen: 
Villa Cornaro - ein Ausflug aufs Festland.

Der Eindruck war nachhaltig: in der Folge las ich viele Bücher über Andrea Palladio und vor allem seine "Vier Bücher zur Architektur", besuchte diverse Ausstellungen zu Palladio in Venedig und andernorts, pflegte noch einige Jahre den gelegentlichen Mailkontakt mit den Gables aber kehrte nicht mehr nach Piombono Dese zurück. Wollte eigentlich schon, hat sich aber nicht 'ergben'.


Im Februar 2017 fand ich die Villa Corner auf der Webseite von Sotheby's - Preis auf Nachfrage. Da die Gables schon vor 10 Jahren zwar bei bester Gesundheit, aber beide betagt waren, gab es einen nahe liegenden Schreckgedanken. 
Die Widmung in "Palladian Days - Finding a New Life in a Venetian Country House" lautet: 


"For Ashley, Carl and Lisa, Jim and Juli. 
Hoping they will understand why we embarked on this adventure, learn about the Veneto and the Renaissance, and grow confident in their own ability to seize dreams. 
And so they will know where the money went."

Meine Befürchtung hat sich zum Glück nicht bestätigt - nicht die Erben verkaufen das Haus, sondern aus Altersgründen das Besitzerpaar selber. Auf 2 Kontinenten zu leben, ist auch eine Frage der Kondition.

Vor 10 Tagen berichtete die New York Times in einem sachkundigen, lesenswerten Artikel (in Anlehnung an die Website der Gables) über das sensationelle Angebot einer Palladio-Villa: 


wow, inklusive 7 beeindruckenden Fotos (natürlich habe ich bei meinem Besuch der Villa weder im Haus fotografiert, noch die (Schlaf- und Arbeits-)zimmer der oberen Etage gesehen). Nachdem die Sache groß raus ist, kann ich meine Zurückhaltung aufgeben und auch auf die Sensation hinweisen.
Eine Immobilienfirma klinkt sich mit einer Art Schein-Exposé ein, aber die Fotos sind sehenswert (wenn auch ein Foto der Rückseite des Hauses extrem in die Höhe gezogen ist, geklaut bei Guide touristiche Padova). 

In den 10 Jahren seit meinem Besuch der Villa verzichten erstaunlicherweise Reiseführerautor*innen durchgängig weiterhin darauf, auf dieses Juwel aufmerksam zu machen. Es gibt ein paar Tips von/für Tourist*innen online, und die Tourismus-Seite von Padua empfiehlt den Besuch der Villa mit Besuchshinweisen.

Dieses Besuchsangebot beruht auf der Gastfreundlichkeit des Ehepaars Gable, ohne Zaudern und kostenlos seinen Besitz dem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Und man wandert nicht nur durch die Räume, die Palladio für die Präsentation konzipierte, sondern auch durch Küche, Bad, Wohn- und Arbeitsräume des Erdgeschosses. Ob das nach dem Verkauf und unter neuen Besitzer*innen noch der Fall sein wird, kann niemand wissen. Wer 45.000.000 € in ein Haus investiert, hat sicher ziemlich exklusive Nutzungsvorstellungen. Realitischerweise würde ich also befürchten, dass man künftig keine Chance mehr hat, die Villa zu besichtigen. 

Also: die möglicherweise letzte Gelegenheit nützen, bis Ende September Samstagnachmittag einen Ausflug nach Piombino Dese machen. (Oder danach telefonisch einen Termin abmachen. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft ist zuständig, für vereinbarte Gruppenbesuche die Türen und Fensterläden zu öffnen. Solange das Haus nicht den Besitzer gewechselt hat.) 

Auf der Gable-Webseite finden sich Informationen zu Palladio und seinem Werk.
Auch das Vorbesitzerpaar der Villa, Richard H. und Julia Rush, berichtete sehr lesenwert über "Our Purchase and Restauration of the Villa Cornaro". 




Alle Einträge mit dem Label Palladio


.