18. Juli 2014

Drohnen in Venedig

Die Rede ist natürlich nicht von militärischen Drohnen. 
Sondern von Modellfluggeräten, die eine First Person View (FPV) Kamera an Bord haben und zum Teil überraschende Bilder von Orten und visuellen Details liefern.

Ich bin auf die Gruppe LAGUNARI FPV gestoßen, die bei YouTube einige Filme eingestellt hat, die besonders die Inseln der Laguna Nord aus ungewohnten, großartigen Perspektiven zeigen. 
Die Begleitmusik ist auch großartig, aber in der Kombination etwas schräg... allerdings muss es ja wirklich nicht immer Vivaldi sein. Zur Not kann man Ton und Bild getrennt konsumieren.



Drohnenflug über Torcello
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13. Juli 2014

5 x Kultur und 1 Fluch auf S. Giorgio Maggiore

Heinz Mack, The sky over nine columns & Palladiofassade S. Giorgio M.
Kulturobjekt 1 ist zu sehen, ohne dass man die Insel über-
haupt betritt: Heinz Macks "
Der Himmel über neun Säulen". Immer ein anderer Anblick je nach Wetter, Tageszeit, Aussichtspunkt (Riva, Dogana, Gefängnis, Dachboden des Dogenpalastes, vom Wasser aus...). 
Von Nahem kommen die Goldreflexe auf dem Wasser dazu, die immobilen Hintergründe (S. Giorgio selbst, das immer über-
wältigende Panorama von Dogenpalast, Piazzetta, Campanile und Dogana, der Himmel, das Wasser) und die mobilen (Wasserfahrzeuge aller Arten und Größen) und das wechseln-
de Licht auf dem Gold der Säulen. Die dramatischen roten Sonnenuntergänge Venedigs finden hier eine neue Ausdrucks-
möglichkeit und der Einbruch der Dunkelheit zieht noch mehr der täglichen AbendfotografInnen an. Die Säulen sind eine wahre Spielwiese für Fotoexperimente, und da wir alle mit einer Kamera in der Hosen-, Jacken-, Fototasche durch Venedig wandern, gibt es mittlerweile sicher unzählige Fotos der "Nine Columns", alle verschieden trotz des gleichen Objekts. Entsprechend gibt es einen Wettbewerb für FotografInnen, überhaupt finde ich die Website zu dieser Skulptureninstallation sehr gelungen, z. B. den Menupunkt "Story".

(Bis 23.11., kostenlos)



Kulturobjekt 2 ist leider nur nachmittags geöffnet, zumindest war es das im Juni, was ich zu spät kapiert habe und die Zeit für den zusätzlichen schnellen Hupfer aus dem Vaporetto plötzlich nicht mehr reichte. Blöd! Es ist der nationale Beitrag Angolas "Beyond Entropy Angola" zur Architekturbiennale, kuratiert von der Non-profit-company Beyond Entropy, die auch schon den mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Beitrag Angolas zur Kunstbiennale 2013 "Beyond Entropy Africa" konzipierte. 
(Bis 23.11., 2. Tür nach der schmalen Stelle an der Fonda-
menta der Marina von S. Giorgio Maggiore, kostenlos)



Stanze del Vetro - Santillana Objekt
Kulturobjekt 3 ist die derzeitige Ausstellung in den 'Stanze del Vetro', den 'Glasräumen', mit Werken der Geschwister Laura de Santillana und Alessandro Diaz de Santillana. Wunderbare In-
spirationen in Glas, still, unprätentiös ausgestellt in äußerst zurückhaltender Umgebung (wie immer in diesen Räumen), teilweise geradezu meditativ, auch der Blick auf die Rückseite der Insel S. Giorgio ist unverstellt. Sehr empfehlenswert.

(Bis 3.8., tägl. außer Mittwoch 10-17 Uhr, hinter dem Terras-
sencafé rechts, 1. Tür links, kostenlos)



Glass Tea House Mondrian & Centro Branca im Hintergrund
Kulturobjekt 4 ist das "Glass Tea House Mondrian", eine Installation aus Bambusumfriedung, Wasserbecken, Glaskubus, Trittsteinen und Meditationsobjekten im Randbereich. Es liegt zwischen den Stanze del Vetro und dem Klostergarten der Benediktiner von S. Giorgio Maggiore, wird von außen begleitet von der Palladio-Architektur und den Glocken von S. Giorgio, von innen von zwei weiß gekleideten Frauen (Pyjama), die immer wieder die Trittsteine und die Steinplatten der Anlage mit Wasser benetzen (Gießkanne, Hände) und schwimmende Blätter aus dem blauen Becken fischen. Es soll Teezeremonien geben, ich habe keine erlebt. Aber die Anlage des Gartens ist in ihrer ruhigen Geometrie (die überraschenderweise durch die Gebäude des Centro Branca, in denen ich den Oktober 2013 verbrachte, nicht gestört, sondern verstärkt wird) auch ohne Zeremonie eine wunderbare Meditation oder Konzentration, je nach Bedarf. Wer sich Zeit nimmt, wird dafür belohnt. Wer Glück hat, muss das Glass Tea House Mondrian nicht mit allzu vielen BesucherInnen teilen. 
(Bis 3.8., Eingang in der Hecke gegenüber Stanze del Vetro, kostenlos)  


Raum, in dem der Restaurationsfilm zu sehen ist

Für das Kulturobjekt 5 begibt man sich in die Kirche und verlässt sie wieder durch das Querschiff links, wo man auf dem Flur landet, der zum Cam-
panile führt. In diesem Flur ist auf der linken Seite die Tür zu einem großen Raum geöffnet, dessen Funktion mir kirchen- oder kloster-
technisch nicht klar ist. Er liegt hinter dem Querschiff, links vom Alterraum, aber durch den Flur getrennt davon. Sehr hohes Kreuzgewölbe, holzverkleidete Wände, sparsame Wandbema-
lung, Altar mit Altar-
bild. 

Hier wird als Dauer-
schleife ein Film ge-
zeigt über die Restau-
rierung des S. Giorgio auf der Vierungskuppel der Kirche. Finanziert von der jungen Fonda-
zione Swarovski. Swarovski war und ist auch in diesem Jahr biennalemäßig in Venedig beteiligt (z. B. 2013 durch eine riesige Linse in S. Giorgio Maggiore und eine Protzyacht an der Riva, 2014 durch das Glitzertor zur Ausstellung Monditalia im Arsenale), aber in diesem Fall tut man offensichtlich Gutes  und schweigt darüber. Denn außer diesem bescheidenen aber sehr interessanten Film (italienisch, englische Untertitel) und einer kleinen Broschüre die am Eingang der Kirche ausliegt, findet sich im Internet nichts außer dem Fotobericht eines/einer französischen Bloggers/Bloggerin über die Installation und Einweihung der restaurierten Statue. Wer sich für Restaurationsfragen interessiert, sollte sich den Film inkl. differenzierter Details nicht entgehen lassen, alle anderen sind vielleicht neugierig, diesen Raum zu sehen, der sonst verschlossen ist. Wie lange diese Vorführung noch dauert weiß ich leider nicht. 



Von oben: Stanze del Vetro, Glass Tea House Mondrian, Klostergemüsegarten
Da ich mich immer auf den Campanile von S. Giorgio liften lasse, wenn ich die Gelegenheit habe, aber in diesem Fall das Glass Tea House Mondrian von oben sehen wollte, fuhr ich auf den Turm und fand ein Vorhängeschloss, befestigt an der kleinen Reling in Kopfhöhe an der Aussichtplattform, und zwar von JÜRGEN. Ich war sprachlos. Als Beweis für JÜRGENS unendliche Dämlichkeit habe ich das Ding fotografiert. Es folgt 1 Fluch.



JÜRGEN, Du Staubmilbe, musst Du wirklich als Beleg Deiner Existenz ein Schloss auf diesen Turm tragen? Wenn Du schon keinen Respekt vor Turm und Stadt hast, und ich mich frage, was Du eigentlich hier wolltest - bist Du auch noch zu blöd, die Symbolik eines Schlosses zu verstehen? 
Verboten - Ausgeschlossen - Eingesperrt - Kein Zutritt? 
So wie all die anderen IdiotInnen, die als Liebessymbol (!!) Schlösser an Brücken hängen? Dir und jeder/m anderen Hirnlosen, der/die die Hand an diesem Turm legt, soll sie festschnappen wie das Schloss, für immer und unwiderruflich.


Der restaurierte S. Giorgio


5. Juli 2014

Sommerführungen im Arsenale

Informationswand in der Tesa 105 -
Nördliches Eingangsgebäude ins Arsenale (Haltestelle Bacini) 
Am 6. Februar 2013 ist ein großer Teil des Arsenale aus dem Staatsbesitz (Verteidigungsministerium) in den Besitz der Stadt Venedig zurück gegeben worden. Neben der verblei-
benden militärischen und der wirtschaftlichen Nutzung der Riesenfläche und vorhandenen Bebauung (Thetis, ACTV, M.O.S.E. etc.) sollen künftig auch Bürgerinstitutionen, -initiativen, Vereine etc. in den Genuss des jetzt städtischen Geländes kommen. Daran wird noch gearbeitet und auch die BürgerInnen sollen an dieser Planung beteiligt werden.


Die Stadt ist erfreulich bemüht, das Gelände in die Öffentlichkeitsarbeit einzubeziehen, BürgerInnen reinzulassen und zu informieren unter dem Titel PartecipArsenale. Damit haben auch interessierte TouristInnen erfreulicherweise diese Möglichkeit (nicht der Partizipation, aber der Besuche). Im Sommer 2013 gab es z. B. die ersten Nachtführungen, die ein großer Erfolg waren.

Im Winter 2014 wurden kostenlose Führungen durch die Biennale-Räume des Arsenale angeboten, im April gab es ein Wochenende der offenen Tür und die Nachtführungen im Arsenale finden wieder statt an allen Donnerstagen im Juli und am 7. und 14. August (jeweils um 20 Uhr und 20:30 Uhr für Gruppen bis 40 Personen. Anmeldung erforderlich und nur möglich bis 16 Uhr am jeweiligen Donnerstag unter den beiden angegebenen Mailadressen). Ich finde es eine großartige Idee, nicht die heißen und stickigen Juli- und Augusttage, sondern die langen warmen Abende nach Sonnenuntergang für diese Führungen zu nutzen.

Am 27.6. gab es die erste (von geplanten 6) Führungen zum Thema "Kulturerbe Arsenale", eine umfassende Tour von 4 Stunden, inkl. Bootsfahrt durch das D'arsenabecken. Die Comune Venezia hat dazu gestern ein schönes Video veröf-
fentlicht.





VenezianerInnen (nicht TouristInnen) sind im September eingeladen zu einem Tag der Bürgerbeteiligung. Für den Termin am 5.7. ging nicht die gewünschte Zahl Anmeldungen ein (wie auch, Urlaubszeit!), die Sache wurde verschoben auf den 20.9. und man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.

Das Museo Storico Navale hängt sich dran und bietet neu-
erdings Führungen durch den Schiffspavillon (Padiglione delle nave) an, samstags 14:30 und 16 Uhr, sonntags 11, 12:30, 14:30 und 16 Uhr. Ich habe darüber am 19.7.2008 berichtet und empfehle den beeindruckenden Besuch, vor allem auch für interessierte Kinder, sehr.


Dass die Biennale ihr Arsenalegelände an Freitagen und Sams-
tagen bis einschließlich September erst um 21 Uhr schließt, ist bekannt, soll aber hier auch empfohlen sein, z. B. als ent-
spannter Abschluss eines Biennaletages in den Giardini delle vergini oder im Café am Kran.



Siehe auch Eintrag "Venedig 2014 - Termine Kultur und Tradition"  12.1.2014

Schwerverkehr im Arsenale

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29. Juni 2014

Die Biennale 2014 ist: leer

Architekturbiennale oder Ethno-Museum?
Leer ist nicht nur der erste, sondern der gesamte Eindruck, bevor es differenzierter wird. Das mag daran liegen, dass die Ausstellungsdauer von 3 Monaten (Sept./Okt./Nov.) verdop-
pelt wurde auf 6 Monate (plus Juni/Juli/Aug.). Da verteilen sich die BesucherInnen eben großzügig im Gelände und freuen sich, dass sie weder bei Kassenhäuschen noch Sanitärräumen Schlange stehen müssen und für eine Flasche Wasser oder ein Brötchen umstandslos an den leeren Tresen treten, bedient werden, Platz nehmen. 



Neue Bar-Terrasse hinter dem deutschen Pavillon
Das Angebot an Bars wurde erweitert (die hirnundmagen-
verdrehende Rehberger-Bar leider unverändert, aber jetzt menschenleer, ha): in den Giardini wurden im hinteren Bereich links der Brücke viele Tische und Bänke aufgestellt und anstelle der kleinen Kaffeebude eine reguläre gläserne Bar eingerichtet. 



Eine weitere gläserne Bar steht ganz neu hinter dem deutschen Pavillon und auf mehreren Ebenen wurde im Baum-
schatten eine noch nach frischem Holz duftende große Terrasse bis zum russischen Pavillon angelegt, die eine der spektakulärsten Aussichten Venedigs bietet. Ein neues Highlight, das man nicht verpassen sollte! Das gesamte Panorama von Stadt, Inseln, Bacino, umwerfend! Viele Plätze für viele BesucherInnen! Leider nicht geöffnet mangels BesucherInnen, was mich nicht hindert, frische Kirschen und Müsliriegel auszupacken und sie schwes-
terlich mit 3 Tauben zu teilen, die mit mir am Tisch Platz nehmen. 


Im Arsenale Novissimo wurde ebenfalls eine neue Bar eröffnet, in der Tesa 105, die quasi der Eingangsbereich ist, wenn man von der Haltestelle Bacini kommt. Also im eintrittsfreien Be-
reich des Arsenales, in dem bei Kunstbiennalen viele Aus-
stellungen untergebracht sind und der bisher leider ohne jede Versorgung war. Ein angenehm hoher weißer Raum, kühl und großzügig leer mit Blick aufs schattenlose Arsenalebecken und menschenleere Ausstellungsgelände in der Sonne gegenüber. Ein paar Tische mit großen Sonnenschirmen am Ufer draußen.

Da die geplante Brücke zwischen Torre della porta nuova und Giaggandre immer noch nicht gebaut ist, gibt es eine "Navet-
ta", ein kleines Motorboot, das zu festen Zeiten vom Arsenale ins Arsenale Novissimo übersetzt (wo es nur 2 Ausstellungen gibt), ich vermute, in umgekehrter Richtung gegen Vorlage einer gültigen Eintrittskarte.


Der von mir zu Kunstbiennalen immer wieder empfohlene Eingang durch das geöffnete Fenster in der Arsenalemauer steht nicht zur Verfügung, eben weil es hier "nur" 2 Aus-
stellungen gibt (genau: Tesa 100, Across Chinese Cities - überwältigende Menge an Details, für die man bei Interesse wirklich Zeit aufwenden sollte; und Tesa 92, India The Revealed Mysteries, jenseits der Biennale mit extra Eintritt von 12 € indische Gegenwartskunst, hatte für mich keine Priorität). 


Soviel zu den praktischen Dingen.


Friedrich Mielke erklärt wunderbar
Die Biennale in 3 Teilen unter dem Gesamttitel "Fundamentals" braucht Inhaltsverzeichnisse (die ich erst am Ort annähernd kapiere) - "Elements" im zentralen Pavillon der Giardini, "Mond-
italia
" in der Tana des Arsenale und 66 nationale Auftritte unter dem Titel "Absorbing Modernity"  in den Pavillons in Giardini, Arsenale, Stadt. Die Bedeutung von "absorbing" bleibt zweideutig - wird die Moderne absorbiert oder absorbiert sie? 

"Elements" hätte wohl ein Quilt sein sollen der die Basisteile von Architektur darstellt, ist aber ein Patchwork höchst ver-
schiedener Einzelteile geworden, hergestellt von höchst ver-
schiedenen Leuten/Arbeitsgruppen und ohne inneren Bezug. Da hat der Kurator  R. K. gepennt. Das Ergebnis, das mehr sein sollte als die Summe seiner Einzelteile, strahlt hier einfach nicht aus. Wer Sammlungen von 300 Türklinken sieht, von Toiletten oder kostbaren Häusermodellen aus Indonesion und Papua Neuguinea, sich von beweglichen Trennwänden, Pro-
duktionsprozessen von Fenstern oder Rolltreppen beeindruc-
ken lässt, hat danach genau die Einzelteile im Kopf, aber kein Konzept, weder zur Architektur noch zu ihrer Bewertung.

 
Detail der Nationalausstellung Neuseeland (Palazzo Pisani, calle delle erbe)

Jede/r findet die Details, die ihm/ihr gefallen, mich hat sehr tief beeindruckt und belehrt der Film über Friedrich Mielke und dessen Vortrag; auch der erstaunliche Film über die Tunnels von Welbeck Abbey
Aber der (hier unterstellte!) Sinn der Recherche und Ausstel-
lung von "Elements", falls es nicht die Chance für 100 oder mehr Koolhaas-StudentInnen ist, in ihr CV "Mitarbeit an der 14. Architekturbiennale" zu schreiben, ist mir wohl eher ver-
borgen geblieben.



Perspektiven im Pavillon Griechenland
Dagegen hat mir "Monditalia" in Übereinstimmung mit anderen BesucherInnen gut gefallen, der derzeit am besten besuchte Teil der Biennale. Was auch an den Anteilen von Tanzbiennale (Mitte Juni bis Mitte Juli) und quasi Filmbiennale liegen mag, die hier munter mit eingebaut werden. In der Tana/den Corde-
rie finden den ganzen Tag auf verschiedenen Bühnen Proben statt (die Aufführungen laufen abends ohne mich als Zuschau-
erin). 

82 Filmfragmente vor allem italienischer Regisseure des letzten Jahrhunderts, aber auch von den verehrten Angelopoulos, Godard, Straub, Tarkowskij etc. werden in Dauerschleifen gezeigt. Das ist nett, an Clips sind wir einerseits gewöhnt, und eine einzelne Szene, mehrfach hintereinander gesehen, ist andererseits ein ungewohntes Seherlebnis eines längst bekannten Films.

Die "Monditalia" besteht neben diesem Entertainment aber vor allem aus italienischen Problemprojekten - Sachen, die gründ-
lich schief oder aus dem Ruder liefen, die sich nicht retten ließen, Naturkatastrophen, Fehlplanungen. Zum Teil geht es auch um Architektur, aber eigentlich um das gesellschaftliche Chaos Italiens, das auf seine Weise so deprimierend ist wie das Griechenlands, das mir vertrauter ist. 


Um wieder zwei Beispiele zu nennen, die mich besonders be-
eindruckt haben: Assisi Laboratory über die Folgen des Erd-
bebens 2012 und die Probleme des Tourismus in dieser kleinen Stadt; und La Maddelana, die Insel, auf der 2009 der G 8-Gipfel stattfinden sollte, der kurzfristig von Berlusconi in das Erdbebengebiet von L'Aquila verlegt wurde. Die Perspektiv-
losigkeit der kostenorientierten "Restaurierung" in Assisi und der verschwendeten Mittel auf La Maddalena sind (mir) uner-
träglich, die Trauer der gezeigten Menschen und die Vergeblichkeit ihrer Arbeit brechen einem (mir) schier das Herz. 


Auf YouTube gibt es viele interessante Videos aus "Monditalia", die einen Blick wert sind. 


Ungarische Sitzbänke

Von den nationalen Präsentationen bleiben wie immer 

Rätsel (z. B. Ägypten, Groß Britannien, Schweiz (der Pavillon in den Giardini) überfordern mich); 

Ärger (z. B. Griechenland - müssen in dieser an sich sehr be-
eindruckenden Ausstellung die Erklärungen zu Modellen auf 1,20 m Höhe sein, in winziger Schrift und mich zu einer idio-
tischen, unbequemen Leseposition zwingen? Israel - was haben diese Sandzeichner mit dem politischen Aspekt der Siedlungspolitik der letzten 50 Jahre zu tun, der mich inte-
ressiert? Marocco - alle paar Jahre wiederholt sich die Idee, einen Pavillon 1/2 m hoch mit Sand einzustreuen, diesmal also Marocco. Ich mag keinen Sand in den Schuhen!); 


Beeindruckende Erfahrungen (z. B. USA - ein Büro mit Spiegelwand, was für ein Alptraum! Polen - politische Ge-
schichte anhand eines einzelnen Monumentes. Neuseeland und Süd Afrika - koloniale und postkoloniale Architekturgeschich-
te. Ungarn - eine sympathische Ausstellung, Modelle und Fotos, die die Laiin nicht überfordern und auch die ungarische Möblierung im hinteren Teil des Biennalegeländes mit schönen Sitzgelegenheiten gefällt mir);


Überzeugende Präsentationen (z. B. Dänemark - ein ästhe-
tisches, inspirierendes Erlebnis. Canada - Nunavut, ein fremder Kosmos, kreativ und informativ dargestellt. Nordischer Pavillon mit Tanzania, Kenia und Zambia - "Entwicklungs-" und Koope-
rationsprojekte ohne postkoloniale Ausbeutung).



Ich stoppe befehlsgemäß vor dem Grabmonument im polnischen Pavillon
Die Frage nach der Absorbierung der/durch die Moderne liegt außerhalb meiner Kompetenz. In den Jubel um Rem Koolhaas konnte ich noch nie einstimmen, und es gibt in meiner Sammlung von Berichten und Besprechungen genügend kriti-
sche und würdigende Stimmen von Fachmenschen zu Rem Koolhaas, seinem Konzept, seiner fachlichen Leistung als Di-
rektor der Biennale und seinem Anspruch als globalem Archi-
tektur-Platzhirsch. Der Mann ist bekanntrmaßen ursprünglich Journalist und Bedeutungen von Menschen, Dingen und Bewertungen ändern sich. Die Biennale dauert noch weitere volle 5 Monate, zu früh, Bilanzen zu ziehen.  



Hier wird "echt" gebaut: neuer australischer Pavillon

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22. Juni 2014

Zwischen Giardini und Arsenale...

Via Garibaldi, 20.6.14
 
... beim Überqueren der Via Garibaldi, kommt von links ein Schiff.

Vor allem im letzten Oktober, als ich 4 Wochen mitten im Bacino von S. Marco wohnte, hatte ich mich schon fast daran gewöhnt, dass zu jeder Tageszeit die Riesen vorbeizogen, 4-7 pro Tag, hin und zurück. An Spitzenwochenenden mehr. 

Man kann das gut und in Originalzeit verfolgen auf der Website AIS Marine Traffic, im Winter gab es keine Kreuzfahrtschiffe, seit Ende Mai wieder jeder Menge. Gleichzeitig werden die BürgerInnen wieder spürbar aktiv mit NoGrandiNavi- Demonstrationen und Blockaden.

Die einzigartige Entspanntheit des venezianischen Verkehrs beruht ja auf der völligen Trennung der Verkehrsebenen. Was auf Füssen unterwegs ist, bewegt sich auf Land bzw. einer Brücke, alles, was "fährt", ist im Wasser. Zwei Verkehrswege, die nicht gleichzeitig genutzt werden können, Fahrende und Gehende können sich nicht ins Gehege kommen. Ein Traum von Verkehrsplanung.

Aber beim plötzlichen Erscheinen dieser Riesendinger macht man unwillkürlich, und sei es nur als Schreck bei seinem An-
blick, einen Schritt zur Seite. Reflex. Die Griechenlandfähren legen nicht mehr in der Stazione Marittima an, sondern in Marghera, das ist hoffentlich auch die Zukunft der Kreuz-
fahrtschiffe.




Nachtrag am 24.7.2014:
Aufruf internationaler Künstler gegen die Durchfahrt von Kreuzfahrtschiffen
The Art Newspaper 23.7.
20Minuten 23.7.
Fox News 23.7.
Mail Online 22.7.
The Telegraph 22.7.


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16. Juni 2014

Art Night Venezia 2014

(C) Art Night Venezia, Quelle: info Ca'Fosari

Bisher führe ich die Art Night am 21.6. unter den Kulturtipps 2014 in der Abteilung "Traditionen" (ist ja schon die 4. Art Night, und immerhin die 3., bei der ich dabei sein kann). Am Wochenende ist es soweit, es treffen mehr Hinweise auf die Angebote ein, ich mache kurz einen eigenen Blog, denn die Sache ist schon unübersichtlich genug.

Alle Angebote kann man unter dem Link oben finden, sortiert nach Veranstaltungsorten (sedi), auch per Stadtplan, und Angeboten (eventi). 
Wer sich in Venedig gar nicht auskennt, hat es schwer, denn er/sie kann die Dauer der Fusswege nicht abschätzen und den ÖPNV nicht pfiffig genug nutzen. Man sollte sich nicht zu viele Programmpunkte vornehmen, denn man unterschätzt immer die Zeit, die man "unterwegs" verbringt, ich jedenfalls.

Den Neulingen sei also gesagt: Eröffnung des Abends findet wie immer im Hof der Universität Ca'Foscari statt (Fussweg zwischen den Haltestellen Ca'Rezzonico und Accademia) mit einer Art "wandernden Performance" von StudentInnen (für die noch Freiwillige unter den Studierenden gesucht werden). Man kann den Abend aber auch an allen anderen beteiligten Institutionen eröffnen. Auch schließen kann man die Art Night überall, ich habe sie bisher zweimal auf der Party in der Kunsthochschule (Zattere, Incurabili, Haltestelle Santo Spirito) ausklingen lassen. Diesmal wird besonders auf eine (mir unbekannte) Gruppe hingewiesen, die im Hof der Ca' Foscari die Kunstnacht beendet.

Für die Zeit dazwischen, die jede/r nach Geschmack gestaltet, gilt: VORHER Programm gut prüfen, Angebote aussortieren, aussortieren, aussortieren bis ein paar wenige (oder auch nur eines) übrig bleibt. Ich leite hier Hinweise weiter, die mich über Newsletters oder Twitter erreichen.

Ateneo Veneto (Führung und Jazzkonzert) gegenüber dem Teatro La Fenice)

Link mit Programmhinweisen zur Art Night
 
Art Night auf Torcello: kostenlose Führung, anschließend gemeinsames Abendessen (20 €) und gemeinsame Rückfahrt nach Venedig. Anmeldung erforderlich. 

Info Ca'Fosacri 

Art Night bei Guggenheim 

Art Night auf S. Giorgio Maggiore - Stanze del Vetro und Tea House sind immer kostenlos, aber in die Nacht verlängert + Angebot kostenloser Führungen. 

Art.it Hinweis auf die Art Night und am Ende der Seite ein Link auf den Führer zu Kunststätten in Venedig (Plan etc.)

Art Night im Twitter von Venezia.Net

Twitter von Artribune

Twitter mit dem Programm der Universität IUAV, Tolentini, S. Croce

Newsletter des Teatro Goldoni

Twitter von Libreriamo

Wird noch laufend ergänzt.

Mein Eintrag zu den bisherigen Kulturterminen 2014, mit Links zu den meisten Museen. Hier kann man sich über die aktuellen Ausstellungen informieren, die (möglicherweise) in der Art Night kostenlos besucht werden können.
 
Monatszeitschrift VENEWS 14/06 enthält Hinweise zu Kunstangeboten/-veranstaltungen, die während der Art Night kostenlos besucht werden können. 

Campo S. Giorgio Maggiore; Heinz Mack: The Sky Over Nine Columns

9. Juni 2014

Architekturführer Venedig


Haben wir bereits im Regal, von 4-5 qualifizierten Autoren, in 2-3 Sprachen...?

Der Untertitel lautet allerdings "Bauten und Projekte nach 1950" und DAS haben wir noch nicht. Wurde soeben zur Eröffnung der Architekturbiennale in Venedig vorgestellt und erscheint in 4 Sprachen gleichzeitig. Englisch in adriablau, deutsch und italienisch in 2 laguneblauen Tönen (behaupte ich mal), französisch in venezianisch-kanalgrün, eindeutig.



Ich habe mich am Pfingstsonntagnachmittag im Schatten vertieft in das Werk und es bis zum Ende nicht mehr aus der Hand gelegt. 125 Projekte stellen Clemens F. Kusch und Anabel Gelhaar in 9 Kapiteln vor, die sich parallel räumlich und inhaltlich im centro storico, auf den Inseln und auf dem zur Stadt gehörenden Festland orientieren. 

Neue Wohnquartiere wie in Cannaregio, auf der Giudecca oder auf Mazzorbo; alle Umbauten, die Räume für die beiden vene-
zianischen Universitäten in ehemaligen Lager- wie auch Palaz-
zostrukturen entstehen liessen ebenso wie die Museumswelt Venedigs entlang des Canal Grande; die Einzigartigkeit des Verkehrs und seine architektonischen Voraussetzungen; Krankenhaus- und Friedhofsstrukturen und -bauten; Um- und Ausbauten von Kirchen und Klöstern zu Bibliothen und Wohn-
heimen - vieles davon ist mir eigentlich nicht neu und dennoch bin ich sowohl von der Menge als auch den Details der Informationen überrascht. 


Das in S. Marta eingebaute Auditorium habe ich anlässlich einer Biennale-Ausstellung besucht, hier finde ich den Plan und Materialdetails. Das Wohnhaus neben Spirito Santo, über des-
sen venezianische Fassade in widerspenstiger Form ich seit Jahren im Vorbeifahren grübele, findet seine Erklärung. Die Nationenpavillons ab 1950 in den Giardini der Nachkriegszeit werden vorgestellt, das fehlte mir bisher.


Besonders interessant sind die Neubauten,  Umbauten und neuen Gebäudenutzungen im Arsenale, die ich seit gut 10 Jahren miterlebe, Hallen mit Büroraum- und Industriestruk-
turen, Auditorien, Ausstellungsräumen inkl. des wunderbaren Turms der Porta Nuova mit Planungsdetails, Grund- und Auf-
rissen. Alles ist für interessierte Laien wie mich gut verständ-
lich, aber die Autoren verzichten keineswegs auf Ausführlich-
keit für Fachleute, wenn es z. B. um die Kompliziertheiten beim Bau von Calatravas 'Ponte della Costituzione' geht oder Differenziertheiten in den Giudecca-Wohnvierteln, z. B. Junghans. 


Ich vermisse wenig: die Aufnahme der neuen Vaporetto-Terminals (Haltestellen kann man sie kaum noch nennen) bei S. Marco, S. Zaccaria, Lido S. M. E. und Burano, die in ihrer Größe und Gestaltung aus meiner Sicht optisch sehr auf ihre unterschiedlichen Standorte wirken. Vielleicht wäre auch die gerade stattfindende Neugestaltung der Insel La Certosa eine Projektvorstellung wert gewesen. 

Die Übersicht reicht von farblicher Sortierung der Kapitel zu schematischen Stadtplänen über viele hervorragende Luft-
aufnahmen (alle Fotos sind von hoher Qualität), die die beschriebenen Projekte gut in ihrem Umfeld erkennen und zuordnen lassen bis hin zu QR-Codes zu jedem einzelnen Objekt, die die Lage auf Google Maps widergeben sowie die jeweilige Route vom Standort des/der NutzerIn.


Register, Lektorat, Druck, Haptik - für die in solchen Fragen pingelige Leserin ein hoch erfreuliches Produkt. Offensichtlich hatte eine ganze Reihe Menschen Spaß an dieser Arbeit. Das Werk ist ein echter Gewinn für Venedig-LiebhaberInnen mit Interesse auch an neuerer Architektur. Auch wenn der Preis hart ist. Die Zielgruppe wird mit Sicherheit zugreifen und der Verlag kann nach einem Kassensturz eine Spende für Projekt Nr. 26 überweisen: Architekt unbekannt, Baujahr unbekannt...  


Clemens F. Kusch / Anabel Gelhaar: Venedig Architekturführer , Bauten und Projekte nach 1950; 270 S., über 400 Abb., Softcover; € 38,- CHF 49,40; Mai 2014; DOM publishers, Berlin

Dürfte in Venedig in allen 4 Sprachen erhältlich sein, in vermutlich allen Buchhandlungen/Museumsshops.