21. August 2016

Fondaco dei Tedeschi spielt demnächst auf dieser Bühne

März 2016
Am 30. September soll der neue Luxusmarkt DFS (Mieter des Betreiberkonzerns lvmh) im Fondaco dei Tedeschi eröffnet werden. Die Information ist über 2 Monate alt, sie wurde nicht wiederholt und nicht dementiert, aber meine Hand ins Feuer legen würde ich für die Richtigkeit nicht. Vielleicht wird es auch Oktober...

Ich hüte mich in den letzten Monaten, den Fuss in die Nähe des Baustellenkessels am Rialto setzen. Neben der Renovierung des Fondaco dei Tedeschi (siehe auch Einträge zum Label Fondaco dei Tedeschi) wird auch der Palazzo dei Camerlenghi in diesem Jahr wieder nutzbar sein; die Rialtobrücke selbst (siehe auch Einträge Label Rialto) soll 2017 fertig gestellt werden.  Bis auf Weiteres fahre ich also daran vorbei und nutze je nach Bedarf die Haltestellen Ca' d'Oro, Rialto Mercato, S. Silvestro oder S. Angelo. 

Ich habe wie die meisten von uns das Ergebnis der Umgestaltung zum 'Department Store' (also schlicht das alte Wort 'Kaufhaus'; was ist aus dem Begriff 'Mall' geworden, der einem - plop - aus dem Mund fällt?) bisher nicht mit eigenen Augen gesehen. Dafür erstmal Links für diesen Eintrag gesammelt, denn ohne eigene Anschauung sollte man vorsichtig sein mit Geschmacksäußerungen. Dank der Website des ausführenden Büros OMA und der Ende Mai gestarteten Medienkampgagne gibt es genügend neue Bilder, die offensichtlich zusammen mit einem Pressetext (der gleiche wie auf der Website?) in die Welt gepustet wurden. Sie landeten etwa gleichzeitig in Tages-, Wochen-, und vor allem Fach- und Hochglanzblättern bzw. -netzseiten und die Ergebnisse sind quasi identisch. Überall die gleichen Fotos, überall die gleichen Textbausteine bzw. Stichwörter. 


Markuslöwe über dem Hauptportal des Fondaco dei Tedeschi

Unvollständige Sammlung von Beispielen:
Kann es sein, dass nicht einmal die Fachpublikationen die Chance zu einer kritischen Recherche und Stellungnahme nutzen, sondern ohne Ambitionen frei Haus gelieferte Pressetexte und Fotos veröffentlichen? Ist die Medienkampagne so überzeugend, ist das Büro OMA so einflussreich? Wiegt die Kosteneinsparung schwerer als der redaktionelle Standpunkt?

Es gab aber auch einige Beiträge (und ich habe alle Texte der hier veröffentlichten Links gelesen), die sich nicht allein auf den fertigen Text und den professionellen Eindruck der gelieferten Fotos zu verlassen schienen: 

März 2016

Der Beitrag des Deutschlandradios ist ein Jahre alter Artikel aus dem Archiv, versehen mit einem neuen Datum und ohne aktuellen Bezug. Also bitte!

Der Beitrag von ArchDaily bringt als einziger ein Interview mit einem der verantwortlichen Architekten (Ippolito Pestellini Laparelli), bei dem mich die sachkundigen und kritischen Fragen des Autors Vladimir Gintoff deutlich mehr beeindrucken als die Einlassungen des Interviewten. Denn der liefert wieder die bekannten Textbausteine, die vorgeformten Medienhäppchen, die sprachliche Selbstdarstellung des Architekturbüros OMA. Trotzdem ist das Interview wirklich erhellend, ich empfehle sehr, ihn zu lesen; es beleuchtet außerdem, was an den scheinbar eigenständigeren Beiträgen der AutorInnen in Frame, BauNetz, SZ und FAZ selbst gedacht und was auch nur übernommen wurde. 

Und ich finde: diese Beiträge drücken sich um einen kritischen Standpunkt herum, indem sie den von OMA behaupteten permanenten Wandel durch immer neue bauliche Veränderungen, das sogenannte "Palimpsest", zu einseitig überdenken. Denn dieser 'permanente Wandel' ist das Feigenblatt der Rechtfertigung vor den italienischen Denkmalschutzgesetzen. Und die deutschsprachige quasi akademische Diskussion des angeblich objektiven Mangels von authentischen Strukturen, der jahrhundertelangen permanenten baulichen Eingriffe, der deshalb paradoxen Legalität des Denkmalstatus ist ein Reinfall aufs Marketingkonzept.

Dass die erneuten (und aus dem Interview von ArchDaily zu lesen: nicht revidierbaren) baulichen Eingriffe - trotz Denkmalstatus des Fondaco dei Tedeschi! - die einzig denkbare Bestätigung der historischen wechselnden Bauzustände eines 500 Jahre alten Gebäudes sei, kann man aus meiner Sicht nicht ernsthaft als denkmalorientieres architektonisches Konzept verkaufen, denn welches Gebäude in Venedig wurde in den letzten 1000 Jahren nicht wiederholt verändert, abgerissen, halb abgerissen, der Gotik, Renaissance, dem Barock angepasst, neu gebaut, umgenutzt, aufgestockt, verbrannt, erweitert, verschönert, konvertiert, längerfristig nicht genutzt, aus Ruinen wieder hochgezogen? 

Ganz Venedig ist so gesehen ein 'Palimpsest'. Für mich ist das allerdings kein zulässiger Begriff im Zusammenhang mit einer anderhalbtausendjährigen Stadtentwicklung. Eine sehr schlichte Metapher statt Geschichtsbewusstsein und Respekt vor dem historischen Erbe! 

 Bauentwicklung Rialto 950 bis jetzt  (auf YouTube aufrufen per Klick auf den Text oben links)
Dank an K. H. für den Hinweis auf Venice Time Machine.

Nun, angesichts von 500 Jahren Fondaco dei Tedeschi: auch sein derzeitiger "historischer Bauzustand" wird eines Tages Geschichte sein, es werden neue bauliche Eingriffe kommen. Schon Form und Farbe der Rolltreppen, Ausdruck eines vorübergehenden Geschmacks, werden in wenigen Jahren nicht mehr 'luxuriös' wirken. Für die Dauer der Nutzung als Warenhaus muss im Gewinninteresse der Verkehr im Gebäude beschleunigt werden, gut, und die Dachterasse, angekündigt als offen und frei zugänglich für alle, ist der im Moment wunderbarste Kundenköder in das Gebäude, den man sich denken kann. 

Aber wer weiss, wer oder was nach unserer Zeit kommt;  in 50, 100 oder 150 Jahren dort seinen Raum hat? Eine große europäische, mehrsprachige integrativ-kooperative Universität? Die zentrale europäische Verwaltungsbehörde für Einwanderung oder die Stelle zu Beobachtung und Koordination internationaler Bevölkerungsbewegungen? Im Moment sieht es eher danach aus, als würde in den nächsten 50 Jahren jedes Bett in Venedig ein Gästebett und die Stadt das Traumziel für asiatische Reisegruppen bzw. wohlhabende Familien, mit entsprechenden Versorgungs- und Servicestrukturen. (Auch bei der Rekrutierung für Verkaufs- und BeratungsmitarbeiterInnen für den Fondaco dei Tedeschi gehörte Mehrsprachigkeit zum Profil, neben englisch bevorzugt mandarin, russisch, japanisch, koreanisch.) 
Ich wünsche mir: keine Luxusbude, die kein/e VenezianerIn zum Leben braucht. Und die TouristInnen finden das Warenangebot im neuen Fondaco dei Tedeschi in jedem asiatischen Duty Free Shop. Für die Nutzung eines alten Gebäudes im Interesse der jeweils lebenden und arbeitenden Menschen genügt seine sorgfältige Instandhaltung inklusive aller historischen baulichen Veränderungen zum Besseren oder Schlechteren. Ich hoffe sehr, in 150 Jahren hat Venedig (sprich die Bürgerschaft) genug Humor, um über die OMA Umgestaltung nachträglich zu lachen, und ist so gefestigt in jeder Hinsicht, dass es auf "Transformationen" gegen seine eigenen Interessen entspannt verzichten kann.   

Nachdem schon vor Monaten das Aussengerüst abgebaut wurde, und ein still gehegter Wunschtraum augenscheinlich nicht in Erfüllung ging, kann ich ihn ja jetzt einräumen (im anderen Fall wäre "...genau das hatte ich mir vorgestellt...!" zu prahlerisch gewesen, um damit nachträglich rauszurücken):


Wäre es nicht eine Überlegung wert gewesen, die Süd- und Westfassade wie beim Wiederaufbau mit Malereien zu gestalten? Hat niemand daran gedacht? Nach dem Brand von 1505 beeilte sich bekanntlich die Serenissima, den Handelshof der deutschsprachigen Kaufleute schnell wieder aufzubauen. Schon 1508 war das neue Haus voll funktionsfähig. Zur Wahl sowohl Arbeitszeit sparender wie auch maßvoller Mittel gehörten nicht Verkleidungen aus istrischem Stein oder Marmor, sondern eben Fresken, deren kurze Lebensdauer in der venezianischen Salzluft bewusst in Kauf genommen wurde. Der junge Giorgione und der noch jüngere Tizian übernahmen den Job, ersterer die Südseite zum Canal Grande, letzterer die Westseite zur Gasse mit dem Haupteingang. 


Canaletto, Fondaco dei Tedeschi (Detail)
Auf dem Werk des 18. JHs sind die Fresken Giorgiones
an der Canal Grande-Seite noch schwach sichtbar.

Giorgio Vasari schreibt in seinen Künstlerbiographien ('Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten') bei der Biographie Giorgiones: 


"Im Jahre 1504 brach zu Venedig im Lagerhaus der Deutschen am Ponte del Rialto ein furchtbares Feuer aus, das jenes und alle Waren zum großen Schaden der Kaufleute zerstörte. Die Signoria von Venedig gab den Befehl, dass man es neu erbaue; es wurde mit bequemeren Wohnungen, mit größerer Würde und Pracht und schöner schleunigst erbaut. Giorgione, da dessen Ruf immer mehr gestiegen war, wurde dabei zu Rate gezogen und erhielt von dem Bauverweser den Auftrag, es in bunten Farben in Fresko zu bemalen, ganz nach eigenem Gefallen, wenn er nur sein Talent dabei kundgebe und an diesem schönsten und am meisten gesehenen Ort der Stadt ein hervorragendes Werk ausführe. Er legte Hand daran und malte, als Beweis seiner Kunst, lauter Phantasiegestalten; und tatsächlich findet man weder eine Folgerichtigkeit von Bildern, noch einzelne Begebenheiten aus dem Leben berühmter Personen des Altertums oder der neueren Zeit; ich für meinen Teil habe es nie verstehen können und auch auf meine Frage nach der Darstellung niemand gefunden, der es verstanden hätte. Denn hier ist ein Mann, dort eine Frau in verschiedenartigen Stellungen; neben dem einen sieht man ein Löwenhaupt, nebem dem anderen einen Engel, dem Cupido ähnlich, aber man weiss nicht, was es sein soll. Über dem Hauptportal nach der Merzeria zu ist eine Frau sitzend abgebildet, zu ihren Füßen ein Riesenhaupt, fast nach Art einer Judith; sie hebt den Kopf mit dem Schwerte empor und spricht zu einem Deutschen, der weiter nach unten steht. Weshalb diese Figur hier dargestellt ist, konnte ich nicht deuten, wenn er nicht eine Germania machen wollte. Im Ganzen erkennt man sehr wohl, dass die Figuren gut beisammen sind und dass Giorgione immer besser wurde, Köpfe und einzelne Teile der Gestalten sind gut gezeichnet und sehr lebendig koloriert, auch mühte er sich überall, die lebendigen Dinge gut aufs Korn zu nehmen ohne irgendwelche Nachahmung einer Manier. Dieses Werk ist in Venedig berühmt, nicht minder wegen der Malereien Giorgiones, als wegen der Bequemlichkeit des Warenlagers und seines öffentlichen Nutzens."

Die Sache ging schnell, das Gebäude hatte ein farbenfrohes, festliches Aussehen, die auftraggebende Signoria profitierte nicht nur bei den günstigen Kosten, sondern auch vom Image der beiden aufstrebenden Künstler. Junge wilde Künstler gefördert, großartige marketingwirksame Kunst am Rialto platziert, wichtige Wirtschaftpartner nachhaltig und großzügig beeindruckt!

Ach! Wie leicht hätte man auch jetzt zwei 20jährige, erfahrene und künstlerisch herausragende Mural-Künstler finden können. Was für eine Pracht wäre es gewesen, zwischen den Fensterreihen lebendige, zeitgenössische Kunstwerke zu sehen, bunt! Im Gegensatz zum öden Weiß, das sich immer weiter auf frisch restaurierten Gebäuden in Venedig ausbreitet. 

Egal, was sie gemacht hätten"...ganz nach eigenem Gefallen, wenn er nur sein Talent dabei kundgebe und an diesem schönsten und am meisten gesehenen Ort der Stadt ein hervorragendes Werk ausführe.

Sagt Vasari, sage ich. 


Mai 2016,  Dachterrasse fertig



Ein schöner und interessanter Artikel aus dem Umfeld des Themas und der Neuen Zürcher Zeitung:
László F. Földényi: Imagination einer Begegnung - Albrecht Dürer und Georgione in Venedig



Weitere Ergänzungen bei Bedarf - vielleicht am 30.9.?


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17. August 2016

Über Musik in Venedig

Dogenpalast, Säulenkapitell an der Piazzetta

Wieder ein bisschen Musik zwischendurch:

die britische Zeitung THE GUARDIAN widmet sich in einer Sommerserie der Musik europäischer Städte.

Am 29.7. war Venedig das Thema mit Links zur venezianischen Musikgeschichte und Werken von Komponisten, die durch die schönste Stadt inspiriert wurden. Weit entfernt von vollständig, wie denn auch, trotzdem interessant als Lektüre und Hörgenuss.

Stephen Moss
A musical tour of Europe's great cities: Venice.

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11. August 2016

Noch ein Blick in die Corte Nova, Castello

Perfekt bemalte Kassettendecke, obere Hälften der beiden kleinen Altäre
Anfang August, und schon ist die Restaurierung im Sottoportego der Corte Nova fertig! Das ging flott. Bei meinem Besuch Ende Juli stand das Gerüst auf der rechten Seite (von der Calle Zorzi aus gesehen) und darauf die 3 RestaurateurInnen wie gehabt, ein paar Tage später war es abgebaut und der Durchgang frei.


Baustelle am 27.7.
Die Bemalung der Kassettendecke ist großartig gelungen. Jede Kassette ein Unikat, sicher eine schöne Übung und ein Erfolgserlebnis für die Studierenden. Ein großes Brandloch im Bereich des einen Altares wurde belassen (eine unbeaufsichtigte Kerze? Ein größerer Brand konnte verhindert werden?) und ansonsten leichte Farben bei beiden Altären gewählt. Schön sind auch die aufgepinselten Marmormuster an einigen Stellen - ein so schlichter Raum ist natürlich weder mir Marmor noch mit Marmarino ausgestattet. 

Eine Pracht und eine tolle Arbeit, complimenti!


Rahmen für die Gemädekopien und 'Marmor'bemalung über dem Eingang
Detail 'Marmor'bemalung unter einem Altar

Der Höhepunkt folgt noch: 
"Die Restaurierung des Sottoportego und der Originalbilder, die zur Zeit in S. Francesco della Vigna ausgestellt sind, wurde von Studenten und Restauratoren des Istituto Veneto per i Beni Culturali ausgeführt dank der Unterstützung durch Save Venice Inc.Die Maßnahme wird abgeschlossen im September mit letzten Verfeinerungen und dem Anbringen von Kopien der Bilder in den Originalrahmen. Es wird eine Einweihungszeremonie für die Einerschaft organisiert.Wir danken der Aufsichtsbehörde, der Stadt Venedig, Frau und Herrn Carlotti, der Pfarrgemeinde, dem Kulturverein Olivolo, unserem Lieferanten 'La Beppa' und allen Einwohnern des Wohnviertels für Unterstützung und Hilfe bei dieser Unternehmung.
Wir wünschen, dass alle diesen kostbaren Ort Venedigs zu schätzen und respektieren wissen."

steht auf dem Schild, das vom Istituto Veneto per i Beni Culturale und Save Venice Inc. unterzeichnet ist und im Sottoportego hängt. 

Dem kann man sich nur anschließen.





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9. August 2016

Jetzt aber! Venedig, die Juden und Europa im Dogenpalast

Aufteilung eines Wohnhauses im Ghetto Nuovo
Alles im grünen Bereich am Dogenpalast bei der Öffnung um 8:30 Uhr am 2.8., ich hoffe weiterhin auf erfolgreiche Vertragsverhandlungen für die MuseumsmitarbeiterInnen, bin aber selbst zu doof, mir auf Anhieb ein korrektes Ticket zu kaufen.  Die Preispolitik ist ein bisschen unübersichtlich und wird deshalb kurz erklärt:

Im 19 €-Ticket (voller Preis) für die "Museen der Piazza San Marco", also Dogenpalast und Museum Correr (in dessen Rundgang das Archäologische Museum und die Monumentalsääle der Biblioteca Marciana inbegriffen sind) sind KEINE Sonderausstellungen enthalten. Gleichzeitig mit dem 19 €-Ticket gekauft, kommt man zum Spottpreis von zusätzlichen 2 € in die Sonderausstellung "Venedig, die Juden und Europa". Separat gekauft, zahlt man für die Sonderausstellung 12 €, aber ich vermute, dass man für diese 12 € auch den regulären Rundgang durch den Dogenpalast absolvieren kann. 

Davon werden BesucherInnen, die 'Venedig, die Juden und Europa' komplett und konzentriert absolviert haben, allerdings kaum Gebrauch machen. Steh- und Aufnahmevermögen sind nach der Ausstellung am Ende und müssen erst ein paar Stündchen restauriert werden.

Ich war vergleichsweise gut auf das Thema vorbereitet durch mehrere Bücher, Internetrecherchen, einen Blogeintrag zum Ghetto und einen weiteren zur Werbung für diese Ausstellung sowie einige Besuche im Ghetto und im Sestiere Cannaregio insgesamt und wurde trotzdem überrascht durch viele neue Informationen. 


Giuseppe Paolini (1609
Plan für die Mülleinsammlung im Ghetto Nuovo
Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut - in die Zeit vor dem Ghetto; die Gründung und Erweiterungen des historischen, dreiteiligen Ghettos im Zusammenhang mit den Zuwanderungswellen von Juden aus Nord-, West- und Osteuropa; die Entwicklung der religiösen, intellektuellen und wirtschaftlichen Multikultur der jüdischen Bevölkerung Venedigs; die Auflösung des Ghettos im 18./19. JH und seine Geschichte im 20. JH - und beschränkt sich jeweils auf wenige Details, sozusagen als Beispiele für die Vielfalt jüdisch-venezianischer Kultur in ihrer langen Existenzdauer von 500 Jahren. Trotz oder besser wegen der Beispielhaftigkeit der Themen in den 11 Ausstellungsräumen schürfen die Darstellungen und ihre Begleittexte, Videos, ausgestellten Dokumente, Objekte und Kunstwerke ziemlich tief und entsprechend kann der/die interessierte BesucherIn einsteigen.

Die Ausstellung profitiert natürlich wieder von den Ressourcen der Archive, Bibliotheken und Museen in Venedig wie im letzten Jahr die Ausstellung "Wasser und Nahrung in Venedig" (die weiterhin herausragt und auch jetzt nicht übertroffen wird). Es sind einige Kunstwerke dabei, die man nicht zum ersten Mal bewundern darf, wie z. B. der wunderbare De Barbari-Plan von 1500, der asketische Doge Leonardo Loredan von Carpaccio mit Insel S. Giorgio Maggiore und seinem Zypressenkloster im Hintergrund; aber auch Leihgaben z. B. der Pinacoteca di Brera oder dem Louvre.

Im Nachhinein wundere ich mich, wie viel von all dem Angelesenen der letzten Monate NICHT in der Ausstellung vorkommt, und wie viel ich trotz Vorwissens neu erfahren oder besser verstanden habe. Trotzdem hinterlässt die Ausstellung bei mir das Gefühl einer Ansammlung von Einzelteilen. Jeder Themenbereich ist für sich hochinteressant, aber die Verknüpfungen liegen nicht unbedingt auf der Hand. Die Mosaiksteine, die das Ausstellungskonzept anbietet, müssen ergänzt werden vor allem durch den Besuch des realen Ghettos in Cannaregio. Dort liegen im Jüdischen Museum und seinem Buchladen, in der Führung durch die Synagogen, in der Galerie der Künstlerin Michal Meron, in den Gassen mit Antiquariaten und dem Schuhmacher, in kosheren Lokalen und in Form von Stolpersteinen Verknüpfungen bereit. Wer sich durch die Ausstellung im Dogenpalast gearbeitet hat, muss diese Erfahrung komplettieren, sonst klappt das Mosaik im Kopf nicht. Umgekehrt natürlich auch: wer das Ghetto besucht, sollte das Angebot der Ausstellung bis zum 13.11. unbedingt nutzen. 


Venezianische Gold-Leder-Tapete, Ende 16./Anf. 17. JH
Genau das sagt dann auch das kleine Begleitbuch, das ich für 14 € im Museumsladen gekauft habe:
"Because the exhibition also addresses the present and the future, it can be seen as an initial survey of the contents of the nascent Jewish Museum (Museo Ebraico) in the Campo di Ghetto. The museum already houses objects, documents, and precious books, but needs to be extended, while the itinerary requires radical redesigning. At the same time the museum has been conceived its visitors to go out and see firsthand the places featured. This approach is based on the theory that the city cannot and must not be "museumified" but, on the contrary, the prime objective of an exhibition like this one, and of the "museum of the city" in general, is to intrigue and stimulate visitors to learn all about the narrated stories by physically exploring the sites and monuments."  
Donatella Calabi, S. 22 f. 
  
Womit ich beim Thema Ausstellungskatalog bin. Immerhin gibt es das hier zitierte Begleitbüchlein, zwar nicht ganz billig für 14 € (144 S., 67 S. meist farbige und meist ganzseitige Abbildungen, 10 Textbeiträge verschiedener AutorInnen), auch in englischer Sprache und erreicht damit endlich mal auch Interessierte, die nicht italienisch sprechen. Soweit löblich und besucherfreundlich.
Der eigentliche Katalog von 536 S. allerdings ist eine Schwarte (pardon, ein Coffee table book), deren Inhalte - wissenschaftliche Aufsätze zur Ausstellung und ziemlich vollständige Abbildung der Exponate, sowie 28 S. Bibliographie - sehr beeindrucken, aber nicht die Buchproduktion. Das Papier ist enorm dick und schwer, die Zeilenabstände meist lächerlich groß, das gebundene Werk ist volumen- und gewichtsmäßig kaum noch transportabel. Mit entsprechendem Material und Layout hätte man die Hälfte, auch bei der Preisgestaltung, einsparen können und das Buch nähme einen annehmbareren Platz in der Bibliothek ein. Den Band gibt es jetzt auf italienisch für 70 € im Museumsshop, ab September auch auf englisch. Er liegt in der Ausstellung auf einer Couch aus, also Gelegenheit, ihn in bequemer Stellung zu prüfen.

Giovanni Andrea dalle Piane (1679-1759)
Vollmond am Sabbath im Ghetto


Ausstellungsbroschüre (4 Seiten PDF)

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29. Juli 2016

Dogenpalast, 29.7., 8:45 Uhr...

Streikmorgen am Eingang des Palazzo Ducale
... und überraschenderweise ist das Portal noch zu. Davor die übliche Schlange und außerdem eine Menge ItalienerInnen, angespannte Stimmung. Tor geht auf und sofort steht eine Gruppe Frauen Schulter an Schulter auf der Schwelle, entschlossene Blicke Richtung Publikum, dahinter guckt die Security in Uniform etwas zögerlich aus der Palasttür.

Bei mir als Gewerkschaftsfrau fällt der Groschen umgehend, ich frage aber trotzdem vorsichtshalber: STREIK, auf italienisch sciopero! Heute und morgen. Der Dogenpalast bleibt 2 Tage zu. Es meldet sich aber auch eine Dame aus der 2. Reihe: das sei der Plan der streikenden GewerkschaftskollegInnen, aber mit einer reduzierten MitarbeiterInnengruppe würde dann doch etwas später geöffnet. Mit einem venezianischen Spezialausdruck belegt: eine Streikbrecherin.


4 römische Kaiser,
5 venezianische Damen neben der Porta della Carta vor ihrem Arbeitsplatz
Die MitarbeiterInnen des Dogenpalastes sind ja normalerweise sehr dienstlich im Dienst - auch ich habe mir schon Anschnauzer der Herren und Schnippischkeiten der Damen eingefangen - aber hier wird jede Frage freundlich und bereitwillig beantwortet. Alle Arbeitsverträge der städtischen Museen laufen zum Jahresende aus oder wurden gekündigt. Neue Verträge ab nächstem Jahr sollen jetzt verhandelt werden. Wie üblich geht es wohl darum, die Betriebskosten über die Personalkosten zu reduzieren. Und das ist mit Recht zu befürchten bei einem Bürgermeister Brugnaro, der eher kultur- und bildungsfern angelegt ist, dies schon öfters unter Beweis stellte und der als Boss einer Zeitarbeitsfirma in solchen Fragen erfahren sein dürfte. Die KollegInnen sehen ihre Arbeitplätze in Gefahr.

Auf der Piazzetta sammeln sich immer mehr von ihnen, in Freizeitkleidung und Sandalen, diskutierend wie in alten Zeiten die Mitglieder des Großen Rates vor den Sitzungen. Während ich mit ein paar Frauen an der Porta della Carta spreche, sehe ich schon die erste Wirkung des AufpasserInnenmangels: ein Päärchen in Shorts klettert über die Kette an der Scala dei Giganti und flitzt die Treppe hoch. Die streikenden Museumsfrauen auf der Piazzetta schreien dienstlich entrüstet auf, die Security drinnen reagieren und pfeifen auf den Fingern, rennen und holen die jungen Leute von der Treppe runter. 


Gruppe von Streikenden auf der Piazetta
Den Streik zu unterlaufen kommt für mich nicht in Frage, statt dessen nutze ich die Gelegenheit, mir die wunderbaren Details außen am Dogenpalast in Ruhe anzusehen: zum Beispiel die großartige Kapitelle, jede Säule hat ein anderes Dekorationsmotiv. 
Die Judenausstellung, auf die ich so gespannt bin, sehe ich mir dann übermorgen dann...

Viel Erfolg bei den Vertragsverhandlungen wünsche ich den Streikenden und ihrer Gewerkschaft.






Nachtrag 12.8.: möglicherweise gibt es einen weiteren Streiktag in den städtischen Museen am 16.8., also nach dem Feiertag Ferragosto. Was den Streikenden ein langes Wochenende beschert...

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14. Juli 2016

Santa Maria della Misericordia

Kirchenraum, vor einer Goethe-Veranstaltung
Nach fast genau einem Jahr war ich am 28.5.2016 wieder in der ehemaligen Kirche Santa Maria della Misercordia. Die beiden Besuche am 9. und 14.5.2015 hatten einen längeren Blogeintrag ('Kunst oder echtes Leben? Die "Moschee" in Venedig') mit Ergänzungen zur Folge. 
Die Frage, was nun aus dieser eigentlich funktionsfähigen Moschee wird, wurde mir von kompetenter Seite schnell beantwortet: jeweils sofort nach Biennaleschluss im November müssen die Pavillons geräumt und der nachfolgenden Crew quasi 'besenrein' übergeben werden - es sind ja nur 5-6 Monate Zeit für die Installation der nächsten Ausstellung. 

Für die Architekturbiennale wurde S. M. della Misericordia als 'Dependance' des deutschen Pavillons angemietet für Performance- und Bildungsveranstaltungen des Goethe-Instituts in der letzten Mai- und der dritten Oktoberwoche. Gute Gelegenheit, wieder einen Blick hineinzuwerfen. Und endlich heute einen Blogeintrag zu schreiben, da aus gegebenem Anlass, mal wieder eine venezianische Hochzeit, die Kirche unerwartete Medienaufmerksamkeit erleben darf. 


Hauptaltar
Der erste Klosterbau auf dieser Insel Valverde am Nordrand Venedigs inmitten von Salzwiesen und Röhricht entstand in der Mitte des 10. JHs und hiess Santa Maria della Valverde Madre di Misericordia, daher die beiden bis heute benutzten zwei Bezeichnungen S. M. della Misericordia und S. M. Valverde - aber VenezianerInnen nennen sie ausschließlich 'L'abbazia' (Betonung auf dem i). Obwohl Venedig voller Klöster und Ex-Klöster ist, ist 'L'Abbazia' ein eindeutiger Begriff. 
Die ansässigen Orden wechselten, Augustiner, Dominikaner, Serviten; auch die Anzahl der Bewohner (Pestepidemien!); die Kirche wurde mehrfach erneuert, das Kloster erweitert, und während die angrenzenden Inseln bevölkert und die Fondamente Nove in die Lagune gebaut wurden, blieb das Kloster in seinen weitläufigen Gärten einsam und sein Nordufer unberührt - bis heute, davon abgesehen, dass die Sacca della Misercordia mittlerweise eine Marina ist.

Mit Beginn des 14. JH. wurde an der Westseite des Campo dell'Abbazia die Scuola della Santa Maria della Valverde Madre di Misericordia von der Bruderschaft der Misericordia gegründet, später Scuola vecchia genannt, die zusätzlich zur Bruderschaftsinfrastruktur, also Versammlungs- und Gebetsräume etc., ein Hospiz für mittellose Frauen und einen Friedhof (zur Linken der Kirche) einrichtete. 

Die Geschichte der Scuola della Misericordia und ihres Wohlstands dank wohlhabender Mitglieder geht weiter mit dem Bau der riesigen Scuola Grande della Misericordia, die hier nicht unbedingt dazu gehört Nachzulesen unter 'Scuola Grande della Misericordia in neuem Glanz'; 'Ein Palladio...'; 'Scuola Grande della Misericordia'. 


Dach und beschriftetes Gebälk
Die ehemaligen Gärten der Scuola und des Klosters sind weitgehend erhalten, sehr gepflegt aber leider nicht öffentlich. Sie liegen hinter hohen Mauern an der Sacca della Misericordia und sind zum größten Teil Lager und Restaurationswerkstatt für Skulpturen etc. der städtischen Museen Venedigs. Der zugängliche Teil ist die Kooperative "Laguna Fiorita", Pflanzen, Gartenbedarf, Gewächshäuser... wo VenezianerInnen im Centro Storica ihren Pflanzenbedarf per Boot decken können.  

Die Gebäude, auch der schattige Sottoportego, sind entlang des Rio della Sensa zu sehen, die Gärten leider nur durch wenige Gitter. Auf dem Campo zu bewundern: eines der wenigen erhaltenen Beispiele der ersten Ziegelpflasterung Venedigs im Fischgrätmuster (wie auch nicht weit davon auf dem Campo Madonna dell' Orto). Und ein wunderschöner Brunnenkopf (vera da pozzo) aus dem 13. JH mit den Reliefs von Mönchen an 3 Seiten, das Aussehen der 4. Seite lässt einen früheren Anbau vermuten. Wenn hier nicht geheiratet oder um Moscheen bzw. Kunst gestritten wird, ist dies ein wunderbar still und authentisch erhaltener Ort.


Fassade und 'gequetschte' linke Seite
Zu dem auch die schöne dreiteilige barocke Kirchenfassade mit ihrer gequetschten linke Ecke gehört, erneuert 1650 von Clemente Moli, Schüler Berninis und Mitarbeiter Longhenas (ebenfalls gequetscht: eine Tür zum dahinter liegenden Garten, immer standhaft verschlossen). Neben das Kirchenportal hat Moli allegorische Skulpturen der Beständigkeit und der Barmherzigkeit gestellt, darüber eine Büste von Gaspare Moro, der die Fassade bezahlte. Das Relief am rechten Nebengebäude, eine byzantinisch betende Madonna mit Kind, wird dem 13. JH zugerechnet.

Die Kirche selbst ist nach ihrer Schließung im 19. JH, dem Verkauf inkl. des Campanile an aufeinander folgende Privatpersonen, der Nutzung als Lagerraum bzw. für Wetter- und Sternenbeobachtungen, und der Dekonsekration 1973 unter dem Patriarchen Albino Luciani, ziemlich frei von sakraler Kunst. Mit dem großen Kunstausverkauf Venedigs 1868-1882 verschwanden nicht nur die großen Altarbilder, sondern auch alle Kunstwerke, die aus bereits früher geschlossenen Kirchen hier untergebracht worden waren: aus S. Matteo di Murano, S. Elena, S. Maria dell' Arsenale, S. Maria Maggiore - Werke von Cima da Conegliano, Francesco Ribera, Palma Giovane, Padovanino, Hans Holbein, Alessandro Longhi, Giovambattista Tiepolo und anderen. Geblieben ist das Grabmal von Alvise Malipiero (mit dem schönen Hahnenlogo) an der linken Wand; die Mosaike an Stelle einiger früherer Tafelbilder hat man in der 2. Hälfte des 19. JHs neu eingefügt, als die Kirche zuletzt restauriert und einige Jahre wieder genutzt wurde. 

Beeindruckend ist der Fries hoch oben unter dem Dach, das selbst aus schlichten Kassetten besteht und über die ganze Fläche goldene Sterne auf blauem Grund zeigt. (Einige Kirchen in ehemaligen venezianischen Festungen auf der Peloponnes haben einen ähnlich zauberhaften blau-goldenen Sternenhimmel.) Schön ist auch die geschnitzte Empore auf Marmorsäulen an der Innenwand der Fassade.   


Innenseite, Empore
Nachdem der längst nicht mehr sakrale Kirchenraum, immer noch Privatbesitz, vor der Moschee-Installation von einem verlotterten in einen nutzbaren und präsentablen Zustand versetzt wurde, steht er - wie viele restaurierte Gebäude oder Sääle in Venedig - zur Miete für Events unter dem Stichwort "kulturelle Verwertung". Wohlgemerkt: sieht aus wie eine Kirche, ist aber eine Ex- wie viele andere in Venedig.


Nächste Besuchsmöglichkeit von S. M. della Misericordia bzw. Valverde bwz. l'Abbbazia und ein spannendes Projekt als Nebenveranstaltung der Architekturbiennale: The Veddel Embassy. 18.-22.10., Di-Fr 12-15 und 18-22 Uhr des Goethe Instituts Italien n Kooperation mit dem Deutschen SchauSpielHaus Hamburg und dem Evangelisch Lutherischen Kirchenkreis Hamburg-Ost. Eintritt frei.


Venipedia Campo dell' Abbazia mit einem guten Lageplan. Haltestelle Madonna dell' Orto und Ca' d'Oro.

Rundumführender Fries unter dem Dach



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12. Juli 2016

Teatro Goldoni - Diener zweier Herren




Quelle Video: Website Teatro Stabile Veneto. s. u.


Das Teatro Stabile Veneto, in Venedig: Teatro Goldoni, spielt den ganzen Sommer über fast täglich "Arlecchino, der Diener zweier Herren" des venezianischen Theaterdichters Carlo Goldoni, nach dem das Haus auch benannt ist. 

Ein ganzheitlich originales Angebot - venezianische Kommödie in venezianischem Theater (bei fehlenden Sprachkenntnissen hilft vielleicht ein vorheriger online-Blick ins Textbuch), und zwar dem ältesten noch erhaltenen Theater Venedigs und allein schon deshalb einen Besuch wert. Erbaut und eröffnet 1622 von der Familie Vendramin, deren Namen es trug, aber vor allem entsprechend venezianischer Tradition den Namen der Pfarrgemeinde: in diesem Falle gleich 2, San Salvador und San Luca. 

Auch der Herr von Goethe, quasi (auch) ein Kollege Carlo Goldonis, besuchte es unter dem Namen San Luca und notiert im Tagebuch seiner 'Italienischen Reise' über die Aufführung von Goldonis "Le baruge chiozzotte" am 10.10.1786 ziemlich fröhlich, fast begeistert: 


Nun endlich kann ich denn auch sagen, daß ich eine Komödie gesehen habe! Sie spielten heut' auf dem Theater St. Lukas »Le Baruge Chiozzotte«, welches allenfalls zu übersetzen wäre: »Die Rauf- und Schreihändel von Chiozza«. Die Handelnden sind lauter Seeleute, Einwohner von Chiozza, und ihre Weiber, Schwestern und Töchter. Das gewöhnliche Geschrei dieser Leute im Guten und Bösen, ihre Händel, Heftigkeit, Gutmütigkeit, Plattheit, Witz, Humor und ungezwungene Manieren, alles ist gar brav nachgeahmt. Das Stück ist noch von Goldoni, und da ich erst gestern in jener Gegend war und mir Stimmen und Betragen der See- und Hafenleute noch im Aug' und Ohr widerschien und widerklang, so machte es gar große Freude, und ob ich gleich manchen einzelnen Bezug nicht verstand, so konnte ich doch dem Ganzen recht gut folgen. Der Plan des Stücks ist folgender: Die Einwohnerinnen von Chiozza sitzen auf der Reede vor ihren Häusern, spinnen, stricken, nähen, klippeln wie gewöhnlich; ein junger Mensch geht vorüber und grüßt eine freundlicher als die übrigen, sogleich fängt das Sticheln an, dies hält nicht Maße, es schärft sich und wächst bis zum Hohne, steigert sich zu Vorwürfen, eine Unart überbietet die andere, eine heftige Nachbarin platzt mit der Wahrheit heraus, und nun ist Schelten, Schimpfen, Schreien auf einmal losgebunden, es fehlt nicht an entschiedenen Beleidigungen, so daß die Gerichtspersonen sich einzumischen genötigt sind.
Im zweiten Akt befindet man sich in der Gerichtsstube; der Aktuarius an der Stelle des abwesenden Podestà, der als Nobile nicht auf dem Theater hätte erscheinen dürfen, der Aktuarius also läßt die Frauen einzeln vorfordern; dieses wird dadurch bedenklich, daß er selbst in die erste Liebhaberin verliebt ist und, sehr glücklich, sie allein zu sprechen, anstatt sie zu verhören, ihr eine Liebeserklärung tut. Eine andere, die in den Aktuarius verliebt ist, stürzt eifersüchtig herein, der aufgeregte Liebhaber der ersten gleichfalls, die übrigen folgen, neue Vorwürfe häufen sich, und nun ist der Teufel in der Gerichtsstube los wie vorher auf dem Hafenplatz.
Im dritten Akt steigert sich der Scherz, und das Ganze endet mit einer eiligen, notdürftigen Auflösung. Der glücklichste Gedanke jedoch ist in einem Charakter ausgedrückt, der sich folgendermaßen darstellt.
Ein alter Schiffer, dessen Gliedmaßen, besonders aber die Sprachorgane, durch eine von Jugend, auf geführte harte Lebensart stockend geworden, tritt auf als Gegensatz des beweglichen, schwätzenden, schreiseligen Volkes, er nimmt immer erst einen Anlauf durch Bewegung der Lippen und Nachhelfen der Hände und Arme, bis er denn endlich, was er gedacht, herausstößt. Weil ihm dieses aber nur in kurzen Sätzen gelingt, so hat er sich einen lakonischen Ernst angewöhnt, dergestalt, daß alles, was er sagt, sprichwörtlich oder sententios klingt, wodurch denn das übrige wilde, leidenschaftliche Handeln gar schön ins Gleichgewicht gesetzt wird.
Aber auch so eine Lust habe ich noch nie erlebt, als das Volk laut werden ließ, sich und die Seinigen so natürlich vorstellen zu sehen. Ein Gelächter und Gejauchze von Anfang bis zu Ende. Ich muß aber auch gestehen, daß die Schauspieler es vortrefflich machten. Sie hatten sich nach Anlage der Charaktere in die verschiedenen Stimmen geteilt, welche unter dem Volke gewöhnlich vorkommen. Die erste Aktrice war allerliebst, viel besser als neulich in Heldentracht und Leidenschaft. Die Frauen überhaupt, besonders aber diese, ahmten Stimme, Gebärden und Wesen des Volks aufs anmutigste nach. Großes Lob verdient der Verfasser, der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib gebildet hat. Das kann man aber auch nur unmittelbar seinem eignen lebenslustigen Volk. Es ist durchaus mit einer geübten Hand geschrieben.
Von der Truppe Sacchi, für welche Gozzi arbeitete, und die übrigens zerstreut ist, habe ich die Smeraldina gesehen, eine kleine, dicke Figur, voller Leben, Gewandtheit und guten Humors. Mit ihr sah ich den Brighella, einen hagern, wohlgebauten, besonders in Mienen- und Händespiel trefflichen Schauspieler. Diese Masken, die wir fast nur als Mumien kennen, da sie für uns weder Leben noch Bedeutung haben, tun hier gar zu wohl als Geschöpfe dieser Landschaft. Die ausgezeichneten Alter, Charaktere und Stände haben sich in wunderlichen Kleidern verkörpert, und wenn man selbst den größten Teil des Jahrs mit der Maske herumläuft, so findet man nichts natürlicher, als daß da droben auch schwarze Gesichter erscheinen.
Quelle: Projekt Gutenberg


Eintrittskarten können auch online gekauft werden, es gibt Reduzierungen und Angebote inkl. AbendessenHaltestelle Rialto.


Zur Vertiefung: 
Besuch in der Casa Goldoni. Der kleine gotische Palazzo Centani vom Ende des 14., Anfang des 15. JHs hat Wasser- und Landtor, einen schönen Brunnenkopf und eine typische Außentreppe ins Obergeschoss in sehr gut restauriertem Zustand. Dauerausstellung und Theaterbibliothek zu Leben und Werk Goldonis und seiner Zeit. Gelegentlich Sonderausstellungen, zur Zeit nicht, was dem Besuch des schönen Hauses nichts nimmt.
Haltestelle S. Tomà.


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