... retteten mich fürs Erste aus dieser schlappen Biennale. Leider zeigte sich beim ersten Besuch in den Giardini und im Arsenale, dass diese Biennale, im Gegensatz zur Biennale 2015, nicht mein Ding ist. Oder nur teilweise vielleicht schon auch mein Ding. Jedenfalls bisher nichts Atemberaubendes, Niederstreckendes, Bewundernwertes, kein Erschrecken, kein Versinken. Allerdings: ich bin keine Schlangesteherin (schon gar nicht, wenn das Angebot kostenlos ist wie während der Previewtage) und habe deshalb bisher nicht gesehen, was alle (Schlangestehenden) offensichtlich begeistert hat. Falls es die Schlange gelohnt hat. Auf dem Weg durch die Pavillons und Zentralausstellungsräume hatte ich jedenfalls das Gefühl, durch blinde Gläser zu sehen: nichts deutlich genug für mich. Und fürchtete um meine Wahrnehmungsfähigkeit.
Innenhof 1 Soranzo van Axel
Die Sorge hat sich erledigt beim Besuch der beiden Palazzi Soranzo van Axel und Pisani bei S. Marina, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegen. Ich kann noch sehen! Man as Bird ist eine Satellitenausstellung des Moskauer Pushkin Museums. Im Wassergeschoß und im 1. Piano nobile des Hauses Soranzo van Axel werden großzügig verteilt multimediale, z. T. interaktive Werke verschiedener Künstler*innen gezeigt und der frisch restaurierte Palazzo kann bewundert werden.
Veneto-Byzantinische Patera im Innenhof
Alles Kleinteilige wirkt sehr proper und zartfühlend bearbeitet. Nicht nur an der Außenfassade wurden Fresken freigelegt, sondern auch an der Innenfassade eines der beiden Höfe. Blasse Reste, aber immerhin. Patere, Skulpturen, Säulen- und andere Spolien, Treppenläufe, Reliefs sehen frisch aus. Und es wurde anscheinend nichts "drauf" restauriert wie leider so oft in Venedig zu sehen. Allerdings: ein Fahrstuhl für die (teilweise) 3 Stockwerke war wohl nicht zu vermeiden im Interesse der Verkaufsbemühungen. In Apartments aufgeteilt wird das Haus seit Jahren im Internet angeboten. Wenn (noch oder wieder) die ganze 1. Wohnetage für eine Ausstellung zur Verfügung steht, scheint das nicht so zu klappen mit dem Verkauf, oder?
Piano nobile Soranzo van Axel
Die Ausstellung ist poetisch und kraftvoll, sensibel und laut zugleich, und sehr farbig. Es gibt mehrere junge Frauen mit Engelsflügeln, die als Begleiterinnen freundlich und sprachkundig zur Verfügung stehen. Die Ausstellung endet am 5.9., Eintritt frei, ich empfehle unbedingt den Besuch. Haltestelle Fondamente Nove (Eingang links von der Kirche S. M. dei Miracoli).
Palazzo Pisani, Piano Nobile Sokari Douglas Camp, All the world is now richer
Nach diesem erfreulichen Erlebnis landete ich ungeplant in der Eröffnungsfeier des Diaspora Pavilion des Arts Council England im Palazzo Pisani bei S. Marina (einmal um den Palazzo Soranzo van Axel herum: links, links, rechts, über die Brücke, an deren Fuß in die offene Tür rechts.)
Treppenhaus Palazzo Pisani Barbara Walker, Transcended
Hier stellen 19 "ethnically diverse" Künstler*innen aus, die in England leben. Die Eröffnung war rappelvoll in der Eingangshalle, dem winzigen Innenhöfchen, dem Treppenhaus und dem ganzen 1. Piano nobile - und praktisch jede*r einzelne Anwesende war ein anderes Mosaikteilchen der Sammlung globaler Ethnien. Eine Szene ohne Mehrheiten, jeder Gast seine/ihre eigene Minderheit, hinreißend!
Palazzo Pisani, Eingangshalle Hew Locke, On the Thetis Sea
Die Kunst: "divers" natürlich, beeindruckend, teilweise wild und rätselhaft, und bei der bewegten lauten Menschenmasse der Eröffnung eher schwer in Augenschein zu nehmen. Aber sehr spannend sowie beachtenswert das Gegenkonzept zur biennale-nationalen Sortierung von Kunst. Interessant auch die 1. Etage des Palazzo Pisani - Eingangshalle und Dachgeschoss werden regelmäßig an Ausstellungsprojekte vermietet, die 1. Etage kannte ich bisher noch nicht. Die Raumaufteilung entspricht nicht den venezianischen Regeln der Dreiteilung, die Ausstattung stammt aus verschiedenen Epochen - ein sehr neuzeitliches Bad, schönes Murano, ältere Böden und wunderbare alte Balkendecken. Eine Ausstellung, die vor Kreativität knallt. Nicht verpassen. Läuft bis Ende November, aber zur ungewöhnlichen Zeit von täglich 18-21 Uhr. Ergänzung 7.6.: 2 Kommentare, die nicht übersehen werden sollten: mittlerweilse normale Öffnungszeiten einerseits und geschlossen DIENSTAGS andererseits! Ergänzung 14.6.Khadija Saye, deren fotografische Werke im Diaspora Pavillon zu sehen sind, ist unter den Vermissten der Brandkatastrophe des Grenfell Tower in London. 25.7.: In Memoriam Khadija Saye. Ergänzung 20.7. Seit heute bei Sedition als Digitalkunswerk zu sehen (und zu erwerben) ist "All The World Is Now Richer Meets The Woman Who Refused To Dance" von Sokari Douglas Camp. Erläuterungen unter dem Link.
Michael Forbes, Untitled
Die Zentralausstellungen bekommen eine 2. Chance, mit einer bezahlten Eintrittskarte... .
Fondaco dei Tedeschi - derzeit noch hinter Gerüst und Plane mit Fassadenaufdruck
... gibts schon mal eine Überraschung. Ich hoffe das Beste aber erwarte das Schlimmste für den Tag, an dem das Gerüst des Fondaco dei Tedeschi niedergeht. Und es wird nichts zu verheimlichen sein, denn es wird ja ein "Kaufhaus" im weite- sten Sinne, wir dürfen alle rein. Ich zeige hier Fotos von 4 Fassaden, deren Renovierung gerade abgeschlossen wurde und hinter die wir leider nicht sehen dürfen. Die mich, offen gestanden, nicht umhauen, aber das war auch sicher nicht beabsichtigt. Vermutlich sind die Restriktionen der Bau- oder Denkmalbehörden in Venedig streng, wenn auch vielleicht nicht unumgänglich, wenn man das mal so sagen darf. Aber ein bisschen weniger schlicht bzw. mutiger dürften die BesitzerInnen und Verantwortlichen schon sein.
Mietshaus S. Basilio, Dez. 2006
Das große alte Miets- haus an der Halte- stelle San Basilio fiel mir seit Jahren auf, weil es äußerlich einen brutal herun- tergekommenen Eindruck machte. Es war von einer verwilderten Schön- heit mit seinen dun- kelgrünen Fenster- läden in weißen Steineinfassungen und dem gescheckten abgeblätterten Putz in verschiedensten Ockertönen. Soviel Charakter kann man nur bewundern, aber meine Phantasien, wie eine Renovierung dem Erhalt des Hauses und der Schönheit dienen könne, führten leider zu keinem Ergebnis.
11. Oktober 2013
25. Oktober 2013
Als im letzten Oktober das Gerüst aufgestellt wurde, war ich hochgespannt und musste dann im Juni leider feststellen, dass die Fach- leute auch nicht schlauer waren als ich.
Juni 2014
LANGWEILIG! Chance vertan! Na gut, die wunderbare Struktur der Fassade, der Rhythmus der Fensteröffnungen kommen weiterhin zur Geltung. Aber weiß?! In Venedig? Vielleicht, weil das sonst niemand hat...? Untenrum ist es noch nicht fertig, und im Juni waren gerade die beiden Seiten und die Rückseite eingerüstet, aber was soll da noch kommen. Die Farbe und die Rahmung der Fenster - vorbei! Schönheit besiegt von Schniegeligkeit. Ach!
Scuola del SS. Crocifisso oder di S. Marcula, alle Fotos Juni 2011, klicken zum Vergrößern
Juli 2013
Die alte Scuola del Santissimo Crocifisso hinter der Kirche San Marcuola ist offensichtlich seit vielen Jahren geschlossen. Wobei man nie weiß, ob bei verrammelten Haupteingängen sich nicht hinter Nebeneingängen doch was tut. Aber es gab in den letzten 10 Jahren zumindest nie eine Ausstellung oder dergleichen. Im Internet findet sich nicht viel, siehe Link oben. An der rechten Ecke befindet sich ein kleines Denkmal mit der Jahreszahl 1668, das ist ein Jahr, bevor Venedig die Insel Candia (Kreta) endgültig an die Osmanen verlor, nach beispielloser 25jähriger Belagerung der Hauptstadt Candia, heute Iraklion.
Scuola del SS. Crocifisso ge- und verputzt, alle 3 Fotos vom Juni 2014
Das Gebäude ist stabil und nicht heruntergekommen. Ich fand es im Juli 2013 eingerüstet und es wurde offensichtlich be- scheiden renoviert. Aufgrund des Anstrichs ist jetzt (für mich) erkennbar, dass es mit einigen Nachbargebäuden ein Ensemble bildet. Deshalb fiel mir auch jetzt erst auf, dass es auch mit dem dahinter stehenden Haus über einen Durchgang auf dem 1. Stock verbunden ist. Es steht zu hoffen, dass das Gebäude wieder genutzt wird (und ich es bald von innen sehen kann).
Ca' da Mosto, Mai 2006
Dass die Renovierung der Ca' da Mosto am Canal Grande in Arbeit genommen war, merkte ich im Juni 2013 mehr oder weniger zufällig und schrieb einen Eintrag darüber im September.
Ca' da Mosto, Oktober 2013
Und schon scheint die Sache fertig zu sein, zumindest wenn man per Vaporetto geschwind daran vorbei geschippert wird. Ist dann aber doch nicht so, eher ein bisschen vorne hui und hinten pfui. Oder es dauert halt noch, bis der Sottoportego fertig ist, die Rückseite und die Etagen, und überhaupt das Haus wieder genutzt werden kann, wenn es denn wieder ge- nutzt werden soll. Man weiss es einfach nicht...weiß ist das Stichwort, auch hier ist der Anstrich weiß oder weißlich, seltsamerweise, oder sitzt gerade jemand im Denkmalschutz, der/die auf weiß steht?
Ca' da Mosto Juni 2014
Tja. Schön geworden, sieht proper aus, die Friese, Patere, Wappen und Reliefs wurden verschont vom weiß und ver- mutlich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft dauerhaft stabilisiert, was man nicht hoch genug schätzen kann. Jeder kann jetzt auch mit einem Blick sehen, dass das Haus ursprünglich aus 2 Etagen bestand, wie alle frühen veneto-byzantinischen Wohn- und Handelshäuser entlang des Canal Grande. Die beiden oberen Etagen wurden nachträglich aufgesetzt, und zwar in verschiedenen Jahrhunderten, das wird durch die Renovierung ehrbar-sichtbar. Schade finde ich auch hier, dass die Rahmung der Fenster als gestaltende Struktur wegfällt. Und bin gespannt, wie es weitergeht mit der Ca' da Mosto.
Palazzo Soranzo van Axel, Vorder- und Hinterbau, Juni 2009, kurz vor dem Baugerüst
Das Gerüst ist runter beim Palazzo Soranzo van Axel, aber auch im 5. Jahr des Umbaus und Verkaufs in Einzelappart- ments ist die Sache nicht abgeschlossen, der Baukran steht und arbeitet noch. Im August 2008 schrieb ich einen Eintrag, nachdem ich dieses großartige Haus 2007 besuchen konnte. 2009 stand das Gerüst. Bei jedem Besuch in Venedig habe ich seitdem nachgesehen, was man eben so sehen kann, auf jeden Fall war die Baustelle immer aktiv.
Oktober 2013
Juli 2011
Im Juni hat mein altes Adlerauge jetzt die Überraschung erspäht: ein winziger Rest eines bunten Freskos unter dem gotischen Fenster des Eingangsturms! Das ist ein Ding. Im Haus selbst gibt es teilweise Stuck, aber ich kann mich nicht erinnern, Fresken gesehen zu haben. Und nun aussen. Ich stelle mir den gesamten Palazzo außen bunt bemalt vor, vor allem die beiden Innenhöfe! Was für eine Pracht wäre das gewesen!
Wir wissen ja von Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts, dass (in der Salzluft leicht verderbende) Fresken zum Außen- schmuck venezianischer Häuser gehörten (z. B. Bellinis "Wunder der Kreuzesreliquie"), wir wissen, dass die jungen Maler Tizian und Giorgione den Fondaco dei Tedeschi mit Außenfresken schmückten, von denen Reste in der Ca' d'Oro und im Palazzo Grimani aufbewahrt werden. Und vereinzelte Reste sind im Stadtbild erhalten, z. B. im Hof der Ca'Foscari, z. B. an einem Gebäude gegenüber von S. Stae am Canal Grande. Sie sind blass, aber man kann sie gut sehen, wenn man mit dem Vaporetto daran vorbei fährt. Aber dieses Fizzelchen Fresko war vor der Renovierung nicht zu sehen, von mir jedenfalls nicht.
Auch der Palazzo Soranza van Axel ist verdächtig blass, vielleicht wird Venedig im Laufe der Restaurierungen des 21. Jahrhunderts immer weißer? Das werde ich kaum erleben, aber über die Fertigstellung des Soranzo van Axel werde ich hoffentlich bald berichten können.
Treppe im Androne zum 1. Mezzanin rechts und links
Zu überbieten sind derzeit 40 Millionen € + Fertigstellung begon- nener Restauration + laufende Erhaltung... es geht um die Ca' Corner della Regina.
Das ist wohlgemerkt nicht der Palast von Caterina Corner, der Königin von Cypern und Armenien im 15. Jahr- hundert, sondern ein größerer Nachfolgebau des 18. Jahrhunderts über den Grundmauern des Gebäudes, indem Caterina geboren wurde.
Caterina Corner nimmt in der Geschichte Venedigs und Zyperns eine Schlüsselposition ein. Trotzdem war sie aus heutiger Sicht, mit Zwangsverheiratung als Straftatbestand, vermutlich ein armes reiches Mädchen. Und wer zu Verschwörungstheorien neigt, sieht in ihr vielleicht eine tragische Figur, deren kleiner Sohn und sein Vater keine Überlebenschance hatten. Denn beider Tod war die Voraussetzung, dass das Königreich Zypern, das wirtschaftlich (Zuckerrohr) und militärisch (zwischen dem osmanischen Reich und dem venezianischen Königreich Candia = Kreta liegend) unverzichtbar war, als venezianisches Königreich den Kolonien im östlichen Mittelmeer hinzugefügt werden konnte. Die Wände des mittleren Saals (Portego) des 1. Piano nobile sind komplett mit Darstellungen aus dem Leben Caterina Cornaros gestaltet
Die Hintergründe deuten also mehr auf Staatraison, und trotzdem ist Caterina Opfer der romantischen Wahrnehmung geworden dank künstlerischer Darstellungen quer durch Literatur, Musik, Malerei. Z. B. Gaetano Donizetti: Caterina Cornaro (kostenlos hören). Aber Caterina ist eine andere Geschichte, jetzt geht es um das Haus, das ihre Verwandtschaft 160 Jahre nach ihrem Tod bauen ließ, Ca' Corner della Regina.Ich hatte im Juni das Glück den Palazzo von innen zu sehen anläßlich einer Ausstellung der Fondazione Prada während der 54. Biennale und habe darüber berichtet ("Hütten und Paläste"). Portego des 1. Piano nobile, rückwärtige Schmalseitezum kleinen Innenhof
Die Ausstellung wurde am 2.10.2011 geschlossen und am 21.11. machte die Fondazione Prada über die zum Konzern gehörende Firma Petranera s.r.l. das Kaufangebot von 40 Millionen €. Ich vermute, dass die öffentliche Ausschrei- bung, Abgabetermin 20.12. mittags, eine formale Angelegenheit und der Verkauf an Prada zum Jahresende eine festgeklopfte Sache ist; man wohl auch kein weiteres ernsthaftes Angebot erwartet. Ich finde diese bürokratische Prozedur hochinteressant und bin gespannt, wie es weitergeht. Denn vor kurzem haben wir ja schon einen anderen Verkauf am Canal Grande erleben dürfen, der des Fondaco dei Tedeschi, mit dem Ergebnis, dass aus den hochfliegenden Plänen bisher wohl nix geworden ist und das Gebäude ungenutzt und verrammelt neben der Rialtobrücke steht. Deckenschmuck in einem Nebenraum des 1. Piano nobile
Wenn die Ca' Corner della Regina an Prada verkauft wird, kann man sicher auch künftig mit Ausstellungen und Besuchsmöglichkeiten rechnen. Das ist bei letzten zum Verkauf stehenden Palazzo, den ich anläßlich der Biennale 2007 besuchen konnte, nicht der Fall: Palazzo Soranzo van Axel, der nach seiner derzeitigen Umgestaltung in Eigentumswohnungen der Spitzenklasse ("...a wonderful home for discerning people wanting the full Venetian experience..." sagt der Verkäufer Sotheby's) nicht mehr zugänglich sein wird.
Sicht von der Ponte dell'Herbe Jahrelang habe ich mir vergeblich gewünscht, den Palazzo Soranzo van Axel durch sein wunderschönes hölzernes Eingangstor am Rio della Panada betreten zu dürfen. (Kunsthistorische und architekturwissen-
schaftliche Beschreibung auf der Seite von Jan-Christoph Rößler.) In J-C. R.s Liste der ehemaligen Besitzer des Palazzo finden sich Namen, die mir im Zusammenhang mit den früheren venezianischen Kolonien geläufig sind: Venier, "Herren" auf Kythira (http://gr07-ebb.blogspot.com/), Sanudo und Barozzi, "Herren" auf Naxos. Noch heute leben einige Barozzi, z. B. eine Psychiaterin, auf Naxos, die Familie war aber auch noch wesentlich auf Milos und Andros vertreten (http://gr08-ebb.blogspot.com/).
Wobei ich natürlich nicht weiss, ob die Soranzo-Nachfolger im Palast auch zu den Kolonisten-Zweigen der jeweiligen Familien gehörten.
Ansicht der ersten Wasserseite von der Ponte della Panada. Dieses Wassertor führt in den ersten Innenhof (links) Unten Ansicht der zweiten Wasserseite von der Ponte del Piovan o. d. Volto (hinter den beiden Booten). Ich vermute, dass das zweite Wassertor ursprünglich zum Gebäudeteil um den zweiten Innenhof gehörte, zu dem es sich öffnet.
Das Glück traf mich überraschend: zur 52. Kunstbiennale wurde die zweite Etage vermietet für die Ausstellung von Mexiko!
(Dies ist, ich wiederhole mich, eine der wirklichen Vorzüge der Kunstbiennale von Venedig: sie ist so groß, dass regelmäßig zusätzliche Räumlichkeiten angemietet werden müssen, die sonst dem Publikum verschlossen sind. Man hat auf diese Weise einmalige Gelegenheiten zur Besichtigung, auch wenn es z. T. nur einzelne Etagen sind, zu denen dann aber auch Eingangsbereiche, Androne, Treppenhäuser etc. gehören. Und für die Eigentümer ist es natürlich eine ordentliche Mieteinnahme, die sich z. B. für den Erhalt des Gebäudes rechnet.)
Vorderer Innenhof, mit komplettem Brunnensystem Steht man vor dem Gebäude, wirkt die Sache etwas geheimnisvoll, da nur das (normalerweise immer geschlossene) schöne Tor gut zu sehen ist. Die Fassade, bzw. zwei Fassaden, da das Gebäude zwei Wasserseiten (und zwei Wasseeingänge) hat, sind nur von den drei nächstliegenden Brücken zu sehen. Am besten von der Ponte dell'Erbe mit Blick auf das Eingangstor, aber auch von den beiden Brücken die man vom Campo S. Maria Nova zum Campo Zanipolo überquert, sieht man jeweils eine der beiden Fassaden.
Vorderer Innenhof, zweistöckige Treppe und Wandschmuck Der erste Eindruck beim Betreten des Gebäudes ist atemberaubend: ein mittelalterlich wirkender Innenhof erinnert mich an eine Kernburg, mit steiler Aussentreppe über zwei Etagen, einem Brunnen und Wirtschaftsräumen im Parterre.
Der Hof ist schön gestaltet mit Statuen und Pflanzen, die Wände mit alten Patere (byzantinischen Schmuckscheiben), die ich auch von alten Gebäuden auf den ägäischen Inseln kenne, und die sich noch an vielen Häusern in Venedig finden.
Der Rundgang der Ausstellung führt über den ersten Innenhof, dann tunnelartig und dunkel entlang der Räume, die an die beiden Kanäle grenzen, in den zweiten, sehr kleinen Innenhof. (Beachtenswert die unterschiedlichen Pflasterungen der beiden Innenhöfe - vorne Trachit, der 'moderne', hinten Backstein, der 'alte' - vermute ich ich jedenfalls.)
Hinterer Innenhof mit Treppe und Backsteinpflaster Ein verschlossenes Tor führt auf den Vorplatz der Miracoli-Kirche und eine noch schönere Treppe in die erste Etage. Hier hat man von einem kleinen "Balkon" auf dem Treppenabsatz einen guten Blick auf das Dach der Miracoli.
Es gibt auch hier einen wunderschönen Brunnen, aber offensichtlich ohne unterirdische Zisterne wie beim Brunnen im ersten Innenhof, bei dem die Sammellöcher des Brunnensystems und die weißen quadratischen Markierungen sichtbar sind. Ob hier es hier eine Verbindung zur Zisterne im anderen Hof gibt, oder es sich nur um einen dekorativen Pozzo ohne Funktion handelt, weiss ich nicht (ich habe nicht hinein gesehen).
Weiter geht der Rundgang nun innerhalb des Hauses durch schlicht weiss gestrichene enge Flure um einige Ecken herum und an einigen verhängten, privaten (leider!) Türen vorbei hinaus auf den Treppenabsatz des ersten Innenhofes zurück, und bietet einen wunderschönen Blick von oben.
Hinterer Innenhof, Treppenabsatz mit kleinem Balkon und Blick auf das Dach der Miracoli-Kirche
Die Ausstellung fand in den Räumen im Piano Nobile der zweiten Etage statt.
Die Räume sind alle stark abgedunktelt, zu erkennen sind aber schöne Türrahmen, sehr große Kamine und die venedigtypischen alten Terazzofussböden.
Die Anordnung der Räume ist völlig untypisch (also nicht ein langer Portego in der Mitte, von dem rechts und links kleinere Räume abgehen), entsprechend dem ungewöhnlichen Grundriss "um die Ecke gebaut" des Palazzo. Der einzige Raum mit unverhängten Fenstern ist der kleine Raum im Turm über dem Eingangstor, von dem man einen schönen Blick über die Gebäude des ehemaligen Klosters von Santa Maria dei Miracoli einerseits und auf den Rio della Panada und die Ponte dell'Erbe und den Palazzo Pisani Santa Maria hat. Auch in diesem kleinen Raum gibt es einen großen Kamin und eine Art Becken an der Wand, dessen Funktion mir nicht klar ist.
Treppe im vorderen Innenhof, rechts weiterführend in den 2. Piano Nobile Die Ausstellung von Mexico des Künstlers Hemmer hat mir übrigens sehr sehr gut gefallen, eine toll konzipierte, technisch sehr gut gemachte computergestützte "Mitmach"-Kunst, die ich erfrischend und witzig, aber gleichzeitig teilweise auch etwas geheimnisvoll und geisterhaft fand (auf den Fussboden projizierte 'schlafende' Menschen, die plötzlich Blickkontakt aufnehmen und aktiv werden, sobald der Schatten eines Beobachters auf sie fällt; oder das große Auge, das meinen Bewegungen folgt und sich schließt, wenn ich still stehe...).
Kleiner Raum über dem Portal, "Becken" ; Blick zum Canal und Palazzo Pisani S. Maria
Möglicherweise war die Biennale die einzige Möglichkeit, den Palazzo zu besuchen, denn er wird im Internet zum Verkauf annonciert:
...The same agents are handling the sale of the extraordinary 15th-century Palazzo Soranzo Van Axel, one of Venice's most important Gothic houses, which has changed hands only six times in its 600-year-history. Built over a pre-existing Byzantine building, the Palazzo Soranzo Van Axel stands alongside the church of theMiracoli, with its own private water entrance on the Rio di San Canciano. The palazzo, which surrounds a main central courtyard with a central well and two exterior Gothic staircases, has twosplendid façades with characteristic Gothic windows, two internal courtyards and an entrance door unique in Venice, with its original wood carving and 15th-century door knocker.
Originally built for the Gradenigo family, the palazzo was bought in 1473 by Nicolò Soranzo, the Procurator of St Mark's, whose family lived there for almost two centuries. In the 16th and 17th centuries, it was owned by the Venier and Sanudo families until in 1627, it was bought by the Van Axel family, wealthy textile merchants from Ghent, who became Venetian patriarchs in 1665. It remained the Van Axels' family home until 1920, when the antiquarian Conte Dino Barozzi bought and restored it, filling the house with magnificent, mainly 15th-century, furniture and paintings. It has been the home of the present owners since the mid-1950s.Conscious of the palazzo's historical and architectural importance, the owners want to pass it on to individuals or organizations who are capable of sustaining it, and are offering the vast, 2,900sq m (31,000sq ft) palazzo either as a whole, or as three separate apartments-two piano-nobile floors and a top-floor penthouse. The first piano nobile measures 425sq m, the second, 565sq m and the third-floor penthouse, 735sq m. The asking price for the whole is €16 million. Vielleicht ist er mittlerweile ja auch bereits verkauft. Hoffentlich an einen neuen Besitzer, der eine Miteinnahme alle zwei Jahre gut gebrauchen kann.
(Der etwas alberne Disney-Film "Casanova" (2005), über den die Venezianer, die ich kenne, sehr gegackert haben, spielt zum Teil im vorderen Innenhof des Palazzo Soranzo van Axel. In der Fechtszene kann man den Hof bewundern.
Und, nebenbei, in der Nonnen-Szene zu Beginn den Zellentrakt und die Longhena-Treppe des Palladio-Benediktinerklosters San Giorgio Maggiore.):
Am 21. November schließt die 52. Kunstbiennale. Sie ist wie immer eine tolle Wundertüte aktueller Kunst, aus der man sich Überraschungen aller Arten und Mengen fischen kann.
Am Eingangscafé der Giardini "La Grande Catalina" (KünstlerIn leider nicht notiert)
Es gibt wie immer die zwei zentralen großen Ausstellungsbereiche, die sonstnicht öffentlichlich zugänglich sind: die Giardini und ein kleiner Teil des Arsenale. Dafür zahlt man einen moderaten Eintritt von 15 € (Ermäßigungen siehe die Website der Biennale, unten).
Giardini
Österreich, Herbert BrandlGriechenlandpavillon Die Aus- stellungen in den Länder- pavillions und -bereichen sind übersichtlich (auch die damit verbundenen Fusswege), und mit dem kostenlos verteilten grün-roten Ausstellungsheft findet man sich gut zurecht, sogar im Italienischen Pavillon der Giardini, der das etwas labyrinthische Herzstück der von Robert Storr zusammengestellten Schau ist. (Es gibt seit diesem Jahr noch einen zweiten Italienischen Pavillon im Arsenale.)
Pavillon Rumänien aussen
Pavillon Japan, Masao Okabe
Arsenale
Blick in die Austellung der Corderie
Guillermo Kuitca, Argentinien)
Ausstellungsgelände Arsenale
Ausstellungsorte in der Stadt
Neben den Giardini und dem Arsenale gibt es, und das ist das Besondere und Spannende an der Biennale di Venezia, überall in der Stadt zusätzliche Ausstellungen und "Collaterale Events" von Ländern, die über keinen (tradionellen) Pavillon verfügen und von Einzelkünstlern.
Pavillon Mexico (zum ersten mal dabei) im Palazzo Soranzo van Axel. Hinterer der beiden Innenhöfe und Blick aus dem 2. Piano Nobile. Eine vielleicht einmalige Gelegenheit, diesen Palast zu besichtigen. Er steht zum Verkauf...)
Die Teilnahme an der Biennale wird von den teilnehmenden Ländern organisiert und bezahlt. 'Man' kann aber auch per Teilnahmebeitrag von 20.000 € + Miete einer Lokalität + Einstellung von Ausstellungspersonal, z. B. Studierende, sich die Teilnahme selber organisieren. Man sollte ca. 100.000 € einplanen für die Zeit Juni-November...
Der Eintritt in diese Ausstellungen ist frei, geht einfach rein, wo immer das quadratische rote Biennale-Logo im Stadtbild, an einem Hauseingang zu sehen ist, und sucht die Überraschung! Einzelausstellung Jan Fabre im Palazzo Benzon; Exponat im Androne und Blick vom Piano Nobile auf den Canal Grande
Verschiedene Länder- und Einzelausstellungen im Palazzo Zenobio: Garten mit Bibliothekgebäude, Blick auf den Carmini-Campanile; Ballsaal mit 1 (!) Exponat (Guatemala)
Das sind einige Beispiele von insgesamt 87 Events, die sich über Stadt und Inseln verteilen.
Man kann also, neben dem massenhaften und spannenden aber auch ziemlich erschöpfenden Kunstkonsum an den beiden zentralen Stellen, insgesamt locker eine Woche damit verbringen, die Stadt zu durchwandern und durch das Wundertütenangebot neue Perspektiven zu gewinnen, insbesondere auch jetzt im Herbst. Die Öffnungszeiten sind an allen Ausstellungsorten nur 10:00-18:00 Uhr, was, wenn man nur wenige Tage hat, zu logistischen Problemen führen kann. Deshalb lieber ein bisschen mehr Zeit nehmen!
Im November bieten die ersten Hotels schon ihre Winterermäßigung an, während der letzten beiden Biennale-Wochen kann man zum Teil recht preisgünstig wohnen. Die Sache kann fast um die Hälfte billiger werden als im Oktober, ist also auch für schmale Budgets finanzierbar. Beispiel: das sehr einfache, bahnhofsnahe aber preisgünstige Hotel Guerrini,zwischen Bahnhof und Canale di Cannaregio; das überaus angenehme und sehr freundlich familiengeführte Hotel Boccassini in der Nähe der Fondamente Nove; und etwas teurer, aber nur wenige Schritte vom Piazzale Roma das Hotel Canal mit Blick auf die neue Brücke. (In diesen Hotels habe ich schon gewohnt bzw. wohne regelmäßig dort, aber per Internetrecherche finden sich weitere Angebote unterschiedlicher Preis- und Luxusstufen.)
There is something so different in Venice from any other place in the world, that you leave at once all accustomed habits and everyday sights to enter an echanted garden.
Carlo Fruttero:
Perché nessun' altra città al mondo è immersa come questa non già nell'acqua ma nel tempo. È il tempo che circola nei canali, lambisce i palazzi, scivola tra piccoli ponti, cupole, erosi gradini di pietra; è il tempo che impregna persino gli umili souvenir in vendita per i turisti.
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