Posts mit dem Label Venezianische Kolonien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Venezianische Kolonien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

3. August 2019

Querini Stampalia - Stiftung, Ägaisinsel, Havarie, und eine Oper





Die Stiftung Querini Stampalia feiert in diesem Sommer 150 Jahre seit ihrer Gründung. 
Der letzte Graf Querini Stampalia, Giovanni, wandelte vor 150 Jahren seinen gesamten Besitz an Land, Immobilien und beweglichen Gütern sowie seine reiche Bibliothek und Kunstsammlung in eine Stiftung um. Zwecks Bildung der Bevölkerung und Nutzung zu wissenschaftlichen Zwecken. (Kurzer Nachrichtenbeitrag der RAI zu Fest und Programm.)

Bis heute ist nach seiner Vorgabe die öffentliche Bibliothek bis Mitternacht und auch an Wochenenden geöffnet, ein einzigartiger Service in Venedig, der Stadt der Bibliotheken und Archive, inklusive der angenehmen Arbeitsatmosphäre in den stilvollen Arbeits- bzw. Leseräumen. Die Bibliothek ist dem OPAC Polo SBN Venice angeschlossen, dem Gesamtkatalog venezianischer Bibliotheken, der bequeme Onlinerecherchen ermöglicht.

Die Bildersammlung des Hauses verteilt sich auf die Räume des Hausmuseums des Piano Nobile, zusammen mit Skulpturen, Möbeln, Stuck, es ist ein gut erhaltenes Beispiel gehobenen venezianischen Lebensstils des 18./19. JH. In diesem Räumen gibt es gelegentlich Sonderausstellungen von Werken aus dem Bestand (siehe auch Eintrag vom 12.3.19 "Bellini und Mantegna", urspünglich eine Ausstellung dieses Hauses.)

In der 3. Etage werden zugestiftete Sammlungen oder Werkschenkungen einzelner Künstler*innen gezeigt. Und häufig wechselnde Ausstellungen, besonders zur Biennalezeit - in diesem Jahr sind das drei hochkarätige Angebote:

7.5.-24.11. "Dire il Tempo" Einzelausstellung Roman OpalkaMehr dazu (und zur parallelen Ausstellung in Mailand).
11.5.-24.11. "Beyond the visible - Luigi Pericle 1916-2001". Mehr zum Künstler und zur Ausstellung. Website "Archivio Luigi Pericle". 

Das Wassergeschoss wurde von Carlo Scarpa inkl. Brücke und Garten gestaltet. Details dazu bietet jeder gute Venedigreiseführer, vor allem natürlich der oft von mir empfohlene Architekturführer (siehe Eintrag "Architekturführer Venedig" vom 9.6.2014). 
Sehenswert ist auch diese Filmdokumentation mit dem Sohn Tobia Scarpa, der über die Arbeit seines Vaters spricht. Manchmal wird der Film als Schleife auf einem Monitor plätschernden Wassergeschoss gezeigt.
Weitere Details und Fotos zu den  Etagen 1-4 (inkl. Mezzanin).
Das Haus bietet bzw. empfiehlt qualifzierte ein- bis zweistündige Standard- und themenzentrierte Führungen an (erschwinglicher, wenn sich ein paar Leute zusammentun). 


Gartendetail Palazzo Querini Stampalia

Die Querini gehörten zu den Gründerfamilien Venedigs, stammten aus dem Norden der Lagune, siedelten zunächst bei San Ternità (in Castello) und verteilten ihre Familienzweige in Castello und San Marco. Aber vor allem verbreiteten sie sich nach dem 4 Kreuzzug 1204, in dessen Folge Venedig 3/8 des byzantinisches Reiches gewann, in der gesamten Ägäis zwischen Andros und Kreta, Evvia und Astypalia. 
Die Querini waren Lehensträger auf Candia (Kreta), Kastellane in Modon und Koron (Methoni und Koroni) praktisch in fast allen Generationen, eingeheirate Erben auf Andros, venezianische Statthalter auf Negroponte (Evvia-Euböa), Gesandte u.v.a. in Konstantinopel, verbannt auf Rhodos wegen der Beteiligung an der Bajamonte-Tiepolo-Verschwörung - um nur Weniges anzudeuten - eine vielfältige Familiengeschichte über viele Jahrhunderte. 

Für seine Unterstützung des Marco Sanudo bei der Eroberung 1207 des naxischen Archipels erhielt Giovanni I Querini die Insel Stampalia (Astypalia), baute eine Burg (siehe Website) und eine schöne kleine Kolonie auf, die sich leider 1269 der Byzantiner Licario aneignete. Giovanni I war Herr auf Stampalia 1207-1231. 

Sein Enkel Nicolò I ließ sich noch Ende des 13. JH den Palazzo bei S. M. Formosa (siehe oben) bauen, bewohnte ihn aber kaum. Er verbrachte viel Zeit mit dem juristischen Kampf um sein mütterliches Erbe, die Insel Andros, und den verlorenen Familienbesitz Stampalia. Und quer durch Terraferma und Oltre Mare reisend, intrigierte er beim König von Neapel und dem Papst 1268 gegen die byzantinischen Paläologen, war 1270 venezianischer Gesandter in Bologna danach in Genua, Padua, im Friaul. 1275 war er Bailo (Repräsentant der Serenissima) auf Negroponte und führte 1294 die venezianische Flotte gegen die Byzantiner. Er überlebte (als Verschwörer) die 1310 die Tiepolo-Verschwörung (s. o.), wurde auf Lebenszeit aus seiner Heimatstadt verbannt und von den Johannitern auf Rhodos aufgenommen. 

Nicolòs Sohn Giovanni II gelangte 1310 wieder in den Besitz Stampalias (vor allem durch Verhandlungen, Tausch und Mauscheleien), erwarb zusätzlich 1327 ein Lehen auf Candia, führte ein hochaktives abwechslungsreiches Leben zwischen den Inseln und Venedig und vererbte seinen Besitz seinen 2 Söhnen Fantino I und Marco. Da allerdings waren die Bewohner*innen Stampalias wegen der anhaltenden Piratenüberfälle annähernd komplett nach Kreta ausgewandert und die verlassene Insel nicht der Lebensmittelpunkt der Erben.

Webcam auf die heutige Inselstadt Chora von Astypalia einschließlich der venezianischen Festung der Familie Querini.

In der übernächsten Generation war Giovanni IV Querini der Erbe der Insel Stampalia. Er war jenseits der Serenissima gut vernetzt, z. B. als Freund des damaligen Großmeisters des Johanniterordens, Philibert de Naillac, und Janus de Lusignan auf Zypern. Er besiedelte seine Insel Stampalia 1413 neu mit quasi abgeworbenen Familien und deren Schiffen von der Insel Tinos, wogegen die Besitzer von Tinos (erfolglos) bei der Serenissima klagten. Er reparierte die Burg Giovannis I, gründete eine erfolgreiche Pferdezucht für den Bedarf der venezianischen Kolonie Candia und wurde mit offizieller Genehmigung Venedigs und Zyperns erste Graf Querini auf Stampalia (und Amorgos). Er erweiterte den Familiennamen um den Zusatz "Stampalia", den in der Folge alle seine Nachkommen führten als Querini Stampalia. 

Mehrere Generationen später, 1537, eroberte Khair-ad-Din Barbarossa für das Osmanische Reich auch Stampalia und Amorgos, damals im Besitz Francescos II Querini Stampalia (+1554) und trotz Inverventionen und Verhandlungen der Serenissima blieb es dabei. Und sollte auch nicht lange dauern, bis das ganze venezianische Kolonialreich an die Osmanen verloren war. 

Francesco II Querini Stampalia gab 5 Bilder für den
Palazzo bei S. M. Formosa in Auftrag,
eines davon sein Portrait von Palma il Vecchio
(Sehr viel detaillierter aber trotzdem knallkurz kann man die Geschichte der venezianischen Familien in der Ägäis (inkl. elaborierten Genealogien) nachlesen bei Karl Hopf: Veneto-Byzantinische Analekten, Wien 1859, Hakkert Amsterdam 1964. Die Querini von Stampalia und Amorgos, S. 97-116. Nur antiquarisch erhältlich.)

Eine Reise nach Astypalia auf eigene Faust ist für heutige Verhältnisse fast ein bisschen abenteuerlich und zeitaufwändig. Anreise per Inselflugzeug von Athen nach Leros, von da weiter nach Astypalia. Siehe Website Aerodromio Astypalia. Schöner ist die 9stündige Fahrt durch das ägäische Inselmeer. Man kann Tickets online, aber auch grundsätzlich am Hafen im Piräus kaufen, sollte die Sache aber logistisch gut vorbereiten wegen der langen Reisedauer (10-12 Stunden Fähre, 9 Stunden Schnellboot) und wegen der meist nächtlichen Ankunft: gegen 2 Uhr morgens, der Hafen liegt 2 km außerhalb von Chora Astypalia ist tot bis auf die vorbestellten Abholer. Gute Planung ist auch für die Rückreise empfehlenswert, da die Schiffsverbindungen nicht täglich und nach Jahreszeiten auch wetterabhängig erfolgen. Fahrplan Blue Star NaxosInformationen bei Ferries-Greece.com; Informationen bei Ferries.grGreece-Ferries.com; Danae.Travel.


Alle die abwechsreichen Biografien der Querini und der Querini Stampalia bewegen heute trotz vielseitiger Begabungen und Leistungen eher Historiker*innen. Ein Querini allerdings brachte es zu Ruhm von quasi Popstarqualitäten, von ihm ist nun die Rede: Pietro Querini, 1396-1448, venezianischer Kapitän von der Insel Candia. Sein Ruhm beruht auf der Havarie seines Handelsschiffes "Querina" im Jahr 1432 mit ungeahnten Folgen, von der ich bereits im Eintrag "Stockfisch in Venedig" am 20.12.09 berichtet habe. 


Kapitän Pietro Querini
ein beneidenswerter Hut,
eine wunderbare Muschelkette!

Die Havarie der Querina im Herbst 1431 auf dem Weg zum flandrischen Handelszentrum Brügge ist eine wahre Horror-, aber auch Glücksgeschichte: vor der Küste Frankreichs sank das Schiff in einem fürchterlichen Sturm. Die 68köpfige Besatzung passierte in Rettungsbooten den Kanal und landeten nach einer vielwöchigen Odyssee, getragen vom Golfstrom, jenseits des Polarkreises auf den Lofoten, auf der Insel Röst (kein skandivanisches 0+/ auf meiner Tastatur). Einheimische Fischer fanden fast einem Monat später (mitten im norwegischen Winter!) die 11 Männer, die den Schiffbruch, die Nordsee, den Hunger, die Erschöpfung überlebt hatten. Nach 3 Monaten Inselgastfreundschaft und Erholung fuhren sie im Frühlung zurück nach Venedig und nahmen das Produkt mit, das die venezianische Küche unschlagbar bereichern würde: getrockneter und eingesalzter Kabeljau. Bis heute hoch geschätzter Bestandteil der Speisekarten Venedigs und seinen ehemaligen Kolonien im östlichen Mittelmeer.

Die Geschichte der Havarie detailliert und italienisch, 41 Seiten PDF:Il drammatico viagio di Pietro Quirini
Und auf dem Blog Bivröst in englischer Sprache:
The Tale of Pietro Querini
Und auf der Seite der Universität Tromsö im Verzeichnis "Die Nordlichtroute" auf deutsch:
Ein Schiffbruch am ersten Kreis des Paradieses
Weitere Details der Geschichte auf dem deutschsprachigen ZeitRäumeBlog:
Die Lofoten - wie Fisch ein ganzes Archipel bestimmt






Aber auch bei den Insulanerinnen auf Röst blieb der venezianische Besuch unvergessen. Zum 500. Jahrestag setzte man ihm ein Denkmal, siehe Foto.

Dem wohl sehr beeindruckenden persönlichen Bericht Querinis folgend - sein handschriftliches Tagebuch wird in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrt - wurden sowohl wissenschaftliche Arbeiten zu seiner Geschichte geschriebenals auch in den letzten 20 Jahren diverse Romane seines Abenteuers (italienisch, französisch, alle nicht gelesen) sowie Kochbucheinträge und Seiten zum Thema Baccalà (ergänzend noch 3 Links zu denen des 10 Jahre alten Blogeintrags s.o.):


Aber der wahre Querini-Hype tobt seit Jahren in Norwegen. 

Auf Röst veranstaltet man seit 2012 das jährliche das Querinifest in der 1. Augustwoche, in diesem Jahr genau jetzt, 1.-4.August. Ein beeindruckendes Programm mit Natur- und Kulturwanderungen, Gemeinschaftskochen und -singen, Konzerten in allen Röster Veranstaltungsräumen vom Pub über die Kirche bis Open air. 
Hier ein Blick auf die Details des Konzerts vom 1.8.19 des A capella Chors VocalArt (reinhören).
Auch die Organisation Parchi Letterari beteiligt sich mit ihrem literarischen Park Pietro Querini, in dem man den Spuren des venezianischen Besuchers folgen kann, den die Röster*innen zu ihrem Kulturerbe zählen.

Liebhaber*innen des skandinavischen Sommers können sich dieses sehr spezielle Ereignis schon mal für Anfang August 2020 in den Kalender schreiben.

Webseite des Querinifestes mit allem Zipp und Zapp - Kartenbestellung, Programm, Flyer und Anreisebeschreibung und ÖPNV auf Röst sowie Unterkünften.
Weitere Möglichkeit zur Buchung für das Querinifest (alles für 2019, also zu spät, ggfs. folgt ein weiterer Link für 2020 als Ergänzung am Ende des Eintrags)
Die Recherche von Anreisedetails wie für Astypalia oben ist eine sehr komplizierte Sache, ich habe in Röst angefragt und bekomme vielleicht nach den Feierlichkeiten eine Antwort.


Beim Querinifest 2012 wurde die "Querinioper" von Henning Sommerro und Ragnar Olsen uraufgeführt. Unter Beteiligung von professionellen Künstler*innen, aber auch dem gesamten Dorf von den Kindern über einen Fischerchor bis zum Pfarrer war das ein derartiger Erfolg (und vermutlich Spass für die Mitwirkenden), dass sie auch 2014 wieder ins Programm genommen wurde, zuletzt gespielt 2018 (nicht in diesem Jahr) 


Ergänzung 7.8.19
Post aus Röst per Twitter:

Thank you for your kind message! You can find tourist information about Røst here: opplevrost.no
To get to Røst you first have to get to Bodø. From there you can go by plane (wideroe.no) or by boat ruteinfo.thn.no/bm/default.asp…

Ein traumhaftes Urlaubsziel für naturverbundene Ruder*innen, Hiker*innen, Kajakfahrer*innen, für die Massenauftriebe wie in Island (oder Venedig) nicht mehr in Frage kommen...





Die Website der Querinioper ist derzeit außer Funktion, aber der Twitteraccount steht und hält auf dem Laufenden.

Besprechung der Oper in der Financial Times vom 6.8.2014
Reisebericht, qualifzierte Opernrezension und die überzeugendste Einladung nach Röst, die man sich vorstellen kann, findet sich auf der Website "The New Listener" im August 2018 von Oliver Fraenzke: "Die isolierteste Oper der Welt".

Von den 4 Aufführungen 2018 wurde ein Film gedreht, denn eine regelmäßige Opernproduktion kann Röst leider nicht stemmen. Ich hoffe, dass er zumindest der Film den nächsten Querinifesten zu Verfügung steht:
Siehe Lofotposten 22.2.2019: Film über die Opernperformance "Querini" (Googleübersetzt).

Ergänzung 13.09.19
Demnächst ein paar Tage in Siena? Vom 20.9.-6-10. ist hier die Ausstellung "La storia della Querina" von Franco Fortunato zu sehen.







Ergänzung 29.12.2019

Ein europäisches Kulturprojekt (Google-Übersetzung), die Via Querinissima (Google-Übersetzung), wurde auf den Weg gebracht unter Teilnahme von norwegischen, schwedischen, irischen, italienischen, portugiesischen, spanischen und griechischen Institutionen. Wavents, in Venedig basierter Veranstalter von historischen Kulturspektakeln aller Arten inkl. der Wiederbelebung von historischen Wanderrouten in Europa, ist beteiligt an der Gestaltung des europäischen Wanderwegs der Stockfischkultur. Dazu gehörig sehen sich auch eher überraschende Etappen wie z. B. Fichtelgebirge und Frankenwald.



Ergänzung 28.02.20

Neuer Artikel zur Via Querinissima

Ergänzung 24.08.20
Molto più che un pesce. Molto pi?u che un piatto. Il baccalà.

Ergänzung 31.806.20
Veröffentlichung der italienischen Botschaft in Oslo: Il naufragio di Pietro Querini a Roest (isole Lofoten)e la storia del baccalà in Italia.  PDF Tagebuch Pietro Querini (27 Seiten).


.

30. März 2018

Der Ersatzlöwe im Hafen von Piräus


Ich verbringe diesen Frühling in Athen, was ich mir seit vielen Jahren vorgenommen hatte, und habe gestern im Hafen von Piraeus den berühmten Löwen besucht, der auch schon lange auf der Liste stand. Vielmehr seinen Stellvertreter, der seit 2002 den Originallöwen ersetzen soll, der hier ursprünglich 2000 Jahre saß und seit 300 Jahren vor dem Arsenale in Venedig seinen Platz hat.


Mehr dazu steht in zwei sehr alten Einträgen:

Castello I - Campo Arsenale vom 20.4.2008
Arsenale - der Löwe vom Piräus vom 3.5.2008 

Der Hafen von Piräus ist zu Fuß eine ziemlich weitläufige unübersichtliche Sache, abgesehen davon, dass es noch zwei kleinere Abteilungen gibt: eine zum Essen gehen und ein Yachthafen. Wo ich die aufgebrezelte junge Dame, die mir einen Kaffee servierte, nach dem Standort des Löwen fragte, denn im Stadtplan war er nicht verzeichnet. In den letzten Jahren fuhr ich zwar immer wieder mal auf dem Weg zu oder von einer griechischen Insel an ihm vorbei, aber vom Schiff gesehen und vor dem Hintergrund von Hafen und Stadt scheint er so klein und eine genaue räumliche Zuordnung schwierig - weit draußen eben. Die Dame wusste nichts vom Löwen, aber ein Stammgast in Arbeiterkleidung, den sie zur Beratung hinzuzog, alle Details: "... den haben uns die Venezianer geklaut! Vor 300 Jahren! Hier rechts den Berg hoch, dann wieder runter, am Hafen links und dann immer weiter am Hafen entlang. 10 Minuten." 

Es waren nicht 10 Minuten, die freundliche Griechen immer gern versprechen, wenn sie gut gemeint einen Wanderer nicht entmutigen wollen, sondern 40 Minuten, und entlang des rauschenden mehrspurigen Autoverkehrs, vorbei an mehreren Kreuzfahrthafentoren und einer ganzen Reihe von Busendhaltestellen sah ich schließlich seinen weißen Marmorlöwenrücken leuchten. 



Von der marmornen Plattform, auf der man die Plinthe mit dem Löwen aufgestellt hat, sieht man sehr schön die Schiffe vorbeiziehen, es ist hier aber windig und öde trotz strahlender Sonne, in einem kleinen Gebüsch in der Nähe steht ein bewohntes halbzerissenes Zelt, ein paar junge Männer fühlen sich durch meine Knipserei offensichtlich in ihren Geschäften gestört. Auf dem weißen Marmorboden sind Brandspuren zu sehen, einzelne Marmorplatten wurden gewalttätig zerbrochen. Busendhaltestelle, letztes Hafentor eben. 



Auf der Rückseite der Plinthe ist eine Granittafel mit Runen und einer Skizze angebracht. Sieht nicht aus wie die Zeichnungen, die im Internet die Runen auf den Schultern und Flanken des Löwen darstellen sollen, und es gibt keine weiteren Erklärungen. Und kein Fachmensch greifbar, hier ist kein Museum... ich werde der Runentafel weiter nachgehen und füge hier Nahaufnahmen ein, vielleicht liest jemand runisch und kann etwas damit anfangen.
 
Runentafel linkes oberes Viertel


Runentafel rechtes oberes Viertel

Runentafel linkes unteres Viertel


Runentafel rechtes unteres Viertel

Auf einer Marmortafel am Fuß der Vorderseite der Plinthe ehrt der Hafen von Piräus einige Männer namentlich.
Und auf einer weiteren Marmortafel an der Vorderseite der Plinthe, direkt unter dem Löwen, klagt A. Drombos poetisch ungefähr so:

Athenische Statue, du wurdest gemeißelt 
und verlassen in der Einfahrt des Hafens.
Warägische Söldner ritzten dich,
Sklaven des Morosini ruderten dich nach Venedig,
schleppten dich in eine Ecke der Werft 
und ließen dich liegen.
Vergessener Drache, piräotischer Löwe, 
du bist keine venezianische Beliebigkeit.
Der Porto Leone bleibt dein Hafen. 



Pathos kann schön sein aber gut zu wissen ist auch, dass das kostbare alte Original in Venedig an einer relativ sicheren Stelle "liegen gelassen" wurde und weniger den Gefahren von Vandalismus, sondern "nur" der toxischen venezianischen Luft ausgesetzt ist. (Und soweit ich weiß, hat Athen den Löwen nie von Venedig zurück gefordert, im Gegensatz zu den "Elgin Marbles" der Akropolis.)

Zerschlagene Marmorplatte auf der Denkmalplattform
Und der Löwe in Piräus ist ein junger, ein schönes, neues Exemplar (Steinmetz: Georgios Menkoulas, Architekt: Petros Adamis) und frei von warägischen Söldnergraffiti. Vielleicht hält er nicht 2000 Jahre, aber wünschen wollen wir sie ihm.





Ergänzung 11.4.2018

Per Kommentarfunktion stellte Rudolf Koch einen Beitrag hier ein, der nicht in Gefahr sein sollte, übersehen zu werden. Transkription und Übersetzung der Texte sowie Informationen zu der oben gezeigten Runentafel! Ich füge den Text deshalb zusätzlich hier an:

Die "Runentafel" ist eine kuriose Sache. Die Inschrift ist in älterem Futhark geschrieben, der Text ist aber modernes Schwedisch, das ich leider nicht sauber übersetzen kann. Links oben wird Apostolis Dombros als Verfasser seines Gedichts auf der rechten Seite genannt, dann der "Neuzeitwikinger" Helmut Schulze aus Trelleborg. 3. 6. 1992.

Links unten steht ein Motto, sinngemäß etwa: die Geschichte lehrt uns über die Zukunft, dass Zukunft ohne Kultur untergeht. Dann der Text: Piräus und Trelleborg, mehr als eintausend Jahre Kulturgeschichte.


Auf der rechten Seite steht das bereits von Ihnen genannte Gedicht von Drombos.


Einen weiteren Hinweis auf Trelleborg ergibt die Ritzzeichnung rechts unten. Es handelt sich um den Grundriss der Wikinger-Ringburg (=Trelleburg) Trelleborg Seeland, Dänemark. Es geht also um 2 Trelleborgs: den Wohnort des Hobbyforschers Helmut Schulze in Schweden (dort gibt es ebenfalls so eine Ringburg) und die archäologisch ergrabene Ringburg auf der dänischen Insel. 


Abb. https://plus.google.com/116216417055313439429/posts/Y6pA1Z9U5ZD 

Ergänzung 12.4.2018

Nach den Rechercheergebnissen von Rudolf Koch (oben und ein weiterer Text unten in den Kommentaren) habe ich meinerseits noch ein bisschen weitergesucht.

Das griechische Gedicht stammt von Apostolis Dombros, (und hier folgt die Übersetzung des verlinkten Textes): geb. 1937 in Athen, Dipl.-Ing. der Elektrotechnik, Absolvent des Oskar-von-Miller-Polytechnikums München. Inhaber einer Firma für Schiffsausrüstungen in Piräus. Sein erstes Buch erschien 1981, bisher 17 Publikationen, davon 14 Reise, Bellestristik, Erzählungen, 2 Gedichtesammlungen, 1 Bühnenstück. Sein Werk wurde mit 7 griechischen Preisen ausgezeichnet. Hat fast den ganzen Globus bereist, betrat als erster Grieche den geografischen Nordpol. Diese spezielle Reise beschreibt er in seinem Buch "Weiter nördlich geht es nicht". Mitglied des griechischen Schriftstellerverbandes. 

Ob er erste Grieche am Nordpol war, wage ich zu bezweifeln. Wenn schon warägische Söldner über Sizilien und Byzanz in Athen zum Einsatz kamen und die Venezianer seit dem 15. JH regelmäßig Stockfisch von den Lofoten nach Venedig und in ihre griechischen Kolonien importierten, wird wohl auch der eine oder andere griechische Seemann weit im Norden gelandet sein. Aber anscheinend der erste Grieche, dessen Polarreise dokumentiert und publiziert ist.
Und möglicherweise ist sein Engagement für den Löwen vom Piräus eines der Ergebnisse dieser Reise und von Kontakten, die auf dieser Reise geknüpft wurden?

Aus einem Zeitungsartikel von 2012 ist zu erfahren, dass Apostolis Dombros mi seiner Frau Ingrid jeweils die Hälfte eines Jahres in Griechenland und in Kenia lebt, wo er engagiert griechisch-kenianische Projekte im Geiste Ernesto Cardenals betreibt.
Vor allem sind in diesem Artikel ausführlich Zitate von Prosa und Gedichten zu seiner offensichtlich beeindruckenden Nordpol-Erfahrung nachzulesen (die ich aber nicht übersetze).

Und ich habe einen ganz interessanten Eintrag zum Löwen von Piräus eines Bloggers aus Piräus gefunden. Vor allem ein paar Details zu seiner Geschichte möchte ich bei Gelegenheit hier übersetzen, wenn mein Frühling in Athen vorbei ist und ich wieder zuhause bin. Im Moment sind meine Prioritäten ein bisschen anders sortiert.



Ergänzung 8.11.2018


Der Löwe nun auch als Streeatart-Wandmalerei im Hafen von Piräus:


Quelle: ελculture.gr

Bericht von ελculture.gr: ein beeindruckendes Werk des Künstlers Same64 von UrbanAct an der Leoforos Iroon tou Polytechniou, am Gebäude der Battlenet Arena Piraeus. Mit dem Einverständnis der Bürger des Viertels. Ich bin begeistert.
.

11. Oktober 2016

Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016

"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!"
Eingang ins Innere des Lazzaretto Vecchio

Ich wiederhole mich, aus gutem Grund. 

Denn der geführte Besuch der beiden venezianischen Inseln Lazzaretto Vecchio in der südlichen Lagune und Lazzaretto Nuovo in der nördlichen Lagune muss einfach immer wieder angepriesen werden. Wer sich für die Geschichte Venedigs interessiert, findet hier, was noch von den beiden zentralen Orten venezianischer Epidemienvorsorge und -fürsorge zeugt. 


Die Führungen an Samstagen und Sonntagen im Lazzaretto Nuovo enden mit dem Wochenende 29./30. Oktober. 
Die Führungen im Lazzaretto Vecchio am Sonntag, 16.10. mit einem Sonderprogramm. Es gibt einen kulinarischen Stand mit Cichetti (venezianischen Häppchen), einen Stand des venezianischen Verlags/der Buchhandlung  Mare di Carta und eine Ausstellung (und hoffentlich auch Verkauf) von Werken des venezianischen Malers Luigi Divari (der derzeit auch im Meeresmuseum in Stralsund ausstellt). Um 13:00 Uhr präsentiert der venezianische Chor AMURIAMUM Werke von Monteverdi, Dowland, Brahms und Salvadori. Im Ambiente des alten Pestlazzaretts sicher ein beeindruckendes musikalisches Erlebnis.  


Erster Saal hinter der Eingangstür des Lazzaretto Vecchio,
mit einem schönen erhaltenen Ziegelboden
Die erste Pestwelle erreichte den Hafen von Venedig mit Schiffen unterwegs vom Kaspischen Meer im Jahr 1348. Anzahl und Tempo der Ansteckungen machten schnelle Maßnahmen erforderlich, denn weder der Übertragungsweg noch Heilmöglichkeiten waren bekannt. Wie von Boccaccio im Decamerone beschrieben, gab es nur die Flucht als Option - für Privilegierte. In Venedig waren bis Ende 1350 mehr als 50 der patrizischen, also herrschenden, Familien ausgelöscht. Zwischen 1348 und 1351 verlor der europäische Kontinent 30 % seiner Bevölkerung. 

Venedig, einerseits eine offene Stadt mit internationaler Einwohnerschaft und ständig wechselnden Besuchern und Durchreisenden, andererseits durch Handelskontakte und Diplomatie über das östliche Mittelmeer und die Alpen weit hinaus gut vernetzt, liess Daten über die Wanderung der Epidemie erheben. Und verstand, dass Personen- und Warenverkehr zwischen den Handelshäfen über Gesundheitskontrollen reguliert werden mussten. Das erste Gesetz zur Kontrolle und Meldepflicht der Kapitäne (bei schweren Strafen für unwahre Angaben) einlaufender Schiffe wurde 1423 erlassen. 


Separate Krankenbereiche für die privilegierten Familien
Schon zuvor wurde die Einrichtung eines Hospitals für die BürgerInnen Venedigs in Epidemifällen beschlossen und war seit Januar 1423 in Funktion. Ausgewählt wurde dafür die Insel Santa Maria di Nazareth, seit 1249 Sitz eines Eremitenklosters gleichen Namens. Aus drei Gründen: wegen der natürlich gegebenen Isolation in der Lagune; wegen der Nähe zum Lido, was die Versorgung einer großen Struktur aber auch den Krankentransport einfacher machte; und wegen der günstigen Kosten durch die Dienstleistung des Ordens (das sollte sich in späteren Jahrhunderten ändern, aber das ist eine andere Geschichte). Die Bezeichnung 'Nazaretum' bürgerte sich ein, dann, vermutlich in Anlehnung an den Namen der Nachbarinsel S. Lazzaro, 'Lazzaretto'. Durch weitere Einrichtungen von Hospitälern in den venezianischen Kolonien fand der Begriff 'Lazzaretto' rund ums östlichen Mittelmeer Verbreitung und später weltweit.

In dieses Hospital, später 'Lazzaretto Vecchio' genannt, wurden nur manifest Erkrankte gebracht. Es ging hier nicht um Krankenpflege, sondern um die Begrenzung der Seuchenausbreitung. Für die einzelnen Kranken nur ums Sterben, die wenigsten genasen. Der ehrenamtliche venezianische Führer zitierte bei meinem Besuch im Oktober 2015 die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in Dantes 'Göttlicher Kommödie':

„Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“



Graffitto im Lazzaretto Vecchio
Hoffnung war hier wirklich nicht angebracht, bei mehreren 100 Todesopfern pro Tag, besonders während der 2. großen Pestwelle 1630. Das Lazzarett wurde hauptsächlich durch Spenden und Nachlässe finanziert. Notare wurden 1431 durch Beschluss des Großen Rates unter Strafandrohung aufgefordert, ErblasserInnen zur Begünstigung des Lazzaretts zu veranlassen. Heißt, es war laufend unterfinanziert. 

Für die wenigen Genesenden oder die, die als Infizierte eingeliefert wurden, aber nicht erkrankten, wurde 1456 eine zweite Isolationsinsel in Betrieb genommen: Lazzaretto Nuovo. Auch sie diente in erster Linie dem Schutz der öffentlichen Gesundheit, aber auch als Übergangsphase zwischen nicht eingetretenem Tod und 'zweiten Leben', und der Überprüfung von Verdachtsfällen. Der Aufenthalt von Schiffmannschaften und Aufbewahrung von Waren, die nachweislich über Häfen eingereist waren, in denen Epidemien - Pest, aber später auch Cholera, Typhus' herrschten, wurde dann schnell die Hauptaufgabe des Lazzaretto Nuovo: die Quarantäne. Papiere mussten lückenlos sein, wurden streng überprüft und Falschangaben oder Fälschungen standen unter Strafe. 

In beiden Lazzaretti herrschte der Horror der morgendlichen 'Visiten' und Entscheidungen: nachts Verstorbene zum Bestatten (zum Teil in Massengräbern), manifest Erkrankte vom Lazzaretto Nuovo ins Lazzaretto Vecchio, Genesene vom Lazzaretto Vecchio ins Lazzaretto Nuovo, nicht Erkrankte im Lazzaretto Nuovo aus der Quarantäne zurück in die Freiheit. 


Prior/essa- und Verwaltungsbereich
Archivmaterial belegt, dass auf beiden Inseln, besonders aber im Lazzaretto Vecchio PatientInnen misshandelt, missbraucht und ausgebeutet wurden. 
Es gibt Prozessakten (1458) der Priorin Zentilina, die verdorbenes Essen ausgeben und InsassInnen am Hunger, nicht an der Erkrankung, sterben liess. 
1468 wurde der Prior und Arzt Polo da Genova gekündigt und 1470 angeklagt, verurteilt und enthauptet wegen Misshandlung von Patienten, wegen des Verkaufs der Kleidung verstorbener Patienten in der Stadt (entgegen der Pflicht, sie zu verbrennen) und wegen Kostenabrechnungen für bereits verstorbene Patienten. 
1482 wurde der Prior Paolo Blanco der Verantwortung schuldig gesprochen, dass viele Insassen des Lazzaretto, Erwachsene und Kinder, elend starben, sie ihres persönlichen Besitzes beraubt wurden, der verkauft wurde und die Krankheit weiterverbreitete, dass ihr Unterhalt von täglich 12 soldi nach ihrem Tod unterschlagen und damit die öffentliche Kasse geschädigt wurde. Polo Blanco wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt und zuvor der venezianischen Strafprozedur der persönlichen Entwürdigung unterzogen: gebunden an einen Pfahl auf einem Lastkahn stehend, gekleidet in die Schandfarbe gelb, den ganzen Canal Grande hinauf gefahren zu werden, während seine Schandtaten mit lauter Stimme für alle alle hörbar vorgetragen wurden.

Die Lazzaretti sind ein überaus spannender und vielfältiger Bereich venezianischer Gesundheits- aber auch Kriegsgeschichte. Denn nach der 2. großen Pestwelle von 1630 ließ der dicht geschlossene Sicherheitskordon der Lazzarette in der Lagune und in allen anderen venezianischen Häfen kaum noch epidemische Krankheiten an Land Fuss fassen. Ein Erfolg venezianischer Gesundheitspolitik, der in Europa und weltweit übernommen wurde. 
Aber die Kämpfe um Macht und Territorien im östlichen Mittelmeer, vor allem der 25jährige Krieg um Candia/Kreta, sorgten für ständigen Nachschub an verletzten Seeleuten, Soldaten, Söldnern. Das ist dann eine weitere Geschichte der venezianischen öffentlichen Gesundheitspflege.


Zwischen den Lazarettgebäuden
Die venezianische Historikerin Nelli-Elena Vanzan Marchini forscht und schreibt u. a. zum Thema öffentliche Gesundheit in Venedig. Auf ihrer Seite finden sich interessante Artikel, ihre Bücher findet man in venezianischen Buchhandlungen (eher weniger im www).  


Anmeldungen für die letzten Führungen des Jahres inter info@archeove.com.
Anfahrtswege werden auf den beiden Webseiten (oben) erkärt (aber auch in meinen älteren Blogeinträgen).
Für die Überfahrt nach Lazzaretto Vecchio wartet man am Ufer Corinto genau gegenüber der Insel und wird in Gruppen übergesetzt.

Die Führungen sind kostenlos, aber es wird eine Spende erwartet. Aus meiner Sicht sollte sie großzügig sein, denn gefördert werden mit dem Geld Projekte jenseits des kommerziell orientierten Tourismus. Sie tragen zum Erhalt des historischen Venedigs bei, das uns allen am Herzen liegt. Ob der enorm engagierte, geradezu leidenschaftliche Einsatz des Archeoclub Venezia, im Lazzaretto Vecchio ein Museum der Stadt Venedig einzurichten, jemals erfolgreich sein wird, sei dahin gestellt. Aber es ist richtig, das Vorhaben zu unterstützen. 





.

13. Juni 2015

Venedig - am "Rand des Chaos"?

Eingang am Campo della Carità
Der "Rand des Chaos" ist ein Begriff aus der Komplexitätsforschung, von der ich keine Ahnung habe. Außerdem ein Computerspiel, von dem ich keine Ahnung habe.  Was meinen 4 KünstlerInnen, die unter diesem Titel "Edge of Chaos" sehr verschiedene Werke gemeinsam ausstellen? Keine Ahnung. Zu sehen sind: 2 sozialkritische Videos (LaToya Ruby Frazier), 1 feministisches Video (Egle Rake), 1 Raum voller ela-
borierter Werke aus feinem Kupferblech und -draht, hergestellt in Schweißtechnik (Gianluca Malgeri), 1 Raum voller elektroni-
scher Fotos (Audra Vau). Interessant zu sehen und sich dazu in Beziehung zu setzen, aber wieso "Edge of Chaos"? 


Portego, Wandbemalung (!), Werk von Gianluca Malgeri

Wirklich spannend allerdings ist das Haus, in dem man auf den Rand des Chaos trifft. Im Werbematerial für die Ausstellung wird das Haus "Casa Donati" genannt (so heißen die Besitzer), es handelt sich aber um den Palazzo Querini alla Carità , auch ge-
nannt
Querini Vianello. Neben der Accademia und der Bar an der Ecke am Canal Grande, erbaut im 18. JH. auf einem ursprünglich gotischen Vorgängerbau, der kleine Seitenanbau im Garten stammt aus dem 19. JH.


Treppenhaus auf Höhe des Mezzanin.
2 Büsten, 2 trompe l'oeil Büsten, 1 trompe l'oeil Fenster
Es hat alles, was ein Haus am Canal Grande normalerweise hat: zwei (geschlossene) Wassertore, einen Androne mit Mezzanin, ein herausragend gestaltetes Treppenhaus, einen Portego und Nebenräume. Aber alles in ungewohnt kleinem Format, als sei das Haus zurechtgestutzt worden. Trotzdem sehr elegant mit trompe l'oeil Fresken im Treppenhaus, die den Vergleich mit dem Treppenhaus des Palazzo Papadopoli (Foto 5 der picture tour) nicht scheuen müssen (vielleicht vom gleichen Maler?); einem komp-
lett mit Landschaftsveduten ausgemalten Portego, mit Stuck und Deckenfresken. Natürlich mit alten Muranolüstern und schönen Kaminen. Alles wunderbar erhalten und gepflegt, vermutlich durch die frühere Nutzung als Konsulatsgebäude Großbritanni-
ens. Eine große Terrasse sitzt auf dem Nebengebäude mit Blick auf Accademia, Canal Grande, Brücke.



Treppenhaus, Höhe des Portego.
Trompe l'oeil Wandmalerei
Beim Betreten des Androne trifft mich sofort der Anblick von Zorzi Benzon Anno 1660 ins Herz. Gerahmt in ca. 2 x 1,5 m, er trägt einen Spitzenschal, blauschwarzen Harnisch, beigen Glockenrock, tolle rot-schwarze Schuhe und steht auf der messi-
nischen Küste der Peloponnes, venezianisch Regno Morea, direkt neben der Festung von Koroni. An seiner linken Seite gibt es ein Papier mit einem Plan der Festung Candia (heute Iraklion, Kreta) und dem Text "FU NOBILE IN CANDIA ALLA SUA DIFESA und dem Plan einer Insel (die ich nicht erkenne) mit dem Text FU PROVEDITO STRAORDINARIO ALLA SALIARA, darunter 3 Galeeren mit Unterschriften FU GOVERNATOR... GALLEAZZE... (daran arbeite ich noch!).



Zorzi Benzon Anno 1660
Darunter, auf dem dunklen Untergrund der Landschaft, werden seine Verdienste aufgelistet:
FU NOBILE IN ARMATA. / FU VICE GOVER. DE CONDEMNATI. / FU PROVEDITOR IN CAMPU SOTTO / CORON NELLA BATTAGLIA E VITTORIA / CONTRO TURCHI E SUPRESA A FORZA / D'ARME. / FU IL PRIMO PROVEDITOR ESTRAORDI- / NARIO IN CORON. FU ELETTO CONSIGLIER. / FU PROVEDITOR IN CAMPO SOTTO / PATRASSO NELLA BATTAGLIA E VITTO- / RIA CONTRO TURCHI ET ABANDONO DI / PATRASSO E LI CASTELLI LEPANTO E / CORINTO. / FU PROVEDITOR IN CAMPO SOTTO / ATTENE ALLA SUA RESA. / FU PROVEDITOR ESTRAORDINARIO NEL / REGNO DI MOREA L'ANNO 1660. / FU CONSIGLIER APRESSO SU. SERE: FRANCECO / MOROSINI NEL ULTIMA SUA SPEDITIONE / 
... der Rest des Textes verschwindet leider im Rahmen. 


Zorzi Benzon Anno 1660, Detail
Allerhand. Zorzi Benzon hatte also eine koloniale Karriere als venezianischer Statthalter in den Städten Koroni, Patras, Athen (nach ihrer Kapitulation) und dem Regno Morea; wurde in den Adel aufgenommen während der 25jährigen Belagerung von Candia, und er war weiter als Berater beteiligt an einigen Kämp-
fen gegen die Ottomanen und an der "letzten Kampagne
Francesco Morosinis".
Die weit verzweigte Familie Querini war auch verwandt mit der Familie Benzon. Der Palazzo Benzon bei S. Angelo hat derzeit die gleichen Besitzer wie der Palazzo Querini Vianello. Über Zorzi habe ich bisher nicht mehr gefunden, ist aber auch nicht eilig.

Die Ausstellung und das Haus sind noch bis 30.6. zu besichtigen. Was ich sehr empfehle, und auch, sich Zeit zu nehmen. Es gibt genug zu bewundern und sich bei genauem Hinsehen über-
raschen zu lassen.



Zorzi Benzon Anno 1660, Detail
  .