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4. Juli 2021

Venedig im 18. Jahrhundert - für Sehnsüchtige


 
Ein (mir) unbekannter Autor, ein sachlicher Titel - Buch auf:
ein venezianischer Funkenflug!


Philippe Monnier: Venedig im achtzehnten Jahrhundert

Erschienen im April, setzte der Perlentaucher dieses grandiose Buch auf die Liste "Sachbuch des "Monats" im Juni.

Zwei detaillierte Rezensionen habe ich gefunden.
Wolfgang Matz schreibt in der FAZ vom 2.7. "Wo die Lust zu leben so beseeligend gewesen sein muss" sachkundig und hingerissen eine Hymne; Hanns-Josef Ortheil nimmt am 7.5. in seinem Blog sogar in Anspruch, für "Das schönste Venedig-Buch" die Wiederauflage des Buches durch Die andere Bibliothek mit initiiert zu haben. Der Autor des 32seitigen Nachworts ist er außerdem, rundet die Lektüre ab und ergänzt versiert.
Léon Giogoli schreibt einen guten Beitrag zu seiner Arbeit an der Gestaltung des Buches.


In diesen d3 Texten sind eigentlich alle Informationen zu diesem Buch bereits enthalten und befriedigend formuliert. Soll ich ergänzen, dass es mehr ist als eine literarische Zeitreise eines überaus belesenen Autors, der 
seinen Leser*innen Vollstoff seine grenzenlosen Kenntnisse venezianischer Musik, Malerei, Theaterkunst, Traditionen, Moden, Feste, des Einhaltens und Übertretens gesellschaftlicher Regeln, der Klassen der Venezianer*innen im 18. JH ausbreitet?

Mithilfe eines unglaublich inspirierten Wortschatzes (Übersetzung: Rudolf Engel), einer kreativen Sprache und einer atemberaubenden Sinnlichkeit der Formulierungen? Fast durchgängig im Präsens, der Gerüche mitriechen, Geräusche mithören, Geschmäcker mitschmecken, Musik mitgeniessen, Farben mitbewundern, Gespräche miterleben, Düfte mitempfinden lässt - unweigerlich,  beim Lesen? 

Mitreissende Beschreibungen, unerwartete Details, Dinge, die man schon immer wissen wollte über Venedig oder bisher noch nie so Konkret und/oder spannend lesen konnte (z. B. Cicisbeo: dass Lord Byron genervt war, als offizieller Cicisbeo (und inoffizieller Geliebter) Teresa Guicciolis "Schal zu falten" wissen wir ja, aber Monnier erklärt das Spezialsystem der venezianischen Ehe!). Sein 500-Seiten-Werk zu lesen ist unverzichtbar vor allem in diesen Zeiten der unerfüllten venezianischen Reisesehnsüchte. Ich versichere aus frischer Erfahrung: neben seinen vielen weiteren Qualitäten ist dieses Buch ein Trost.

(Geschenkeplanung! Nicht nur für Venedigliebhaber*innen, sondern auch für Menschen, die Bücher der "Andere Bibliothek"-Qualität schätzen.)

Nach Venedig zu reisen ist schon lange eine bürgerliche Flucht in eine 'glücklichere Zeit', die mithilfe von Kunst, Architektur, Geschichte befristet vor der Banalität des Alltags rettet. Ich weiss nicht, ob das 18. JH mit dem spür- und sichtbaren Niedergang Venedigs tatsächlich die "glücklichste" Zeit der Serenissima war. Aber Monnier zeigt nicht nur mit seinen Kenntnissen, sondern auch mit leidenschaftlicher Bewunderung, wie der Niedergang "der Heitersten" zelebriert wurde. Kein anderes Buch (das ich kenne) beschreibt diese Zeit besser, detaillierter und mit mehr Hingabe ans Thema. 

Ein erneuter Niedergang Venedigs findet gerade statt, unweigerlich trotz aller Bemühungen, dem Lauf der Dinge in den Arm zu fallen. Wir wissen (zum Glück?) nicht, wie Venedig in 100 Jahren leben wird (falls überhaupt, bei schon jetzt unkontrolliertem Anstieg des Meeresspiegels). Aber es bleiben über die Jahrhunderte hinweg einige Bücher, die uns die Lebensezeit Venedigs erhalten. Gut, dass dieses neu aufgelegt wurde und dazu gehört.
 

Nachtrag 6.7.
Siehe Details in den Kommentaren unten.
Auf Nachfrage eines Korrespondenten (danke nochmal, Aldebaran!) erfuhr ich vom Verlag 'Die andere Bibliothek', dass die Auflage von 3333 Ausgaben fast vergriffen ist und ein Extradruck in einer nicht ganz so üppigen Ausstattung aufgelegt wird. Er erscheint im August 2021.

"...das ist wohl ein Datenübertragungsfehler, das Buch hat natürlich in beiden Ausgaben knapp 500 Seiten.
Die neue Ausgabe für 24€ ist unser Extradruck in einer nicht ganz so üppigen Ausstattung, denn die Originalausgabe ist ja limitiert und inzwischen fast vergriffen."



Venedig 1764


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28. November 2020

Die Tage des Konsums...



... rauschen wieder. Und wir, die wir alle in diesem Jahr die in- und ausländischen Reiseeinschränkungen respektiert und in Erwartung der angekündigten 2. Covid-Welle auch noch generell auf Reisen verzichtet haben, finden zum Jahresende ungeplante Reste auf unseren Konten. Was tun? Aufsparen für eine Reise nach Venedig - besonders lang (1 ganzer Monat?) oder besonders aktiv (vormittags Italienischkurs, nachmittags Ruderkurs voga alla veneziana?), oder besonders komfortabel und stilvoll (einen ganzen Palazzo mieten?) - in der Zeit "danach"?
Oder sich großzügiger als je am Konsumrausch beteiligen und die vermissten physischen Kontakte kompensieren durch die Freuden des Schenkens? Oder eine pompöse und wirksame Spende überweisen? Hier sind ein paar wenige Vorschläge; nicht zu übersehen die Tipps in den bisherigen 3 Einträgen (von denen so schöne Dinge wie Museumsjahreskarten wohl auch noch für das kommende Jahr kaum in Frage kommen, leider). 


Alte Tipps, kann man noch mal durchsehen 

und vielleicht noch einen Blick auf das Label Buchempfehlung werfen (59 Einträge)


Ergänzungen zu Kunst und Kunsthandwerk

In einem Artikel bei Artribune fand ich einen Hinweis auf einen neuen Versandvertrieb von Murano-Glaskunst: Vaporetto. Versandschluss vor Weihnachten: 13.12.20. Wer genug Platz hat für schöne künstlerische Designprodukte und dafür etwas ausgeben will, findet hier vielleicht Passendes.

Und auch venezianisches Holzdesign, hergestellt aus recyceltem Lagunenholz, Glas und anderen Materialien ist edel und nicht ganz billig, auch online, zu erstehen bei Lunardelli Venezia.
 
Videokunst digital ist vielleicht noch kein alltäglicher Konsumrauschartikel, aber originell, praktisch und ohne Einsatz des Paketzusteller erhältlich und kann, wenn es passt, viel Freude schenken. Ich schlage Doug Fosters Arbeiten "Citiy of Water" "The Floating City" bei Sedition Art vor. Mir gefällt das zweite Video sehr, wenn auch die künstlerische Bearbeitung leichte Seekrankheitssymptome bewirkt, bei mir zumindest.

Und wie immer empfehle ich überzeugt die Produkte aus den beiden venezianischen Knästen - Frauen und Männer - die sich mitten in der Stadt befinden und nützliche Dinge herstellen und verkaufen. Das Frauengefängnis auf der Giudecca hat einen wöchentlichen Bio-Obst- und Gemüsemarkt und stellt Biokosmetik her, das Männergefängnis in der Nähe des Kreuzfahrtterminals die Taschen aus recycelter Plastikplane. Nicht so berühmt wie die Marke Freitag, aber viel origineller mit dem Label "Malefatte". Auch online bestellbar.


Bücher 

Ein echtes "Must-have"-Buch zur venezianischen Kunst und Kunstgeschichte ist zur Zeit extrem herabgesetzt u.a. bei Frölich und Kaufmann im Angebot: Venedig. Kunst der Renaissance. Norbert Huse und Wolfgang Wolters. Große schwere Schwarte, unverzichtbares Handbuch von den beiden deutschsprachigen Venedigexperten, deren Bücher ich bereits oft empfohlen habe.

Ein Buch, das ich nicht gelesen habe und (leider) nicht nutzen werde: Transalp Roadbook 10, von München nach Venedig; Andreas Albrecht. Erschienen im Januar 2020 und vielleicht ein interessanter Hinweis für sportliche Menschen, die in der Covidzeit auf Massentransport verzichten wollen. Dazu gehören muss auch noch wissen: offizielle Hinweise zu Verleih und Nutzung von Rädern sowie Verleih und Nutzung von Elektrorädern um Venedig herum und im Lagunenverkehr; Parken von Fahrrädern und das Fahrradwegenetz im Großraum Venedig.

Ein Buch, das ich gerade lese und sehr empfehlen, ja geradezu ans Herz legen möchte, ist "Venice, an Odyssey" von Neal E. Robbins. Untertitel: "Hope and Anger in the Iconic City". 500 Seiten, ich bin erst auf S. 198, aber ziemlich begeistert. Im Juli erschienen, also aktuell bis einschließlich 2019, in flott lesbarer, unakademischer englischer Sprache (keine Übersetzung bisher). Eine Recherche zur Geschichte, aber in erster Linie zur aktuellen Situation Venedigs mit allen überwältigenden Problemen und dys- bis utopischer Zukunft. Gespräche mit "ganz Venedig", Künstler- und Kunsthandwerker*innen, Vertreter*innen von Bügerinitiativen, Aktivisti*innen, Musikern, Autor*innen, Historiker*innen, Umweltwissenschaftler*innen, Museums-, Universitäts- und Volkssportleuten, Ein-, Aus- und Rückwander*innen, Politiker*innen, alle, alle, im gemeinsamen Thema Venedig verknüpft. Wer sich wie ich mit den Lokalblättchen und der unsäglichen Lokalpolitik abmüht und sich manchmal fragt, was zum Henker..! versteht hier besser Entwicklungen, Zusammenhänge, und Perspektiven. 
Hier kann man einen soliden Trailer mit dem Autor ansehen (ein Werk von Giovanni Pellegrini, Regisseur von "Città delle Sirene") und (wenn man will, bei Amazon oder anderswo) bestellen. Gebraucht ist es noch nicht zu finden.
Rezension in italics Magazin, 18.11.20: A Future For The Past: The Venice ParadoxArtikel von Neal Robbins im Jewish Chronicle, 23.8.20: Serene Venice.
Ergänzung 10.12.: Ein Mailkontakt zum Autor N. E. Robbins ergab: Soeben ist eine Neuauflage erschienen, die zusätzlich die politischen und sozialen  Entwicklungen des Jahres 2020 berücksichtigt. Im Frühjahr 2021 veröffentlicht auch ein italienischer Verlag das Buch in seinem Programm, sowie eine italienische Übersetzung. Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht geplant (was ich ihm aber dringend empfohlen habe).


Spenden

Wer für Restaurierungsarbeiten im Zusammenhang mit dem Hochwassersturm vom 12.11.29 spenden möchte, kann das noch viele Jahre tun. Die Schäden sind enorm. Unter anderem hier werden Spenden gerne angenommen:
* Save Venice (amerikanische Stiftung für die Erhaltung Venedigs)
* Venice in Peril (britische Stiftung für die Erhaltung Venedigs)
* Fondazione Querini Stampalia, deren kostbare Bibliothek großen Schaden nahm, wie auch im Film "Citta delle Sirene" zu sehen war. Spendenoptionen.


Extras

Vielleicht ein bisschen Luxus? Ein Tabarro? Mit Hut, Schal und Handschuhen? Ich habe seit Jahrzehnten einen schönen abgewetzten langen Umhang mit Kapuze aus Indien und träume von einem echten Tabarro, wäre aber pure Overconsumption. In meinem Fall, aber für andere vielleicht nicht? Auch online zu kaufen: Il Tabarro San Marco.

Eine Führung nach Wunsch, auch als Geschenk(-gutschein) möglich und im Detail zum passenden Zeitpunkt festzulegen: Nachfrage in deutscher Sprache bei Luisella Romeo, (l.romeo@seevenice.it), die auch die von mir empfohlenen virtuellen Führungen anbietet. Eine professionelle, mehrsprachige Profiführerin, die sich den Covidbedingungen kreativ anpasst. Und irgendwann werden wir ja hoffentlich alle wieder in Venedig eintreffen...!


Ergänzung 22.12.
Heute fand ich auf dem Twitteraccount von Luisella Romeo einen Hinweis auf Geschenkgutscheine der venezianischen Kunsthandwerker*innenbetriebe. Eine sehr schöne Idee, besonders in den zu erwartenden Monaten, in denen wir Venedig weiter fernbleiben (müssen) und als Vorfreude auf den Tag, an dem man sie persönlich einlösen kann. 


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16. August 2020

Venedig in der Zeitenwende





Seit  6 Monaten wendet sich die Zeit. Wir wissen, wovon sie sich abgewendet hat, und wer auf die Straße geht, um "mein Leben zurück" zu verlangen, hat den Schuss nicht gehört: hier gibts nichts mehr zurück. Wer meint, mitten in einer Pandemie nicht auf eine Urlaubsreise verzichten zu können und sich aktiv an der Verteilung der Seuche beteiligt, kann gerne versuchen, die Reise mit Geschichtsschutz, geschlossenen Clubs und ggfs. Quarantäne ordentlich zu genießen - wer weiss, wie sich Reisen künftig gestalten werden. 

Denn wir wissen nicht, wohin die Zeit sich wenden wird. 
Erfreulich ist, dass für dieses Jahr die Kreuzfahrtschiffe von der großen Unternehmen  wie Costa und MSC sowie Royal Carribean Venedig meiden und Triest, Genua und Ravenna beglücken. Jetzt feiern die Bürgerinitiativen ihren vorläufigen Sieg. Denn offen ist, wie das 2021 sein wird, denn natürlich wird hinter den Kulissen geackert, damit der Hafen Venedig wieder im Spiel ist, mit möglichst noch mehr Besucher*innenzahlen. 
Erfreulich ist, dass sich im Vorfeld der Regionalwahl am 20.9. erneut venezianische Bürger*innen für einen Wechsel engagieren und eine weitere Wählerintitiative gegründet haben: terra e acqua. (Ab 21.8. mit eigenem Radioprogramm, 4 Wochen vor der Wahl.) Der Bürgermeister krallt sich an seinen Stuhl und behauptet angebliche Erfolge seiner Amtszeit, als ob nicht jeder sähe, dass er nur an der Förderung der Touristindustrie interessiert ist.
14.8. Ytali. Brugnaro. Venezia non può più essere affar suo (1) 
14.8. Ytali. Brugnaro. Venezia non può più essere affar suo (2) 
Aber werden nicht wieder die Wähler*innen von Marghera in die Suppe spucken, wie letztes Jahr, als es um die Trennung der Wasser- und Landstädte Venedigs ging?
Erfreulich ist, dass in Venedig offensichtlich Hygieneregeln und -protokolle sorgfältig eingehalten werden, aber das klappt wohl nur, solange weiter sehr wenige Touristen ankommen (und z. B. keine asiatischen Großreisegruppen durch die Stadt gescheucht werden), aber wie lange? Wenn schon jetzt wieder als "Geheimtipp" in allen internationalen Medien gehandelt wird: das leere Venedig! Darf man nicht verpasst haben! Endlich keine Massen! Nun denn - Leute kommen mittlerweile wieder, ohne Atemschutz, fühlen sich als "Entdecker des ganz wahren Venedigs" und wirken als "Influencer" bis der Markusplatz wieder voll und die Chance vertan ist, mit genügend Zeit neue Konzepte für den Venedigourismus zu entwickeln.

Die Zeitenwende ist im Gange, und man kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen in allen Bereichen und auf allen Ebenen ihren Teil der Verantwortung erkennen und wahrnehmen.


Piazza San Marco, 17.8.2012
Quelle: Skyline

Direkt in den ersten Tagen der Schließung ganz Italiens hat sich der venezianische Kulturjournalist und Sachbuchautor Danilo Reato in den leeren Gassen Venedigs umgesehen. Schon nach dem Schrecken des Hochwassersturms am 12.11.2019 hatte er per Mail nach Bonn berichtet. 
Und jetzt haben wir also schon 1/2 Jahr später einen schönen kleinen Band, der uns seine Eindrücke und Bilder des Shut downs vermittelt. Ein bisschen Trost oder eine freundliche Gabe für die, die zur Zeit um ihren Sehnsuchtsort bangen oder ihn nicht besuchen wollen oder können - aus gesundheitlichen, zeitlichen, vernünftigen, oder ehrenwerten Gründen in dieser ungewissen Zeit. Ein Zeugnis der Zeitenwende, deren Ende und Auswirkungen wir derzeit noch nicht ahnen. 

Das leere Venedig. Ein Sehnsuchtsort in der Zeitenwende. Danilo Reato, Edition Bonn-Venedig im Bonner Verlags-Comptoir. ISBN 978-3-947838-05-9, 69 Abbildungen, 56 Seiten, Hardcover, 14 €.


Quelle: Danilo Reato; Das leere Venedig

Für Venedigfreund*innen in Bonn und Umgebung:

Vortrag des Verlegers Arnold E. Maurer "Soziale und wirtschaftliche Probleme im heutigen Venedig", 25.8.18 Uhr im großen Saal der ev. Kirche Adenauerallee 37.

Seitdem es Zentren des “Overtourism” gibt, gehört Venedig dazu: zu viele Touristen, kein funktio-nierendes Leitsystem, auch keine “Online-Voranmeldung” für ein “Zeitfenster” zur Besichtigung. Dann kam Corona und die Stadt konnte “Luft holen”, ein fragiles Venedig wurde sichtbar, das wagemutige Touristen in den ersten Tagen nach Aufhebung der Reisebeschränkungen gleich wieder unbedingt besuchen wollten (wenn es Journalisten waren, haben sie auch gleich darüber geschrieben). Venedig ist wirklich einzigartig, aber wenn man die Schönheit dieser einst im Zusammenspiel ihrer Bewohner funktionierenden Stadt nicht mehr finden kann, weil sie komplett verstellt ist? Ein “noch mehr” an Tourismus kann die Stadt kaum verkraften, dennoch obsiegen die Wirtschaftsinteressen bislang, bürgerliches Leben wird verdrängt, die Bewohner wandern ab, es bleibt die Fassade, die wir alle als Touristen dann bevölkern.
Dr. Arnold E. Maurer, geb. 1952 in Velbert, Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaft, des Fachs Italienisch in Bonn und (Geschichte) in London, Promotion in Vergleichender Literaturwissenschaft mit einem Thema zur venezianisch-deutschsprachigen Literaturbeziehung (zweijähriger Forschungsaufenthalt am Deutschen Studienzentrum in Venedig/ Centro Tedesco di Studi Veneziani), Lehrer an Bonner Schulen, nun – nach der Pensionierung - Verleger von Bonner Verlags-Comptoir/Edition Bonn-Venedig mit Veröffentlichungen im Bereich „populäres Sachbuch“ zu beiden Städten, Autor einiger Beiträge zur Bonner Lokalgeschichte und zum literarischen Italien (u.a. Co-Autor des – auch ins Italienische übersetzten - „Literarischen Führers durch Italien“, von „Venedig. Ein Reisebegleiter“ und „Venedig“ [Anthologie]). Mitglied der Bonner LESE.
Anmeldung unbedingt erforderlich! (lesebonn@web.de), Gäste herzlich willkommen!
Den Vorgaben entsprechend ist die Platzzahl begrenzt. Bitte desinfizieren Sie Ihre Hände vor Betreten des Saales und tragen Sie beim Betreten und Verlassen des Foyers/Saals eine Mund-Nasenmaske.


Siehe auch Einträge
30.1.19 Die Masken der Serenissima vom gleichen Autor
10.8.20 Mehr zur Zukunft Venedigs - Gedanken, Vorschläge, Kritik, Dys- und Utopien
22.3.20 Kristallklar
15.3.20 Stilles Venedig


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6. Juli 2020

Neun Tage in Venedig



Neun Tage in Venedig hätten wir wohl gerne jetzt. Gassen und Campi noch leer, Kirchen geöffnet, Museen schrittweise auch, die Stadt und der Service kommen nach dem Shut Down wieder in Schwung, aber der Zauber der Isolation ist noch nicht vorbei. Covid 19 ist natürlich auch nicht vorbei, bei weitem nicht, und ich wundere mich über die ersten Grüße aus Venedig von Appassionati, die nicht an sich halten können und die noch prekäre Situation als Einzigartigkeit genießen und zusätzlich ein paar Bakterien und Viren zur bunten internationalen Mischung beisteuern möchten.

Dabei schaffen die Einheimischen es auch ohne Unterstützung, den R-Faktor von 0,43 wieder auf 1,63 zu wuchten: gerade eine kleine Geschäftsreise nach Serbien, wenige Tage diverser Kontakte, bei der Rückkehr ein positiver Test. Der Infizierte verweigert die Krankenhausquarantäne und mißachtet die häuslichen Quarantäneauflagen, obwohl, oder vielleicht auch weil, die allgemeinen Covid-Verordnungen im Veneto weitgehend aufgehoben sind. Gestern schon starb der Mann, der als neuer "Patient 0" galt und nach dessen Kontakten nach seiner Rückkehr in Vicenza gefahndet wird. Eine unbekannte Zahl von Infizierten. Eine versaute Statistik. Für heute hat Luca Zaia, Präsident der Region Veneto, einen neuen verschärften Erlass angekündigt.* Jeder Egoist nimmt was er kriegen kann. Beim Wort "Kamikaze" denkt jeder an 1 Person, aber nicht an die Vielzahl der Beteiligten, um die es eigentlich geht. 

Die venezianische Wirtschaft, allen voran der Bürgermeister und die Stadtverwaltung, schreit nach Rückkehr des Tourismus, und zwar des Massentourismus, sofort, denn sonst reichen die Einnahmen nicht. Hier gilt der schöne Satz von Jenny Holzer "Protect me from what I want." Denn "aber jetzt SLOW" wird reihum zitiert und für die Zukunft behauptet, aber ohne Ahnung und Plan und deshalb quasi folgenlos bis auf die Umleitung der Tagesausflüglerboote an die Fondamente Nove. Die Riva wirkt "SLOW" weil aufgeräumt und der Widerstand der Bewohner*innen von Cannaregio - geschenkt.



Die neun Tage in Venedig 

fanden im November 1785 statt, der Besucher war der Venezolaner Francisco de Miranda, ein Jahr vor Goethes erstem Venedigbesuch. Sein venezianisches Tagebuch, übersetzt und kommentiert von Jochem Rudersdorf, ist gerade in der Edition Bonn-Venedig erschienen. Es ist als Teil des Gesamtarchivs Mirandas von 63 Bänden seit 2007 als Weltdokumentenerbe der UNESCO eingetragen und wird unter dem Namen "Colombeia" von der Academia Nacional de la Hisotria de Venezuela aufbewahrt. Die deutsche Übersetzung des Tagesbuches ist eine kleine Broschüre, wie immer in diesem Verlag ein optisch wie haptisch schönes Büchlein mit historischen Abbildungen, 68 Seiten, davon 12 Seiten (!) Anmerkungen in Kleinstschrift und mit detaillierten Links. Ein ordentlicher Anhang, der zur Folge hatte, dass ich den Text im Lesesessel fläzend las, mit Laptop auf dem Schoß, und die vielen Links in die Lektüre einbeziehen konnte.

De Miranda hat in 9 Tagen nicht nur die gesamte heutige Agenda vorgebildeter Venedigbesucher*innen absolviert, da fehlt nichts an Kirchen, Kunst, Architektur. Er hat zusätzlich noch die damalige VIP-Führung im Arsenale (mit Frühstück) genossen, die Gefängnisse besichtigt, nahm täglich privaten Italienischunterricht, erfreute sich an Abendgesellschaften der venezianischen Elite und selbstverständlich der Gastfreundschaft mehrerer Kurtisanen. Und er besuchte die Aufführungen sämtlicher Theater und Opernhäuser Venedigs, täglich, und wandte sich mit Grausen sowohl von der Bühne als auch dem Publikum. 
Und er beklagt - wie auch Goethe in seinem Tagebuch - den offensichtlich unbeschreiblichen Dreck in der Stadt. Bei Goethe dachte ich noch, na gut, vielleicht im Vergleich zu Weimar... aber de Miranda ist ein welterfahrener, weitgereister Mann vielfältiger Lebenserfahrungen und Urteilsfähigkeit. Seine glaubwürdigen Beschreibungen schmerzen wohlmeinende Leser*innen, immer wieder kommen drastische Details wie z. B. bei der Besichtigung der beiden Säulen auf der Piazzetta: "Aber um sich zur genaueren Betrachtung dieser großartigen massigen Gestalten zu nähern, ist es unumgänglich, sich mit der Scheiße zu beschmutzen, die ihre Postamente bedeckt." Und er ruft desillusioniert: "Bei Gott, wie ist es möglich, dass man im Angesicht derartiger Bauten, wie es sie hier gibt, solchen Unflat hinterlässt!"

Manche Dinge ändern sich glücklicherweise in 200 Jahren, andere wiederholen sich, wie Seuchen und Epidemien. 
Haben wir noch ein wenig Geduld, bleiben wir noch ein bisschen "drin" mit Lesenswertem wie diesem kleinen Buch und anderen Reiseberichten, je älter, desto spannender und ungewöhnlicher. (Notiz für mich: Liste alter Reiseberichte und Tagebücher Venedigreisender inkl. Links schreiben und in den Blog setzen.)



Arturo Michelena 1896
Mirandas letzte Tage im Gefängnis von Cádiz

*
6.7. Gazzettino Regole rigide per chi viene dall'estero und PDF Erlass 6.7.
7.7. FAZ Zwangseinweisungen ins Krankenhaus?


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18. Juni 2020

Quarantäne und venezianische Lazzaretti



ehem venezianisches Lazzaretto Monembasía (Malvasia)

Seit ca. 2 Monaten werden die Einträge zu den Lazzaretti in der Lagune verstärkt aufgerufen. Das mögen alles Googlesuchen nach "Quarantäne" sein, die auf diesem Blog landen und nicht nur mich, sondern auch die Suchenden überraschen. Kaum ein Artikel zum Thema Quarantäne verzichtet auf die Information, dass sie von den Venezianern erfunden wurde. Aber selbst wer über sein Suchergebnis staunt, findet das Thema interessant, warum also nicht?

Hier die Links zu allen Lazzarett-Einträgen:

17.02.19 Lazzaretti in der venezianischen Lagune
11.10.16 Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016
21.10.15 Saisonende auf den venezianischen Lazzarettinseln
23.03.12 Lazzaretto Nuovo ab 1. April
28.03.10 Lazzaretto Nuovo

ehem. Lazzaretto Monemvasía (Malvasia)

Dass der für die Lazzaretti verantwortliche Archeoclub in diesem Jahr noch Besuche anbietet, halte ich für unwahrscheinlich, da die Führungen durch Ehrenamtler*innen und auf Spendenbasis erfolgen. Die hektischen (und aus meiner Sicht: leichtsinnnigen) allgemeinen Öffnungen in Venedig haben ja rein wirtschaftliche Gründe, die im Falle der Führungen nicht gegeben sind. Auch das jährlich stattfindende archäologische Sommercamp auf einer der Inseln wurde abgesagt.

Die Nutzung des Lazzaretto Vecchio durch das Biennale Filmfestival wie in den letzten Jahren als Aufführungsort von Virtual Reality-Produktionen (siehe Venice Virtual Reality 2018  Venice Virtual Reality 2019) ist 2020 nicht vorgesehen.

Neuigkeiten, und zwar erfreuliche, gibt es dennoch: das seit 2 Jahrzehnten von venezianischen Archäologieenthusiast*innen geplante Archäologiemuseum der Lagune bekommt durch neue Mittel, die das Franceschini-Ministerium über die verarmte italienische Kultur rieseln lässt, 11 Mio. für den Ausbau des Lazzaretto Vecchio als Museum (Museum der Stadt und der Lagune). An Artefakten zur Dauerausstellung mangelt es nicht, temporäre Ausstellungen sollen geboten und ein Teil der riesigen Räumlichkeiten regelmäßig von der Biennale genutzt werden. Auch die Kunstbiennale war bereits auf dem Lazzaretto Vecchio lmit dem Außenprojekt der niederländischen Ausstellung 2015. Bei meinen bisher 3 Besuchen bzw. Führungen hatte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten immer ordentlich gespendet, beeindruckt von der Hartnäckigkeit, mit der sich die Leute vom Archeoclub in ihr Archeologiemuseumprojekt verbissen haben, aber eigentlich nicht an die Zukunft dieses Projekts geglaubt. Irrtum, wie schön.

Noch im Herbst 2019 war ein Dach eingestürzt über den Räumen, die für Nutzung durch die Biennale renoviert wurden. Zum Glück nach den Filmfestspielen, ein Gerüst wurde sofort aufgestellt und die Renovierung kurzfristig begonnen. Der Stadtrat hatte daraufhin 120.000 € beschlossen für den Aufbau des Stegs, der vom nahen Ufer ins Lazzaretto Nuovo führen und die bisherigen Bootsüberfahrten überflüssig machen soll.
Man kann also hoffen, dass die vorhandenen 11 Mio. kurzfristig und zielführend ausgegeben werden und mit dem Geld ein guter Teil der geplanten Renovierungen verwirklicht werden kann. Vielleicht kommt unter den Umständen auch der Spendenfluss kräftig Gang, dank wohlhabender Appassionati der venezianischen Geschichte? Mithilfe internationaler Stiftungen? 


ehem. venezianisches Lazzaretto auf Zákynthos (hellblauer Pfeil)

Die britische Stiftung Venice in Peril beteiligte sich bereits 2007 an den Kosten der Restaurierung der Graffiti im Teson Grande, dem großen Warenlagerhaus, auf Lazzaretto Nuovo (siehe auch Bücherhinweise unten). 
Am 23.6. bietet Venice in Peril über Zoom einen Online-Vortrag der Historikerin Jane Stevens Crawshaw an, Autorin von "Plague Hospitals. Public Health for the City in Early Modern Venice". Der Vortrag: "If walls could talk; the Lazzaretti of Venice, plage and quarantine" findet um 18:30 BST, 17:30 MEZ statt und ist kostenlos; eine Spende wird erbeten, siehe Link unten, wie auch der Link zur Anmeldung zur Zoom-Sitzung (die installierte Software vorausgesetzt), eine Bestätigung erfolgt kurzfristig, die Freischaltung am 23.6. erfolgt erfahrungsgemäß zum angekündigten Zeitpunkt.

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Restmauer des ehem. Lazzaretto auf Zákynthos

Venezianische Lazzaretti gab es auch jenseits der Lagune: im Herrschaftsgebiet oltre mare, in dem gerade die Hafenstädte für die Versorung der Dominante und die Kaufmanns-, Pilger*innen- und Militärreisen eine wichtige Rolle spielten. In den Häfen eintreffende Schiffe mussten bis zum Reiseziel komplette Belege der angefahreren Etappen vorlegen - beim Verdacht auf mögliche Ansteckung erfolgte die Überweisung von Mann, Maus und Cargo ins Lazzaretto.

Seit einigen Jahrzehnten klettere und krabbele ich urlaubsmäßig in (nicht nur) venezianischen Festungsanlagen entlang der Adria und der Ägäis herum, die zum Teil gut erhalten und geschützt sind. Schwere Befestigungsstrukturen wie Türme, Kurtinen, Großzisternen können gut konserviert sein, während die einfacheren Bauwerke der Lazzaretti den Weg ins Recycling von Baumaterial fanden. Zu den vernichteten Lazzaretti existieren zum Glück Dokumentationen in den Archiven. 2015 fand in Venedig eine Konferenz "Lazzaretti veneziani in Grecia" statt. Ein Plan der venezianischen Lazzaretti zeigt, wenn man auf die jeweiligen Orte klickt, Archivdokumente zum jeweiligen Lazzarett. Die Ruinen selbst können sehr verschieden sein, hier 2 Beispiele:

Auf Zante (dem heutigen Zákynthos) ist neben schönen erhaltenen venezianischen Kirchen und einem gut studierbaren Kastell eine einzige Mauer des Lazzaretts, außerhalb der Stadt direkt am Meeresufer, übrig geblieben.

Aber in Malvasia (dem heutigen Monemvasía) blieb das Lazarett am Fuß des Felsen, an der Brücke zum Festland, entfernt von der ummauerten Unterstadt und von der Oberstadt sowieso, gut erhalten. Denn Malvasia wurde quasi aufgegeben und am Festlandufer eine neue Ortschaft gebaut - das ehemalige Lazzarett wird jetzt als ein originelles, ja pittoreskes, Hotel "Lazareto" genutzt.


Einer der ehem. Krankensääle auf Lazzaratto Vecchio, Venedig, renoviert

Hier gibt es noch weitere Links und Hinweise zur Vertiefung dieses spannenden Themas:
"Peste e Lazzaretti" ein kurzer Youtube-Film des Archivio di Stato Venezia

"Venezia nel 1576 privilegi`gli interessi economici alle misurie sanitarie ... e fu pandemia!" aktueller Artikel der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelli Elena Varzan Marchini
"Il Modello Sanitario della Serenissima ai tempi della peste" Vortrag/Powerpoint von Nelli Elena Varzan Marchini
Venipedia "La peste, le epidemie del passato a Venezian e i lazzaretti come efficiente soluzione di prevenzione"
Atlas Obsura "The Black Death in Venice and the Dawn of Quaratine"
"Il Lazzaretto Nuovo di Venezia - Le scritture parietali" von Francesca Malagnini. Wissenschaftliche Studie des Lazzaretto Nuovo, besonders der erhaltenen Graffitti.
"Isola del Lazzaretto Nuovo" Hrsg Gerolamo Fazzini, Archeovenezia 2004

Ufer der Insel Lazzaretto Vecchio

Neuere YouTube Filme zu den Lazzaretti:
Interview Eric Bertherat über Quarantäne auf Lazzaretto Nuovo
Lara Meneghini - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Marco Paladini - einer der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Alice Doro - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Gerolamo Fazzini - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo

Ergänzung 3.11.
Vortrag der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelly-Elena Vanzian-Marchini im Ateneo Veneto am 26.10.2020: S. Rocco e l'informazione sanitaria di masse.



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29. März 2020

Pflücke den Tag in der Distanzierung


Schöne italienische 70er-Jahre-Musik! Teile der Gewinne dieser Musikproduktion gehen an das Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo, der Stadt mit der höchsten Zahl an Covod 19-Todesopfern in Italien. Wer mehr Geld spenden möchte, überweist bitte an die

 Spendenaktion,
die das Krankenhaus über GoFundMe
 initiiert hat,
die derzeit (1.4., 11 Uhr) mit 20.000 Spender*Innen schon über die Hälfte ihres ersten Ziels von 1.5000.0000 erreicht hat. 

Wer direkt spenden will, nutzt bitte ein vom Krankenhaus eingerichtetes Spendenkonto:
Azienda Socio Sanitaria Territoriale Giovanni XXIII
IBAN IT52 2056 9611 1000 0001 2000 X95, BIC POSOIT22



New York Times 27.3.20: Bergamo, Italy. This is the bleak heart of the world's deadliest coronavirus outbreak.



Wie die Venezianer*innen sind auch wir DRIN, wenn auch nicht unter Strafandrohung. Die Medien behaupten, die Leute wollen schnellstens wieder raus. Die Leute, direkt gefragt, sagen aber meistens, sie wollen die Sache ordentlich durchziehen und hoffentlich zu einem Abschluss bringen. Warum wird ein angeblicher common sense vorgeschoben, um Druck unterm Deckel zu machen?! Ich empfinde das als Mißbrauch des Einflusses, den Medien in demokratischen Ländern eigentlich zum Glück haben. 

Ich selbst bin gerne "DRIN". Ich war schon als Kind Einzelgängerin, meine Ruhe ist mir wichtiger als Gesellschaft. Wenn ich nach hause komme, freue ich mich, dass niemand da sitzt und meine Aufmerksamkeit will, und dass ich die Tür hinter mir zumachen kann. Einsamkeit und Langeweile sind mir schon immer fremd.

Das geht nicht allen so. Die  Menschen haben soziale Bedürfnisse und Ansprüche, angeboren oder daran gewöhnt, zufrieden oder notgedrungen angepasst damit lebend, Einsamkeit hinnehmend oder darunter leidend. Aber jetzt müssen wir im Feldversuch alle unfreiwillig "Isolation" probieren, uns selbst beim Denken zuhören, uns mit Büchern, Klavieren, Strickzeug und Gartenumgraben beschäftigen, neue Formen von Disziplin ausprobieren, neue Aspekte des Wesentlichen erkennen, Konflikte ertragen und ggfs. danach die Scheidung oder Kündigung einreichen.  

Denkt jemand daran, selbst unter den Toten zu sein, die für nächsten Wochen definitiv angekündigt sind? Das ist eine ernsthafte Option. Kann diese kurze Zeit der "Isolation" die Gelegenheit sein, genauer hinzusehen, Entscheidungen nochmal zu überdenken, Bilanzen zu ziehen, Dankbarkeit zu empfinden, ins Reine zu kommen und die Endlichkeit des Lebens mit allen Konsequenzen auf sich selbst beziehen? Und wichtig: über Wünsche und Pläne nachzudenken, die nicht liegen geblieben sein sollten, wenn denn die Klappe fällt. 

In Gesprächen mit Sterbenden fanden Wissenschaftler*innen heraus, dass kaum jemand bereut oder beklagt, was er oder sie im Laufe des Lebens getan hat. Aber alle Sterbenden bedauern das, was sie nicht getan haben, als noch Zeit dazu war. Wir hoffen zu Recht, gesund durch die Seuche zu kommen. Aber vielleicht ist dies die Zeit, zu danken, zu verzeihen, sich zu erklären, zu telefonieren, zu skypen und zu schreiben, die Menschen mit Nähe in der Distanz, das Leben mit Hingabe und Lust zu genießen und danach "Redentore zu feiern wie noch nie!"?


Gewitter über Burano

Und außerdem gibt es hier ein paar Tipps für Venedigfreund*innen, die beim Pflücken dieser Tage auch in der schönsten Stadt verweilen möchten. Auch für die, die sie bisher leider nicht kennenlernen konnten. Virtuell.
(Die Liste wird mit neuen Angeboten erweitert.)




Virtuelle Besuche von Museen und Gebäuden

Fondazione Cini auf San Giorgio Maggiore.
(Siehe dazu auch die Einträge "Empfehlung: neues Besuchskonzept auf S. Giorgio Maggiore" vom 7.3.18 und "Der Heilige Stuhl und die Architekturbiennale" vom 28.3.18.)

Meraviglie di Venezia - Wunder von Venedig, rund um die Piazza San Marco.

Gioelli di Venezia - Juwelen von Venedig; Scala Contarini del Bovolo, Oratorio deoi Crociferi, Chiesa delle Zitelle, Chiesa delle Penitenti, Complesso dell'Ospedaletto.

Peggy Guggenheim CollectionYouTube-Kanal.

Städtische Museen Venedig - MUVE
und YouTube Kanal der MUVE mit Videos der einzelnen Museen
Bei Google Arts and Culture:
Dogenpalast
Palazzo Grimani
Ca' Pesaro
Museo Correr
Ca' Rezzonico
Palazzo Mocenigo
Glas Museum Murano
Naturgeschichtemuseum
La Biennale: Historische Archive der Gegenwartskunst
La Biennale: Die Kunstbiennale 2015 als Onlineprojekt. Das war die großartige Biennale Okwui Enwezors, der leider vor einem Jahr verstarb. Siehe dazu auch die Blogeinträge zur Biennale 2015.

Auf der Website des Kulturministeriums
Piazza San Marco
Ponte di Rialto
Palazzo Grimani
Ca' Pesaro Museo d'arte orientale
Museo Archeologico Nazionale 
Ca d'Oro Galleria Franchetti
Campo San Maurizio
Bancogiro Rialto

Scuola Grande di San Giovanni Evangelista (und Wikipedia) zeigt virtuelle ihre Räume auf Google:
Campiello San Giovanni
Campiello della Scuola
Sala delle Colonne 1
Sala delle Colonne 2 
Scalone monumentale 1
Scalone monumentale 2
Salone San Giovanni 
Oratorio della Croce
Sala dell'Albergo
(Siehe auch Eintrag "Scuola Grande di San Giovanni Evangelista" vom 7.9.2008.)

Santa Maria della Salute
(siehe auch die Einträge des Labels 'Salute')

Scuola Grande della Misercordia: die Räumlichkeiten
(Siehe auch Eintrag "Scuola Grande della Misericordia in neuem Glanz" vom 14.6.2016.)

Virtuelle Führungen in Venedig sind ein neues Angebot der lizensierten Stadtführerin Luisella Romeo. Für die anstehenden Termin nach unten Scrollen. Dauer 1,5 Std., Beitrag pro Person 35 €. Am Montag, 16.5. findet eine virtuelle Führung durch das Ghetto statt, in einer kleinen Gruppe, damit während der Tour alle Fragen der Teilnehmer*innen beatnwortet werden können.

Nicht Venedig, aber für Venedigfreund*innen sicher von Interesse:
Florenz, die Juwelen der Uffizien

Und dann noch die Webcams, bekannt, beliebt, ein bisschen voyeuristisch...
Piazza San Marco
Riva degli Schiavoni
Bacino und San Giorgio Maggiore
Bacino, Riva, Dogana
Bacino, Riva vor dem Arsenale
Rio di Palazzo (inl. Seufzerbrücke im Hintergrund)
Campo S. Maria Formosa
Nordufer, Blick auf Murano
Ponte di Rialto
Pomte di Rialto
Ponte di Rialto
Canal Grande
Canal Grande Richtung Ca'Foscari
Ponte delle Guglie
Piscina Forner und Palazzo Cini, Dorsoduro
Rio San Barnabà, Dorsoduro
Rolling Cam

Und vielleicht auch noch digitale Bibliotheken und Archive, wie z. B.
Biblioteca Digitale Italiana mit Fotos des venezianischen Fotografen Ferdinando Ongania (1842-1911)


Musik und Theater
Teatro La Fenice - Opernaufführungen und Konzerte

Teatro Stabile del Veneto "Una stagione sul sofà - eine Saison auf dem Sofa" mit Veranstaltungen auch des Teatro Goldoni in Venedig

1.5. 20:00 "L'inocronaziane  di Poppea" von Claudio Monteverdi. Übertagung der Premiere des Monteverdi Choir and Orchestra (brit. Zeit 19:00 Uhr). 

Aufzeichnung aus dem Teatro Fenice von 2017. (Siehe auch Eintrag 18.6.17 "Monteverdi 450".)
Noch eine wunderbare Monteverdi-Aufzeichnung des Monteverdi Choir and Orchestra aus dem Fenice 2017: I ritorno d'Ulisse in patria. Ebenfalls in voller Länge. Faltblatt mir Detailinformationen.

Am Samstagnachmittag, 2.5. konnte man per Webcam ungewohnte Menschenmengen auf der seit Wochen menschenleeren Piazza beobachten (während in ganz Italien striktes Ausgangsverbot galt - 
erst 9, dann 15, dann Aufbau eines Flügels, von Scheinwerfern... dabei ist ein neues Venedig-Werbe-Video von Zucchero herausgekommen. Bedarfsangepasste Auslegung von Verordnungen?

12.-19.5. Onlineprojekt "Viaggio nel Teatro Veneziano" des Teatro Toniolo. Teilnahme über folgende social media: https://www.facebook.com/TeatroToniolo; https://www.facebook.com/Cult.Venezia; http://www.instagram.com/cultura_venezia/: http://twitter.com/cultvehttps://www.youtube.com/user/CulturaVenezia/videos

Bis 29.5. Staatsoper Stuttgart: komplette Aufführung "Der Tod in Venedig" Benjamin Britten, vom 7.5.2017.


Film und Video 

Cineteca del Museo Nazionale del Cinema di Torino - 256 historische Kunstfilme
Film der Kooperative venezianischer Stadtführer*innen zu Kunst und Covid 19

Liste von Venedig-Spielfilmen, an die man heute über Streamingdienste besser herankommt als früher, von Jeff Cottons Seite Fictional Cities

Mediathek ARTE in italiano

Magnitudo Film Italia bietet freien Zugang zu den aktuellen Dokufilmen, u. a. zum neuen Palladio-Film, der im Mai in italienische Kinos kommt. Man muss sich mit Kontaktdaten anmelden, um die Liste der zur Verfügung stehenden Dokus zu erhalten.

Io sono Venezia ist ein hinreißender Dokumentarfilm aus der Medisthek der staatlichen TVanstalt RAI zur Geschichte Venedigs, in italienischer Sprache und natürlich ohne Untertitel. Ich verlinke ihn hier trotzdem, denn wer sich nach der schönsten Stadt sehnt, wird diese Bilder auch ohne Textverständnis genießen. Inhaltsverzeichnis und Option, einzelne Kapitel und deren Beschreibung (Google Übersetzung) aufzurufen und anzusehen.

Eine 20minütige Gondelfahrt inkl. Erläuterungen des Gondoliere. Sehr entspannend. (Ich bin noch nie mit einer Gondel gefahren...)

Deutsche Welle 2018  "Schadet der Tourismus Venedig?" (engl. Version).

Venezia Minore, 1942, 15 Minuten Blick auf das "mindere" Venedig.

OpenDBB Italien: anlässlich des Tags der Befreiung vom Faschismus (25.4.) zeigt die italienische Medienplattform für einige Tage kostenlos Dokumentarfilme über die Partisanen während des 2. Weltkriegs. Z. B. "Bandite" über die Geschichte der Partisaninnen (die ja in Venedig ein eigenes Denkmal am Ufer der Giardini haben) und "Pane d Pargiani".

La Stampa 30.4.: 15minütiger Film "Coronavenice". Venezianer*innen sprechen über "die längsten Monate des Jahres vom großen Hochwasser bis zum Virus".

VeneziaToday 29.4. Projekt "Barch-in" Open-air-Boots-Kino für den Sommer zur Genehmigung beantragt. Im inneren Arsenale oder an einem anderen geeigneten Ort. 

Aus den Niederlanden kommt der Hinweis auf einen Film in der Mediathek der NPO: "I Love Venice", einstündige Dokumentation von 2013 über die krassen Auswirkungen des Tourismus weniger Jahrzehnte. Italienisch mit niederländischen Untertiteln. Venedig wie wir es kennen, erschreckend und unbedingt sehenswert. Danke nochmal für den Hinweis, J. W.!

"I Film di Famiglia" , nämlich der Familie Nono, aufgenommen 1959-74 und veröffentlicht von Serena Nono, der Tochter Nuria Schönbergs und Luigi Nonos. Ein ungewöhnliches Dokument, das vom Luigi-Nono-Archiv zur Verfügung gestellt wird anlässlich des 30. Todestages des Komponisten. Dauer 1 Std. 10 Min., kostenlos auf Vimeo bis zum 18.5. zu sehen. Dazu La Nuova.

Palazzo Ducale zeigt einen 10-Minuten Film über venezianische Künstler in den Zeiten der Pest: Palladio, Tintoretto, Tizian.

Frühmorgendlicher 10-Min-Drohnenflug über acqua alta im Winter 2019.





Bücher (und Zeitschriften)

Giovanni Boccaccio, Das Decamerone: kompletter Text

Thomas Mann, Der Tod in Venedig: kompletter Text

Liste von Büchern (belletristisch, englisch, deutsche Übersetzung kann man ggfs. recherchieren auf entsprechenden Seiten wie z. B. Amazon) von Jeff Cottons Seite Fictional Cities 

John Ruskin, The Stones of Venice (online)

Canaletto, Die Skizzen (online)

Casanova online Graphic Novel in engl./ital., Artikel zu Casanovas Zeit und Biografie (online)

Ein Korrespondent meldet die neue Zeitschrift "The Critic - the new magazine of ideas for self-isolating readers". (Herzlichen Dank, K.H.!) Da wir eine ganze Weile Ideen für die Selbstisolation benötigen, ist das ein guter Tipp, zudem sich der Leitartikel der aktuellen Ausgabe das venezianische "Leben nach dem Lockdown - Furcht und Sehnsucht" beschreibt.


Vorträge in italienischer Sprache

Istituto Veneto di scienze lettere ed arti: You Tube Kanal mit Vorträgen zu verschiedenen Bereichen (siehe auch Eintrag "Palazzo Loredan - noch eine Führung für Fortgeschrittene" vom 17.3.2013.)

Ateneo Veneto, die Volkshochschule Venedigs: You Tube Canal mit Vorträgen zu verschiedenen Sachbereichen (siehe auch Eintrag "Neue Führung für Fortgeschrittene: Ateneo Veneto" vom 23.11.2017.)

Peggy Guggenheim Collection 4.-28.5. Onlinekurs Kunstgeschichte. Der Kursbeitrag ist 50 €, aber ausschließlich mit Mitgliedskarte. Unter diesem Link kann man sich auf Wunsch als Mitglied eintragen lassen.

Ateneo Veneto - die Volkshochschule Venedigs. Kurs "Story telling - racconti veneziani", online-Kurs vom 18.5.20 "L'Erberia" 20 Minuten Video jenseits der touristischen Aspekte des Rialtomarktes.

Gabriela Belli, Direktorin der Städtischen Museen Venedigs (MUVE) in einem 10-Min-Kurzvortrag für das Pushkinmuseum in Moskau: Palladio. Tiziano. Tintoretto. Künstler in der Pestepidemie in Venedig.



"Zeitvertreib"

32 Online-Puzzles mit Venedigmotiven von Jigsawplanet
Kreative Beschäftigung im Shut down: Schwanensee in der Badewanne




Ergänzung 30.3.20:
Mediathek ARTE:  re: Sperrzone Norditalien bis 27.6.20
(Dank nach Holland für den Tipp!)

Ergänzung 1.4.20:
Betrifft das Video "Rinascerò, rinascerai" siehe oben: Ursprünglich gab es einen Hinweis, dass jeder Klick auf das Video eine Spende von YouTube an das Krankenhaus Papa Giovanni III veranlasse. Ein Korrespondent hat diese Angabe überprüft und fand Unstimmigkeiten, die er mir mitteilte (Dank an B.F.!). Meine "Quelle" des Videos hat die Unstimmigkeiten seinerseits überprüft und fand das Misstrauen bestätigt, weitere Recherchen folgten (Dank an W.S.!).
Die Kontendaten und die GoFundMe-Initiative wurden 3fach überprüft und müssten nun korrekt und damit vertrauenswürdig sein. Grund mehr, eine 

Spende zu erwägen! 

Ergänzung 4.4.
Auf einer Pressekonferenz des Bürgermeisters Brugnaro wurde gestern die Bankverbindung eines Solidaritätskontos veröffentlicht. Wie auch schon bei dem Spendenkonto nach dem Hochwassersturm am 12.11. ohne Angabe zur Verwaltung der Gelder und den Auswahlkriterien der Empfänger*innen. Mir gefällt das nicht wirklich, ich denke, bei Katastrophen hat die Politik andere Aufgaben als Spenden zu sammeln und zu verteilen. 
Ich verlinke den Hinweis trotzdem. Soldaritätskonto der Stadt Venedig.

Ergänzung 10.4.
Erfahrungsbericht der Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung Ella Beaucamp, die im Deutschen Studienzentrum in Venedig an ihrer Dissertation arbeitet. Im Anhang verlinkt sie eine Reihe lesenwerter Veröffentlichungen aus den ersten Wochen der Pandemie.






Einträge zur Situation Covid 19 in Venedig:



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