30. August 2019

Karibik in Cannaregio...


"Che bella sei, hai la bocca come un fiore. 
Tu dimmi che questo è il tempo dell'amore"




Wieder einmal ein schönes kleines Video von venezianischen Kanälen des Labels Indiemood. Die Liedermacherin Folkie stammt vom Gardasee, arbeitet an der Veröffentlichung einer Platte und singt über die Karibik und die Liebe. 

Aufnahmen vom Rio Ca' Dolce, an dem sich die Wassertore der alten Gebäude aneinanderreihen. Venezianische Wege, von denen wir Touristen ausgeschlossen sind, und das ist auch gut so.










29. August 2019

In eigener Sache - Eure Kommentare

Castello, S. Francesco della Vigna, Fassade des Morion

ENTSCHULDIGUNG!
Shit happens

Liebe Korrespondent*innen, liebe Kommentator*innen, 
seit über 1 Jahr sind Eure freundliche Aufmerksamkeit und Beteiligung an meinen Einträgen leider im Abseits gelandet. Nämlich in der LISTE der zu prüfenden Kommentareinträge, die ich praktisch nie ansehe. Denn ich habe im Blogger eigentlich die Einstellung, jeden Kommentar sofort und einzeln per Mail gemeldet zu bekommen, damit ich ihn freigeben kann. 
(Ich 'zensiere' nicht Eure Schreiben, aber ich sortiere Werbung, esoterische Vorschläge zur Lebensrettung und ähnliche Dinge aus, die auf dem Weg über Bloggerkommentare den Weg in die Öffentlichkeit suchen.)

Das Problem war nicht mir selbst aufgefallen (ich hatte mich nur ein bisschen enttäuscht gewundert, dass niemand mehr Lust zu kommentieren hat), sondern einem der aktiven Kommentatoren, nochmal herzlichen Dank für Deine Aufmerksamkeit, Aldebaran!

Ich bitte um Verständnis diejenigen, die sich ebenfalls wunderten, dass sein/ihr Kommentar nicht auf dem Blog erschien. Das sind

Tom - 30.06.18  Kommentar zu Ein kleines erotisches Lied...
mollyflint - 19.7.18 Kommentar zu Kulturtermine 2018 - zweite Jahreshälfte
Anonym - 23.7.18 Kommentar zu Kulturtermine 2018 - zweite Jahreshälfte
Birgit - 27.7.18 Kommentar zu Kulturtermine 2018 - zweite Jahreshälfte
CommuniBLOG - 22.11.18 Kommentar zu Kulturtermine 2018 - zweite Jahreshälfte
Anonym - 12.12.18 Kommentar zu San Beneto restauriert und geöffnet
Clipping Path - 16.1.19 Kommentar zu Neue Museumspläne für den Fischmarkt am Rialto
Frank Sommer - 18.01.19 Kommentar zu Carta Venezia im Spartopf
Lilo - 21.01.19 Kommentar zu Neueste Führung für Fortgeschrittene - postindustrielle Giudecca
Anonym - 5.2. Kommentar zu Der Heilige Stuhl und die Architekturbiennale
Anonym - 16.02.19 Kommentar zu Noch einmal: Villa Cornaro, Piombino Dese
Marianne Reichert - 28.02.19 Kommentar zu 58. Kunstbiennale Venedig - Vorschau der Länderpavillons
Anonym - 12.03.19 Kommentar zu Biennale 2019 - Die Kollateralen
Anonym - 12.03.19 Kommentar zu Die Masken der Serenissima
Anonym - 12.04.19 Kommentar zu TBA21 öffnet San Lorenzo
Aldebaran - 26.04.19 Kommentar zu Biennale 2019 - Die Synchronen
Schantalle - 19.06.19 Kommentar zu Tipps für Biennale-Debütant*innen
Andreas Götz - 04.07.19 Kommentar zu Venedig Kultur Juli-Dezember 2019
Anonym - 14.07.19 Kommentar zu Ein Juwel! Archäologisches Museum Patras
Aldebaran - 07.08.19 Kommentar zu Querini Stampalia - Stiftung, Ägaisinsel, Havarie, und eine Oper

Euch allen Dank für Eurer Feedback und vor allem für Ergänzungen und inhaltliche Verbesserungen. An dieser Stelle nochmals Dank auch den Schreiber*innen, die sich nicht über die Kommentarfunktion, sondern per Mail an meinen Texten beteiligen.

Mit herzlichen Grüßen Eure/Ihre Brigitte Eckert



Museo Palazzo Grimani, Obergeschoss, Kaminverzierung

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15. August 2019

Hinweise zum 4.-8.9. Venice Climate Camp

Quelle: @climatecamp_ve

Sammlung von Informationen bzw. Links 

zum ersten italienischen Klimacamp 4.-8.9.2019
Organisiert von Comitato No Grandi Navi und 


Erster Aufruf von Ende Gelände 

Webseite Venice Climate Camp in deutscher Sprache
Twitteradresse Venice Climate Camp

Details zu Veranstaltungen von Global Project


Quelle: @climatecamp_ve

Die Informationen zu den Anfahrtswegen ab Stadteingang sind auf der Website des Climate Camp nicht ganz vollständig. Kann passieren. Hier hilft vielleicht mein Blogeintrag 
"Venedig Fahrpläne 2019 - Stadt und Lagune", 
der regelmäßig um Details und Fahrplanänderungen ergänzt wird. 

Um nicht lange zu suchen, hier die Fahrpläne der Linien, die mit dem Lido verbinden:
Linie 1: Piazzale Roma - Lido Santa Maria Elisabetta
Linie 2: Piazzale Roma - Lido S. M. E. (andere Route)
Linie 5.1: Ple. Roma - Lido S. M. E. (Rundtour, Nord)
Linie 5.2: Ple. Roma - Lido S. M. E. (Rundtour, Süd)
Linie 6: Ple. Roma - Lido S. M. E. (Express, da wenige Stops)
Linie 17: Autofähre Tronchetto - Lido San Nicolò (auch für Fussgänger*innen zum normalen Preis, schöne Aussicht auf die Stadt von den oberen Etagen!)
Linie 20: S. Zaccaria - Lido Casinò (vorübergehend 13.8. bis ca. Ende des Filmfestivals)

Tickets und Preise und dazu die Details, auch für Ermäßigungen (Mehrtageskarten etc.)


Quelle: @climatecamp_ve



Wird ergänzt, wenn es was zu ergänzen gibt.

Ergänzung 8.9.
Die im Programm des Klimacamps für den 7.9. geplante Besetzung des Roten Teppichs der 76. Filmfestspiele Venedig (Tag der Preiseverleihung) fand gestern statt. Zunächst gab es nur Eigenmeldungen von No Grandi Navi in den Social Media:

Venice Climate Camp This morning this is it how the Red Carpet looks like
Venice Climate Camp Still here on the Red Carpet!

Aber dann zeigte sich wieder, dass die Aufmerksamkeit der Medien prompt kommt, wenn der Protest vor die Nasen des ohnehin anwesenden Journalist*innenvolks getragen wird:

Süddeutsche Hunderte Klimaschützer protestieren in Venedig
SWP und Augsburger Allgemeine Hunderte Klimaschützer protestieren in Venedig
Stuttgarter Zeitung Hunderte Klimaaktivisten besetzen roten Teppich
Spiegel Klimaaktivisten besetzen Roten Teppich in Venedig
Reuters Climate change activists storm red carpet at Venice Film Festival
Deutschlandradio Demonstration auf rotem Teppichfür Klimaschutz und gegen Kreuzfahrtschiffe
Deutsche Welle Climate protesters crash red carpet at Venice film Biennale
BBC Climate protesters hold red carpet sit-in
AFP Anti-cruise ship protesters target Venice film festival
Variety Mick Jagger, Donald Sutherland Support Climate Change Protest on Venice Red Carpet
Economic Times 76th Venice Film Festival becomes anti-cruise ship protesters' target
Golden Globe Awards Climate Protest Closes Red Carpet in Venice
Global Project La Climate March conquista il Lido
La Nuova Titel vom 8.9.: Große Schiffe raus aus San Marco
La Nuova Global warming, blitz ambientalista alla Mostra del cinema







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3. August 2019

Querini Stampalia - Stiftung, Ägaisinsel, Havarie, und eine Oper





Die Stiftung Querini Stampalia feiert in diesem Sommer 150 Jahre seit ihrer Gründung. 
Der letzte Graf Querini Stampalia, Giovanni, wandelte vor 150 Jahren seinen gesamten Besitz an Land, Immobilien und beweglichen Gütern sowie seine reiche Bibliothek und Kunstsammlung in eine Stiftung um. Zwecks Bildung der Bevölkerung und Nutzung zu wissenschaftlichen Zwecken. (Kurzer Nachrichtenbeitrag der RAI zu Fest und Programm.)

Bis heute ist nach seiner Vorgabe die öffentliche Bibliothek bis Mitternacht und auch an Wochenenden geöffnet, ein einzigartiger Service in Venedig, der Stadt der Bibliotheken und Archive, inklusive der angenehmen Arbeitsatmosphäre in den stilvollen Arbeits- bzw. Leseräumen. Die Bibliothek ist dem OPAC Polo SBN Venice angeschlossen, dem Gesamtkatalog venezianischer Bibliotheken, der bequeme Onlinerecherchen ermöglicht.

Die Bildersammlung des Hauses verteilt sich auf die Räume des Hausmuseums des Piano Nobile, zusammen mit Skulpturen, Möbeln, Stuck, es ist ein gut erhaltenes Beispiel gehobenen venezianischen Lebensstils des 18./19. JH. In diesem Räumen gibt es gelegentlich Sonderausstellungen von Werken aus dem Bestand (siehe auch Eintrag vom 12.3.19 "Bellini und Mantegna", urspünglich eine Ausstellung dieses Hauses.)

In der 3. Etage werden zugestiftete Sammlungen oder Werkschenkungen einzelner Künstler*innen gezeigt. Und häufig wechselnde Ausstellungen, besonders zur Biennalezeit - in diesem Jahr sind das drei hochkarätige Angebote:

7.5.-24.11. "Dire il Tempo" Einzelausstellung Roman OpalkaMehr dazu (und zur parallelen Ausstellung in Mailand).
11.5.-24.11. "Beyond the visible - Luigi Pericle 1916-2001". Mehr zum Künstler und zur Ausstellung. Website "Archivio Luigi Pericle". 

Das Wassergeschoss wurde von Carlo Scarpa inkl. Brücke und Garten gestaltet. Details dazu bietet jeder gute Venedigreiseführer, vor allem natürlich der oft von mir empfohlene Architekturführer (siehe Eintrag "Architekturführer Venedig" vom 9.6.2014). 
Sehenswert ist auch diese Filmdokumentation mit dem Sohn Tobia Scarpa, der über die Arbeit seines Vaters spricht. Manchmal wird der Film als Schleife auf einem Monitor plätschernden Wassergeschoss gezeigt.
Weitere Details und Fotos zu den  Etagen 1-4 (inkl. Mezzanin).
Das Haus bietet bzw. empfiehlt qualifzierte ein- bis zweistündige Standard- und themenzentrierte Führungen an (erschwinglicher, wenn sich ein paar Leute zusammentun). 


Gartendetail Palazzo Querini Stampalia

Die Querini gehörten zu den Gründerfamilien Venedigs, stammten aus dem Norden der Lagune, siedelten zunächst bei San Ternità (in Castello) und verteilten ihre Familienzweige in Castello und San Marco. Aber vor allem verbreiteten sie sich nach dem 4 Kreuzzug 1204, in dessen Folge Venedig 3/8 des byzantinisches Reiches gewann, in der gesamten Ägäis zwischen Andros und Kreta, Evvia und Astypalia. 
Die Querini waren Lehensträger auf Candia (Kreta), Kastellane in Modon und Koron (Methoni und Koroni) praktisch in fast allen Generationen, eingeheirate Erben auf Andros, venezianische Statthalter auf Negroponte (Evvia-Euböa), Gesandte u.v.a. in Konstantinopel, verbannt auf Rhodos wegen der Beteiligung an der Bajamonte-Tiepolo-Verschwörung - um nur Weniges anzudeuten - eine vielfältige Familiengeschichte über viele Jahrhunderte. 

Für seine Unterstützung des Marco Sanudo bei der Eroberung 1207 des naxischen Archipels erhielt Giovanni I Querini die Insel Stampalia (Astypalia), baute eine Burg (siehe Website) und eine schöne kleine Kolonie auf, die sich leider 1269 der Byzantiner Licario aneignete. Giovanni I war Herr auf Stampalia 1207-1231. 

Sein Enkel Nicolò I ließ sich noch Ende des 13. JH den Palazzo bei S. M. Formosa (siehe oben) bauen, bewohnte ihn aber kaum. Er verbrachte viel Zeit mit dem juristischen Kampf um sein mütterliches Erbe, die Insel Andros, und den verlorenen Familienbesitz Stampalia. Und quer durch Terraferma und Oltre Mare reisend, intrigierte er beim König von Neapel und dem Papst 1268 gegen die byzantinischen Paläologen, war 1270 venezianischer Gesandter in Bologna danach in Genua, Padua, im Friaul. 1275 war er Bailo (Repräsentant der Serenissima) auf Negroponte und führte 1294 die venezianische Flotte gegen die Byzantiner. Er überlebte (als Verschwörer) die 1310 die Tiepolo-Verschwörung (s. o.), wurde auf Lebenszeit aus seiner Heimatstadt verbannt und von den Johannitern auf Rhodos aufgenommen. 

Nicolòs Sohn Giovanni II gelangte 1310 wieder in den Besitz Stampalias (vor allem durch Verhandlungen, Tausch und Mauscheleien), erwarb zusätzlich 1327 ein Lehen auf Candia, führte ein hochaktives abwechslungsreiches Leben zwischen den Inseln und Venedig und vererbte seinen Besitz seinen 2 Söhnen Fantino I und Marco. Da allerdings waren die Bewohner*innen Stampalias wegen der anhaltenden Piratenüberfälle annähernd komplett nach Kreta ausgewandert und die verlassene Insel nicht der Lebensmittelpunkt der Erben.

Webcam auf die heutige Inselstadt Chora von Astypalia einschließlich der venezianischen Festung der Familie Querini.

In der übernächsten Generation war Giovanni IV Querini der Erbe der Insel Stampalia. Er war jenseits der Serenissima gut vernetzt, z. B. als Freund des damaligen Großmeisters des Johanniterordens, Philibert de Naillac, und Janus de Lusignan auf Zypern. Er besiedelte seine Insel Stampalia 1413 neu mit quasi abgeworbenen Familien und deren Schiffen von der Insel Tinos, wogegen die Besitzer von Tinos (erfolglos) bei der Serenissima klagten. Er reparierte die Burg Giovannis I, gründete eine erfolgreiche Pferdezucht für den Bedarf der venezianischen Kolonie Candia und wurde mit offizieller Genehmigung Venedigs und Zyperns erste Graf Querini auf Stampalia (und Amorgos). Er erweiterte den Familiennamen um den Zusatz "Stampalia", den in der Folge alle seine Nachkommen führten als Querini Stampalia. 

Mehrere Generationen später, 1537, eroberte Khair-ad-Din Barbarossa für das Osmanische Reich auch Stampalia und Amorgos, damals im Besitz Francescos II Querini Stampalia (+1554) und trotz Inverventionen und Verhandlungen der Serenissima blieb es dabei. Und sollte auch nicht lange dauern, bis das ganze venezianische Kolonialreich an die Osmanen verloren war. 

Francesco II Querini Stampalia gab 5 Bilder für den
Palazzo bei S. M. Formosa in Auftrag,
eines davon sein Portrait von Palma il Vecchio
(Sehr viel detaillierter aber trotzdem knallkurz kann man die Geschichte der venezianischen Familien in der Ägäis (inkl. elaborierten Genealogien) nachlesen bei Karl Hopf: Veneto-Byzantinische Analekten, Wien 1859, Hakkert Amsterdam 1964. Die Querini von Stampalia und Amorgos, S. 97-116. Nur antiquarisch erhältlich.)

Eine Reise nach Astypalia auf eigene Faust ist für heutige Verhältnisse fast ein bisschen abenteuerlich und zeitaufwändig. Anreise per Inselflugzeug von Athen nach Leros, von da weiter nach Astypalia. Siehe Website Aerodromio Astypalia. Schöner ist die 9stündige Fahrt durch das ägäische Inselmeer. Man kann Tickets online, aber auch grundsätzlich am Hafen im Piräus kaufen, sollte die Sache aber logistisch gut vorbereiten wegen der langen Reisedauer (10-12 Stunden Fähre, 9 Stunden Schnellboot) und wegen der meist nächtlichen Ankunft: gegen 2 Uhr morgens, der Hafen liegt 2 km außerhalb von Chora Astypalia ist tot bis auf die vorbestellten Abholer. Gute Planung ist auch für die Rückreise empfehlenswert, da die Schiffsverbindungen nicht täglich und nach Jahreszeiten auch wetterabhängig erfolgen. Fahrplan Blue Star NaxosInformationen bei Ferries-Greece.com; Informationen bei Ferries.grGreece-Ferries.com; Danae.Travel.


Alle die abwechsreichen Biografien der Querini und der Querini Stampalia bewegen heute trotz vielseitiger Begabungen und Leistungen eher Historiker*innen. Ein Querini allerdings brachte es zu Ruhm von quasi Popstarqualitäten, von ihm ist nun die Rede: Pietro Querini, 1396-1448, venezianischer Kapitän von der Insel Candia. Sein Ruhm beruht auf der Havarie seines Handelsschiffes "Querina" im Jahr 1432 mit ungeahnten Folgen, von der ich bereits im Eintrag "Stockfisch in Venedig" am 20.12.09 berichtet habe. 


Kapitän Pietro Querini
ein beneidenswerter Hut,
eine wunderbare Muschelkette!

Die Havarie der Querina im Herbst 1431 auf dem Weg zum flandrischen Handelszentrum Brügge ist eine wahre Horror-, aber auch Glücksgeschichte: vor der Küste Frankreichs sank das Schiff in einem fürchterlichen Sturm. Die 68köpfige Besatzung passierte in Rettungsbooten den Kanal und landeten nach einer vielwöchigen Odyssee, getragen vom Golfstrom, jenseits des Polarkreises auf den Lofoten, auf der Insel Röst (kein skandivanisches 0+/ auf meiner Tastatur). Einheimische Fischer fanden fast einem Monat später (mitten im norwegischen Winter!) die 11 Männer, die den Schiffbruch, die Nordsee, den Hunger, die Erschöpfung überlebt hatten. Nach 3 Monaten Inselgastfreundschaft und Erholung fuhren sie im Frühlung zurück nach Venedig und nahmen das Produkt mit, das die venezianische Küche unschlagbar bereichern würde: getrockneter und eingesalzter Kabeljau. Bis heute hoch geschätzter Bestandteil der Speisekarten Venedigs und seinen ehemaligen Kolonien im östlichen Mittelmeer.

Die Geschichte der Havarie detailliert und italienisch, 41 Seiten PDF:Il drammatico viagio di Pietro Quirini
Und auf dem Blog Bivröst in englischer Sprache:
The Tale of Pietro Querini
Und auf der Seite der Universität Tromsö im Verzeichnis "Die Nordlichtroute" auf deutsch:
Ein Schiffbruch am ersten Kreis des Paradieses
Weitere Details der Geschichte auf dem deutschsprachigen ZeitRäumeBlog:
Die Lofoten - wie Fisch ein ganzes Archipel bestimmt






Aber auch bei den Insulanerinnen auf Röst blieb der venezianische Besuch unvergessen. Zum 500. Jahrestag setzte man ihm ein Denkmal, siehe Foto.

Dem wohl sehr beeindruckenden persönlichen Bericht Querinis folgend - sein handschriftliches Tagebuch wird in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrt - wurden sowohl wissenschaftliche Arbeiten zu seiner Geschichte geschriebenals auch in den letzten 20 Jahren diverse Romane seines Abenteuers (italienisch, französisch, alle nicht gelesen) sowie Kochbucheinträge und Seiten zum Thema Baccalà (ergänzend noch 3 Links zu denen des 10 Jahre alten Blogeintrags s.o.):


Aber der wahre Querini-Hype tobt seit Jahren in Norwegen. 

Auf Röst veranstaltet man seit 2012 das jährliche das Querinifest in der 1. Augustwoche, in diesem Jahr genau jetzt, 1.-4.August. Ein beeindruckendes Programm mit Natur- und Kulturwanderungen, Gemeinschaftskochen und -singen, Konzerten in allen Röster Veranstaltungsräumen vom Pub über die Kirche bis Open air. 
Hier ein Blick auf die Details des Konzerts vom 1.8.19 des A capella Chors VocalArt (reinhören).
Auch die Organisation Parchi Letterari beteiligt sich mit ihrem literarischen Park Pietro Querini, in dem man den Spuren des venezianischen Besuchers folgen kann, den die Röster*innen zu ihrem Kulturerbe zählen.

Liebhaber*innen des skandinavischen Sommers können sich dieses sehr spezielle Ereignis schon mal für Anfang August 2020 in den Kalender schreiben.

Webseite des Querinifestes mit allem Zipp und Zapp - Kartenbestellung, Programm, Flyer und Anreisebeschreibung und ÖPNV auf Röst sowie Unterkünften.
Weitere Möglichkeit zur Buchung für das Querinifest (alles für 2019, also zu spät, ggfs. folgt ein weiterer Link für 2020 als Ergänzung am Ende des Eintrags)
Die Recherche von Anreisedetails wie für Astypalia oben ist eine sehr komplizierte Sache, ich habe in Röst angefragt und bekomme vielleicht nach den Feierlichkeiten eine Antwort.


Beim Querinifest 2012 wurde die "Querinioper" von Henning Sommerro und Ragnar Olsen uraufgeführt. Unter Beteiligung von professionellen Künstler*innen, aber auch dem gesamten Dorf von den Kindern über einen Fischerchor bis zum Pfarrer war das ein derartiger Erfolg (und vermutlich Spass für die Mitwirkenden), dass sie auch 2014 wieder ins Programm genommen wurde, zuletzt gespielt 2018 (nicht in diesem Jahr) 


Ergänzung 7.8.19
Post aus Röst per Twitter:

Thank you for your kind message! You can find tourist information about Røst here: opplevrost.no
To get to Røst you first have to get to Bodø. From there you can go by plane (wideroe.no) or by boat ruteinfo.thn.no/bm/default.asp…

Ein traumhaftes Urlaubsziel für naturverbundene Ruder*innen, Hiker*innen, Kajakfahrer*innen, für die Massenauftriebe wie in Island (oder Venedig) nicht mehr in Frage kommen...





Die Website der Querinioper ist derzeit außer Funktion, aber der Twitteraccount steht und hält auf dem Laufenden.

Besprechung der Oper in der Financial Times vom 6.8.2014
Reisebericht, qualifzierte Opernrezension und die überzeugendste Einladung nach Röst, die man sich vorstellen kann, findet sich auf der Website "The New Listener" im August 2018 von Oliver Fraenzke: "Die isolierteste Oper der Welt".

Von den 4 Aufführungen 2018 wurde ein Film gedreht, denn eine regelmäßige Opernproduktion kann Röst leider nicht stemmen. Ich hoffe, dass er zumindest der Film den nächsten Querinifesten zu Verfügung steht:
Siehe Lofotposten 22.2.2019: Film über die Opernperformance "Querini" (Googleübersetzt).

Ergänzung 13.09.19
Demnächst ein paar Tage in Siena? Vom 20.9.-6-10. ist hier die Ausstellung "La storia della Querina" von Franco Fortunato zu sehen.







Ergänzung 29.12.2019

Ein europäisches Kulturprojekt (Google-Übersetzung), die Via Querinissima (Google-Übersetzung), wurde auf den Weg gebracht unter Teilnahme von norwegischen, schwedischen, irischen, italienischen, portugiesischen, spanischen und griechischen Institutionen. Wavents, in Venedig basierter Veranstalter von historischen Kulturspektakeln aller Arten inkl. der Wiederbelebung von historischen Wanderrouten in Europa, ist beteiligt an der Gestaltung des europäischen Wanderwegs der Stockfischkultur. Dazu gehörig sehen sich auch eher überraschende Etappen wie z. B. Fichtelgebirge und Frankenwald.



Ergänzung 28.02.20

Neuer Artikel zur Via Querinissima

Ergänzung 24.08.20
Molto più che un pesce. Molto pi?u che un piatto. Il baccalà.

Ergänzung 31.806.20
Veröffentlichung der italienischen Botschaft in Oslo: Il naufragio di Pietro Querini a Roest (isole Lofoten)e la storia del baccalà in Italia.  PDF Tagebuch Pietro Querini (27 Seiten).


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27. Juli 2019

Ein vorhersehbarer FLOP


Festa della Sensa 2019

Das venezianisches Eintrittsgeld hat sich bis auf irgendwann erledigt. Die riesige aufgeregte Medienwelle, die Anfang des Jahres nach Ankündigung der Eintrittsgebühr ab Mai 2019 um den Planeten rollte, stellt sich als überflüssig heraus.

Siehe unten reinkopiert (ohne Fotos) den Eintrag "Eintrittsgeld für mordi e fuggi" vom 6.1.2019.

Denn in der Ratssitzung am 24.7. informierte der Haushaltsreferent Michele Zuin den Stadtrat formell, dass der geplante und mehrfach verschobene Start der Eintrittseinnahmen (vom Mai 2019 auf September, dann vom September auf Beginn 2020) nach seinem Verständnis "eine pure Utopie" sei. Die unabgesprochene Planung von Bürgermeister und Rat, die Eintrittgsgebühren durch die Träger des Reiseverkehrs - Bahnen, Busse, Reisebüros, Kreuzfahrtschiffe etc. - abkassieren und an das Rathaus abführen zu lassen, liesse sich nicht verwirklichen. 

Siehe "La Nuova" vom 25.7.19: "L'imposta di sbarco è un flop: tutto da rifare"

Zuin beklagte den Planungspfusch auf höchster Ebene und den daraus resultierenden Schlamassel. Die Methode, Eintrittsgelderfür eine kleine Insel wie Capri von einer einzigen Bootsfähre einsammeln zu lassen, liesse sich nicht auf die komplexe Situation des venezianischen Tagestourismus übertragen. Eine Befragung unter Beförderungsunternehmen (Bericht des städtischen Beraters Emanuele Rosteghin) hatte ergeben, dass die sich das Abkassieren ihrer Gäste nicht vorschreiben lassen, bzw. die bisherigen bei der Regionalverwaltung eingegangenen Beschwerden und Widersprüche machen dringend den Rückmarsch erforderlich.  

Die Sache müsse komplett neu konzipiert und initiiert werden, ohne Inanspruchnahme der Beförderungsunternehmen. Die aktuelle Idee dazu ist, die Eintrittsgebühr ausschließlich im Voraus über VENEZIA UNICA buchen zu lassen. Auf diesem Weg sei allerdings massenweise Schummelei nicht zu verhindern, zu aufwändig wäre die Kontrolle der "Eintrittskarten", die ohnehin nur als Stichproben geleistet werden könne.
Das Problem der Freistellung von Eintrittsgeld für Bewohner*innen, in Venedig Studierenden oder Beschäftigten etc. ist bisher ohnehin nicht gelöst. 


Bisher hat die Stadt Venedig anscheinend darauf verzichtet, die Weltpresse auf den neuesten Stand zu bringen. Den Spott über ihre unausgereifte, aber umso großspurigere Ankündigung von Anfang Januar würden Bürgermeister und Stadt sich sicher gern ersparen. Aber Großspurigkeit und Realitätsferne teilen sie mit Inhabern weit höherer Ämter. Vielleicht klappt es ja mit Hilfe einiger Expert*innen und in ein paar Jahren mit dem venezianischen Eintrittsgeld. Um die Regelung und Eingrenzung des Hypertourismus geht es ja ohnehin nicht, siehe Eintrag vom 6.1.19 hier unten.



Eintrittsgeld für mordi e fuggi.  Eintrag vom 6.1.2019

Nach dem EU-politischen Theater um den italienischen Haushalt und nach jahrelangen 'diplomatischen Manövern' der Stadt Venedig hat wenige Tage nach dem Senat auch die Abgeordnetenkammer am (sage und schreibe!) am 28.12.2018 die 'Landungssteuer' - tassa di sbarco - als Teil des Haushalts 2019 verabschiedet. Damit darf die Stadt Venedig (wie auch die Inseln Capri, Giglio und Elba) von Tagestourist*innen ein Eintrittsgeld von 2.50 bis 10 € erheben.

In Venedig nennt man Tagestourist*innen "mordi e fuggi" - also "beiss rein und hau ab". Ein schönes und zutreffendes Bild für den Rein-Raus-Tourismus, wenn man wieder mal eine deutsche Familie auf Tagestour vom Campingplatz in Punta Sabbioni die Stullen auf Brückenstufen in Venedig auspacken sieht. Die Meldung der neuen Steuer wurde in internationalen Medien mit Einverständnis und Zweifeln kommentiert.


Um den Ticketpreis in Relation zu anderen venezianischen Preisen zu setzen, sind hier ein paar Beispiele:
20 € Dogenpalast voller Eintritt; Sonderausstellungen im Dogenapartment, z. B. Tintoretto kosten extra.
(Die folgenden Museen bieten unterschiedliche Reduktionen für sehr diverse Personengruppen an, erheben aber auch z. T. Zusatzgebühren für z. B. Onlinebuchungen)
10 € Ca' Rezzonico
10 € Palazzo Fortuny
15 € Accademia
12,50 € Ca' d'Oro15 € Guggenheim Collection15 € (jeweils) Palazzo Grassi + Punta Dogana
3 € CHORUS-Kirchen einzeln, Sammelticket für alle 12 €
8 € Scuola Grande di San Marco13 € Führung durch den Komplex der Fondazione Cini, ehemaliges Kloster S. Giorgio Maggiore (ohne Kirche)
11,50 € 1 Espresso + 1 kleines Glas Leitungswasser in einem der 4 Cafés am Markusplatz (Stand der Information ist vielleicht überholt: von 2017)
2,50 € 1 Espresso + 1 Croissant 400 m und eine Brücke jenseits des Markusplatzes


Die Entscheidung hat laut Lokalpresse 2 Zielsetzungen:
"...portare all'incremento del gettito dagli accessi alla città, il contributo di sbarco sarà versato a prescindere dal pernottamento in strutture ricettive e (...) conseguire un effetto selettivo e moderare l'accesso delle cosiddette grandi navi alla zona lagunare", also: "...zu erhöhten Einnahmen aus dem Zugang zur Stadt zu führen, da die Landegebühr unabhängig von der Unterbringung in Hotels gezahlt wird und (...), um einen selektiven Effekt zu erzielen und den Zugang der sogenannten großen Schiffe zum Lagunengebiet zu mäßigen".

Dass die meisten internationalen Medien daraus schließen, dass damit die BESUCHER*INNENZAHLEN "in Schach gehalten", kontrolliert bzw. sogar verringert werden sollen, könnten, siehe z. B.


ist allerdings erstaunlich. Denn das hat niemand gesagt. Falsch ist auch die Behauptung, dass "Venedig seit Jahren gegen die Besuchermassen kämpft" - es ist (leider nur) eine Minderheit der venezianischen Bevölkerung (z. B. die Bürgerinitiativen Grupo 25 Aprile oder No Grandi Navi), die das tun.
Venedig, also die Verwaltung der Stadt, der Bürgermeister, die Tourismusindustrie und die gesamte Hydra der tourismusabhängigen Wirtschaft kämpfen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um die Erhöhung der Besucherzahlen, den weiteren Bau von Hotels auf dem Festland sowie exklusiven Luxusresorts auf Laguneninseln, die weitere Umwandlung alter Gebäude im Centro Storico zur auschließlichen Nutzung durch die Tourismusindustrie (Hotels und Show-"Museen"), sowie den weiteren Zugang großer 'Kreuzfahrt'schiffe in die Lagune.


Es geht um Geld. Profite. Dafür ist nicht nur das Luxussegment zuständig, sondern auch die Masse, die täglich über die Adria reinkommt, ein paar Stunden durch die Gassen wandert, Venedig-Souvenirs einkauft und zum Abendessen aufs Schiffs zurückkehrt. Und die Masse asiatischer Busrundreisetourist*innen, die eine Führung über den Markusplatz inklusive bekommt, danach im asiatischen Airportluxusverkauf des Fondaco dei Tedeschi sein Geld lässt und in einer eigens eingerichteten Restauranthalle auf dem Tronchetto, neben den Parkplätzen, speist (inklusive? Möglicherweise, weiss ich nicht).
Das sind, und natürlich weitere, die Zielgruppen der neuen Landungssteuer, und welches Tourismusunternehmen bis hin zum Anbieter von Fahrradreisen wird ernsthaft erwägen, Venedig von seiner Tour zu streichen? Wegen eines Eintrittspreises, der einer einzigen Kircheneintrittskarte vergleichbar ist, oder billiger als ein Espresso auf dem Markusplatz? Lächerlich.

Die Landungssteuer kommt allerdings viel zu spät, ist zu billig, und lässt halbherzig die Tourismusindustrie davon kommen. Trotzdem: sinnvoll ist sie allemal. Zu ihrer Verwendung gibt es von den Medien die zweite ahnungslose Falschmeldung, sie diene dem "Erhalt Venedigs". Laut Bürgermeister Brugnaro soll sie konkret als Beitrag zur Stadtreinigung verwendet werden, die bisher mit Steuermitteln bezahlt wird. Als Stadtverantwortlicher muss er es wissen, und als Inhaber der Zeitarbeitsfirma Umana, die auch die Grupo Veritas mit billigen Arbeitskräften versorgt, auch. Zu hoffen ist auf die Realisierung dieser Behauptung, und dass die Männer und Frauen, die den täglichen Abfall der Besucher*innen entsorgen, jeden Tag morgens vor 7 Uhr den Markusplatz fegen und nach den Feierlichkeiten der Neujahrsnacht die Riva noch vor 4 Uhr besenrein übergeben haben, künftig nicht mehr nur von den Steuern der Venezianer*innen bezahlt werden.


Die 3 Probleme, die nach dem Haushaltsbeschluss anstehen, sind
1. ab wann und wie viel?
2. wie wird die Kohle eingesammelt?
3. wie werden die Einheimischen und die Massen Pendler*innen von der Zahlung ausgenommen, außerdem die Menschen, deren Ziele das Krankenhaus, das Gericht o.ä. sind, und die Besucher*innen jenseits von touristisch motivierten Anlässen, z. B. Eltern von Studierenden, Familien von Strafgefangenen, religiöser Anlässe etc.?

1. wurde vom städtischen Wirtschaftsreferenten Michele Zuin im Neujahrsinterview beantwortet: alle Tarife müssen vor dem 28.2. entschieden sein, um noch 2019 in Kraft zu treten. Für das Top-Event des Carnevale ist es zu spät, aber für den Termin Ostern könnten die notwendigsten Formalitäten für die Landungssteuer erledigt sein. Könnten. Wir werden sehen.

2. scheint einfach zu sein: wird den Tourismusunternehmen aufs Auge gedrückt. Bus, Bahn, Schiff, Flugzeug. Von denen auf die Reisekosten addiert und an die Stadt Venedig weitergeleitet. Ob dazu im Vorfeld des Gesetzes Absprachen getroffen wurden, erfährt man nicht. Wie es mit Einzelreisenden im Detail funktionieren soll, auch nicht.
Für Zugreisende gibt es laut Zuin die Idee, die Zahlung der Steuer ausschließlich online anzubieten, gegen Beleg zur Vorlage bei Kontrollen und ggfs. beim Fahrkartenkauf am Schalter. 

3. scheint noch das größte Problem zu sein. Klar formuliert wird von den Verantwortlichen, dass Bewohner*innen Venedigs und der Region (und Weitere...) vom Eintrittsgeld ausgenommen sein müssen. Auch hier müssen die Regeln zur Umsetzung bis zum 28.2. festgelegt werden. Ein Arbeitstreffen der Betroffenen (Ministerien, Stadtverwaltung, Regionalverwaltung, Präfektur) ist für den 31.1. einberufen. Ob diese Aufgabe in so kurzer Zeit zu bewältigen ist, wird sich zeigen, sagt die venezianische Presse. Und zitiert die Stadtverwaltung:
"Le cose più semplici si faranno adesso, già in questo 2019, e le altre si studieranno poi" - Die einfachen Sachen werden gleich erledigt, noch 2019, die anderen werden danach näher betrachtet.
Na da verkneife ich mir doch jeden Spott und wünsche bestes Gelingen in Sinne der anderen Seite der Betroffenen - der hoffentlich nicht zahlungspflichtigen Bevölkerungsgruppen.


Den künftigen Tagesbesucher*innen, soweit sie auf diesem Blog landen, erlaube ich mir, einen Rat zu geben.
Es gibt Menschen in aller Welt, die, vielleicht zum ersten Mal noch bevor sie lesen konnten, die traumschönen Bilder der Stadt Venedig, ihrer Kanäle, Brücken, Lagune und Inseln gesehen haben. In Bildbänden, Boulevardblättern, im Fernsehen, Kino, in der Werbung der Tourismusindustrie. Und die deshalb Venedig gesehen haben wollen, nein, müssen, bevor die Stadt 'untergeht'. Und sei es nur ein Tag, einmal! Wer hätte dafür nicht grundsätzlich Verständnis.
Aber Venedig ist nicht sichtbar in einem Tag. Sozusagen. Man sieht nur das, was man von Bildern kennt. Auch 2 Tage reichen nicht. (Ach die Anfragen, was man in 2 Tagen Venedig - 1 vor und 1 nach der 'Kreuzfahrt' (!) - in Venedig "unternehmen" könnte!)
Ein Tag Venedig ist wie auf der Straße Angela Merkel sehen. Ein Blick mit der Erkenntnis "Angela Merkel sieht genauso aus wie im Fernsehen!" Aha. Und Venedig auch. Hat man was davon?
Bilder, die man seit Jahren kennt, werden in der Realität nicht real, sondern irreal. Fragt man Menschen am ersten Tag in Venedig, sind sie irritiert und fühlen sich "wie im Film". Es braucht Zeit, die Klischees loszulassen und eine eigene authentische Wahrnehmung Venedigs aufzubauen. Die sich dann aus vielen Mosaiksteinen der eigenen sinnlichen Erfahrungen und ihrer Verarbeitung zusammensetzt. Wer dafür die Zeit nicht hat, sollte sich das Geld sparen. Wer das Interesse daran nicht hat, sollte sich ein Ziel suchen, das seinen*ihren Interessen besser entspricht. Wer mit seinem Venedigbesuch angeben will, sollte sich das schenken - Venedig ist ein Krethi-und-Plethi-Trip geworden, ein Ballermann der Kulturstädte, mit Luxusabteilung.
Aber auch eine Art kultureller Heimat für die, die in vielen Jahren auf verschiedenste Weisen die Stadt erfahren und kennen gelernt haben, die Venedig bewundern und lieben und die deshalb immer wieder kommen.
Ich wünsche mir, dass die mordi-e-fuggi-Steuer ein Reinfall wird, weil ein Tagesbesuch in Venedig einfach zu wenig ist und sich das vielleicht endlich mal herumspricht. 

Bleibt weg! Kommt nicht nach Venedig! Keinesfalls für einen Moment, einen Tag mordi e fuggi. Vermutlich ein vergeblicher Wunsch. 


Das Thema Eintrittsgeld hat einige (bisher englischsprachige) Medienbeiträge ausgelöst, die z. T. auch kritische und nachdenkliche Töne zur Situation Venedigs liefern.
Nicht alle Meinungen teile ich, oder teile ich nicht nur, und nicht alle Informationen sind korrekt recherchiert oder widergegeben. Aber bei genügend Interesse am Thema sind sie lesenswert:



Ergänzung 20.1.
Keine offizielle Pressemitteilung, sondern nur ein Interview mit Bürgermeister Brugnaro anlässlich einer der vielen Anlässe, an denen er gerne edienfreundlich ist:
Die Landungssteuer wird ab Mai erhoben, zunächst wird die Entscheidung befristet auf 3 Jahre. Der dazu erforderliche Beschluss der Stadt erfolgt in den ersten Februartagen, danach die Bestätigung durch den Rat, und tritt nach 60 Tagen in Kraft. Theoretisch sind dadurch 40 Mio. € zu erwarten, obwohl noch keine Entscheidung über die Höhe der gestaffelten Beträge gefallen ist, seine eigene Vorstellung liegt zwischen 2 und 5 €. Von den 20 Mio. Besucher*innen 2018 waren 2/3 Tagestourist*innen, die von der Neuregelung betroffen sind.
Eine Studie zu rechtlichen Details ist in Arbeit, auch wegen der zu erwartenden Einsprüche. Einsprüche wohl auch datenschutzrechtlicher Art im Hinblick auf den neu eingerichteten, ab dem Frühjahr arbeitenden "Control room" auf dem Tronchetto, der zunächst mit Mitteln des Venedigabkommens finanziert wird und die Basis der künftigen Kontrolle und Leitung der Personenflüsse ist.
Absprachen mit den Verkehrsträgern wie Bahn, Schiffs- und Busunternehmen wurden im Vorfeld nicht getroffen und müssen noch erarbeitet werden. Ziel der Landungssteuer und Steuerungsmaßnahmen sei nicht, die Zahl der ankommenden Tourist*innen zu verringern, sondern die Spitzen mehrerer zusätzlicher Hundertausender Personen an speziellen Terminen wie Carnevale, Ostern, Redentore, Regata Storica und Brückenwochenenden zu kontrollieren. Dazu soll bis 2021 die obligatorische Voranmeldung für den Besuch der Stadt und der Inseln realisiert werden, mit deren Hilfe die Überfüllung (quasi wie z. B. in einem Sportstadion) verhindert werden soll. Eintrittsermäßigungen soll es dann für Anmeldungen an 'ruhigeren' Tagen geben. 

Ergänzung 4.7.2019
Man denkt "...hab ichs nicht gleich..." aber man sagt es höflicherweise nicht. Deshalb habe ich mir einen Hinweis verkniffen, als der Einführungstermin für das Eintrittgeld vom Mai 2019 auf den September verschoben wurde.
Aber jetzt melde ich doch, dass die Sache nicht vor 2020 in Gang kommt. Die Schwierigkeit besteht wohl darin, dass sich die Tourismusindustrie nicht so einfach in Haftung nehmen lässt für das Einsammeln des Eintrittsgeld, und schon gar ohne vorherige Absprachen, siehe letzter Absatz oben. Siehe auch Kurztext der Süddeutschen. Lassen wir uns an Neujahr überraschen... 

Festa della Sensa 2019


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