9. Februar 2014

Bessarions Staurothek in der Accademia



Die Accademia ohne Baukräne wirkt, nach so vielen Jahren der Restaurierung, ein bisschen nackt und lockt sicher viele, die noch nie oder schon lange nicht mehr drin waren. Sie ist ein Museum, das (trotz der neuen noch leeren Räume) manche/n überforderdert aber jede/n BesucherIn überwältigt  mit seiner Masse herausragender venezianischer Kunstwerke. Wer wankend den letzten Raum des Rundgangs erreicht, wird endgültig niedergestreckt von der absolut wunderbaren "Darstellung der Jungfrau im Tempel" Tizians, hier seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an ihrem Originalplatz.



Nach diesem letzten Eindruck strebt man ins Treppenhaus und übersieht eine venezianische Kostbarkeit ersten Ranges, auf die ich hinweisen will, denn ich hatte das große Glück, sie zwei Tage lang detailliert kennenzulernen.
Ohne dass ich bei meiner Planung schon davon wußte, fand während meines Oktoberaufenthalts 2013 in Venedig eine Studienveranstaltung statt, die mein Rahmenthema, die Verbindungen der Serenissima mit Byzanz und ihren Kolonien im östlichen Mittelmeehr, ganz wunderbar traf. Die Staurothek des Bessarion war im Labor in Florenz über zwei Jahre lang wissenschaftlich untersucht worden und die Ergebnisse wurden von den Beteiligten sowie internationalen Fachwissen-
schaftlerInnen vorgestellt. 



Eine Staurothek (griechisch: σταυρος = Kreuz, θηκη = Behälter) ist ein Behältnis für eine Kreuzreliquie. Hier in der Accademia finden sich einige Darstellungen von Vittore Carpaccio und Gentile Bellini zu einer berühmten Kreuzreliquie, die der Scuola grande di S. Giovanni Evangelista, die die Scuola im 14. Jahrhundert erhielt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Staurothek hier in der Nische gegenüber Tizians "Jungfrau" im Herbergsraum der ehemaligen Scuola grande della Carità wurde eben dieser Bruderschaft, die als erste venezianische Scuola 1268 gegründet und als erste als "scuola grande" bezeichnet wurde, geschenkt, im 15. Jahrhundert, genau 1463.

Und zwar von Basilius Bessarion, 1408-1472, griechischer Humanist und Philosoph, maßgeblich beteiligt an den Bemühungen des Konzils von Florenz 1439 um die Überwindung der Trennung der orthodoxen und lateinischen christlichen Kirchen. Leider erfolglos, womit auch die Rettung des byznantischen Kaiserreiches ausfiel und Konstantinopel 1453 endgültig von den Osmanen erorbert wurde. Papst Eugen IV ernannte ihn beeindruckt von seinem Einsatz zum lateinischen Kardinal, was seinen Ruf als Bischof der orthodoxen Kirche ruinierte, aber die Basis seiner Karriere als Kirchenmann, Wissenschaftler und Philosoph in Rom wurde. Zweimal wurde er NICHT zum Papst gewählt wegen seiner NICHT lateinischen Vorgeschichte, aber die Serenissima nahm ihn ehrenhalber in den Adel auf.
Er förderte in der Drucker- und Verlegerstadt Venedig die Veröffentlichung der Werke klassischer griechischer Philoso-
phen und damit die Bildung des gesamten Abendlandes. Er vermachte Venedig seine riesige Sammlung (annähernd 1000 Werke) griechischer und lateinischer Handschriften, Drucke und Dokumente, die Basis der 1468 gegründeten Biblioteca Marciana, die einzige heute noch an der Piazzetta existierende Institution der Serenissima Repubblica. 


Weitere Links zu Basilio Bessarione:
http://surprisedbytime.blogspot.de/2010/01/bessarions-nazi.html
http://nauplion.net/CP-BESSARION-portraits.html
http://idlespeculations-terryprest.blogspot.de/2006/11/cardinal-bessarion.html

Und der Scuola della Carità schenkte er diese byzantinische Staurothek, die ihm selbst, wie die Gravuren auf dem Kreuz der Staurothek ergaben, ursprünglich geschenkt wurde von der Nichte des Kaisers, Eirini Palaiologina. Nach Jahrhunderten der Verehrung wurde die Stavrothek, aus religiöser Sicht sicher der kostbarste Besitz der Scuola, mit dem Ende der Serenissima Opfer der allgemeinen Verramschung und landete in der Hofburg in Wien. Sie wurde Mitte des 20. Jahrhunderts zurück gegeben und 2010 nach 250 Jahren zum ersten Mal wieder geöffnet. Die WissenschaftlerInnen wussten nicht, in welchem Zustand sie das Kunstwerk vorfinden würden.


Widmungstext an den Seiten des Kreuzes in der Stavrothek

Die Ergebnisse wurden an den beiden Studientagen in einem beeindruckenden Programm in allen Aspekten ihrer Unter-
suchungen dargestellt, von WissenschaftlerInnen, die selbst an der Arbeit beteiligt waren und KunsthistorikerInnen und ByzantinistInnen, die begleitende und weiterführende Forschungen präsentierten.


Das Exponat, nach der Restaurierung eine glitzernde Pracht, zeigt sich in seiner kleinen Vitrine rechts neben der Treppe, die in den Raum 24 hinunter führt, in sozusagen drei Teilen:
  • die geöffnete Vorderseite mit emaillierten Darstellungen aus der Passion Christi (zu lesen von links oben nach unten, dann rechts oben nach unten, dann unten quer die Darstellung der Grablegung), zwei Erzengeln, dem Kreuz in der Mitte (herausnehmbar, an der Oberseite mit feinstem Goldfiligran verziert (klicken auf den Flyer oben links) und an den Seiten mit der Stiftungsgravur der Palaiologina versehen), und vier Kristallfenstern. Die beiden oberen enthalten kurze Stäbchen vom Holz des "wahren Kreuzes", die beiden unteren dunkelblaue Stücke aus grob gewebtem Stoff, dem 'Kleid von Jesus Christus'.
  • Zu sehen über einen Spiegel ist die Rückseite der Staurothek mit der darauf befestigten Widmung des Kardinals Bessarion an die Scuola della Carità.
  • Rechts daneben der Deckel mit der Kreuzigungsdar-
    stellung , den man mithilfe von Schienen rechts und links über die Reliquien schieben und damit die Staurothek verschließen kann.
     
Erläuterungen dazu finden sich auch neben der Vitrine.


Deckel und gespiegelte Rückseite der Stavrothek (schwer zu fotografieren wegen der Reflektion des Spotlights)


Das Deutsche Studienzentrum in Venedig, das, auch über die Professoren Peter Schreiner und Holger Klein maß-
geblich an den Studientagen zu Bessarions Stavrothek beteiligt war, hat eine Vormittagssitzung der Vorträge ins Internet gestellt. Sie fand statt im Palazzo Franchetti (an der Accademiabrücke), der für Filmaufnahmen von Veranstaltungen ausgerüstet ist. Die drei weiteren Vorlesungen/Diskussionen in der Accademia und dem Istituto Ellenico wurden leider nicht aufgenommen.


http://youtu.be/a8YWVZmzTq8
Beiträge von Antonio Rigo (Universität Ca' Foscari Venedig, Gianfranco Fiaccadori (Universität Mailand), Bissera Pentcheva (Universität Stanford)
http://youtu.be/GUmwqD6kfb0
Beiträge von Anna Pizzati, Valeria Poletto (Gallerie dell'Accademia), Marco Collareta (Universität Pisa)
http://youtu.be/EOz1ThbBIMs
Caroline Campbell  (National Gallery London), Ebe Antetomaso (Accademia Nazionale dei Lincei, Rom)
http://youtu.be/OpZS3ATiDxg  Abschlussdiskussion




.

Kommentare:

Irmgard hat gesagt…

Fantastisch!

Wir gehen sowieso wieder im März in die Accademia, danke für den Hinweis.

Irmgard nebst Gatte

Irmgard hat gesagt…

Buon giorno,

es gibt einen einfachen Weg, die Staurothek nicht zu verpassen!
Man geht von unten gesehen die rechte Treppe hoch zum Beginn der Ausstellung und schaut oben angekommen nach links: Da sieht man die Staurothek von VORNE! Klar, dass die Leute, die dort erschöpft aber glücklich heraus kommen, sich nicht alle umdrehen, um das kostbare Stück zu finden.
Die Accademia beherbergt wirklich erstrangige Stücke.
Und an einem anderen Tag in den Palazzo Grimani! Wunderschön - mir gefielen natürlich die realistischen Vogeldarstellungen am besten. Saluti, Irmgard