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18. Juni 2020

Quarantäne und venezianische Lazzaretti



ehem venezianisches Lazzaretto Monembasía (Malvasia)

Seit ca. 2 Monaten werden die Einträge zu den Lazzaretti in der Lagune verstärkt aufgerufen. Das mögen alles Googlesuchen nach "Quarantäne" sein, die auf diesem Blog landen und nicht nur mich, sondern auch die Suchenden überraschen. Kaum ein Artikel zum Thema Quarantäne verzichtet auf die Information, dass sie von den Venezianern erfunden wurde. Aber selbst wer über sein Suchergebnis staunt, findet das Thema interessant, warum also nicht?

Hier die Links zu allen Lazzarett-Einträgen:

17.02.19 Lazzaretti in der venezianischen Lagune
11.10.16 Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016
21.10.15 Saisonende auf den venezianischen Lazzarettinseln
23.03.12 Lazzaretto Nuovo ab 1. April
28.03.10 Lazzaretto Nuovo

ehem. Lazzaretto Monemvasía (Malvasia)

Dass der für die Lazzaretti verantwortliche Archeoclub in diesem Jahr noch Besuche anbietet, halte ich für unwahrscheinlich, da die Führungen durch Ehrenamtler*innen und auf Spendenbasis erfolgen. Die hektischen (und aus meiner Sicht: leichtsinnnigen) allgemeinen Öffnungen in Venedig haben ja rein wirtschaftliche Gründe, die im Falle der Führungen nicht gegeben sind. Auch das jährlich stattfindende archäologische Sommercamp auf einer der Inseln wurde abgesagt.

Die Nutzung des Lazzaretto Vecchio durch das Biennale Filmfestival wie in den letzten Jahren als Aufführungsort von Virtual Reality-Produktionen (siehe Venice Virtual Reality 2018  Venice Virtual Reality 2019) ist 2020 nicht vorgesehen.

Neuigkeiten, und zwar erfreuliche, gibt es dennoch: das seit 2 Jahrzehnten von venezianischen Archäologieenthusiast*innen geplante Archäologiemuseum der Lagune bekommt durch neue Mittel, die das Franceschini-Ministerium über die verarmte italienische Kultur rieseln lässt, 11 Mio. für den Ausbau des Lazzaretto Vecchio als Museum (Museum der Stadt und der Lagune). An Artefakten zur Dauerausstellung mangelt es nicht, temporäre Ausstellungen sollen geboten und ein Teil der riesigen Räumlichkeiten regelmäßig von der Biennale genutzt werden. Auch die Kunstbiennale war bereits auf dem Lazzaretto Vecchio lmit dem Außenprojekt der niederländischen Ausstellung 2015. Bei meinen bisher 3 Besuchen bzw. Führungen hatte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten immer ordentlich gespendet, beeindruckt von der Hartnäckigkeit, mit der sich die Leute vom Archeoclub in ihr Archeologiemuseumprojekt verbissen haben, aber eigentlich nicht an die Zukunft dieses Projekts geglaubt. Irrtum, wie schön.

Noch im Herbst 2019 war ein Dach eingestürzt über den Räumen, die für Nutzung durch die Biennale renoviert wurden. Zum Glück nach den Filmfestspielen, ein Gerüst wurde sofort aufgestellt und die Renovierung kurzfristig begonnen. Der Stadtrat hatte daraufhin 120.000 € beschlossen für den Aufbau des Stegs, der vom nahen Ufer ins Lazzaretto Nuovo führen und die bisherigen Bootsüberfahrten überflüssig machen soll.
Man kann also hoffen, dass die vorhandenen 11 Mio. kurzfristig und zielführend ausgegeben werden und mit dem Geld ein guter Teil der geplanten Renovierungen verwirklicht werden kann. Vielleicht kommt unter den Umständen auch der Spendenfluss kräftig Gang, dank wohlhabender Appassionati der venezianischen Geschichte? Mithilfe internationaler Stiftungen? 


ehem. venezianisches Lazzaretto auf Zákynthos (hellblauer Pfeil)

Die britische Stiftung Venice in Peril beteiligte sich bereits 2007 an den Kosten der Restaurierung der Graffiti im Teson Grande, dem großen Warenlagerhaus, auf Lazzaretto Nuovo (siehe auch Bücherhinweise unten). 
Am 23.6. bietet Venice in Peril über Zoom einen Online-Vortrag der Historikerin Jane Stevens Crawshaw an, Autorin von "Plague Hospitals. Public Health for the City in Early Modern Venice". Der Vortrag: "If walls could talk; the Lazzaretti of Venice, plage and quarantine" findet um 18:30 BST, 17:30 MEZ statt und ist kostenlos; eine Spende wird erbeten, siehe Link unten, wie auch der Link zur Anmeldung zur Zoom-Sitzung (die installierte Software vorausgesetzt), eine Bestätigung erfolgt kurzfristig, die Freischaltung am 23.6. erfolgt erfahrungsgemäß zum angekündigten Zeitpunkt.

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Restmauer des ehem. Lazzaretto auf Zákynthos

Venezianische Lazzaretti gab es auch jenseits der Lagune: im Herrschaftsgebiet oltre mare, in dem gerade die Hafenstädte für die Versorung der Dominante und die Kaufmanns-, Pilger*innen- und Militärreisen eine wichtige Rolle spielten. In den Häfen eintreffende Schiffe mussten bis zum Reiseziel komplette Belege der angefahreren Etappen vorlegen - beim Verdacht auf mögliche Ansteckung erfolgte die Überweisung von Mann, Maus und Cargo ins Lazzaretto.

Seit einigen Jahrzehnten klettere und krabbele ich urlaubsmäßig in (nicht nur) venezianischen Festungsanlagen entlang der Adria und der Ägäis herum, die zum Teil gut erhalten und geschützt sind. Schwere Befestigungsstrukturen wie Türme, Kurtinen, Großzisternen können gut konserviert sein, während die einfacheren Bauwerke der Lazzaretti den Weg ins Recycling von Baumaterial fanden. Zu den vernichteten Lazzaretti existieren zum Glück Dokumentationen in den Archiven. 2015 fand in Venedig eine Konferenz "Lazzaretti veneziani in Grecia" statt. Ein Plan der venezianischen Lazzaretti zeigt, wenn man auf die jeweiligen Orte klickt, Archivdokumente zum jeweiligen Lazzarett. Die Ruinen selbst können sehr verschieden sein, hier 2 Beispiele:

Auf Zante (dem heutigen Zákynthos) ist neben schönen erhaltenen venezianischen Kirchen und einem gut studierbaren Kastell eine einzige Mauer des Lazzaretts, außerhalb der Stadt direkt am Meeresufer, übrig geblieben.

Aber in Malvasia (dem heutigen Monemvasía) blieb das Lazarett am Fuß des Felsen, an der Brücke zum Festland, entfernt von der ummauerten Unterstadt und von der Oberstadt sowieso, gut erhalten. Denn Malvasia wurde quasi aufgegeben und am Festlandufer eine neue Ortschaft gebaut - das ehemalige Lazzarett wird jetzt als ein originelles, ja pittoreskes, Hotel "Lazareto" genutzt.


Einer der ehem. Krankensääle auf Lazzaratto Vecchio, Venedig, renoviert

Hier gibt es noch weitere Links und Hinweise zur Vertiefung dieses spannenden Themas:
"Peste e Lazzaretti" ein kurzer Youtube-Film des Archivio di Stato Venezia

"Venezia nel 1576 privilegi`gli interessi economici alle misurie sanitarie ... e fu pandemia!" aktueller Artikel der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelli Elena Varzan Marchini
"Il Modello Sanitario della Serenissima ai tempi della peste" Vortrag/Powerpoint von Nelli Elena Varzan Marchini
Venipedia "La peste, le epidemie del passato a Venezian e i lazzaretti come efficiente soluzione di prevenzione"
Atlas Obsura "The Black Death in Venice and the Dawn of Quaratine"
"Il Lazzaretto Nuovo di Venezia - Le scritture parietali" von Francesca Malagnini. Wissenschaftliche Studie des Lazzaretto Nuovo, besonders der erhaltenen Graffitti.
"Isola del Lazzaretto Nuovo" Hrsg Gerolamo Fazzini, Archeovenezia 2004

Ufer der Insel Lazzaretto Vecchio

Neuere YouTube Filme zu den Lazzaretti:
Interview Eric Bertherat über Quarantäne auf Lazzaretto Nuovo
Lara Meneghini - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Marco Paladini - einer der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Alice Doro - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo
Gerolamo Fazzini - eine der ehrenamtlichen Führer*innen auf Lazzaretto Nuovo

Ergänzung 3.11.
Vortrag der venezianischen Gesundheitshistorikerin Nelly-Elena Vanzian-Marchini im Ateneo Veneto am 26.10.2020: S. Rocco e l'informazione sanitaria di masse.



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17. Februar 2019

Lazzaretti in der venezianischen Lagune


Die UNESCO wird im Juli entscheiden, ob Venedig angemessen auf die Forderungen reagiert hat, die den Verbleib von Stadt und Lagune auf der Welterbeliste erlauben, oder ob sie statt dessen auf die Liste der Gefährdeten wandert. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein, mit dem ungelösten Problem der Riesenschiffe im Stadtzentrum, den Bürger*innen, die um ihren Wohn- und Lebensraum kämpfen, aber keinesfalls in einem "Open-Air-Museum" leben wollen, und dem aktuellen Bericht der Stadt an die UNESCO, dessen Selbstgefälligkeit auch bitteren Spott provozierte. 
Mehr zum Thema Veröffentlichtes gibt es auf der Seite der Stadt Venedig, und auch ich habe das alles bisher nur quer gelesen. 

Diverse 'Rettungs'-Bemühungen, halbherzig oder einseitig, lassen vielleicht auf die UNESCO, aber nicht auf Besserung des Hypertourismus in Venedig und der Lagune hoffen, auch nicht auf Ausgleich der Wirtschafts- und Bürgerinteressen. Aber es springt z. B. ein Schnäppchen dabei heraus - in diesem Fall 10 Millionen € vom italienischen Kulturministerium MIBAC für die Insel Lazzaretto Vecchio. Das Geld gibt es für den Abschluss der bisher für 27 Millionen € durchgeführten Bausanierung inklusive archäologischer Grabungen des historischen Gebäudekomplexes (siehe Bericht der Universität IUAV) und die Einrichtung des ersten Museums der Geschichte der Stadt und der Lagune. 

Die beiden Lazzaretto-Inseln, Vecchio als Isolations- und Sterbeort für Pestkranke, Nuovo als Quarantänestation für Personen und Waren ankommender Schiffe, deren Befall von Pest nicht eindeutig außer Frage stand, sind heute die beiden authentischen Inseln, die kommerziell-touristisch garantiert nicht in Frage stehen. Auch weil der Besuch nicht jederzeit möglich ist (siehe weiter unten) und weil sie von nicht-touristischen venezianischen Einrichtungen gepflegt werden. Mit dem entstehenden neuen archäologischen Nationalmuseum auf Lazzaretto Vecchio wird sich das hoffentlich nicht allzusehr ändern. 




Auf der riesigen bebauten Grundfläche gibt es genügend Platz, die lange Geschichte von Stadt und Lagune mit Exponaten darzustellen. Außerdem sollen zeitlich befristete Ausstellungen oder Aktivitäten stattfinden, wie bereits erstmals während der Kunstbiennale 2015, als neben dem Pavillon der Niederlande in den Giardini die ganze Insel Lazzaretto Vecchio mit Werken zum Thema "Natur Mater" für die Einzelausstellung von Herman de Vries genutzt wurde. Eine damals einzigartige Biennaleerfahrung inklusive Bootsfahrt über die Lagune.  


Eines der Exponate befindet sich seit dem Herbst 2018 schon auf der Insel:
eine vera da pozzo, ein Brunnenkopf, seit 50 Jahren verschollen und wiedergefunden.


Der Archeoclub Venezia, der mit Ehrenamtlichen die samstäglichen Führungen auf Lazzaretto Nuovo und in den letzten 5 Jahren die monatlichen Führungen auf Lazzaretto Vecchio, jeweils vom März bis September, kostenlos anbietet, hatte immer um Spenden für das geplante Historische Museum auf Lazzaretto Vecchio gebeten und für seine Pläne geworben. Die nicht wenige Einheimische und Besucher*innen, auch ich, für ein Traumprojekt in den Sternen hielten. Umso besser, wenn die engagierten Mühen jetzt belohnt werden mit Staatsknete und das Museum vielleicht doch in absehbarer Zeit entsteht.



Mit diesen Plänen wird ganz klar auf die Gunst der UNESCO gezielt, denn man hofft, durch die kulturelle Aufwertung einiger weniger Inseln (im Gegensatz zur steigenden Zahl der exklusiven Resort-Inseln - längst überholt ist der Eintrag vom 9.11.2013: Venezianische Inselperspektiven) das Kulturerbemarketing zu stärken. Und darüberhinaus hofft man, wofür seit Jahren geworben wird, einen Teil der Massen aus der Stadt in die Lagune zu locken, was bisher hauptsächlich bei den 3 wichtigsten Inseln der Laguna Nord klappt.


Hier sind zum Nachlesen die bisherigen Einträge zu den beiden Lazzaretti mit interessanten Details und Links:

11.10.2016  Die venezianischen Lazzarette
21.10.2015 Saisonende auf den venezianischen Lazzaretten
25.3.2012 Lazzaretto Nuovo ab 1. April
28.2.2010 Lazzaretto Nuovo


Im Lazzaretto Vecchio gibt es während der Bauphase einige außerordentliche Führungen (Termine füge ich unten unter den Ergänzungen ein). Danach wird wohl die bisher während der Führungen angekündigte kurze Brücke vom Nordufer des Lido zum Südtor des Lazzaretto fertig sein und Besucher*innen müssen nicht mehr per Boot ins neue Museum übergesetzt werden.

Das Führungsprogramm an Samstagen auf Lazzaretto Nuovo wird wohl wie immer im März beginnen. Das Sommerprogramm, auch das erfolgreiche jährliche archäologische Grabungs-Sommercamp-Programm für Jugendliche wird hier nachgereicht, sobald es veröffentlicht ist. 






Ergänzung 8.3.2019

Die zweijährig erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift "Rassegna di Archeologia" - Berichte über regionale archäologische Forschungsergebnisse des Veneto und der oberen Adria - wird zum 15. Mal veröffentlicht. Die Berichte werden in Zusammenarbeit von Archeoclub, Kulturministerium und Stiftung Querini Stampalia am 14., 21., 28.3, und 4.4. jeweils um 17:30 Uhr vorgestellt  in der Fondazione Querini Stampalia, Programm siehe Link. 

Die Veranstaltung am 21.3. stellt die neue Publikation zu den Inschriften (Graffiti) im Lazzaretto Vecchio vor. Mehr dazu von der Website der Lazzaretti.
(Die Autorin hat bereits zu den Graffiti im Lazzaretto Nuovo eine ausgezeichnete Studie veröffentlicht: Francesca Malagnini: Il Lazzaretto Nuovo di Venezia. Le scritture parietali, das auf der letzten Rassegna di Archeologia im März 2017 vorgestellt wurde.)

Die Veranstaltung am 14.3. dreht sich um das in Gründung befindliche Archäologische Nationalmuseum Venedigs und der Lagune, das auf Lazzaretto Vecchio eingerichtet wird. Die Sache geht voran, sehr spannend. Eintritt frei ohne Anmeldung. Informationen über Archeoclub +39041-2444011, info@archeove.com.

Ergänzung 19.3.2019
Die ersten Termine für außerordentliche Führungen im Lazzaretto vecchio sind der 14.4. und der 12.5., Anmeldung erforderlich. Formular für den 14.4. (unter scegli orario' den gewünschten Termin eingeben) und für den 12.5.; die Führungen sind kostenlos, aber eine Spende für das neue Nationalmuseum wird erwartet. Anfahrt mit den Vaporetti 1, 5.1.,5.2 nach Lido-S.M. Elisabetta, von dort zu Fuß 20 Minuten zur Riva Corinto oder mit den Bussen A, B, C Richtung Malamocco.

Ergänzung 6.4.2019
Die Führungen auf Lazzaretto Nuovo beginnen  am 7.4. Alle Details unter dem Link.
NEU: ein Wanderpfad durch die Barena, die die Insel umgiebt. Wer einmal auf Lazzaretto Nuova war und dort die Aussicht über die Salzwiesen genießen konnte, hat sich das sicher schon gewünscht. Die kurze Wanderung ist jetzt in der Führung jetzt enthalten.




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11. Oktober 2016

Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016

"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!"
Eingang ins Innere des Lazzaretto Vecchio

Ich wiederhole mich, aus gutem Grund. 

Denn der geführte Besuch der beiden venezianischen Inseln Lazzaretto Vecchio in der südlichen Lagune und Lazzaretto Nuovo in der nördlichen Lagune muss einfach immer wieder angepriesen werden. Wer sich für die Geschichte Venedigs interessiert, findet hier, was noch von den beiden zentralen Orten venezianischer Epidemienvorsorge und -fürsorge zeugt. 


Die Führungen an Samstagen und Sonntagen im Lazzaretto Nuovo enden mit dem Wochenende 29./30. Oktober. 
Die Führungen im Lazzaretto Vecchio am Sonntag, 16.10. mit einem Sonderprogramm. Es gibt einen kulinarischen Stand mit Cichetti (venezianischen Häppchen), einen Stand des venezianischen Verlags/der Buchhandlung  Mare di Carta und eine Ausstellung (und hoffentlich auch Verkauf) von Werken des venezianischen Malers Luigi Divari (der derzeit auch im Meeresmuseum in Stralsund ausstellt). Um 13:00 Uhr präsentiert der venezianische Chor AMURIAMUM Werke von Monteverdi, Dowland, Brahms und Salvadori. Im Ambiente des alten Pestlazzaretts sicher ein beeindruckendes musikalisches Erlebnis.  


Erster Saal hinter der Eingangstür des Lazzaretto Vecchio,
mit einem schönen erhaltenen Ziegelboden
Die erste Pestwelle erreichte den Hafen von Venedig mit Schiffen unterwegs vom Kaspischen Meer im Jahr 1348. Anzahl und Tempo der Ansteckungen machten schnelle Maßnahmen erforderlich, denn weder der Übertragungsweg noch Heilmöglichkeiten waren bekannt. Wie von Boccaccio im Decamerone beschrieben, gab es nur die Flucht als Option - für Privilegierte. In Venedig waren bis Ende 1350 mehr als 50 der patrizischen, also herrschenden, Familien ausgelöscht. Zwischen 1348 und 1351 verlor der europäische Kontinent 30 % seiner Bevölkerung. 

Venedig, einerseits eine offene Stadt mit internationaler Einwohnerschaft und ständig wechselnden Besuchern und Durchreisenden, andererseits durch Handelskontakte und Diplomatie über das östliche Mittelmeer und die Alpen weit hinaus gut vernetzt, liess Daten über die Wanderung der Epidemie erheben. Und verstand, dass Personen- und Warenverkehr zwischen den Handelshäfen über Gesundheitskontrollen reguliert werden mussten. Das erste Gesetz zur Kontrolle und Meldepflicht der Kapitäne (bei schweren Strafen für unwahre Angaben) einlaufender Schiffe wurde 1423 erlassen. 


Separate Krankenbereiche für die privilegierten Familien
Schon zuvor wurde die Einrichtung eines Hospitals für die BürgerInnen Venedigs in Epidemifällen beschlossen und war seit Januar 1423 in Funktion. Ausgewählt wurde dafür die Insel Santa Maria di Nazareth, seit 1249 Sitz eines Eremitenklosters gleichen Namens. Aus drei Gründen: wegen der natürlich gegebenen Isolation in der Lagune; wegen der Nähe zum Lido, was die Versorgung einer großen Struktur aber auch den Krankentransport einfacher machte; und wegen der günstigen Kosten durch die Dienstleistung des Ordens (das sollte sich in späteren Jahrhunderten ändern, aber das ist eine andere Geschichte). Die Bezeichnung 'Nazaretum' bürgerte sich ein, dann, vermutlich in Anlehnung an den Namen der Nachbarinsel S. Lazzaro, 'Lazzaretto'. Durch weitere Einrichtungen von Hospitälern in den venezianischen Kolonien fand der Begriff 'Lazzaretto' rund ums östlichen Mittelmeer Verbreitung und später weltweit.

In dieses Hospital, später 'Lazzaretto Vecchio' genannt, wurden nur manifest Erkrankte gebracht. Es ging hier nicht um Krankenpflege, sondern um die Begrenzung der Seuchenausbreitung. Für die einzelnen Kranken nur ums Sterben, die wenigsten genasen. Der ehrenamtliche venezianische Führer zitierte bei meinem Besuch im Oktober 2015 die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in Dantes 'Göttlicher Kommödie':

„Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“



Graffitto im Lazzaretto Vecchio
Hoffnung war hier wirklich nicht angebracht, bei mehreren 100 Todesopfern pro Tag, besonders während der 2. großen Pestwelle 1630. Das Lazzarett wurde hauptsächlich durch Spenden und Nachlässe finanziert. Notare wurden 1431 durch Beschluss des Großen Rates unter Strafandrohung aufgefordert, ErblasserInnen zur Begünstigung des Lazzaretts zu veranlassen. Heißt, es war laufend unterfinanziert. 

Für die wenigen Genesenden oder die, die als Infizierte eingeliefert wurden, aber nicht erkrankten, wurde 1456 eine zweite Isolationsinsel in Betrieb genommen: Lazzaretto Nuovo. Auch sie diente in erster Linie dem Schutz der öffentlichen Gesundheit, aber auch als Übergangsphase zwischen nicht eingetretenem Tod und 'zweiten Leben', und der Überprüfung von Verdachtsfällen. Der Aufenthalt von Schiffmannschaften und Aufbewahrung von Waren, die nachweislich über Häfen eingereist waren, in denen Epidemien - Pest, aber später auch Cholera, Typhus' herrschten, wurde dann schnell die Hauptaufgabe des Lazzaretto Nuovo: die Quarantäne. Papiere mussten lückenlos sein, wurden streng überprüft und Falschangaben oder Fälschungen standen unter Strafe. 

In beiden Lazzaretti herrschte der Horror der morgendlichen 'Visiten' und Entscheidungen: nachts Verstorbene zum Bestatten (zum Teil in Massengräbern), manifest Erkrankte vom Lazzaretto Nuovo ins Lazzaretto Vecchio, Genesene vom Lazzaretto Vecchio ins Lazzaretto Nuovo, nicht Erkrankte im Lazzaretto Nuovo aus der Quarantäne zurück in die Freiheit. 


Prior/essa- und Verwaltungsbereich
Archivmaterial belegt, dass auf beiden Inseln, besonders aber im Lazzaretto Vecchio PatientInnen misshandelt, missbraucht und ausgebeutet wurden. 
Es gibt Prozessakten (1458) der Priorin Zentilina, die verdorbenes Essen ausgeben und InsassInnen am Hunger, nicht an der Erkrankung, sterben liess. 
1468 wurde der Prior und Arzt Polo da Genova gekündigt und 1470 angeklagt, verurteilt und enthauptet wegen Misshandlung von Patienten, wegen des Verkaufs der Kleidung verstorbener Patienten in der Stadt (entgegen der Pflicht, sie zu verbrennen) und wegen Kostenabrechnungen für bereits verstorbene Patienten. 
1482 wurde der Prior Paolo Blanco der Verantwortung schuldig gesprochen, dass viele Insassen des Lazzaretto, Erwachsene und Kinder, elend starben, sie ihres persönlichen Besitzes beraubt wurden, der verkauft wurde und die Krankheit weiterverbreitete, dass ihr Unterhalt von täglich 12 soldi nach ihrem Tod unterschlagen und damit die öffentliche Kasse geschädigt wurde. Polo Blanco wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt und zuvor der venezianischen Strafprozedur der persönlichen Entwürdigung unterzogen: gebunden an einen Pfahl auf einem Lastkahn stehend, gekleidet in die Schandfarbe gelb, den ganzen Canal Grande hinauf gefahren zu werden, während seine Schandtaten mit lauter Stimme für alle alle hörbar vorgetragen wurden.

Die Lazzaretti sind ein überaus spannender und vielfältiger Bereich venezianischer Gesundheits- aber auch Kriegsgeschichte. Denn nach der 2. großen Pestwelle von 1630 ließ der dicht geschlossene Sicherheitskordon der Lazzarette in der Lagune und in allen anderen venezianischen Häfen kaum noch epidemische Krankheiten an Land Fuss fassen. Ein Erfolg venezianischer Gesundheitspolitik, der in Europa und weltweit übernommen wurde. 
Aber die Kämpfe um Macht und Territorien im östlichen Mittelmeer, vor allem der 25jährige Krieg um Candia/Kreta, sorgten für ständigen Nachschub an verletzten Seeleuten, Soldaten, Söldnern. Das ist dann eine weitere Geschichte der venezianischen öffentlichen Gesundheitspflege.


Zwischen den Lazarettgebäuden
Die venezianische Historikerin Nelli-Elena Vanzan Marchini forscht und schreibt u. a. zum Thema öffentliche Gesundheit in Venedig. Auf ihrer Seite finden sich interessante Artikel, ihre Bücher findet man in venezianischen Buchhandlungen (eher weniger im www).  


Anmeldungen für die letzten Führungen des Jahres inter info@archeove.com.
Anfahrtswege werden auf den beiden Webseiten (oben) erkärt (aber auch in meinen älteren Blogeinträgen).
Für die Überfahrt nach Lazzaretto Vecchio wartet man am Ufer Corinto genau gegenüber der Insel und wird in Gruppen übergesetzt.

Die Führungen sind kostenlos, aber es wird eine Spende erwartet. Aus meiner Sicht sollte sie großzügig sein, denn gefördert werden mit dem Geld Projekte jenseits des kommerziell orientierten Tourismus. Sie tragen zum Erhalt des historischen Venedigs bei, das uns allen am Herzen liegt. Ob der enorm engagierte, geradezu leidenschaftliche Einsatz des Archeoclub Venezia, im Lazzaretto Vecchio ein Museum der Stadt Venedig einzurichten, jemals erfolgreich sein wird, sei dahin gestellt. Aber es ist richtig, das Vorhaben zu unterstützen. 





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21. Oktober 2015

Saisonende auf den venezianischen Lazarettinseln

 

Das 20-Personenboot vor den restaurierten Mauern des Lazzaretto Vecchio

Wie jedes Jahr endet die Saison der von mir viel und unbedingt empfohlenen Führungen auf Lazzaretto Nuovo mit dem Ende des Monats Oktober und beginnt erst wieder im April 2016. Wer also jetzt nach Venedig kommt, sollte die nächsten beiden Samstage nutzen. Alle Details sind unter dem Link oben zu finden.

Das Lazzarretto Vecchio war nach langen und teuren Restaurierungsarbeiten (27 Millionen) in diesem Jahr an 6 Terminen dem Publikum zugänglich. Das Boot, das die kleine Strecke vom Lido, Riva Corintho, zur Insel pendelte, war zu jeder Fahrt rappelvoll. Die VenezianerInnen und auch einige TouristInnen nahmen die Gelegenheit auf der Stelle war und ich hatte das Glück, am 18.10. in einer der letzten Gruppen zu sein, die durch das ehemalige Lazarett und über die Insel geführt wurden.


Im Vergleich zur "Großen Scheune" auf Lazzaretto Nuovo sind die endlos langen und dunklen Hallen auf Lazzaretto Vecchio eine unfassbar riesige Anlage, deren Verwendung zum jetzigen Zeitpunkt anscheinend ganz unklar ist. Ursprünglich hatte man wohl eine Art archäologisches Zentrum konzipiert, dann war die Rede von einem historischen Museum der Stadt Venedig bzw. der Serenissima - jetzt, nach Abschluss der Restaurierung, scheint man nicht mehr zu wissen, was tun mit dem Riesenschuppen. 


Und dann stellt sich mir auch sofort die Frage, wie man ihn erhalten soll. Die Mauern wurden rundum erneuert, aber schon jetzt sieht man das Salz im Backstein zum Teil bis unters Dach, da offensichtlich nicht der übliche Absatz aus istrischem Stein o. ä. eingebaut wurde, der den Aufstieg des Salzes verhindern soll. Die neuen Dächer und vor allem das neue Holzgebälk, das mit den traditionellen Gebälktechnologien gebaut zu sein scheint, sind sehr beeindruckend, aber wie lange halten sie über feuchten salzigen Mauern ungenutzter, unbewohnter Gebäude?



Der Archeoclub hat für die Führungen auf der Insel die Verantwortung, wie auch für Lazzaretto Nuovo, stellt Informationen zur Insel online zur Verfügung und gibt sicher auch bald ein schönes Buch heraus wie schon für das Lazzaretto Nuovo. Vor allem stellt er kompetente und engagierte Menschen, die als BürgerInnen den interessierten MitbürgerInnen ihr Wissen ehrenamtlich (!) weitergeben. Aber was aus der Riesenanlage werden soll, wissen auch sie nicht und über die politischen Hintergründe, die Millionen im Lagunenschlamm versinken lassen, schweigt erstens meine Ahnungslosigkeit und zweitens, falls doch nicht ganz ahnungslos, meine ausländische Höflichkeit. Es sind ja nicht die ersten Millionen bzw. Milliarden, die sich im Lagunenwasser 'aufgelöst' haben.

Auf jeden Fall ist trotz aller Zukunftzweifel der Besuch des Lazzaretto Vecchio dringend zu empfehlen, und obwohl die Saison des Archeoclubs für dieses Jahr zu Ende ist, gibt es die gute Nachricht: 
NOCH befindet die die "Außenstelle" des niederländischen Biennalebeitrags auf Lazzaretto Vecchio (und nicht auf Lazzaretto Nuovo, wie ich in meinem Eintrag vom 31.5.2015 behauptet habe). 
Hermann de Vries hat auf der Insel ein Sanktuarium, einen heiligen Ort eingerichtet, mit wenigen Denkmälern, die zur Kontemplation einladen. Diese Denkmäler auf der ehemaligen Krankeninsel, die die Überreste von mehr als 1.500 menschlichen Pestopfern frei gab, die düsteren Sääle, in denen die Kranken litten, und der Blick auf die fast greifbaren Türme Venedigs hinterlassen einen unvergesslichen Eindruck. Der Besuch per Bootsfahrt zur Insel (mit dem Boot des Archeoclub) wird kostenlos angeboten und geführt.


Man geht im Pavillon der Niederlade zum/zur Aufpasser/Aufpasserin und fragt nach dem Boot zum Lazaretto Vecchio. Man bekommt einen Platz, aber erst ein paar Tage später, so groß ist die Nachfrage noch. Solange das Wetter hält, fährt das offene, unbedachte Boot weiter täglich, aber bereits etwas früher als im Sommer, wegen der kürzeren Tage (derzeit ist die Abfahrt um 13:50 Uhr, nach dem Ende der Sommerzeit ändert sich das wahrscheinlich weiter). Man wird in die Liste eingetragen und erhält eins von 20 möglichen Tickets. Der Ausflug dauert ca. 2 Stunden, die Biennale endet bekanntlich am 22.11. - aber die Bootsfahrten vermutlich früher.

Einmaliges Erlebnis - wärmstens zu empfehlen.