Posts mit dem Label Dogana werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dogana werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

22. August 2017

"Themenpark" Venedig





Wir wissen, was ein Themenpark ist.
In einer Ansammlung äußerlich themenspezifischer Architektur sollen wir künstlich hergestellte Abenteuer nacherleben und genormte Erfahrungen machen, Erlebnisse konsumieren, Adrenalin ausschütten. Außerdem hochpreisige Nahrungsmittel und Konsumartikel von eher schlechter Qualität erwerben, möglichst viel davon.
Der Gewinn wird von Besucher*innen individuell unterschiedlich empfunden, für die Betreiber ist er in der Bilanz hoch.  

Sprechen wir von Venedig? Eigentlich nicht, hätte ich bisher gedacht. Obwohl zu den Hauptgefährdungen des Centro Storico durch den Massentourismus 

  • 1. der Gefährdung der Bausubstanz durch 'moto ondoso', also Wellenschlag durch Riesenschiffe und massiv erhöhtes Verkehrsaufkommen insgesamt, und 
  • 2. der Gefahr der Entvölkerung der Stadt durch Konvertierung des Wohnraums in Hotels und Ferienwohnungen - auch als 
  • 3. die kulturelle Bedrohung durch "Disneyfizierung" seit Jahren befürchtet und beklagt wird, habe ich die Disneyfizierung eher als Problem gesehen, dem man zu einem gewissen Grad ausweichen kann. 
Im Großen und Ganzen schienen mir die Auswirkungen der Tourismusindustrie und dessen, was Einheimische und Migrant*innen zu ihrem Lebensunterhalt davon abzuzweigen versuchen, nicht speziell disneyhaft, verglichen mit anderen Orten weltweit, die vom und/oder wegen des Tourismus leben. Die Musikkultur mag gewisse Züge von Themenpark haben, aber die Museumskultur, die Kunst in Kirchen etc. fand ich authentisch. 

Aber in diesem Frühjahr habe ich der Disneyfizierung ins Auge geblickt, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte: im Museo Diocesano d'Arte, das dem Patriarchat Venedig untergeordnet ist. Also eigentlich eine ziemlich seriöse Institution, die im Gebäudekomplex von S. Appollonia ihre Sammlung venezianischer Sakralkunst, vor allem aus aufgehobenen Kirchen und Klöstern, zeigt. Und immer wieder zusätzlich kleine Kunstausstellungen (wie z. B.  im letzten Herbst einen frisch restaurierten Bellini) oder Nebenausstellungen der Biennale. Mit der Biennale ("Viva Arte Viva") eröffnete hier "VivaVivaldi", ein Produkt der Firma Emotional Experiences, und ich latschte in den ersten Tagen ahnungslos und mit Gottvertrauen in diese - nein, Ausstellung ist es nicht, Veranstaltung auch nicht - sagen wir mal: in dieses Event.

Der 45-Minuten-Durchlauf beginnt moderat mit einem Audiomaschinchen + Kopfhörern und der Anweisung, sich beim Zuhören mal den Kreuzgang (einzigartiger romanischer Kreuzgang von S. Appollonia) anzusehen und dann, weiter zuhörend, langsam über die (moderne) Treppe in die erste Etage zu begeben. Ton: Kurzreferat der Lebensgeschichte Antonio Vivaldi.  
Danach wird es "PHANTASMAGORISCH". 

Auszüge von Vivaldiwerken, von Cristian Carrara mit modernen Klangarrangements gesampelt, werden in 3 aufeinander folgenden Räumen begleitet zunächst von einfachen Videoprojektionen (der Videokünstler Jean-Francois Touillaud und Gilles Ledos unter Regie von Marco Pozzi), dann von einem Film, in dem eine schöne Frau und ein kleiner rothaariger Junge (il prete rosso!) nachthemdig und barfuß durch Flure und Hallen irren und ein jugendlicher Vivaldi wunderkindmäßig Violine spielt, und dann!! werden informationstechnische Register gezogen: im Hauptraum von S. Appollonia (ehemaliger Kapitelsaal des Primicierio von S. Marco?) wachsen digitale Wälder, Vögel zwischern, Musik jubelt, es bauen sich Wände, Säulen, Gewölbe auf, die Musik braust, Windböen fahren ins Publikum, die Wände fliegen weg, die Gewölbe explodieren, immer wieder, alles ist atemberaubend - und wie in einer Erleuchtung versteht man, was mit "Disneyfizierung" gemeint ist. Es geht nicht um Vivaldi, er ist nur der Aufreißer, sondern um ein schlaues Verfahren (populäre Musik + Video-mapping), das mit einem/einer guten Coder*in preiswert produziert und ohne weitere Sachkenntnis per Knopfdruck jederzeit und fast überall präsentiert werden kann. 
Und bei der Disneyfizierung Venedigs geht es nicht um Venedig, sondern, wie ich seit Jahren in diesem Blog ahne, um das schnelle profitwirksame Pumpen von Menschenmassen durch Stadt, die nur als Aufreißer dient, aus Sicht derer, die davon profitieren. Die Menschen bewegen sich für ein paar Stunden in der Postkarte, im Video Venedig und bekommen ihre Show. Wer vom disneyfizierten Venedig nicht profitiert, hat das Nachsehen und muss eine Nische im System finden, auch die Einheimischen, die sich nicht vertreiben lassen wollen (und die Begeisterten wie wir).
Die visuelle Sensation von VivaVivaldi wirkt beim ersten Mal, klar, aber sie verdirbt den Musikgenuss gründlich und wem Vivaldi schon als Fahrstuhlmusik auf den Zeiger ging, braucht ihn nach dieser Erfahrung für Jahre nicht mehr. 
Ich wankte aus dem EVENT wie ein Kleinkind aus der Geisterbahn. Außer mir war nur ein junges amerikanisches Paar anwesend und ich hätte gerne gefragt, wie sie es fanden - aber mich fragte die Museumsmitarbeiterin, mit der ich bei der Ausstellung des Bellini im November gesprochen hatte, wie ICH es fand. Meine Antwort war von größter Höflichkeit, unser kurzes Gespräch sehr freundlich. 
Soll man den Verantwortlichen im Museum und im Patriarcato Ahnungslosigkeit unterstellen? Ich glaube nicht. Indifferenz in Fragen der Kunst? Geschäftstüchtigkeit? Mangelnden Blick für den drohenden Themenpark? Profitgier? Darüber muss noch nachgedacht werden.

(Die FAZ am Sonntag hat am 9.6.17 VivaVivaldi besprochen: Vogelstimmen im Mondschein, kostet aber 1 €, den Text herunterzuladen.) 






Eine Vivaldi-Show in S. Appollonia wäre noch kein Themenpark, aber als Nächstes folgte im Juni mit der Ankündigung von "Magister Giotto" in der Scuola Grande della Misericordia ab 13. Juli. 
Wieder keine Ausstellung, keine Veranstaltung, sondern diesmal eine "Erfahrung", an deren Entwicklung viele Fachmenschen mitgearbeitet haben, was der Sache den Anstrich eines wissenschaftlichen Projekts verleiht . Es ist das erste Produkt eines Formats "kultureller Unterhaltung" mit dem Titel "Magister" der Medienfirma Cose Belle d'Italia, dem in den nächsten Jahren 2 weitere zu Canova und Raffael folgen sollen. 

Das Werk und das Leben Giottos wird in Themenkreisen (San Francesco-Fresken in Assisi, Wirkungsorte des Künstlers, Kreuzmalereien, Werke in Florenz, die Cappella degli Scrovegni, die Bilder des Halleyschen Kometen) als hochauflösende Projektionen übergroß in zu diesem Zweck geteilten Räumen des Obergeschosses präsentiert (im Raum von insgesamt 26.000 m3 auf 2 Etagen), es gibt kein Originalwerk Giottos zu sehen. Die Präsentation von 45 Minuten besteht aus Filmen des Regisseurs Luca Mazzieri von 2016 (siehe Trailer unten), also nicht etwa aus 3D-Rekonstruktionen, wie sie heute zur multimedialen Ausstattung vieler Ausstellungen gehören (z. B. von der TU Darmstadt entwickelt). Also eigentlich geht es um einen Kunstdokumentarfilm von 45 Minuten zu überhöhtem Eintrittspreis, der aber immerhin einen Blick in das großartige Gebäude erlaubt, wenn auch auf das Raumerlebnis der riesigen Halle der oberen Etage verzichtet werden muss, durch die Raumteiler. 

Ich habe "Magister Giotto" nicht gesehen, kenne aber die Scuola Grande della Misericordia vor und nach der Renovierung und habe mithilfe der Informationen aus dem www eine Vorstellung, die mir erlaubt, auch hier einen gezielten und offiziellen Schritt in Richtung Disneyfizierung und "Themenpark Venedig" zu sehen. Technisches Massenprodukt mit eher geringem Anspruch in öffentlich reputiertem Gebäude + hohe Eintrittskosten (18 €). 
Das Haus gehört der Stadt Venedig. Die Lokalpresse Venedigs diskutiert mögliche Funktionsvermischungen des Bürgermeisters Brugnaro, des Geschäftsmannes Brugnaro (Vorsitzender der Società Scuola della MisericordiaVenezia) und des Präsidenten Brugnaro des Sportsvereins Reyer, der zuletzt das Gebäude als Basketballhalle nutzte. Kritik betraf auch die Werbung für "Magister Giotto", eine gewerbliche private Veranstaltung, auf der offiziellen Seite der Stadt Venedig

Freund*innen, vor allem eine Kunstvermittlerin, warnen mich vor Arroganz, wenn es um den populären Zugang zu Kunst geht. Aber sind arrangierte Samples plus explodierende Wände wirklich ein Zugang zum allbekannten Vivaldi? Sind riesige Detailaufnahmen in 3-Sekunden-Schnitten wirklich eine Einladung, sich in Giottowerke zu vertiefen? 
Ist eine 45minütige Show ein Zugang zu Kunst oder Musik, wenn sich der Eintrittspreis einem Biennale-Ticket annähert, oder gleichwertig ist einem Piazza-San-Marco-Ticket mit Dogenpalast, Correr etc.? 
Wie oben gesagt, es geht nicht um Kunst. Es geht um ein zu vermarktendes Produkt, dessen Investitionskosten über den Aufreißer Venedig refinanziert und weitere Absatzoptionen getestet werden. Angeblich gibt es bereits japanische Interessenten für die Vermarktung in Tokyo und Kyoto.

Wir wissen, dass sich der weltweite Boom von "Kreuzfahrten" als direkte Folge der U.S. Fernsehserie "Love Boat" (und dem internationalen Verkauf des "Formats", in deutscher Produktion als "Traumschiff") ab den 80er Jahren entwickelt hat. Venedig ist einer der Orte der Kreuzfahrtshows geworden. Sollen die in Venedig erfundenen "Kunstformate" à la Vivaldi und Giotto die künftige Kunstpräsentation und -wahrnehmung vorgeben? Mit dem entsprechenden "Zugang" und vor entschlossenen Gewinnaus- und -absichten droht Unsägliches. 

Artribune schreibt am 19.8. Tutto Giotto, ma senza Giotto





Hat die Disneyfizierung einen weiteren offiziellen Fuß in der Tür zum Themenpark? Ich glaube schon. 
Palazzo Grassi und Dogana zeigen "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" von Damien Hirst - eigens für Venedig produziert, alle Exponate in 3facher Ausfertigung, für den Kunstmarkt. 

Ich füge hier ohne weiteren Kommentar einen Auszug aus dem Kulturkalender des Blogs an: Unmengen Fotos und interessante Medienkommentare des Frühlings und Sommers. Tendenz: war wohl nix. Man kann vielleicht doch nicht alles verkaufen im Aufreißer Venedig. 

23.2. Ein heutiger Text dazu aus dem Guardian.
10.3. Vorschau auf die Hirst-Ausstellungen
26.3. nochmal der Guardian
7.4. übermorgen Eröffnung für das Publikum - die Medien sind seit vorgestern in den "Depths of Bling"ArtnewspaperRealClearLifeGuardianTelegraphNY TimesArtLystArtNetNews
9.4.: MonopolZeit (eine Notiz ohne Informationswert und Verfasser), Deutsche Welle
10.4.: Deutsche WelleTagesanzeigerZitate aus dem englischsprachigen Feuilleton
11.4. Blouin ArtinfoArtlyst
15.4. Economist
16.4. nochmal Guardian
19.4. Artnet News mit Interessantem zum Thema Hirst und Kunstmarkt.
24.4. ArtnetNews (der 3. Artikel). 
25.4. Chicago Suntimes. Das deutschsprachige Feuilleton ist nicht weiter interessiert oder ist das Schweigen schon als Kritik zu verstehen oder vielleicht doch als Provinzialität? 
8.5.: pulse.ng - hat Damien Hirst Kunst aus Ife kopiert?
15.6. Tagesspiegel. (Das deutschsprachige Feuilleton lebt noch.)
6.7. Pambazuka News - eine afrikanische Stimme, nochmals zum Thema Plagiat
12.7. ArtNetNews zur venezianischen Verkaufsschau von Hirst
10.8. Hyperallergic ein wunderbarer Verriss ("brash and un-compelling")
13.8. Monopol äußert sich auch (abwinkend), nach immerhin 4 Monaten.



.

23. Oktober 2016

Marathonbrücke


Heute, Sonntag 23.10. findet der Venice Marathon statt. Alle Brücken auf der Strecke im Centro Storico sind mit Rampen versehen und zwischen Dogana und Giardini Reali ist eine temporäre Brücke installiert. 




Wer auf ZEITRAFFER klickt, kann verfolgen, wie diese Brücke gestern aufgebaut wurde, die Pontons, das Geländer, die Verkleidung des Geländers. Und natürlich den Verkehr. Sehr sehr schnell allerdings. Wer morgen auf Zeitraffer klickt, kann den heutigen Tag und die MarathonläuferInnen in einer Minute vorbeiflitzen sehen.

Die Brücke wird nach dem Marathon sehr schnell wieder abgebaut. Vermutlich heute noch. Die meisten Brückenrampen entlang der Ufer in Dorsoduro, San Marco und Castello bleiben erhalten, zur Freude von mobilitätseingeschränkten Menschen und einheimischen Müttern mit Kinderwagen, die für jeden Weg von A nach B einen Plan mit den wenigsten Brückenüberquerungen im Kopf haben. 
TouristInnen finden Hinweise unter Venezia accessibile, auch in F und E. Zu weiteren Welt- oder europäischen Sprachen kann sich die Verwaltung der schönsten Stadt bisher leider nicht durchringen. 


Fotos vom Venice Marathon 2013


.

16. Juli 2013

Es googelt in Venedig

In diesen Wochen wandern, wie man in The Telegraph nach-
lesen kann, Google-Mitarbeiter mit einer 360-Grad-Kamera auf dem Rücken durch venezianische Gassen und fotografieren für Street View. Da in bestimmten Gegenden Venedigs (z. B. im heißen Dreieck Rialto - Markusplatz - Accademia) praktisch jede/r PassantIn eine Kamera in der Hand oder um den Hals hat, dürfte das eine Orgie gegenseitiger Knipserei sein. Aber vielleicht nutzen die Google-Leute ja schlauerweise die schon bzw. noch hellen Hochsommerstunden der leeren Calli und Campi bis Frühstücksende und ab dem Abendessen, um filmend zügig durch die Stadt zu kommen.



Größere Kartenansicht

Nicht, dass es das nicht schon gäbe. Venedig bzw. Venice Connected ist in dieser Sache schneller als Google. Und ich auch, im August 2010 mit dem Eintrag  Virtuell durch venezianische Kanäle. Das Programm ist ein bisschen fummelig (Street View ist nicht viel besser), bietet aber tolle virtuelle Besichtigungen der Stadt zu Wasser. 

Google Maps (und auch Bing Maps) dagegen gewährt den Blick über die Mauern, in Innenhöfe, Gärten und still gelegte Kreuz-
gänge, in Zusammenhänge von Gebäudeensembles, die man weder von der Gasse, dem Campo oder dem Kanal aus ahnen, geschweige denn sehen kann. Wo sich dann bei mir Staunen und Erkenntnisgewinn mischt mit dem peinlichen Gefühl von Indiskretion. Man guckt nicht in anderer Leute Privatbereiche, auch nicht in einer Stadt, die mittlerweile nicht nur die Ein-
wohnerInnen immer mehr als 'Disneyworld' empfinden.


Spannend finde ich, auf diesen Karten Ungewöhnliches zu finden, oder temporär Zuzuordnendes, wie z. B. bestimmte Gebäude im eingerüsteten Zustand oder der Zustand des Vergini-Gartens im Arsenale, in dem man Ausstellungen er-
kennen kann.


In der vorletzten Version von Google Maps gab es eine dicke knallrote L-Form mitten in der Stadt. Die stellte sich beim Zoomen heraus als der rote Baldachin, der jährlich errichtet wird vom Eingang der Kirche S. Rocco zum Eingang der Scuola Grande di San Rocco anläßlich des Festes von S. Rocco am 16. August. Leider habe ich einen rechtzeitigen Screenshot verpasst bevor diese Version ersetzt wurde.

Baldachin während der Festa di San Rocco von Tür zu Tür
In der aktuellen Version gibt es eine rätselhafte große An-
sammlung von Transportbooten  an der Südseite der Dogana (siehe Maps-Detail oben) - Anlass, den Experten für knifflige Venedigfragen, Andreas Götz, zu konsultieren.Der prompt eine interessante Antwort produzierte.

Das müßte der Protest der Transporteure gewesen sein, die südlich der Dogana "a lai" gegangen sind:



In den letzten Jahren hat es immer wieder Protest-
aktionen von Berufsverbänden gegen Verordnungen der Comune gegeben. Vor allem die Capparozzoli-Fischer haben immer wieder gegen die Fangbeschränkungen protestiert. Dabei haben sie mehrfach den Verkehr auf dem Canal Grande zum Erliegen gebracht. Die Comune hat darauf mit heftigen und flächendeckenden Buß-
geldern (multe) reagiert. Die Protestaktion wurde videiert und die Boote anhand der Kennungen identifiziert. Und dann haben alle eine multa bekommen. Seither enden Protestaktionen meistens an der Dogana. Die kleineren nördlich (solange eine ausreichende Fahrrinne frei bleibt), die größeren südlich.

Vor diesem Hintergrund ist auch klar, daß die multe für die Teilnehmer der zum Teil nicht genehmigten No-
Grande-Navi-Demos keine besondere Härte waren, son-
dern konsequent und gerecht. Denn gleiches Recht für alle finde ich ein wichtiges Prinzip. Bedenklicher war schon, daß die Comune die Stände der Verkäufer vor San Marco genau nachgemessen hat und mit 1000-Euro-
multe sanktioniert hat. Einen Tag, nachdem die Ver-
käufer die Comune mit einer anderen Protestaktion geärgert hatten ... Ein Schelm, der Arges dabei denkt ...


"a lai" ist irgendwie ein schöner Begriff, den ich in seiner Konstruktion nie ganz verstanden habe. Ich muß mich da mal informieren. "lai" ist irgendwie die Seite des Bootes. Wenn ich bei jemand anlegen will, um über dessen Boot an Land zu gehen, frage ich: "posso andare a lai?" Mit "lai" wird aber auch der Unterschied in der Länge der beiden Seiten der Gondel bezeichnet, wodurch diese asymmetrich wird. Fragen über Fragen ...

Ein lokalpolitisches Ereignis vom 16.11.2012, dokumentiert auf einem virtuellen Stadtplan.


.

25. Mai 2013

Vollzug - der Frosch ist weg.

Die Lampe wirkt auf diesem Foto ungewöhnlich lang: der helle obere Teil ist die Spitze des Campanile von S. Giorgio Maggiore.
Webcam Istituzione Centro Previsioni e Segnalazioni Maree

Lange angekündigt, und nach mehrfachen Verzögerungen, garniert mit Polemiken und Offiziellem, ist der "Junge mit Frosch" von Charles Ray Anfang Mai von der Spitze der Dogana verschwunden. Ein kleiner Bauzaun war seitdem zu sehen durch die Webcam, und gestern wurde die Lampe wieder an ihrem alten Platz aufgestellt.
Dies ist das Webcamfoto des Istituzione Centro Previsioni e Segnalazioni Maree vom 25.5., 13:54 Uhr.

Schön ist, dass die Spitze der Dogana, ein ganz besonderer der vielen beeindruckenden Orte in Venedig, nicht mehr von einem Werk des aktuellen Kunstmarkts dominiert wird, und dass man diesen Ort wieder zu allen Tages- und Nachtzeiten besuchen kann, ohne dass sein Zauber von der Anwesenheit eines uniformierten Aufpassers gestört wird.




.

7. Dezember 2010

Frosch weg


Seit der Eröffnung der Dogana im Juni 2009 als zweites Ausstellungs-
gebäude der
Francois Pinault Foundation nach dem Palazzo Grassi steht an der Stelle der früheren Laterne die Skulptur des "Jungen mit Frosch" auf der Landspitze zwischen Canal Grande und Canale della Giudecca. Siehe Eintrag vom 9.9.2009.

Also, niemand hat das Werk bis jetzt in die Lagune getreten und es hat dank sorgfältiger Bewachung auch niemand ein Kunstwerk daraus gemacht. Ganz nett, weil ein bisschen absurd, wirkt der Glassturz, der bei schlechtem Wetter über den blassen Jungen gestülpt wird, man muss zweimal gucken, um zu erkennen, was das denn darstellen soll.


Jubel!!
Im März, nach dann immerhin fast 2 Jahren, soll der Frosch weg und die Laterne wieder an ihren alten Platz:

Following protests, the Venice Superintendent for Fine Arts, Renata Codello, has decided that the "Boy with the Frog" by Charles Ray, the sculpture which replaced the 19th century street lamp at Punta della Dogana, will be removed in March 2011 at the end of the "Mapping the Studio" exhibit.

Nachdem die Sache dermaßen geduldig und 'gewaltlos' abgegangen ist, wäre es doch schön, wenn das ein kleines Happening im März würde, aber ich vermute mal, der Austausch wird hinter einem Bauzaun erledigt...

.

9. September 2009

Na endlich artikuliert sich der Protest...






... der Venezianer gegen dieses alberne Stück Kunst (Kunst Stück? Kunststück?), das seit vier Monaten gerne das neue Venedig-Symbol wäre.

Schon beim Betreten des Flughafens wird man davon angefallen in Form eines riesigen Plakats
. Und überall sonst auch, während das Original an der Spitze der Dogana, in Überlebensgröße, steht: "Boy with Frog" von Charles Ray.

Die Skulptur soll das Aushängeschild der neuen Ausstellungsräume sein, die Francois Pinault zusätzlich zum Palazzo Grassi in der Dogana eingerichtet hat. (Über die
neue Dogana zu berichten ist noch Zeit genug nach der Biennale.)

Boy with Frog, Charles Ray 2009, und Junge in Uniform an der Punta della Dogana

Seit der Enthüllung des Froschjungen warte nicht nur ich auf ein paar vom Alkohol enthemmte Mitmenschen, die das Ding ins Becken treten, oder sonstige zum Vandalismus bereite Zeitgenossen. Aber so schlau ist Herr Pinault auch und lässt die Skulptur 24 Stunden am Tag von einem Uniformierten bewachen. Kein Witz, ich habe den jungen Mann gefragt. Der höflich antwortete, aber sichtlich keinen großen Spass an seinem Job hat, vor allem wenn sich die Zahl Besucher an der Spitze des Ufers schnell und unübersichtlich verdichtet.


Gestern schrieb der Gazzettino, die Venezianer hielten die Skulptur für "ästhetisch fragwürdig" und hätten lieber an ihrer Stelle die alte Laterne wieder, die hier an der Spitze der Dogana stand. Auf den höflichen Konservatismus der Venezianer ist Verlass, seit 1000 Jahren. Der Junge wird wahrscheinlich noch eine Weile bewacht und dann unspektakulär nicht im Wasser, sondern in der Ausstellung verschwinden.

Erster Blick von der Punta della Dogana nach Jahren der Absperrung - unvergleichlich!