Über MOSE fehlte hier bisher ein Eintrag, obwohl der angebliche Hochwasserschutz im Bau ist, seit ich regelmäßig Venedig besuche, und eines der meist diskutierten Themen der Stadt. Und vermutlich das umstrittenste Thema. International bekannt nicht nur bei Fachleuten, sondern durch Medien- berichte, Zeitungen, TV-Dokumentationen etc., allen, die Interesse an Venedig haben.
Das Consorzio Venezia Nuova, zuständig für MOSE, hatte jahrelang am Campo S. Stefano ein Informationsbüro, wo sich auch jede/r TouristIn mit einem perfekt gemachten Werbefilm und massenhaftem Hochglanzprint über das Projekt informieren konnte. (Jetzt gibt es in diesen Räumen die Biennale-National- ausstellung Azerbaidjan.)
UmweltschützerInnen aller Fachrichtungen von Biologie bis Physik informieren ab dem Planungsstadium ebenfalls detailliert über ihre Befürchtungen, Berechnungen, Hochrechnungen, Versuche. Die Bürgerinitiative NoMose (mittlerweile NoGrandiNavi) ist aktiv. Die Baustellen kann man an den drei Lagunenausgängen zur Adria sehen. Im Sommer 2012 wurden geladene Journalist- Innen und andere Multiplikatoren über die Baustellen geführt. Bei Mare Maggio im Arsenale wurde ebenfalls geworben mit einem großen Infostand, Printmaterial, Hütchen, Schlüssel- bändern, Give-aways aller Arten, Podiumsdiskussionen (ohne Beteiligung des Publikums). Mehr Marketing kann ein Projekt kaum erfahren.
Mir fehlt der Glaube. Also habe ich meine Klappe gehalten bzw. nichts dazu geschrieben. Man kann nur mit einer Meinung mitdiskutieren, nicht mit dem Zweifel, dass das Projekt je ordentlich vollendet wird. Der bisherige Präsident von Consorzio Venezia Nuova, Giovanni Mazzacurati, und 13 weitere Personen wurden gestern unter Betrugsverdacht verhaftet. Mazzacurati hat sich erst vor ein paar Wochen aus seiner Verantwortung für das Projekt verabschiedet. Er wußte wohl, warum...
Cardin-Möbelgeschäft am Rialto Vorne: Schreitisch neonorange, hinten Stühle grün/grau
Am Tag der Eröffnung der Architekturbienale in Venedig 2012 ließ der Modeschöpfer Pierre Cardin die Medien über sein Altersprojekt Palais Lumière berichten. Die Pressemitteilung erschien weltweit wortgleich, RedakteurInnen veröffentlichen dergleichen ohne weitere Recherche. Nachdenkliches wurde wenn, dann höflich formuliert. Als ein Beispiel in deutscher Sprache verlinke ich den Bericht des ORF (Text und Audio). FachjournalistInnen reagierten differenzierter: ArchitektInnen lobten die futuristische Erscheinung und die energetische Selbstversorgung, sozusagen Ökologie in Schönheit. Und die interessante zeitgemäße Ergänzung der "Skyline" Venedigs. Es gab auch kritische Positionen: z. B. Bauwelt 40/41 2012 (inkl. informativer Grafiken). KulturwissenschaftlerInnen und HistorikerInnen beklagten die Zerstörung des Gesamteindrucks (ohne Verwendung des Wortes 'Skyline') und fragten nach dem Zusammenhang der cardinschen "bewohnbaren Skulptur" mit dem Weltkulturerbe; insgesamt die historische Ignoranz des Projekts.
Mehr Illustrationen zum Projekt: gizmag Kritische Stimmen schimpften über die architektonische Dubaiisierung. Über die Hybris Pierre Cardins, ein neues Statussymbol (Phallussymbol?) zu installieren, bzw. unter dem Vorwand der Ästhetik und neuer Arbeitsplätze die Geldmaschine Venedig mit anzuheizen. Über den Rat der Stadt, der für schnöden Mammon das Erbe der Vorväter/mütter verschleudert (zu gleichen Zeit lief die Diskussion um die Bennetton-Umbauten im Fondaco dei Tedeschi). Die Universtität IUAV fragte, wie die geplante Modehochschule im Palais Lumière zu den anderen Hochschulen Venedigs passt und insgesamt die Anzahl der Studierenden zu Venedig. Die unsichere Statik im weichen Grund am Lagunenrand. Die Sicherheit in der Einflugschneise von Marco Polo. Die Ökologie insgesamt. Die Geschmacklosig- keit insgesamt. Ausführlich zu den Kritikpunkten: The New York Times, 6.12.2012 Das alles frage ich mich, wie jede/r, natürlich auch. Und ausserdem:
wie leben AkrophobikerInnen, falls sie müssen, in einem solchen Gebäude? Mit nach außen sich erweiternden Wänden? (Ein paar Jahre meines Lebens litt ich unter Höhenangst - nicht lustig!)
Wie lebt man überhaupt in komplett durchsichtigen Wänden? Kauft man sich einen Ferngucker für multiple Zwecke? Entdeckt man seine voyeuristischen Anlagen?
Wie ist das, wenn alle fünf Minuten in Augenhöhe oder darunter ein Flugzeug vorbeifliegt? Von rechts nach links, sehr laut?
Muss ich mich, falls ich mir wider Erwarten doch ein Apartment im Palais Lumière kaufe, mit Cardin-Möbeln einrichten? (Wie alle anderen BewohnerInnen?) Seit Oktober 2012 gibt es am Rialto das neue Cardin-Möbel-Geschäft. Wohlweislich, kein Jahr zu früh.
Und die größeren Fragen:
Darf jeder alles tun, weil er es kann?
Darf jeder alles, weil er es bezahlen kann?
Dürfen die gewählten VertreterInnen einer Stadt solche Dinge ohne Bürgerbeteiligung entscheiden?
Sollte man ihnen ein paar StuttgarterInnen schicken?
Mittlerweile hat man von Projektseite - sehr geschickte Lobbyarbeit! - das Consorzio Promovetro Murano ins Boot geholt, mit einer Vereinbarung, den Palais Lumière nur mit Original Murano Glas im Wert von 20-25 Millionen € auszustatten. Neue Arbeitsplätze, eine neue Gruppe, die den Plan mitträgt.
Im Sommer 2015 soll der Bau angeblich fertig sein. Man sollte die Campanili von S. Marco und S. Giorgio Maggiore noch einmal besuchen, bevor der Triple-Phallus des Herrn Cardin den Horizont im Westen dominiert.
Die erste betrifft den Fondaco dei Tedeschi. Dazu gab es bereits 4 Einträge, die als Basis für die Neuigkeit wesentlich sind.
3sat meldet vor 3 Wochen, dass sich der Denkmalschutz mit dem Besitzer Benetton und der Architektengruppe OMA auf eine stärker erhaltende Nutzung des Fondaco geeinigt hat. Rolltreppen im Innenhof sowie Dachterrasse zum Canal Grande stehen nicht mehr zur Debatte. Die Artikel in der SZ und im Gazzettino, auf die 3sat sich bezieht, habe ich nicht gefunden. Aber einen Text in La Nouva vom 25.9.2012. Der Vertrag zum Umbau des Gebäudes wurde zum Jahresende 2011 geschlossen und schon weniger als ein halbes Jahr später war die Sache, auch dank des Widerstandes bürgerlicher und kirchlicher Guppen und des Deutschen Studienzentrums in Venedig, gestoppt. Dazu gibt es einen informativen Eintrag im Blog Arthistoricum. Nicht jede Nassforschheit wie der Plan von Rem Koolhaas setzt sich durch. (Es gibt, nebenbei, seit September das polarisierende Gerücht, Rem Koolhaas sei der designierte Direktor der Architekturbiennale 2014.)
Die zweite Neuigkeiten betrifft die Rialtobrücke selber. Die lang geplante Restaurierung findet statt, ein Sponsor hat sich gefunden, Renzo Rosso übernimmt 5 Millionen Restaurierungs- kosten.
Zitate aus der Pressemeldung des Presseamtes der Stadt Venedig vom 14.12.2012:
Renzo Rosso and OTB for the Rialto Bridge: restoration sponsorship presented today in Venice Five is his favorite number and it proved to be successful once again: Renzo Rosso's holding OTB won the sponsorship contract for the Rialto Bridge restoration with a contribution of 5million euro. The bid was made public yesterday and announced today with a press conference held at the Town Council in Venice, at the presence of the Vice Mayor, Mr Sandro Simionato, of the Deputy Mayor for Public Works, Alessandro Maggioni, and, of course, Renzo Rosso. The sponsorship contract foresees that the City of Venice will entirely take care of the planning, the works' management and the restoration, whereas the sponsor will cover all costs. A Communication Plan signed by the City of Venice and OTB sets the terms for the use of locations and billboards by the sponsor: Renzo Rosso clarified that he will definitely foster creativity and use non-intrusive ads. ... OTB is the holding which controls brands such as Diesel, Maison Martin Margiela, Viktor&Rolf, and Staff International; in 2011 it had a turnover of 1.375 million euro, with over 6.000 employees in the world.
Die Links im Anhang sind interessante Details wie Plan, Machbarkeitsstudie und Werbekonzept, denn Sponsoring ist nun mal Marketing. Die werbemäßige Nutzung des Projekts scheint dezenter gestaltet zu werden als andere Restaurierungen in den letzten Jahren (Seufzerbrücke! Palazzi entlang des Canal Grande!) Leider finde ich keinen Projektplan der den Zeitrahmen der Arbeiten erläutert, mögliche Termine von Teilsperrungen dieses venezischen Knotenpunkts. Aber man hört sicher mehr, wenn die Arbeiten starten.
Es gibt kommerzielle Websites, die das Ospedale al Mare auf dem Lido immer noch unter der Rubrik "Krankenhäuser " führen, mit Notalltelefonnummer. Aber das ist noch der geringste Aufreger in diesem Fall.
Seit einem Jahr ist das Ex-Krankenhaus über die lokale Wahrnehmung hinaus auch ins Bewußtsein von Touristinnen getreten, die schon mal die Plakatierungen in der Stadt studieren und auf das Teatro Marinoni aufmerksam werden.
Damit wir wissen, wovon die Rede ist, kurz die Geschichte.
1868 wurde in Venedig beschlossen, für die Gesundheit der Armen etwas zu tun in Form von (kostengünstiger) Thalasso- und Iliotherapie, in einem Heim am Meer. 1869 gab es Fund-
raising durch Wohltätigkeitsveranstaltungen der Wohlhabende-
ren in den königlichen Gärten vor dem Markusplatz, erfolgreich, und 1870 wurde das erste noch bescheidene Gebäude des "Ospizio Marino" auf einem Grundstück des Unternehmers Giovanni Busetto Fisola auf dem Lido gebaut. Es bot Platz für 450 päppelungsbedürftige Kinder, die an Armenkrankheiten litten wie Unterernährung, Rachitis, vermutlich auch TBC.
Dann setzte Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Bau der Nobelhotes Des Bains und Excelsior der mit armen kranken Kindern nicht so gut kompatible Edeltourismus ein, und das Armeleuteheim wurde 1921-22 durch Sponsoring der Sparkasse Venedig erheblich und eindrucksvoll erweitert.
Zwischen 1925 und 1933 entstand durch Zusatzbauten ein enormer medizinischer Komplex (mit diversen Fachbereichen, im www zu finden sind Pädiatrie, Gynäkologie, Kardiologie, Chirurgie, Stoffwechselkrankheiten), der weit über medizinische Sozialhilfe hinausging und der am 30.11.1933 als "Ospedale al mare" neu gegründet wurde. Königs und Mussolini kamen zu den Feierlichkeiten und an dieser Stelle setzt heute üblicherweise die Geschichte des Krankenhauses ein.
Am 24.5.1939 erhielt die Anstalt das Zertifikat "Ospedale 1ma categoria", also erster Klasse. Gut 30 Jahre arbeitete das Ospedale mit Erfolg und expandierte bis hin zur Gesamtzahl von 1500 Menschen, also Patientinnen, medizinisches und technisches Personal. Es gab modernste diagnostische und therapeutische Einrichtungen, ein prächtiges Theater wurde integriert und mit Fresken von Giuseppe Cherubini geschmückt, der auch die kleine Kirche S. M. Nascente auf dem Gelände mit Fresken ausmalte.
In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts beginnt der Abstieg. Ich finde keine genauen Erklärungen dafür, die Rede ist einfach von "Verfall". Ich stelle mir deshalb vor: es gab politische zentralistische Bewegungen in dieser Zeit. Und es wurde das psychiatrische System Italiens reformiert, die "Irrenanstalten" auf S. Servolo und S. Clemente wurden geschlossen. Peu à peu wurden Sozialausgaben gekürzt. Die Haus- und Medizintechnik der 30er Jahre war mit Sicherheit veraltet. Die Infrastuktur des Lido insgesamt änderte sich. Und sicher weitere Ursachen des "Verfalls" der dazu führt, dass im ehemaligen Krankenhaus erster Klasse ab 1999 nur Rehabili-
tationsmaßnahmen angeboten werden, 2001 nur noch mit 125 Betten. Bei aller Phantasie: wie kann das passieren? In so kurzer Zeit?!
2002 wird die Schließung des Ospedale al mare beschlossen, medizinversorgungstechnisch kein Problem, in Mestre wurde gerade ein großes Regionalkrankenhaus gebaut. Es bildet sich eine kleine bürgerliche Rettungskampagne, die nichts bewirkt und deren letzte 15 Aktivisten am 2.10.2003 von Polizei und Feuerwehr aus den besetzten Räumen geschleppt werden. Aber auch das ist noch nicht der letzte Aufreger in diesem Fall.
Das Krankenhaus zieht aus mit allem was weiter verwendet werden kann. Es bleiben aber zurück: jede Menge Mobiliar, Technik jeder Art, medizinische und sonstige Utensilien und Materialien, und vor allem datenschutzbedürftige Dokumente wie Patientenkarten, Autopsieergebnisse, Totenscheine, medizinische Gutachen für juristische Verfahren etc.. In unverschlossenen Schränken, hinter offenen Türen, in der ungesicherten Anlage des Ex-Ospedale. Ab 2008 zeigen Blogger die Zustände auf Fotos, Fernsehanstalten senden Berichte, die ernsthafte Aufreger sind.
Der große Komplex des Ospedale al mare wurde verkauft an Est Capital, das ungenutzte historische Gebäude aufkauft (auf dem Lido auch das Hotel Des Bains), aber dann werden die Informationen unübersichtlich. 2006 gibt es einen Plan, die Anlage als Hotel mit Palazzo del Cinema (für die Filmfestspiele) umzubauen, er wird nicht ausgeführt. 2009 findet sich auf der Website der Stadt Venedig eine Ausschreibung für die Gesamtanlage. 2010 kauft die Stadt die Anlage angeblich selber, für 27 Millionen. Noch ziemlich frisch (22.6.2012) gibt einen einen Artikel in La Nuova über eine geplatzte Kooperation zur Förderung des Elitetourismus zwischen Stadt und Est Capital bzw. deren Tochter Real Venice 2. Alles für mich rätselhaft und bzgl. Kapitalistenintrigen einen Aufreger wert.
Aber, und deshalb ist das Thema überhaupt in den TouristInnenfokus getreten, seit September 2011 ist das Teatro Marinoni besetzt und aktiv als BürgerInnen- und KünstlerInneninitiative "Ricreatorio Marinoni" . Diese informative Website wird momentan nicht regelmäßig bearbeitet, aber Informationen werden plakatiert bzw. mittlerweile auch auf der Website der Stadt und verschiedenen kommerziellen Seiten angekündigt. Blogger berichten seit Anfang 2012 (hier ein Beispiel).
'Hinten raus' - fast am Strand
Seit dem Frühling gab es fast an jedem Wochenende Veranstaltungen von einfach nur Party über Workshops bis zu ungepluggter Musik und Theatervorstellungen, Kooperations-
veranstaltungen mit besuchenden KünstlerInnen/Theater-
gruppen oder anderen alternativen KulturinitiatorInnen, sogar aus dem Ausland. Ich vermute, derzeit gibt es eine Juli-August-Sommerpause und im September wieder Termine an den Wochenende. Man findet sie am besten auf den wild plakatierten DIN A 4 Einladungen überall in der Stadt.
Gemischtes Publikum - meine Schlabber- hose neben Wahnsinns- heels
Ich habe das Ex-Ospedale an einem Samstag im Mai besucht und hatte ein überwältigendes Deja-vu. Gleiche Stimmung, gleiches Chaos, gleiche leicht überdrehte Kreativität wie sie in selbstverwalteten/ initiativen Gruppen herrschte, an denen ich in jungen Jahren beteiligt war.
Hier allerdings mischen zusätzlich viele alte Zausel mit, die ihre Erfahrungen der 70er Jahre an die Jüngeren weitergeben. Naja. Ich gehöre zu den alten Zauseln, aber ich beschränke mich weise auf den bittersüß-schmerzlichen Genuss des Deja-vus und hoffe, dass die Entschlossenheit und das Engagement der jungen VenezianerInnen Früchte trägt und sie ein großartiges langlebiges Kreativitäts-/Rekreationszentrum aufbauen können.
Im Moment dürften das viele Arbeiten sein, die wenig Spaß machen und keine wirklichen Erfolgserlebnisse bringen. Aufräumen, Putzen, Renovieren ist nicht das, was sich jeder unter Kreativität vorstellt.
Auch TouristInnen müssen da nicht unbedingt hin und wenn, sollten sie nicht die tolle Urlaubsshow erwarten, sondern eher anspruchslos entspannt sein und, wenn es sich ergeben sollte, auch einen Besen anfassen. Oder Ähnliches.
Arbeitsteilung
Ergänzung 19.06.2018
Der Komplex des ehemaligen Ospedale al Mare wurde soeben an den Club Med und die Hotelkette TH verkauft, die mit 350 (Club Med) und 180 Betten (TH) jeweils zwei Luxusresorts errichten werden.
liegt im Canale di Cannaregio, linke Seite, wenn man stadtauswärts fährt, rechte Seite, wenn man stadteinwärts fährt, sie ist offensichtlich neu und fiel mir beim ersten Blick auf, schon im April. Die Gondel hat für mein Auge ungewöhnlich harmonische Rundungen, auch des Verdecks, Bug und Heck sind schwungvoll etwa gleich hoch gezogen und mit einer Art silberner Stacheln verziert, sonst gibt es keine Dekorationen und das Schwarz ist matt, nicht glänzend. Elegant!
Im Mai sah ich sie wieder, und diesmal hatte sie sogar ein halbrundes Dach, ein Felze, aus goldgelbem Brokat. Ich war noch tiefer beeindruckt und natürlich neugierig, wer-wie-wo-warum.
Für derartige Fragen ist Andreas Götz seit Jahren ein sachkundiger Ansprechpartner, der mit folgender Antwort spannende und erschöpfende Informationen mailte:
Zu deiner Frage: Es ist eine Rekonstruktion einer Gondola Seicentesca,
also des siebzehnten Jahrhunderts. Das Ganze als Teamarbeit des
Meisterkurses der Gondelbauer 2011. Beratung durch Gilberto Penzo (wer
sonst?) und gebaut auf der Certosa bei Vdv (Alberto Sonnino, wo sonst?).
Der Felze ist, so wie du ihn fotografiert hast, fertig. Er war so im siebzehnten Jh.
Im Dogenpalast habe ich mal ein Bild einer gondola seicentesca gesehen.
Leider konnte ich keine Abbildung finden. Fotografieren darf man ja
eigentlich nicht und Abbildungen findet man dann nicht; ziemlich doof.
Zeitraffer des Baus der Gondel:
Bericht über den "Stapellauf":
Um die Entwicklung der Gondel skizzenhaft zu vervollständigen:
Im 15. und frühen 16. Jh. ähnelte die Gondel noch stark der Batela. Die
Unterschiede haben sich dann erst herausgebildet (Ich sehe die
Unterschiede gar nicht, also frag mich nicht). Es gab wohl schon im 15.
Jh. ein einfaches Felze. Auf dem Bild aus dem "Kreuzwunder" von Bellini
sieht man in den Gondeln runde Bögen liegen, mit denen man bei Bedarf
einen Sonnenschutz bauen konnte. Ich habe dir einen Bildausschnitt
angelegt.
Detail, Bellini "Kreuzwunder"
Für den Film Casanova wurde eine Gondel des 18. Jh. rekonstruiert. Sehr
gerade im Wasser liegend, mit hohem Ferro. Heute ist sie im Besitz des Arzana, dessen Mitglieder auch beim Film mitgewirkt haben. Foto als Anlage.
Gondel des 18. Jahrhunderts, rekonstruiert für den Film 'Casanova'
Im 19. Jh. wurden Bug und Heck immer höher
gebaut, wodurch die Gondel sehr viel wendiger wurde. Ich vermute zudem,
daß sie dadurch weniger anfällig gegen Wellenschlag wurde. Ein Problem,
daß ja erst seit dem 19. Jh. in dieser Form existiert.
Der Kurs war bei Vdv übrigens nur "zu Gast", sicher gegen entsprechende
Bezahlung. Eigentlich sind das ganz normale Produktionsstätten.
Cordiali saluti, Andreas
Grazie mille für Deine Erläuterungen und herzliche Grüße zurück.
Ich hoffe, wohlinformierte TouristInnen freuen sich wie ich beim Anblick der Gondel im Canale di Cannaregio.
Nachtrag am 15.7.2012:
Andreas Götz weist mich per Mail darauf hin, dass in der Pfarrrkirche S. Maria Assunta in Malamocco auf einem Altarbild eine Gondel des 17. Jahrhunderts dargestellt sei. Ob ich vielleicht zufällig ein Foto davon gemacht hätte?
Erster Blick: der Kommentar von Georg ist richtig - man sieht noch
nix. Zweiter Blick: Hinter dem Hotel, wo bisher alles am Rande eines
undurchdringlichen Dschungels endete, ist eine breite Schneise gerodet.
Eine Baggerspur, kein Weg, führt zu einer Reihe alter Häuser, freigelegt
und eingezäunt. Und weiter zu einer Wiese mit einem renovierten
Gebäude, in dem Umweltbildung stattfinden soll. Momentan arbeitet eine
Klasse & 2 Lehrerinnen unter Planen und Bäumen auf der Wiese.
Screenshot mit Erläuterungen
Weiter
rechts im Dschungel, mit Verbotsschildern, aber nur andeutungsweise eingezäunt, finde ich die Ruine der
ehemaligen Kartause. In einem fürchterlichen Zustand. Viele Wände mit
Balken und Brettern gestützt, die Torbögen von beiden Seiten
eingerüstet, wohl damit niemand beim Durchgang zu Schaden kommt.
Gerodeter Dschungel, freigelegte Gebäude
Alle
Dächer einge-
stürzt. Der Innenhof ist
gut erkennbar mit der ehema-
ligen Brunnen-
anlage, kein Brun-
nenkopf ist
mehr da und der Boden besteht z. T. nicht mehr aus Steinplatten sondern
aus einer Art Betonaufstrich. Keine Reste eines ehemaligen Kreuzgangs,
gab es keinen?
In der Mitte wächst ein schöner Baum, es ist still bis
auf wenige Vogelgeräusche (Oktober), die Sonne scheint, es könnte
romantisch sein, aber diese Ruine ist einfach trostlos.
Eingerüsteter Eingang in den ehemaligen Klosterinnenhof
Ich habe schon
längst aufgegebene Gebäude gefunden (z. B. S. Chiara auf Murano) die man
leichter erhalten könnte als das hier.
Und ich merke, es riecht nach Ziege. Ich gehe weiter nach rechts,
unter dem schönen alten Baumbestand lichtet sich das Unterholz, überall
Stapel von Holz, teils alte Stämme, teils frisch gerodete, weitere alte
Gebäude, Ziegendung, strenger Geruch. .
Zwei Männer in Lederjacken
überholen mich eilig und verziehen sich in den Wald, na gut,
rücksichtsvoll halte ich mich weiter rechts und stoße auf die Mauer,
die rund um die Insel führt, Aussicht auf den Lido und die Insel Sant'Andrea, ich schätze ich befinde mich auf halber
Höhe der rechten Inselseite. Die beiden Männer rennen mir plötzlich
etwas panisch entgegen und während ich ihnen noch überrascht nachsehe, folgt im
Galopp eine Ziegenherde, allen voran der Leithammel. Aha! Es ging
vielleicht nicht um ein Schäferstündchen (haha) sondern um einen
frischen Ziegenbraten (bäh!), den die Herde geschlossen verhindert hat?
Bei meinem Anblick bleibt sie stehen, ich mache schnell ein Ziegenfoto
und ziehe mich dann ebenfalls zurück, um kein Mißverständnis zu provozieren. .
Ziegenherde, mit Zoom
Ich gehe an der Mauer entlang zurück und überquere die Hasenwiese (siehe Eintrag vom 17.10.2009) auch hier wurde sehr geputzt und gerodet, Gebäude freigelegt. Damit war der Besuch im Oktober allerdings beendet, Inselumrundung gescheitert. .
Nächster Besuch im April 2012, diesmal bin ich schlauer, marschiere früh um 8 Uhr auf der Insel an, bekomme vom freundlichen Barista des Hotels schon einen Espresso (Normalpreis 1 €) obwohl er erst ab 9 im Dienst ist und starte auf der linken Seite der Insel. Die Werkstätten wurden weiter ausgebaut, die Werft hat anscheinend gut zu tun.
Eines der 'hohlen' Gebäude, zu füllen mit einem der energieautarken Gebäude des Projekts
Das sog. Pilot- gebäude des Projekts steht und funktio- niert, es ist das Wasch- und Sani- tärhaus für die Marina. Eine ganze Reihe Waschmaschinen und Trockner erhalten Energie durch Photovoltaikpaneele auf dem Dach. Es gibt Duschen und Toiletten, deren Wasserversorgung ich als Laiin nicht definieren kann. Aber die Putzkolonne ist im Gebäude (deshalb kein Foto), und jeder teure südfranzösische Edelcampingplatz muss sich verstecken vor dieser blitzenden Sauberkeit. .
Blick von der erweiterten Marina auf Turm und Dom S. Pietro, Turm S. Marco, Arsenaleeingang und Turm Porta Nuova, Turm S. Francesco della Vigna
Die Marina ist erheblich größer geworden und gut belegt, sie zieht sich an der ganzen linken Inselseite entlang.
An der Innenseite der Umgebungsmauer gibt es eine ganze Reihe 'hohler' alter Gebäude, die wohl projektplangemäß für den Ausbau vorgesehen sind. Bisher ist nichts passiert.
Aber der ganze Park, Wiesen, Hügel, frische und alte Sträucher um Bäume, viele Blumen- und Gewürzbüsche, Rosmarin, Thymian, Salbei, Bärlauch etc. sind bestens gepflegt, Hasen hoppeln (frühmorgens!) enorme Viefalt von Vogellauten (April!), es ist eine Freude. Dieser Park ist wirklich ein Gewinn für Venedig und die Lagune und wird in einigen Jahren einer der Lieblingsausflugsorte der VenezianerInnen sein. .
Gesunder Bärlauch neben giftigem Aaronstab im Parkgelände
Die Insel- ummaue- rung endet, man geht weiter auf der 'wilden' Hälfte der Insel, ein Natur- schutz- und Jagd- verbots- schild. Mehr Hasen, ein schöner Fasan im Unterholz.
Ich gehe entlang des Ufers und stoße an der Wasserkreuzung zwischen den Inseln Certosa, Vignole und Sant'Andrea auf eine sandige Anlandestelle, für Kajaks, denke ich, aber auch nett zum Buddeln, und finde diverse Muscheln, vor allem kleine Austern. Von hier aus kommt man jetzt gut in das Innere der Insel, das Unterholz, Brombeeren etc. liegen noch darnieder, Rodungen gab es hier noch nicht. .
Sandanlegestelle an der Kanalkreuzung
Ich wende mich auf die rechte Inselseite, entlang des Ufers gibt es Sandanschwemmungen, algenbedeckt, außerhalb des niedrigen Mäuerchens das die Ufer hier befestigt. Auf ca. halber Strecke stoße ich wieder auf die Einfassungsmauer der Insel, hier gibt es ein verschließbares aber offenes Tor, direkt dahinter rechts hat sich eine Wassersportschule für Kinder angesiedelt, es liegen Boote, Kajaks, Ruder etc. herum. Die sandigen Ufer scheinen ein sicherer Platz für junge AnfängerInnen zu sein. .
Kaum bin ich innerhalb des Tors rieche ich es schon: Ziegen- revier!
Keine Ziege interessiert sich für mich, es hat sich hier auch nichts verändert seit Oktober, aber weiter vorne, zwischen Park und ehemaligem Kloster, sind die Säuberungen weiter fortgeschritten. Renovierungen an den freigelegten Häusern hat es auch hier nicht gegeben. Das Kloster ist nicht mehr ganz so nebenbei eingezäunt, aber trotzdem kein Problem reinzukommen, und trotz Frühlingsmorgen packt mich bei seinem Anblick die Trauer. .
ehemaliger Klosterinnenhof April 2012
Der Tornado am 12. Juni hat laut Twitter der Stadt Venezia den alten Baumbe- stand der Insel und die Ruinen des Klosters zerstört. Auch die Außenanlagen des Hotels/ Restaurants, aber das dürfte ein Fall für die Versicherung sein. Ich fürchte, dass das Natur- und Kulturerbe der Kartäuserinsel, das schon in den letzten 300 Jahren gelitten hatte, unwiderruflich verloren ist. Die drei alten Bäume, die schon den Tornado von 1970 überlebt hatten - I Giganti - haben es auch diesmal geschafft, immerhin.
Das Projekt Certosa - Urban Park 2015 muss durch dieses Naturereignis nicht nachhaltig geschädigt worden sein. Egal ob das Projekt derzeit im Plan ist oder nicht (was ich nicht beurteilen kann & will), die Insel hat eine beeindruckende Entwicklung gemacht und die LagunenbewohnerInnen Bevölkerung wie auch TouristInnen profitieren davon.
Der Projekträger Vento di Venezia (VdV) teilt mit, dass in der Marina keine Boote beschädigt wurden (während ein paar 100 m weiter die Marina von Sant'Elena komplett aufgemischt wurde).
VdV informierte gestern, 16.6. in einer Pressemitteilung, dass der Park aus Sicherheitsgründen geschlossen bleibt bis alle Gefahrenquellen beseitigt sind, vermutlich mehrere Wochen. Zunächst soll vor allem der Servicebereich, sprich Vaporettohalt, Werkstätten und Gärtnergebäude im rechten vorderen Bereich der Insel wieder den Sicherheitsstandards entsprechen.
Alte Bäume an der 'Hasenwiese', Umgebung gerodet, Okt. 2011
Dieser Wunsch in wessen Ohr auch immer, aber bitte in Erfüllung. Dann muss man nur noch wissen: Knopf drücken, wenn man nach einem Besuch der Certosa wieder runter will. Sonst hält das Vaporetto nicht. Ist mir passiert, weil ich geblendet von der Mittagssonne am Knopf vorbeimarschiert bin. .
Laden 'Malefatte' der Kooperative Rio Terà dei Pensieri, Cannaregio 2433
Rio Terà dei Pensieri ist die Adresse der Landseite des venezianischen Männergefängnisses.
Ein rio terà ist in Venedig ein aufgeschütteter ehemaliger Fluss, pensieri sind Gedanken oder auch Sorgen. Die anderen 3 Seiten des Gefängniskomplexes in der ehemaligen Klosteranlage und Kirche S. Maria Maggiore sind immer noch Kanäle. (Siehe auch Eintrag 3 Nächte Kloster vom 23.6.2011)
Rio Terà dei Pensieriist aber auch das Label für Produkte, die in den vene- zianischen Gefängissen hergestellt werden. Mode aus Knästen erfreut sich ja exotischer Beliebtheit, Tatsache ist aber auch, dass die Sachen normalerweise von sehr guter Material- qualität und Verarbeitung sind und zusätzlich zur Exotik einen echten Mehrwert bieten. Neben der Tatsache, dass man korrekt kauft, was ja nicht unerheblich ist.Ich bin per Zufall auf das einzige Geschäft in der Stadt gestoßen, das Rio Terà dei Pensieri-Produkte verkauft und habe mich mit mitzubringselnden T-Shirts und Juteaschen eingedeckt. Es liegt ganz zentral in Cannaregio, an der Kirche S. Fosca die Brücke hinter dem Denkmal von Paolo Sarpi überqueren, geradeaus weiter in die Calle Zancani, nach wenigen Schritten liegt das Geschäft auf der rechten Straßenseite. Der Laden ist montags Vormittag geschlossen und hat eine Mittagspause.
Mit den T-Shirts und vor allem den Taschen hat man schöne, originelle original venezianische gebrauchsfähige Mitbringsel jenseits von Masken und Hinstellerchen, und alle tragen schön ihr Knastlabel. Der absolute Schrei dieses Sommers sind Taschen, hergestellt aus dem Goldstoff, der anläßlich des Besuches des Papstes als Dekoration verwendet wurde. Im Juni konnte man diese Ta- schen vorbestellen, wie der aktuelle Stand dieses Sensations- produkts ist weiß ich leider nicht.... sind auch nicht so ganz mein persönlicher Geschmack :-), während ich die bunten, sehr stabilen Leder- und Plastiktaschen in allen Größen wirklich klasse finde.
Giudecca, Campo vor der Ex- Klosterkirche SS. Cosma e Damiano, ein paar Schritte von der Fondamenta delle Convertite Das Frauengefängnis auf der Giudecca, im ehemaligen Klosterkomplex der Convertite an der Fondamenta delle Convertite verkauft übrigens auch seine Produkte, und zwar Gemüse und Obst aus dem Knastgarten, jeden Donnerstagvormittag ab 9 Uhr. Weniger als Mitbringsel geeignet, aber vielleicht mit ein guter Grund, die touristisch sehr ruhige Giudecca einmal zu besuchen.
Ergänzung 17. Mai 2013 Ende 2012 wurde "Malefatte" geschlossen. Alle Knastprodukte aus Venedig sind im Direktverkauf am Campo S. Stefano erhältlich, außerdem bei Wiederverkäufern in Venedig und anderswo. Außerdem gibt es seit einigen Tagen und vorübergehend im Museumsshop der Peggy Guggenheim Collection in Venedig (für Leute, die gerne in Museumsshops stöbern, sowieso ein Muss!) als Sonderaktion Malefatte-Taschen, die aus PVC-Bannern für frühere Guggenheim-Ausstellungen hergestellt wurden. Eine schöne Marketingidee mit Zusatzwert, ein dazu passender Ausstellungskatalog steckt ausserdem noch in den Malefatte-Taschen.
Ergänzung 18. Juli 2014 Es gibt mittlerweile eine neue Verkaufsstelle für die Produkte von Rio Terà dei Pensieri: ein neu eröffnetes Geschäft für Design direkt neben der (immer geschlosssenen) Kirche S. Antonin in Castello. Große Auswahl an Taschen, Kosmetik etc. Genau hier (damals stand das Ladenlokal zur Vermietung):
Seit dem 1. Februar gibt es eine Website des Deutschen Pavillons der Biennale, die als eine Art Mosaik konzipiert ist auf den Tag der Biennaleeröffnung hin, und sich ziemlich schnell und interessant entwickelt:
Ich jedenfalls fühle mich durch diese Website sehr animiert und bin gespannt auf die Präsentation im Juni. Die Arbeit von Isa Genzke 2007 habe ich nicht verstanden und diese eigenartig flache Fussbodenausstellung in dem hohem Raum machte auf mich den Eindruck eines unaufgeräumten Kindergartens, und während mich die Küche von Liam Gillick 2009 bei aller Liebe einfach überhaupt nicht hinreißen konnte...
...habe ich Hoffnung auf eine authentische Darstellung des Werkes von Christoph Schlingensief, die mich von den Füssen holt! Ein vielversprechender Anfang ist gemacht, finde ich.
Fotos Georg Eichinger ...wurde nach über 3jähriger Renovierung im Oktober wieder eröffnet.
Er liegt links von der Vaporetto-Haltestelle Biennale, in der schönen schattigen Allee Viale Garibaldi. Nach rechts geht es zu den Giardini der Biennale.
Die kleine venezianische "Serra ai Giardini di Castello" stammt aus dem Jahr 1894, eines der vielen, teils riesigen, Gewächshäuser in Mitteleuropa, die winters exotische Pflanzen aufnahmen, in Folge der Orangerien des Barocks die außer Mode gekommen waren. Sie wurde in den 90ern verlassen und rottete vor sich hin, mehrfach stand ich ziemlich fassungslos angesichts des Jammers am Gartenzaun und finde auch in meinem Archiv kein einziges Foto. Vermutlich hat mich der Anblick so deprimiert...
Jetzt ist der Bau für ca. 700.000 € wieder flott gemacht, mit seinen 280 qm und Höhe von ca. 7 m, die Nord- und Nordwestwand aus Ziegel, die Süd- und Südostseite aus Glas und Gußeisensäulen.Zum Renovierungsprojekt gehört, weitgehend Originalteile wieder zu nutzen, aber zu Stabilisierung auch neue Elemente in möglichst geringem Umfang, vor allem für die Verstärkung der Fundamente einzusetzen, denn die Serra steht unter Denkmalschutz. 12 alte Gußeisensäulen als tragende Struktur wurden ergänzt durch 9 neue Eisensäulen zwecks Unterstützung, die Scheibenflächen restauriert/erneuert. Die technische Infrastruktur wurde modernisiert.
Der Wintergarten wurde wohl schon früher von den "einfachen" Bürger von Castello genutzt, und das soll auch in Zukunft so sein, als Stadtteiltreffpunkt mit Schwerpunkt Umweltbildung für alle Altersgruppen. Derzeit gibt es schon mal einen Pflanzenladen, geplant ist ein Café. Man kann sich also bei einem Kaffee auf dem Weg von und zur Biennale im nächsten Sommer den Wintergarten in Ruhe ansehen.
Man sollte nicht erwarten, dass es ausser im Zusammenhang mit Biennalen o.ä. (z. B. 2009) etwas über La Certosa zu berichten gäbe. Wenn man nicht gerade Nutzer der Marina oder Werft ist, kommt man auch kaum auf die Idee, im einzigen Hotel dieser Insel abzusteigen, obwohl sie ja vaprotettotechnisch gut angeschlossenist.
Deshalb überrascht mich ein Projekt, auf das ich eher zufällig stieß und das ich ziemlich spannend finde: Certosa Urban Park 2015. Es wurde auf der Expo in Shanghai im Bereich 'Best Urban Practice' im Pavillon Venedigs im Juni vorgestellt ist wohl auch auf der Architekturbiennale in Venedig seit August zu sehen.
Die Idee ist, La Certosa ener- getisch unab- hängig und selbst- versorgend auszu- bauen. Heißt, die gesamte Ver- und Entsorgung der Insel und ihrer erweiterten künftigen Infrastruktur = Schiffbau und Marina, Hotellerie inkl. Jugenherberge, Bildungs- und Konferenzbereiche, Museums/ Kunst-, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Naturbereiche inklusive agrarische Nutzung, nach Prinzipien der Nachhaltigkeit umzugestalten. Unabhängig von den venezianschen Versorgungsnetzen von Energie, Wasser, Abwasser, Kommunikation, und Co2- und Kosten frei.
Unter dem Link oben wird das ganz gut dargestellt, aber extrem schnell, ich empfehle, den Präsentationsfilm immer wieder zu stoppen um die Einzelheiten in Ruhe anzusehen. Hier kurz:
Elektrizität , Heizung und Warmwasser werden solar erzeugt durch Photovoltaik und Solarthermie, sowohl auf Außenflächen der Gebäude als auch auf freien Flächen der Insel.
Gewinnung von Wasserstoff durch Elektrolyse und dessen Nutzung für den Küchenbereich und als Unterstützung für zusätzliche Generatoren.
Wiedernutzung alter venezianischer Wasserspeicherungstechnologien in Form von unterirdischen Brunnen und Tanks im Bereich des ehemaligen Kartäuserklosters auf der Insel. Diese Wasserspeicherung soll auch zu Kühlungszwecken verwendet werden können, zusammen mit solaren Kühlungseinrichtungen.
Abwasserbehandlung in Filtern unterhalb der Inseloberfläche, deren Rückstände kompostiert wieder verwendet werden können.
Kommunikationsversorgung durch drahtloses Breitband.
La Certosa im Dornröschen- schlaf
Das alles ist nicht neu, auch der modifizierte Einsatz alter Technologien wird vielseitig angewendet z. B. im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Im komplizierten Ökosystem der Lagune ist aber der Rückgriff auf alte Technologien mithilfe neuer Methoden eine spannende Angelegenheit. Früher war jede einzelne Insel zwangsläufig und selbstver- ständlich eine selbstversorgende Einheit. Dieses Projekt auf La Certosa im Rahmen des lagunaren Systems und des modernen urbanen Systems ermöglicht Lernerfahrungen, und zwar OHNE normale Bewohner aus ihrem beruflichen und häuslichen Alltag zu reißen, wie das z. B. auf S. Erasmo der Fall wäre. Da es quasi keine Bewohner auf La Certosa gibt.
Auf der anderen Seite impliziert ein "Best Practice"-Projekt natürlich auch, dass es anwendbar und übertragbar sein sollte, um nicht ein sozusagen "Particular Practice" zu sein. Viel Phantasie ist nicht nötig, um Fördergelder, Forschungsmittel etc. in den Sand gesetzt zu befürchten für eine neue Infrastruktur, die in der Folge nicht angemessen genutzt wird. Lassen wir uns überraschen und das Projekt im Auge behalten wie einige weitere im Laufe der nächsten Jahre.
There is something so different in Venice from any other place in the world, that you leave at once all accustomed habits and everyday sights to enter an echanted garden.
Carlo Fruttero:
Perché nessun' altra città al mondo è immersa come questa non già nell'acqua ma nel tempo. È il tempo che circola nei canali, lambisce i palazzi, scivola tra piccoli ponti, cupole, erosi gradini di pietra; è il tempo che impregna persino gli umili souvenir in vendita per i turisti.
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