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17. Februar 2019

Lazzaretti in der venezianischen Lagune


Die UNESCO wird im Juli entscheiden, ob Venedig angemessen auf die Forderungen reagiert hat, die den Verbleib von Stadt und Lagune auf der Welterbeliste erlauben, oder ob sie statt dessen auf die Liste der Gefährdeten wandert. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein, mit dem ungelösten Problem der Riesenschiffe im Stadtzentrum, den Bürger*innen, die um ihren Wohn- und Lebensraum kämpfen, aber keinesfalls in einem "Open-Air-Museum" leben wollen, und dem aktuellen Bericht der Stadt an die UNESCO, dessen Selbstgefälligkeit auch bitteren Spott provozierte. 
Mehr zum Thema Veröffentlichtes gibt es auf der Seite der Stadt Venedig, und auch ich habe das alles bisher nur quer gelesen. 

Diverse 'Rettungs'-Bemühungen, halbherzig oder einseitig, lassen vielleicht auf die UNESCO, aber nicht auf Besserung des Hypertourismus in Venedig und der Lagune hoffen, auch nicht auf Ausgleich der Wirtschafts- und Bürgerinteressen. Aber es springt z. B. ein Schnäppchen dabei heraus - in diesem Fall 10 Millionen € vom italienischen Kulturministerium MIBAC für die Insel Lazzaretto Vecchio. Das Geld gibt es für den Abschluss der bisher für 27 Millionen € durchgeführten Bausanierung inklusive archäologischer Grabungen des historischen Gebäudekomplexes (siehe Bericht der Universität IUAV) und die Einrichtung des ersten Museums der Geschichte der Stadt und der Lagune. 

Die beiden Lazzaretto-Inseln, Vecchio als Isolations- und Sterbeort für Pestkranke, Nuovo als Quarantänestation für Personen und Waren ankommender Schiffe, deren Befall von Pest nicht eindeutig außer Frage stand, sind heute die beiden authentischen Inseln, die kommerziell-touristisch garantiert nicht in Frage stehen. Auch weil der Besuch nicht jederzeit möglich ist (siehe weiter unten) und weil sie von nicht-touristischen venezianischen Einrichtungen gepflegt werden. Mit dem entstehenden neuen archäologischen Nationalmuseum auf Lazzaretto Vecchio wird sich das hoffentlich nicht allzusehr ändern. 




Auf der riesigen bebauten Grundfläche gibt es genügend Platz, die lange Geschichte von Stadt und Lagune mit Exponaten darzustellen. Außerdem sollen zeitlich befristete Ausstellungen oder Aktivitäten stattfinden, wie bereits erstmals während der Kunstbiennale 2015, als neben dem Pavillon der Niederlande in den Giardini die ganze Insel Lazzaretto Vecchio mit Werken zum Thema "Natur Mater" für die Einzelausstellung von Herman de Vries genutzt wurde. Eine damals einzigartige Biennaleerfahrung inklusive Bootsfahrt über die Lagune.  


Eines der Exponate befindet sich seit dem Herbst 2018 schon auf der Insel:
eine vera da pozzo, ein Brunnenkopf, seit 50 Jahren verschollen und wiedergefunden.


Der Archeoclub Venezia, der mit Ehrenamtlichen die samstäglichen Führungen auf Lazzaretto Nuovo und in den letzten 5 Jahren die monatlichen Führungen auf Lazzaretto Vecchio, jeweils vom März bis September, kostenlos anbietet, hatte immer um Spenden für das geplante Historische Museum auf Lazzaretto Vecchio gebeten und für seine Pläne geworben. Die nicht wenige Einheimische und Besucher*innen, auch ich, für ein Traumprojekt in den Sternen hielten. Umso besser, wenn die engagierten Mühen jetzt belohnt werden mit Staatsknete und das Museum vielleicht doch in absehbarer Zeit entsteht.



Mit diesen Plänen wird ganz klar auf die Gunst der UNESCO gezielt, denn man hofft, durch die kulturelle Aufwertung einiger weniger Inseln (im Gegensatz zur steigenden Zahl der exklusiven Resort-Inseln - längst überholt ist der Eintrag vom 9.11.2013: Venezianische Inselperspektiven) das Kulturerbemarketing zu stärken. Und darüberhinaus hofft man, wofür seit Jahren geworben wird, einen Teil der Massen aus der Stadt in die Lagune zu locken, was bisher hauptsächlich bei den 3 wichtigsten Inseln der Laguna Nord klappt.


Hier sind zum Nachlesen die bisherigen Einträge zu den beiden Lazzaretti mit interessanten Details und Links:

11.10.2016  Die venezianischen Lazzarette
21.10.2015 Saisonende auf den venezianischen Lazzaretten
25.3.2012 Lazzaretto Nuovo ab 1. April
28.2.2010 Lazzaretto Nuovo


Im Lazzaretto Vecchio gibt es während der Bauphase einige außerordentliche Führungen (Termine füge ich unten unter den Ergänzungen ein). Danach wird wohl die bisher während der Führungen angekündigte kurze Brücke vom Nordufer des Lido zum Südtor des Lazzaretto fertig sein und Besucher*innen müssen nicht mehr per Boot ins neue Museum übergesetzt werden.

Das Führungsprogramm an Samstagen auf Lazzaretto Nuovo wird wohl wie immer im März beginnen. Das Sommerprogramm, auch das erfolgreiche jährliche archäologische Grabungs-Sommercamp-Programm für Jugendliche wird hier nachgereicht, sobald es veröffentlicht ist. 






Ergänzung 8.3.2019

Die zweijährig erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift "Rassegna di Archeologia" - Berichte über regionale archäologische Forschungsergebnisse des Veneto und der oberen Adria - wird zum 15. Mal veröffentlicht. Die Berichte werden in Zusammenarbeit von Archeoclub, Kulturministerium und Stiftung Querini Stampalia am 14., 21., 28.3, und 4.4. jeweils um 17:30 Uhr vorgestellt  in der Fondazione Querini Stampalia, Programm siehe Link. 

Die Veranstaltung am 21.3. stellt die neue Publikation zu den Inschriften (Graffiti) im Lazzaretto Vecchio vor. Mehr dazu von der Website der Lazzaretti.
(Die Autorin hat bereits zu den Graffiti im Lazzaretto Nuovo eine ausgezeichnete Studie veröffentlicht: Francesca Malagnini: Il Lazzaretto Nuovo di Venezia. Le scritture parietali, das auf der letzten Rassegna di Archeologia im März 2017 vorgestellt wurde.)

Die Veranstaltung am 14.3. dreht sich um das in Gründung befindliche Archäologische Nationalmuseum Venedigs und der Lagune, das auf Lazzaretto Vecchio eingerichtet wird. Die Sache geht voran, sehr spannend. Eintritt frei ohne Anmeldung. Informationen über Archeoclub +39041-2444011, info@archeove.com.

Ergänzung 19.3.2019
Die ersten Termine für außerordentliche Führungen im Lazzaretto vecchio sind der 14.4. und der 12.5., Anmeldung erforderlich. Formular für den 14.4. (unter scegli orario' den gewünschten Termin eingeben) und für den 12.5.; die Führungen sind kostenlos, aber eine Spende für das neue Nationalmuseum wird erwartet. Anfahrt mit den Vaporetti 1, 5.1.,5.2 nach Lido-S.M. Elisabetta, von dort zu Fuß 20 Minuten zur Riva Corinto oder mit den Bussen A, B, C Richtung Malamocco.

Ergänzung 6.4.2019
Die Führungen auf Lazzaretto Nuovo beginnen  am 7.4. Alle Details unter dem Link.
NEU: ein Wanderpfad durch die Barena, die die Insel umgiebt. Wer einmal auf Lazzaretto Nuova war und dort die Aussicht über die Salzwiesen genießen konnte, hat sich das sicher schon gewünscht. Die kurze Wanderung ist jetzt in der Führung jetzt enthalten.




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12. November 2018

Aurora Terza Colonna

Piazetta September 2018

Nach dem letzten Eintrag zur Archäologie der Baustellen an der Piazza und den Giardini Reali bleiben wir noch einen Moment bei der Archäologie. Denn der schöne Titel dieses Textes bezieht sich auf ein weiteres archäologisches Projekt am Ufer des Bacino. Die dritte Säule, la terza colonna. Die man gerne ans Licht der Morgenröte heben würde... wenn man sie denn findet.

Die beiden Säulen am Ufer der Piazzetta gehören unverzichtbar zum Gesamtpanorama des Bacino S. Marco und den Wahrzeichen der Stadt Venedig. Sie tragen die beiden Heiligen Venedigs. Rechts auf rotem Granit der erste Stadtheilige San Theódoros (venezianisch Tòdaro), ein orthodoxer Soldatenheiliger aus den byzantinischen Anfängen Venedigs, der auf dem besiegten Drachen steht, siehe auch Eintrag vom 11.11.16 "Neue Restaurierungs-Cam: der Tòdaro". Links auf grauem Granit der Patron der Serenissima Repubblica und jetzt der Stadt Venedig, San Marco, bzw. sein Symbol, der Markuslöwe

Die beiden Granitmonolithe landeten im 12. JH in Venedig, vermutlich in der Amtszeit des Dogen Domenico Michiel. Es gibt keine Dokumente über die Ankunft dieser Säulen und deshalb ist bis heute strittig, woher sie kamen - aus Konstantinopel oder aus dem sog. Heiligen Land, das zu diesem Zeitpunkt bereits von zwei Kreuzzügen überfallen und geplündert worden war. Venedig war an diesen Kreuzzügen nur auf privatwirtschaftlicher Ebene beteiligt, vor allem in der maritimen Versorgungstechnik mit Materialien, die vor und nach den Eroberungen gebraucht wurden, z. B. Holz für Belagerungen und als Baumaterial. Konstantinopel und sein Umfeld wurde erst mit dem 4. Kreuzzug 1204 ausgeraubt, an dem die Venezianer allerdings führend teilnahmen. In Konstantinopel hätte man im 12. JH für die Säulen bezahlen müssen - in Palästina konnte man sie "nehmen", weshalb ich diese Vermutung für wahrscheinlicher halte. 
Umso mehr, als es sich um DREI Säulen gehandelt haben soll, wie Francesco Sansovino ca. 350 Jahre später diese Überlieferung zum ersten Mal schriftlich dokumentiert. Für den Transport seien drei Schiffe eingesetzt worden, und eine der drei Säulen sei beim Versuch, sie an Land zu schaffen, ins Wasser gefallen. Es gab keine Möglichkeit, den schweren Granit dieses Formats wieder rauszufischen, ebenso wenig war es technisch möglich, die beiden anderen Riesendinger an Land hinzustellen, weshalb sie zunächst einige Jahrzehnte am Ufer liegen blieben. 

Erst der Doge Sebastiono Ziani, der das Gelände westlich und südlich von San Marco, damals ungepflastert und teils Gemüsegarten der Nonnen von S. Zaccaria, teils  Befestigung des Dogenpalastes und Hafenanlage, als Piazza und Piazzetta stadtplanerisch gestalten liess, fand im Architekten Nicolò Barattiero den fähigen Mann, der die beiden Säulen an der heutigen Stelle aufrichten konnte. (Ich habe einen italienischen Text gelesen, der das Verfahren beschreibt, aber ihn nicht wirklich kapiert. Beteiligt waren lange dicke Seile (aus dem Arsenale) und viel Wasser, um Reibungstemperaturen niedrig zu halten.) Die Sockel wurden dekoriert mit heute kaum noch erkennbaren Darstellungen venezianischer Handwerker. Als Lohn für seine Arbeit erhielt Barattiero auf seinen Wunsch die Genehmigung, Glücksspiele auf den Sockelstufen der Säulen zu betreiben (und bis hin zu Canaletto und Guardi sieht man die Darstellung von Spielern unter den Säulen). 
Erst zu Beginn des 14. JH wurden die beiden Heiligen auf den Säulen installiert (und damit sind alle Fotomontagen, auf denen die im 12. JH  'verlorene' 3. Säule mit einer Statue auf ihrem Kapitell zu sehen ist, Quark per se).



Von Glücksspielen abgesehen unterlag der Bereich zwischen den Säulen bald einem Tabu unter der Bevölkerung, denn die finalen öffentlichen Exekutionen von Kapitalstrafen, die zuvor an anderen Uferstellen stattfanden (vor S. Giorgio Maggiore und bei S. Giovanni in Bragora) wurden ans Ufer der Piazzetta zwischen die Säulen verlegt. Kapitalstrafen waren in Venedig (wie anderswo im Mittelalter) eine ritualisierte zeitaufwändige Prozedur, die in der Regel am Tatort des Verbrechens begann mit Abtrennen der rechten Hand und anschließender Präsentation des Delinquenten, mit der Hand um den Hals gehängt, per Boot und mit einem Ausrufer durch die gesamte Länge des Canal Grande bis zum 'Palco', dem Gerüst, das für jede Hinrichtung zwischen den beiden Säulen aufgebaut wurde.  (Auf dem de' Barbari Stadtplan von 1500 ist die Stelle zwischen den Säulen, ohne Gerüst, gut sichtbar markiert.) Venezianer*innen vermeiden bis heute, zwischen den Säulen durchzugehen. Auch bei der Führung im Ateneo Veneto bzw. der Scuola Grande di San Fantin fand der Abschlussvortrag des Rundgangs nicht etwa zwischen den Säulen, sondern mit einer schnellen Handbewegung "...bleiben wir doch hier stehen..." links der San-Marco-Säule statt. 
Trotzdem ist der Bereich zwischen den Säulen wie um die Säulen herum immer rappelvoll, dafür sorgen dankenswerterweise wir Tourist*innen, denn wir übertreffen die Zahl der Einheimischen ja bei weitem und wissen in der Regel wenig von historischen Details. 


Piazzetta und Piazza, De' Barbari 1500
Zwischen den Säulen,  De' Barbari 1500

Die dritte Säule, la terza colonna, liegt nach über 800 Jahren Überlieferung im Schlamm, ist bisher eine schöne Legende und verlangt nach Beweisen. Es wurde im trüben Wasser des Bacino getaucht, es wurde mit Satellitenaufnahmen nach Objekten mit spezifischer Dichte gesucht. Seit einiger Zeit werden Suchaktionen mit Spezialkameras und/oder Computertechnik angekündigt:

Laut La Nuova vom 29.6.2016 wird die 3. Säule in 7 m Tiefe vermutet.
Laut La Nuova 20.12.2016 sollen die Untersuchungen im Februar beginnen.
Laut Nuova am 27.7.2017 sollen die Untersuchungen im September beginnen und ein Fernsehbericht vom April 2017 nennt Details wie Kosten von 350 Mio €, die komplett von Sponsoren übernommen werden.
Im Januar 2018 verdichten sich die Medienmeldungen, unter anderem bei Venezia Today 29.1.2018 dank einer Einladung des Ateneo Veneto zur Projektvorstellung Aurora Terza Colonna.

Über Venipedia TV wird die Präsentation des Projekts am 30.1.2018 ins www gestellt und wer italienisch kann und eine Stunde Zeit hat, kann sich trotz der unprofessionellen Filmqualität (Mikro nicht an die Kamera angeschlossen, die projizierten Charts nicht sichtbar) diesen Film ansehen, den ich hier der Vollständigkeit halber verlinke. Der große Saal des Ateneo Veneto war bis auf den letzten Platz besetzt, wie man sehen kann. Auf dem Podium saßen neben Vertreter*innen von Venipedia, des Ateneo Veneto, der oberen Behörde für Archäologie Friaul Venedig auch die Projektmitarbeiter*innen Marco Bortoletto (Archäologe), Barbara Chiozzotto (tomografische Untersuchungen) und die künstlerischen Mitarbeiter Nicola Baratto und Yannis Mouravas. Interessant ist der Beitrag von Marco Bortoletto ab Minute 40, der die bisherigen restaurativen Eingriffe im Bereich der Piazza wie Basis des Campanile, Erhöhung des Ufers, Uhrturm etc. schildert und die archäologischen und historischen Kenntnisse, die daraus gewonnen werden konnten. Und er stellt die dem Auditorium bekannten Überlieferungen, sprich Legenden, dem archäologischen und durch Dokumente gesicherten Wissen über die Geschichte der Piazza und der sie umgebenden Gebäude gegenüber. Leider spricht er ab Minute 50 im Stehen und mit einem Handmikrofon, und damit ist es leider ziemlich vorbei mit der ohnehin schlechten Verständlichkeit. Schade. 

Untersucht werden soll der Bereich des Molo ab der Linie Dogenpalast und über das Ufer hinaus in gleicher Tiefe (also vor allem das Becken, in dem die Gondole stationiert sind), in der Breite von der Biblioteca Marciana bis zum Rio della Canonica, der zwischen Dogenpalast und Gefängnis unter dem Ponte die Paglia und der Seufzerbrücke fließt. Das ist eine große Wasserfläche plus eine heute bebaute bzw. befestigte Fläche (von insgesamt 7.000 m2), die im 12. JH vor den städtebaulichen Maßnahmen des Dogen Sebastiano Ziani zum Teil noch zum Hafenbecken gehörten, was aber mangels Dokumenten bisher nicht zu belegen ist. 
Von den Untersuchungen mit Tomografie und anderen elektronischen Hilfsmitteln erhofft man sich valide archäologische Erkenntnisse über diesen Zeitraum venezianischer Geschichte. Ob man dabei wirklich eine dritte Säule entdeckt, wird sich zeigen. Dass man sie nach der Dokumentation heben würde, möchte ich persönlich nicht hoffen. Der Schlamm ist, falls dem so ist, ihr Platz seit 800 Jahren, wozu sollte sie im Jahr 2018 am Ufer des kulturellen Welterbes Venedig und Lagune dienen? Als Werbepfeiler für eine gigantische Rolex?

Für die Projektfinanzierung stehen die Musso Holding, Save Innovations, und zwei weitere Namen, die ich mit Suchmaschinen nicht finde: Ilcorest und Morgan. 
Im Herbst (Oktober?) soll das Suchprojekt starten, aber Terminankündigungen gab es bisher ja diverse. Die letzten Medienberichte sind immer noch Vorankündigungen, wie der geschwätzige Text von Atlas Obscura vom 7.3.18 und der kurze, aber seriöse Beitrag von ANSA.it am 22.6.18, sowie eine gute Zusammenfassung des aktuellen Stands im Mai von venezia.italiani.it und ein weiterer TV-Bericht vom 17.7.18

Sind wir also gespannt auf die Forschungsergebnisse. Berichte, die irgendwann veröffentlicht werden sollten, werden hier als Nachträge angefügt.


Molo der Piazzetta März 2018



Nachtrag 13.11.
Schneller als gedacht kommt der erste Nachtrag: der Corriere delle Alpi verlinkt ein Video von 2017 mit dem Zusatz "al via le ricerce", auf dem Weg. Könnte bedeuten, dass die Untersuchungen gerade beginnen/begonnen haben. 



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30. Oktober 2018

Kleine Zwischenmeldung zu den Baustellen




Um die Berichte zu diesen Baustellen geht es, vor 1 Jahr geschrieben:

5.11.2017 Baustellen in Venedig - Giardini Reali
9.11.2017 Die nächste Baustelle - Piazza S. Marco

Nicht, dass sich in einem Jahr sichtbar viel getan hätte! Es geht alles seinen venezianischen Gang. Aber zum Glück fanden sich, wie zu erwarten, an beiden Baustellen archäologische Aufgaben, die erstmal in Ruhe abgearbeitet werden müssen. 

Unter den Procuratie Vecchie wurden im Rahmen der derzeitigen Arbeiten (Restaurierungen kann man es wohl nicht nennen, vielleicht Neugestaltung) beim Wiederaufbau der ehemaligen Bar "Eden" mittelalterliche Mauerreste gefunden, in denen die Archäolog*innen Reste der ganz alten Procuratie aus dem 12. JH sehen. Das Gebäude brannte 1512 ab und wurde ab 1514-1538 neu errichtet, der Name des Architekten ist lt. Wolfgang Wolter ("Der Markusplatz in Venedig") nicht bekannt. Die Mauerreste, naja Mäuerchen, wurden beim Verlegen neuer Abwasserleitungen entdeckt, ihre Lage (nicht in Linie mit dem Bau der 'neuen' Procuratie Vecchie), entspricht dem Grundriss des mittelalterlichen Vorgängerbaus. Sehr spannend, einmalige Gelegenheit, einen wissenschaftlichen Blick auf den Markusplatz des 12. JH zu werfen und zu dokumentieren - die Untersuchung dauert an und die Fertigstellung des Riesenbaus der Procuratie Vecchie ist nicht absehbar. Für interessierte Besucher*innen leider keine Besichtigungsmöglichkeit. 

Unter den Königlichen Gärten wurden Teile der Grundmauern der alten Kornspeicher (Granai di terranova) gefunden, errichtet 1341-43, was niemanden wundert, denn sie wurden ja vor erst vor 200 Jahren (1807) abgerissen. Reste der Mauern verblieben, wurden mit Erde aufgeschüttet und verschwanden unter der Bepflanzung, jetzt wird der Fund sorgfältig archäologisch aufgearbeitet und solange ruhen die Arbeiten zur Gestaltung des neuen Gartens.

Diese Baustelle kann gut, aber nicht ganz eingesehen werden von den südlichen Ausstellungsstellungsräumen der Fondazione Bevilacqua La Masa (siehe Fotos) und zwar kostenlos, und perfekt überblickt von den Südfenstern der oberen Etagen des Museo Correr gegen Eintrittskarte. 
Es wurde ein Artbonus ausgeschrieben, damit sich die Bürgerschaft (und nicht-venezianische Freund*innen Venedigs) an den Kosten beteiligen können. Wir kennen das schon von der Finanzierung der neuen Nase Richard Wagners

Die Pläne, den neuen Garten 2018 zu eröffnen, wurden auf Frühling 2019 geändert, im Moment ist die Rede eher vom Sommer 2019. Wie weit das gestrige Hochwasser, das in der Baustelle stand (und vielleicht weitere im Laufe des Winters), die Fertigstellung weiter verzögert, werden wir sehen. Der Projektplan für den neuen Garten steht im Internet (die Seiten nach unten blättern) und dient der Vorfreude auf den Tag der Eröffnung des erneuerten Garten und die hoffentlich vielen bequemen Sitzplätze (ohne 11,50 € für einen Espresso zu zahlen wie auf der Piazza). Un auf das sicher sensationellen Gefühl, vom Garten über die Zugbrücke und unter den Neuen Procuratien durch mitten auf der Piazza landen.





Ergänzung 19.12.2018
Lange Jahre in Vorbereitung, jetzt vollendet: seit dieser Woche hat die Stiftung Ermitage Italia eine Sitz in Venedig: laut Associazione Piazza San Marco mietkostenfrei (bei Übernahme von Nebenkosten bzw. Verbrauch) in den restaurierten Räumen der Procuratie Vecchie, mit einem zunächst 9jährigen Vertrag. (Auch der Vertrag für S. Lorenzo zur Nutzung durch die TBA21-Academy läuft zunächst nur 9 Jahre, das scheint venezianischer Standard zu sein.) Information der Stadt Venedig und bei RAI News.
Auf 140 m2 gibt es je einen Präsentations- und Konferenzraum sowie 2 Arbeitsräume für bis zu 12 europäischen Stipendiaten, nicht opulent, aber wer kann schon an der Piazza San Marco studieren und forschen?! 
Das Kooperationsprojekt der Staaten Italien und Russland hat seinen Hauptsitz in Ferrara, jetzt das Standbein an der Piazza S. Marco und soeben die erste Koperations- bzw. Austauschausstellung in der Ermitage St. Petersburg und dem Palazzo Fortuny in Venedig (19.12.-24.3.2019) und dem Centro Culturale Candiani in Mestre (18.12.-24.3.2019)

Ergänzung 10.06.2019
Ein neuer Artikel von Artribune stellt das Projekt zum internen Umbau der Procuratie Vecchie vor, als sei es eine ganz aktuelle Sache und als würde nicht seit mindestens 2 Jahren daran gearbeitet: "Venezia, al via il rilancio delle Procuratie Vecchie di Chipperfield Architects". Der Text ist in erster Linie Public Relations und quasi unkommentierte Widergabe einer Presseveröffentlichung. 
Während der Biennale. 8.5.-24.11., ist in fertig gestellten Räumen der 1. Etage, die nach Abschluss des Umbaus als Büroflächen vermietet werden sollen, die Ausstellung "Diversity for Peace!" zu sehen. Eine Sammelausstellung junger internationaler Künstler*innen von Karuizawa New Art Museum und Venice Art Factory. (Informationen zur Ausstellung.)

Ergänzung 14.06.2019
Auch Archdaily hat einen frischen Beitrag zum Thema, veranlasst vermutlich durch die selbe Presseinformation. Interessante Illustrationen, die eine starke Umgestaltung ('Transformation') und nicht eine Restauration des Gebäudes zeigen. Und vor allem ist hier eine Art Dachterrasse zu sehen, deren Bauantrag ursprünglich analog der Terrasse des Fondaco dei Tedeschi begründet wurde (allerdings ohne Zugang der Öffentlichkeit, sondern nur für Generali-Gäste) und für die die Genehmigung abgelehnt wurde. Im Text wird nicht auf die Dachterrasse eingegangen, ob das bedeutet, dass ein veralteter Teil des Plans an die Öffentlichkeit gelangt ist oder ob die Dachterrasse doch noch - wie auch immer - genehmigt wurde, weiss ich leider nicht.

Ergänzung 18.6.2019
Ein weiteres Architektur-Magazin spricht zum Thema. dezeen: "Locals in Venice are feeling increasingly left out of the conversation"


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11. Oktober 2016

Die venezianischen Lazzarette - Saisonende 2016

"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!"
Eingang ins Innere des Lazzaretto Vecchio

Ich wiederhole mich, aus gutem Grund. 

Denn der geführte Besuch der beiden venezianischen Inseln Lazzaretto Vecchio in der südlichen Lagune und Lazzaretto Nuovo in der nördlichen Lagune muss einfach immer wieder angepriesen werden. Wer sich für die Geschichte Venedigs interessiert, findet hier, was noch von den beiden zentralen Orten venezianischer Epidemienvorsorge und -fürsorge zeugt. 


Die Führungen an Samstagen und Sonntagen im Lazzaretto Nuovo enden mit dem Wochenende 29./30. Oktober. 
Die Führungen im Lazzaretto Vecchio am Sonntag, 16.10. mit einem Sonderprogramm. Es gibt einen kulinarischen Stand mit Cichetti (venezianischen Häppchen), einen Stand des venezianischen Verlags/der Buchhandlung  Mare di Carta und eine Ausstellung (und hoffentlich auch Verkauf) von Werken des venezianischen Malers Luigi Divari (der derzeit auch im Meeresmuseum in Stralsund ausstellt). Um 13:00 Uhr präsentiert der venezianische Chor AMURIAMUM Werke von Monteverdi, Dowland, Brahms und Salvadori. Im Ambiente des alten Pestlazzaretts sicher ein beeindruckendes musikalisches Erlebnis.  


Erster Saal hinter der Eingangstür des Lazzaretto Vecchio,
mit einem schönen erhaltenen Ziegelboden
Die erste Pestwelle erreichte den Hafen von Venedig mit Schiffen unterwegs vom Kaspischen Meer im Jahr 1348. Anzahl und Tempo der Ansteckungen machten schnelle Maßnahmen erforderlich, denn weder der Übertragungsweg noch Heilmöglichkeiten waren bekannt. Wie von Boccaccio im Decamerone beschrieben, gab es nur die Flucht als Option - für Privilegierte. In Venedig waren bis Ende 1350 mehr als 50 der patrizischen, also herrschenden, Familien ausgelöscht. Zwischen 1348 und 1351 verlor der europäische Kontinent 30 % seiner Bevölkerung. 

Venedig, einerseits eine offene Stadt mit internationaler Einwohnerschaft und ständig wechselnden Besuchern und Durchreisenden, andererseits durch Handelskontakte und Diplomatie über das östliche Mittelmeer und die Alpen weit hinaus gut vernetzt, liess Daten über die Wanderung der Epidemie erheben. Und verstand, dass Personen- und Warenverkehr zwischen den Handelshäfen über Gesundheitskontrollen reguliert werden mussten. Das erste Gesetz zur Kontrolle und Meldepflicht der Kapitäne (bei schweren Strafen für unwahre Angaben) einlaufender Schiffe wurde 1423 erlassen. 


Separate Krankenbereiche für die privilegierten Familien
Schon zuvor wurde die Einrichtung eines Hospitals für die BürgerInnen Venedigs in Epidemifällen beschlossen und war seit Januar 1423 in Funktion. Ausgewählt wurde dafür die Insel Santa Maria di Nazareth, seit 1249 Sitz eines Eremitenklosters gleichen Namens. Aus drei Gründen: wegen der natürlich gegebenen Isolation in der Lagune; wegen der Nähe zum Lido, was die Versorgung einer großen Struktur aber auch den Krankentransport einfacher machte; und wegen der günstigen Kosten durch die Dienstleistung des Ordens (das sollte sich in späteren Jahrhunderten ändern, aber das ist eine andere Geschichte). Die Bezeichnung 'Nazaretum' bürgerte sich ein, dann, vermutlich in Anlehnung an den Namen der Nachbarinsel S. Lazzaro, 'Lazzaretto'. Durch weitere Einrichtungen von Hospitälern in den venezianischen Kolonien fand der Begriff 'Lazzaretto' rund ums östlichen Mittelmeer Verbreitung und später weltweit.

In dieses Hospital, später 'Lazzaretto Vecchio' genannt, wurden nur manifest Erkrankte gebracht. Es ging hier nicht um Krankenpflege, sondern um die Begrenzung der Seuchenausbreitung. Für die einzelnen Kranken nur ums Sterben, die wenigsten genasen. Der ehrenamtliche venezianische Führer zitierte bei meinem Besuch im Oktober 2015 die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in Dantes 'Göttlicher Kommödie':

„Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“



Graffitto im Lazzaretto Vecchio
Hoffnung war hier wirklich nicht angebracht, bei mehreren 100 Todesopfern pro Tag, besonders während der 2. großen Pestwelle 1630. Das Lazzarett wurde hauptsächlich durch Spenden und Nachlässe finanziert. Notare wurden 1431 durch Beschluss des Großen Rates unter Strafandrohung aufgefordert, ErblasserInnen zur Begünstigung des Lazzaretts zu veranlassen. Heißt, es war laufend unterfinanziert. 

Für die wenigen Genesenden oder die, die als Infizierte eingeliefert wurden, aber nicht erkrankten, wurde 1456 eine zweite Isolationsinsel in Betrieb genommen: Lazzaretto Nuovo. Auch sie diente in erster Linie dem Schutz der öffentlichen Gesundheit, aber auch als Übergangsphase zwischen nicht eingetretenem Tod und 'zweiten Leben', und der Überprüfung von Verdachtsfällen. Der Aufenthalt von Schiffmannschaften und Aufbewahrung von Waren, die nachweislich über Häfen eingereist waren, in denen Epidemien - Pest, aber später auch Cholera, Typhus' herrschten, wurde dann schnell die Hauptaufgabe des Lazzaretto Nuovo: die Quarantäne. Papiere mussten lückenlos sein, wurden streng überprüft und Falschangaben oder Fälschungen standen unter Strafe. 

In beiden Lazzaretti herrschte der Horror der morgendlichen 'Visiten' und Entscheidungen: nachts Verstorbene zum Bestatten (zum Teil in Massengräbern), manifest Erkrankte vom Lazzaretto Nuovo ins Lazzaretto Vecchio, Genesene vom Lazzaretto Vecchio ins Lazzaretto Nuovo, nicht Erkrankte im Lazzaretto Nuovo aus der Quarantäne zurück in die Freiheit. 


Prior/essa- und Verwaltungsbereich
Archivmaterial belegt, dass auf beiden Inseln, besonders aber im Lazzaretto Vecchio PatientInnen misshandelt, missbraucht und ausgebeutet wurden. 
Es gibt Prozessakten (1458) der Priorin Zentilina, die verdorbenes Essen ausgeben und InsassInnen am Hunger, nicht an der Erkrankung, sterben liess. 
1468 wurde der Prior und Arzt Polo da Genova gekündigt und 1470 angeklagt, verurteilt und enthauptet wegen Misshandlung von Patienten, wegen des Verkaufs der Kleidung verstorbener Patienten in der Stadt (entgegen der Pflicht, sie zu verbrennen) und wegen Kostenabrechnungen für bereits verstorbene Patienten. 
1482 wurde der Prior Paolo Blanco der Verantwortung schuldig gesprochen, dass viele Insassen des Lazzaretto, Erwachsene und Kinder, elend starben, sie ihres persönlichen Besitzes beraubt wurden, der verkauft wurde und die Krankheit weiterverbreitete, dass ihr Unterhalt von täglich 12 soldi nach ihrem Tod unterschlagen und damit die öffentliche Kasse geschädigt wurde. Polo Blanco wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt und zuvor der venezianischen Strafprozedur der persönlichen Entwürdigung unterzogen: gebunden an einen Pfahl auf einem Lastkahn stehend, gekleidet in die Schandfarbe gelb, den ganzen Canal Grande hinauf gefahren zu werden, während seine Schandtaten mit lauter Stimme für alle alle hörbar vorgetragen wurden.

Die Lazzaretti sind ein überaus spannender und vielfältiger Bereich venezianischer Gesundheits- aber auch Kriegsgeschichte. Denn nach der 2. großen Pestwelle von 1630 ließ der dicht geschlossene Sicherheitskordon der Lazzarette in der Lagune und in allen anderen venezianischen Häfen kaum noch epidemische Krankheiten an Land Fuss fassen. Ein Erfolg venezianischer Gesundheitspolitik, der in Europa und weltweit übernommen wurde. 
Aber die Kämpfe um Macht und Territorien im östlichen Mittelmeer, vor allem der 25jährige Krieg um Candia/Kreta, sorgten für ständigen Nachschub an verletzten Seeleuten, Soldaten, Söldnern. Das ist dann eine weitere Geschichte der venezianischen öffentlichen Gesundheitspflege.


Zwischen den Lazarettgebäuden
Die venezianische Historikerin Nelli-Elena Vanzan Marchini forscht und schreibt u. a. zum Thema öffentliche Gesundheit in Venedig. Auf ihrer Seite finden sich interessante Artikel, ihre Bücher findet man in venezianischen Buchhandlungen (eher weniger im www).  


Anmeldungen für die letzten Führungen des Jahres inter info@archeove.com.
Anfahrtswege werden auf den beiden Webseiten (oben) erkärt (aber auch in meinen älteren Blogeinträgen).
Für die Überfahrt nach Lazzaretto Vecchio wartet man am Ufer Corinto genau gegenüber der Insel und wird in Gruppen übergesetzt.

Die Führungen sind kostenlos, aber es wird eine Spende erwartet. Aus meiner Sicht sollte sie großzügig sein, denn gefördert werden mit dem Geld Projekte jenseits des kommerziell orientierten Tourismus. Sie tragen zum Erhalt des historischen Venedigs bei, das uns allen am Herzen liegt. Ob der enorm engagierte, geradezu leidenschaftliche Einsatz des Archeoclub Venezia, im Lazzaretto Vecchio ein Museum der Stadt Venedig einzurichten, jemals erfolgreich sein wird, sei dahin gestellt. Aber es ist richtig, das Vorhaben zu unterstützen. 





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17. November 2013

Ein Fund auf der Piazza



Frühmorgens unterwegs auf der Piazza (und zwar auf der Ideallinie vom Bankautomaten an der Merceria zur Bibliothek des Museo Correr, Eingang links des Florian) liegt vor mir auf dem Trachytpflaster eine längliche Inschrift.

Denkmale auf dem Pflaster kennt man, z. B. verlegt von Denkraum Namen und Steine der Aids-Stiftung. Oder das Kunstprojekt "Stolpersteine" von Gunter Demnig, der in Deutschland und Europa über 40.000 gestaltete Steine zur Erinnerung an die Opfer des Faschismus installiert hat.

Das hier liegt schon seit 1625 und es ist kein Kunstprojekt, ich sehe es nach den vielen Überquerungen der Piazza tatsächlich zum ersten Mal. Es lag wohl innerhalb des Bezirkes, der zur Sanierung des Campanile viele Jahre eingezäunt war. Und davor, zu Zeiten der Taubenschwärme, war das vielleicht der Standplatz eines Maisverkaufskarrens oder es sassen/standen die Tauben darauf oder die Taubenfütterer. 

Die Inschrift muss zu tun haben mit der Handwerkszunft (arte) der Schuhmacher (calegheri), die ihre Scuola bzw, Scoletta am Campo San Tomà hatten. Das Gebäude existiert noch, man kann den Saal für Veranstaltungen mieten. Und ich bin immerhin die Enkelin eines Berliner caleghero der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Tage später überquere ich die Piazza in Begleitung einer leitenden Mitarbeiterin der Biblioteca Marciana, die, hoffe ich, meine Frage beantworten kann. Sie glaubt, dass das ein Relikt der Prozessionsordnung ist, für die Züge von Signoria, Klerus, Scuole (Brüderschaften von Zünften, Landsmannschaften, bürgerlicher oder religiöser Art), die an bestimmten Festtagen und auch außerordentlichen Gelegenheiten mehrfach jährlich von San Marco über die Piazza und wieder zurück führten. Es gibt viele künstlerische Darstellungen dieser Prozessionen, meist aber aus der Zeit vor dem Jahr 1625, wie dieses Bild von Gentile Bellini von 1496 (zu sehen in der Accademia).




Vermutlich gab es mehr solcher Plaketten auf dem Pflaster der Piazza, die aber nicht erhalten sind, warum auch immer diese eine noch da ist.

Und prompt: ist die Aufmerksamkeit geweckt, mache ich die nächsten beiden Funde von Buchstaben an erstaunlichen Stellen. Spolien von ehemaligen Gebäuden? Von Gräbern aus den vielen abgerissenen Kirchen? 

Keine Ahnung. Unerschöpfliche venezianische Rätsel!










Rechts des Eingangs der Gesuiti-Kirche in Cannaregio









Drei ziemlich große Steinplatten auf dem Campo S. Giorgio Maggiore, vor der Palladio-Kirche, etwas links versetzt:

 



Ergänzung 14.1.2014:
Nach einiger Sucherei haben die Korrespondenten B. und P. A. die Inschrift der Calegheri auf der Piazza gefunden und teilen die Koordinaten mit, unverbindlich: N 45grd26.023' , E 12grd20,304'
Herzlichen Dank!


Ergänzung 12.3.2017:
Eine andere Lösung des Rätsels scheint gefunden bei der Lektüre von Petra Wichmann: Die Campi Venedigs. Entwicklungsgeschichtlichte Untersuchungen zu den venezianischen Kirch- und Quartiersplätzen. München, Scaneg 1987.

"Märkte konnten nur auf großen freien Arealen abgehalten werden, die Bebauung mit festen Marktständen war aber - abgesehen von bestimmten Bereichen von Rialto - nicht üblich. Auf dem Markusplatz hat man die Standorte für die an Markttagen aufgeschlagenen Buden im 15. Jahrhundert im Pflaster markiert. Das ist ein früher Hinweis auf eine besondere Aufgabe der Pflasterung in Venedig, die oft dazu benützt wurde, bestimmte Funktionsbereiche zu markieren und voneinander abzugrenzen." (S. 72)

Gabriele Bella, Markt auf der Piazza

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30. Mai 2011

San Giacomo in Paludo

Vom Canale Scomenzera S. Giacomo


Auf dem Weg nach Burano/Torcello in der Laguna Nord passiert man einige sehr kleine unbewohnte Inseln, die z. T. noch Ruinen oder Reste von Ruinen tragen, ein wild romantischr Anblick. Die meisten dieser Inseln sind ehemalige Klosterinseln.

Wer Giacomo Casanovas Lebensbericht gelesen hat kennt die Geschichten von nächtlichen Verführungsausflügen zu Nonneninseln per Boot. Es gibt seriöse Untersuchungen über venezianische Klöster und Klsterinseln (z. B. Mary Laven: Die Jungfrauen von Venedig; unter Sachbüchern aufgelistet) und lüsternen Tratsch
bis heute (z. B. die Nonnen auf einer Insel in der Laguna Sud, die zu ihrem Vergnügen Vorüberfahrende mit hochgehobenen Röcken auf der Klostermauer stehend schockten).


San Giacomo in Paludo in seiner Blütezeit

Auf ca. 1/3 der Strecke liegt die unbewohnte Insel San Giacomo in Paludo, über die es seit kurzem einen sehr guten Wikipedia-Eintrag mit den wesentlichen historischen Fakten gibt. Früher machte die verfallene Ruine auf der winzigen Insel einen sehr geheimnisvollen Eindruck, in den letzten Jahren wurde dort renoviert. Wegen der immer größer werdenden Werbetafeln hatte ich befürchtet, es entsteht mal wieder ein exklusives Hotel (was aber direkt am Canale Scomenzera S. Giacomo nicht sehr exklusiv gewesen wäre).

Ist auch nicht der Fall, vielmehr läuft hier ein interessantes archäologisches Projekt mit spannenden Ergebnissen und ich vermute, dass mit den riesigen Werbeplakaten diese Arbeit finanziert wird. Wir kennen das ja von Venedig, wo die touristisch am heftigsten besuchten und fotografierten Objekte, z. B um San Marco, mit Werbetafeln gemeuchelt werden.

Giacomo und Francesco Guardi,
San Giacomo in Paludo






San Giacomo in Paludo gehörte offensichtlich zum Netzwerk der Franziskaner Minoriten, die heute noch auf S. Francesco del Deserto leben und die Kirche und das Kloster
S. Francesco della Vigna betreiben, war aber dem Franziskanerkloster Santa Maria dei Frari angegliedert.

Das Kloster begann als einfache Schutzherberge für Pilger und Seeleute, die von schlechtem Wetter überrascht wurden, für weniger als 100 Jahre. Dem folgenden Zisterzienser Nonnenkloster fehlte es bald an Nachwuchs, die Ιnsel diente dann während einer Epidemie im 15. Jahrhundert zur Isolation von Leprakranken und war nach dem Ende der Epidemie eine Zeit lang unbewohnt. Im 17. Jahrhundert übernahmen die Franziskaner, bauten aus und hatten einen Komplex von Klausur, Gästeunterkünften, großem überdachten Bootshaus und einer dreialtarigen Kirche. Im 18. Jahrhundert leerte sich die Insel langsam.

Der Niedergang. Links im Bild auf dem Bootssteg der bettelnde Laienbruder mit dem Klingelbeutel (Vergrößern Bild anklicken) Hier ist auch das große Bootshaus gut zu sehen.

Am Ende lebte und zelebrierte hier nur ein letzter einzelner Priester, schließlich nur noch ein einsamer Laienbettler, der sich mit einem Klingelbeutel am langen Stock (wie in katholischen Kirchen früher üblich) von vorbeifahrenden Reisenden eine Spende angelte.
1810 wurde die Anlage demoliert. Die Grabung seit 2002 gibt neben den schriftlichen und graphischen Berichten Auskunft über die Entwicklung der Besiedelung von S. Giacomo in Paludo.

Im Moment gibt es nur zwei Möglichkeiten die Insel zu besuchen (soviel ich weiß, wohlgemerkt):
man bucht eine Rudertour bei
Venice Kayak oder man besucht die jährliche Veranstaltung Mangiasan. Die für dieses Jahr ist leider gerade vorbei, also bei Interesse ein Termin für den Mai 2012.

Gegen Voranmeldung und einen Beitrag von 30 € fährt man am 3. Samstag im Mai von Murano nach S. Giacomo und zurück, nimmt an der Veranstaltung zum jeweiligen öklogischen Thema, den Besichtungen und den Verkostungen zum Gesunden Essen teil.



VAS-Projekt San Giacomo in Paludo

In die Laguna Nord mit Linea N ab Fondamente Nove. Murano-Mazzorbo-Burano.



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28. März 2010

Lazzaretto Nuovo

Torhaus auf Lazzaretto Nuovo



Stille.
Schweigen.
Verlassenhei
t.












Sind noch immer die Reiseführerattribute der Insel Torcello. Seit Jahren glatt gelogen, weil täglich bis zu 5000 Besucher über den einzigen öffentlichen Weg der Insel trampeln.


Aber auf die kleine Insel Lazzaretto Nuovo treffen sie zu.
Hier betritt man einen schlichten Kosmos, in dem Geschwätzigkeit kein Echo findet.


Allee zum großen Lagerhaus


Fast wäre ich mal wieder die einzige Besucherin gewesen, Samstagmorgen 9:45 Uhr bei milder Septembersonne und taunassem Gras, aber es stieg noch ein römischer Professor aus dem Vaporetto. Wir haben uns die Führerin geteilt, italianisch/englisch gemischt, nachdem wir klären mussten, dass wir keineswegs ein Paar sind!

Die Insel Vigna Murata (ein ummauerter Wein
garten im Besitz der Benediktiner von S. Giorgio Maggiore) wurde enteignet und per Erlass der Gesundheitsbehörde vom 10.7.1468 unter der Bezeichnung Lazzaretto Nuovo konvertiert für die Quarantäne einer Pestinfektion verdächtiger Personen. (Bereits Erkrankte wurden auf der Insel Lazzaretto Vecchio kaserniert. Wer in Quarantäne tatsächlich erkrankte, musste sofort die Insel wechseln. Was insgesamt aber eine ganz andere Geschichte ist.)

Erhaltene Waren-
lager-
häuser, eine
s zur Besich-
tigung


Handelsschiffe, die ja meist im Konvoi in Venedig eintrafen, wurden nach normalerweise mehrwöchiger Reise schon bei der Einfahrt in die Lagune überprüft. Im Falle von Krankheiten an Bord wurden Besatzungen und Waren für mindestens 40 Tage auf der Insel festgesetzt und dekontaminierenden Behandlungen unterzogen. Wie z. B. Waschen, Lüften, Räuchern mit unterschiedlichen Mitteln. (Man wusste noch nicht, dass die Pest von Ratten per Schiff von Hafen zu Hafen geschleppt wurde.)

Die Waren wurden in großen Lagerhäusern gestapelt,die Menschen auf der Insel in Einzelzellen entlang der Ummauerung untergebracht. Jede Zelle verfügte über einen Ofen (deshalb die vielen reihenhausähnlichen Schornsteine auf alten Darstellungen) und einen klostermäßigen eigenen kleinen Gemüsegarten. Sehr nett.


Darstellung im Museum: Große Lagerhalle, Einzelzellen, Mitte vor der Ummaue-
rung die beiden Friedhöfe - christlich, moslemisch. Räucherfeuer vor und in der Anlage


Wenn die Zellen nicht ausreichten, z. B. während der Pestepidemie von 1576, als laut Sansovino 10.000 Personen (!!), vor allem aus der Stadt selbst, unter Quarantäne standen, wurden zur Erhöhung der Kapazität rund um die Insel Schiffe, Flöße u. ä. stationiert. In diesem Fall sollen es 3.000 große und kleine Schiffe gewesen sein, die der Insel den Anblick eines Hafens unter Belagerung einer Armada gaben.

Mit einiger Mühe kann man sich die Massen an Lebensmitteln, Medikamenten etc. vorstellen, und den Personalaufwand an Ärzten, Pflegern, Apothekern, Hebammen (!), Priestern (!!), Kontrolleuren für die täglichen Selektionen für Entlassung bzw. Überweisung auf Lazzaretto Vecchio, neben Dienstleistern wie Köchen, Lebensmittelverkäufern, Frischwasserträgern, Warenlagerarbeitern etc. etc.. Bedürftige und/oder Ausländer wurden 22 Tage auf Kosten der öffentlichen Hand versorgt, danach mussten sie sich mit eigenen Mitteln, wie auch immer, erhalten.

Ausgrabung einer befestigten Straße und eines Fussbodens, wie man ihn auch aus Venedig kennt






Das Ganze war befestigt/ geschützt nicht nur durch eine hohe Mauer, sondern auch von beflaggten Pfosten und Schiffsmasten, die off limits signalisierten, und von zirkulierenden Booten der Gesundheitsbehörde, die die Einhaltung der Quarantäne kontrollierten.
Notwendige Maßnahmen, denn venezianische Bürger unter Quarantäne wurden von ihrer Familie besucht und vor allem versorgt unter massenhaftem Hin und Her, wie bis heute in mediterranen Krankenhäusern üblich...
Für die sofortige Bestrafung von Quarantänebrechern gab es zwecks Einhaltung der Quarantänebestimmungen sogar einen lokalen Galgen. Räusper.

Ausgrabung einer Einzelzelle an der Außenmauer des Lazzaretto


Es gab eine Kirche im Lazzaretto, und ich vermute, auch ein moslemisches Gebetshaus für die Schiffbesatzungen islamischen Glaubens, von dem nur bisher noch keine Reste nachgewiesen wurden. Rechts vor der Befestigung lagen jedenfalls ein christlicher und ein moslemischer Friedhof nebeneinander - zu sehen auf alten Plänen im Museum.

Das Museum befindet sich in einem der beiden Türme, die vom österreichischen Militär als Pulverlager genutzt wurden. Nach dem Fall Venedigs diente die Insel, wie z. B. auch La Certosa, ausschließlich militärischen Zwecken, erhalten wurde nur, was diesen Zwecken dienlich war.

500 Jahre alte Graffitti in der großen Warenhalle

Lazzaretto Nuovo ist dem Archeoclub d'Italia, Abteilung Venezia dauerhaft übergeben, der seit Jahren auf der Insel Grabungen durchführt.

Von April bis Oktober werden an den
Wochenenden Führungen auf der Insel angeboten, Bootsexkursionen durch die Lagune, und jährliche Sommerkurse, spannende und differenzierte Weiterbildungen und Feriencamps für unterschiedliche Zielgruppen.

Für die Führung am Samstag/Sonntag muss man sich für 9:45 bzw. 16:30 Uhr anmelden (englisch ok), man wird dann ausdrücklich noch auf den Abfahrtstermin der Linie 13 ab Fondamente Nove hingewiesen. Denn das Vaporetto hält nur auf Anfrage am Lazzaretto Nuove, genau gegenüber der Haltestelle S. Erasmo. Die Signalampel an der Haltestelle wird bedient vom Führungspersonal, das die Besucher direkt in Empfang nimmt.
Auch auf dem Rückweg wird das Vaporetto von der/dem Führer/in angefordert, man wird begleitet bis zur Abfahrt des Bootes. (Keine Chance, sich auf eigene Faust auf der Insel aufzuhalte
n!)

Graffitti in der großen Warenhalle

Auf dem Rundgang besucht man über die Wiesen wandernd die große Lagerhalle mit den bekannten Graffiti (ich stelle mir vor, wie ein armer, gelangweilter Insasse in der vollen Halle ganz oben auf den Warenstapeln hockt, direkt unter dem Dach, und an die freie Wandfläche kritzelt "... komme in Begleitung guter Gefährten aus Konstantinopel, mit Seide an Bord, und muss immer noch 22 Tage hier abreissen..."); sowie diverse kleinräumige Grabungen (Reste von Einzelzellen, gepflasterten Wegen, der Kirche etc.), und das beeindruckende kleine Museum im Pulverturm zur Geschichte des Lazzaretto. Und eine Aussichtsplattform auf der Mauer mit großartiger Übersicht auf die Inseln der Laguna Nord! Danach erkennt man jede einzelne Insel für alle Zeiten.


Blick von der Aussichtsplattform auf der Befestigungsmauer.
Oben: Torcello, Mazzorbo, Burano, S. Francesco del Deserto
Unten: S. Francesco del Deserto, S. Erasmo





Der Eintritt ist kostenlos, man wird nach dem Rundgang über die Insel um eine Anerkennung in die Spendendose des Archeoclubs gebeten. Die Anerkennung ist verdient, denn die Führung durch die junge Archäologin war (und ist vermutlich immer) sehr informativ, fachlich kompetent, zeitlich nicht eingeschränkt. Ein entspannter und doch emotional berührender Spaziergang durch einen sehr speziellen Teil von Zeit und Raum der Serenissima.

Zum Glück liegt eine 40minütige Bootsfahrt zwischen diesen intensiven Eindrücken und den Fondamente Nove. Die braucht man auch, um wieder in der Realität Venedigs anzukommen.
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