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16. Oktober 2019

Zu Fuß nach San Michele 31.10.-10.11.2019



Brücke nach S. Michele im 19. JH
(Bäume ragen kaum über die Friedhofsmauer!)

Die Votivbrücken von Dorsoduro zur Kirche des Redentore auf der Giudecca im Juli und von der Haltestelle Giglio zur Kirche der Madonna della Salute Mitte November sind eine nie gebrochene Tradition, die immerhin auf Gelöbnissen der Serenissima zur Befreiung von den Pestepidemien 14. und im 17. Jahrhundert beruhen. (Naja, und es gibt seit einigen Jahren auch noch die nichtchristliche Marathonbrücke zwischen der Punta della Dogana und den Giardini Reale über den Canal Grande Ende Oktober...)

Bis zu Beginn der 1950er wurde auch jedes Jahr zum christlichen Fest Allerheiligen und Allerseelen (1./2.11.) eine Brücke von den Fondamente Nove zum Monumentaltor des Friedhofs S. Michele errichtet, damit die Venezianer*innen an diesen Tagen ihre Toten besuchen konnten. Der allgemeine Friedhof war eine neue Errungenschaft für Venedig in der 1. Hälfte des 19. JHs, errichtet nach dem Erlass des napoleonischen Friedhofsgesetzes (nur noch außerhalb der Gemeinden, nicht mehr in Kirchen und auf Kirchhöfen). Alle Verstorbenen der Stadt Venedig müssen seit ca. 200 Jahren auf die Insel, damals gerudert, heute mit dem Bestattungsboot mit vollautomatischer Hebe- und Schwenkeinrichtung für den Sarg. Die Brückentradtion zum Totengedenken wurde mit dem funktionierenden ÖPNV der Vaporetti vor ca. 70 Jahren aufgegeben.

Auf Ratsbeschluss wird in diesem Jahr zum ersten Mal wieder für 10 Tage eine Brücke gebaut, 407 m lang, 15,5 m breit; eine Durchfahrt für Wasserfahrzeuge wie bei den anderen Votivbrücken muss eingerichtet werden, die Arbeiten an der Brücke haben bereits begonnen. 450.000 € wurden dafür eingeplant und da die Kosten immer wieder erwähnt werden aber nirgends von den weiteren Perspektiven dieser Tradition zu lesen ist, schleicht sich ein giftiger Verdacht an, dass dies eine singuläre Veranstaltung sein könnte. 
Der Bürgermeister Brugnaro, bekanntlich nicht gebürtiger Venezianer und darüberhinaus Nicht-Bürger von Venedig legt auffälligen Wert auf die Feststellung, dass die Votivbrücke sein persönlicher lang gehegter Wunsch war. Könnte es sich hier (auch) um einen Vor-Kommunalwahlen-Stunt handeln? Die Bevölkerung, vor allem die mehrheitlichen Alten, freut sich, der Bürgermeister präsentiert sich mit seiner Bürgermeisterschluppe, begleitet von militärischen und kirchlichen Amtsinhabern, den wichtigen Männern eben. Ein Schelm, wer da an Bürgermeisterprestige und die Wahlurne 2020 denkt, aber warten wir Allerheiligen 2020 ab...


Quelle: Twitteraccount Bürgermeister Luigi Brugnaro

Auch wenn die venezianische Bevölkerung schrumpft (und "Gäste" nur in Ausnahmefällen auf der Insel bestattet werden) haben die längst aus der Stadt aufs Festland gezogenen Venezianer*innen weiter ihre Toten auf der Friedhofsinsel. Der Friedhof wurde in den letzten 10 Jahren erweitert und schon an normalen Tagen ist der morgendliche Friedhofsverkehr sehr lebhaft, zum Glück bevor Tourist*innen unterwegs sind. An Allerheiligen und -seelen allerdings sind die Boote der Linien 4.1 und 4.2 trotz Ergänzungsfahrten derart rappelvoll, auch gerade mit betagten und behinderten Passagier*innen und ihren Begleiter*innen extrem vollgestopft, dass die Brücke nicht nur die Wiederbelebung einer schönen Tradition ist, sondern vermutlich auch eine rationelle Entlastung des ÖPNV.

Bisher habe ich wegen der Vaorettiüberlastung bewusst nicht den Friedhofsbesuch am Totenfest empfohlen. Aber nun wird Besucher*innen Venedigs im Herbst durch die Votivbrücke die sehr besondere Erfahrung ermöglicht, über den breiten Kanal auf das schöne ehemalige Hauptportal des Friedhofs zuzuschreiten und über die Hauptalllee eintretend den Friedhof zu erkunden. Ein Geschenk, das auch wir als Gäste dankbar und rücksichtsvoll annehmen dürfen.


WICHTIGE Ergänzung 27.10.19
Nicht nur mein bescheidener Blog hat über diese erneuerte Tradition berichtet, sondern vor allem wurde sie natürlich bekannt über die Marketingmedien der Stadt selber. Entrüstung erhob sich unter den Bürger*innen, dass sogar das besinnliche Totenfest als Tourist*innenattraktion beworben wird. Nicht zu Unrecht. Für mich selbst hatte ich entschieden diesen Hinweis zu veröffentlichen, weil die Brücke ja nicht nur für die beiden Feiertage (in diesem Jahr ein verlängertes Wochenende) eingerichtet wird, sondern ganze 10 Tage. 

Nun wurde klugerweise entschieden, dass von der Eröffnung am 31.10. um 12 Uhr bis einschließlich 3.11. die Brücke nur von Einheimischen und Inhaber*innen einer Dauerkarte Venezia Unica genutzt werden darf
Erst ab dem 4.11. wird sie allgemein dem Publikum zur Verfügung stehen. 
Damit können sich die betroffenen Gemüter hoffentlich wieder beruhigen, und auch die Gäste Venedigs kommen in der 1. Novemberwoche in den Genuss der Votivbrücke ohne die intimen Feiertage zu stören.

29.10. 
Fotos vom Bau der Brücke auf dem Twitterkonto der Comune Venezia.

31.10.
Heute 12 Uhr war es soweit. Ich habe tagesaktuelle Fotos bekommen (herzlichen Dank an Birgit Weichmann). Nach den Eröffnungsfeierlichen und der Verabschiedung der Offiziellen inkl. Militär, Patriarch und Bürgermeister war die Brücke leer und der Gang über den Canal delle Fondamente Nove sicher eine Freude. Morgen ist Feiertag und mehr Betrieb zu erwarten. Ab dem 4.11. ist die Brücke für alle frei.


Quelle Birgit Weichmann

Quelle: Birgit Weichmann

Quelle: Birgit Weichmann



Siehe bisher 6 Blogeinträge zum Friedhof San Michele 
Siehe auch Eintrag auf Venipedia zum Friedhof San Michele (italienisch)


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22. Dezember 2016

Dante und Vergil in der Lagune

(C) Weichmann
Im Briccole- und Verkehrszeichengewirr der Fahrrinne zwischen Fondamente Nove und der Friedhofsinsel San Michele passiert es, dass man eine Skulptur zweier Männer in einem Boot nicht rechtzeitig genug wahrnimmt, und schon ist das Vaporetto daran vorbei. Viele Kameras zu spät gezückt, und wenn rechtzeitig, doch mit dem Ergebnis vermatschter und verwackelter Fotos. 

Und wer soll das überhaupt sein auf dem Boot? Es gibt sachkundige Spekulationen der Vaporettopassagiere zu belauschen über den griechischen Fährmann Charon auf dem Weg zur Unterwelt, über die Heiligen Christophorus, dem Beschützer vor Gefahren auf und im Wasser, Marco höchstpersönlich bzw. Francesco von Assisi jeweils in Begleitung unterwegs in der Lagune, aber auch schräge Behauptungen und witzige Ideen. 
Für mich waren es lange Zeit einfach zwei Venezianer, denn wodurch unterscheiden sich Venezianer*innen von anderen Menschen in Booten? Sie stehen. Sie rudern stehend, sie stehen in der Bootsfähre über den Canal Grande, und wenn nötig, frickeln sie eine Stange an den Griff ihres Außenbordmotors, damit sie auch stehend Motorboot fahren können.

Alles daneben, denn hier stehen ein Florentiner des 13. JH, und ein Mantovaner des letzten JH v.d.Z., Dante und Vergil, seit der 52. Kunstbiennale 2007. Ein Werk des georgischen Künstlers Georgy Frangulyan, temporär ausgestellt, aber dann doch geblieben: "Dantes Barke". 

Eine Szene aus dem 8. Gesang der "Göttlichen Kommödie" Dantes ist die Inspiration zu dieser Skulptur: auf dem Weg Dantes durch Hölle, Purgatorium und Paradies, begleitet von verschiedenen Gefährt*innen, geht es um die Überfahrt vom 5. zum 6. Höllenkreis auf dem Fluss Styx. Der Dichter setzt mit seinem Führer Vergil in die Höllenstadt Dis über, während im schlammigen Wasser schwimmende verdammte Seelen verzweifelt Rettung suchen. Dramatisch, grausig.

Der Canale delle Fondamente Nove ist kein Fluss der Verdammten und San Michele keine Ort der Hölle, sondern einer der schönen Orte Venedigs, an denen man Ruhe finden, die Augen weiden und sich eigenen Betrachtungen hingeben kann. Dantes Meisterwerk ist nicht mehr wahrer Schrecken sondern dank Aufklärung ewige Weltliteratur; Vergils ausgestreckter Arm und Finger nicht Drohung, sondern freundlicher Wegweiser zum Cimitero in der Lagune und ein Memento mori am passenden Ort. 

Gelegenheit, die Überfahrt aus dem 8. Gesang der Göttlichen Kommodie nachzulesen:

Mein Führer war ins Boot hinabgestiegen
Und hieß nach ihm mich nehmen meine Stelle.
Erst als ich drinnen, schien es schwer zu wiegen.
Kaum daß im Schiff ich saß und mein Geselle,
Sah ich den alten Kiel von dannen eilen
Und tiefer furchen wohl als sonst die Welle.
Als wir den toten Graben so zerteilen,
Taucht ein Beschlammter auf und schreit: »Wer immer
Du seist, du kommst zu frühe, hier zu weilen.«
Und ich zu ihm: »Ich kam, doch bleib ich nimmer.
Doch wer bist du, so schmutzig und abscheulich?«
Er sprach: »Du siehst es, einer voll Gewimmer.«
Und ich: »So sei – verdammt und unerfreulich –
Weinend und klagend ewig hier gefunden!
Dich kenn ich, schwärzt dich der Morast auch greulich.«
Da hielt er jede Hand ums Bord gewunden,
Daß ihn der kluge Meister mußt verjagen,
Rufend: »Weg! troll dich zu den andern Hunden.«
Drauf er, den Arm um meinen Hals geschlagen,
Mich küssend sprach: »O Seele, glutenvolle,
Gesegnet sei der Schoß, der dich getragen.
Auf Erden lebte dieser Hochmutstolle
Derart, daß nichts wird seinen Namen loben;
Drum zürnt auch hier sein Schatten noch im Grolle.
Wie viele schilt man große Fürsten droben,
Die hier im Kot wie Säue werden stehen,
Nachlassend grause Flüche nur dort oben.«
Drauf ich: »Gern, Meister, möcht ich eines sehen,
Daß er von dieser Tunke kosten müßte,
Bevor ans Land wir aus dem Sumpfe gehen.«
Und er zu mir: »Noch eh die andere Küste
Uns naht, wirst du es schauen mit Behagen.
Befriedigung fordert billig solch Gelüste.«
Kurz drauf sah ich erbärmlich ihn geschlagen
Von einer Schar der Kot- und Mistbeschlammten:
Gott will ich ewig Lob und Dank drum sagen!
»Packt den Argenti!« schrien die Zornentflammten.
Da sah ich selbstzerfleischen sich mit Bissen
Aus Wut den florentinischen Verdammten.
Hier trennten wir uns –mehr nicht lohnt zu wissen;
Doch drang ans Ohr mir jetzt solch schmerzhaft Brüllen,
Daß ich vorspähend das Auge aufgerissen.
Der gute Meister sprach: »Bald wird enthüllen
Sich dir ein Ort, mein Sohn: Dis heißt die Stätte,
Die scharenweis bösartige Bürger füllen.« –
»Schon konnt ich, Meister, ihre Minarette,«
Sprach ich, »im Talgrund voneinander trennen.
Dort glühts, als ob es Feuer in sich hätte.«
Und er: »In ihrem Schoß das ewige Brennen
Macht solche Röte diese Stadt gewinnen.
Bald läßt die untere Hölle dichs erkennen.« –
Einlenkten wir in tiefe Grabenrinnen,
Die jene hoffnungslose Stadt umschlangen.
Mir schienen eisern Mauerwerk und Zinnen.
Nicht ohne einen großen Umweg drangen
Wir dahin, wo des Fergen barsche Worte
»Steigt aus, hier ist der Eingang!« uns erklangen.
Quelle: Projekt Gutenberg





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27. Januar 2016

Joseph Brodsky auf San Michele

(c) J. W.
Morgen jährt sich zum 20. Mal der Todestag des russischen Dichters Joseph Brodsksy, der am 28. Januar 1996 in New York verstarb und auf der Friedhofsinsel S. Michele ruht. Ein Korrespondent hat mich daran erinnert, vielen Dank.

Mit der Mail kamen neue Fotos von Joseph Brodskys Grab, vor gut einer Woche aufgenommen. Mit Bedauern hat J. W. festgestellt, dass der Briefkasten entfernt wurde. Schön war er ja nicht, aber er wurde wohl einem Bedürfnis gerecht, das, wie beschriebene Zettel am Grab zeigen, auch weiter besteht. "Eigentlich schade, denn hinterlassene Nachrichten werden nun vom Winde verweht." 


(c)  J. W. 
Hier kann man ein paar Minuten bei Joseph Brodsky verweilen:

Über Joseph Brodsky
ein schöner Text mit vielen Zitaten und Gedichten

Utopie und Peitsche
Nachruf der Zeit vom 2.2.1996

Die Muse lebt... nach dem Tod von Joseph Brodsky
Nachruf Planetlyrik vom Mai 1996

Nachruf der New York Times vom 29.1.1996


Sein Grab findet man im Recinto Greco (also im Bereich der Grabstellen für orthodoxe Christen).


(c)  J. W.


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25. Dezember 2012

Josef Brodsky und Venedig

Der russische Dichter Josef Brodsky wurde im Juni 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert, während ich, junge Deutsche der ersten Nachkriegsgeneration, seine Stadt Leningrad besuchte. Ich erinnere mich an die ziemlich romantischen Weißen Nächte am Ufer der Newa, die physische und psychische Erschütterung beim Besuch der Piskarjowskoje Gedenkstätte, des Friedhofs der Opfer der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, und an die hinreißende Schönheit Leningrads, die Weite des Blicks in den Straßen und auf dem Wasser, das Licht, die Großzügigkeit der Maße, das Wohlgefühl in einer Umgebung des goldenen Schnitts. Leningrad war 18 Jahre lang für mich die schönste Stadt der Welt - bis ich in Venedig ankam.

Vielleicht war seine Heimatstadt für Josef Brodsky nicht die schönste Stadt der Welt, was normal wäre, aber die Verbindung steht sofort bei seiner winterlichen Ankunft in Venedig ein halbes Jahr später: "Es war eine windige Nacht, und noch ehe meine Netzhaut irgend etwas registrierte, befiel mich ein äußerstes Glücksgefühl: schlagartig drang ein Geruch in meine Nase, der für mich immer schon ein Synonym für Glück gewesen ist, der Geruch von gefrierendem Seetang. ... In gewissen Elementen erkennt man sich selbst wieder; zu der Zeit, als ich auf den Stufen des Bahnhofs diesen Geruch einsog, waren verborgene Dramen und Ungereimtheiten offengestanden meine Stärke."   

Es folgen auf weniger als 90 Seiten Impressionen, Assoziationen, Beschreibungen, Phantasien, Menschen des winterlichen Venedig in poetischer Sprache, teilweise schräger Zusammenstellung und nicht ohne Humor.
"Links, rechts, oben und unten tauschen ihren Platz, und du findest dich nur noch zurecht, wenn du ein Einheimischer bist oder einen Cicerone bei dir hast. Der Nebel ist dicht, sichtberaubend und unbeweglich. Letzteres jedoch ist von Vorteil, wenn du zu einer kurzen Besorgung hinausgehst, sagen wir, um eine Schachtel Zigaretten zu kaufen, denn du findest den Weg zurück, und zwar duch den Tunnel, den dein eigener Körper in den Nebel gegraben hat; der Tunnel bleibt wohl eine halbe Stunde lang erhalten."

Ein Text, auf den keinE VenedigliebhaberIn verzichten sollte und als Trost fern von Venedig auch gar nicht kann. 

Blick von der Fondamenta degli Incurabili über den Giudecca-Kanal

Originalsprache ist englisch (nicht russisch), die Übersetzung von Jörg Trobitius kann ich nicht beurteilen, da ich das Original nicht kenne. Der Titel "Ufer der Verlorenen" ist jedenfalls ganz und gar verunglückt. Der Originaltitel "Fondamenta degli Incurabili" hätte unübersetzt bleiben sollen, er ist einfach eine Ortsbezeichnung, quasi ein Straßenname, östlich der Haltestelle Zattere, das Ufer des ehemaligen Hospitals der Incurabili, die heutige Hochschule für Kunst der Universität Venedig. 

 
Die Fondamenta degli Incurabili war ein Ort, an dem sich Josef Brodsky während seiner Venedigbesuche besonders gerne aufhielt, eine Tafel erinnert dort an ihn ('...er liebte und besang diesen Ort'). Ich finde an dieser Stelle des breiten Giudecca-Kanals mit dem Blick auf die Palladio-Kirchen den weit schweifenden, geblendeten Blick über die Newa in Leningrad wieder, vielleicht war es für ihn ein heimatlicher Blick.

Während der Kunstbiennale 2011 gab es an dieser Uferstraße, den Zattere, in der Bibliothek der Universiät Ca' Foscari eine Hommage an Josef Brodsky. Es war eines der vielen 'collateral events' im Programm, vor der Tür zwar das übliche rote Biennale-Schild, aber die Bibliotheksangestellten hatten keine Ahnung. Erst nach einigem Weiterreichen landete ich bei einer Bibliothekarin, die mir den Weg zeigen konnte durch das ehemalige große Warenlager, hohe Räume vom Boden bis ins Dachgestühl, zu einem Lesesaal, der für einige Wochen Brodsky diente. 


Auf einer Leinwand lief ein Film mit Venedig-Luftaufnahmen, dazu rezitierte die bekannt monotone Stimme Brodskys Texte in russischer Sprache (die ich nicht spreche). Auf den Arbeitsplätzen unter Glas und Spotlights Drucke von Gedichten in italienischer Sprache, begleitet von abstrakten (Holz?)Schnitten. 


Ich war allein, die Ausstel-
lung im Halbdunkel, die Stimme Brodskys deklamierte immer weiter, ihre Tonhöhe steigerte sich merklich, um dann plätzlich wieder zu fal-
len. Ausatmen. Persönliche Atmosphäre trotz des großen Funktions-
raumes mit den dicken Haustechnikrohren entlang der Wände, vielleicht hätte dem Dichter das gut gefallen.
Ich verdanke ihm und dem/der KuratorIn eine schöne Kontemplation bevor ich wieder in die Vormittagssonne der Zattere trat. 


Josef Brodsky verbachte sein Leben nach Leningrad in New York, viele Winter in Venedig und er ist einer der 'Gäste' auf auf S. Michele, im 'protestantischen' Teil des Friedhofs, in dem auch Orthodoxe liegen, alles, was christlich, aber nicht rechtgläubig katholisch ist. Auf seinem Grab steht ein Hausbriefkasten aus Metall, und er hat Post (ich habe ihm nicht geschrieben, aber den Deckel einen Zentimeter weit geöffnet - das musste sein).  



Josef Brodsky in Venedig (Video)
Besprechung 'Ufer der Verlorenen' von von Birgitta Ashoff  Nov. 1991
Josef Brodsky 'In the Light of Venice' (Teil)



Nachtrag 28.12.2012
Lagunenlicht hat ein kurzes, charmantes Brodsky-Video per Mail geschickt. Zwei gut gelaunte ältere Herren am Rialto. Da im Kommentarbereich keine Verlinkung möglich ist, stelle ich den Link hier ein, bitte klicken:

http://youtu.be/ebFOh0Z-tH8




Nachtrag 07.01.2013
JW (c) trägt frühe Fotos vom Grab Josef Brodskys bei. Das Grabkreuz aus dem Jahr 1998 und der neue Grabstein aus dem Jahr 2000, noch ohne Briefkasten, aber mit einer kleinen Sammlung von Schreibutensilien. Eine sehr spezielle Grabgabe. Herzlichen Dank für die Fotos!














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20. Dezember 2010

Friedhof San Michele - nicht mehr geschlossene Gesellschaft


Was tut man nicht alles in einer schlaflosen Nacht, was man bei Tag nicht täte?
Einen online-Blick in den Gazzettino Nordest werfen, Lokalseite Venezia.

Und man findet die Nachricht vom 18.12.2010, dass ab dem nächsten Jahr neue Bestimmungen für den Friedhof San Michele gelten sollen.
Für den Bereich der bisher der "evangelische" ist, sprich aus katholischer Sicht die Randgruppen - Lutheraner, Anglikaner, Orthodoxe (Griechen und Russen) usw., wo allerdings die Berühmtheiten liegen - Strawinsky, Brodsky, Pound ...


Dort kann künftig Asche verstreut werden, und zwar auch die von Nicht-Venezianern. Es gibt kein Grab, aber eine Liste mit den Namen der Menschen, die sich so verabschieden möchten. Auch eine Seebestattung soll erlaubt werden, in einer angemessenen Distanz zur Küste.


http://www.ilgazzettino.it/articolo.php?id=131245&sez=NORDEST

Soviel dazu am frühen Morgen, ich werde das Projekt im Auge behalten...
Siehe auch letzter Eintrag zum Friedhof San Michele


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29. Mai 2010

San Michele - Neues vom venezianischen Friedhof

Das eingestürztes Grabmal vom Februar 2008 heute

Mein erster Bericht über den Friedhof San Michele ist schon über zwei Jahre alt, aber trotz einiger Kurzbesuche habe ich erst jetzt den neu geschaffenen Teil im Nordosten der Insel besucht.
Und die restaurierte Klosterkirche, die im November 2009 wieder eröfnet wurde.

Tatsächlich war ich von morgens
kurz nach sieben bis weit nach Mittag auf der Insel, und ich hätte auch den ganzen Tag dort bleiben können. In Stille dort ein paar Stunden zu verbringen, den Ort und seine Gestaltung auf sich wirken zu lassen und seinen eigenen Gedanken zuzuhören ist eine meiner ersten Empfehlungen für Venedigbesucher.

(Die Idee eines lokalen Reisebüros, Touristengruppen auf den Friedhof zu schleppen und sie dort
picknicken zu lassen meine ich damit nicht. Wurde nach einheimischen Entrüstungen auch ganz schnell wieder abgestellt.)
Die Klosterkirche S. Michele hatte ich als sehr düsteren Raum in Erinnerung, nach der Restauration ist sie (für eine venezianische Kirche) überraschend hell und übersichtlich und wirkt größer als zuvor.Auch die schöne sechs-
eckige Cappella Emiliana, aussen links von der Kirche,
kann man jetzt von innen besichtigen (wenn auch nicht betreten). Die Kirche ist jetzt wieder tagsüber geöffnet, allerdings muss man auf Trauerfeiern Rücksicht nehmen, die ja sozusagen geschlossene Gesellschaften sind.

Anlage mit kleinen Urnenkolumbarien


Der neue Friedhofs-
bereich liegt in der Nordost-
ecke der Insel, d. h. von der Vaporetto-
station geht man einfach geradeaus, läßt links das Kloster und rechts die als Halbrund gestalteten
Grabkappellen liegen, dann folgen links Kindergräber und ein großer älterer Kolumbarienbereich, rechts neuere Urnengrabstätten. Man landet immer weiter geradeaus gehend in den Bereichen für Orthodoxe und Prostestanten, an die sich dann die "Vier Evangelisten" anschließen.
Ich erkäre den Weg so kurz, damit man ihn findet, nicht um ihn so kurz zu empfehlen. Tatsächlich ist diese sehr kleine Ecke des Friedhofs viele Schlenker wert zu interessanten Gräbern, Gräberruinen, alten Bäumen, schönen und ungewöhnlichen Fotomotiven.

Zwei Fotos aus der Urnenhalle beim Krematorium
Ich bin bei diesem Besuch zum ersten Mal auf das Krematorium gestoßen und in seiner Nachbarschaft (links) auf eine Halle zur Aufbewahrung (oder vielleicht sogar Ausstel
lung?) von Urnen, von denen manche schlicht, viele aber besonders gestaltet sind und zum Teil Aufschriften tragen, die neugierig machen.
Der Raum ist niedrig, aber hell und luftig, mit bemalter Decke und Oberlicht, rappelvoll und überaus faszinierend. Trotz vieler Besuche auf San Michele ist mir dieses Gebäude bisher entgangen, und wer weiss überhaupt, was sonst noch auf dieser Insel zu entdecken ist...


Mit der Erweiterung des Friedhofs wurde David Chipperfield beauftragt (der in Berlin das Neue Museum auf der Museumsinsel wieder gebaut hat) und bisher ist nur der erste Teil, "Corte dei quattro evangelisti" fertig gestellt und in Funktion, und zwar von beeindruckender Größe.

Der erste Anblick des (bis auf einen Eingang) nach aussen völlig abgeschlossen wirkenden Gebäudes hat mich geschockt, aber das abweisende Äußere steht im Gegensatz zu den grünen, beschützenden vier Innenräumen. Es sind Hallen, deren hohe Wände aus Grabfächern, Kolumbarien, bestehen und deren Innenräume mit (noch jungen) Bäumen und menschenhohen Rosensträuchern bepflanzt sind. Die begrünten Hallen sind hell und frisch, da ihre Decken sozusagen ausgeschnitten sind: Licht, Wetter und die Rufe der Möwen fallen in die Raummitte, während die Wände zum Schutz der Gräber überdacht sind.

Corte dei quattro evangelisti

Eine Frau stand allein in einer dieser Hallen exponiert ganz oben auf einer Leiter und weinte, das Gesicht an ein Grabfach gelehnt.
Deshalb kein Foto der Innenräume der 4 Evangelisten.


Das chipperfieldsche Konzept sieht eine neue, per Brücke angehängte Insel vor, die ohne Mauer auskommen und den Blick auf Venedig und die Lagune erlauben soll. Ich finde das Thema sehr spannend und füge deshalb hier weiterführende Links an:

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/auf_der_insel_der_toten_1.2150448.html
http://www.nextroom.at/building.php?id=32033
http://online.wsj.com/article/SB10001424052748703792304574503763695817996.html
http://www.significantcemeteries.org/it/node/516

Sandpumpe in abendlicher Aktivität

Ich frage mich, ob die Arbeiten zwischen der Insel San Michele und dem Canale delle Fondamente Nove, die mir schon im letzten Jahr auffielen, mit der Friedhofserweiterung zu tun haben. Dort wurde eine Art Barena abgesteckt, in die in diesem Jahr jeden Abend in hohem Bogen Sand gepumpt wurde. Bei Ebbe konnte ich mit meinem Operngucker schon Möwen beobachten, die auf dieser entstehenden Insel herumpickten.


Man
darf gespannt sein auf die neuen Friedhofserweiterungen. Und die alte Friedhofsinsel bleibt ein faszinierendes Ziel in Venedig, als Ganzheit mit der napoleonischen Mauer und mit den verschieden gestalteten Teilbereichen bis zu immer wieder überraschenden Entdeckungen, die man hier machen kann. (Z. B. hat das Grab des Literatur-Nobelpreisträgers Joseph Brodsky neuerdings einen Briefkasten. Wofür? Es stecken Briefe drin. Sorry, das musste geprüft werden! Zu welchen Händen? Warum? Keine Ahnung.)
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10. Februar 2008

San Michele - die Friedhofsinsel von Venedig


Der Friedhof Venedigs existiert erst seit dem 19. Jahr-
hundert auf der Kloster-
insel S. Michele, die mit der Insel
S. Christoforo zusammengelegt wurde. Auf älteren Darstellungen sieht man beide Inseln zwischen Venedig und Murano. Davor wurden die Toten wie allgemein üblich auf den vielen Kirchhöfen bestattet.

Die Friedhofsinsel ist einen Besuch wert wegen der schönen alten Klosteranlage und der unterschiedlich gestalteten Teile und sehr besonderen Atmosphäre des Friedhofs. Ein neuer Bereich der "Vier Evangelisten" wurde im September 2007 eröffnet, ich habe ihn noch nicht gesehen.
Die
Rundfahrtlinie 41/42 von Fondamente Nove hält auf der Strecke nach Murano an S. Michele. In den Gassen an der Station Fondamente Nove gibt es Blumenläden, Steinmetze und sonstigen Friedhofsbedarf (siehe auch Eintragungen Cannaregio I und II vom 10.2. und 1.4.07) wie überall in Friedhofsnähe.

Das alte Kloster nimmt einen kleinen Raum in der
Nordwestecke der Insel ein. Seit 2007 finden für ca. 2 Jahre Renovierungsarbeiten statt, die Kirche ist wohl für diesen Zeitraum weitgehend geschlossen.
Danach soll das ehemalige Refektorium (Speisesaal) des Klosters als würdiger Ort für Trauerfeiern genutzt werden.
Es gibt davor einige Bestattungshallen, eine für mich ungewohnte Art von Friedhofsraum.


Der anschließende alte Kreuzgang ist wunderbar erhalten und die Kirche von Mauro Codussi als eine der frühen Renaissance-
architekturen.
Außen auf der Nordwestspitze sitzt die achteckige marmorverkleidete Capella Emiliana von 1530, die ich bisher noch nicht von innen sehen konnte.

Die Klosterkirche (schön und geräumig, der ehemalige
Schmuck des Innenraums wurde im Laufe der Zeit entfernt) kann man normalerweise vom Kreuzgang, also von der Seite aus, betreten. Der Haupteingang zum Wasser ist in der Regel geschlossen.
Ich hatte das Glück, dass diese Tür
zur Lagune wegen der Renovierungsarbeiten geöffnet war und gleichzeitig Mittagspause der Bauarbeiter, Flut und leichtes acqua alta. Jedes vorbei fahrende Vaporetto schickte kräftige und lang auslaufende Wellen auf den Kirchenvorplatz, in der Kirche saß ich allein inmitten des Wellenrauschens, verstärkt durch die Akustik des Gebäudes. Ein unbeschreibliches und unwiederbringliches sinnliches Erlebnis.

Das Klostergelände wird begrenzt durch einen Halbkreis privater Grabkapellen die aus der Gründungszeit des Friedhofs zu stammen scheinen und die stimmungsvoll weil ehemals schön, aber z. T. in einem bejammernswerten Zustand sind.

Private Grabkappelle, deren Dach eingestürzt ist

Der eigentliche Friedhofsbereich
hat für mich völlig unübersichtliche Teile: diese typisch italienischen Gräbermauern (keine Ahnung, wie sie wirklich genannt werden: Ossuarien?) einerseits und große Flächen bedeckende an Soldatengräber erinnernde kleine Wiesengräber mit Grabkreuzen oder kleinen Grabsteinen andererseits. Ich habe zweimal versucht, das Grab von Luigi Nono zu finden, das auf so einer Fläche ausgewiesen wird: keine Chance im Gewimmel.
Dazwischen alte und neue persönlicher gestaltete Gräber, die z. T. sehr teuer
aussehen und viel Platz beanspruchen, oder wirkliche Militärgräber mit martialischer Symbolik.

Zwei Frauengräber im protestantischen Teil des Friedhofs

Es gibt eine Reihe von Berühmtheiten, deren Gräber jeder Führer nennt (Strawinsky, Pound...), die aber erstens nicht leicht zu finden sind und zweitens auch kaum besucht werden. Die beiden gleich schmalen neben einander liegenden Gräber von Madame und Monsieur Strawinsky erregen bei mir eine gewisse Fröhlichkeit, denn sie passen gar nicht zur sehr unterschiedlichen physischen Erscheinung des Paares zu Lebzeiten...
Die alten venezianischen Berühmtheiten, Dogen und immer noch weltbekannte Künstler, sind hier nicht zu finden, sondern in den Kirchen, vor allem in der Frari-Kirche (hier für mich an erster Stelle Claudio Monteverdi) und in Zanipolo.

Ein Teil des Prostestantischen Bereiches von S. Michele

Besonders 'romantisch' und still, ohne friedhofstypische Geschäftigkeit, ist es in den beiden nordöstlichen Bereichen, die Nicht-Katholiken vorbehalten sind: die Ecke der Protestanten und der Orthodoxen. Dort trifft man keine Friedhofsarbeiter an, nur selten gibt es dort Bestattungen, die Flora ist sich weitgehend selbst überlassen und trotz der hohen alten Bäume von freundlicher Üppigkeit. Hier kann man gut spazieren ohne zu stören, man ist in der Regel allein.




Grabstein von Aspasia Manos
Sie wurde im orthoxoxen Bereich begraben und später überführt in die Begräbnisstätte der griechischen Königsfamilie im Park von Tatoi


Der Friedhof öffnet früh am Morgen, ein Besuch in der Morgenfrische nach einem Kaffee an den Fondamente Nove ist ein wunderbarer Tagesbeginn. Die Schließung kann man nicht verpassen. Damit niemand auf der Insel bleibt, wird dermaßen laut gehupt, dass man sich fragt, wie die Toten bei dem Krach ruhig liegen bleiben können...


Ausser der Friedhofsinsel gibt es noch die Ossuariumsinsel Sant' Ariano weiter nördlich. Ich weiss nicht, ob dort nur "alte" Gebeine aus den ehemaligen Friedhöfen der Kirchengemeinden aufbewahrt werden, oder "Bewohner" von San Michele, die nach Ablauf der Ruhephase dort weiter gelagert werden.
Die Insel darf nicht betreten werden. Ein Blogger hat es trotzdem mal versucht. Naja. Entdeckerfreude in Ehren, aber soweit muss sie wohl nicht gehen.


Ergänzung per Mail am 17.2.08 von Andreas Götz

Noch was zu deinem blog: Nach Fertigstellung der Erweiterung des Friedhofs San Michele wollte die comune letzte Woche die Friedhofsgebühren hier um ca 300 % steigern. Nach Protesten wurde das gestern wieder zurückgenommen. Die Erhöhung war mit den Kosten für die Erweiterung begründet worden. Die Arbeiten wurden aber voll aus den Mitteln des "legge speciale" bezahlt, hat die comune also gar nicht belastet. Dass die sowas trotzdem versuchen ...

Und noch was: Seit kurzem können die Angehörigen nicht mehr mit dem Bestattungsboot mitfahren. Weil die "Vesta", die den Friedhof und die Müllabfuhr betreibt, Kräne zum Bewegen der Särge auf den Booten montieren ließ (bis auf eins, daß zu klein war). Auch hier gab es Proteste, aber da die Kräne schon montiert waren ... (Personaleinsparung).