30. Januar 2019

Die Masken der Serenissima



Dies ist kein Beitrag zum heutigen venezianischen Carneval. Im Gegenteil.
Es geht um die Vorstellung einer neuen Publikation der Edition Bonn-Venedig des Bonner Verlags-Comptoir (siehe Eintrag 'Edition BN-VE' vom 30.4.18).

"Die Masken der Serenissima" ist das neu ins Deutsche übersetzte Buch des venezianischen Autors Danilo Reato, in dem es, auch mit zahlreichen Abbildungen, um die historischen Kostümierungen und Maskierungen von Männern und Frauen im teilweise bis zu 6 Monate dauernden venezianischen Carnevale geht. 

Der Autor stellt das Buch selber vor, Übersetzungsdienste leistet der Verleger der Edition BN-VE Arnold E. Mauerer.
Zur Sprache kommen auch auch die Masken aus der Commedia-Tradition, die auch zur Tradition des venezianischen Carnevale gehörten, mit Figuren wie dem Pantalone, Arlecchino, der Gnaga und dem Eier schleudernden Mattaccino. 
Und am Rande auch um die aktuellen Probleme Venedigs, die im modernen Karneval manifest werden.
Eintritt frei.

Zur Biographie des Autors: Danilo Reato veröffentlichte zahlreiche Bücher zu seinen großen Themen: Masken, Karneval, Kaffeehaus. Er organisierte Ausstellungen, arbeitet journalistisch, war als Film-Konsulent bei Spielfilmproduktionen tätig.
Zu seinen 
wichtigen Büchern gehören: Il Caffè Florian (1981), Storia del Carnevale di Venezia (1988), Le Maschere veneziane (1988), La bottega del caffè. I caffè veneziani tra 700 e 900 (1991), La Maschera e il volto di Carlo Goldoni. Due secoli di iconografia goldoniana (Herausgabe,1993), Venezia una città in maschera (1998, Ausstellungskatalog), Caffè d’Europa. Thinking & Drinking (1999, in deutscher Sprache u. d. T. Künstler im Cafè), zuletzt: Lavena, il caffè dei foresti, il tempio dei musicisti e dei letterati (2018).

Danilo Reato: Die Masken der Serenissima. Aus dem Italienischen übersetzt
von Ursula Sharma. Bonn: Bonner Verlags-Comptoir/Edition Bonn-Venedig
2019. 91 Seiten. 54, z. T. farbige Abbildungen. 16 €. ISBN 978-3-9816870-9-5

(Originalausgabe, erscheint am 12. 2. 2019)


Termine: 
12.2.19 Haus der Bildung Bonn, Mülheimer Platz/Bottlerplatz
14.2.19 Istituto Italiano di Cultura Köln 
15.2. 19 Istituto Italiano di Cultura, Stuttgart 


Informationen zum kommerziellen und absolut nicht traditionellen Carnevale 2019 gibt es auf diesem Blog nicht mehr im Detail, sind aber hier zu finden: 16.2.-5.3. Carnevale offizielles Programm. Speziell: Carnevale in venezianischen Museen.


Weniger kommerziell, ohne die werbeorientierte Bezeichnung 'traditionell' und in den letzten Jahren weitgehend positiv besprochen und empfohlen ist der Kinderkarneval der Biennale: 
23.3.-3.3. Biennale Carnevale für Kinder




.

18. Januar 2019

Filmdokument 1969


Das Archiv der BBC veröffentlichte in dieser Woche am 15.1. in seiner Twitter-Reihe "#OnThisDay" einen kurzen Film, den der in englischsprachigen Medien berühmte Journalist James Cameron (1911-1985) im Januar 1969  in Venedig drehte.

Aus heutiger Sicht ein melancholischer Blick auf das ruhige winterliche Venedig. Der Exodus der Venezianer*innen aus den heruntergekommenen alten Häusern hatte bereits begonnen, aber die Aufteilung der Stadt in Hotels und Ferienwohnungen und die Übernahme durch ganzjährige Ströme von Besucher*innen liegen noch in der Zukunft. 

Fahrten auf dem Canal Grande und kleineren, Besuche des Squero di San Trovaso, einer der letzten in Venedig, und des heute in seiner Existenz gefährdeten Fischmarkts, eine Überfahrt mit einem der mittlerweile weitgehend abgeschafften Traghetti über den Canal Grande, der leere Campo del Ghetto Nuovo... ein seltenes, sehenswertes Zeitdokument.


#OnThisDay 1969:
Journalist James Cameron made a documentary about Venice, while he still could





.

13. Januar 2019

Neue Museumspläne für den Fischmarkt am Rialto




Vor 5 Jahren gab es eine kleine kontroverse Medienwelle für und gegen ein Museum der islamischen Kultur in Venedig. Der Vorschlag war, es im Obergeschoss der zwei Gebäude des Fischmarkts am Rialto einzurichten, das seit dem Umzug von Justizbehörden leer steht. Zur Finanzierung des Projekts standen mehrere Golfstaaten an - Kuweit, Qatar, Vereinigte arabische Emirate - die Sache hätte quasi nichts gekostet, trotzdem kam es nicht einmal zum politischen Konsens. 
Der damalige Bürgermeister Giorgio Orsoni (nicht mehr im Amt wegen Korruptionsanklage beim M.O.S.E.-Projekt), war im Hinblick auf die langen historischen Verbindungen Venedigs mit islamischen Ländern, in Krieg und Frieden, in kulturellem Austausch und vor allem im gegenseitigem wirtschaftlichen Nutzen für das Projekt, während der Regionspräsident Luca Zai (Lega) ein Islammuseum "nutzlos" fand. Andererseits - die Finanzierung des Museums islamischer Kultur durch Golfstaaten hätte vermutlich ihren Preis gehabt, wie die Erfahrung lehrt. Wer zahlt, bestimmt die Musik...
Im August 2015 lehnte das italienische Kulturministerium MIBACT auf Basis von Beratungen durch die eingesetzte Kommission, der auch die Direktorin der Stiftung städtischer Museen Venedig, Gabriella Belli, angehörte, die Genehmigung des Projekts ab. Begründungen waren u. a. die Präsenz islamischer Kunst in Venedig (vor allem in der Ca' Pesaro, aber auch nachzulesen in einer Veröffentlichung des Archeoclub Venezia nachzulesen) und in anderen größeren europäischen Museen (z. B. Louvre, Victoria und Albert).

Das Thema verschwand von der Bildfläche und tauchte im Frühling 2016 wieder auf, diesmal allerdings als Museumsprojekt zur Geschichte der Stadt Venedig, der Serenissima, und vorgeschlagen von Gabriella Belli, siehe auch oben, Direktorin der Stiftung städtischer Museen Venedig. Ein Museum, präsentiert als quasi thematisch unverzichtbare Einstiegsausstellung für Venedigbesucher*innen, an herausragender Position am Canal Grande, inkl. eines Vortragsraumes und einer Terrasse am Wasser, und als 13. der bisherigen 12 städtischen Museen Palazzo Ducale, Museo Correr, Palazzo Fortuny, Torre dell'orologio, Cà Rezzonico, Cà Pesaro, Cà Mocenigo, Casa Goldoni, Museo del Vetro Murano, Museo del Merletto Burano, Museo di Storia Naturale. Eine schöne Erweiterung der venezianischen Museumsperlen!

In der ersten Januarwoche 2019 hat Bürgermeister Brugnaro nun einer modifizierten Version des Projekts zugestimmt. Geplant ist ein "Museo del mercato e del commercio veneziano". 
4000 Unterschriften wurden vom Komitee 'Cittadini Campo Rialto Novo' gesammelt und im Rathaus präsentiert von der Vorsitzenden Gabriella Giaretta (auch Gruppo 25 Aprile), zusammen mit dem Projektentwurf von Donatella Calabi, Luca Molà und (dem Autor u. a. einer aus meiner Sicht empfehlenswerten Venedigeinführung für Beginner*innen) Paolo Morachiello.
Die Markthändler*innen und Fischverkäufer wurden vertreten durch den Architekten Luciano Claut; als einer der möglichen Sponsoren war der Stockfischimporteur Ermanno Tagliapetra dabei, und als Projektbeteiligter der pädagogische Leiter der Hotelfachhochschule Barbarigo Rachele


Die Projektbeteiligung ist geplant als Schulungs- bzw. Trainingsunternehmen für die Studierenden der Hotelfachhochschule. Diese gastronomische Einrichtung soll als Teil des Museums funktionieren (das im Übrigen weitgehend 'virtuell' sein wird, also vermutlich eine der von mir nicht geliebten Multimediashows) unter Kooperation mit den organisierten Händler*innen des Rialto- und Fischmarktes auf non-Profit-Basis. 
Non-Profit-Basis ist natürlich interessant für die Zielgruppe, UNS Tourist*innen mit Muße in Venedig, wenn es bedeutet, dass wir hier in außerordentlicher Umgebung marktfrisch und preisgünstig (!) speisen werden. Mahlzeiten, die von von engagierten und inspirierten jungen Menschen produziert und serviert werden, die man ohne übertriebene Kosten sozusagen beim Sammeln von beruflichen Erfahrungen unterstützen darf. (Man erinnert sich an das non-Profit-Restaurant 'Alla Basilica', das mit gutem Essen und sehr freundlichen Mitarbeiterinnen leider nur sehr kurzlebig war, warum auch immer!)

Die Kostenplanung sieht 7 Mio. € vor, neben der Ausstattung für die neue Nutzung sind Renovierungen am Gebäude, vor allem der langen schmalen Treppe ins Obergeschoss, erforderlich. Die Finanzierung wird mit (noch zu akquirierenden) Sponsor*innen und städtischen (und sonstigen?) Fördermitteln geplant. Bürgermeister Brugnaro bzw. sein Rat ist bereit, Mittel zur Verfügung zu stellen, da es sich um eine "Initiative von unten handelt, in die Wege geleitet wird von Bürger*innen, die nicht jammern, sondern einen konkreten Vorschlag machen". 
Er hofft natürlich auch auf einen Aufschwung des seit Jahren schrumpfenden Fischmarktes - immer weniger einheimische Kunden, die dafür von immer mehr fotografierend kreativen Tourist*innen genervt sind - "der Fischmarkt könnte im nächsten Jahr schließen, wenn es so weiter geht" (sagt der Bürgermeister).
Er fordert deshalb, dass Museum und vor allem Restauration nicht den Marktzeiten (also vormittags) angepasst sein sollen, sondern die ganztägige Öffnung. Das entspricht, sagt er, den Bedürfnissen des Tourismus, bietet aber auch die Möglichkeit privater Feiern an diesem Ort einzigartiger Lokalität, analog den "Märkten von Barcelona, Hamburg, Padova und Tokyo" (da hängt die Latte ein bisschen hoch, abgesehen von Padua, aber warum nicht). 

Die Direktorin der Stiftung städtischer Museen, Frau Belli, war bei diesem Termin nicht anwesend (vermerkt die Lokalpresse ausdrücklich). Und da ihr nach der Ablehnung des Museums islamischer Kultur, an der sie beteiligt war, vor ca. 3 Jahren sozusagen der "Palazzetto delle Pescherie" in den Schoß fiel und trotz ihrer Idee eines stadthistorischen Museums seitdem weiter leer steht, ist die Frage, ob diese Pläne denn in absehbarer Zeit - oder überhaupt - realisiert werden?

Es bleibt wie immer spannend in Venedig.





.

6. Januar 2019

Eintrittsgeld für mordi e fuggi


Nach dem EU-politischen Theater um den italienischen Haushalt und nach jahrelangen 'diplomatischen Manövern' der Stadt Venedig hat wenige Tage nach dem Senat auch die Abgeordnetenkammer am (sage und schreibe!) am 28.12.2018 die 'Landungssteuer' - tassa di sbarco - als Teil des Haushalts 2019 verabschiedet. Damit darf die Stadt Venedig (wie auch die Inseln Capri, Giglio und Elba) von Tagestourist*innen ein Eintrittsgeld von 2.50 bis 10 € erheben.
In Venedig nennt man Tagestourist*innen "mordi e fuggi" - also "beiss rein und hau ab". Ein schönes und zutreffendes Bild für den Rein-Raus-Tourismus, wenn man wieder mal eine deutsche Familie auf Tagestour vom Campingplatz in Punta Sabbioni die Stullen auf Brückenstufen in Venedig auspacken sieht. Die Meldung der neuen Steuer wurde in internationalen Medien mit Einverständnis und Zweifeln kommentiert.

Um den Ticketpreis in Relation zu anderen venezianischen Preisen zu setzen, sind hier ein paar Beispiele:
20 € Dogenpalast voller Eintritt; Sonderausstellungen im Dogenapartment, z. B. Tintoretto kosten extra.
(Die folgenden Museen bieten unterschiedliche Reduktionen für sehr diverse Personengruppen an, erheben aber auch z. T. Zusatzgebühren für z. B. Onlinebuchungen)

10 € Ca' Rezzonico 
10 € Palazzo Fortuny 
15 € Accademia 
12,50 € Ca' d'Oro
15 € Guggenheim Collection
15 € (jeweils) Palazzo Grassi + Punta Dogana 
3 € CHORUS-Kirchen einzeln, Sammelticket für alle 12 €
8 € Scuola Grande di San Marco
13 € Führung durch den Komplex der Fondazione Cini, ehemaliges Kloster S. Giorgio Maggiore (ohne Kirche)
11,50 € 1 Espresso + 1 kleines Glas Leitungswasser in einem der 4 Cafés am Markusplatz (Stand der Information ist vielleicht überholt: von 2017)
2,50 € 1 Espresso + 1 Croissant 400 m und eine Brücke jenseits des Markusplatzes



Die Entscheidung hat laut Lokalpresse 2 Zielsetzungen:
"...portare all'incremento del gettito dagli accessi alla città, il contributo di sbarco sarà versato a prescindere dal pernottamento in strutture ricettive e (...) conseguire un effetto selettivo e moderare l'accesso delle cosiddette grandi navi alla zona lagunare", also: "...zu erhöhten Einnahmen aus dem Zugang zur Stadt zu führen, da die Landegebühr unabhängig von der Unterbringung in Hotels gezahlt wird und (...), um einen selektiven Effekt zu erzielen und den Zugang der sogenannten großen Schiffe zum Lagunengebiet zu mäßigen".

Dass die meisten internationalen Medien daraus schließen, dass damit die BESUCHER*INNENZAHLEN "in Schach gehalten", kontrolliert bzw. sogar verringert werden sollen, könnten, siehe z. B.

Tagesschau Eintritt gegen den Besucheransturm
FAZ Venedig darf Eintrittsgeld von Touristen verlangen
WDR Venedig fordert "Eintrittgeld" für Touristen

ist allerdings erstaunlich. Denn das hat niemand gesagt. Falsch ist auch die Behauptung, dass "Venedig seit Jahren gegen die Besuchermassen kämpft" - es ist (leider nur) eine Minderheit der venezianischen Bevölkerung (z. B. die Bürgerinitiativen Grupo 25 Aprile oder No Grandi Navi), die das tun. 
Venedig, also die Verwaltung der Stadt, der Bürgermeister, die Tourismusindustrie und die gesamte Hydra der tourismusabhängigen Wirtschaft kämpfen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um die Erhöhung der Besucherzahlen, den weiteren Bau von Hotels auf dem Festland sowie exklusiven Luxusresorts auf Laguneninseln, die weitere Umwandlung alter Gebäude im Centro Storico zur auschließlichen Nutzung durch die Tourismusindustrie (Hotels und Show-"Museen"), sowie den weiteren Zugang großer 'Kreuzfahrt'schiffe in die Lagune. 

Es geht um Geld. Profite. Dafür ist nicht nur das Luxussegment zuständig, sondern auch die Masse, die täglich über die Adria reinkommt, ein paar Stunden durch die Gassen wandert, Venedig-Souvenirs einkauft und zum Abendessen aufs Schiffs zurückkehrt. Und die Masse asiatischer Busrundreisetourist*innen, die eine Führung über den Markusplatz inklusive bekommt, danach im asiatischen Airportluxusverkauf des Fondaco dei Tedeschi sein Geld lässt und in einer eigens eingerichteten Restauranthalle auf dem Tronchetto, neben den Parkplätzen, speist (inklusive? Möglicherweise, weiss ich nicht). 
Das sind, und natürlich weitere, die Zielgruppen der neuen Landungssteuer, und welches Tourismusunternehmen bis hin zum Anbieter von Fahrradreisen wird ernsthaft erwägen, Venedig von seiner Tour zu streichen? Wegen eines Eintrittspreises, der einer einzigen Kircheneintrittskarte vergleichbar ist, oder billiger als ein Espresso auf dem Markusplatz? Lächerlich.


Die Landungssteuer kommt allerdings viel zu spät, ist zu billig, und lässt halbherzig die Tourismusindustrie davon kommen. Trotzdem: sinnvoll ist sie allemal. Zu ihrer Verwendung gibt es von den Medien die zweite ahnungslose Falschmeldung, sie diene dem "Erhalt Venedigs". Laut Bürgermeister Brugnaro soll sie konkret als Beitrag zur Stadtreinigung verwendet werden, die bisher mit Steuermitteln bezahlt wird. Als Stadtverantwortlicher muss er es wissen, und als Inhaber der Zeitarbeitsfirma Umana, die auch die Grupo Veritas mit billigen Arbeitskräften versorgt, auch. Zu hoffen ist auf die Realisierung dieser Behauptung, und dass die Männer und Frauen, die den täglichen Abfall der Besucher*innen entsorgen, jeden Tag morgens vor 7 Uhr den Markusplatz fegen und nach den Feierlichkeiten der Neujahrsnacht die Riva noch vor 4 Uhr besenrein übergeben haben, künftig nicht mehr nur von den Steuern der Venezianer*innen bezahlt werden.

Die 3 Probleme, die nach dem Haushaltsbeschluss anstehen, sind
1. ab wann und wie viel?
2. wie wird die Kohle eingesammelt?
3. wie werden die Einheimischen und die Massen Pendler*innen von der Zahlung ausgenommen, außerdem die Menschen, deren Ziele das Krankenhaus, das Gericht o.ä. sind, und die Besucher*innen jenseits von touristisch motivierten Anlässen, z. B. Eltern von Studierenden, Familien von Strafgefangenen, religiöser Anlässe etc.?

1. wurde vom städtischen Wirtschaftsreferenten Michele Zuin im Neujahrsinterview beantwortet: alle Tarife müssen vor dem 28.2. entschieden sein, um noch 2019 in Kraft zu treten. Für das Top-Event des Carnevale ist es zu spät, aber für den Termin Ostern könnten die notwendigsten Formalitäten für die Landungssteuer erledigt sein. Könnten. Wir werden sehen.

2. scheint einfach zu sein: wird den Tourismusunternehmen aufs Auge gedrückt. Bus, Bahn, Schiff, Flugzeug. Von denen auf die Reisekosten addiert und an die Stadt Venedig weitergeleitet. Ob dazu im Vorfeld des Gesetzes Absprachen getroffen wurden, erfährt man nicht. Wie es mit Einzelreisenden im Detail funktionieren soll, auch nicht.
Für Zugreisende gibt es laut Zuin die Idee, die Zahlung der Steuer ausschließlich online anzubieten, gegen Beleg zur Vorlage bei Kontrollen und ggfs. beim Fahrkartenkauf am Schalter. 

3. scheint noch das größte Problem zu sein. Klar formuliert wird von den Verantwortlichen, dass Bewohner*innen Venedigs und der Region (und Weitere...) vom Eintrittsgeld ausgenommen sein müssen. Auch hier müssen die Regeln zur Umsetzung bis zum 28.2. festgelegt werden. Ein Arbeitstreffen der Betroffenen (Ministerien, Stadtverwaltung, Regionalverwaltung, Präfektur) ist für den 31.1. einberufen. Ob diese Aufgabe in so kurzer Zeit zu bewältigen ist, wird sich zeigen, sagt die venezianische Presse. Und zitiert die Stadtverwaltung:
"Le cose più semplici si faranno adesso, già in questo 2019, e le altre si studieranno poi" - Die einfachen Sachen werden gleich erledigt, noch 2019, die anderen werden danach näher betrachtet.  
Na da verkneife ich mir doch jeden Spott und wünsche bestes Gelingen in Sinne der anderen Seite der Betroffenen - der hoffentlich nicht zahlungspflichtigen Bevölkerungsgruppen.


Den künftigen Tagesbesucher*innen, soweit sie auf diesem Blog landen, erlaube ich mir, einen Rat zu geben.

Es gibt Menschen in aller Welt, die, vielleicht zum ersten Mal noch bevor sie lesen konnten, die traumschönen Bilder der Stadt Venedig, ihrer Kanäle, Brücken, Lagune und Inseln gesehen haben. In Bildbänden, Boulevardblättern, im Fernsehen, Kino, in der Werbung der Tourismusindustrie. Und die deshalb Venedig gesehen haben wollen, nein, müssen, bevor die Stadt 'untergeht'. Und sei es nur ein Tag, einmal! Wer hätte dafür nicht grundsätzlich Verständnis. 
Aber Venedig ist nicht sichtbar in einem Tag. Sozusagen. Man sieht nur das, was man von Bildern kennt. Auch 2 Tage reichen nicht. (Ach die Anfragen, was man in 2 Tagen Venedig - 1 vor und 1 nach der 'Kreuzfahrt' (!) - in Venedig "unternehmen" könnte!) 
Ein Tag Venedig ist wie auf der Straße Angela Merkel sehen. Ein Blick mit der Erkenntnis "Angela Merkel sieht genauso aus wie im Fernsehen!" Aha. Und Venedig auch. Hat man was davon?
Bilder, die man seit Jahren kennt, werden in der Realität nicht real, sondern irreal. Fragt man Menschen am ersten Tag in Venedig, sind sie irritiert und fühlen sich "wie im Film". Es braucht Zeit, die Klischees loszulassen und eine eigene authentische Wahrnehmung Venedigs aufzubauen. Die sich dann aus vielen Mosaiksteinen der eigenen sinnlichen Erfahrungen und ihrer Verarbeitung zusammensetzt. Wer dafür die Zeit nicht hat, sollte sich das Geld sparen. Wer das Interesse daran nicht hat, sollte sich ein Ziel suchen, das seinen*ihren Interessen besser entspricht. Wer mit seinem Venedigbesuch angeben will, sollte sich das schenken - Venedig ist ein Krethi-und-Plethi-Trip geworden, ein Ballermann der Kulturstädte, mit Luxusabteilung.
Aber auch eine Art kultureller Heimat für die, die in vielen Jahren auf verschiedenste Weisen die Stadt erfahren und kennen gelernt haben, die Venedig bewundern und lieben und die deshalb immer wieder kommen.

Ich wünsche mir, dass die mordi-e-fuggi-Steuer ein Reinfall wird, weil ein Tagesbesuch in Venedig einfach zu wenig ist und sich das vielleicht endlich mal herumspricht. 
Bleibt weg! Kommt nicht nach Venedig! Keinesfalls für einen Moment, einen Tag mordi e fuggi. Vermutlich ein vergeblicher Wunsch. 






Das Thema Eintrittsgeld hat einige (bisher englischsprachige) Medienbeiträge ausgelöst, die z. T.  auch kritische und nachdenkliche Töne zur Situation Venedigs liefern.
Nicht alle Meinungen teile ich, oder teile ich nicht nur, und nicht alle Informationen sind korrekt recherchiert oder widergegeben. Aber bei genügend Interesse am Thema sind sie lesenswert:


10.1. iNews Why Venice should resign its Unesco World Heritage status
6.1. Guardian The death of Venice?
6.1. Sunday Times  Will new fees turn Venice into a theme park?
4.1. Telegraph Hit-and-run da-trippers are killing Venice - and a 10 €-tax won't save it
2.1. artnet news In Response to Exploding Visitor Numbers, Venice Will Now Start Charging Tourists an Entrance Fee
2.1. Apollo Is it too late to save Venice?
2.1. Daily Times Venice to charge da trippers up to $ 11 to visit
1.1. Dubrovnik Times Could Dubrovnik follow in Venice's footsteps and introduce a ticketing system?
1.1. Epoch Times Venice to Start Charging Day-Trip Tourists With Entrance Fees
1.1. Irish Times Venice to charge day-trippers up tp 10 € to enter city
31.12. Washington Post Venice to charge day-trippers for access to city center
31.12. BBC News Venice to charge tourist entry fee for short stays



Ergänzung 20.1.
Keine offizielle Pressemitteilung, sondern nur ein Interview mit Bürgermeister Brugnaro anlässlich einer der vielen Anlässe, an denen er gerne edienfreundlich ist:

Die Landungssteuer wird ab Mai erhoben, zunächst wird die Entscheidung befristet auf 3 Jahre. Der dazu erforderliche Beschluss der Stadt erfolgt in den ersten Februartagen, danach die Bestätigung durch den Rat, und tritt nach 60 Tagen in Kraft. Theoretisch sind dadurch 40 Mio. € zu erwarten, obwohl noch keine Entscheidung über die Höhe der gestaffelten Beträge gefallen ist, seine eigene Vorstellung liegt zwischen 2 und 5 €. Von den 20 Mio. Besucher*innen 2018 waren 2/3 Tagestourist*innen, die von der Neuregelung betroffen sind. 

Eine Studie zu rechtlichen Details ist in Arbeit, auch wegen der zu erwartenden Einsprüche. Einsprüche wohl auch datenschutzrechtlicher Art im Hinblick auf den neu eingerichteten, ab dem Frühjahr arbeitenden "Control room" auf dem Tronchetto, der zunächst mit Mitteln des Venedigabkommens finanziert wird und die Basis der künftigen Kontrolle und Leitung der Personenflüsse ist.  

Absprachen mit den Verkehrsträgern wie Bahn, Schiffs- und Busunternehmen wurden im Vorfeld nicht getroffen und müssen noch erarbeitet werden. Ziel der Landungssteuer und Steuerungsmaßnahmen sei nicht, die Zahl der ankommenden Tourist*innen zu verringern, sondern die Spitzen mehrerer zusätzlicher Hundertausender Personen an speziellen Terminen wie Carnevale, Ostern, Redentore, Regata Storica und Brückenwochenenden zu kontrollieren. Dazu soll bis 2021 die obligatorische Voranmeldung für den Besuch der Stadt und der Inseln realisiert werden, mit deren Hilfe die Überfüllung (quasi wie z. B. in einem Sportstadion) verhindert werden soll. Eintrittsermäßigungen soll es dann für Anmeldungen an 'ruhigeren' Tagen geben.  


Ergänzung 4.7.2019
Man denkt "...hab ichs nicht gleich..." aber man sagt es höflicherweise nicht. Deshalb habe ich mir einen Hinweis verkniffen, als der Einführungstermin für das Eintrittgeld vom Mai 2019 auf den September verschoben wurde.
Aber jetzt melde ich doch, dass die Sache nicht vor 2020 in Gang kommt. Die Schwierigkeit besteht wohl darin, dass sich die Tourismusindustrie nicht so einfach in Haftung nehmen lässt für das Einsammeln des Eintrittsgeld, und schon gar ohne vorherige Absprachen, siehe letzter Absatz oben. Siehe auch  Kurztext der Süddeutschen. Lassen wir uns an Neujahr überraschen... 


.

1. Januar 2019

Auguri 2019






Einen frohen Neujahrsmorgen und gutes neues Jahr allerseits.

Hier sind alle Konzerttermine des Jahres 2019 in diesem außergewöhnlichen venezianischen Auditorium, das die Musik auch zum visuellen Fest werden lässt.


.