13. Juli 2008

imob.venezia in Funktion



Seit dem 1. Juli ist das neue elektronische System des venezianischen ÖPNV, imob, auf allen Linien in Funktion. Die Venezianer nennen die Chipkarten "l'imob(e)" (ohne das kleine italienische 'e' zur Abmilderung eines Endkonsonanten geht es nicht) und haben sich offensichtlich daran gewöhnt. Ich habe im Juni weder Systemausfälle noch Nervenzusammenbrüche an den Entwertern erlebt. (Allerdings verstärkt genervte ACTV-Angestellte (vor allem weibliche), die Touristen ohne Durchblick und ohne Italienischkenntnisse sehr ruppig auflaufen ließen.)
Wie die Entwerter funktionieren, sieht man hier oben (die Datei ist unter ACTV zu finden, lässt sich aber nicht verlinken). Die Sache ist äußerst bedienerfreundlich und idiotensicher: bei einer Carta Venezia wird bei jedem Entwerten angezeigt, wie viele Fahrten à 75 Minuten noch auf der Karte sind; wenn man innerhalb von 75 Minuten (versehentlich) noch einmal entwerten will, kommt im Display des Entwerters die Meldung 'schon entwertet' (gia convalida); wenn man die Karte an der Verkaufsstelle aufladen lässt, kann man mit der Fragezeichentaste sofort nachprüfen, ob die bezahlte Anzahl von Fahrten aufgeladen wurde.
Vor allem kann man, sollte der Vaporetto schon warten, ohne Zeitverzug im Vorbeirasen entwerten. Den Bestätigungs-Piep hört man auch, wenn man schon vorbei ist, das Stempeln der Karte (und prüfen, ob der Stempler wirklich drauf ist) entfällt.

Es gibt z. T. Besorgnis der Nutzer zum Datenschutz. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie weit Boykottaufrufe geteilt und angenommen werden.



Es gibt jetzt auch eine neue Ticketkontrolle, die ich auf der Linie 2 zwischen Sacca Fisola und Tronchetto erlebt habe: die junge Frau, die das Boot vertäut, hat ein kleines Hand-held-Computerchen, in das sie jede Karte einschiebt und auf einem Display antippt, welches Ticketprüfprogramm abgerufen wird, das dann die Gültigkeit des Tickets bzw. der aktuellen Entwertung prüft.

Die viel diskutierte Linie 3 für Inhaber von Abonnementkarten und Carta Venezia ist für nonresidente Venedigbesucher wie mich eine feine Sache, abgesehen vom Geschrei "No tourist! Solo abonnamenti!!" des Bootspersonals. Um das zu vermeiden, hält man als sofort identifizierter Tourist besser freundlich seine Carta Venezia hoch oder unter die Nase des/der ACTV-Angestellten.
Aber für die Venezianer verläuft die Neuerung bisher in keiner Richtung befriedigend: die ACTV bzw. die Stadt klagt, dass die Linie nicht ausgelastet ist (sie fährt tatsächlich halb leer), trotz der Erhöhung vom schlappen 20-Minuten-Takt auf immerhin 10-Minuten-Takt, und droht mit Einstellung der Linie. Die Bürger klagen, dass die Linie nur bis Vallaresso geht und damit ganz Castello und der Lido abgehängt sind bzw. Umsteigen in Kauf genommen werden muss und fordern eine entsprechende Streckenverlängerung statt Einstellung der Linie. Vielleicht braucht es einfach ein bisschen Geduld auf beiden Seiten, wann wäre etwas Neues in Venedig je innerhalb von sechs Monaten auf den optimalen Stand seines Potenzials gereift!

Fazit: Aus meiner bescheidenen Sicht profitiert der ÖPNV in Venedig ganz erheblich vom neuen imob. Ich als Touristin finde das System sehr praktisch und vom Konzept her ziemlich genial und freue mich schon auf die angekündigten weiteren Optionen zum Einsatz der Chipkarten, die hoffentlich nicht zu lange auf sich warten lassen.


7. Juli 2008

Venedig Quarto Ponte - Juni 2008


Ich habe keine Neuigkeiten über die vierte Brücke (Calatrava) über den Canal Grande.














Es gibt wohl keinen neue
n Termin für die Eröffnung. Und es gibt wohl auch noch keine Entscheidung über den Vorschlag des Bürgermeisters Cacciari, die Brücke 'Ponte della Zirada' zu nennen, entsprechend der alten Ortsbezeichnung des Knicks des Canal Grande. Und den Piazzale Roma 'Campo della Zirada'. Nach dem auch die Kirche (und das frühere Kloster) Sant'Andrea de Zirada (venezianisch für Girata, Drehung) benannt sind.


Aber ich habe ein paar neue Fotos,
die ze
igen, dass
an
der Brücke gearbeitet wird, dass alle Glasstufen
installiert wurden
(canal-grande-wasser-grün),
die Handläufe noch nicht

ganz fertig sind und die
Ovovia, die Kabine für
Nicht-Fussgänger,
zumindest noch nicht
unter der Brücke hängt.





Wie ich schon öfter geschrieben habe:
Es bleibt spannend!















5. Juli 2008

In Venedig am Strand


In einer Stadt umgeben von Wasser hat man, zumindest im Sommer, die Vorstel-
lung, nichts könnte
leichter sein als bei Bedarf die Füsse ins Wasser zu stellen für eine angenehme Abkühlung.

Dem ist nicht so. Weder ist das Wasser in den Kanälen sauber, noch sind die vielen Bootsanlegestellen wirklich für solche Zwecke nutzbar, da die grün bewachsenen Stufen für nackte Füsse einfach zu glitschig scheinen. Außerdem: wer will schon möglichen Einparkern ihren Platz streitig machen?

Man geht also an den dafür vorgese
henen Strand. Jeder hat dazu das Bild des Lido-Strandes vor Augen, am Hotel des Bains, sei es nach der Lektüre von Thomas Mann, nach dem Film von Luchino Visconti oder einfach nach Durchsicht eines Reiseführers/Bildbandes. Diese venedig-typische Art von "Privacy" der Capanne, die genauso wenig 'privat' ist wie das Alltagsleben in den Nachbarschaften der Stadt, wo man einfach ignoriert, dass das Umfeld alles sieht und jedes Wort hört. Darüber hinaus eine elitäre Angelegenheit, die nicht jedem zur Verfügung steht, es muss also ein öffentlicher Strand sein!

Öffentliche Adriastrände gibt es an den Lidi von Nord nach Süd:
1. Cavallino/Treporti, langer breiter Sandstrand, den man von Venedig mit dem ÖPNV (Linea 17) nach Punta Sabbioni erreichen kann. Der Verkehr geht allerdings eher umgekehrt: die Urlauber auf
den vielen Campingplätzen bis hinauf nach Jesolo nutzen das Boot für einen Tagesausflug nach Venedig. Ich jedenfalls war da noch nie.

2. die Nordspitze des Lidos, sprich S. Niccolò. Man kommt mit de
m Bus vom Verkehrsknotenpunkt Piazzale S. M. Elisabetta dorthin, bis zum Wende-
pu
nkt. Dort in der Nähe der M.O.S.E. Baustelle gibt es auch ein paar Dünen. Oder die Nord-Süd-Straße Gran Viale S. M. Elisabetta bis zum Ende, Piazzale Bucintoro, und dort direkt an den Strand. Diese beiden Empfehlungen sind vom Insider meines Vertrauens, selbst habe ich sie noch nicht ausprobieren können.

3. Mit dem Bus
(Nr. 11) vom Lido nach Pellestrina, die Privatstrände auslassend, an die öffentlichen Strände von Malamocco und Alberoni, oder am besten ein bisschen weiter bis zur End-
haltestelle (Fahrt-
dauer mit Fähren-
ü
berfahrt über den Porto di Malamocco ein gutes Stündchen).

Auf der Mauer bei Pellestrina


Hier findet man überall hinter den Murazzi (Hochwassermauern aus dem 18. Jahrhundert als Schutz gegen die Adria) schöne Sandstrände, lange gemauerte Wellenbrecher und keine Hütten, Liegebetten oder sonstige Scherze, aber auch wenig Schatten und wenig Service (Lokale + Toiletten).
Einsame Pietà in einem Garten auf Pellestrina

An der Busendhaltestelle in Pellestrina gibt es eine kleine mobile Café-Bude (in den letzten Jahren ist sie etwas modernisiert, vergrößert und festgezurrt worden) direkt am Wasser, hier ist auch die Anlegestelle des Linienschiffes nach Chioggia. Der Blick über die südliche Lagune ist wunderbar und zusammen mit dem herrlich schmonzigen Italo-Pop, der dort ganztags läuft, und der untergehenden Sonne nach einem Besuch am Strand empfinde ich diesen eher prosaischen Ort als ausgesprochen romantisch...

Düne auf der Oasi Ca'Roman
4. Der Strand der Oasi Ca'Roman schließt sich hier im Süden an, wenn man zu Fuss (oder mit dem Fahrrad, aber nicht mit dem Auto) das etwa 1 km lange Murazzi-Teil, das ins Wasser gebaut wurde, hinter sich hat. Man kann auf dem Weg oder oben auf der Mauer laufen. Direkt am Ende der Mauer kann man sich auch an einer Kaffee-Imbiss-Bude mit dem Nötigsten versorgen.Ca'Roman steht unter Naturschutz, im Frühling ist das Betreten der Dünen wegen der brütenden Vögel verboten. Es gibt auch einen schönen Wald auf dieser Landspitze vor dem Porto di Chioggia, den ich aber fluchtartig nach ein paar hundert Metern wieder verließ, wegen der Schwärme von Stechmücken.

Diese vier sind, wie gesagt, Adriastrände, am offenen Meer, mit weitem Blick, Muscheln am Strand, tiefer werdendem Wasser und viel Platz. Allerdings hat man von den Stränden aus auch immer gute Sicht auf die Industriebaustellen der M.O.S.E.-Anlagen, heißt Spezialkräne und sonstiges Getüm.
Strand auf Ca'Roman in Sichtweite der M.O.S.E. Baustelle Porto di Chioggia



Grüner Sandstrand auf S. Erasmo
Dann gibt es noch einen 'Binnen'-
strand,
innerhalb der Lagune auf der Südspitze der Insel S. Erasmo (siehe auch Eintrag vom 15.4.07, Venedig mit Kindern V.). Man kommt nach S. Erasmo ganzjährig mit der Linea 13 ab Fondamente Nove, und während der Sommermonate direkt an die dafür eingerichtete Strandhaltestelle ab Lido mit der Linie 18 (mit einem zweckorientierten Fahrplan nur morgens und abends, und nur stündlich.) Fahrtdauer jeweils unter 30 Minuten.

Kreuzfahrtriese im Canale di S. Erasmo, Sandbank vorne
Diesen Strand, genannt "Bacan" finde ich für meine Bedürfnisse ziemlich traumhaft: neben dem immer interessanten italienischen Familienstrandleben mit Schirmen, Tischen, Stühlen, Grill, Spielsachen und allen dazugehörigen Personen gibt es was zu gucken: eine Hauptverkehrs'straße', der Canale di S. Erasmo, führt direkt vorbei mit den üblichen Motor- Ruder- und Segelbooten, Vaporetti, aber auch mit den großen Pötten, die in die Adria wollen. Griechenlandfähren, Kreuzfahrtriesen, 3-5mastige
Segler, alles was zum Porto di Lido strebt fährt in scheinbar greifbarer Nähe vorbei.

'Parking' der veneziani-
schen Badegäste

Die Venezianer kommen im Motorboot zum Strand, 'parken' trotz der kleinen Marina um die Ecke im flachen Wasser und schleppen ihre Strandmöbelierung ans Ufer bzw. auf eine der vielen Sandbänke, die es hier ausserhalb der Fahrrinne des Kanals gibt. Das extrem flache Wasser ist voller Getier, man buddelt Schalen- oder sonstige Tiere aus oder fängt sie, und wenn auch dies kein Adriastrand ist, für einen schönen wassertretenden abkühlenden Spaziergang ist diese Ecke einfach wunderbar.


Canale di S. Erasmo







Die Krö-
nung
der Lokalität
ist ein großer grüner schattiger Biergarten
(!) mit hohen alten Bäumen, frei zur Verfügung stehenden Tischen und Bänken und einer einfachen Restauration.
Wer keine Lust auf
Sandstrand hat, kann sich hier gemütlich aufhalten, lesen, Schwätzchen halten und bei Bedarf ins Wasser gehen.



Biergarten am Strand von S. Erasmo




















Zu besichtigen und besuchen gibt es direkt hinter dem Strand die Torre Massimiliana, auf drei Seiten umgeben von einem Wassergraben, die (zumindest Freitag-So
nntag) mit interessanten kleinen Ausstellungen moderner Kunst geöffnet ist. Ich habe dort die sehr interessanten Ausstellungen von Werken von Lucio Andrich (2005) und Emilio Vedova (2007) gesehen, zur Zeit wird dort eine sehr schöne Fotoausstellung über das Leben der Lagunenbewohner gezeigt.

Blick aus der Torre Massimiliana

Man kann ansonsten auf S. Erasmo durch die Gemüsefelder wandern, Fahrräder aussleihen und über die Insel fahren, und sogar übernachten: ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt, direkt neben der kleinen Marina, im Lato Azurro, der "Blauen Seite". Preisgünstig für Einzelreisende und Gruppen. So gesehen, ist S. Erasmo sogar geeignet für einen Strandurlaub.

Wassergraben um die Torre Massimilia



Nachträglich eingefügt am 2.6.2011: eine neue Website zum Lido

Nachträglich eingefügt am 29.6.2011: die Haltestelle S. Erasmo der Linie 18 ist laut Fahrplan "vorübergehend aufgehoben". Was immer das heißt. Die 18 fährt also Lido-Murano und zurück. Nach S. Erasmo an den Strand kommt man zur Zeit nur mit der Linie 13, Haltestelle Capannone, und muss dann 10 Minuten zu Fuß (durch die pralle Sonne) gehen.




Aber wer fährt schon nach VENEDIG, um seine Zeit am STRAND zur verbringen?!?









3. Mai 2008

Arsenale - der Löwe vom Piräus







Ich muss noch mal zurück zum Löwen vom Piräus (Eintrag vom 20. April). Die fast völlig abgetragenen Runen auf seiner Flanke (die man auf diesem Foto sehen kann - bzw. eben nicht! und ihre abgedrehte Deutung (laut Reiseführer) ließen mir keine Ruhe und machten eine kleine Recherche erforderlich.
Ich wurde fü
ndig bei Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter (siehe Liste Sachbücher), S. 127 f.

Vor dem Arsenale Venedigs steht, neben zwei andern von den Venetianern entführten athenischen Löwenbildern, der berühmte sitzende Löwenkoloß von Marmor, welchen Francesco Morosini im Jahre 1688 aus dem Piräus als Beute fortgeführt hat. Auf seiner Brust und Flanke ist eine barbarische Zeichenschrift mit dem Meißel eingegraben, und diese hat man als Runenschrift erkannt. Ein Entzifferer derselben vermaß sich mit großer Kühnheit herauszulesen, daß Harald der Lange diese Runen durch Asmund habe eingraben lassen, nachdem er mit einer Normannenschar den Hafen Piräus erobert und das rebellische Griechenvolk bestraft hatte. Indes ein wirklicher Meister in der Runenkunde hat diese Erklärung als ein Spiel der Phantasie bezeichnet. Er behauptet nur dies als sicher, daß die Schriftzeichen auf dem Piräuslöwen wirklich Runen sind, und zwar so schadhaft gewordene, daß kaum mehr als ein einziges Wort lesbar ist. Aus der Art, wie die Inschriften auf kunstreich verschlungenen Bändern in Schlangenform angebracht sind, glaubt er schließen zu dürfen, daß dieselben um die Mitte des 11. Jahrhunderts von einem schwedischen Manne aus Upland eingegraben worden sind.

Die kindische Sitte der Reisenden, ihre Namen und Sinnsprüche auf Monumenten einzuzeichnen, ist so alt wie die menschliche Eitelkeit. Den Memnonkoloß bei Theben in Ägypten haben reisende Griechen und Römer mit Inschriften bedeckt, welche jetzt der Wissenschaft dienstbar sind, und normannische Abenteurer verewigten die Kunde ihrer flüchtigen Anwesenheit im Piräus auf jenem antiken Marmorlöwen in rätselhaften Schriftzeichen, die aus ihm eine Sphinx für die Forschung gemacht haben. Dies aber konnten nicht gewöhnliche Reisende noch Schiffer und Handelsleute gewesen sein, denn die Hafenwache würde ihnen das schwerlich gestattet haben. Die Runen sind sorgsam, kunstvoll und daher mit voller Muße ausgeführt. Dazu aber konnten nordische Männer Zeit finden, als der »Bulgarentöter« Basileios in Athen verweilte. Die kaiserliche Leibwache der Waräger warf schon im 1o. Jahrhundert in Konstantinopel errichtet worden; es ist daher kein Zweifel, daß der Kaiser Basileios diese normannisch Garde mit sich nach Athen gebracht hat. Er selbst schiffte sich im Piräus nach Konstantinopel ein. Es gibt daher keine passendere Gelegenheit für die Entstehung der Runenschrift auf dem antiken Koloß als das Jahr 1018.

Alle Schlüsse, die man aus jener falschen Runenerklärung in bezug auf Athen gezogen hat, sind daher nichtig. Auch die Haraldsage w
eiß nichts von den Taten dieses Heldensohnes Sigurds und Bruders Olafs des Heiligen im Stadthafen Athens. Sie erzählt nur seine Abenteuer in Miklagard oder Konstantinopel, wo dieser Held zur Zeit der Kaiserin Zoe und ihres letzten Gemahls Konstantin IX. Monomachos als Haupt der Waräger gedient hat und die griechischen Meere durchfahren hat....Ein gewisses Misstrauen bei der Nutzung von preisgünstigen aber oberflächlichen Reiseführern ist immer sinnvoll. Eine abgeschriebene falsche aber witzige Geschichte macht halt mehr her als eine Tatsache ohne Pointe...







Hier noch, der Vollständigkeit halber, die beiden anderen "entführten athenischen Löwenbilder", von denen der Dünne allerdings naxisch, nicht athenisch, ist.







Neuigkeiten zum Arsenalelöwen:
Eintrag "Der Ersatzlöwe im Hafen von Piräus" vom März 2018


.

23. April 2008

Gedicht

Venedig (1922)















Im Norden
Frieren die Götter.
Hier
Strahlt jeder Gauner: ein heisser Gott.


Seines Tempels Stufen
Steigen aus dem Canale grande.
Er opfert

Sein südliches Herz sich selbst.


Die Sbirren schleichen

Zur Dämmerung.
Am Himmel segelt

Eine Gondel.


Die Adria
Brandet an meine Brust.

Der Markusplatz
Tönt wie eine Harfe.


An vergitterten Fenstern,
An freigelassenen Menschen vorbei:

Auf einer weissen Piazza

Entfaltet sich wie eine rote Mantille dein Lächeln.


Ists Tag? So ist die Sonne,

Ists Nacht? So ist der Mond

Am Herzen

Aufgegangen.



Klabund 1890 - 1928

20. April 2008

Castello I - Campo Arsenale


Der Raum vor dem Arsenale ist ein langer Schlauch entlang des Rio dell'Arse-
nale. Am Anfang rechts ist der Eingang zur großen
Ausstellungshalle alter Schiffe des Museo Storico Navale, sehr sehenswert, wird leider gerne übersehen, und der Zugang zum Biennale-Gelände des Arsenale.
Bei der Passage des Rio wurden früher die Handels- und
Kriegsschiffe direkt vor ihrer Ausfahrt in die Adria mit Lebensmitteln bestückt, ehemalige Getreidespeicher und Militärbäckereien finden sich noch an beiden Ufern und in den Namen der angrenzenden Gassen. Am Tor zum Arsenale ist Ende, Militärgebiet.

Vor 20 Jahren führte noch eine Vaporettolinie zu den Fondamente Nove durch diesen Rio und durchs Arsenale. (Nicht dass man auf der Fahrt durch das Arsenale Vecchio und den Canale delle Galeazze viel erkannt hätte - mehr zu sehen gibt es, vor allem mit Hilfe eines kleinen Fernguckers, bei Besuchen der Kunst- und Architekturbiennalen auf dem Arsenalegelände. Die Konversion der rein militärischen in eine zumindest teilweise zivile Nutzung des riesigen Wassergeländes, z. B. für Rudervereine, ist im Gange. Aber das ist eine ANDERE Geschichte.)
Der Campo Arsenale ist eher ruhig, einladend ein paar Bars und Trattorien mit Übersicht über den Campo zum Abhängen und Beobachten. Neben vorbei wandernden Touristen sind zu beiden Seiten des Rio weisse und blaue Uniformen unterwegs, mehr in gockeliger Wichtigkeit als in militärischer Einschüchterungspose, passen aber natürlich zur Triumphal-
architektur des Arsenaletores. Es hat sich im Laufe der Jahrhunderte weiter entwickelt und erinnert an diverse Siege zur See, besond
ers aber an den über die osmanische Flotte bei der Seeschlacht von Lepanto (heute Navpaktos) im Golf von Korinth 1571.

Der viel bejubelte Sieg war dann aber doch nur ein kurz-
fristiger Einschnitt im Niedergang der großen venezianischen Kolonien, nach den entscheidenden Verlusten der besetzten Gebiete der Peloponnes und der Inseln Evia und Cypern an die türkischen Osmanen im Laufe des 15.und 16. Jahrhunderts. Er konnte die Geschichte nicht aufhalten, aber immerhin die venezianische Selbstdarstellung retten.


Noch ein Triumph wird auf dem Campo Arsenale gefeiert: der des Francesco Morosini, der 1684-87 im Rundumschlag und ebenfalls nur kurzfristig alle verlorenen Kolonien und noch ein bisschen mehr zurück eroberte (unterstützt von einer Allianz Papst/Frankreich/Österreich/Russland, nicht alleine...).
Er war DER Held der venez
ianischen Militärgeschichte, wurde später als Einziger in Abwesenheit ins Dogenamt gewählt und hat auch ansonsten bleibenden Eindruck hinterlassen: die Bombardierung der Akropolis von Athen, das Pulverlager der Türken, geht auf sein Konto. In alle Ewigkeit erinnert das weggesprengte Dach des Parthenon an Francesco Morosini.



Bronzener Fahnenfuss zu Ehren Francesco Morosinis am Campo Arsenale








Er hatte, nebenbei, vermutlich griechische Wurzeln, denn die Familie Morosini (venezianisch Morexini) erscheint im 7. Jahrhundert, ursprünglich als Mavroseni, aus dem öströmischen Reich im byzantinischen Veneto.
Sein Lebenswerk als Capitano Generale da Mar ist mit den griechischen Kolonien Venedigs verbunden in seiner Aufgabe als Provveditore Generale der Insel Candia (Kreta) und letztendlich dem Verlust auch dieser Kolonie. Er ließ die Befestigungen der Städte Canea, Rethymnon und Candia durch venezianische Festungsarchitekten massiv verstärken und setzte alle verfügbaren Söldner des gerade in Europa zu Ende gegangenen 30jährigen Krieges und eingekauftes Kanonenfutter aus 
vor allem deutschen Fürstentümern ein. Der 25jährige Kampf um Candia (heute Hraklion) gilt angeblich als der längste Belagerungskrieg überhaupt, mit entsetzlichen Opfern der Beteiligten und ist in seiner Vergeblichkeit die dunkelste Seite der venezianischen Kolonialgeschichte.

Am 31.10.1669 übergab Francesco Morosini die Insel an die Osmanen und hatte mit dem Rest seiner Flotte freien Abzug. (Im Gegensatz zum armen Marcantonio Bragadino 100 Jahre vorher bei der Übergabe von Cpyern, aber das ist eine ANDERE Geschichte.)
Auf seinen Freispruch im anschließenden Militärprozess (bekanntlich werden die Siege dem Helden, die Niederlagen dem Fussvolk zugeschoben, in diesem Fall waren die Söldner unzuverlässig) folgte seine glänzende Rehabilitation; auf die Kampagne 1684-87
 größte Ehrenbeweise wie der Ehrentitel 'Il Peloponnesiaco'. Seine Büste wurde schon zu Lebenszeiten im Dogenpalast aufgestellt und auf dem Campo Arsenale gibt es eine Fahnenstange mit einem Bronzefuss analog den drei Fahnenstangen auf dem Markusplatz: sie ist dem Ruhm Morosinis gewidmet.

Der marmorne Löwe vom antiken  "Porto Leone", dem Piräus

Und ihm ist hier auch der für mich größte, schönste aller venezianischen Löwen zu danken, er hat ihn in Piräus geklaut, als Mitbringsel für die Serenissima. Der Löwe sitzt ganz links am Eingangstor zur Marineschule, die nach Francesco Morosini benannt ist.
Angeblich (ich kann so viel Text nicht erkennen...) steht auf seiner Flanke in normannischen Runen eingeritzt: "Asmud ritzte diese Runen ein zusammen mit Asgeir, Thorleif, Thord und Ivar, auf Wunsch Haralds des Langen, obwohl sich die Griechen nach näherer Erwägung widersetzten."

Naja. Francesco war auch da, aber er ritzte nicht, sondern ließ per Kanonen sprengen, und die Griechen haben auch in diesem Fall nach näherer Erwägung sicher nicht kooperiert. Aber sie haben ihren Löwen später nicht zurück verlangt (keine Chance, im Gegensatz, hopefully, zu den Elgin Marbles...), sondern sich eine Kopie gemacht, die wieder wie früher am Hafeneingang des '
Porto Leone' von Piräus sitzt. Dort bewundert man den Löwen vom Schiffsdeck aus, aber das Original in Venedig kann man anfassen...

Hafenein- und Ausfahrt von Piräus
Kopie des Löwen vom Arsenale

Francesco Morosini, Der Peloponnesier, starb in Napoli di Romania (heute Navplio) am 6.1.1694 nach bewegten und wirkungsmächtigen 76 Lebensjahren, wurde pompös militärisch überführt und in Santo Stefano begraben. Sein Grabmal ist die große kreisrunde Platte einige Schritte geradeaus, wenn man die Kirche durch den Haupteingang betritt.



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16. April 2008

Venedig, 16.4.08, 12 Uhr


Heute bin ich mal kurz NICHT in Venedig unterwegs gewesen, aber der griechische Pilot ist wegen der etwas diesigen, aber schönen Sicht freundlich erst weiter nördlich nach links abgebogen...