15. März 2009

Koloniale Mitbringsel 1 - die Nikopió in San Marco

Venedig ist voller "Beutekunst" - jahrhundertelang schleppten die Venezianer aus den Gegenden um das östliche Mittelmeer alles heran, was der Zierde und dem höheren Lob ihrer Stadt diente. Besonders in und um San Marco herum kann man großartige Funde und Einzelstücke bewundern, am besten mit Hilfe eines Opernguckers um Einzelheiten zu erkennen.


Die Ikone der Nikopió, (Παναγια Νικοποιο), die Venezianer nennen sie Nikopea wegen der weiblichen Endung, wird seit Jahrhun-
derten in Venedig unter den Schätzen von San Marco besonders verehrt.

Auf dem allgemeinen Rundgang durch San Marco vom Eingangsportal an der Westseite aus kann man sie kaum richtig wahrnehmen. Deshalb tritt man besser durch das Nordportal (das Gottesdienstportal) ein und ist in der Nordecke des Querschiffs direkt neben der Capella San Isidoro. Hier ist sie auf dem Altar die Ikone ausgestellt.
Samstags, wenn in San Marco geheiratet wird, machen die Bräute beim Auszug aus der Kirche alleine einen kleinen Schlenker und legen ihren Strauss (heutzutage eine für die Nikopió zusätzliche besorgte Version, der echte Brautstrauss muss natürlich mit zum Fotografen) auf den Altar.

Die Nikopió ist eines der vielen Beutestücke des 4. Kreuzzuges, bei dem Konstantinoupolis, die Hauptstadt des byzantinischen Kaiserreiches, von den Kreuzfahrern, angeführt von den Venezianern, erobert wurde. Sie war dort neben der berühmten Ikone der Odigitria die "wichtigste" Ikone, weil militärisch wundertätig gemäß ihres Namens "Siegmacherin", Siegbringerin. Die byzantinischen Kaiser ließen sie in Kriegen den Truppen voraustragen, die auf die Wunderkraft der Ikone vertrauend in den Kampf zogen, was sollten sie auch tun...
Da die Siegmacherin noch während der Belagerung Konstantinopels als "Geschenk" des künftigen Kaisers Alexius V. eingesackt werden konnte, waren die Venezianer wohl guter Hoffnung, wem mit Hilfe der Ikone die Siege künftig zufallen würden.

Die Ikone stammt aus dem 11. Jahrhundert und gehört zu den sogenannten "nicht von (Menschen-)hand gemachten" Ikonen, d. h. sie wird legendenmäßig der Künstlerhand des Apostels Lukas zugeschrieben. Rechnerisch ist das nicht drin, und die 'Beweisketten' aus späteren Jahrhunderten zur Unterstützung solcher Legenden beweisen vor allem die Bedeutung ihrer Funktion in den christlichen Kirchen dieser Zeit. Es gibt noch eine "Lukas"-Ikone in Venedig, über die ich ein anderes Mal berichten werde.

Die Ikone erreichte Venedig Anfang des 13. Jahrhunderts zusammen mit vielen anderen Schätzen aus Konstantinopel, wurde aber nie in der Schatzkammer von San Marco verstaut, sondern zunächst in der Sakristei ausgestellt, später zu besonderen Festen auf dem Hauptalter und sehr viel später fest installiert im Norden des Querschiffs. Weitere ungewöhnliche Hochachtung wurde ihr gezollt, in dem der Doge sie anläßlich von Festen speziell zum Gebet aufsuchte.

Die Venezianer übernahmen mit der Errichtung Ihrer Überseekolonien u. a. auch neue religiöse Rituale, als innen- und außenpolitsche Machtbelege. Die wöchentlichen Dienstagsprozessionen in Konstantinopel der Ikone der Odigitria, der berühmtesten "nicht von (Menschen-)hand" der orthodoxen Kirche, wurden umgesetzt in Prozessionen der Nikopió auf dem Markusplatz an Marienfeiertagen (z. B. 25.3. Verkündigung und Gründungstag der Republik Venedig, 15.8. Himmelfahrt der Maria) und Weihnachten.
Sie wurde aber auch zu anderen wichtigen Anlässen durch die Stadt paradiert, z. B. in Bittprozessionen gegen die häufigen Pestepidemien (z. B. 1630 an 15 aufeinander folgenden Samstagen), und sogar zur Baustelle der Salutekirche anläßlich der Grundsteinlegung dort.

Heute wird die Nikopió nicht mehr herumgetragen. Es gibt aber trotzdem, nach 800 Jahren, weiter jeden Sonntag eine Prozession zu ihren Ehren innerhalb San Marco. Zum Ende der Marienvesper, die im Hauptschiff gesungen wird, ziehen Priester und Gemeinde durch die Kathedrale mit Weihrauch und Gesang und beenden die Vesper in der Cappella San Isidoro vor der Ikone.
Auch für nicht Katholische oder sogar nicht Religiöse ist die Teilnahme ein beeindruckender Einblick in die religiösen Traditionen der Venezianer.


Zu diesem Thema gibt es ein hervorragendes, aber teures Buch: Maria Georgopoulou, Venice's Mediterranean Colonies. Immerhin gibt es davon eine 28seitige Leseprobe im Internet.






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