10. November 2012

Tizians Haus

Die Werke des Malers Tiziano Vecellio sind überall in Venedig zu bewun-
dern, z. B. in der Ac-
cademia (z. B. sein "Tempel-
gang" und seine er-
greifende "Pietá"), im Dogenpalast und in vielen Kirchen (z. B. in der Jesuitenkirche an den Fondamente nove sein dramatisches "Martyrium San Lorenzos" oder in der Frarikirche seine "Assunta" und "Madonna des Hauses Pesaro").
Wenn man will, besucht man noch sein Grab in der Frarikirche, sehr pompös, aber sein Wohnhaus ist kein Ziel von Wallfahrten und kommt, im Gegensatz zu Tintorettos Wohnhaus, in Reiseführern nicht vor.
Hugh Douglas, dessen Buch 'Venice on Foot' von 1906 ich schon mal durch die Gassen folge, schreibt sogar "Als Tizian hier lebte, war zwischen dem Haus und der Lagune nur der Garten (weshalb die schöne Aussicht immer erwähnt wird), jetzt ist die Gegend ein Labyrinth von Slums, schwerlich einen Besuch wert." 



Tizians Gässchen, Richtung Norden, sein Haus rechts

Trotzdem geht es hier um dieses Haus. Denn die derzeitige Besitzerin, ein briti-
sches Ex-Model, findet Medienaufmerksamkeit für ihr Gejam-
mer, dass sie wegen der EU-Krise die 1,6 Millionen € (brutto 1,95 Mio.) nicht bekommt, die sie dafür haben möchte. 


Donnerschlag! Die Gegend ist zwar kein Slum-Labyrinth mehr sondern ein Wohnviertel, gespickt mit Handwerksbetrieben orientiert am nahen Friedhof (Grabsteine, Särge, Glaslampenschirme...). Aber es handelt sich um ein eher kleines Haus (150 qm) in einem Sackgässchen, mit Hintergärtchen (150 qm) ohne Aussicht auf die Lagune, geschweige denn die Alpen. Das wesentliche Verkaufs- bzw. Preisargument ist der berühmte Vorbesitzer. Eines der vielen Beispiele für den venezianischen Immobilien-Wahnwitz, scheint mir, und ich habe ein bisschen zu Tizians Haus recherchiert und auf der Seite der Universität Heidelberg einen Text dazu gefunden, der mir gefällt: 

Tizians Gässchen, Richtung Süden, Tizians Haus links





 


Tizians Heimwesen
(Growem J. A. und Cavalcaselle, G. B.: Tizian: Leben und Werke, Bd. 2, Leipzig 1877, S. 407 ff.)
Noch viele Jahre nach Tizian's Niederlassung in Venedig war der nordöstlichste Saum der Stadt spärlich angebaut. Wer damals eine Fahrt nach der Villenstadt Murano machte, fand beim Austritt aus dem Canalgewirr bei S. Apostoli, S. Canziano oder S. Giovanni e Paolo Landstreifen mit grünen Feldern bedeckt oder Sumpfstellen und Gartenanlagen. Der lange öde Quai der heutigen Fondamenta Nuova bestand noch nicht; wer in der Nähe von S. Maria de' Miracoli hauste, galt schon halbwegs als Landbewohner. Für den Freund malerischer und ungestörter Häuslichkeit hatten die nördlichen Lagunenufer Reiz genug. Hier lag die Wasserfläche offen und der Blick schweifte ungehindert nach Murano hinüber; dahinter erhoben sich über em Flachlande bei Mestre die Hügel von Ceneda, durch deren Sättel hindurch man die Cadoriner Alpen erblickte; hier gab es frisches Grün und Bäume, überhaupt einen ganz andern Zustand als zwischen den Palastwänden des grossen Canals oder in der kellerigen Dämmerung des Wassernetzes der Volksstadt.

Das Haus bei S. Samuele, welches Tizian in der Zeit von 1516 bis 1530 bewohnt hatte, lag im Herzen der Stadt, dicht am grossen Canal, gleich weit vom S. Marco und vom Rialto entfernt. Im Jahre 1531 gab er dieses Quartier auf und zog in den nordöstlichen Stadttheil. Der Miethsvertrag über die Wohnung, die noch heute existiert, war unterm 1. September abgeschlossen; die Lage derselben wird darin bezeichnet: in der Contrada oder  Pfarrei S. Canziano in Biri. Als das Haus im Jähre 1527 von dem Patrizier Alvise Polani  erbaut worden war, hiess es die „Casa Grande" und stand nicht hart an der Lagune, sondern durch Gärten davon getrennt, das Erdgeschoss war an verschiedene Pächter abgegeben, die ihren besonderen Eingang hatten, in das obere Stockwerk, welches aus einem grossen Wohnraum und etlichen kleineren bestand und eine Terrassen-Loggia hatte, gelangte man mittelst einer Treppe vom Garten her. Man begreift wohl, dass sich Tizian hier, wo ihn bei klarem Morgenlicht die Berge seiner Heimath grüssten und wo der Lärm des Hafens und des Marktes nicht hindrang, behaglich fühlte. Nachdem er den ersten Miethsvertrag wiederholt  erneuert, pachtete er 1536 die ganze Casa Grande und erwarb endlich im Jahre 1549 das gesammte Grundstück, das sie einschloss. (...)  Wir wissen, dass Tizian im Lauf der Jahre seine Heimstätte sehr verschönerte und den Garten an der Wasserseite ausbaute, sodass dort ein traulicher Winkel entstand, wo gute Gesellschaft gern verkehrte und gern gesehen war.


Wer heute das Haus Tizian's besuchen will, stösst auf erhebliche Schwierigkeiten. Noch vor etlichen Jahren war es zugänglich . Die Verfasser haben es eingehend geprüft, obgleich es schon damals unmöglich war, die ursprüngliche Eintheilung der Räume sich klar zu machen, da ihr Aussehen durch Zwischenwände und Uebertünchungen verändert ist. Die Freitreppe vom Garten her sowie der Altan sind abgetragen und das Haus, das ehedem einzeln dastand, verschwindet alhnälig in dem öden Einerlei der Strassenzeile. Wir fanden bei dem Eintritt durch die ehemalige Loggienthür eine Innentreppe, die zu dem einst von Tizian bewohnten Geschoss hinanführt. Das sehr grosse Hauptzimmer war an der Nordseite in mehrere kleine Räume getheilt. Der Blick auf Murano ist jetzt nur noch durch die Calle Colombina offen.

Auch Gilbert gibt in seinem Buche über Cadore eine sehr melancholische Auskunft über das Tusculum Tizian's: „Wenn der Gondelführer den Theil der Pfarrei von S. Canziano, der Bin heisst, mit Mühe gefunden hat und endlich sogar in das Stückchen von Biri eingedrungen ist, welches den Namen Campo Tiziano führt, steht man in einem engen Gehöft, welches an der einen Seite von einer Reihe neuer Häuschen begrenzt wird  und dessen Abschluss ein Gartenthor mit der Nummer 5526 bildet. Wem  es gelingt, dort einzudringen, der thue es nur; wenn nicht, dann möge er sich an den gefälligen Handwerker wenden, welchen ich in einem der grossen die Gartenmauer überragenden Hause fand.

Aber der Blick aus der Wohnung dieses Mannes beweist nur, dass von alle dem, was Tizian ehemals um sich sah, fast nichts mehr vorhanden ist. Nur das steinerne Gesims existiert noch, das rund um das eigentliche Haus und längs der ganzen Flucht der Nachbarhäuser hinlaufend uns andeutet, dass dieser Complex ehemals eine einzige Behausung gewesen ist, in deren oberem Stocke sich das geräumige Atelier des Meisters  befand. Seit jener Zeit aber ist der Ausblick, den man damals über Land und Wasser hatte, erbarmungslos  durch Neubauten verbarrikadiert, zu denen auch die Wohnung jenes Handwerkers gehört, die zwischen dem Garten und dem Strand sich erhebt, wahrscheinlich also einen grossen Theil von Tizian's Gartenanlage bedeckt, die den Beschreibungen nach sehr ausgedehnt gewesen sein muss, da sie nachweislich bis an's Wasser reichte.
Der Weg zu Tizian's Hause fuhrt jetzt von der Kirche S. Canziano durch die Calle Widman zum Campo  Rotto.


Oder: von der Haltestelle Fondamente nove in die Calle dei Buranelli, weiter geradeaus in die Calle del fumo, rechts in die Calle del volto, rechts in die Corte della Carità, links vorbei an der winzigen Osteria alla Frasca und geradeaus auf den Campo Tiziano. Alles winzige Gassen, z. T. nur ein paar Meter. 
(Das A auf Karte bezeichnet genau Tizians Haus)


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Kommentare:

Jutta hat gesagt…

Wieder einmal herzlichen Dank für Deine Tipps. Wir sind momentan noch ein paar Tage in Venedig, und wenn Acqua Alta es zuläßt, werden wir uns Tizians Häuschen einmal ansehen.
Der Blick auf die Assunta in der Frari ist derzeit durch ein Gerüst verstellt.

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte,
toller Tipp, mal wieder. Ich bin beim nächsten Salautefest in Venedig und werde mich an das Haus heranpirschen.
Nichtsdestotrotz: Die besten Tiziane hängen ja gar nicht mehr in Venedig, so spektakulär auch die Assunta und die Madonna des Hauses Pesaro auch sind, neben den vielen weiteren. Ich war letztes Jahr in Madrid, im Prado, und da blieb mir schlicht die Spucke weg, welche Fülle von Tizianen und auch anderen Malern aus Venedig dort hängt. Das Reiterbild von Karl V war für mich das Beeindruckenste. Man sieht aber auch, dass die besten Abbildungen nicht an die Originale herankommen. Was heißen soll: auf nach Madrid! Aber auch in Rom, wo ich kürzlich war, beeindruckte mich sehr in der Villa Borghese die Himmlische und die irdische Liebe von Tizian. Und es gibt kaum ein großes Museum, welches nicht einige Bilder des unermüdlichen Tizian hat. Kein Wunder, nachdem die berühmten Bilder entweder aus Geldmangel verkauft werden mussten, oder von Anfang an für ausländische/auswärtige Auftraggeber entstanden sind.
Viele Grüße
Aldebaran

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte,

vielen Dank für den Eintrag. Es gibt kaum Seiten im Internet, auf denen solche wertvollen "Geheimtips" zu Venedig zu finden sind. Das Meiste, was man findet, ist abgedroschenes Zeug, das woanders abgeschrieben wurde.

Ich hoffe, dass es Ihnen gut geht, denn Ihre Blog-Leser haben seit fast zwei Wochen nichts mehr von Ihnen gehört. Wir dürsten!

Herzliche Grüße

Christoph aus Bonn

ebbonn hat gesagt…

Hallo Christoph,

herzlichen Dank für die freundliche Nachfrage. Mir geht es gut - ich war ein paar Tage in Venedig, Eintrag folgt...