3. September 2014

Eine Gondel in Amsterdam

Rijkmuseum Amsterdam
Hendrik Cornelisz Vroom 1566-1640
Rückkehr der 2. ostindischen Expedition
Ein kleiner Wochenendabstecher nach Amsterdam bringt die unerwartete Erfahrung: Das Verkehrskonzept 'Wasser' kann in der Praxis sehr verschiedene Formen annehmen.

Venezianische Kanäle bzw. rii sind vollwertige und stark fre-
quentierte Personen- und Lastenverkehrswege. Privatverkehr, ÖPNV, Wirtschaftsverkehr. Sie dienen dem Transport all dessen, was sonst auf Straßen bewegt wird. Brücken werden ausschließlich von FußgängerInnen benutzt.

  
Amsterdam hat vollwertige Straßen für den Personen- und Lastenverkehr, der sich in Venedig auf dem Wasser abspielt. Brücken werden von allen VerkehrsteilnehmerInnen, zu Fuß und auf egal wie vielen Rädern, benutzt. Und die Kanäle bzw. Grachten? Es gibt Transportboote, die ich aber nach einem knappen Wochenende nicht definieren kann. Flache Stadt-
rundfahrtboote für TouristInnen, mit und ohne Verdeck. Fest liegende Hausboote. Und dann: jede Menge Partyboote! An einem Freitag im August folgt zur Feierabendzeit ein Partyboot dem andern, offen, in allen Größen, mit oder ohne Musik, mit Bierfäßchen und Chips, Sektkühlern und Häppchen, Rotwein-
gläsern, Baguette & Käse, die Passagiere in Freizeitklamotten. Aber auch geschlossene Boote mit gedeckten Tischen, Kerzen, Blumenschmuck, Kellnern, aufgebrezelten Fahrgästen. Man hat den Eindruck, Amsterdam entspannt am liebsten im Boot.


Alles unvorstellbar in Venedig. Dort gibt es mit dem Verkehrs-
mittel Boot einmal im Jahr Party auf dem Wasser, dann aber richtig, jedes Wasserfahrzeug kommt zum Einsatz, wer keines hat, stellt Tische vors Haus und feiert an den Ufern. (Ich spreche vom Redentorefest und war noch nie dabei.) Hausboote wie in Amsterdam sind auf Venedigs engen und viel befahrenen Kanälen undenkbar, auch in der Lagune und an den Inseln habe ich noch kein Hausboot gesehen (die kleinen mobilen Touristenhausbooten sind kein Thema).  


In Venedig rauscht der Verkehr durch die Kanäle, in den Gas-
sen jenseits der rappelvollen touristischen Schwerpunkte bewegt man sich eher entspannt. In Amsterdam herrscht städtischer Straßenverkehr, die Grachten bieten die beschau-
lichere Art der Fortbewegung. 





Soviel zum Thema Wasser-
verkehr   als Vor-
rede zu einer vermutlich venezia-
nischen Gondel in Amsterdam. Gefunden auf dem Bild (siehe ganz oben), das die Rückkehr von 4 Schiffen der 2. Ostindienexpedition unter Kapitän Jacob Cornelisz van Neck am 19.7.1599 zeigt. Die Ostindienexpeditionen waren der Beginn der Niederländischen Ostindien Kompanie, deren wirtschaftlicher Erfolg auch beitrug zum wirtschaftlichen Niedergang Venedigs. Aber das ist ein anderes Thema.




Die amsterdamer Bevölkerung empfängt auf diesem Bild die Rückkehrer aus "Ostindien", Riesenauflauf von Ruder- und Segelbooten im Hafen, jedes voller Menschen, die um die 4 Handelsschiffe wimmeln. 
"Van Neck brachte fast eine Million Pfund Pfeffer und Nelken zurück, zusätzlich ein halbes Schiff voller Muskatnüsse, Zimt und Muskatblüte. Ein Gewinn von 400 %. Die Reisenden wur-
den ekstatisch in Amsterdam empfangen und in einer Parade begleitet von einer Trompetenkapelle durch die Stadt geführt, während alle Kirchenglocken läuteten." (Wikipedia, s.  Link o.)



Mitten unter ihnen eine einzelne Gondel mit Felze, die gerudert wird von einem stehenden Gondolier und einem zweiten sitzenden Ruderer. Nur wenige Menschen sitzen in der Gondel und ich stelle mir vor: hier sitzt der "venezianische Gesandte" in Amsterdam mit seiner Begleitung. Einer dieser Männer, auf die man in der europäischen Geschichte überall stößt, sei es Alvise Contarini beim Westfälischen Frieden, die lange Liste venezianischer Gesandter im Heiligen Römischen Reich oder die noch längere derjenigen in Konstantinopel

Natürlich nimmt er in seiner Präsentationsgondel an diesem historischen Ereignis teil, das Risiko der  wagemutigen See-
fahrer und der Kaufleute Amsterdams hat sich ausgezahlt, ein Bombenerfolg. Er als Venezianer ist da Experte, und er muss vor allem einen Bericht an die Serenissima liefern, einen dispaccio. Dieses Ereignis, die Öffnung der Ostindienroute, die Konkurrenz der niederländischen Handelskonvois, kann aus venezianischer Sicht kaum überbewertet werden. Also ist er dabei, ob er will oder muss.



Die Gondel sieht nicht aus wie eine heutige Gondel. Sie ist breiter und kürzer, Bug und Heck unterscheiden sich deutlich von der zeitgenössischen Gondel. Aber das dargestellte Boot stammt aus dem 16. Jahrhundert. (Siehe Eintrag "Eine wunderschöne Gondel" vom 7.7.2012.)
Vielleicht ist auch der Maler Vroom von der Darstellung dieses Boots überfordert, wenn überhaupt, gehört eine Gondola ja nicht zum täglichen Anblick auf den Grachten Amsterdams. 

Das denke ich mir beim Betrachten des großen Bildes von Hendrik Cornelisz Vrooms. Kann aber auch ganz anders sein, weshalb ich Andreas Götz, Experte in venezianschen Booten, frage. Über den Export venezianischer Gondeln im 16. Jahrhundert ist ihm nichts bekannt. Der Bootsbau sei bis ins 19. Jahrhundert immer sehr regional und an die Besonderheiten des jeweiligen Ortes angepasst gewesen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass man in einer internationalen Stadt wie Amsterdam eine Gondel präsentierte, präsentieren wollte. Oder Wert darauf legte, auf einem imageorientierten Bild eine Gondel zu präsentieren. Auch wenn man vielleicht gar keine hatte... 

Heute jedenfalls, sagt Andreas Götz, fährt eine original venezianische Gondel in Amsterdam.

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