14. Mai 2015

Kunst oder echtes Leben? Die "Moschee" in Venedig


S. M. della Misericordia, früherer Hauptaltar
Es gab ja schon ein bisschen Zoff im Vorfeld des isländischen Pavillons.
Nämlich wegen des Schweizers Christoph Büchel, der Island repräsentieren soll, was manche IsländerInnen nicht ange-
messen fanden, obwohl der Mann seit Jahren Wahlisländer und mit einer Isländerin verheiratet ist. Diese Art Scheuklappen haben auch andere Nationen - Kenia zog seine offizielle Prä-
sentation zurück, weil nur chinesische Künstler im keniani-
schen Pavillon ausstellen, was einen Riesenstreit auslöste. 


Erst kurz vor der Eröffnung der Biennale wurde bekannt gegeben, dass es sich beim isländischen Pavillon um eine voll funktionierende Moschee in der seit 40 Jahren geschlossenen Kirche S. Maria Valverde handelt, die erste Moschee über-
haupt in den Mauern Venedigs, die venezianischen Moslems und moslemischen TouristInnen als Gebets- und Gemeindehaus dienen soll und darüber hinaus der weltweiten Kooperation des Islam. Oha! 


Gebet, gemischte Geschlechter
Am Tage der Biennaleeröffnung waren die lokalen Blättchen voll von Bedenken, vor allem Stadtobere und Polizei gebär-
deten sich sehr alarmiert. Gleichzeitig erste Freudenäuße-
rungen der betroffenen Gläubigen, die sich den Erhalt der Moschee über den 22.11. hinaus wünschen. Das würde ich auch, wenn ich zur Gemeinde gehören würde. Ich habe mir die Sache also noch am Eröffnungstag angesehen, man weiß ja nie.


Vor der Kirche Geschrei. Einerseits geschockte Venezianer-
Innen (ich unterstelle: ChristInnen), die die Konversion der Kirche als unmöglich empfinden, bis zur Eroberung Konstan-
tinopels zurück diskutieren (1453 durch die Osmanen wohlgemerkt, nicht 1204 durch die Venezianer unter Enrico Dandolo!)
. Andererseits MoslemInnen, die erklären, um Verständnis werben, sich um das bemühen, was man wohl interreligiösen Dialog nennt. 

Empore, Marmorsäule, Fries, besterntes Dach
Drinnen ist es ruhig, im Eingangsbereich unter der Empore sammeln sich BiennalebesucherInnen, die mal gucken, aber nicht ihre Schuhe ausziehen, um in den Gebetsbereich zu gelangen. Dort betet gerade eine Gruppe von Männern, der Vorbeter spricht leise, im Hintergrund Frauen und unbeschuhte Besucher, man hört fast nichts von dort, der Raum ist groß. Entspannte Atmosphäre. 

Die Kirche ist sehr alt, der Teppichboden ist nagelneu und grün, christliche Kunst wurde schon vor langer Zeit entfernt (vermutlich während des venezianischen Kunstausverkaufs nach der napoleonischen Auflösung der Kirchen Anfang des 19. JH). Keine Altarbilder, nackte Backsteinflächen über dem Hauptaltar und den Seitenaltaren. Ein schöner aber beschä-
digter Fries rund um alle Wände hoch unter dem besternten Kassettendach. Überall sind große schwarze Tondi (Rund-
bilder) mit goldenen arabischen Schriftzeichen angebracht. Ich kenne Moscheen nur von Bildern, und diese sieht im Gebets-
bereich authentisch aus, wenn auch die Mischung der Geschlechter, vor allem der Anblick unbeärmelter, minibe-
rockter junger Frauen, ungewohnt ist. Das ist wohl der Biennale-Anteil.


Kunst oder Funktion oder beides?

Der Eingangsbereich enthält viele Schuhregale, Fußwasch-
becken, Verkaufstände von Devotionalien, Büchern, Zehenschlappen... und, was ich in die Schublade "Kunst" einsortieren würde: Ein Getränkeautomat mit Mecca-Coke, der elegant in eine gotische Wölbung platziert wurde, eine rotglühende Höhle. Und der Altar einer Seitenkapelle, auf dessen Stufe die heilige Dreifaltigkeit der mülltrennenden farbigen Tonnen verehrt werden kann. Aber vielleicht ist das auch absichtlos und der Spott liegt in meinem Blick und nicht in den reinen Gedanken des Künstlers Büchel.


Anbetung der Götter des vollzogenen Konsums?
Das Geschrei vor der Kirche legt sich, einige Gemeinde-
mitglieder kommen rein, ich höre, wie einer zum anderen sagt: "Also ein Dialog war das eher nicht." 


Am nächsten Tag, Sonntag, ruft ein italienischer Religions-
wissenschaftler kampfbereit die Polizei in die Ausstellung, die feststellen soll, dass er eine Kunstinstallation sehr wohl mit Schuhen betreten darf, in allen ihren Teilen. Und falls dies keine Kunstinstallation sondern eine Moschee ist, soll sofort die behördliche Genehmigung für deren Betrieb vorgelegt werden. Die Polizei verweist auf den Sonntag, Behörden zu, die Situation sei hier und jetzt so, wie sie ist. 

Das wird in den letzten Tagen weiter bestritten, laut Lokal-
presse vor allem durch die katholische Kirche (deren Inter-
vention mir schleierhaft ist, die Kirche S. M. della Misericordia ist Privatbesitz, außerdem seit 40 Jahren nicht als Kirche in Gebrauch). Täglich wird Papier bedruckt mit informationsfreien und unbelegten Behauptungen, die Moschee würde geschlos-
sen, heute, in einer Woche, spätestens am 20.5.; und die Moschee wird täglich voller. Natürlich. Die internationalen Medien schreiben derartig unqualifiziertes Zeug, selbstdar-
stellerisches JournalistInnengeschwurbel, dass ich darauf verzichte, hier die Artikel zu verlinken. (Bei Interesse: suchen unter Stichworten Venedig-Moschee-Biennale-Büchel u. ä.)


Nach dem Gebet

Ich selbst halte es in der Gretchenfrage mit Karl Marx und habe kein Bedürfnis, mich jenseits der Kunst in die lokale religiöse Versorgung einzumischen. Aber glaube, dass sich die Frage der venezianischen Moschee erledigt hat: wer wird wirklich nach 7 Monaten Ende November ein funktionierendes Gebetshaus und Gemeindezentrum so vieler Gläubiger wieder SCHLIEßEN? Unmöglich aus meiner Sicht. Die MoslemInnen brauchen und wollen sie, die Religionspolitik der historischen Serenissima liegt in den Archiven, die Macht der katholischen Kirche ist nicht die mehr die alte - und es triumphiert die Kunst: sie kann mehr als Kunst. Sie gestaltet die Welt mit.


Santa Maria della Misericordia o. Valverde nach dem Streit
und kurz vor dem Maigewitter am 9.5.

Ergänzung am 15.5.:
Schon passiert. Am 13.5. marschierten Beauftragte der Stadt in die Ausstellung, respektive Moschee, kontrollierten die Mülltonnen in der Seitenkapelle und sprachen ein Verbot (dieser Kunstinstallation!) aus. Unsäglich, während Herr Meese seinen Hitlerarm im Namen der Kunst heben darf. Ebenfalls verboten wurden die Einschränkungen der BiennalebesucherInnen (also das Gebot, den Gebetsteppich ohne Schuhe zu betreten) sowie kultische Handlungen, also das gemeinsame Gebet. 
Venezia Today, 14.5.2015

Ich ging gestern, 14.5., kurz am Campo dell'Abazia vorbei und stellte fest: die Mülltonneninstallation wurde entfernt, aber nicht die Schilder, die das Betreten des Gebetsbereich mit Schuhen verbieten, sie gehören schließlich zur Kunstinstalla-
tion der Moschee. Und niemand betrat den Teppich mit Schuhen. Offizielle gemeinsame Gebete finden anscheinend nicht statt, einzelne Personen beten und singen die Gebete offen und unbehindert. Die Atmosphäre ist leider hinüber. Es herrschte Anspannung, im Eingangsbereich drängten sich viele BesucherInnen, aber es gab keine Gruppen oder Gespräche im Innenraum der Moschee. Das kann es ja wohl nicht gewesen sein... 


Artribune, 15.5.
Der Artikel weist darauf hin, dass die Kirche S. M. d. Misericordia zwar seit 1973 Jahren nicht als Kirche genutzt und darüberhinaus in Privatbesitz sei, aber nie von der katholischen Kirche dekonsekriert wurde. Die Zustimmung, im höchsten Fall des Vaticans, zur Nutzung der Kirche sei also erforderlich und muss bis zum 20. Mai vorgelegt werden. Andernfalls kann die Kirche geschlossen werden. Diese Situation sei vorhersehbar gewesen, das Ziel des Künstlers Christoph Büchel, auf die fehlende/n Moschee/n in Venedig und in Italien überhaupt hinzuweisen, würde aber auch in diesem Fall erreicht.

Artnoise, 20.5. La Moschea della Misericordia 

Icelandic Art Center, 21.5.2015 Offener Brief der Direktorin Björg Stéffandóttir

Comune Venezia, 21.5.2015 Entscheidung und Gründe für die Schließung der Ausstellung.

NZZ, 22.5.2015 Polizei schliesst Kunstprojekt. 

Hyperallergic, 22.5.2015 Eine Kritik von Hrag Vartanian: "Why I Don't Buy the Premise of Christoph Büchel's Icelandic Mosque Pavilion."

The Art Newspaper, 23.5.2015 Ein weiterer kritischer Kommentar von Anna Somers Cocks: "Büchel's 'Mosque' played frivolusly with fire"

La Nuova, 3.6.2015 Discoteca nell' ex chiesa della Misericordia.
Erstaunlich. Pavillon geschlossen oder nicht: kann der Privatbesitzer der ehemaligen Kirche den Raum inkl. Kunstausstellung während der Biennalelaufzeit für andere Veranstaltungen abgeben? Welche Folgen hat das für den Rechtsstreit um die evtl. Wiedereröffnung der Ausstellung?


17.7.2015: das Icelandic Art Center will die Biennale verklagen und ggfs. Schadenersatz verlangen. Das angebliche Argument Frau Stefánsdóttirs, die Polizei hätte nicht zu entscheiden was Kunst sei, scheint mir aber sehr unqualifiziert - es ging ja (und ist vermutlich ein vorgeschobener Grund) um die Frage, ob die erforderlichen Genehmigungen für den religiösen Betrieb der Moschee beantragt wurden und vorlagen. Die venezianische Behörde hatte für die Befriedigung der Bürokratie 60 Tage eingeräumt, die in ca. 1 Woche ablaufen. 


The Art News Paper, 27.7.2015: Am 29.7. soll über die Klage des IAC (Icelandic Art Center) auf Wiedereröffnung der Kunstausstellung Moschee und Schadenersatz für die Schließung beschlossen werden.

Iceland Monitor, 11.8.2015: IAC zieht Klage gegen Schließung der Ausstellung Moschee zurück, hält Klage auf Schadenersatz aufrecht.

La Nuova, 4.2.2016: In aller Stille mitten im Carnevale verhängt die Comune Venezia für den "Missbrauch" der ehemaligen Kirche S. M. Valverde eine 'multa', eine Geldstrafe gegen die Kuratorin des isländischen Pavillons. Keine Angaben zur Höhe der Strafe. Venedig leistet sich eine provinzielle Posse, die hoffentlich in der Kunstwelt zur Kenntnis genommen wird. 


14.5., 17:30 Uhr



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1 Kommentar:

Dagmar Axer hat gesagt…

hallo, ich war am am 12.05.2015 dort....und habe auch viele Fotos gemacht...wie gut, daß wir beide so früh zur biennale anwesend waren, sind unsere fotos nunmehr nach der schließung kleine unikate
http://www.nzz.ch/feuilleton/kunst_architektur/polizei-schliesst-umstrittenes-kunstprojekt-1.18547754