27. August 2016

Toiletten in Venedig? Notdürftig!

Venezianische Improvisation: Baby wickeln auf dem Campo S. Polo
Seit ein paar Tagen findet wieder einmal das Thema des Gassenpinkelns das Interesse des venezianischen Publikums. Presse und social media zeigen das Bild einer Frau von hinten, entblößt, gereckt und im Begriff öffentlich ihre Notdurft zu verrichten. Das Foto stammt angeblich von einem Gondoliere, der die Frau angeblich auf ihr unangemessenes Verhalten ansprach und die daraufhin angeblich auch noch auf englisch beleidigend wurde. Alles an dieser Geschichte ist unsäglich - die öffentlich pinkelnde Frau, der fotografierende Gondoliere, die Schamlosigkeit beider Personen und ihre sicher doppelt misslungene Kommunikation. Deshalb kein Link zu dieser Geschichte.

Die venezianischen Medien sehen das etwas polarisierter - die respektlose Touristin, das heilige Venedig missbraucht als 'latrina', als 'vespasiano', und der Einheimische, dessen Verhalten keiner Kritik bedarf. Er ist ein Verteidiger. Die Kommentare des Publikums zum Pinkeln meist verächtlich und gehässig, die Wortmeldungen der Tourismusbehörde zum Thema beschwichtigend und gleichzeitig den Respekt der TouristInnen, Recht und Ordnung einfordernd.


Das Pinkelproblem kennt man auch anderswo,
nimmt es aber nicht so persönlich

(Quelle: Notes of Berlin)

Seit Jahren kennen wir das in den Sommermonaten, und was das Pinkeln betrifft, scheint es immer um Frauen zu gehen. In Kanäle oder in Ecken pissende Männer kommen eher nicht vor, dafür gibt es Berichte (gerne mit Kurzvideo) über respektloses Baden hemmungsloser junger Männer in heiligen venezianischen Kanälen. Letzteres kann man gut lassen, aber der Gang zur Toilette ist unverzichtbar. 

Es gibt auf der neuen Website der Comune Venezia leider nur sehr alte statische Daten (warum?) zu BesucherInnenzahlen. In den Medien variiert die Zahl von 10 mio bis 22 mio/Jahr, eine beachtliche Differenz. Ich gehe mal von 50.000 BesucherInnen pro Tag (so viele wie derzeit noch EinwohnerInnen im Centro Storico!) aus. Wie viele öffentliche Toiletten sollten für solche Menschenmassen zur Verfügung stehen? Keine Ahnung, aber Vermieter von mobilen Sanitäranlagen rechnen für Großveranstaltungen so: 

http://www.toilettenvermietung.de/menge.pdf
http://www.druenkler-wc.de/content/service/service_wieviele.htm

Davon kann natürlich in Venedig keine Rede sein. 
Tatsächlich gibt es 14 öffentliche Toiletten - auf der Karte von Venice Wiki fehlen je eine Einrichtung auf den täglich überlaufenen Inseln Burano und Torcello, sind aber auf der Karte der Stadt bzw. des Dienstleisters Veritas notiert. Die einzige öffentliche Toilette auf dem Lido, hinter der Kirche S. M. Elisabetta versorgt eigentlich nur die Fahrgäste der zentralen ACTV-Haltestelle.
(Es gibt im Bereich der
Kreuzschiffahrtanleger weitere 7 Sanitärangebote, die aber nur auf dieser Reiseveranstalterseite auftauchen und vermutlich nur für Schiffspassagiere sind.)
Für die Versorgung von Kleinkindern sind eingerichtet die öffentlichen Toiletten Piazzale Roma, Rialto Novo, San Bartolomeo, San Marco, Bragora, Burano, Torcello und Tronchetto.
Ausdrücklich barrierefreie Toiletten listet die neue Website der Stadt unter dem Menüpunkt "Venezia accesibile" nicht auf. Zwar sind unter "Itinerari senza barriere" die "WC" eingetragen, es fehlen aber Hinweise, ob die Sanitärräume für alle Arten körperlicher Einschränkung zugänglich sind bzw. für welche nicht. Wäre aber im Zweifelsfall eine wichtige Information.
Dazu kommt, dass die öffentlichen Toiletten frühstens 7:30 Uhr öffnen und spätestens um 20 Uhr schließen. Danach ist man auf Gaststätten und Bars angewiesen, die ihrerseits 2 Stunden später schließen, oder verzieht sich zu einer anständigen Zeit ins Hotel. Liste:


Toilette Piazzale Roma
Indirizzo: Ramo Cossetti 456/A
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 8 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Tronchetto
Indirizzo: Isola Nuova del Tronchetto
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 8 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette San Bartolomeo
Indirizzo: San Marco 5404
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 8 alle 20
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette San Leonardo
Indirizzo: Cannaregio 1586/A
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 7.30 alle 19.30
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Rialto
Indirizzo: San Polo 551
Orari: Tutti i giorni dalle 7 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette San Marco – Calle Ascension
Indirizzo: Calle Ascension 1265
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 20
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette Accademia
Indirizzo: Dorsoduro 1050
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Bragora
Indirizzo: Castello 4053/54
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 10 alle 19. Chiuso dal 10 Novembre al 31 Gennaio
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette Murano
Indirizzo:Fondamenta Serenella
Orari:Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 18
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Burano
Indirizzo: Rio Terà del Pizzo 32
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette Torcello
Indirizzo: Vicino al Museo e alla Basilica
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Veritas Spa - Piazzale Roma, Santa Croce 489, 30135 Venezia
Call center 800.466466 (da telefono fisso) - dalle ore 8.30 alle ore 18.00
Call center 199.401030 (da telefono mobile) - dalle ore 8.30 alle ore 18.00
Fisso  +39 041 7291150
Web. www.gruppoveritas.it

Alle diese Informationen (Pläne, Adressen, Öffnungszeiten) gibt es auch auf einer App fürs Smartphone, kostenlos herunterzuladen.
Die Kosten sind kein Pappenstiel: 1,50 € pro Nutzung. Online kann man Tageskarten für die Toilettennutzung für 3 € buchen, die aber nicht flatratemäßig funktionieren, sondern jede einzelne Toilette kann man nur 2 x pro Tag nutzen. Damit sollen wohl die erleichterungsbedürftigen Massen schön rundum in der Stadt verteilt werden. Übrigens sind in Paris, London, Kopenhagen öffentliche Toiletten kostenlos, in Amsterdam kosten sie 0,50 €. Kann sich das arme Venedig nicht leisten.


(C) Weichmann

Wer glaubt, diese knappe Versorgung mit öffentlichen Sanitäreinrichtungen läge am fehlenden Raum in Venedig, irrt. Gleiches Ding in Mestre ohne die Bedingungen des centro storico: 1 einzige öffentliche Toilette seit Dezember 2015, Pinkelei in Gassen und Ecken (und keineswegs von ungezogenen respektlosen TouristInnen). 
Und wer darüber hinaus glaubt, dass sich mit Toiletten kein Geschäft machen ließe (die Vorbedingung aller Aktivitäten in Venedig), irrt ebenfalls, glaube ich. Ich rechne mal sehr grob: 
1 Toilette 12 x genutzt/Stunde = 18 €
10 Toiletten in 1 Anlage/Stunde = 180 €
1 Anlage pro Tag (10 Stunden) = 1.800 €
14 Anlagen pro Tag = 25.200 €
14 Anlagen pro Jahr (365 Tage) = na?
Sehr schlicht kalkuliert, und nur die Einnahmen, aber es bleibt sicher ein guter Gewinn für Veritas übrig. Wieso investiert niemand in alte Gebäude, die sich NICHT mehr als Wohnräume eignen (oder Hotels oder Department Stores etc.) und baut die Infrastruktur für sehr ordentliche Sanitärservices auf? (Denn von der Qualität der existierenden öffentlichen Toiletten ist in diesem Blog nicht die Rede, hier geht es um Quantität angesichts des Gassenpinklerproblems.) Mit qualifizierten Kläranlagen und vielleicht entlang der Routen des ÖPNV? Müsste sich doch längerfristig als Dienstleistungsgeschäft rechnen...


Bis es soweit wäre/sein könnte, hier einige Tipps für derzeitige Notmaßnahmen:


  • Rechne in Venedig grundsätzlich für jeden Toilettengang außerhalb des Hotels mindestens 1,50 € ein. Die meisten Bars, von denen es viele gibt, haben einen Espresso oder ein Wasser zu diesem Preis. Ob du das trinkst oder nicht - das ist der Preis für die Nutzung der Toilette. Man kann dabei reinfallen und eine unappetitliche Toilette finden, kein Papier etc. - deshalb ist eine genügende Menge Zellstoff in der Tasche in Venedig unabdingbar. Falls man nicht die Zeit hat, die Bar zu wechseln.
  • Öffentliche Gebäude mit Publikumsverkehr verfügen über kostenlose Sanitärräume. Während der Geschäftszeiten. Wenn dir das neu ist, probiere es in deiner Stadt aus - Rathäuser, Behörden aller Art, Universitäten, Volkshochschulen, Bibliotheken... selten wird dich jemand aufhalten. Einfacher Standard, keine unangenehmen Überraschungen. Solche Gebäude sind leicht an den entsprechenden Schildern (Kraftfahrzeugamt, Amtsgericht etc.) zu erkennen. Das geht genauso woanders, z. B. in der schönsten Stadt.
  • Ebenso verfügen alle Museen (auch davon gibt es viele in Venedig) natürlich über Toiletten, auch hier einfacher Standard, keine Überraschungen. In einigen Museen liegen sie sogar VOR dem Bereich, für den man Eintritt bezahlt (wenn ich mich recht erinnere, z. B. Ca' Rezzonico, Ca' Pesaro, Museo Palazzo Grimani). Wenn Du eine Sammelkarte hast (z. B. für die städtischen Museen), noch besser eine "Friends"-Karte (kommt nur in Frage für häufige Venedigbesuche), kommst du sowieso kostenlos in den Eintrittsbereich und kannst die Toiletten nutzen. Wenn du ohnehin ins Museum willst, gut. Es kann aber auch sein, dass die gesammelten Ermäßungen für eine Gruppe/Familie für ein Museum, das ganz zu sehen du/ihr gar nicht plant, sich als günstige Sanitär- und Erfrischungspause für eine ganze Gruppe/Familie rechnet. Das ist die gleiche Kosten-/Nutzenrechnung wie bei der Bar.
  • Es gibt auch Ausstellungsräumlichkeiten mit guten Toiletten, sogar kostenlos (z. B. Stanze del Vetro auf S. Giorgio Maggiore, Spazio Luis Vuitton, Scuola Grande della Misericordia). Und es gibt die Biennale-Venues in der Stadt, die längst nicht alle Toiletten anbieten, dafür aber manchmal ungewöhnliche oder gepflegte oder duftende - wer auf der Suche ist, kann hier fündig werden plus Überraschungen erleben.
  • Vorsicht ist geboten, wenn man auf die (kostenlosen) Toiletten in der Tesa 5 des Arsenale Novissimo (Haltestelle Bacini) in der Nähe der dort angesiedelten Bar spekuliert. Die sind häufiger defekt als intakt. Wenn nicht in einer der benachbarten Tese oder in der Torre della porta nova eine Ausstellung läuft und die dortigen Toiletten benutzbar sind, ist nur per Vaporetto eine Alternative zu erreichen, z. B. an den Fondamente Nove oder am Lido. Oder ganz schnell ein Baum/ein Gebüsch im Gelände. Oder die Lagune.



Toilettenstimmung unterm Dach  für eine Biennale-Nebenausstellung
Nachtrag 30.8.:
Am 28.8. inszenierten StudentInnen der Universität Padova einen ironischen Flashmob zum venezianischen Toilettenmangel und den stolzen Preisen. Aha! Auslöser dafür waren auch die einseitigen Medienäußerungen, die TouristInnen pauschal als unzivilisiert und primitiv bewerten. Die Firma Veritas veröffentliche eine Pressemitteilung mit Gejammer über die Schwierigkeiten, öffentliche Toiletten zu betreiben und neu einzurichten in einer heiklen und besonderen Stadt (delicata e particolare).
Ich finde, das lässt hoffen. Wir haben immerhin schon mal darüber gesprochen...


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte, noch etwas zum Thema Urinieren. Es gibt in Venedig (woanders wohl auch, weiß ich aber nicht) die sog. Gobbi. Das sind meist steinerne Abdeckungen von Häuserecken/-winkeln. Sie sind etwas nach oben gewölbt und haben den Sinn, dass der Urin zurückspritzt auf den Pinkler. Sie sind sehr häufig zu sehen. 2 davon sieht man, wenn man von San Zaccharia Richtung San Marco geht. Am Tor sind rechts und links Gobbi. Somit versuchte man schon vor sehr sehr langer Zeit, dem "Wildpinkeln" der Männer Einhalt zu gebieten.
Ich schicke ein Bild
Viele Grüße
Aldebaran

ebbonn hat gesagt…

Hallo Aldebaran,

herzlichen Dank für diesen Kommentar und die per Mail nachgereichte Korrektur "gobba, gobbe" also weiblich, und den ergänzenden Begriff "antibandito".

Den Begriff Gobba kannte ich nicht. Danke für die Hinweis. Ich kenne nur das Wort pissotta und halte das für ein 'modernes' Wort, also eine Nachfolgebezeichnung. Lange bevor ich die zum ersten Mal hörte, las ich (wo? wann? in welcher Sprache? analog oder digital? Weiss ich leider alles nicht mehr), dass die venezianischen Eckenausfüller ursprünglich die Aufgabe hatten, das Auflauern und Überfallen in (früher) unbeleuchteten Gassen zu erschweren/verhindern. Damit sich also möglichst niemand in einer Ecke verstecken und eine erwartete Person angreifen konnte. Darauf weist ja auch das Wort antibandito hin (bando = öffentliche Bekanntmachung, auch Ausschreibung, auch Ächtung. Wer von der pietra del bando (neben S. Marco und auf dem Rialto, dem sog. Gobbo) als Geächteter, Verbrecher ausgerufen wurde, war ein 'bandito'. Und der 'antibandito' diente dem Schutz vor Überfällen.

Pinkeln in Ecken muss eigentlich nicht verhindert werden, wenn überall in der Stadt sehr nahe fließendes Wasser einlädt. Und die 'Pissotte' sind nicht nur in Gassen, sondern direkt neben Brücken zu finden, wo das Piss-Argument keinen Sinn macht, aber das Versteck-Argument schon. Ich nehme also an, dass sich die Funktion der Gobbe in 1000 Jahren geändert hat: ursprünglich Eckenausfüller gegen unerwünschte Überraschungen, später, als es Gassenbeleuchtung gab, umgedeutet als Pinkelabwehr.

Beste Grüße!