15. April 2007

Venedig mit Kindern V


Kunst jenseits von Museen - gesehen im Universitäts-
viertel in Dorso-
duro



Letzter Teil der Reihe "Venedig mit Kindern" mit den Punkten

4. 2-4 Museen
5. 2-3 Inseln
6. 1-2 mal raus aus der Stadt


4. 2-4 Museen
Bedeutet: Museen, die man nicht besucht, um (auch) einen Palazzo von innen zu sehen, sondern wegen ihres Inhaltes.

Ich empfehle für den Besuch mit Kindern das Museo Correr an der Piazza di San Marco (Eingang an der Schmalsseite gegenüber der Basilika), das Museo Storico Navale (am Arsenale), das Museo di Storia Naturale und, für nicht mehr kleine Kinder, die Guggenheim-Foundation, jeweils am Canal Grande.
Zugabe: 1 mal Briefmarken kaufen in der Zentralpost!


Das Museo Correr ist eine interessante und lehrreiche Mischung von historischen Informationen über Politik- und Stadtentwicklung, Handelsbeziehungen und Conquista im Mittelmeer die bis zu Einzelheiten führt wie z. B. dem Ablauf von Denunziation und von Dogenwahlen, schönen und informativen Beispielen venezianischen Handwerks und diversen Volksbelustigungen wie Menschenpyramiden und Tierjagden auf den Plätzen der Stadt. Das angegliederte archäologische Museum ist Erwachsene interessant, für Kinder aber klare Langeweile.

Das Museo Storica Navale gehört zur Marine und damit zum
Verteidigungsministerium. Vielleicht ist es deshalb das preiswerteste Museum in Venedig, und natürlich sind die Exponate stark militärisch geprägt.
Da sind Eltern gefragt, die den Zusammenhang zwischen (damals) globalisiertem Handel und den Kriegen zwischen den konkurrierenden Parteien, Kolonialismus und Ausbeutung der Kolonien und aus alldem folgenden unglaublichen Reichtum als Erbteil
dieser wunderbaren Stadt erklären können. Aber dieses Thema lässt sich in Venedig ohnehin nicht umgehen, wenn man mit pfiffigen Kindern reist.
Im Museum der Geschichte der Seefahrt finden sich also eine Menge Informationen über die Entwicklung der Seefahrt im Allgemeinen und der venezianischen Seefahrt im Speziellen, die Funktion des historischen Arsenales und die Arbeit und Arbeitsbedingungen darin sowie seine Zerstörung durch Napoleon; über die Kolonien in Adria und
Ägäis, die ich persönlich interessant finde und die auch Kindern viel über die historische Entwicklung der Republik Venedig verständlich vermitteln können. Die Sääle mit den eher langweiligen moderneren Selbstdarstellungsbemühungen der Marine kann man zügig durchqueren oder links liegen lassen.
(Fotos: Originalstich Plan und Ansicht der Hafenstadt Koroni, Peloponnes (links); Plan und Relief der Festung und Hauptstadt Candia, Kreta (rechts).)


Das Museo di Storia Naturale empfehle ich 'blind', denn trotz Einhaltung der Öffnungszeiten habe ich noch keinen Eintritt gefunden. Immer geschlossen! Aber die Restaurierung ist beendet und das Ding muss zu knacken sein. Ich denke, es bietet einen guten Einstieg für die Beschäftigung mit den ökologischen Problemen und Aufgaben Venedigs und der Lagune, die ja viele Kinder wesentlich spannender und wichtiger finden als ihre Eltern. (Weitere Vorschäge zum Thema Ökologie folgen.)
Es befindet sich im ehemaligen türkischen Handelshaus, das aber bei seiner Restaurierung (besser Wiederaufbau) stark ver
ändert wurde. Da ich es nicht von innen gesehen habe, kann ich bisher nichts darüber sagen.

Die Peggy-Guggenheim-Collection besteht weitestgehend aus nicht gegenständlicher Kunst des 20. Jahrhunderts, die in wunderbar hellen frischen Räumen (und teilweise im Untergeschoss auch nicht ganz so weitläufig), präsentiert wird. Dazu kommt der schöne Garten mit altem Baumbestand (angeblich einer der größten Gärten Venedigs) und modernen Kunstwerken, mit den Gräbern Peggy Guggenheims und ihrer Hunde und dem Gruß von Yoko Ono an Peggy in Form eines Olivenbäumchens, und die wunderbare Terasse zum Canal Grande. Der Besuch dieses Museums ist der inspirierende Genuss eines Gesamtkunstwerkes, der vielleicht manchem Ki
nd eine unvergessliche Einladung in die nicht gegenständliche Kunst vermittelt.

Die Zentralpost an der Rialtobrücke war das Handelshaus der deutschsprachigen Kaufleute und das Zentrum und der Dreh- und Angelpunkt des Handels zwischen (Süd-)Deutschland und Venedig, der als einziger nicht übers Meer abgewickelt wurde. Die deutschen Kaufleute mussten hier ihre Waren lagern, verzollen und verkaufen und hotelmäßig wohnen. Umgekehrt kauften sie dort venezianische (d. h. "global" nach Venedig importierte) Waren und exportierten sie (wiederum verzollt) in ihre deutschen Städte. Auch Albrecht Dürer lebte hier Anfang des 16. Jahrhunderts (siehe Beitrag vom 17.3.07).
Die Größe des Gebäudes kann man von der Brücke oder vom Vaporetto aus bewundern, der überwältigende Eindruck trifft einen aber nur innen! In der Mitte steht noch der Pozzo, der Boden besteht
noch aus dem alten Ziegelpflaster, und es ist kein Problem, in die 1. Etage zu gehen und die Sache auch von oben zu besichtigen. Man kann sich sehr gut ausmalen, wie hier 'Handel und Wandel' stattfand. Ich finde, dies ist ein authentischer Blick in die Geschichte Venedigs und eine überzeugende öffentliche Nutzung des Gebäudes, deshalb sollten die Briefmarken hier und nicht am Kiosk gekauft werden.


5. 2-3 Inseln

Die Stadt Venedig mit Türmen, Palästen, Museen und Kirchen ist nur die halbe Miete, wenn nicht zum Gesamteindruck die einzigartige historische und ökologische Einbettung der Stadt ins Wasser, in die Lagune, dazu kommt.

Für den Besuch mit Kindern schlage ic
h ausdrücklich NICHT Murano vor. Die Insel liegt zwar nur 10 Minuten von den Fondamente Nove entfernt und bietet sich für einen Kurzausflug an, ist aber ein insgesamt abschreckender Ort puren Konsums. So bezaubernd die alte und moderne Glaskunst zum Teil ist, so trostlos ist die Aneinanderreihung von Glas'boutiquen' und Schnellabfütterungstrattorien und das Bewußtsein des wirtschaftlichen Zweckes, den man als Tourist zu erfüllen hat.

Burano (im Bild unten Mitte) und
Mazzorbo, verbunden durch eine Brücke. Rechts oben die Südspitze Torcellos.

Ein bißchen anders ist das auf Burano, wo zwar in den Gassen der 'ersten Reihe'
auch sehr geschäftstüchtig Fastfood und Spitzen verkauft (keineswegs hergestellt) werden, aber in den Seitengassen flattern vor den überall offen stehenden Haustüren lustig bunte Tücher als Sichtschutz. Noch mehr Stimmung bringt die unglaubliche Farbenpracht der buranellischen Fischerhäuschen, die mit Sicherheit jedes Kind animieren, so wie der herrlich schiefe Turm der (sehenswerten) Kirche. Weniger vielfarbig ist die Nachbarinsel Mazzorbo, über eine Holzbrücke erreichbar, aber immerhin grün und geeignet für ein Rennen entlang des Ufers und ein entspanntes, ruhiges und preiswertes Mittagessen in der Trattoria mit Garten direkt an der Vaporettostation Mazzorbo.
(Burano ist zu erreichen mit Linie N von der Station Fondamente N
ove. Von Burano erreicht man vom 2. Anleger der Bootsstation mit einem Anschlussboot die Insel Torcello, die nur wenige 100 m entfernt liegt.)

Ganz anders und konsumferner geht es auf Sant' Erasmo her. Sie ist zusammen
mit der davor liegenden Insel Vignole (von Venedig aus gesehen) seit alten Zeiten der Gemüsegarten Venedigs, nach einem Besuch werden Kindern beim Gang über den Rialto-Gemüsemarkt die Schilder auffallen, die auf die Herkunft der Lebensmittel von diesen beiden Inseln hinweisen. Wer am ersten Vaporetto-Halt 'Capannone' aussteigt, kann nach rechts abbiegend in ca. 15 Minuten durch die Felder zur Torre Massimiliana spazieren, ein niedriger, dicker Rundturm, Teil der alten Befestigungen, zuletzt von den Österreichern verwendet und sehr schön restauriert. Dort gebotene Ausstellungen lokaler Kunst oder zu lokalen Öko-Themen sind Fr/Sa/So ganztags geöffnet, während der Woche meistens geschlossen. Ein paar Meter weiter gibt es einen schattiger Biergarten am Strand, an dem Kinder sich nicht langweilen und leicht im Auge zu behalten sind. (Siehe Sport in Venedig II)
An der Gruppenherberge 'Il Lato Azzurro' auf dem Weg zur Torre Massimiliana (und am zweiten Vaporetto-Halt 'Chiesa') kann man Fährräder ausleihen. Eine Radtour quer über die Insel (hier ein Vorschlag von
von 'Il Lato Azzurro') durch die Felder, die Straßen muss man allenfalls mit bäuerlichem Traktorverkehr teilen. Hier lässt sich sinnfällig erleben, dass der alte Organismus Venedig aus Stadt, Wasser und Inseln besteht und keines seiner Teile verzichtbar ist.

Als dritte Insel schlage ich Pellestrina vor, da hier als Gegensatz zum städtischen
Leben Venedigs und dem bäuerlichen Leben auf Vignole/Sant'Erasmo hier das Inselleben mit dem offenen Meer einerseits und der Fischerei in der Lagune andererseits beobachtet werden kann. (Beschreibung und Verkehrsverbindung bereits bei Sport in Venedig II).
Pellestrina hat neben einem Sportzentrum, zu dem Kinder vom Canal Grande mit Boot und Schiff fahren, einige Dörfer,
vor allem S. Pietro mit einem Fischereihafen, in dem auch schon mal ein Fang bewundert werden kann (frühmorgens oder abends). Außerdem gibt die langen Murazzi, gebaut im 18. Jahrhundert zum Schutz Venedigs vor dem Meer, die beim großen Hochwasser 1966 z. T. nicht Stand halten konnten und hinter denen sich lange Wellenbrecher und schöne Strände verbergen. Auch ein Besuch auf dem Ca'Roman kann sich anschließen. Dazu überquert man einen steinernen Damm (Verlängerung der Murazzi und betritt dann eine bewaldete Düne, die unter Naturschutz steht. Es gibt einen schönen großen Strand, am dem sich im Sommer Familien tummeln, im Frühling ist er allerdings während der Brutzeit der dort lebenden Vögel gesperrt.

Murazzo zwischen Pellestrina und Ca'Roman. Links Laguna, rechts Adria





Mit den Inseln Burano/Mazzorbo (und evtl. mit größeren Kindern Torcello), Sant' Erasmo/Vignole, alle fünf in der Laguna Nord, und Pellestrina in der Laguna Sud wird ein kleiner Eindruck von der großen Ausdehnung der Lagune und damit
Gesamtvenedigs vermittelt. Wobei natürlich die monströsen Industrieanlagen von Marghera immer mit im Bild sind, die in der Laguna Sud liegen, die man aber sogar von Torcello aus sehen kann. Womit uns nicht die historische, sondern die heutige Globalisierung und der Welthandel mit seinen Profitinteressen eingeholt hat, die wir unseren Kindern erklären müssen und deren Folgen nicht nur Venedig und die Lagune betreffen.

Auf allen Inseln gilt: Mückenschutzmittel anwenden oder langarmige/beinige Kleidung tragen!!!

6. 1-2 mal raus aus der Stadt

Raus aus der Stadt kann man sehr gut mit den beschrie-
benen Insel-
besuchen.

Man kann es auch, in dem mal einfach mal die größeren Boote besteigt, die ArbeiterInnen/SchülerInnen von den Inseln und Chioggia zur Arbeit und in die Schulen bringen. Das Boot von/nach Chioggia fährt morgens und abends (zurück mit dem ACTV-Boot nach Pellerstrina, weiter mit dem Bus, wie beschrieben), das Schülerboot von/zu den Inseln morgens und mittags an der Riva degli Schiavoni (zurück mit den Linien N oder 13), beide Boote sind groß und haben Obergeschosse und Sonnendecks auf denen Kinder sich bewegen können. Abfahrtzeiten erfährt man an den Haltestellen.

Für "raus aus der Stadt" möchte ich auch ein paar Themenausflüge vorschlagen,
die je nach Interesse der Kinder in der Reisegemeinschaft die Erfahrung 'Venedig' vertiefen können.
1. Angebot ökologischer Ausflüge
2. Angebot Schnellkurs venezianisches Rudern
3. Angebot Kajakfahren in der Lagune
4. Angebot archäologischer Ausflug Lazaretto Novo
und nochmal
5. Besuch im Haus der Umwelt





1 Kommentar:

marion fleuti hat gesagt…

Hallo Brigitte,
nun zurück aus Venedig, haben wir ein paar Kommentare bei Deinen Artikeln angefügt.
Wir haben auf dem Lido in Malamocco gewohnt und haben keinerlei Probleme mit Mücken auf dem Lido gehabt (20.-26. Oktober 2007). Es war aber auch anfangs recht windig.
..ansonsten alles toll und Deine Tipps haben geholfen mit unseren 2 Kindern glücklich viel zu sehen.

Gruß
Marion