14. Januar 2010

Bei Tintoretto


Der Teil des Sestiere Cannaregio nördlich des Rio della Sensa wirkt angenehm großräumig, verglichen mit den ältesten Teilen Venedigs wie Rialto und San Marco. Die Gassen, Rii (nicht Kanäle) und Ufer sind bequem und breit für die eher wenigen Verkehrsteilnehmer, es gibt einheimisches, nicht tourismusorientiertes Geschäfts- und Handwerksleben, einsehbare Gärten oder zumindest viel blühendes Gebüsch, das malerisch über Backsteinmauern hängt. Nur sechs Brücken führen über den Rio della Sensa und verbinden dieses geruhsame Viertel mit dem Rest von Venedig. Touristen finden den Weg trotzdem, da die Kirche Madonna dell'Orto in jedem Reiseführer steht, zu Recht.


Campanile Madonna dell'Orto


Madonna dell'Orto war die Pfarrkirche Tintorettos, er und viele seiner Familienmitglieder sind hier bestattet, und viele seiner Werke sind zu bewundern. Für Tintoretto-Pilgerer ist diese Kirche, neben der Scuola Grande di San Rocco, unverzichtbar.

Es ist besonders die "Vorstellung der Jungfrau im Tempel", ein Höhepunkt seines Schaffens, die man in aller Stille betrachten kann (hier zu sehen auf der Website
Churchesofvenice). Wobei die rätselhafte um nicht zu sagen unmögliche Platzierung des Obelisken zwischen Kind und Priester am Kopf der Treppe auffällt. Wieso setzt Tintoretto den Obelisken so, dass er die beiden Protagonisten des Bildes optisch gnadenlos von einander trennt? Nur, damit er überhaupt auf dem Bild ist?

Denn der Obelisk taucht als in der Renaissance geläufiges Symbol für Wiedergeburt, ewiges Leben etc. (in der Folge ägyptischer Phallus- und Ewigkeitssymbolik die die Römer toll fanden) in diversen venezianischen Darstellungen des Themas auf (z. B. die berühmte "Presentazione della vergine" von Tizian in der Accademia und die eines mir unbekannten Malers in der Kirche San Zaccaria, rechts neben der Sacra Conversazione von Bellini). Aber eben nicht im Mittelpunkt des Geschehens wie bei Tintoretto.

Der Obelisk wurde wohl von
Sebastiano Serlio in einer 'Presentazione' eingeführt in seinen Erklärungen zur Perspektive in seinem Architekturbuch 2. Band. Er war als Teil der Gesamtsymbolik bei diesem Thema wichtig genug, dass er sogar in theaterähnlichen religiösen Darstellungen ('Repraesentatio figurata') mitspielte. (Was mich an einen Weihnachtsfilm mit Emma Thompson erinnert, in dem Hummer und Frösche im Krippenspiel auftreten...)

Zurück zum Thema Tintoretto! Ich finde Archive eine spannende Sache und habe im Internet eine Archivseite mit dem Vertrag für die Gestaltung der Orgeltüren, nämlich das Bild der "Presentazione", gefunden.

Zwei der Druckerinnen bei der Arbeit

Tintorettos Wohnhaus steht um die Ecke an der Fondamenta dei Mori, es sind nur ein paar Schritte. Vor ein paar Jahren sah ich eines frühen Morgens eine sehr alte gekrümmte Frau die Balkonpflanzen gießen, das Haus wird also (oder wurde damals noch) normal bewohnt, wie schön.
Das Wohnhaus war der Teil eines Werkstatthofs, der vorne an die Fondamenta grenzte und sich mit diversen Gebäuden und einem Innenhof weit na
ch hinten zog.

Im Nachbarhaus fiel mir letztes Jahr (wieder früh morgens) im Parterre eine Druckerwerkstatt "Bottega del Tintoretto" auf.
Hier arbeiten drei junge freundliche Frauen, die sich von reingeschneiten BesucherInnen nicht stören lassen. Während ich mich dort aufhielt, kamen mehrere ausländische, in Venedig lebende Künstler vorbei, die mit der Werkstatt zusammen arbeiten un
d zum Teil auch dort ihre Werke anbieten/ausstellen.

Zigarettenpause in der Druckerei


Die Druckerei sieht sich in der venezia-
nischen Maler- und Kunst-
hand-
werker-
tradition und bietet
neben der Werkstatt Kurse für künstlerische Techniken an, u. a. Zeichnen, traditionelle Drucktechniken, Aquarellieren, Tonmodellieren... Die Kurse laufen 5 Tage und kosteten 2009 360 € inkl. Arbeitsmaterial und Mittagessen. Italienisch- oder Englischkenntnisse und Anmeldung sind erforderlich (die Website ist z. Z. zweisprachig).
Wer die Zeit und das Geld hat, an einem Kurs in der Tintoretto-Nachbarschaft teilzunehmen, kann sicher mehr lernen und erfahren als die Anwendung künstlerischer Arbeitstechniken.


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Kommentare:

eichinger georg hat gesagt…

schön,dass du endlich wieder was geschrieben hast. die "presentazione" beeindruckt mich auch sehr und der choc des hellen lichts, zu dem die kleine maria hochkraxelt ist in reproduktionen nicht vermittelbar.
die freundliche gemütlichkeit, die sich durch besucher nicht stören lässt, hab ich in der werkstatt im tintorettohaus auch erfahren.
hast du den (eher verdrießlichen) roman gelesen, der im tintorettohaus spielt: Prada. trügerisches licht der nacht. da geht es allerdings um giorgiones "gewitter" und um kunstfälscherei.
danke jedenfalls für deinen neuen text.

georg

aldebaran hat gesagt…

Hallo,
ich habe mir meine Fotos von der Präsentation im Tempel noch mal angesehen. Ich war und bin der Meinung, dass es sich nicht um einen Obelisken, sondern um eine Kirchturmstpitze handelt. Und wenn Tintoretto das an dieser Stelle ja wohl original hängende Bild in den Raum Venedig eingefügt hat, könnte es sich durchaus um die Spitze von San Franceso della vigna handeln, die ja tatsächlich "rechts" vom bild liegt. Dafür spricht die Kantenbetonung sowie das steinähnliche Muster. Wenn man diese Spitze nach unten verlängern würde wäre der Obelist viel zu breit, es sei denn, der Neigungswinkel würde sich ändern. Für eine Obeliskenspitze ist dieses Teil aber eigentlich schon jetzt zu hoch. Der kugelähnliche Aufsatz könnte allerdingsfür einen Obelisken sprechen, aber selbst heute wird dierer Kirchturm von einer Kugel gekrönt. Also: Kirchturmspitze und kein Obelisk. Vielleicht denkt die Kunstkritik ja anders, aber ich glaube, dass meine Ansicht durchaus etwas für sich hat.
Zu Georgs Bemerkung über Pradas Roman: abgesehen von der düsteren Stimmung enthält der viel Wissenswertes über Kunst.
Viele Grüße
Aldebaran