9. August 2014

Wenn das Gerüst fällt...

Fondaco dei Tedeschi - derzeit noch hinter Gerüst und Plane mit Fassadenaufdruck
... gibts schon mal eine Überraschung. Ich hoffe das Beste aber erwarte das Schlimmste für den Tag, an dem das Gerüst des Fondaco dei Tedeschi niedergeht. Und es wird nichts zu verheimlichen sein, denn es wird ja ein "Kaufhaus" im weite-
sten Sinne, wir dürfen alle rein. 


Ich zeige hier Fotos von 4 Fassaden, deren Renovierung gerade abgeschlossen wurde und hinter die wir leider nicht sehen dürfen. Die mich, offen gestanden, nicht umhauen, aber das war auch sicher nicht beabsichtigt. Vermutlich sind die Restriktionen der Bau- oder Denkmalbehörden in Venedig streng, wenn auch vielleicht nicht unumgänglich, wenn man das mal so sagen darf. Aber ein bisschen weniger schlicht bzw. mutiger dürften die BesitzerInnen und Verantwortlichen schon sein. 


Mietshaus S. Basilio, Dez. 2006
Das große alte Miets-
haus an der Halte-
stelle San Basilio fiel mir seit Jahren auf, weil es äußerlich einen brutal herun-
tergekommenen Eindruck machte. 


Es war von einer verwilderten Schön-
heit mit seinen dun-
kelgrünen Fenster-
läden in weißen Steineinfassungen und dem gescheckten abgeblätterten Putz in verschiedensten Ockertönen. Soviel Charakter kann man nur bewundern, aber meine Phantasien, wie eine Renovierung dem Erhalt des Hauses
und der Schönheit dienen könne, führten leider zu keinem Ergebnis. 


11. Oktober 2013

25. Oktober 2013
Als im letzten Oktober das Gerüst aufgestellt wurde, war ich hochgespannt und musste dann im Juni leider feststellen, dass die Fach-
leute auch nicht schlauer waren als ich. 

Juni 2014

LANGWEILIG! Chance vertan! Na gut, die wunderbare Struktur der Fassade, der Rhythmus der Fensteröffnungen kommen weiterhin zur Geltung. Aber weiß?! In Venedig? Vielleicht, weil das sonst niemand hat...? Untenrum ist es noch nicht fertig, und im Juni waren gerade die beiden Seiten und die Rückseite eingerüstet, aber was soll da noch kommen. Die Farbe und die Rahmung der Fenster - vorbei! Schönheit besiegt von Schniegeligkeit. Ach!





Scuola del SS. Crocifisso oder di S. Marcula,
alle Fotos Juni 2011, klicken zum Vergrößern
Juli 2013

Die alte Scuola del Santissimo Crocifisso hinter  der Kirche San Marcuola ist offensichtlich seit vielen Jahren geschlossen. Wobei man nie weiß, ob bei verrammelten Haupteingängen sich nicht hinter Nebeneingängen doch was tut. Aber es gab in den letzten 10 Jahren zumindest nie eine Ausstellung oder dergleichen. Im Internet findet sich nicht viel, siehe Link oben. An der rechten Ecke befindet sich ein kleines Denkmal mit der Jahreszahl 1668, das ist ein Jahr, bevor Venedig die Insel Candia (Kreta) endgültig an die Osmanen verlor, nach beispielloser 25jähriger Belagerung der Hauptstadt Candia, heute Iraklion. 





Scuola del SS. Crocifisso ge- und verputzt, alle 3 Fotos vom  Juni 2014
Das Gebäude ist stabil und nicht heruntergekommen. Ich fand es im Juli 2013 eingerüstet und es wurde offensichtlich be-
scheiden renoviert. Aufgrund des Anstrichs ist jetzt (für mich) erkennbar, dass es mit einigen Nachbargebäuden ein Ensemble bildet. Deshalb fiel mir auch jetzt erst auf, dass es auch mit dem dahinter stehenden Haus über einen Durchgang auf dem 1. Stock verbunden ist. Es steht zu hoffen, dass das Gebäude wieder genutzt wird (und ich es bald von innen sehen kann). 



Ca' da Mosto, Mai 2006
Dass die Renovierung der Ca' da Mosto am Canal Grande in Arbeit genommen war, merkte ich im Juni 2013 mehr oder weniger zufällig und schrieb einen Eintrag darüber im September


Ca' da Mosto, Oktober 2013
 Und schon scheint die Sache fertig zu sein, zumindest wenn man per Vaporetto geschwind daran vorbei geschippert wird. Ist dann aber doch nicht so, eher ein bisschen vorne hui und hinten pfui. Oder es dauert halt noch, bis der Sottoportego fertig ist, die Rückseite und die Etagen, und überhaupt das Haus wieder genutzt werden kann, wenn es denn wieder ge-
nutzt werden soll.
Man weiss es einfach nicht...weiß ist das Stichwort, auch hier ist der Anstrich weiß oder weißlich, seltsamerweise, oder sitzt gerade jemand im Denkmalschutz, der/die auf weiß steht? 


Ca' da Mosto Juni 2014
Tja. Schön geworden, sieht proper aus, die Friese, Patere, Wappen und Reliefs wurden verschont vom weiß und ver-
mutlich auf dem neuesten Stand der Wissenschaft dauerhaft stabilisiert, was man nicht hoch genug schätzen kann. Jeder kann jetzt auch mit einem Blick sehen, dass das Haus ursprünglich aus 2 Etagen bestand, wie alle frühen veneto-byzantinischen Wohn- und Handelshäuser entlang des Canal Grande. Die beiden oberen Etagen wurden nachträglich aufgesetzt, und zwar in verschiedenen Jahrhunderten, das wird durch die Renovierung ehrbar-sichtbar. Schade finde ich auch hier, dass die Rahmung der Fenster als gestaltende Struktur wegfällt. Und bin gespannt, wie es weitergeht mit der Ca' da Mosto.




Palazzo Soranzo van Axel, Vorder- und Hinterbau, Juni 2009, kurz vor dem Baugerüst
Das Gerüst ist runter beim Palazzo Soranzo van Axel, aber auch im 5. Jahr des Umbaus und Verkaufs in Einzelappart-
ments ist die Sache nicht abgeschlossen, der Baukran steht und arbeitet noch. Im August 2008 schrieb ich einen Eintrag, nachdem ich dieses großartige Haus 2007 besuchen konnte. 2009 stand das Gerüst. Bei jedem Besuch in Venedig habe ich seitdem nachgesehen, was man eben so sehen kann, auf jeden Fall war die Baustelle immer aktiv. 
Oktober 2013
Juli 2011

Im Juni hat mein altes Adlerauge jetzt die Überraschung erspäht: ein winziger Rest eines bunten Freskos unter dem gotischen Fenster des Eingangsturms! Das ist ein Ding. Im Haus selbst gibt es teilweise Stuck, aber ich kann mich nicht erinnern, Fresken gesehen zu haben. Und nun aussen. Ich stelle mir den gesamten Palazzo außen bunt bemalt vor, vor allem die beiden Innenhöfe! Was für eine Pracht wäre das gewesen!





Wir wissen ja von Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts, dass (in der Salzluft leicht verderbende) Fresken zum Außen-
schmuck venezianischer Häuser gehörten (z. B. Bellinis "Wunder der Kreuzesreliquie"), wir wissen, dass die jungen Maler Tizian und Giorgione den Fondaco dei Tedeschi mit Außenfresken schmückten, von denen Reste in der Ca' d'Oro und im Palazzo Grimani aufbewahrt werden. Und vereinzelte Reste sind im Stadtbild erhalten, z. B. im Hof der Ca'Foscari, z. B. an einem Gebäude gegenüber von S. Stae am Canal Grande. Sie sind blass, aber man kann sie gut sehen, wenn man mit dem Vaporetto daran vorbei fährt. Aber dieses Fizzelchen Fresko war vor der Renovierung nicht zu sehen, von mir jedenfalls nicht. 



Auch der Palazzo Soranza van Axel ist verdächtig blass, vielleicht wird Venedig im Laufe der Restaurierungen des 21. Jahrhunderts immer weißer? Das werde ich kaum erleben, aber über die Fertigstellung des Soranzo van Axel werde ich hoffentlich bald berichten können. 


Frescorest unter dem Fenster

Ergänzung vom 26.1.2015:
Ein Bericht über die Restaurierungsarbeiten im Palazzo Soranzo-van Axel vom Sommer 2015, aber heute erst gefunden - sehr interessante Details!



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Kommentare:

Andreas Götz hat gesagt…

Der Eintrag hat mich angeregt, mich mit einigen der Gebäude zu
beschäftigen, unter anderem mit der scuola bei San Marcuola. Da war ich auch noch nicht drin. Aber um sich etwas zu vergegenwärtigen, um was es sich handelt, habe ich mir die Bilder angesehen, die sich hier einmal befunden haben. Sie sind heute ein wichtiger Bestandteil des Diözesanmuseums. Und sie zeigen die Mitglieder der scuola in auffälligen schwarzen Kapuzen, da sie sich um Tote gekümmert haben.
cordiali saluti, Andreas

ebbonn hat gesagt…

Danke für den Kommentar, Andreas.

Wegen dieser schwarzen Kapuzen: Bei Carpaccios "Heilung des Besessenen" zieht ein Zug von Kapuzenträgern über die Rialtobrücke. Auf einer sehr starken Vergrößerung sieht man, meine ich, dass die Kapuzenträger geschminkte Gesichter haben, als Totenschädel scharz-weiß. Niemand schreibt in der Fachliteraturn darüber etwas. Können die Bilder, die in der Scuola hingen und jetzt im Museum, diese Darstellung von Carpaccio bestätigen? Er war zwar früher dran als dieses Gebäude, aber die Scuola, oder andere mit ähnlichen Aufgaben, haben auch schon im 14,/15. JH existiert, nehme ich an.

Gruß Brigitte

Andreas Götz hat gesagt…

Leider weis ich das nicht. Auf den Bildern, die ich gesehen habe, sieht man außer der Kapuze nur die Augen. Aber es wäre nicht ausgeschlossen
saluti, Andreas