16. August 2015

Eine Geschichte von Murano und Potsdam


Eine überraschende Kombination?!

Den ersten Teil der Geschichte erzählt Alvise Zorzi; ich übersetze und zitiere aus seinem Werk "Venezia scomparsa": 

"Bis heute gehört zu den Titeln des Patriarchs von Venedig der es Ewigen Komtureiabtes von San Cipriano di Murano, obwohl die Abtei schon lange nicht mehr existiert. Die letzen Gebäude-
reste wurden vor 1840 niedergerissen, sogar die Fundamente wurden 1864 ausgehoben und wo es danach auf dem Gelände Gärten gab, stehen heute moderne Gebäude.


Die Abtei hatte ihren Ursprung in Malamocco. Der Doge Ordelaf Falier gestattete, das primitive Kloster zu verlassen und die Abtei nach Murano zu verlegen, nachdem Pietro Gradenigo 1109 den Brüdern ein Grundstück in San Savatore in Murano geschenkt hatte. 1111 waren Kirche und Konvent fertiggestellt. Die Apsis-
wölbung der Hauptkapelle war ausgestattet mit einem herrlichen byzantinischen Mosaik, gestiftet von Frosina Marcello 'pro anima suaque Petri Marcelli Marci et Teofili suorum filiorum' laut der Inschrift, über die Moschini berichtet, und es zeige 'den segnen-
den Erlöser mit der Jungfrau, den Heiligen Petrus, Johannes und Cipriano und die Erzengel Michael und Raffael'. (Moschini G. A.; Guida per l'isola di Murano, Venedig 1808)."


seconda parte
Lage von S. Cipriano im Südwesten Muranosnahe den Inseln S. Michele
und S. Christoforo, aus denen jetzt der Friedhof besteht.
Heute weist noch die Calle S. Cipriano auf  das Kloster hin
Alvise Zorzi berichtet weiter, dass sich hier neben anderen die Grablegen des Dogen Pietro Polani und des Dogen Pietro Gradenigo befanden. 1563 eröffnete nach Verfügung von Papst Pius IV der venezianische Patriarch und ehemalige Abt von S. Cipriano Giovanni Trevisan ein "ewiges" Priestersemiar, dem Orden der Somasker unterstellt. 1632 ergänzte der Patriarch Kardinal Federico Corner das Priesterseminar durch eine Inter-
natsschule für die Patrizierjugend, die Ansehen gewann und u. A. von Ugo Foscolo,
Gasparo Gozzi und Giacomo Casanova besucht wurde. (Casanova schreibt in Band 1 seiner Memoiren: "Hierauf zeigte man mir in drei Sälen mindestens hundertfünfzig Seminaristen, ferner zehn bis zwölf Schulzimmer, den Speisesaal, den Schlafsaal, die Gärten für die Freistunden; man gab sich die größte Mühe, mir einzureden, ich würde an diesem Ort das glücklichste Leben finden, das ein junger Mensch sich nur wünschen könnte...").
Die nicht sehr große dreischiffige Kirche wurde 1650 unter dem Patriarchen Francesco Morosini renoviert, die 3 Absidenkapellen und das Mosaik blieben dabei unverändert. Bis 1817 gab es in der Kirche Kunstwerke von Cristoforo da Parma, Pordenone, Palme il Giovane, Polidoro, drumherum einen großen gepflegten Klostergarten, bis das Seminar durch den Patriachen Franceso Maria Milesi dahin verlegt wurde, wo es noch heute seinen Sitz hat, in Venedig zwischen Salutekirche und Dogana (wie schon 1807 der Bischofsitz von S. Pietro di Castello nach S. Marco ver-
legt worden war). Damit wurde 
San Cipriano 1817 "schmählich aufgegeben" und der Plünderung überlassen.

Muran 1600

Die Bibliothek des Seminars und die Kunstschätze der Kirche wurden beim Umzug soweit möglich mitgenommen und befinden sich noch heute im Seminario patriarcale. 

"Was übrig war, wurde 1837 einem Geschäftsmann namens Medina überlassen, der Stück für Stück alles niedermachte und Marmor, Ziegel und Steine als Baumaterial verkaufte. Es war sogar die Rede davon, das kostbare Mosaik aus der Apsis der Hauptkapelle zu reissen, um die Einzelteilchen für Reparaturen an den Mosaiken von San Marco zu verwenden, für die es kein Material gab. ...  
Urnen und Grabmäler wurden barbarisch zerstört, die Urne des Dogen Pietro Gradenigo verkauft, und was im verbleibenden Schutthaufen an menschlischen Überresten gefunden wurde, ließ Federico Gradenigo mit Regierungserlaubnis unter dem Altar in der Kapelle seines Palazzo am Rio Marin wieder bestatten.
Wenigstens das Mosaik wurde 1838 vom preußischen Kron-
prinzen gekauft, von den Künstlern Pietro Querena und Lorenzo Priuli aus der Apsiskuppel gelöst, nach Deutschland verfrachtet und in der Apsis der Friedenskirche in Potsdam angebracht, wo es sich heute noch befindet und auf wunderbare Weise alle Zerstörungen des Krieges überstand."




Soweit Alvise Zorzi. Beim "preußischen Kronprinzen" handelte es sich um Friedrich Wilhelm, der kurze Zeit später, ab 1840, FW IV König von Preußen sein würde. 
Und so geht der zweite Teil der Geschichte:

Friedrich Wilhelm, seit seiner Kindheit fromm und religiös, seit seiner Jugend gefördert auch in Themen der Theologie und Kunstgeschichte, vertieft durch Reisen in Italien, und mit höch-
stem Interesse an Architektur, plante seit Beginn der 30er Jahre eine Kirche in Potsdam, als deren Vorbilder er die Kirche S. Clemente und für den Turm S. Maria in Cosmedin, beide in Rom, wählte. Die frühchristliche byzantinische Vorstellung, ein Kirchengebäude symbolisiere den Staat Gottes, übertrug er in seine Vorstellung vom preussischen Staat als Analogie zum Gottesstaat. Was er plante, war ein Bau mit Leitbildcharakter, und er wünschte ein originales byzantinisches Mosaik zur Verstärkung der Symbolik. Der byzantinische Pantokrator - Allherrscher - in Analogie zum Herrscher Friedrich Wilhelm im Gottesstaat Preußen, um es ganz knapp zu formulieren.




Das Mosaik der Stifterin Frosina Marcello war ein wahrer Fund für 385 Taler, Querena und Priuli lösten es kunstgerecht aus der Apsis von S. Cipriano, zerteilt in 100 trapezförmige Teile, was fast ein Jahr dauerte. (Archiviert ist die Bescheinigung der "Kgl. Zufriedenheit und Bewilligung eines Gnadengeschenkes" für die beiden Mosaizisten vom 14.3.1840.) Technische Details kann man höchst interessant in der Diplomarbeit von Philipp Schubert, FH Potsdam 2009, nachlesen.
Die Spedition mit Schiff, Bahn, Fuhrwerk kostet das 5fache des Kaufpreises, in Potsdam werden vorhandene Pläne den Maßen des Mosaiks angepasst, überhaupt nervt FW seinen Architekten Ludwig Persius (und nach dessen frühem Tod, Friedrich August Stüler, Ferdinand Ludwig Hesse und Ferdinand von Arnim) durch immer neue Änderungwünsche im Detail und im Gesamtkonzept. Grundsteinlegung ist am 14.4.1845, erst kurz zuvor steht der Name der Kirche fest: Friedenskirche




Ich war im April in Potsdam um das Mosaik aus Murano zu be-
wundern und fand in der wunderbaren Gesamtanlage eine ganze Reihe weiterer venezianischer Spolien wie einen Brunnenkopf, Skulpturen und Reliefs. Ich vermute, dass einige davon schon von ihrem Ursprungsort im östlicheren Mittelmeerraum nach Venedig kamen und nach Potsdam "weitergereist" sind. Die Kirche strahlt sehr große Ruhe und Würde aus (gewöhnt an die Fülle in katholischen venezianischen Kirchen). Das Mosaik ist überwältigend schön und klar, der große goldene Hintergrund lässt an das Mosaik in der Apsis der Assunta von Torcello den-
ken. Das Mosaik zeigt, wie schon Alvise Zorzi schreibt, die Dar-
stellung der Deesis - Christus empfängt als Pantokrator (All-
herrscher) die Fürbitten seiner Mutter und des Täufers, in die-
sem Fall begleitet von den Heiligen Petrus und Cipriano, einge-
rahmt von den Erzengeln Michael und Raffael (deren Seiten vertauscht wurden, kann passieren). Von Thomas-Peter Gallon steht eine hochinteressante Arbeit zum Mosaik "Herrscher, Richter, Segensspender?" im www (38 Seiten Text, 15 Seiten Fussnoten, jede Zeile davon lesenswert). 




Man kann nicht dankbar genug dafür sein, dass uns dieses Werk erhalten ist und nicht im Schutt von S. Cipriano versank oder als Reparaturmaterial in S. Marco landete. Das Mosaik wurde nicht 'geraubt', sondern gerettet und muss weiter verantwortlich ge-
pflegt werden als kostbares kulturelles Erbe und Teil des UNESCO Welterbes. Der Unterbau (genauer: Überbau) an dem es befestigt ist, verrottet und muss dringend erneuert werden. Das Mosaik selbst bedarf der Restauration. Auch die Kirche insgesamt braucht Sanierungen. Bereitgestellte öffentliche Mittel reichen nicht aus, Spenden müssen her. 


Wer Venedig und die Lagune liebt, wer das venezianische Erbe erhalten wissen will, darf sich verantwortlich fühlen für das Kunstwerk aus der Lagune, das seinen Weg zu uns gefunden hat. Einmal gerettet, soll es dauerhaft gerettet bleiben.  

Märkische Allgemeine: Alarmstufe Rot für die Friedenskirche
RBB: Mit Spendenmillionen zu neuem Glanz
Potsdamer: Hilfe für Kirche mit Dachschaden
Spenden an den Bauverein der Friedenskirche
Spenden für die Friedenskirche an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Monumente online der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Faltblatt Friedenskirche der Deutschen Stiftung Denkmalschutz



Vom Hauptbahnhof Potsdam fährt eine Straßenbahn (Nummer vergessen, sorry) zur Friedenskirche, ca. 300 m zu Fuss ab Haltestelle, immer dem Anblick des Campanile nach. Lage auf Bing Maps

Die Kirche kann zu Gottesdiensten besucht werden, und es gibt eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die Verantwortung für die tägliche Öffnung der Kirche Sorge trägt. Es ist trotzdem sinnvoll, bei einem geplanten Besuch vorher das Gemeindebüro anzurufen, um sicherzustellen, dass eine Besichtigung möglich ist.
Am Grünen Gitter, 14469 Potsdam, Tel. 0331-974009

Am Tag des offenen Denkmals 13.9.2015, ist die Friedenskirche geöffnet für BesucherInnen von 12-18 Uhr. Von 13-17 Uhr gibt es stündlich kostenlose Führungen durch Mitglieder des Bauvereins Friedenskirche und weitere ExpertInnen.



Hier geht es zum Eintrag
"Venezianisch-byzantinische Importe in Glienicke"



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Kommentare:

silencer137.com hat gesagt…

Wow! Danke (mal wieder) für die Detektivarbeit in der Geschichte und diesen hervorragend geschriebenen Artikel! Die Geschichte ist wirklich spannend!

ebbonn hat gesagt…

Danke.
Venedig hört nie auf, spannend zu sein.