13. Januar 2016

S. Chiara di Murano. Wiederbelebung einer Ruine

Portal S. Chiara Juni 2011
Ich weiss jetzt nicht, ob im Juni 2011 die ehemalige Klosterkirche S. Chiara tatsächlich ein Lager für Baumaterial war, so sah ich das damals. Oder ob ich, aus heutiger Sicht, über die Vorbereitungsphase der Restaurierung stolperte. Könnte sein! Als ich ein Jahr später den Eintrag 'Vom Finden verschwundener Kirchen' schrieb, glaubt ich jedenfalls, dass diese Kirche nicht mehr zu retten sei.


Inneres der Ruine im Eingangsbereich

"Zufällig gefunden: auf Murano, frühmorgens zu Fuß unterwegs von der Haltestelle Colonna zur Haltestelle Faro und in der Hoffnung, im Durchgang zwischen zwei großen Glasge
schäften eine Abkürzung zu finden, stehe ich unerwartet vor einer herunterkommenen Kirchenfassade. An einer Stelle, die auf keinem Plan eine Kirche verzeichnet, meines Wissens.Die Tür ist offen, innen befindet sich ein Lager von allem Möglichen, vor allem Baumaterial. (Sowas hatte ich schon mal gefunden, in S. Anna in Castello.) Annähernd gedeckt ist der Raum nur im Eingangsbereich, also wo sich vermutlich früher eine Nonnenempore befand; das Kirchendach selbst fehlt. Eigentlich stehen nur noch alle Außenwände, ein komplett entkerntes Gebäude in einem Zustand, der eine Restaurierung für alle Zeiten ausschliessen dürfte. Stein im Magen, der Morgen ist mir verdorben. Ich recherchiere in meinen Büchern, es ist das ehemalige Frauenkloster der Franziskanerinnen S. ChiaraNichts steht dazu in Alvise Zorzi, 'Venezia Scomparsa', dem Buch über das verlorene (physische) Venedig;  einiges in Mary Laven, 'Die Jungfrauen von Venedig' die nicht über Gebäude schreibt sondern über die Geschichte venezianischer Nonnen. Die Bewohnerinnen von S. Chiara scheinen schon im 16. und 17. Jahrhundert unter der Baufälligkeit ihres Klosters und weiterer Armut gelitten zu haben während sie gleichzeitig ihre Franzikanerbrüder in S. Francesco della Vigna materiell unterstützten. Das gibt mal wieder zu denken. Zu denken gibt auch, dass ein historisches Gebäude, obwohl noch vorhanden, völlig vergessen scheint. Das ist fast schlimmer als verschwunden." 


Portal S. Chiara Oktober 2015
Ein erfreulicher Irrtum! Vor einem Jahr einen Hinweis auf Restaurierungsarbeiten im www gefunden, im Oktober 2015 mit eigenen Augen geprüft: die Ex-Kirche ist in der Phase ihrer Konversion in einen Ausstellungs- und Verkaufsraum für Glaskunst aus Murano, die Fassadenrenovierung ist bereits fertig und in einem Raum in der hinteren Hälfte des Kirchenschiffs wird auch schon Glas verkauft. Der Raum ist überraschend niedrig mit einer mächtigen Balkendecke und vollgestopft mit bunten Glasprodukten aller Art. Keine Kunden außer mir, aber ein freundlicher Mann ist da, wie sich herausstellt, der Besitzer Giuseppe Belluardo. Er erzählt von seinem Projekt, die Kirchenruine wieder aufzubauen und zu nutzen, von der Beteiligung der ganzen Familie, von den 4 Jahren, die die Sache schon dauert.
(Das spricht sich inzwischen weltweit herum - siehe South China Morning Post, 6.1.2016).



Er öffnet mir den Zugang zu einer Treppe - in den Kirchenraum wurde eine Zwischendecke aus Holz eingezogen, hier oben über dem Verkaufsraum ist ein großer Ausstellungsraum. Glas über Glas. Unter dem Balkendach hängt ein Lüster neben dem anderen. Und man sieht: die gotischen Spitzbögen, das alte Backsteinmauerwerk, die Deckenbalken gut erhalten, einzelne Hilfsstrukturen sind eingebaut um die Statik zu verbessern, und natürlich Beleuchtung etc.. der Umbau ist dokumentiert mit beeindruckenden Bildern auf einer Website (größtenteils nachzuvollziehen auch ohne italienische Sprachkenntnisse). 
Ich bin lange alleine hier oben, schaue mir Details der alten Mauern und der Restaurierungsarbeit an, passe auf, dass mein kleiner Rucksack Abstand hält zu den Massen von Glas in allen Größen und Formaten, eine ungewohnte Situation, bloß nix kaputt machen!



Ich erzähle Giuseppe Belluardo, dass ich schon vor Jahren über seine Ruine gebloggt hätte, woraufhin er vorschlägt, die Baustelle in der vorderen Hälfte des Kirchenschiffs anzusehen. Wir verlassen den Verkaufsraum, er schließt eine Metalltür nebenan auf, wir stehen im Halbdunkel (Samstagnachmittag, keine Arbeiter da) im leeren Kirchenschiff, in dem ich schon 2011 war, damals war es voll mit Baumaterialien und nach oben offen. Jetzt gibt es ein neues Dach (auf dieser Googleansicht ist es mittig noch nicht ganz fertiggestellt, aber man erkennt schön die Ruinen des ehemaligen Klosters daneben). Auf Höhe der Zwischendecke über dem Verkaufsraum führen erste Ansätze einer breiten Galerie an den Mauern entlang. Der Raum ist entkernt wie früher, aber im Parterre soll künftig ein Glasofen stehen, von der Galerie aus sollen BesucherInnen die Arbeit beobachten können; die provisorische Vermauerung von vorderem und hinterem Kirchenschiff wird geöffnet; es wird neben der Glasausstellung auch eine kleine historische Ausstellung zu Murano geben. Ich solle mal nicht damit rechnen, dass alles schon im nächsten Sommer fertig sei, aber wenn ich in 2 Jahren wieder käme...!



Eine gelungene Verbindung von venezianischem Unternehmergeist und Geschäftsinteresse mit bürgerlicher Verantwortung für das historische Erbe. Das gefällt mir wirklich gut, ich finde es bewunderns- und nachahmenswert. Santa Chiara doch nicht verschwunden - non scomparsa!
Website: Ex Chiesa Santa Chiara Murano 

Ergänzung 6.7.16: 
es scheint, dass die Restauration abgeschlossen ist und die offizielle Eröffnung der ehemaligen Kirche S. Chiara am 10.7. über die Bühne gehen soll. Auf der Website gibt es weitere beeindruckende Fotos der Restaurierungsarbeiten.
Ergänzung 12.7.16: 
Vimeo der Eröffnungsparty, auf dem trotz Weitwinkel ganz gut die Größe und Gestaltung der Räume zu erkennen sind. 

Vaporettohalt Murano-Colonna, rechts gehen, über die 1. Brücke rechts (Ponte S. Chiara), jeweils ein paar Schritte rechts, links und man steht vor der Fassade.



(Ein anderes Beispiel für eine konvertierte Kirche ist übrigens S. Marta, in deren entkernten Innenraum eine komplette Konferenzstruktur gebaut wurde. Ich beschreibe sie kurz im Eintrag Tram Mestre-Venezia vom 12.8.2012.)





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Kommentare:

Birgit hat gesagt…

Mal wieder ein wunderbarer Blick hinter die Fassaden. Vielen Dank.

Yvonne hat gesagt…

This is good news1