23. Februar 2016

29.3.1516 - Ghetto in Venedig



Campo del Ghetto Novo

Per Verordnung des Dogen Leonardo Loredan vom 29.3.1516 wurde der künftige Lebensraum der venezianischen Juden auf einer Insel festgelegt, auf der bis dahin ein Dutzend Kupfer- und Eisengießereien gearbeitet hatten. Das Wort 'Ghetto' erhielt für alle Zeiten eine neue Bedeutung.

"Alle Juden müssen zusammen innerhalb der Hofnachbarschaft der Gießereien in der Pfarrgemeinde San Gerolamo leben; damit sie nachts nicht herumstreunen können, werden an den beiden kleinen Brücken am Rand der alten Gießerei (ghetto vecchio) und der neuen Gießerei (ghetto novo) Tore angebracht, die morgens mit dem Geläut der Marangona geöffnet und um Mitternacht verschlossen werden müssen. Vier christliche Aufseher, die von der Regierung bestimmt und von den Juden bezahlt werden gemäß einem von uns festgelegten Preis, haben diese Tore zu bewachen."

Die Eingrenzung wurde vervollständigt durch zwei hohe Mauern. Wassertore, Türen und Fenster nach außen wurden verschlossen und vermauert. Die Bewachung galt rund um die Uhr, die Juden trugen auch die Kosten von zwei Booten, die ununterbrochen auf den Kanälen rund um die Insel Ghetto kreisten. Schwere Strafen erwarteten Juden, die nachts außerhalb des Ghettos angetroffen wurden. 

Diese Verordnung, zusammen mit regelmäßig neu verhandelten Aufenthaltsgarantien in der Stadt, den Pflichten und Rechten, den Verboten und Freiheiten der Juden und Jüdinnen und der dafür zu entrichtenden Zahlungen war die größte Rechtssicherheit, die Juden in Europa im 16. JH hatten. In Köln beispielsweise war die alte und große Judengemeinde regelmäßig Progromen ausgesetzt und wurde 1424 endgültig ausgewiesen. Erst im 19. JH siedelten sich wieder Juden (wohlgemerkt in Deutz!) an. In Venedig lebte die jüdische Bevölkerung quasi hinter Schloss und Riegel, aber auf Basis von Verträgen. Die waren erpresserisch und ausbeuterisch, aber sie boten Gewähr und Sicherheiten, die Juden in Europa an keinem anderen Ort fanden.


Ghetto novo
500 Jahre Ghetto in Venedig, dieser Fixpunkt jüdischer Geschichte in Europa wird in diesem Jahr begangen. Seit November 2014 wurden Mittel für die Restaurierung der Synagogen und die Neugestaltung des Jüdischen Museums im Ghetto gesammelt.

Über das ganze Jahr 2016 gibt es Kulturangebote des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit jüdisch-venezianischer Geschichte. 

Weitere Programmpunkte (Ausstellungen, Konferenzen, Konzerte...) sind in Planung bzw. Vorbereitung, Termine werden hier im Laufe des Jahres folgend ergänzt.


In der Schola Spagnola

26.2.:
Universität Ca' Foscari 1./2.3. Internationale Tagung The Ghetto Reconsidered. Minority and Ethnic Quarters in Texts and Images. Programm.

Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Venedig 1.3., 22.3., 12.4., 26.4. jeweils 17 Uhr: Niggun, canto, Kantate. Begegnungen zum Thema musikalische Beziehungen zwischen jüdischer und christlichlicher Welt 12.-19. JH. Ort: Ev.-L. Kirche Sant'Angelo Custode am Campo Santi Apostoli. Haltestelle Ca' d'Oro oder Fondamente Nove. 

29.2.:

3.4.:
Eröffnung der Ausstellung naiver Malerei "Das Ghetto von Venedig: 500 Jahre Geschichte und Alltag" der Künstlerin Michal Meron, die im Ghetto und in Israel lebt. Die Künstlerin ist oft in der Ausstellung anwesend und spricht deutsch. Wer Kindern das Leben im historischen Ghetto näher bringen will, ist hier richtig, durch die vitale und fröhliche Atmosphäre der Kunstwerke. Der Katalog liegt in 4 Sprachen für 10 € vor, ist umfassend und auch ein originelles Geschenk/Mitbringsel aus Venedig.

7.4.-6.7. Wien, Winterpalais Ausstellung "Treasures of the Jewisch Ghetto of Venice restaured by Venetian Heritage"

26.5.-25.9. "Divided Waters" Ausstellung zur Erinnerung an den 500. Jahrestages des Jüdischen Ghetto Venedig im Palazzo Fontana (Details zum Palazzo Fontana siehe Eintrag vom 21.6.2015). Ich habe die Ausstellung besucht, sie besteht aus wenigen beeindruckenden zeitgenössischen Exponaten und Sakralgegenständen in 3 Räumen. Eine Künstlerin und und 2 Kuratoren waren anwesend und sehr interessiert an Gesprächen mit Besucherinnen. Siehe auch FB-Seite des Veranstalters OTT (Citizens of the Text). Haltestelle Ca' d'Oro.


19.6.-13.11. Dogenpalast Ausstellung Venedig, die Juden und Europa
Siehe dazu auch den neuen Eintrag vom 18.6. Ausstellungseröffnung 'Venedig, die Juden und Europa'

ab 1.7. Neue Führung "Kultur und koshere Leckereien": Besuch des Ghettomuseums, der Roten Bank, der Synagogen auf einem Gang durch das Ghetto mit abschließender Mahlzeit, sprich Verkostung kosherer Leckereien im Ristorante Ghimel Garden. Dauer 3,5 Stunden, Preis 55 €/Erw., 35 € Kinder unter 12. In engl. und ital. Sprache. Anmeldung erforderlich, die Tour findet zum jeweils genannten Termin statt ab 5 angemeldeten TeilnehmerInnen. Anmeldung bis Freitag vor dem angebotenen Termin.

Hier ein kurzer beeindruckender Blick in die Synagogen:






10.7.  19:30 Uhr Universität IUAV: Ein Ghetto in Venedig 1516. Das erste? Das letzte? Vortrag von Umberto Fortis und Dario Calimani in ital. Sprache. Ort: Cotonificio, Nr. 6 auf dem Plan, Aula Gradoni 2. Etage. Haltestelle S. Basilio. Eintritt frei. 

12.7.  9:30-18 Uhr Universität Ca' Foscari- Princeton University - Ghetto 500  "The Ghetto as Global Metaphor" internationales Symposium. Ca' Dolfin, Aula Magna Silvio Trentin. Teilnahme frei, Anmeldung erforderlich. Haltestelle S. Tomà, Zattere und Accademia
Dazu ein Bericht:
5.8. Blog 'seductivevenice': Global Metaphor


25.7. 19 Uhr "Notes from the Ghetto" Konzert zum Erinnerung der Gründung des jüdischen Ghettos vor 500 Jahren. Insel San Servolo, Auditorium der Internationalen Universität. Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter 041 2719545. Linie 20, Haltestelle S. Servolo.


26.8.-8.1.2017 Fotoausstellungen René Burri. Utopia/Ferdinando Scianna. Il Ghetto di Venezia 500 anni dopo in der Casa Tre Oci. Mehr dazu. Mehr dazu.
Haltestelle Zitelle.

28.7. 15:00-18:30 Uhr Biblioteca Marciana: Venedig und das jüdische Buch. Symposion internationaler Expertinnen in englischer Sprache. Eintritt, auch für Gäste, frei. Bibliothekseingang an der Piazzetta 13A.

21.10. 20:00 Uhr Scuola Grande di San Rocco:  "Voci dal Ghetto - I 500 anni del Ghetto di Venezia" Stimmen aus dem Ghetto - Konzert des Ex Novo Ensembles mit Werken von Meyerbee, Krejn, Golijov. Haltestelle S. Tomà.

9.11. Fondazione Cini auf S. Giorgio Maggiore: Abschlusskonzert des 2tägigen Chorchoachings zu weiblicher jüdischer Sakralmusik in Italien 1600-1630. Detailinformationen folgen. 

12./13.12. Fondazione Ugo e Olga Levi: "Affrancati del Ghetto". Internationale Tagung 'Befreite aus dem Ghetto. Geistliche Musik des Judentums in Italien zwischen Emanzipation und Anpassung von der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg'. Haltestelle S. Samuele und Accademia.

In der Schola Grande Tedesca

Weiterer Lesestoff zum Thema (wird ebenfalls ergänzt)

Venedig.jc-r.net: Das Ghetto

Deutschlandfunk: 500 Jahre Ghetto. Durch das venezeianische Cannaregio

World Crunch: The First Ghetto. Lost Beauty in Venice's Jewish Quarter

Beyond the Ghetto Jüdische Kulturthemen und -termine in Venedig


3.3.:
The Jewish Chronicle online: Venice the first ghetto
The Jerusalem Post: 'Shylock' on stage in Venice

8.3.:
Henning Klüver: Verwinkelte Gänge

9.3.: 
28.3.:

8.4.:
Jewish Venice. Website zum jüdischen Leben in Venedig. Ich habe kürzlich zum ersten Mal (!) im Restaurant Gam Gam gegessen und war begeistert. Köstlichkeiten zu ganz normalen Preisen, Speisezimmeratmosphäre, sehr freundliche MitarbeiterInnen. Sehr empfehlenswert. (Ein Eingang an der Fondamenta Pescaria, ein Eingang links hinter dem Ghettotor, am Canale di Cannaregio.) 

7.4.: 
Die Zeit: Mittendrin ausgeschlossen

10.4.:
Die Zeit: Das erste Ghetto. 16 mittelmäßige Fotos. 

11.4.:
Bürgermeister Brugnaro und Rabbi Bahbout unterschrieben heute eine 5 Jahre gültige Vereinbarung zum Sabbat. Ganz Venedig gilt als "ein Haus".

25.5.: 
Financial Times: Survivor's story: Venetian Ghetto's last witness to Auschwitz

15.6.:
Deutschlandfunk: Das erste jüdische Ghetto

18.6.:
The Economist: The Venetian Ghetto - Hidden Secrets

Nr. 8 2016 Judaica Europeana: The Venice Ghetto: 500 years



4.9.:
Der Tagesspiegel: Die Serenissima und die Juden 


10.10.:
Heute im www gefunden: ein Spendenaufruf des World Monuments Fund zugunsten der Restaurierung von Fenstern in venezianischen Synagogen


13.11.:
ABC online: How Venice's Jews made the world's first ghetto a cosmopolitan community

17.11.:
Chabad.org.news: 500 years of Jewish Ghetto in Venice' Focus of Oxford Seminar

18.11.:
Forward: In the Ghetto: From Renaissance Venice to Chicago, Post-Trump


Pfandleihhaus unter den Arkaden

Bücherempfehlungen

Riccardo Calimani ist der Autor, der wohl die meisten Bücher zum Thema veröffentlicht hat. In deutscher Übersetzung gibt es die spannende "Geschichte der Juden in der Löwenrepublik" unter dem Titel "Die Kaufleute von Venedig". Unbedingt zu empfehlen. 

 


Ein leichter und doch spannender, melancholischer Roman, nicht wirklich Krimi, nicht wirklich historischer Roman, aber mit einer geheimnisvollen Hauptperson, ist "Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz" des wunderbaren Autorenpaares Fruttero und Lucentini.

 


Hinter dem Brückchen über den Kanal lag grau und traurig der Campo di Ghetto Nuovo wie eine große auskratzte Pfanne. Wir setzten uns auf eine Bank, und David küsste mich leicht und erzählte mir, dass zu den vielen Verboten, denen die Juden unterlagen, auch jenes gehörte, mit christlichen Frauen, selbst wenn sie Prostituierte waren, Unzucht zu treiben.
"Und die Strafe?"
"Je nach Schwere des Skandals."
"Aber wir beide, zum Beispiel?"
"Eine Edelfrau? Nun, ihr Ehemann hätte sie für eine Weile ins Kloster geschickt."
"Wie langweilig! Und du?"
"Sechs Monate oder ein Jahr Gefängnis, plus ich weiss nicht wieviel Zechinen Bußgeld."
Fußball spielende Kinder liefen schnell und kreischend wie bunte Möwen zwischen den kahlen Bäumen hin und her. David hob einen roten Handzettel von der Erde auf, der einen Ausverkauf von Taschen und Koffern in der Rialtogegend ankündigte. So ungefähr, sagte er, sahen die Quittungen der Geldverleiher des Ghettos aus, rot oder grün oder gelb. Arme Venezianer füllten jeden Tag den Platz und brachten ihre kleinen Gold- und Silbersachen zu den drei Pfandbanken - dahinten, unter dem langen Laubengang -, dann kehrten sie mit jenen bunten Zetteln, die ihnen die jüdischen Blutsauger ausgestellt hatten, wieder nach Hause zurück. Doch die jüdischen Blutsauger hatten nicht die geringste Lust, die Blutsauger zu spielen, sie machten dabei Verluste, flehten ständig die Regierung an, sie von dieser undankbaren und ruinösen Aufgabe zu entbinden. Doch die Regierung lehnte immer wieder ab, die Darlehen an die Armen waren ein soziales Problem, und das sollten die Juden lösen, auch mit Verlust. Wenn nicht, dann keine Aufenthaltserlaubnis, keine Verlängerung des "Führungszeugnisses".
"Eine Art Erpressung."
"Eine Art Steuer."
"Ja konnten sie denn auch aus Venedig jederzeit weggejagt werden?"
"Ja, aber es gab ein Mindestmass an Rücksicht, nämlich eine gewisse Kündigungsfrist."
"Wie gütig."
Ich sah David Stufe für Stufe die enge Treppe bis zum siebten Stock eines jener hohen Häusern hinaufsteigen und mir (ich war zum jüdischen Glauben übergetreten) mitteilen, dass es zu Ende war, dass sie uns fortjagten, dass wir unsere wenigen Habseligkeiten, seinen brüchigen Koffer nehmen und gehen mussten. Aber wohin? Wer weiss. In die Welt hinaus. Nach Korfu, nach Saloniki, nach Negroponte, wohin es uns eben verschlug. Aber das war doch grauenhaft, es gab keine Sicherheit, es gab keine Zukunft, es gab keine Dauer, das war kein Leben...
"Aber das war doch kein Leben!" sagte ich.
"Ah", sagte Mr. Silvera.
Er sah mich mit einem Ausdruck an, dessen Traurigkeit mir unerträglich vorkam, und nach einem Augenblick ließ er den roten Zettel zwischen die Erdnussschalen und das trockene Laub auf die Erde fallen.
"Ah", wiederholte er und sah mich nicht mehr an.

Zitat "Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz"  Carolo Fruttero und Franco Lucentini, verschiedene deutschspr. Ausgaben. Originalausgabe 1986 "L'amante senza fissa dimora".


Arkaden der ehemaligen Pfandleihäuser, Ghetto novo
Unbedingt empfehlenswert ist ein Besuch des Museumsshops im Ghettomuseum, das eine sehr große Auswahl von Judaica bereit hält, mehr als ich je gesehen habe. Auch in deutscher Sprache natürlich und vor allem sehr viele Kinderbücher. 

Eine Korrespondentin empfiehlt mir nach der Lektüre dieses Eintrag ein Buch, das sie eher als Jugendbuch einschätzt, das ihr aber sehr gefiel: Shylocks Tochter von Mirjam Pressler. Ich kenne das Buch noch nicht, gebe die Empfehlung hiermit weiter.





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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte,
wie immer vielen Dank für Deine Ausführungen zum Ghetto. Ich war im Januar dort und habe eine Führung auf Englisch erlebt. Wir sahen die deutsche Synagoge, die Sinagoga Canton und die spanische. Alle 3 in ihrer Art sind - bei aller Vergleichbarkeit - sehr unterschiedlich. Die reiche Ausstattung hat mich überrascht, die Enge, die im Ghetto geherrscht hat, war in den jetzt leeren Synagogen nicht zu spüren. Das Museum bot mir vor allem durch die Schrifttafeln viele Informationen, ich habe mich dort lange aufgehalten. Der Eintrittspreis von 10 € ist völlig angemessen für die Besichtigung einer sonst nirgends in dieser Reichhaltigkeit zu sehenden Kultur.
Viele Grüße
Aldebaran

ebbonn hat gesagt…

Hallo Aldebaran,
danke für die Verstärkung. Mir scheint, der 'Relaunch' des Museums und der Führungen sowie das Programmangebot wird dem Ghetto viel verdiente Aufmerksamkeit bescheren. Und der Terminkalender wird wachsen...

Herzliche Grüße

Annik Susemihl hat gesagt…

Vielen Dank für diesen tollen Artikel, selten konnte ich mich so auf einer Site so auf Anhieb festlesen. Ich werde noch manche Minuten lesend vor dem Monitor verbringen :)

Als eingefleister Rom-Fan bin ich Ende letzten Jahres erstmals in Venedig gelandet - der Aufenthalt verlief gesundheitstechnisch leider etwas unglücklich..

Dann hatte ich das ungeahnte Glück, im Februar nochmals in die Serenissima kommen zu können, allein begleitet von meiner treuen Cam - drei Tage Carnevale.. Und was habe ich mich mit der STadt ausgesöhnt, die ich wenige Wochen zuvor kaum genießen konnte.

Jetzt lese ich halt rückwärts :) statt vor einer Reise, lese ich danach.. ist auch schön.. vielen Dank für Deine tollen Beiträge!

ebbonn hat gesagt…

Danke, Annik, für Deinen freundlichen Kommentar.

Ich selbst denke seit ewigen Zeiten ich müsste mal nach Rom..., und alle sagen mir das..., aber dann wird es immer wieder entweder Venedig oder Griechenland.
Vielleicht sollte ich mir an Dir ein Beispiel nehmen?

Herzliche Grüße

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte, die Kommentare über Rom und Venedig haben mir mal wieder zu denken gegeben. Die beiden Städte sind die konträrsten, die man sich denken kann. Rom war über Jahrzehnte meine Favoritenstadt - bis halt Venedig kam. Rom ist in fast allen "Punkten" größer als Venedig, in Rom gibt es immer eine "größer" und ein "mehr". Das fasziniert. Vieles in Rom hat/hatte eine direktere Wirkung auf Deutschland, sofern man das allgemein sagen darf. Aber: Rom ist eine endlose Stadt. Wenn man sich tiefer beschäftigen will, kommt man nie an ein Ende, es geht immer weiter, es gibt immer mehr. Kein Leben reicht aus, sich mit allen Facetten dieser Stadt so intensiv auseinanderzusetzen, wie es mit Venedig zumindest teilweise gelingt. Das soll Venedig nicht kleiner machen, aber eigentlich ist Venedig tatscählich kleiner, in vielerlei Hinsicht. Aber wenn ich nicht letztlich die vielen Vorzüge erkannt hätte, wäre Venedig ja nicht meine Lieblingsstadt geowrden. Ich finde es in Venedig gut, dass man irgendwann an ein Ufer oder einen Kanal kommt, wo es heißt: hier ist Schluss.
Ich glaube, das Thema ist zu komplex, um weiter zu schreiben ... gehört vielleicht auch nicht hierhin.
Eine Reise nach Rom ist nicht ungefährlich, weil Rom eine so extrem faszinierende Stadt ist. Brigitte ... aber irgendwann muss es dennoch sein. Möglicherweise ändert sich aber Dein Blick auf Venedig.
Viele Grüße
Aldebaran

ebbonn hat gesagt…

Danke, Aldebaran, für Deine Überlegungen.

"Größe" ist etwas, was ich NICHT suche, und einer der Gründe, warum es mich nicht nach Rom zieht, aber bei Athen allerdings in Kauf nehme. Und Verkehr! Römischen Verkehr kenne ich aus dem Kino, das reicht mir, Athener Verkehr hat sich in den letzten 20 Jahren entschieden verbessert hat mit Tram, Metro, Fussgängerzonen. Aber was wäre perfekter als die venezianische Verkehrplanung? Gehen und Fahren sind in idealer Weise völlig verschiedene Bereiche, weltweit einmalig.

Du hast völlig recht mit der intensiven Auseinandersetzung, darum geht es mir auch. Ich 'kenne' Rom ja wieder jeder andere Mensch von Millionen Medieneindrücken, und hinfahren um zu bestätigen: sieht aus wie im Fernsehen! muss ich nicht. Mir ist rätselhaft, warum Leute das machen (in Venedig z. B.).
Einen weiteren Schauplatz der intensiven Auseinandersetzung brauche ich auch nicht unbedingt, ich bin ausgelastet mit Venedig und Griechenland und der Geschichte die beide teilen. Je tiefer ich dringe, um so mehr Details tun sich auf, die man verfolgen kann, nicht nur mit Reisen, sondern mit Hilfe von Büchern, Archiven, Museen und Ausstellungen, dem Internet, Kontakten... ich sehe da kein Ende!

Durch diese Erfahrung ist jedes oberflächlichere Kennenlernen neuer Städte in Italien (in den letzten Jahren: Mantua 3 mal, Pisa und Siena je einmal) zwar einerseits überwältigend, aber andererseits frustrierend. Weil ich weiss, dass ich nur einen geringen Teil dessen sehe, was zu sehen wäre.

Ich denke auch, eine Reise nach Rom könnte 'gefährlich' sein in dem Sinne, dass es einen packen könnte, vor allem, wenn man sowieso schon seit Kindertagen alles abgeklappert hat von Regensburg über den Limes bis zum Alltag hier am römischen Rhein...
Eines Tages rappele ich mich vermutlich. Bis dahin begnüge ich mich mit "Rom" hier in der Umgebung und auch in Griechenland, da gibt es genug zu staunen.

Herzliche Grüße!
B.

Angela hat gesagt…

Sehr spannende Diskussion!
Mich fasziniert zwar auch Rom, da es vom geschichtlichen Standpunkt aus natürlich noch mehr Vielfalt bietet allein durch die Kirchengeschichte. Ich bin auch in einem großen Rom-Forum aktiv und kann die Begeisterung durchaus nachvollziehen.
Dennoch ist und bleibt Venedig meine Traumstadt, Sehnsuchtsort - wie auch immer man das beschreiben kann. Ein Jahr ohne Rom geht, ein Jahr ohne Venedig nicht. Das Besondere der Stadt hat mich einmal in den Bann gezogen und wie dort wohl- bzw. zu Hause fühlen kann ich mich auch nirgendwo sonst.
Nicht zuletzt deshalb verfolge auch ich Deine tollen Berichte, liebe Brigitte, immer mit großem Interesse und finde so immer wieder Neues, das ich nicht kenne, nun z.B. das Ghetto, das ich bisher eher vernachlässigt habe.
Ende Mai sind wir wieder dort und wohnen auch in der Nähe, da werden wir das hoffentlich schaffen. Wenn es nicht so viele schöne Orte gäbe, die man immer wieder sehen muss ...

Herzliche Grüße

Angela