30. Dezember 2017

2018 ist Tintoretto 500 - erst mal Köln

Selbstprotrait 1547
(Foto: Vangelis Tsoumenis)

2018 ist das internationale Tintoretto 500 - Jahr, und da wegen eines schlecht leserlichen und deshalb interpretationsfähigen Dokuments nicht klar ist, ob Jacopo Robusti Jahrgang 1518 oder 1519 ist, kann sich das Jahr auch etwas hinziehen.

Tatsächlich haben die Feierlichkeiten ja bereits ein Jahr vor dem Geburtstag begonnen, und zwar am 6.10.2017 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum mit der Ausstellung "A Star was Born", die noch einen Monat zu sehen ist und dann in Paris weiter den Meister feiern wird. Auch, bzw. gerade für Venedigfreund*innen, die viele Werke Tintorettos mehr als einmal bewunderten in S. Giorgio Maggiore, San Silvestro, S. Marcuola, S. Trovaso, im Redentore, in der Madonna dell'Orto, um nur einige der 21 venezianischen Tintoretto-Kirchen zu nennen, ganz zu schweigen von S. Rocco und der Scuola Grande San Rocco, will ich diese Ausstellung wärmstens empfehlen. Genauer: man darf sie nicht verpassen.

Denn hier gibt es Tintoretto auf Augenhöhe. Mit der Nasenspitze fast an der Leinwand kann jedes Detail, jeder Pinselstrich geprüft und nachvollzogen werden. Mit nacktem Auge ohne Operngucker, der ja bei den weit entfernten riesigen Leinwänden Tintorettos an venezianischen Kirchenwänden und Altären unerlässlich ist, kann man Gesamteindruck und Kleinstteiliges auf sich wirken lassen. Perfekt ausgeleuchtet hängt hier das Frühwerk Tintorettos und ist also unbeschwert vom seltsamen Medium unhandlicher Spiegel wie in der lichtgedimmten Scuola Grande di San Rocco zu genießen. In hochinteressanten "Dialogen" (wie das der Museumssprech regulär nennt) mit Zeitgenossen, Vorgängern, Kollegen, Kindern, Werkstattmitarbeitern. 

Die Ausstellung wird medienmäßig mit lauten Adjektiven ("spektakulär") bedacht, aber eigentlich lädt sie zur Kontemplation ein, zum genauen Hinschauen, zur bewußten Wahrnehmung des kleineren Formats, das Jakopo Robusti in jungen Jahren übte in seiner Werkstatt bei S. Cassian auf der 'schäl Sick' des Canal Grande. Die Riesenformate, die nie in Ausstellungen, sondern immer nur in situ zu sehen sein werden, konnten er und seine Familienmitglieder/Werkstattmitarbeiter erst in der Werkstatt an der Fodamenta dei Mori (und der heutigen Calle Tintoretto) bei der Madonna dell'Orto verwirklichen. 

Ich verlinke hier lokale/regionale/überregionale Berichte sehr unterschiedlicher journalistischer und fachlicher Qualität und sortiere auch Textschwurbel (z. B. der ZEIT) nicht aus oder die hyperaktive Selbstinszenierung der WDR-Reporterin. Insgesamt enthalten die Berichte Kommentare, Informationen, Erläuterungen und viele Fotos, die ein gutes Bild dieser Ausstellung vermitteln, die sicher bemerkenswert zum Gesamteindruck des Tintorettojahrs beiträgt. Oder besser: zum Gesamteindruck, auf den wir hoffen und auf den wir gepannt sind. 

NRW-Tourismus   Tintoretto - A Star Was Born
SWR2   Der malende Subunternehmer
Kölnische Rundschau   Tintoretto in Köln
WDR   Tintoretto in Köln
WDR   Brodelnde Kunstszene: Tintoretto-Ausstellung in Köln
Koeln.de  Wallraf-Richartz-Museum zeigt Werke von Tintoretto
Welt   Epen für die große Leinwand
ZEIT  Himmel, Erde, Kunst
Westdeutsche Zeitung   Der junge Tintoretto als Star von Venedig
Aachener Zeitung   "Ein Wilder, ein Revoluzzer"
Stuttgarter Nachrichten   Der Anti-Tizian
General-Anzeiger Bonn   Wallraf-Richartz-Museum zeigt spektakuläre Tintoretto-Schau
Die Rheinische Kulturraumverdichtung   "Der unheimlichste Kopf der Malerei"
FAZ   Alles in Bewegung
Südwest Presse   Wallraf-Richartz zeigt Tintoretto, den Netzwerker
Osnabrücker Zeitung   Köln zeigt Malergenie als Shootingstar
Art in Words   Tintoretto - A Star Was Born
WA   Das Frühwerk Tintorettos im Kölner Wallraf-Richartz-Museum
Retrospektiven   'Tintoretto -A Star Was Born' im Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Köln-Magazin   Tintoretto-Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum
rheinische Art   Der dreiste Maler
Kunstwelten   'Tintoretto - A Star Was Born' im Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Royal Collection Trust   The Young Tintoretto at Wallraf-Richartz-Museum (Cologne)
Badische Zeitung   Tintoretto in Köln zu sehen
Boesner Kunstportal   Kometenhafter Aufstieg
Deutschlandfunk   Religion im Werk Tintorettos
BlouinArtinfo   Jacopo Tintoretto at Wallraf-Richartz-Museum, Cologne


© Vangelis Tsoumenis


Die vorläufige VORschau der weiteren Sonderveranstaltungen, soweit ich bisher Daten zusammentragen konnte:

Die Scuola Grande San Marco, Besitzerin mehrerer Werke Tintorettos, plant für 2018 eine Sonderausstellung unter dem Titel 'Kunst, Glaube und Gesundheit im Venedig Tintorettos'. Genauere Daten sind mir noch nicht bekannt, aber allein aufgrund des Titels gehe ich davon aus, dass die venezianische Medizinhistorikerin Nelli-Elena Vanzan Marchini an der Erarbeitung zumindest beteiligt ist. Der Name ist eine Empfehlung.

Die Accademia plant eine Sonderausstellung zu Jugendwerken Tintorettos aus ihrem Besitz. Bisher noch keine konkreten Daten, werden nachgeliefert als Ergänzungen zu diesem Eintrag.

Geplant ist für 2018 die Veröffentlichung eines neuen Führers zu Tintorettos in Kirchen, Museen und Scuole Venedigs. 

8.9.-6.1.2019 ist die Hauptausstellung "Tintoretto 500" im Dogenpalast zu sehen (der ja ohnehin voller Tintoretti steckt) in Zusammenarbeit mit der Accademia und der National Gallery Washington. 50 Gemälde und über ein Dutzend Zeichnungen aus Tintorettos gesamter Schaffenszeit werden zusammengetragen, es wird staunenswerterweise einen zweisprachigen Katalog geben (natürlich wegen der Kooperation mit Washington, aber vielleicht regt das ja in Venedig zu weiteren zweisprachigen Katalogen an).  
dazu:
7.12.17 VeneziaToday Una ponte tra Venezia e Washington...
8.12.17 Artribune Tintoretto superstar...
8.12. La Nuova Tintoretto festeggia 500 anni a Venezia

Diese Ausstellung wandert aus dem Dogenpalast weiter nach Washington und ist vom 3.3.-30.6.2019  in der National Gallery zu sehen. Gleichzeitig gibt es dort "Drawing in Tintoretto's Venice" (zuvor im Morgan Library Museum 12.10.-6.1.2019) und vom 3.3.-26.5. "Venetian Prints in the Time of Tintoretto". Für einige von uns sind das sicher auch Optionen. 

Zur Kunstbiennale 2019 wird das Werk "Engel verkündet der Hl. Katharina von Alexandria ihr Martyrium" aus dem ehemaligen Besitz von David Bowie nach Venedig zurückkehren. Tintoretto malte das Altarbild zwischen 1560 und 1570 für die Kirche S. Geminiano am Markusplatz, die 1807 für den Bau des Napoleonpalastes abgerissen wurde.

Zu den Werken Tintorettos, die fest in Venedig installiert sind, gibt es im Laufe dieses Jahres qualifizierte Führungen. Das erste Angebot kommt von Venezia Arte, je eine monatliche Führung in italienischer Sprache in der Scuola Grande di San Rocco, Anmeldung erforderlich, Kosten 12 €.  Mehr folgt.     



Eine Empfehlung für Venedigbesucher*innen mit künstlerischen Ambitionen ist die Werkstatt neben Tintorettos Haus an der Fondamente dei Mori, in dem er mit seiner Familie lebte (und auch starb). Es gibt Möglichkeiten der Beteiligung wie Kunstkurse bei einem sehr freundlichen Team. 
(Siehe auch Eintrag vom 14.1.2010 "Bei Tintoretto".)



Der Katalog zur Kölner Ausstellung ist schön und wie immer empfiehlt es sich, ein halbes Jahr zu warten und dann bei Bedarf im antiquarischen Versand fürs Bücherregal 50 % (oder so) ermäßigt zu kaufen.




Für Tintoretto-Einsteiger*innen ist die beste deutschsprachige Empfehlung die kompakte, kompetente Broschüre "Tintoretto" von Roland Krischel (Kurator der Kölner Ausstellung). 



Für die intensivere Beschäftigung mit dem Hauptwerk Tintorettos in der Scuola Grandi di San Rocco empfehle ich die Dissertation von Astrid Zenkert "Tintoretto in der Scuola di San Rocco". Vom Format und Gewicht her nicht geeignet, nach Venedig geschleppt zu werden - vor und nach dem Besuch der Scuola zu lesen. Das Buch gibt es derzeit preisgünstig bei Fröhlich und Kaufmann.  



Für Fortgeschrittene mit angemessenem Budget empfehle ich die Sammlung von Texten zur Tintorettoforschung von Erasmus Weddigen, die auch ich  u. a. zur Zeit beackere:



(Ich merke wiederholt an, dass die Amazon-Links keine Werbung nur für dieses Unternehmen sind, obwohl mir durch Bestellungen über diese Links jeweils ein kleiner Betrag zufließt. Ich verwende sie, weil sie die wichtigsten Informationen beinhalten: ISBN, Preis, Angebote gebrauchter Exemplare. Ansonsten gibt es den lokalen Buchhandel, lokale Antiquariate, und leistungsfähige große online-Antiquariate wie Booklooker und Abebooks.)

Wenn man den Autor Erasmus Weddigen googelt, finden sich eine spannende Website zu seiner Tintoretto-Arbeit und diverse Texte zu Tintoretto auch als kostenpflichtige PDFs auf entsprechenden Seiten im Internet.
Ich habe auch kostenlose Texte und Studien zu Jacopo Tintoretto im Internet gefunden - Lesestoff für mich und andere Interessierte:
➤1901 Henry Thode Tintoretto. Kritische Studien über des Meisters Werke 
➤1995 Friedrich Polleroß: Bemerkungen zur venezianischen Portraitmalerei anlässlich der Tintoretto-Ausstellungen in Venedig und Wien
➤Kritische Berichte 4/02 Die Grenzen des Sichtbaren. Gespräch mit Victor Stoichita über Licht und Schatten in Tintorettos Abendmahl in S. Giorgio Maggiore


Weitere Einträge und Berichte zu Jacopo Tintoretto und Veranstaltungen in Venedig folgen, allerdings eher in der 2. Jahreshälfte 2018.


Selbstportrait 1588


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Kommentare:

Angela hat gesagt…

Liebe Brigitte,
da wir gerade in Venedig sind und ich noch einmal Deine Einträge zum Tintorettojahr gelesen habe, wollte ich kurz Rückmeldung geben:
Du hattest von einem neuen Tintorettoführer berichtet. Vielleicht ist es der, den wir in der Madonna dell´ Orto gekauft haben.
Allerdings ist dort von einer „ristampa 2018“ zu lesen, Erstausgabe offenbar 2015, der Autor ist Floriano Boaga.
Es sind verschiedene Rundgänge durch die Sestieri mit übersichtlichen Karten, die einzelnen Tintorettobilder werden allerdings nur kurz beschrieben. Wir haben das Büchlein früher nie gesehen, aber vielleicht ist es doch nicht so neu und der von Dir erwähnte Führer kommt erst noch heraus.
Viele Grüße aus dem noch nicht so richtig warmen Venedig.
Angela

ebbonn hat gesagt…

Liebe Angela,
daanke für Deinen Kommentar.
Diesen Führer, der in der Madonna dell'Orto angeboten wird, habe ich auch (den Namen des Autors kann ich nicht aus dem Gedächtnis bestätigen und meine Bücherregale sind derzeit sehr weit weg) und ich finde ihn gut, weil er alle Tintoretto-Standorte in Venedig auflistet (es sind ja viele!) und dorthin führt. Wer mehr zu den einzelnen Werken wissen will, muss zu Tintoretto-Monografien greifen. Aber es soll (soll!) 2018 ein neuer Tintorettoführer rauskommen, warten wir ab, ob es was wird damit.

Schöne Grüße nach Venedig, genieße den Aufenthalt!