6. Oktober 2018

Tintoretto - die große Geburtstagsshow 2018


Sie läuft bereits seit 4 Wochen, die große Tintoretto-Show, und ist riesig, sehr beeindruckend, und entsprechend insgesamt ein bisschen unübersichtlich. 
Das kann daran liegen, dass an der Organisation der Ausstellungen sowohl italienische Institutionen - für den Dogenpalast die städtischen Museen (MUVE), für die Accademia das italienische Ministerium für Kulturgüter und Tourismus (MIBACT), für die Scuola Grande San Marco quasi das Ospedale Civile, also die Region Veneto, zuständig sind, und darüber hinaus die U.S. Partner National Gallery of Art Washington (Kooperation bei der Ausstellung im Dogenpalast) und Save Venice, dessen Beteiligung an der Verantwortung für die Ausstellungen, an allen Begleitbüchern der Tintoretto-Ausstellungen, und die seit Jahrzehnten herausragenden Restaurationsprojekte von Tintorettowerken in Venedig unter dem Link nachzulesen sind. Viele Menschen, viel Bürokratie und ein riesiges Projekt, das hier gestemmt wird.

Wer genug Zeit in Venedig hat, muss wohl kaum überzeugt werden, dieses einzigartige Angebot komplett wahrzunehmen, und schon am 2. Oktober wurden 25.000 Besucher*innen  im Ausstellungsteil des Dogenpalastes gemeldet. Auf lange Zeit wird es eine solche Ansammlung von Tintorettowerken, zusammengetragen aus internationalen Museen und Privatsammlungen, nicht mehr geben, ganz abgesehen von der Tintoretto-Gesamtausstattung, die die Stadt Venedig seit 500 Jahren schmückt. 
Dazu mehr weiter unten und zur Einstimmung ein Trailer des 30minütigen Films, hergestellt von der National Gallery of Art Washington (italienisch mit englischen Untertiteln), der in den beiden Hauptausstellungen zu sehen ist und kostenlos für die Bevölkerung in venezianischen Kinos aufgeführt wurde. Die Zeit, ihn anzusehen, sollte man sich nehmen und entweder im Dogenpalast oder der Accademia einkalkulieren. Nach dem Blogeintrag zum Kölner Tintoretto will ich hier einen kleinen Überblick, keine Bewertung, der venezianischen raumgreifenden Geburtstagsveranstaltung geben.


Teil 1 der beiden Hauptausstellungen "Il Giovane Tintoretto" ist zu sehen in den Gallerie dell' Accademia, deren Website seit geraumer Zeit 'in Arbeit' ist und immer noch nur so halbwegs funktioniert. Damit kann man leben. In den Erdgeschossräumen, die Wechselausstellungen zur Verfügung stehen, wird hier die Entwicklung des jungen Tintoretto gezeigt. 
Werke der Künstlerkollegen wie Tizian, Pordenone, Bonifacio de' Piati, Paris Bordon, Francesco Salviati führen zunächst in die Kunst seiner Zeit ein. Dann folgen Tintorettos Frühwerke, zum Teil in der Kölner Ausstellung gesehen, bis hin zu seinem Durchbruch mit dem Zyklus, den er für die Scuole Grande di San Marco schuf, dessen größter Teil seit der Schließung Scuola hier in der Accademia ausgestellt wird. Der Rundgang endet mit dem "Sklavenwunder", oft in der oberen Etage bewundert, aber nach der Hinführung durch die Ausstellung, die gute Präsentation und Ausleuchtung ist das Bild ein Hammer, vor dem nicht nur ich außer Fassung war. Überwältigend.


Fliegendes Baby, entspannte junge Mutter.
Umgeben von bewegten Heiligen: Jakob, Elisabeth, dem kleinen
Johannes, Zacharias und Caterina von Alexandrien
des jungen Tintoretto 1540. Aus einer privaten Sammlung entliehen.

Dieses erste große Werk des jungen Robusti und die spätere Kooperation mit seinem Sohn Domenico wird in der Ausstellung "Arte, Fede e Medicina nella Venezia di Tintoretto" (Kunst, Glaube und Medizin in Tintorettos Venedig) historisch und künstlerisch gut nachvollziehbar. Diese Ausstellung in der Scuola Grande di San Marco geht in der venezianischen Gesamtshow etwas unter, ist eher 'klein' im Kapitolarsaal der Scuola und der Eintritt ist mit 5 € vergleichsweise bescheiden (wie schön), zeigt aber einen wichtigen Teilaspekt aus dem Leben und Gesamtwerk Tintorettos.  

In der Kappelle des Kapitolarsaals der Scuola hängen bis heute drei Werke des Zyklus, die von der Hand des Sohnes Domenico stammen (S. Marco segnet die Laguneninseln, Der Körper S. Marcos wird zum Schiff getragen, Der Körper S. Marcos wird in Venedig empfangen), und ein wunderbares Altarbild von Palma Giovane. (Ich empfehle die Mitnahme eines Opernguckers/kleinen Fernglases, die Bilder hängen am Originalplatz, da ist eine Sehhilfe für die Details ratsam.) 
Aber vor allem die frühere Hängung des gesamten Zyklus (z. B. des "Sklavenwunders" an der Kopfseite des Saales im fast ganztägigen Gegenlicht!) wird in einem kurzen Film verständlich, ebenso Details zur Entstehung und Bedeutung der Bilder. Der Film ist quasi Teil des Films, der im Dogenpalast und in der Accademia gezeigt wird, hergestellt vom gleichen Team, ist aber nur hier zu sehen.
Dazu muss man allerdings (und darauf wird nirgends hingewiesen) durch die Sala dell'Albergo (mit Reproduktionen des beeindruckenden Bilderzyklus des 'Martyrium S. Marcos' der Bellinis und Mansueti, Originale in der Accademia) bis in ein Hinterzimmerchen vordringen, in dem dieser Film auf italienisch mit englischen Untertexten in Dauervorführung gezeigt wird. Linke Tür hinten in der Sala dell'Albergo, normalerweise verschlossen. Kleiner Film, große Wirkung.
Darüberhinaus ist die Ausstellung im Kapitorlarsaal höchst interessant, einerseits wegen historischer medizinischer Details aber vor allem wegen der ausgestellten Originaldokumente der Scuola, Werksvereinbarungen mit Tintoretto, Rechnungen etc..  

Es gibt im Kapitolarsaal einen Bücherverkaufstisch. Ich empfehle den ausgezeichneten wissenschaftlichen Katalog/Begleitband "Art, Faith and Medicine in Tintoretto's Venice" von Gabriele Matino und Cynthia Klestinec, in englischer Sprache und als italienische Übersetzung, 136 S., jeweils 21 €. Empfehlenswert ist auch die handliche zweisprachige Broschüre "La Scuola Grande di San Marco a Venezia" aus der Reihe "Mirabilia Italiae Guide", 103 S., 10 €. Geschichte der Scuola Grande und Beschreibung des Gebäudes und seiner künstlerischen Ausstattung. Auf dem Markt seit 2017, mir bisher leider nicht bekannt, im www auch auf der Seite des Verlages Franco Cosimo Panini nicht auffindbar.     
Jeweils Mittwoch um 15:45 und 16:45 Uhr werden kostenlose Führungen durch die Ausstellung von Experten der Scuola Grande di San Marco angeboten. Eintrittskarte vorausgesetzt, Anmeldung empfehlenswert unter scuolagrandesanmarco@aulss3.veneto.it.
Ein lesenswerter Artikel zu dieser Ausstellung (der Reiseagentur Walks Inside Italy) und Details in italienischer Sprache von der Ausstellungswebsite.


Ehem. Ausgestaltung des Kapitularsaals der
Scuola Grande di San Marco

Teil 2 der beiden Hauptausstellungen "Tintoretto 1519-1594" im Dogenpalast findet vermutlich die meiste Aufmerksamkeit und ist, wie "Der junge Tintoretto" solide kuratiert, mit einem (mich) beeindruckenden Schwerpunkt auf der Arbeitsweise Tintorettos, seiner künstlerischen Entwicklung und natürlich auch Karriere.

Obwohl im Dogenpalast mittlerweile Fotos ohne Blitz erlaubt sind, ist hier knipsen verboten (in der Accademia und Scuola Grande di San Marco darf man), trotzdem konnte ich mir als Gedächtnisstütze ein Foto nicht verkneifen: Die Entführung der Helena von Troja - die brutale Szene ist eine venezianisch-osmanische Seeschlacht, originell konzipiert und aktuell im Zusammenhang mit der Seeschlacht von Lepanto 5 Jahre zuvor.  Ein Wahnsinnsgemälde, zum Glück mit einer Sitzbank davor, um die Szene eingehend zu studieren. Im Ausstellungskatalog unter Fig. 179 zu sehen und in der chronologischen Liste der Exponate (der akribisch und kompetent arbeitenden Susannah Rutherglen) auf S. 257 als "The Abduction of Helen", c. 1576/1577 als möglicher Auftrag des Herzogs von Mantua Guglielmo Gonzaga aufgeführt, inkl. weiterer Details zur Entstehungsgeschichte des Werkes. Ausgeliehen vom Prado, von dessen Seite dieses Foto stammt, denn ich kann schlecht das Ergebnis meiner Übertretung hier veröffentlichen.
Könnte man die Entführung der Helena im Rahmen einer Kampfszene des heutigen nahen Ostens darstellen? Entführung und Missbrauch von Zivilistinnen? Nach der gestrigen Preisverleihung des Friedensnobelpreises an die Jesidin Nadia Murad?  


Ich verlinke hier einige Beiträge des Feuilletons, die z. T.  nicht kostenlos sind:

Weltkunst Tintoretto: Die Zeit steht still, weil der Maler es will
FAZ  Sturz ins tiefste Tintorettorot
SZ    Strahlende Schatten

ZDF Aspekte  Venedig feiert Tintoretto
ARD ttt  Tintoretto
Deutschlandfunk  Jacopo Tintoretto
Apollo  The Triumph of Tintoretto (Artikel von Frederich Ilchmann, Save Venice-Vorsitzender und Ko-Kurator von "Tintoretto 1519-1594")
The Art Newspaper  Tintoretto's 500th anniversary
ytali.  A Venezia tutto il genio di Tintoretto
ArtsLife  Tutto il genio di Tintoretto
La Nuova  Ritrovati i colori di Tintoretto
Artribune  500 volte Tintoretto

Es wundert niemanden, dass sich viele ein Stück von der Geburtagstorte 'Tintoretto 500' abschneiden wollen. Die Eintritte in Accademia (ohne Ermäßigungsangebote) und Dogenpalast (zusätzliches Extraticket für Tintoretto) sind happig und beide Ausstellungen geben natürlich eigene Kataloge/Begleitbücher heraus. Von hoher Qualität, hohem Preis und hohem Gewicht (ganz schlecht für Flugreisende). Für Venedigappassionati, die über die Mittel und Sprachkenntnisse verfügen und Platz in Koffer und Bücherregal haben, empfehle ich den Kauf dieser Bücher:

"Il giovane Tintoretto", nur in italienisch, 35 €, in der Ausstellung 30 €
"Tintoretto 1519-1594" italienische und englische Ausgabe, je 53 €, in der Ausstellung 45 €
"Arte, fede e medicina nella Venezia di Tintoretto" italienische und englische Ausgabe, jeweils 21 €, keine Ermäßigung
"Tintoretto à Venezia. Itinerari" italienische und englische Ausgabe, je 15 €, keine Ermäßigung

Das letzte Buch ist der lang angekündigte Führer zu allen Tintorettowerken in Venedig, herausgegeben von Thomas Dalla Costa und den Kuratoren von 'Tintoretto 1519-1594' Frederick Ilchmann und Robert Echols, alle sind in Funktionen bei 'Save Venice' (s. oben).  
Der engagierte kleine Führer "Itinerario tra le chiese veneziane alla scoperta di Tintoretto" der Associazione Chiostro Tintorettiano hat bisher seinen Dienst getan und wird es auch weiterhin. Ist aber schwer zu finden (Verkauf z. B. in Madonna dell' Orto z. B.), ist eine dieser schlecht hergestellten zusammengepappten Broschüren, bei denen die einzelnen Seiten nach kurzem Gebrauch blöderweise einfach herausfallen (alle in diesem Blogeintrag genannten Bücher sind ordentlich stabil geheftete Broschuren!) und die zusätzliche englischsprachige Ausgabe ist schon ein Vorteil. Achtung: einige der Werke, zu denen "Tintoretto in Venice" führt, befinden sich bis Anfang Januar in der Accademia und im Dogenpalast.


Vereinbarung zur kostenlosen Ausgestaltung
der Kappelle der Scuola Grande di San Marco
gegen die Mitgliedschaft in der Scuola

Es gibt weitere Wegweiser, die KOSTENLOS zur Geburtstagsshow und vor allem den Werken führen, die auch danach wie vorher in Venedig zu bewundern sein werden:
Auf der Website der städtischen Museen gibt es einen ausgezeichneten Tintoretto-Online-Wegweiser durch die Stadt, dem man auch entnehmen kann, wann Werke aus Kirchen sich in welchen Ausstellungen (Accademia, Dogenpalast, Folgeausstellung Washington) befinden und deshalb nicht an ihrer eigentlichen Location zu finden sind.

Venezia Unica hat ebenfalls einen Tintoretto-Führer, sortiert nach den Sestieri, online gestellt.

Bei der Venedig-Reiseplanung ist auch ein Blick auf die Website von CHORUS zu empfehlen, hier werden öfter kostenlose Führungen angekündigt, die auch Tintoretto-Kirchen betreffen können (hier die Termine vom 19.10-9.11.).

Und wer eine der drei Ausstellungen besucht, findet dort als praktischen Service Blöcke, etwas größer als Din A 3, von denen man sich eine Seite abreissen kann: Vorderseite Stadtplan mit 30 durchnummerierten Standorten von Tintoretto-Werken (wer sich in Venedig nicht auskennt, braucht zusätzlich einen exakten Stadtplan) und der vaproettotechnischen Anbindung fast aller Locations; auf der Rückseite (hier wäre auf die gewünschte Sprache zu achten, wahlweise italienisch und englisch) die durchnummerierte Auflistung der Werke, die an den einzelnen Standorten zu sehen sind. Zusätzliche Informationen zu Öffnungszeiten (wichtig vor allem bei den Kirchen!), derzeitigen Führungsangeboten an den Standorten und Informationen, welche der Einzelwerke ggfs. 'unterwegs' in den Ausstellungen sind. 

Dieser Druck ist das Praktischste, was sich jemand ausdenken konnte und tut für regelmäßige Venedigbesucher*innen, wenn nachträglich ordentlich mit Plastikfolie präpariert (Copyshop), jahre- wenn nicht jahrzehntelang einen sicher hoch geschätzten Dienst. Eine freundliche nachhaltige Wirkung des Geburtstagsparty-giveaways.  


Tintorettos Unterzeichnung des o. g. Vertrages
(man beachte das wunderbare geschöpfte Papier)
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