30. März 2018

Der Ersatzlöwe im Hafen von Piräus


Ich verbringe diesen Frühling in Athen, was ich mir seit vielen Jahren vorgenommen hatte, und habe gestern im Hafen von Piraeus den berühmten Löwen besucht, der auch schon lange auf der Liste stand. Vielmehr seinen Stellvertreter, der seit 2002 den Originallöwen ersetzen soll, der hier ursprünglich 2000 Jahre saß und seit 300 Jahren vor dem Arsenale in Venedig seinen Platz hat.


Mehr dazu steht in zwei sehr alten Einträgen:

Castello I - Campo Arsenale vom 20.4.2008
Arsenale - der Löwe vom Piräus vom 3.5.2008 

Der Hafen von Piräus ist zu Fuß eine ziemlich weitläufige unübersichtliche Sache, abgesehen davon, dass es noch zwei kleinere Abteilungen gibt: eine zum Essen gehen und ein Yachthafen. Wo ich die aufgebrezelte junge Dame, die mir einen Kaffee servierte, nach dem Standort des Löwen fragte, denn im Stadtplan war er nicht verzeichnet. In den letzten Jahren fuhr ich zwar immer wieder mal auf dem Weg zu oder von einer griechischen Insel an ihm vorbei, aber vom Schiff gesehen und vor dem Hintergrund von Hafen und Stadt scheint er so klein und eine genaue räumliche Zuordnung schwierig - weit draußen eben. Die Dame wusste nichts vom Löwen, aber ein Stammgast in Arbeiterkleidung, den sie zur Beratung hinzuzog, alle Details: "... den haben uns die Venezianer geklaut! Vor 300 Jahren! Hier rechts den Berg hoch, dann wieder runter, am Hafen links und dann immer weiter am Hafen entlang. 10 Minuten." 

Es waren nicht 10 Minuten, die freundliche Griechen immer gern versprechen, wenn sie gut gemeint einen Wanderer nicht entmutigen wollen, sondern 40 Minuten, und entlang des rauschenden mehrspurigen Autoverkehrs, vorbei an mehreren Kreuzfahrthafentoren und einer ganzen Reihe von Busendhaltestellen sah ich schließlich seinen weißen Marmorlöwenrücken leuchten. 



Von der marmornen Plattform, auf der man die Plinthe mit dem Löwen aufgestellt hat, sieht man sehr schön die Schiffe vorbeiziehen, es ist hier aber windig und öde trotz strahlender Sonne, in einem kleinen Gebüsch in der Nähe steht ein bewohntes halbzerissenes Zelt, ein paar junge Männer fühlen sich durch meine Knipserei offensichtlich in ihren Geschäften gestört. Auf dem weißen Marmorboden sind Brandspuren zu sehen, einzelne Marmorplatten wurden gewalttätig zerbrochen. Busendhaltestelle, letztes Hafentor eben. 



Auf der Rückseite der Plinthe ist eine Granittafel mit Runen und einer Skizze angebracht. Sieht nicht aus wie die Zeichnungen, die im Internet die Runen auf den Schultern und Flanken des Löwen darstellen sollen, und es gibt keine weiteren Erklärungen. Und kein Fachmensch greifbar, hier ist kein Museum... ich werde der Runentafel weiter nachgehen und füge hier Nahaufnahmen ein, vielleicht liest jemand runisch und kann etwas damit anfangen.
 
Runentafel linkes oberes Viertel


Runentafel rechtes oberes Viertel

Runentafel linkes unteres Viertel


Runentafel rechtes unteres Viertel

Auf einer Marmortafel am Fuß der Vorderseite der Plinthe ehrt der Hafen von Piräus einige Männer namentlich.
Und auf einer weiteren Marmortafel an der Vorderseite der Plinthe, direkt unter dem Löwen, klagt A. Drombos poetisch ungefähr so:

Athenische Statue, du wurdest gemeißelt 
und verlassen in der Einfahrt des Hafens.
Warägische Söldner ritzten dich,
Sklaven des Morosini ruderten dich nach Venedig,
schleppten dich in eine Ecke der Werft 
und ließen dich liegen.
Vergessener Drache, piräotischer Löwe, 
du bist keine venezianische Beliebigkeit.
Der Porto Leone bleibt dein Hafen. 



Pathos kann schön sein aber gut zu wissen ist auch, dass das kostbare alte Original in Venedig an einer relativ sicheren Stelle "liegen gelassen" wurde und weniger den Gefahren von Vandalismus, sondern "nur" der toxischen venezianischen Luft ausgesetzt ist. (Und soweit ich weiß, hat Athen den Löwen nie von Venedig zurück gefordert, im Gegensatz zu den "Elgin Marbles" der Akropolis.)

Zerschlagene Marmorplatte auf der Denkmalplattform
Und der Löwe in Piräus ist ein junger, ein schönes, neues Exemplar (Steinmetz: Georgios Menkoulas, Architekt: Petros Adamis) und frei von warägischen Söldnergraffiti. Vielleicht hält er nicht 2000 Jahre, aber wünschen wollen wir sie ihm.





Ergänzung 11.4.2018

Per Kommentarfunktion stellte Rudolf Koch einen Beitrag hier ein, der nicht in Gefahr sein sollte, übersehen zu werden. Transkription und Übersetzung der Texte sowie Informationen zu der oben gezeigten Runentafel! Ich füge den Text deshalb zusätzlich hier an:

Die "Runentafel" ist eine kuriose Sache. Die Inschrift ist in älterem Futhark geschrieben, der Text ist aber modernes Schwedisch, das ich leider nicht sauber übersetzen kann. Links oben wird Apostolis Dombros als Verfasser seines Gedichts auf der rechten Seite genannt, dann der "Neuzeitwikinger" Helmut Schulze aus Trelleborg. 3. 6. 1992.

Links unten steht ein Motto, sinngemäß etwa: die Geschichte lehrt uns über die Zukunft, dass Zukunft ohne Kultur untergeht. Dann der Text: Piräus und Trelleborg, mehr als eintausend Jahre Kulturgeschichte.


Auf der rechten Seite steht das bereits von Ihnen genannte Gedicht von Drombos.


Einen weiteren Hinweis auf Trelleborg ergibt die Ritzzeichnung rechts unten. Es handelt sich um den Grundriss der Wikinger-Ringburg (=Trelleburg) Trelleborg Seeland, Dänemark. Es geht also um 2 Trelleborgs: den Wohnort des Hobbyforschers Helmut Schulze in Schweden (dort gibt es ebenfalls so eine Ringburg) und die archäologisch ergrabene Ringburg auf der dänischen Insel. 


Abb. https://plus.google.com/116216417055313439429/posts/Y6pA1Z9U5ZD 


Ergänzung 12.4.2018

Nach den Rechercheergebnissen von Rudolf Koch (oben und ein weiterer Text unten in den Kommentaren) habe ich meinerseits noch ein bisschen weitergesucht.

Das griechische Gedicht stammt von Apostolis Dombros, (und hier folgt die Übersetzung des verlinkten Textes): geb. 1937 in Athen, Dipl.-Ing. der Elektrotechnik, Absolvent des Oskar-von-Miller-Polytechnikums München. Inhaber einer Firma für Schiffsausrüstungen in Piräus. Sein erstes Buch erschien 1981, bisher 17 Publikationen, davon 14 Reise, Bellestristik, Erzählungen, 2 Gedichtesammlungen, 1 Bühnenstück. Sein Werk wurde mit 7 griechischen Preisen ausgezeichnet. Hat fast den ganzen Globus bereist, betrat als erster Grieche den geografischen Nordpol. Diese spezielle Reise beschreibt er in seinem Buch "Weiter nördlich geht es nicht". Mitglied des griechischen Schriftstellerverbandes. 

Ob er erste Grieche am Nordpol war, wage ich zu bezweifeln. Wenn schon warägische Söldner über Sizilien und Byzanz in Athen zum Einsatz kamen und die Venezianer seit dem 15. JH regelmäßig Stockfisch von den Lofoten nach Venedig und in ihre griechischen Kolonien importierten, wird wohl auch der eine oder andere griechische Seemann weit im Norden gelandet sein. Aber anscheinend der erste Grieche, dessen Polarreise dokumentiert und publiziert ist.
Und möglicherweise ist sein Engagement für den Löwen vom Piräus eines der Ergebnisse dieser Reise und von Kontakten, die auf dieser Reise geknüpft wurden?

Aus einem Zeitungsartikel von 2012 ist zu erfahren, dass Apostolis Dombros mi seiner Frau Ingrid jeweils die Hälfte eines Jahres in Griechenland und in Kenia lebt, wo er engagiert griechisch-kenianische Projekte im Geiste Ernesto Cardenals betreibt.
Vor allem sind in diesem Artikel ausführlich Zitate von Prosa und Gedichten zu seiner offensichtlich beeindruckenden Nordpol-Erfahrung nachzulesen (die ich aber nicht übersetze).

Und ich habe einen ganz interessanten Eintrag zum Löwen von Piräus eines Bloggers aus Piräus gefunden. Vor allem ein paar Details zu seiner Geschichte möchte ich bei Gelegenheit hier übersetzen, wenn mein Frühling in Athen vorbei ist und ich wieder zuhause bin. Im Moment sind meine Prioritäten ein bisschen anders sortiert.



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Kommentare:

Rudolf Koch hat gesagt…

Die "Runentafel" ist eine kuriose Sache. Die Inschrift ist in älterem Futhark geschrieben, der Text ist aber modernes Schwedisch, das ich leider nicht sauber übersetzen kann. Links oben wird Apostolis Dombros als Verfasser seines Gedichts auf der rechten Seite genannt, dann der "Neuzeitwikinger" Helmut Schulze aus Trelleborg. 3. 6. 1992.
Links unten steht ein Motto, sinngemäß etwa: die Geschichte lehrt uns über die Zukunft, dass Zukunft ohne Kultur untergeht. Dann der Text: Piräus und Trelleborg, mehr als eintausend Jahre Kulturgeschichte.
Auf der rechten Seite steht das bereits von Ihnen genannte Gedicht von Drombos.
Einen weiteren Hinweis auf Trelleborg ergibt die Ritzzeichnung rechts unten. Es handelt sich um den Grundriss der Wikinger-Ringburg (=Trelleburg) Trelleborg Seeland, Dänemark. Es geht also um 2 Trelleborgs: den Wohnort des Hobbyforschers Helmut Schulze in Schweden (dort gibt es ebenfalls so eine Ringburg) und die archäologisch ergrabene Ringburg auf der dänischen Insel. Abb. https://plus.google.com/116216417055313439429/posts/Y6pA1Z9U5ZD

ebbonn hat gesagt…

Lieber Herr Koch,

auf einen derartig sachkundigen Beitrag hatte ich nicht zu hoffen gewagt, herzlichen Dank. Ich würde diesen Text gerne zusätzlich in meinen Blogeintrag hineinkopieren, da er ja eine erhebliche Erweiterung der Informationen ist. So kann er weniger leicht übersehen werden und der enthaltene Link ist direkt anklickbar.

Ist es nicht erstaunlich, dass diese Plakette ohne jede weitere Erläuterung an dem Denkmal angebracht ist, an derart prominenter Stelle? Denn wenn man von der Straße kommt, fällt der erste Blick (nach dem Blick nach oben auf den Hintern des Löwen) direkt darauf.

Danke nochmal und schönste Grüße

Rudolf Koch hat gesagt…

Liebe Frau Eckert,

so sachkundig bin ich zwar nicht, aber mit der Futhark-Tabelle in Wikipedia und dem Google-Translator ging es so einigermaßen. Das Problem dabei ist, dass ich nur bedingt den Runenzeichensatz auf den Schwedischen ohne Sprachkenntnis abbilden kann, so bleibt offen, was jetzt zB mit e/i oder v/w geschrieben wird. Falls ich das noch rauskriege, werde ich es in meinem Transkript korrigieren. Dass die für Griechen und die meisten Touristen unlesbaren Runen prominent auf der Schauseite angebracht sind, während der Architekt und der Bildhauer hingegen in Neugriechisch genannt werden, ist schon seltsam. Vielleicht ist es daraus erklärbar, dass die Initiatoren und Organisatoren des Denkmals (der Grieche Drombos und der Schwede Schulze)dies als Auflage machten. immerhin sollen die meisten Gelder aus Schweden gekommen sein. Durch die Runentafel wird nämlich aus der griechisch-antiken Figur quasi ein mittelalterliches Wikingerdenkmal mit Bezug nach Trelleborg. Und das umgingen die nationalstolzen Griechen, indem sie keine Übersetzung anbieten, wohl aber für das Gedicht des griechischen Ingenieurs Drombos. Ist nur so eine Idee. Leider kommt man ja über die blosse Namensnennung der Initiatoren Schulze/Drombos nicht hinaus.
Nochmals herzliche Grüße und Dank für die Übernahme in Ihren Artikel. Die Recherche hat mir Spass gemacht und Ihr Blog sowieso.

ebbonn hat gesagt…

Lieber Herr Koch,

Ihre Rechercheergebnisse haben mich motiviert, meinerseits noch ein bisschen zu suchen, auf griechisch, was ich vorher nicht probiert hatte. Zum Dichter Dombros (den Sie ja auch schon als Ingenieur identifiziert hatten, wie?) kam einiges zum Vorschein. Ich ergänze jetzt oben nochmal meinen Eintrag...