9. Juli 2019

Angst vor großen Schiffen...



Vogalonga 7.6.2019
Quelle: Live Webcam Skyline (screenshot)

...ist ein altes und immer aktuelleres Thema in Venedig. Seit Jahren kämpfen Bürgerinitiativen wie No Grandi Navi gegen die Monster, die jeden Morgen und Abend zwischen dem Ufer des Dogenpalastes und der Insel S. Giorgio Maggiore  und auf dem innerstädtischen Canale della Giudecca den Verkehr dominieren. Der Stadtverkehr muss sich den Riesen anpassen, und sogar mitten in die Startvorbereitungen der 2000 teilnehmenden Boote der Vogalonga 2019 rauscht rücksichtslos einer der Riesen. An den querstehenden Ruderbooten auf dem Foto oben ist zu erkennen, dass im Hafenbecken von S. Marco die Ruder*innen nach rechts das Weite suchen müssen. Aber Rücksichtslosigkeit ist, im Vergleich zu den Schäden an Gebäuden und Umwelt und der immer präsenten Unfallgefahr ja das kleinste der Probleme.

Die Schäden an Gebäuden der Stadt und der Umwelt der Lagune sind bekannt. Das Problem der Kraftstoffemission ist weltweit ein Umweltthema, aber besonders in Kreuzfahrthäfen, wo die Riesen 24 Stunden sichtbar Schweröl verbrennen und Einwohner*innen das Giftzeug einatmen. Es sind jährlich mehr Schiffe, und sie werden immer gigantischer. Unter Marine Traffic kann man jederzeit anwesende Schiffe ansehen, inkl. deren detaillierter Daten, wenn man auf das einzelne Kreuzfahrtschiff klickt (außer Dienstag, der ist bisher weitgehend frei von großen Schiffen).
Ich habe zuletzt am 23.6.2017 zum Thema geblogt "Gegen große Schiffe" und einige Links in den Text gesteckt, die ihre Aktualität nicht verloren haben.

Hier kommen Links zu den durch alle Medien bekannten Ereignissen am 2.6. und 7.7., die uns deutlich vorexerzieren, welche Gefahr die Kreuzfahrtindustrie für Venedig bedeutet.

Am 2. Juli verlor ein Kapitän kurz vor dem Erreichen seiner Anlege im Porto Marittima die Kontrolle bei S. Basilio, als das Seil des vorderen Schleppbootes riss und fuhr zwischen Hafenmauer (aus Beton, nicht aus dem üblichen istrischem Kalk der veneziaschen Uferbegrenzungen) und ein Flussfahrthotelboot. 




Der Schrecken verbreitete sich wie Lauffeuer in der Stadt, aber Bürgermeister Brugnaro zelebrierte 3 Stunden später unerschrocken seine jährliche "Hochzeit mit dem Meer" in Erfüllung der 1000jährigen Dogentradition. Aber seitdem fahren Kreuzfahrtschiffe in der Lagune mit 3 Schleppbooten - 1 hinten, 2 vorn.

Der Blog "La Venessiana" schreibt zu diesem Thema frische informative Blogeinträge zum Unfall am 2.6. und den Schäden in der Lagune durch Schiffe. 
Details auch im "Maritime Executive" vom 8.7. "Cruise Ship Narrowly Misses Dock in Venice's Giudecca Canal".

Vorgestern, 7.7., verließ ein Kapitän bei Eintreffen eines angekündigten Gewittersturms den Hafen Richtung Lidoausfahrt (anstelle den Sturm abzuwarten) und verpasste zwischen den Sette Martiri und der Biennale nur mit Mühe Kontakt mit einer Autofähre, einer festgemachten Yacht und dem Ufer. Das kann man hier gut nachvollziehen. Ein paar Vaporetti waren außerdem in nächster Nähe mit im Spiel, bei Regen, Sturm und hohem Wellengang. Mit scheint (ich bin keine Expertin) die Situation wurde vom linken Schlepper gerettet. Zuvor gab es einen Funkkontakt zwischen Hafenkontrolle und Kapitän (der geleakt wurde)

"Benötigen sie einen vierten Schlepper?"
"Nein, es ist alles unter Kontrolle."
"Kapitän, können sie bestätigen, dass sie keinen vierten Schlepper brauchen?"
"Ja, das bestätige ich."

Costa, zu deren Flotte die "Deliziosa" gehört, bagatellisiert entspannt die Situation.

Weitere Videos, veröffentlicht von NoGrandiNavi zum Ereignis am 7.7. aus verschiedenen Perspektiven.

Es gibt seit Jahren immer wieder Projektvorschläge zum Bau von Hafenanlagen für Kreuzfahrtschiffe außerhalb der Lagune. Ohne Resonanz und Realisierung. Der derzeitige Verkehrsminister möchte zwar einen Hafen 'fuori', außerhalb, ist und bleibt allerdings ohne Ahnung und Initiative.
Die Stadt und das Konsortium der Hafenbetreiber werfen ihm doppelzüngig seine Passvität vor, aber eigentlich wollen sie ja unbedingt den beschlossenen neuen Kanal durch die Lagune graben und die Kreuzfahrtschiffe nach Marghera in einen ebenfalls noch zu bauenden Hafen bringen. Im Interesse der Profite auf Kosten von Umwelt und Bevölkerung. (Sie Link vom 23.6.17 oben.) Umwelt- und sonstige Sachverständige versuchen, die Lagune vor diesen Eingriffen zu retten.

Dazu Art Newspaper vom 7.7.: The Turkish shareholders in the port of Venice want to keep cruise ships coming - and the mayor supports them
Und ytali vom 8.7.: Grandi Navi. Marghera? L'episodio di domenica ne conferma l'impracticabilità.
Art Newspater vom 10.7. bringt einen Beitrag von Francesco Bandarin: "A former UNESCO chief denounces its failure to protect  Venice at Baku meeting".
Und Skift vom 11.7.: UNESCO could have helped... wyh didn't it?
Folgerichtig planen völlig ungerührt Kreuzfahrtindustrie und Hafenkonsortium Venedig die verstärkte Nutzung des Hafen mit täglich 10 Schiffen: Cruise Industry News schreibt am 11.7.: Venice Seeking to Better Manage and Grow it's Cruise Traffic.

Einer der Vorschläge für einen Hafen in der Adria, nicht der erste bisher, sondern nur der erste, den ich heute bei einer kleinen Recherche als Beipiel finde, ist der von ONEWORKS:, der wie frühere Projektvorschläge nah an der Ausfahrt von S. Nicolò östlich des Lido liegt. An Ideen und Kompetenz ist kein Mangel, es ist die pure Gier, die Lösungen blockiert. 
Und das muss man leider auch vom "Overtourism" insgesamt in Venedig sagen: alle Kritik, alle Lösungsvorschläge werden übertrumpft von der Gier aller Beteiligten. Von den Spitzen der Geldmaschine Venedig bis runter zu jeder einzelnen Person, deren Mitverdienen am Tourismus niemals hinter eigentlich gemeinsamen Interessen der Venezianer*innen zurückstehen wird.

Trotzdem kann man sich vielleicht ein bisschen einmischen:
Spenden für die Arbeit der Bürgerinitiaive NoGrandiNavi bitte hier.
Neue Online-Petition bitte hier unterschreiben.

Außerdem:
CLIMATE CAMP 4.-8.9.2019 auf dem Lido
Eine Veranstaltung des Comitato No Gandi Navi und 
Fridays For Future - Venezia


Quelle: Twitteraccount NoGrandiNaviVenezia

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