30. Juni 2010

54. Biennale - Deutscher Beitrag

Anfang Mai benannte Susanne Gaensheimer, die Kuratorin des Deutschen Pavillons 2011, den Regisseur, Performancekünstler und Autor Christoph Schlingensief für den Beitrag der 54. Biennale. Ein Künstler, den ich als sehr inspiriert, erfreulich unangepasst und ausgesprochen witzig empfinde (ich bin bekanntlich die Anhängerin von Kunst mit Witz).

Da steigt die Spannung! Und die Hoffnung! Nach der bunten und (zu) kleinteiligen Ausstellung Isa Genzkens 2007 und der Küche (Video unten) Liam Gillicks (Küche!! das letzte, wobei ich an Kunst denke; aber auf der Hauptachse der Giardini wurde 2009 ja diverses Hausinterieur geboten) darf man vielleicht zur Abwechslung auf Performatives, Akivistisches, vielleicht Bombastisches erwarten?



Das Thema der Nazi-Architektur des deutschen Pavillons wird regelmäßig mehr oder weniger leidenschaftlich serviert, so auch zur Zeit wieder.

http://www.bernerzeitung.ch/kultur/architektur/Wie-boese-ist-NaziArchitektur/story/29234829

http://www.welt.de/die-welt/kultur/article8176650/Nazi-Architektur-nicht-schlecht-fuer-Kunst.html

http://www.art-magazin.de/szene/29198/christoph_schlingensief_biennale_venedig_2011

http://www.artefacti.de/abstrakte-kunst/index.php/kunst-nachrichten-2010/juni-2010/11902-streit-um-biennale-pavillon-in-venedig-.html

Der Bau ist tatsächlich häßlich, eine Bahnhofshalle, eine Echokammer, man fühlt sich kleiner als ein Dreijähriger in einer Charlottenburger Altbauwohnung. Aber das deutsche Verfahren, unakzeptable Geschichte abzuspalten mittels Vernichtung der hinterlassenen Architektur finde ich wesentlich unerträglicher.

Auf Ihrer Pressekonferenz am 29.6. begründete Frau Gaensheimer ihre Wahl:

“Ausgangspunkt meiner Einladung an Christoph Schlingensief war die Überlegung, einen Künstler meiner Generation anzusprechen, der mit seiner Arbeit in repräsentativer Weise die künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen der letzten Jahrzehnte der wiedervereinigten Bundesrepublik nicht nur begleitet, sondern massgeblich mitbestimmt hat. Ich halte Christoph Schlingensief für einen der ganz bedeutenden Künstler dieses Landes, der immer vollkommen rückhaltlos, auch sich selbst gegenüber, seine Position geäussert und behauptet hat, in aller Deutlichkeit und Direktheit, die notwendig ist, um Zustände effektiv zu kommentieren und Diskussionen auszulösen.

Für meine Entscheidung, Christoph Schlingensief nach Venedig einzuladen, gab letztendlich auch noch das Afrikaprojekt, das Operndorf in Ouagadougou, den Ausschlag. Hier wird deutlich, dass Schlingensief nicht nur für die Kunst in Deutschland repräsentativ ist, sondern seine Fragestellungen in einen transnationalen, transkontinentalen Kontext stellt. Mit dem Festspielhaus in Afrika und seiner Kooperation mit den dortigen Partnern – allen voran Francis Kéré, der mit dem Aga-Khan-Preis ausgezeichnete Architekt des Operndorfes – und vor allem auch mit der Selbstreflektion des Projekts und der Thematisierung seines eigenen Scheiterns im aktuellen Theaterstück ‘Via Intolleranza II’, gelingt es Schlingensief, seine Analyse des ‘Deutschseins’ und die damit verbundenen Fragen in eine globale, transnationale Dimension zu übertragen: ‘Warum wollen wir ständig dem afrikanischen Kontinent helfen, obwohl wir uns selber nicht helfen können?’ fragt er. Bei der Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief im Deutschen Pavillon im nächsten Jahr, die durchaus auch eine Kontextverschiebung bedeutet, werden wir uns auf die spezifische Dynamik in Schlingensiefs Werk konzentrieren. Eine Entgrenzung der Kunst und eine Stärkung ihrer sozialen Dimension und gesellschaftlichen Relevanz sind heute dringlicher denn je.”


Christoph Schlingesief selbst war aus gesundheitlichen Gründen nicht auf der Presskonferenz anwesend. Er ist mit den Opernfestspielen in München und natürlich seinem Operndorf in Afrika beschäftigt und äußert sich eher entspannt zum Thema:

Schlingensief gegen «Nazi-Nummer» in Venedig

Schlingensief gegen «Nazi-Nummer» in Venedig

Der Regisseur Schlingensief will sich nicht ausdrücklich mit der NS-Architektur des deutschen Pavillons bei der Kunst-Biennale in Venedig auseinandersetzen. Der Künstler soll den Pavillon bei der nächsten Biennale 2011 gestalten.

«Ich muss alle enttäuschen, die schon in Bayreuth enttäuscht waren. Ich werde keine Nazi-Nummer geben! Warum auch?» sagte der an Krebs erkrankte Schlingensief (49) in einem Gespräch mit dem Magazin «Focus». Schlingensief hatte in Bayreuth Richard «Parsifal» inszeniert. In Venedig hätten sich bereits so viele Künstler vor ihm von bis Genzken mit der Architektur auseinandergesetzt, «was soll ich da noch sagen?»

Die Kritik des Künstlers an seiner Venedig-Berufung versteht Schlingensief nicht. Richter habe so etwas nicht nötig. Richter hatte kritisiert, dass mit Schlingensief ein Performer ausgewählt worden sei. «Er kennt nur die Malerei? Das kann ich kaum glauben», meinte Schlingensief dazu, der zurzeit an seinem «» im afrikanischen Burkina Faso arbeitet. Im November sollen dort die ersten Musik- und Filmklassen ihre Arbeit aufnehmen.

Von den Gesamtkosten für das Dorf in Höhe von 1,8 Millionen Euro fehlen seinen Angaben zufolge noch fast 800 000 Euro, trotz großzügiger Unterstützung von Prominenten wie Herbert Grönemeyer, , und Roland Emmerich, die jeweils 100 000 Euro gespendet hätten. Auch das Goethe-Institut und die Bundeskulturstiftung unterstützten das Projekt. «Nur das Auswärtige Amt hat mir unter Westerwelle 100 000 Euro gestrichen, die mir der Ex-Minister Steinmeier allerdings zugesichert hatte.»

Auf seine Krebserkrankung angesprochen, meinte Schlingensief, im Moment sehe es so aus, «dass ich wohl länger lebe, als alle und ich zusammen gedacht haben». Es sei aber «sehr beunruhigend» für ihn, «nach der Totalkatastrophe wieder ganz der Alte sein zu sollen. Das schaffe ich nicht so gut, wie viele denken. Die Ängste bleiben und auch das Gefühl, dass es nie mehr so wie früher sein wird.» Er lebe jetzt «vielleicht so verzweifelt intensiv wie noch nie zuvor».

Blogtainment/ari/dpa / Foto dpa

Website Christoph Schlingensief http://www.schlingensief.com/
Blog Christoph Schlingensief http://schlingenblog.posterous.com/

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22. Juni 2010

Pfarrfeste in Venedig

Großes Drama - mein privater Computer ist hinüber und verloren sind über Jahre gesammelte Adresslinks, favorisierte Websites und Blogs, und ganz wichtige Lesezeichen, insgesamt ca. 300 Kontakte (im weitesten Sinn).

Die Rettungsversuche durch Fachpersonal laufen noch, aber es gibt wenig Hoffnung.

Deshalb bis auf Weiteres nur kurze Hinweise (von Dienstcomputer):

z. B. auf die derzeit stattfindenden Pfarrfeste in Venedig, die man an lokal "wild" plakatierten Einladungen erkennen kann, die sich auf den Namen einer Kirche beziehen und auf das anstehende Festprogramm hinweisen.

Besonders schön und zu empfehlen ist die Festa de San Piero de Casteo (San Pietro de Castello) vom 25. bis 29.6., mit täglichen Führungen durch die ehemalige Bischofskirche Venedigs, und neben dem religiösen Fest gutem Essen und Musik bis in den späten Abend auf der Wiese vor der Kirche.

Vaporettohalt S. Pietro, Linien 51 + 52, zu Fuss erreichbar auch von der Riva über die Via Garibaldi und die Brücke Quintavalle nach S. Pietro.

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12. Juni 2010

Itinerari segreti - geheime Wege...

Blick aus dem Büro des Großkanzlers der Serenissima






... im Dogenpalast klingt vielversprechend und seit Jahren bin ich neugierig. Man muss die Karten (wenn nicht online) mindestens einen Tag vorher besorgen, was in der Stadt der 1000 Möglichkeiten schon sehr viel Verbindlichkeit ist. Zudem wurde ich vor ca. 3 Jahren von den zuständigen Damen dermaßen schnippisch abgefertigt ('die zweite Kasse ist gerade nicht besetzt, kommen sie später wieder!'), dass ich die Prioritäten erstmal anders setzte.

Secret itineraries
Not accessible with the standard ticket, these tours take the visitor into the most secret and fascinating rooms in the Palace; the tours are all with a specialised guide, for a minimum of 2 people and a maximum of
25; they start at fixed times according to the following schedule:

Italian 9.30; 11.10
English 9.55 10.45; 11.35
French 10.20; 12.00

After 1pm tours can be arranged at various times, with an additional payment of 31 Euros per group (suspended from 1st July to 31 August).

The tour is about 1 hour and 15 minutes long.
The ticket including the guided tour to the itineraries and also access (without a guide) to the Doge's Palace
TICKET Full price euro 18,00
Hier: Voller Text mit online-Buchungsmöglichkeit

Blick aus der "Folterkammer"

Vor vier Wochen bin ic
h also endlich die "Geheimen Wege" gegangen, und?
Das alte nervige Problem der 'Führungs-
persönlichkeit', das in Einzelführungen (die ich bevorzuge und oft unge
plant erleben darf) oder in sehr kleinen Gruppen nicht auftritt. Aber bei 25 Teilnehmern sofort und unweigerlich: der/die FührerIn mutiert zum aufgedrehten SelbstdarstellerIn oder SchauspielerIn.
In diesem Fall spielte die Führerin in Doppelrolle den monatelangen Konflikt (Zellenwechsel etc.) zwischen Casanova (inhaftiert in den Bleikammern) und seinem Justizvollzugsbeamten (Namen nicht gemerkt, steht in Casanovas Buch).
Das Dramolett wurde immerhin an Ort und Stelle vorgeführt, d. h. direkt unter dem Dach des Dogenpalastes, zwischen den Häftlingszellen in Form von stabilen Holzboxen mit vergitterten Fenstern, di
e fest auf dem Dachboden eingebaut sind. Ich bin geduldig, aber das möchte ich nicht im Sommer erleben, wenn die Hitze unterm Dach brütet. (Weder Haft, noch Bewacherjob, noch Führung.)
Da die Führerin gut beschäftigt ist, kann man sich von seiner Truppe absondern und in Ruhe umsehen, die schönen Ausblicke aus den kleinen Dachluken geniessen, aber aufpassen, dass man nicht in die nachfolgende Truppe gerät, da ist das Führungspersonal eigen.


Blick vom Dachboden nach Süden, S. Giorgio Maggiore

Fotografieren der Räume ist verboten, Fotos nach draussen nicht. Daran kann man sich problemlos halten.
Besichtigt werden Räume in der Südostecke des Palazzo Ducale der 4. Etage und des Dachbodens. In der 4. Etage mit den runden Fenstern
sind dies Arbeitsräume der Dogenkanzlei, auch das winzige Büro des Großkanzlers im Mezzanin mit Blick durch ein immerhin viereckiges Fenster auf den Innenhof des Dogenpalastes, und der Sitzungsraum des Großkanzlers, gestaltet wie das Achterschiff eines mittelalterlichen Schiffes. Schlicht und schön und nicht zu vergleichen mit der üppigen Ausstattung der darunter liegenden Räume, eben der Raum für den Volksvertreter.
Ausserdem Räume der Justiz, z. B. das Zimmer, in dem Verhöre stattfanden, und das dramatisch "Folterkammer" genannt wird, obwohl es mit dem Foltern physisch vergleichsweise nicht allzu weit ging. Das Führungspersonal kann aber die Psychofolter sehr schön darstellen.

Blick vom Dachboden nach Osten, Campanile San Zaccaria und der obere Rand des Werbe-
trägers am Dogen-
palast


Die Wege und Treppen unters Dach sind verschlungen, eng und steil, aber sicher kein Problem für Höhenängstliche. Gehbehinderte mit normalen Hilfsmitteln wie Stöcken oder Walkern schaffen es auch, Rollstühle nicht.
Unter dem Dach gibt es eine Sammlung mittelalterlicher Waffen und Rüstu
ngen sowie einen sehr interessanten Blick auf die Decke des Saals des Großen Rates. Sie ist wegen ihrer enormen Größe an Dachbalken aufgehängt und man blickt von einem darüberliegenden Balkon nach unten auf die Decke (die natürlich nicht betreten werden kann).
Es folgen die bereits erwähnten "Bleikammern", die Holzboxen für die "Politischen" und weiteres Umdieecken-und-Treppab und schon ist die Führung nach einer guten Stunde vorbei.


Es ist wirklich interessant. Man hat einen weiteren Venedig-Mosaikstein.
Der unverschämt hohe Preis geht in Ordnung, wenn man danach noch in Ruhe und frei von Führung und Geschwätz rauf und runter durch den Dogenpalast gondelt und vielleicht in dem schönen Gewölbe-Cafe in der Innenhofecke hinten rechts einen Espresso trinkt.


Für Kinder ist der Besuch durchaus empfehlenswert, man muss allerdings bei Bedarf flüsternd den Führersprech übersetzen, soweit übersetzenswert, um die Gruppe nicht zu stören.


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5. Juni 2010

"Der schönste Salon Europas"?

Setzen wir uns doch lieber in die Küche, der Salon ist derzeit nicht präsentabel...




Markusplatz morgens um 7 Uhr

Ich denke, wer den Markusplatz von Bildern kennt oder schon lange nicht mehr in Venedig war, sieht sich im falschen Film, wenn er/sie derzeit dort um die Ecke kommt.

Werbebanner am Dogenpalast und an der Piazzetta

Baugerüste an den Alten Prokurazien (nachts heftig beleuch-
tet!), an der
Basilika und rund um den Campanile inklusive ca. 1/6 der Piazza, und zur Krönung ein wirklich geschmackloses Werbebanner an der Westseite des Platzes.

Für die notwendigen Restaurierungsarbeiten hat jeder Verständnis, weniger schon z. B. für die albernen Bilder von europäischen Türmen (Eiffel, Big Ben etc.) mit denen jahrelang der Glockenturm in Arbeit verhüllt wurde (und die man für immer in diversen Dokumentations- und Fernsehfilmen bewundern darf!).

Aber über die überdimensionalen Werbebanner an den zentralen Stellen vom Bahnhof und weiter den Canal Grande entlang bis zur Seufzerbrücke gibt es keine geteilten Meinungen.



August 2008, Gerüst an Dog
enpalast/Prigioni vor der ersten Installation der Werbeplanen, die seither auf Millionen Privatfotos um den Globus verbreitet werden.


Ich hatte mich bish
er zu diesem Thema nicht erhitzt und fand z. B. Herrn Klitschko an der Accademia (als "Curator"!) sogar ausgesprochen witzig. Aber beim Anblick des verdrehten Modelkörpers auf der Piazza werde ich dann langsam doch ungeduldig und wünsche mir ein bisschen mehr FARBE an den Plakatwänden.




http://www.venedigblog.org/archives/99
http://www.museumstrategyblog.com/museum_strategies/2009/07/after-quite--a-bit-of-social-media-in-museums-coverage-on-the-blog-lately-after-the-recent--communicating-the-museum-conf.html
http://www.sueddeutsche.de/reise/venedig-verlieren-was-man-erhalten-moechte-1.547886


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29. Mai 2010

San Michele - Neues vom venezianischen Friedhof

Das eingestürztes Grabmal vom Februar 2008 heute

Mein erster Bericht über den Friedhof San Michele ist schon über zwei Jahre alt, aber trotz einiger Kurzbesuche habe ich erst jetzt den neu geschaffenen Teil im Nordosten der Insel besucht.
Und die restaurierte Klosterkirche, die im November 2009 wieder eröfnet wurde.

Tatsächlich war ich von morgens
kurz nach sieben bis weit nach Mittag auf der Insel, und ich hätte auch den ganzen Tag dort bleiben können. In Stille dort ein paar Stunden zu verbringen, den Ort und seine Gestaltung auf sich wirken zu lassen und seinen eigenen Gedanken zuzuhören ist eine meiner ersten Empfehlungen für Venedigbesucher.

(Die Idee eines lokalen Reisebüros, Touristengruppen auf den Friedhof zu schleppen und sie dort
picknicken zu lassen meine ich damit nicht. Wurde nach einheimischen Entrüstungen auch ganz schnell wieder abgestellt.)
Die Klosterkirche S. Michele hatte ich als sehr düsteren Raum in Erinnerung, nach der Restauration ist sie (für eine venezianische Kirche) überraschend hell und übersichtlich und wirkt größer als zuvor.Auch die schöne sechs-
eckige Cappella Emiliana, aussen links von der Kirche,
kann man jetzt von innen besichtigen (wenn auch nicht betreten). Die Kirche ist jetzt wieder tagsüber geöffnet, allerdings muss man auf Trauerfeiern Rücksicht nehmen, die ja sozusagen geschlossene Gesellschaften sind.

Anlage mit kleinen Urnenkolumbarien


Der neue Friedhofs-
bereich liegt in der Nordost-
ecke der Insel, d. h. von der Vaporetto-
station geht man einfach geradeaus, läßt links das Kloster und rechts die als Halbrund gestalteten
Grabkappellen liegen, dann folgen links Kindergräber und ein großer älterer Kolumbarienbereich, rechts neuere Urnengrabstätten. Man landet immer weiter geradeaus gehend in den Bereichen für Orthodoxe und Prostestanten, an die sich dann die "Vier Evangelisten" anschließen.
Ich erkäre den Weg so kurz, damit man ihn findet, nicht um ihn so kurz zu empfehlen. Tatsächlich ist diese sehr kleine Ecke des Friedhofs viele Schlenker wert zu interessanten Gräbern, Gräberruinen, alten Bäumen, schönen und ungewöhnlichen Fotomotiven.

Zwei Fotos aus der Urnenhalle beim Krematorium
Ich bin bei diesem Besuch zum ersten Mal auf das Krematorium gestoßen und in seiner Nachbarschaft (links) auf eine Halle zur Aufbewahrung (oder vielleicht sogar Ausstel
lung?) von Urnen, von denen manche schlicht, viele aber besonders gestaltet sind und zum Teil Aufschriften tragen, die neugierig machen.
Der Raum ist niedrig, aber hell und luftig, mit bemalter Decke und Oberlicht, rappelvoll und überaus faszinierend. Trotz vieler Besuche auf San Michele ist mir dieses Gebäude bisher entgangen, und wer weiss überhaupt, was sonst noch auf dieser Insel zu entdecken ist...


Mit der Erweiterung des Friedhofs wurde David Chipperfield beauftragt (der in Berlin das Neue Museum auf der Museumsinsel wieder gebaut hat) und bisher ist nur der erste Teil, "Corte dei quattro evangelisti" fertig gestellt und in Funktion, und zwar von beeindruckender Größe.

Der erste Anblick des (bis auf einen Eingang) nach aussen völlig abgeschlossen wirkenden Gebäudes hat mich geschockt, aber das abweisende Äußere steht im Gegensatz zu den grünen, beschützenden vier Innenräumen. Es sind Hallen, deren hohe Wände aus Grabfächern, Kolumbarien, bestehen und deren Innenräume mit (noch jungen) Bäumen und menschenhohen Rosensträuchern bepflanzt sind. Die begrünten Hallen sind hell und frisch, da ihre Decken sozusagen ausgeschnitten sind: Licht, Wetter und die Rufe der Möwen fallen in die Raummitte, während die Wände zum Schutz der Gräber überdacht sind.

Corte dei quattro evangelisti

Eine Frau stand allein in einer dieser Hallen exponiert ganz oben auf einer Leiter und weinte, das Gesicht an ein Grabfach gelehnt.
Deshalb kein Foto der Innenräume der 4 Evangelisten.


Das chipperfieldsche Konzept sieht eine neue, per Brücke angehängte Insel vor, die ohne Mauer auskommen und den Blick auf Venedig und die Lagune erlauben soll. Ich finde das Thema sehr spannend und füge deshalb hier weiterführende Links an:

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/auf_der_insel_der_toten_1.2150448.html
http://www.nextroom.at/building.php?id=32033
http://online.wsj.com/article/SB10001424052748703792304574503763695817996.html
http://www.significantcemeteries.org/it/node/516

Sandpumpe in abendlicher Aktivität

Ich frage mich, ob die Arbeiten zwischen der Insel San Michele und dem Canale delle Fondamente Nove, die mir schon im letzten Jahr auffielen, mit der Friedhofserweiterung zu tun haben. Dort wurde eine Art Barena abgesteckt, in die in diesem Jahr jeden Abend in hohem Bogen Sand gepumpt wurde. Bei Ebbe konnte ich mit meinem Operngucker schon Möwen beobachten, die auf dieser entstehenden Insel herumpickten.


Man
darf gespannt sein auf die neuen Friedhofserweiterungen. Und die alte Friedhofsinsel bleibt ein faszinierendes Ziel in Venedig, als Ganzheit mit der napoleonischen Mauer und mit den verschieden gestalteten Teilbereichen bis zu immer wieder überraschenden Entdeckungen, die man hier machen kann. (Z. B. hat das Grab des Literatur-Nobelpreisträgers Joseph Brodsky neuerdings einen Briefkasten. Wofür? Es stecken Briefe drin. Sorry, das musste geprüft werden! Zu welchen Händen? Warum? Keine Ahnung.)
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21. Mai 2010

Glückwunsch an Rom..

... das sich jetzt nach der Entscheidung des italienischen Olympia-Komitees Coni als Austragungsort der Sommerolympiade 2020 bewerben darf, im Wettbewerb mit bisher Madrid und Tokio.



Und nicht Venedig.





Da bin ich doch sehr erleichtert! Venedig mit seinem historischen Hintergrund, den unvergleichlichen Kunstschätzen in der Stadt und Lagune und den zusätzlich immer neuen Angeboten im Rahmen der Biennale und vielen weiteren wechselnden Veranstaltungen würde sich mit diesem Sportevent keinen Gefallen tun.

Vielleicht würde es wirtschaftliche Vorteile für das Veneto bringen, kann ich nicht beurteilen. Die Lega Nord stritt für die von ihr sogenannte "Hauptstadt Padaniens" mit dem Argument des Siegs Venedigs in der Seeschlacht von Lepanto (1571) und der damaligen Rettung des christlichen Abendlandes (Umberto Bossi im 'Gazzettino' vom 17.Mai). Das spricht wohl eher dafür, die historische Rolle der Serenissima weiter zu respektieren und Venedig aus dem Olympia-Business heraus zu halten und den Olympia-Tourismus aus der Stadt.

Was ja nun klugerweise geschieht.


18. Mai 2010

Metropolitana Sub-Lagunare


Ausstellungsplakat

Auf deutsch, eine U(nterwasser)-Bahn für Venedig.

Die Vorstellung ist erschreckend, aber die Sache ist beschlossen.
Der neue Bürgermeister Orsoni will das Projekt beschleunigt vorantreiben, gegen Widerstände der Bevölkerung, die ja aber schon beim
M.O.S.E. - Projekt wenig Wirkung zeigten.
Die Idee der Bürgerbet
eiligung, anderswo normal, scheint in Venedig nicht das politische Mittel der Stunde zu sein.

Die
'Tram' in Mestre als Brückenkopf wurde bereits dem Verkehr übergeben.


ÖPNV in der Metropolregion Venedig

Es gibt eine kurzzeitige aber sehr interessante Ausstellung (7.-22.5.2010) in Venedig "Una metropolitana sub-lagunare al servizio della 'Grande Venezia'". (Siehe Links am Ende des Eintrags.)

Begleitet von einer 1
6seitigen Druckversion "Una metropolitana sub-lagunare per Venezia. Tracciati e studi di stazioni", beides erarbeitet von StudentInnen und DozentInnen der Fakultät für Architektur der Universität Iuav Venedig.(Bitte etwas Geduld, die Datei der 16 Seiten ist sehr groß und benötigt Zeit um hochzuladen.) 

 Die nächsten 3 Bilder sind Fotos der Ausstellung, alle zur Station Santa Marta, Standort der Fakultät für Architektur der Universität Iuav Venezia.

Ich habe die Ausstellung besucht, um Gewissheit über den Schrecken zu bekommen.
Zu sehen ist dort die Verkehrsplanung der Metropolregion Venedig, insbesondere der beiden sublagunaren Bahnen vom Flughafen Marco Polo über Burano-San Francesco della Vigna-Lido und von Mestre-Santa Marta- Dorsoduro-Lido (siehe Bild oben).
Und in CAD-Darstellungen und Modellen Vorschläge für die einzelnen Stationen mit ihren oberirdischen und
unterirdisch-sublagunaren Bereichen.

Ich bin keine Fachfrau Verkehrsplanung,
Stadtplanung, Architektin, Ingenieu-
rin, aber jedem Laien graust bei der Vorstellung der Unter-
tunnelung
der Lagune und die Gefährdung bebauter Bereiche ist vermutlich eine reale Bedrohung. Dies ist ein Fall, in dem sich jede/r fragt, ob man wirklich alles machen muss, was technisch machbar ist, und vor allem wofür.
Um den täglichen Transport der nicht mal mehr 60.000 Venezianer zu modernisieren oder um die Tore für immer mehr immer kurzfristiger verweilende Bes
ucher immer weiter aufzureissen?
Mehr dazu in einem weiteren Eintrag demnächst.














Für die, die noch die Gelegenheit haben und die Ausstellung besuchen wollen:
ich musste diverse Uni-Gebäude im Süwesten von Venedig abklappern, bis ich endlich die Aula Gino Valle fand.
Also: man quert die kleine Brücke vom Campo der Kirche S. Nicolo dei Mendicoli zur Fondamenta dei Bari, nimmt den nächsten Eingang in das lange Uni-Gebäude auf das man dort sofort trifft, geht durch die rechte Seite der Eingangshalle hoch
in den ersten Stock. Die Aula Gino Valle ist in der Nähe des Treppenhauses, so in etwa links halten und zur Not Studierende fragen. Die Ausstellung belegt nur einen Raum, der ganz dunkel ausgeschlagen ist.

Pressemitteilung aus 'professione architetto'
Veranstaltungshinweis 'inItalia.it'
Iuav -archivio progetti

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