16. Dezember 2012

Gesehen: Das Venedig Prinzip



Das Venedig Prinzip will die Schönheit Venedigs zeigen und die Brutalität, mit der die Stadt benutzt wird als Geldmaschine. In einem System und einem Prozess, der fassungslos macht. In dem für Geld alles verkauft wird: die über Jahrhunderte geheg-
ten reichen und armen Wohnstätten der VenezianerInnen, die Lebens-, Arbeits-, Verkehrsstrukturen der Stadt, die Integrität der Inseln und die Ökologie der Lagune, das touristische Erlebnis als Blitz-Premium-Shopping-Event für Tages- und KreuzschifftouristΙnnen, einfachste Klischees der Selbstdar-
stellung und hochpreisige Originale. 

Alle scheinen daran beteiligt zu sein, die ErbInnen, die die Eigentumswohnung der Großeltern unterm Dach als Ferien-
wohnung vermieten oder den Familienpalazzo verkaufen, ArbeitgeberInnen, die mit ausländischen Billigsarbeitskräften verdienen, die Stadt, die die Situation nicht unter Kontrolle hat, die Unternehmen, die in diesem System Geld machen, und zwar legal.


Der Film versorgt jedeN ZuschauerIn mit der erwarteten Schönheit, aber auch mit einem angemessenen Schock. Für die meisten sind das sicher die Bilder der 'grande navi', der riesigen Schiffe, die sich beängstigend mitten durch die Stadt schieben. Für mich war es z. B. der Immobilienmakler, direkt beteiligt am Ausverkauf der Stadt, der voll bitterer Selbsterkenntnis den Betrug von und an Verkäufern und Käufern einräumt und offensichtlich nicht mehr in den Spiegel gucken kann.

Und die Journalistin, die ihre schöne Wohnung an TouristInnen vermietet und in der ehemaligen Buchhandlung im Parterre lebt, das Bett zwischen Bücherregalen und -stapeln, damit sie ihr Häuschen bei S. Sebastiano behalten kann. Nie mehr kann ich ein Apartment in Venedig mieten, ohne mich zu fragen, wie die VermieterInnen leben!

Der Bootsspediteur, spezialisiert auf private Wohnungsumzüge, der ähnlich wie schon die ProtagonistInnen in "6 x Venedig", dem ersten Venedig-Dokumentarfilms dieses Jahres, den Niedergang miterlebt. Der melancholisch, aber nicht verzeifelt die Schultern zuckt und selbst aufs Festland umzieht, als seine Wohnung gekündigt wird. Er wird künftig pendeln, wie viele der Menschen mit einfachen Jobs in Venedig. Auf Torcello (ein gutes Dutzend Einwohner), habe ich erlebt, dass um 9 Uhr, eine Stunde vor den Touristen, sämtliches Museums-, Kiosk-, Gaststätten- und sogar Kirchenpersonal mit dem Vaporetto eintrifft, das ist in Venedig nicht anders, wenn auch auf Torcello besser zu überblicken.  

Was für ein Glück, dass der Film der männlichen Bitterkeit und Melancholie  eine wütende alte Frau gegenüber stellt, die Schriftstellerin Tudy Sammartini in ihrem Häuschen nahe der Stazione Marittima und an Brennpunkten in der Stadt. Sie nennt Ross und Reiter und ist, hoffe ich, ein Vorbild bürger-
lichen Widerstands, das andere mitzieht. Denn sie ist venezianische Prominente und international bekannt, zwei ihrer Bücher stehen in meinem Bücherschrank. Beides wunderbar und kompetent geschriebene Großbände mit hervorragenden Fotos, "Die Türme von Venedig" von 2002 und "Die geheimen Gärten Venedigs" von 1995. Ihr neuestes Buch von 2011 ist wieder ein Gartenbuch "Verde Venezia", bisher nicht in Deutschland erschienen. 







Am Tag nach dem "Venedig Prinzip" gab es im NDR eine Sendung "Sylt: Ausverkauf einer Insel".
Das Sylt Prinzip. Wörtlich die gleichen Beschreibungen: der Gelddtourismus führt zum Ausverkauf der Häuser und zum Villen-Bauboom, die Einwohner können die hohen Preise auf der Insel nicht mehr zahlen und müssen aufs Festland, pendeln täglich mit dem Zug zurück zu ihren Dienstleistungs-
job. Geschäfte für den täglichen Bedarf werden ersetzt durch Edelboutiquen und teure Markenläden. Schulen und Krankenhäuser werden geschlossen. Das Prinzip funktioniert überall auf der Welt auf gleiche Weise und setzt sich überall durch.


Man darf die Augen nicht davor verschließen sondern muss den nächsten Venedig- (oder Sylt-) Besuch weniger romantisch und informierter antreten. Wer will schon auf Venedig verzichten. Aber nicht alles und nicht um jeden Preis.


"Poetisch und illusionslos": hier gibt es weitere Berichte und Kritiken
ZEIT In einem Traum gibt es kein echtes Leben

Hamburger Abendblatt Keine Bewohner, nur Touristen 
HR/ARD Eine Stadt geht baden
WDR3 Der langsame Tod der Lagunenstadt
SWR Eine Stadt versinkt im Touristenmeer
Critic.de Das Venedig Prinzip
Filmdienst Das Venedig Prinzip
Kunst+Film Das Venedig Prinzip
Neues Deutschland Festland trifft Insel
Getidan Das Venedig Prinzip


Nachtrag 11.01.2013
Das Venedig Prinzip hat sich für das Nominierungsfahren des Deutschen Filmpreises qualifziert.

Aktuelle Spielpläne:

Berlin - seit 06.12. - fsk
Berlin – seit 06.12. – Hackesche Höfe
Berlin – seit 07.01. – Babylon Mitte
Berlin – seit 01.01.- ACUDkunsthaus
Bochum - 17.01. bis 23.01. – Endstation
Bonn -seit 07.01.- Rex
Bremen – seit 06.12. – Ostertor
Brühl – 22.02. und 23.02 – Zoom
Celle – seit 07.01 – 8 1/2
Dresden – seit 06.12. – Kino im Dach
Essen – seit 07.01. – filmstudio
Esslingen – 31.01 bis 06.02. – Koki
Frankfurt – seit 09.12. – Mal Seh’n
Freiburg – seit 06.12. – Friedrichsbau
Göttingen - ab 07.02. – Lumiere
Halle – 14.02. bis 20.02. – Puschkino
Hamburg – seit 03.12. – Abaton
Hamburg - am 31.01. – Lichtmess
Köln – seit 06.12. – Filmpalette
Köln – seit 06.12. – Odeon
Leipzig – 29.01 bis 06.02. – Prager Frühling
Leipzig – 28.02. bis 06.03. – Cineding
Mainz – 14.02 bis 20.02. – Cinemayence
München – seit 06.12. – Neues Arena
Münster – seit 06.12. – Cinema
Nürnberg – seit 06.12. – Meisengeige
Oldenburg – 14.02.-20.02. – Casablanca
Schorndorf - 19.01 bis 27.01. - Kino Kleine Fluchten
Schrobenhausen - seit 20.12. – Cinepark
Trostberg – ab 10.01. – Stadtkino
Stuttgart – seit 06.12. – Arthaus


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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/venedigs-geschaeft-mit-dem-untergang-der-tod-hat-jetzt-mal-pause-11976350.html

Ein anderer Artikel von Dirk Schümer zum Thema war neulich in der FAZ zu lesen.

Lagunenlicht

Anonym hat gesagt…

Ein sehr sehenswerter Film. Eigentlich ein Muss! BW

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte, ich habe mir den Film inzwischen angesehen und finde ihn unbedingt sehenswert. Am Anfang, als das volle Venedig gezeigt wurde, hatte ich schon die Befürchtung, jetzt kommt das Überlaufen-Klischee und auch noch genau im Karneval mit Tele-Zoom, damit alles noch viel enger aussieht, als es schon ist. Aber das ist trotz aller Vollheit ja nicht der Alltag. Dann wurde der Fil aber in meinen Augen relaer und sprach die endlosen Probleme an, die durch die Begleitung engagierter Venedzianer sehr deutlich wurden. Das Schicksal des Mannes mit den Umzügen war ja schon ergreifend, dabei stellvertretend für viele andere. Natürlich kam der Film nicht an den großartigen Bildern von Venedig vorbei, um sozusagen das zu zeigen, was auf dem Spiel steht. Insagesamt ein wichitger Film, den ich weiterempfehlen werde. Leider läuft er ja nur in den kleineren Kinos. Ich war in Köln, da waren insgesamt 4 Personen im Film.
Viele Grüße
Aldebaran

Gabriele Kostas hat gesagt…

Apropos Film: z.Zt. gibt es bei Arte 3 sehenswerte Filme
"Verborgenes Venedig" Teil 1-3
http://videos.arte.tv/de/videos/verborgenes-venedig-1-3--7160238.html
http://videos.arte.tv/de/videos/verborgenes-venedig-2-3--7161328.html
http://videos.arte.tv/de/videos/verborgenes-venedig-3-3--7162700.html
Viel Vergnügen!
Gabriele