6. Oktober 2013

Oktoberanfang in Venedig

 

Herbstlicher Park auf S. Giorgio Maggiore

Seit vorgestern bin ich für einen ganzen Monat in Venedig, eigentlich jenseits  meiner Norm von Urlaubsdauer und -budget, aber dank Aufteilung von 3 Wochen Urlaub + 1 Woche Bildungsurlaub und einer Projektförderung durch die Fondazione Cini wohne ich die 4 Wochen preisgünstig auf der Insel S. Giorgio Maggiore. Ich habe genügend Arbeitspläne und einen Sack voller Termine, ein Teil davon könnte Anlass zu Blogeinträgen werden. 

Aber unabhängig davon - zu Erzählen gibt es immer über die schönste Stadt.
Es ist grau, kalt und nass, wenn auch nicht windig, bei Flut ist die Platte vor S. Giorgio Maggiore überschwemmt. Trotzdem legte gestern eine Hochzeitsgesellschaft im gecharteten Aus-
flugsschiff an, um Fotos vor dem Panorama der Riva, des Do-
genpalastes und des Campanile von San Marco zu machen. Braut im schulterfreien langen Nebelblassen aus Chiffon? Viskose? mit nassem schmuddeligem Saum (ich im Kapuzen-
mantel mit doppelt geknotetem Schal).


Ufer vor S. Giorgio Maggiore gestern Abend

In diesem Tagen laufen Zivilschutzübungen hier, unter ande-
rem  probte die ACTV einen Verkehrsunfall zu Wasser; die Ak-
tiven des Küstenschutzes proben 2 Tage lang Notfallmaßnah-
men in S. Pietro in Volta auf Pellestrina und luden die Bevölke-
rung zu reger Beteiligung ein; hier auf S. Giorgio schrillte der Probealarm am Freitagmorgen los als ich den Fuss in die Tür setzte und natürlich nicht wußte, was zu tun ist. (Sich ruhig an die entsprechende Sammelstelle begeben, sich zählen lassen und auf das Boot warten, das an die Sammelstelle zwecks Evakuierung von der Insel kommt.)


Es gibt 3 Sammelstellen und eine bekannte Zahl von "Ein-
wohnern" - MitarbeiterInnen, Mönche, Wohngäste wie mich, sowie eine unbekannte Zahl von Besuchern der Kirche, der Ausstellungen, Bibliothek, Archive, Terassenbar... niemand darf im Notfall zurück gelassen werden. Jeder muss jedem helfen. Mich schnappte die Putzfrau und nahm mich (mit Rucksack, aber ohne Koffer, den ich "notfallmäßig" preisgab) zum Schiffsbecken auf der Inselrückseite mit. Alles aber sehr entspannt, danach ging man/frau wieder an die Arbeit und ich konnte einchecken. 


Blick aus meinem Fenster des Centro Vittore Branca heute Nachmittag

Von meinem Fenster sehe ich die Türme von S. Giorgio Maggiore, S. Giorgio dei Greci, S. Francesco della Vigna, S. Martino, die schwankenden Maste der Yachten in der Marina von S. Giorgio, die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe. Gestern Abend zog im Dunkeln der 5-Masten-Segler, der tagsüber nackt im Hafen von S. Basilio lag, mit voll gesetzten weißen Segeln wie ein fliegender Holländer vorbei, ein großartiger Anblick!

Die Stadt ist voll, die Biennale rappelvoll, im Arsenale ein Gedränge vor allem von großen Gruppen, Schulklassen, Studienreisengruppen etc... Wo die Gruppenführenden High-
lights der Ausstellung verorten ist Stau, und leider sind die großen Hallen der Tana in diesem Jahr extrem kleinräumig unterteilt, was die Gesamtverstopfung noch weiter fördert. Mir fiel das Ende Juni gar nicht auf, als 4 Wochen nach der Eröffnung und kurz vor den Sommerferien die Zahl der BesucherInnen übersichtlicher war.


Ruhiger ist es wie immer in den Biennale-Bereichen in der Stadt, ich war zum 2. Mal in den Ausstellungen von Kroatien, Kata Mijatovics "Kunst der Träume" im "Kulturzentrum Don Orione" (auf meiner Liste der "klösterlichen" Unterkünfte) und Island im Garten des Palazzo Zenobio eine von ganz wenigen BesucherInnen. Auch beim zweiten Besuch finde ich den Beitrag von Island enttäuschend, gemessen an den letzten Auftritten Islands. Das Messen ist falsch, aber schwer vermeidbar...


Seidenraupenkokons, ""Silentio Pathologia"

Zum ersten Mal, und als einzige Besucherin, war ich in der umstrittenen Ausstellung Makedoniens "Silentio Pathologia" von Elpida Hadzi-Vasileva. Umstritten wegen der Verwendung von lebenden Tieren (2 Ratten, die ich in ihrem Käfig nicht ausmachen konnte, aber vielleicht mögen sie nicht 8 Stunden täglich angestrahlt werden) und sehr vielen toten weißen Ratten, bzw. deren Fellen. Viel schriftliche Begründung online und auf Schildern in der Ausstellung, um TierschützerInnen zu beruhigen. 

Die Vorhänge aus Unmengen von Seidenraupenkokons (die einen sehr spezifischen, mir gut bekannten und für meine Nase nicht aufdringlichen tierischen Geruch ausströmen), aus schwarzen geknüpften Seidenschnüren und den besagten Rattenfellen bilden eine durchsichtige Spirale, die umgeben ist von Stahlplatten und ergänzt durch erhaltene Marmorsäulen der Ex-Scuola und in deren Mitte die lebendigen Tiere sitzen (sollen). 
Mich hat die Installation sehr beeindruckt und ich fand das Thema der Künstlerin und ihre Wahl seines Ausdrucks nach-
vollziehbar. Die funktional renovierte Scuola dei Laneri bietet einen passenden Rahmen dazu als ehemaliges Bruderschafts-
haus der Wollwirker. Ich empfehle die Ausstellung sehr, die zudem im Stadtteil zwischen Piazzale Roma und Campo S. Margarita liegt, viel zu Gucken!


Elpida Hadzi-Vasileva "Silentio Pathologia" -
Rattenfelle, schwarze Seidenschnüre, Seidenraupenkokons, Marmorsäule

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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank fürs Teilhabenlassen an Ihren Venedig-Entdeckungen und weiterhin fruchtbare Wochen dort! BW

Angela hat gesagt…

Wie schön, dass Du so lange in Venedig sein kannst - und schön für uns, dass wir über Deinen tollen Blog so manches mitbekommen können.
Eine wunderschöne Zeit wünscht

Angela