17. November 2013

Ein Fund auf der Piazza



Frühmorgens unterwegs auf der Piazza (und zwar auf der Ideallinie vom Bankautomaten an der Merceria zur Bibliothek des Museo Correr, Eingang links des Florian) liegt vor mir auf dem Trachytpflaster eine längliche Inschrift.

Denkmale auf dem Pflaster kennt man, z. B. verlegt von Denkraum Namen und Steine der Aids-Stiftung. Oder das Kunstprojekt "Stolpersteine" von Gunter Demnig, der in Deutschland und Europa über 40.000 gestaltete Steine zur Erinnerung an die Opfer des Faschismus installiert hat.

Das hier liegt schon seit 1625 und es ist kein Kunstprojekt, ich sehe es nach den vielen Überquerungen der Piazza tatsächlich zum ersten Mal. Es lag wohl innerhalb des Bezirkes, der zur Sanierung des Campanile viele Jahre eingezäunt war. Und davor, zu Zeiten der Taubenschwärme, war das vielleicht der Standplatz eines Maisverkaufskarrens oder es sassen/standen die Tauben darauf oder die Taubenfütterer. 

Die Inschrift muss zu tun haben mit der Handwerkszunft (arte) der Schuhmacher (calegheri), die ihre Scuola bzw, Scoletta am Campo San Tomà hatten. Das Gebäude existiert noch, man kann den Saal für Veranstaltungen mieten. Und ich bin immerhin die Enkelin eines Berliner caleghero der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Tage später überquere ich die Piazza in Begleitung einer leitenden Mitarbeiterin der Biblioteca Marciana, die, hoffe ich, meine Frage beantworten kann. Sie glaubt, dass das ein Relikt der Prozessionsordnung ist, für die Züge von Signoria, Klerus, Scuole (Brüderschaften von Zünften, Landsmannschaften, bürgerlicher oder religiöser Art), die an bestimmten Festtagen und auch außerordentlichen Gelegenheiten mehrfach jährlich von San Marco über die Piazza und wieder zurück führten. Es gibt viele künstlerische Darstellungen dieser Prozessionen, meist aber aus der Zeit vor dem Jahr 1625, wie dieses Bild von Gentile Bellini von 1496 (zu sehen in der Accademia).




Vermutlich gab es mehr solcher Plaketten auf dem Pflaster der Piazza, die aber nicht erhalten sind, warum auch immer diese eine noch da ist.

Und prompt: ist die Aufmerksamkeit geweckt, mache ich die nächsten beiden Funde von Buchstaben an erstaunlichen Stellen. Spolien von ehemaligen Gebäuden? Von Gräbern aus den vielen abgerissenen Kirchen? 

Keine Ahnung. Unerschöpfliche venezianische Rätsel!










Rechts des Eingangs der Gesuiti-Kirche in Cannaregio









Drei ziemlich große Steinplatten auf dem Campo S. Giorgio Maggiore, vor der Palladio-Kirche, etwas links versetzt:

 



Ergänzung 14.01.2014:

Nach einiger Sucherei haben die Korrespondenten B. und P. A. die Inschrift der Calegheri auf der Piazza gefunden und teilen die Koordinaten mit, unverbindlich: N 45grd26.023' , E 12grd20,304'
Herzlichen Dank!

.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was Sie immer für tolle Funde machen und posten! Danke! BW

Andreas Götz hat gesagt…

Hallo Brigitte,
ja, diese Inschriften sind schon interessant. Sehr erstaunlich, daß eine Angestellte dieser Bibliothek nicht weiterhelfen konnte. Zumindestens sollte sie wissen, wen man fragen kann.
Auf der Piazza gibt es eine weitere Inschrift, noch näher am Florian. Die Calegheri-Inschrift erinnere ich weiter zum Lavena. Die zweite Inschrift weist auf den ersten Standort der San Geminiano-Kirche hin. In Schriftart und Erhaltung würde ich sie vor 1970 einordnen. Eine Inschrift in der gleichen Art findet sich auf der Ufermauer an der ponte della paglia: "APPRODO PER LA STRADA FERRATA"

http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/1644134/display/32312052

Die Calegheri-Inschrift ist in sehr gutem Zustand. Die Schrift ist modern (z.B. das R). Ich vermute nicht älter als 1980. Aber es kann ja an gleicher Stelle eine ähnliche Inschrift gegeben haben.

Das Museo Correr müßte es eigentlich wissen, ist schließlich für Stadtgeschichte zuständig.

Die Beispiele bei der Gesuiti und bei San Giorgio sind zu fragmentarisch, als daß ich da ohne Quellen was vermuten könnte.

Da hast du ein interessantes Thema präsentiert.

Gruß, Andreas

Andreas Götz hat gesagt…

Habe noch was vergessen: Das Design der heutigen Pflasterung schuf Andrea Tirali 1722.