7. März 2015

Hüllen und enthüllen

Die blaue Verschleierung der Scuola Grande della Misericordia

Ich habe einen kurzen Besuch in der ruhigen Zeit nach Karneval in Venedig gemacht - es war kühl und feucht, die Vaporetti waren ungewohnt leer, dafür wimmelte die Riva vormittags von großen asiatischen Reisegruppen, die zu Fuß unterwegs waren. 

Was mir erfreulich auffiel: die Hüllenpolitik bei der längerfristigen Renovierung von Gebäuden scheint sich grundsätzlich geändert zu haben. Wer erinnert sich nicht an die Planen, die viele Jahre die Fassaden von Dogenpalast, Biblioteca Marciana, Prokurazien, Palazzi am Canal Grande im Auftrag von Bul---, Rol--- etc. entstellten. An den Ärger über Fotos, die nicht die Seufzerbrücke zeigten, sondern Werbung. Angeblich notwendige Einnahmequellen zur Finanzierung der Restaurierungen. Hat ja niemand geglaubt. Wie viele Proteste von enttäuschten Touristen und empörten Kunst- und ArchitekturhistorikerInnen sind wohl an die Verantwortlichen gerichtet worden! Jahrelang schien das erfolglos zu sein.

Bis die ersten Hüllen am Canal Grande keine Werbung mehr, sondern eine graphische Darstellung des verhüllten Gebäudes zeigten. Als die Renovierung des Dogenpalastes beendet war und die Riesenplanen verschwanden, wurde erfreulicherweise auch an der großen Baustelle des Fondaco dei Tedeschi keine Werbung des Bauherren angebracht, sondern eine Art Faksimile der Fassade. Derzeit ist auf Kanalseite das Gerüst bereits wieder teilweise enthüllt. Je nach Helligkeit bzw. Lichteinfall könnte man das fast übersehen.


S. Maria di Nazareth am Bahnhof - unvermietete Werbefläche?
Die Kirchen S. Maria di Nazareth (Scalzi) und S. Maria della Pietà sind derzeit eingerüstet und hinter ähnlichen Fassadenfaksimiles verschwunden. Es scheint, dass man die Option für eine Werbefläche freihalten wollte, zumindest legt eine große freie Fläche den Gedanken nahe. Hat sich kein Konsumlabel mehr gefunden, das einen Imageverlust riskieren will durch Verschandelung der Schönheit Venedigs? Verzichten die GebäudeeignerInnen auf die Vermietung der Werbeflächen, die das Stadtbild und ihren Ruf temporär beschädigen? Das wäre ein erfreulicher Lernprozess. 


S. Maria della Pietà an der Riva - unvermietete Werbefläche?
Noch nicht kapiert hat man es im Falle der potthässlichen Einrüstung + Bauzaun von SS. Giovanni e Paolo, eigentlich einer der schönen und volkstümlichen Plätze der Stadt. Seit ca. 2 Jahren ein scheußlicher Anblick und für einen Aufenthalt im Straßencafé nicht mehr geeignet.


Campo SS. Giovanni e Paolo, Juni 2014. Sieht mittlerweile noch wüster aus
Dagegen sind die blauen Schleier der Scuola Grande della Misericordia zauberhaft. Das Riesengebäude, das man von den Türmen von S. Marco und S. Giorgio Maggiore oder von der Laguna Nord über die Stadt ragen sieht, himmelblau eingehüllt, hat Christo-Qualität, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Besonders an diesen blauen Frühlingstagen.


Vom Rio dei Gesuiti
Vom Ponte Seriman
Von der Fondamenta S. Caterina
Während ich mich entlang des Rio di S. Caterina näherte, enthüllten Bauarbeiter das Gerüst an der Gebäuderückseite, einer nach dem anderen fielen die langen blauen Schleier schwebend und lautlos wie in einer Inszenierung. Bis ich dann vor der Verhüllung der Misericordia stand. Das ist momentan, was man in Bayern vermutlich ein mords blaues Trumm nennen würde. 



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1 Kommentar:

Dagmar Axer hat gesagt…

Hallo,
Danke für den "Baustellen-Bericht"...bei meinem letzten Besuch bin ich in die Scuola Grande della Misericordia einfach reingegangen.Ein Arbeiter kam heraus und ich schlüpfte einfach durch die Türe...Habe heimlich Fotos gemacht...Stuckateure waren ander Arbeit...sie sieht von innen gigantisch groß und gespenstisch aus.Fotos von der inneren Baustelle sende ich gerne zu;