8. Juni 2015

Opera alla veneziana - HALKA/HAITI 18°48’05”N 72°23’01”W


Geh morgens zeitig in die Giardini, damit du Zeit hast für die Kunst in den Pavillons und die freiwillige und unfreiwillige dazwischen. Und wenn dir nach 6 Stunden deine Füsse ordentlich weh tun, du durstig und hungrig bist, genieße im polnischen Pavillon ein Opernerlebnis alla veneziana, bevor um 18 Uhr die Biennale schließt. Du hast Essen und Trinken dabei und vielleicht auch jemanden, den/die du gern küsst - üblich in venezianischen Opern des 17. und 18. JH, als der Opernbesuch zum täglichen Entertainment gehörte und man bei der Musik aß, trank, verhandelte, küsste und Venedig mit vielen guten und schlechten Opernhäusern gesegnet war.

Cazale, der Ort auf Haiti, in dem die Oper gegeben wird, hat kein Opernhaus, gespielt wird auf der Dorfstraße, die BewohnerInnen haben sich an verschiedenen Ecken gruppiert, damit Gäste (also wir) Platz haben und alles gut überblicken. Gesungen wird mitten auf der Straße, das Orchester sitzt rechts, das Keybord für Gesangsbegleitung links, der Dirigent saust über die Straße, wenn er von Gesangsbegleitung zur Orchesterleitung wechseln muss. Die SängerInnen treten kurz zur Seite, wenn ein vorbei fahrendes Moped die Bühne kreuzt, aber nicht, wenn Kinder durchrennen oder Hunde. 

Bevor die Sonne aufgeht, kippt eine Nachbarin ein paar Eimer Wasser auf die Straße gegen den Staub und bindet ihre Ziege fest, wo später gespielt wird. Langsam trudeln die Akteure ein: BewohnerInnen, Mitglieder der Oper Poznan, das Holy Trinity Philharmonic Orchestra Port-au-Prince, die örtliche Tanzgruppe, das Filmteam. 
Die BewohnerInnen sind Nachkommen der polnischen Soldaten, die 1802 mit napoleonischen Truppen Haiti erreichten, um die Sklavenrevolte niederzumachen, und prompt die Seite wechselten. 
Die Oper Poznan spielt mit lokaler Unterstützung die Oper Halka, mir bisher unbekannt, ich höre gerne, aber nicht häufig Opern. Das Projekt wurde inspiriert durch Werner Herzogs Fitzcarraldo - aus meiner Sicht keine Empfehlung. Fragen wie Kulturkolonia-
lismus und Nationalbewußtsein bzw. nationaler Selbstdarstellung wurden laut dem kleinen Begleitflyer im Projektkonzept und in der laufenden Arbeit nicht ausgeklammert. Ein wichtiger Punkt.


Der Film ist toll. Eine ca. 10 m breite leicht gebogene Leinwand, 4 (oder 5?) fest stehende Kameras, die nie bewegt werden, kein künstliches Licht, sehr guter Ton, das haitianische und das vene-
zianische Publikum in einem Raum. Anfangs kommen Bewohner mit einem Tablet zu einer Kamera, um sie aufzunehmen: man fühlt sich sofort gefilmt. Wir stehen und sitzen uns gegenüber oder liegen auf dem Teppichboden des Pavillons. In der Mitte spielt die Musik. Die ganze wunderbare Aufführung. 

Viel Vergnügen!  


Polish Legions
Casale
Les Polonais 1
Les Polonais 2
Les Polonais 3
Les Polonais 4


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