14. November 2016

Fondaco dei Tedeschi - Ansichten, Aussichten

November 2016
Am 1. Oktober wurde der Fondaco dei Tedeschi als T-Fondaco neu eröffnet. (Dazu mein Blogeintrag vom 21.8. + Ergänzungen bis 26.10.)
Erst in der 1. Novemberwoche war ich für Begleitungen und eine
Konferenz wieder in Venedig. 


August 2008
Und wie dann so oft in dieser Stadt: Zeitplanung wird eng, es bleibt nur eine Mittagspause für den Fondaco. Also mit der Linie 2 von S. Giorgio M. zu den Zattere, von da zu Fuss zur Accademia, von da wieder mit der Linie 2 bis Rialto (das Gleiche ein Stunde später zurück, mit 2 gegrillten Genoveser Brötchen vom Rialto in den Manteltaschen, mein Mittagessen) und rein in den Fondaco. Wo mich beim Eintritt in die multiparfumduftende Glitzerwelt die ersten Takte der Mondscheinsonate empfangen, ein Lieblingsstück meiner Kindheit. Herz öffnet sich unweigerlich - und klappt wieder zu, als sich der dazugehörige fette elektronische Klangteppich ausbreitet. In der Folge ist für jeden Genregeschmack was dabei, präsent und unüberhörbar. Kaum bin ich drin, reicht es mir eigentlich auch schon, vor allem die aggressive Okkupation von Ohren und Nase.  


Verkäufer*innen in leeren Markenläden
Ansonsten im Parterre: der Brunnenkopf wurde von der Mitte des Innenraums an den Rand verschoben; der schöne Ziegelfussboden ersetzt durch farbigen Hochglanz in riesigen Streifen; Teppiche, sprich staunenswerte Proben von alten Rubelli-Mustern, hängen über die Brüstungen der Etagen. Der Blick im Raum nach oben ist vertraut, aber das Raster des Glasdaches ist plump geworden. Ein kleiner Rundgang durch die Geschäfte zeigt zum ersten Mal die enorme Größe der Struktur - man kannte ja nur das Volumen des glasdeckten Hofes und die Postschalter. Nicht zu erkennen ist, ob die Raumaufteilung neu ist bzw. an welchen Vorgaben aus welcher Zeit sie sich orientiert, die beiden Treppenhäuser jedenfalls sitzen an der alten Stelle. 

Was die Rolltreppe betrifft: auch ich hatte Schlimmeres erwartet. Auf den OMA-Fotos des leeren Gebäudes beeindruckt sie, jetzt in der Luxusumgebung nicht mehr, eher irritiert ihre Banalität. Wer braucht eigentlich noch ein derart unpraktisches Dingens, wenn der Denkmalschutz kaum interessiert und es elektronische Fahrstühle gibt? Rem Koolhaas mit seinem Rolltreppentick!




Die niedergelassenen Geschäfte hier im Flughafen-DutyFree-Ambiente sind nicht mein Budget und nicht meine Freizeitbeschäftigung, die vielen unterbeschäftigten VerkäuferInnen lassen es auch nicht ratsam erscheinen, sich auszuliefern - davon abgesehen, dass ich nur eine Mittagspause habe. Also mit dem Fahrstuhl in die 4. Etage auf die hochgelobte Dachterrasse. Vom Fahrstuhl kommend, gibt es am Ende des Flurs einen Counter, an dem kostenlose Eintrittszettel mit Zeitaufdruck verteilt werden. Bei wenigen Besucher*innen fällt dieses Ritual aus und man geht einfach durch. Bei vielen Besucher*innen fällt spätestens jetzt die Warteschlange an.  
Ein güldener Tunnel führt in den spiegelglitzernden Raum mit dem Boden aus Milchglas (oder welchem Industriematerial?) über dem Innenhof, der sich zur Terrasse öffnet. 80 Eintrittszettel werden von 3 Verantwortlichen zählend wieder eingesammelt (kann man so machen - oder auch anders), und 80 Personen aufs Dach eingeladen. Nach ca. 10 Minuten (ich bin mir nicht sicher, denn die Aussicht lässt tatsächlich den Blick auf die Uhr vergessen) werden sie höflich auf 2 letzte Minuten hingewiesen und danach von der Terrasse gebeten. Bei wenigen Besucher*innen entfällt auch dieses Ritual (man bleibt, solange man möchte), und bei sehr vielen Besucher*innen wird vielleicht schneller gewechselt, weiss ich nicht.


"Glas"boden über dem Innenhof, Aufgang zur Terrasse
Die Aussicht an der Rialtobiegung des Canal Grande ist atemberaubend. Es gibt ja schon einige Aussichtspunkte in Venedig, vor allem die Campanili von S. Marco und S. Giorgio M., aber auch die niedrigere Scala del Bovolo und das Treppenhaus des Palazzo Pisani, die aber schöne Blicke in die Nachbarschaften erlauben. Auch aus Dachgeschossen hoher Palazzi, z. B. Rezzonico und Dogenpalast, kann man das Auge wandern lassen. Aber die Einheit von freiem Blick in alle Richtungen ohne Dach über dem Kopf und freier Bewegung auf dem Dach selbst sind eine außerordentliche Erfahrung. Es ist das Altana-Gefühl. Venedig ist voll von diesen schlichten, über den Dächern schwebenden Holzaufbauten, von denen man einige von unten sieht, ihre große Menge und Vielgestaltigkeit aber erst von oben. Der Männerbereich der Serenissima lag im Geschäftsleben auf der Wasserebene, einer der abgegrenzten Frauenbereiche über den Dächern (das schöne Klischee des Haare blondierens auf der Altana). Mit Rufkommunikation von Dach zu Dach. Aber dieses Gebäude war nie ein Privathaus und es hatte keine Altana. Hier lebten und arbeiteten Geschäftsmänner zusammen.


Rialtobrücke von oben
Deshalb und gleichzeitig empfinde ich die Dachterrasse als Symbol aller Niederlagen des venezianischen Denkmalschutzes. Sie ist nun da, und wir genießen den Ausblick, aber sie hätte nicht sein dürfen. Sie dient nicht dem Erhalt, nicht der Verschönerung und nicht einer notwendig gewordenen Nutzung des Gebäudes, sie dient dem Gewinn ihrer Besitzer*innen. Sie ist nun da, weil sie gegen Gesetze und mit möglicherweise unlauteren Argumenten durchgesetzt wurde. Und, da stimme ich der Meinung von Wolfgang Wagener zu (siehe Kommentar  26.10.), sie wird über kurz oder lang auch nicht mehr der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. 
Sie wird für Events solventer imageorientierter Mieter zu buchen sein und, kommt der Frühling, z. B. für romantische 'Proposals' und Hochzeiten indischer oder amerikanischer Töchter genutzt werden. Intim zu zweit oder im kleineren Rahmen von 50-100 Gästen, versteht sich. (Für Größeres mietet man die ebenfalls frisch renovierte Scuola Grande della Misericordia.) Nicht ohne Grund gibt es den Goldtunnel und weiteren befremdlichen Überwältungsglamour in den Räumen unter dem Dach. Die aber auch für internationale Präsentationen und Events weniger persönlicher Art aus den Kreisen von LVMH gut geeignet sind. Für eine 1-2tägige Veranstaltung gibt es dann eine einwöchige Sperre für die Öffentlichkeit und die Gelegenheiten, aufs Dach zu kommen, werden rar und rarer...


Aussicht mit Kreuzfahrtschiff
Bei meinem Mittagspausenschnellbesuch habe ich vergessen, einen Blick auf die Sanitäranlagen zu werfen. Marmor und Spiegel? Vielleicht japanische Elektronik in den Toiletten? Sprühen und föhnen? 

Außerdem hatte ich keine Zeit für die derzeitige Ausstellung (bis 15.1.) "Memoria dell' acqua" des venezianischen Künstlers Fabrizio Plessi. Er ist VenedigbesucherInnen bekannt durch regelmäßige Ausstellungen. Wirklich schade.
Dafür sass nach der Mittagspause der Künstler persönlich auf dem freien Stuhl neben mir in der Nachhaltigkeits-Konferenz der Fondazione Cini. Hoppla! Aber nur eine Stunde, denn als venezianische Celebrity musste er weiter zu Uraufführung der Oper Aquagrande im Fenice.



Am 20.11. (Uhrzeit noch nicht bekannt gegeben) findet das erste Konzert im Innenhof des T-Fondaco statt: ein Solidaritätskonzert des Pianisten und Komponisten Michael Nyman, der den musikalischen Teil der Ausstellung "Memoria dell'acqua" verantwortet. Eintritt frei, Spenden zugunsten der Erdbebenopfer in Mittelitalien werden erwartet. 

Vera da pozzo im Hof, Rolltreppe diskret


Interessant und von heute, 14.11. 
South China Morning Post:  DFS chief on its new Venice store and why Hong Kong luxury sales boom is over

Die Bauwelt hat in ihrer neuen Ausgabe vom 15.11. eine ergänzte Bildstrecke veröffentlicht.



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Kommentare:

Steven Varni, aka Sig. Nonloso hat gesagt…

An excellent and really interesting post, with equally excellent and informative photos. The image from 2008 provides a wonderful basis for comparison and your images of the new interior give real insight into one's actual experience of the interior (as opposed to the press release images).

I've been trying to write something about the Fondaco for over a week, and am happy that if I do eventually post something about it I can simply refer readers to your piece: for as regards certain elements of the place there's nothing I can add to what you've said.

ebbonn hat gesagt…

Thanks Steven. Reference and appreciation welcome. The status quo is like it is now - but let's wait 10 years and then see. Or let your son have a look at it when he will be 60 :-)