17. November 2016

Palazzo Grimani - das Projekt für Appassionati



Informiamo che da lunedì 17/10, il Museo di Palazzo Grimani apre con i seguenti orari: - venerdì e sabato ore 14-19



Eine kühle Mitteilung des Museo Palazzo Grimani am 19.10. auf Twitter, nachträglich. 
4 Tage zuvor hatte die NUOVA, von mir übersehen, bereits verkündet: "Palazzo Grimani schließt für das Publikum". Sachlich nicht ganz korrekt, gefühlt aber umso mehr.

Der Palazzo Grimani gehört zu meinen persönlichen Kultstätten, seit ich 2002 in der Ausstellung "Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen" der Bundeskunsthalle Bonn mit offenem Mund in der Rekonstruktion der grimanischen Tribuna stand. Atemberaubend und ein bisschen klaustro. Unglaublich nach heutigen Maßstäben, dass ein solcher Raum fensterlos gewesen sei! (Dass der römische "Ganymed, vom Adler geraubt" original in einem Turm hängt, vor blauem Himmel mit Rundumsonnenlicht von oben, hatte die BuKuHa nicht rekonstruiert.) 

Leider wurden bei der Neugestaltung des Internetauftrittes der Bundeskunsthalle die Links von älteren Ausstellungen nicht integriert, so dass meine Verlinkungen auf diese Ausstellung nicht mehr funktionieren. Den Katalog zur Ausstellung kann man zum Glück noch gebraucht beziehen: Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen.

Im Museo Palazzo Grimani ist die Tribuna bis auf den fliegenden Ganymed leer, der größte Teil der Sammlung befindet sich weiterhin im Archäologischen Museum an der Piazza San Marco. Im www habe ich in englischer Sprache eine Studie gefunden, die gut an die Texte des Ausstellungskatalogs ("Hypothesen zur Rekontruktion der Tribuna im Palazzo Grimani: Die Methodologie"  von Eva Soccal und "Die Restaurarierung der Antiken der Sammlung Grimani" von Marcella de Paoli anschließt: "The Tribuna of the Palazzo Grimani: a 3D survey and virtual representation of the original statuary".  Lesenswert.
Und es gibt auf der Website Meraviglie di Venezia ein virtuelle Rekonstruktion der Tribuna in ihrer ursprünglichen Ausstattung. 



Aber die Tribuna ist nur einer, und nicht der größte, der 14 erstaunlichen Räume der 1. Etage des Palazzo Grimani.

Der Staat Italien hatte 1981 den Palazzo Grimani in völlig verrottetem und gefleddertem Zustand aus privaten Händen gekauft und 25 Jahre lang beispielhaft und auf wissenschaftlicher Basis restauriert. Neben den geringen staatlichen Mitteln wurde die Arbeit vor allem durch Spenden finanziert, Dutzende von Millionen wurden aufgebracht. 
Details zu den Bauarbeiten als Information für die Öffentlichkeiten finden sich auf der Seite der Leitung des Amtes für Archäologie, Kunst und Landschaftspflege für Venedig und die Lagune. Der Bericht beginnt (in italienischer Sprache) mit dem Capitolo I und führt jeweils zum nächsten Capitolo, am Fuss des Textes anzuklicken, bis zum Capitolo 8.

Im Dezember 2008 wurde der Palazzo dem Fachpublikum vorgestellt, während der Weihnachtstage bis Dreikönig waren die Venezianer*innen kostenlos zur Bewunderung der außerordentlichen Restaurierung geladen. Danach durften auch Fremde rein, vorausgesetzt die vorherige online-Vereinbarung eines persönlichen Termins und die Vorlage eines Ausweises. Der Gipfel war die persönliche Einzelführung durch eine der Wisssenschaftler*innen des Museums. 



Mein erster Blogeintrag datiert vom 23.12.2008, (ein Teil der Links funktioniert nach 8 Jahren leider nicht mehr), der zweite Blogeintrag mit dem Bericht meines ersten Besuchs vom 28.6.2009. Beide Einträge sind auch heute noch lesenswert im Hinblick auf die Geschichte und Restaurierungsgeschichte des Palazzos. Und vor allem erschreckt mich selbst nachträglich meine klare Wahrnehmung vor 7 Jahren, wohin es mit diesem Museum gehen würde - ohne Marketing, ohne Vorstellung von Zielgruppen, Museumsdidaktik, Projektverantwortung, aber einer wissenschaftlich-elitären und selbstsicher-beamtigen Selbstwahrnehmung: den Bach runter. Vielmehr den Kanal runter. 

Obwohl ich dann ab Oktober 2011 beim Besuch des Palazzo plus mehrerer Gastausstellungen eigentlich glaubte, dass sich das Projekt langsam auf gutem Wege befand. Auch anlässlich der Canaletto-Ausstellung im folgenden Jahr 2012, die erste, die aus meiner Sicht sehr gut besucht war. Naja, Canaletto, ein Renner eben...!
Insgesamt war im Laufe 2009/2010 die Besucherpolitik entkrampft worden: normaler Eintritt für alle, keine Zwangsbegleitung - aber auch keine kostenlosen hochqualifizierten Führungen mehr (aus betriebswirtschaftlicher Sicht natürlich sinnvoll). Man besichtigte die leeren, kostbar ausgestatteten Räume ohne einem Menschen zu begegnen - egal ob Besucher oder Angestellte.



Dem Museum Palazzo Grimani bliebt die Bekanntheit versagt, die ein Familienpalazzo in direkter Nachbarschaft in wenigen Jahrzehnten gewinnen konnte: das Haus Querini Stampalia mit Bibliothek, Museum, Kulturveranstaltungen, Museumsshop- und Bar, Garten (nicht unerwähnt zu lassen die Interventionen des Architekten Carlo Scarpa). 
Ich denke, es wurde seitens der Verantwortlichen einfach nicht tief genug Luft geholt - eine geplante Aufbauphase von vielleicht 20 Jahren im Hinblick auf unterstützende Finanzen, zielgruppenorientiertes und vernetztes Marketing mit entsprechender Werbung, Kooperationen mit den Museen der Stadt Venedig (Dogenpalast, Archäologisches Museum etc.) und den lokalen Stiftungen (Cini allen voran, aber auch kleineren wie z. B. Levi), Bibliotheken und und Hochschulen - damit der Atem lang und sicher genug gewesen wäre.  

Nach den ersten großen Ausstellungen 2011 und 2012 wurden kurzzeitige kleine Ausstellungen des verantwortlichen Polo Museale Veneziano von frisch renovierten Einzelausstellungsstücken angeboten. Sie wurden ergänzt durch kostenlose Konzertreihen, Vortragsreihen, Führungen. 
Die Hinweise dazu erhielt ich nicht durch Einladungen per Newsletter, sondern auf Twitter - und wie leicht gehen Tweets ungesehen durch! Anhand der Tweets suchte ich mir die Ankündigungen dann auf der Website des Palazzo Grimani, um sie in den Kulturkalender meines Blogs einzutragen. Sie kamen mal extrem kurzfristig, mal gar nicht, mal funktierte die Website nicht, dann aber wieder doch - irgendwann merkte ich, dass man die Website 1 x öffnen, 1 x schließen, noch 1 x öffnen muss, um auf einer Programmankündigung zu landen. Man dankte mir für meinen Hinweis auf das Problem, korrigierte die Programmierung der Seite aber nicht. Kompetenz und Zuverlässigkeit in der Anwendung von Social Media mangelhaft. 



Insgesamt war und ist die öffentlichkeitswirksame Werbung aus meiner Sicht minimal und schlecht. Teilnehmer*innen dieser interessanten Angebote von hoher Qualität waren Bildungsbürger*innen, betagte venezianische Intellektuelle, die ihre Einladungen vermutlich über das Ateneo Veneto erhielten. Wunderbar, reicht aber natürlich nicht.

Im Laufe der Jahre wurden nicht nur inhaltliche Angebote nicht angemessen eingesetzt. Die Infrastruktur wurde ergänzt: der Kassenraum mit einem Bookshop ausgestattet - winzig. Es wurde eine wirklich coole Bar (quasi farblos!) eingerichtet (außerhalb des Eintrittskartenbereiches) - und nach ein paar Monaten sang- un klanglos wieder geschlossen. Noch heute pappt das Papier innen an den Glaswänden.
Es wurden Toiletten installiert, ein bisschen unter der Wasserebene, neben einem der beiden Wassertore - wer studieren möchte, wie eine Stadt im Wasser von unten aufgeweicht wird, gehe heute in diese Toiletten und sehe sich die Wände an.
Und sogar der banale Faktor der Lage des Museo Palazzo Grimani trug zum Misserfolg bei: das Gebäude steht mit 2 Seiten in Kanälen, mit 2 Seiten angebaut an Nachbarhäuser. Es gibt keine Fassade außer dem Landportal (und dem darüberliegenden 2stöckigen schmalen Stück Hauswand) zu dem eine schmale Sackgasse führt. Sie zweigt von der Ruga Giuffa ab und nichts könnte Passant*innen auf die Idee bringen, dass sich hinter diesem Portal ein enormer Palast von unerhörter Restaurierungsqualität versteckt. 

So ein Pech. Hier haben wir diesen herausragenden Palazzo, vielleicht die qualifizierteste Restaurierung in ganz Venedig. Darüber hinaus vielleicht der am authentischsten erhaltene Museumspalast in ganz Venedig, da man ihn, einmal leer gefleddert, nicht durch Ergänzungen in Form von Einbauten, nachträglicher Möblierung mit Stücken fremder Herkunft, nachträglicher Ausstattung mit Kunstwerken aus fremden Sammlungen etc. aufgepeppt hat. Wir wissen ja alle, dass das in allen anderen Palazzi der Fall ist (z. T. weil Ausstellungen eben ihr Nutzungszweck ist)  - Rezzonico, Pesaro, Mocenigo, Correr, Querini Stampalia und sogar Dogenpalast, um nur die bekanntesten und besuchtesten zu nennen. 
Dieses Haus ist pur. Aus Ruinen gerettet, wissenschaftlich restauriert, durch wenige antike Stücke aus der originalen archäologischen Sammlung der Familie Grimani in großer Zurückhaltung bereichert. Und durch ganz wenige zusätzliche Einzelstücke von besonderem historischen Wert wie der "Nuda" von Giorgione, die man von der Fassade des Fondaco dei Tedeschi rettete.
Mittlerweile ist auch die Restaurierung der 2. Etage, inklusive ihrem separaten Treppenhaus, weit vorangeschritten, während der Kunstbiennale 2015 wurden alle restaurierten Räume für die Ausstellung "Frontiers Reimagined" genutzt. Die Arbeit geht weiter.




Die Schließung des Palazzo bis auf Freitag und Samstag 14-19 Uhr galt seit 4 Wochen, dem 17. Oktober. Die gute Nachricht kommt jetzt: seit dem 7. November wurden die gekürzten Öffnungszeiten wieder zurück genommen



Dopo un breve periodo di chiusura, da oggi martedi 8/11 riapre al pubblico con un nuovo orario:

Montag geschlossen
Dienstag bis Samstag: 8:15-19:15 Uhr
Sonntag: 14-19 Uhr
Kasse schließt um 18:30 Uhr

Und es kommt noch eine gute Nachricht: ab dem 18.11., jeweils 16:30 Uhr, werden die kostenlosen Führungen an Freitagen wieder aufgenommen. Im Eintrittspreis enthalten, in italienischer Sprache von den hochqualifizierten Mitarbeiter*innen des Palazzo Grimani angeboten. 

Liebe Tourist*innen, liebe Leute mit Interesse und/oder Fachkenntnissen in Kunstgeschichte, Geschichte, Restaurationswesen, Archäologie, Architektur, liebe Profis, Wissenschaftler*innen und Venedig-Appassionati, da haben wir aber alle noch mal Glück gehabt. Und wissen jetzt, wohin uns unser nächster Besuch in Venedig unabdingbar und immer wieder führt. Wir und unser mangelndes Interesse können nicht noch mal als Ausrede dafür herhalten, dass uns die Tür zu einem unvergleichlichen Schatz vor der Nase zugeknallt wird. 






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Kommentare:

info-netz-musik hat gesagt…

Vielen Dank auch für diesen Tip! Das ideale Ausflugsziel für einen Regensamstag wie heute. Wir machen uns gleich auf den Weg dorthin. J & S.

Angela hat gesagt…

Liebe Brigitte,

am Anfang Deines Artikels bin ich ganz erschrocken und freue mich umso mehr über die gute Nachricht am Ende! Der Palazzo Grimani gehört bei uns zu jedem Venedigbesuch und ich kann jedes Deiner wunderbar gewählten Worte zur Situation dieses herrlichen Ortes nur voll inhaltlich unterschreiben. Zweimal waren wir dort zu diesen kostenlosen Konzerten, wunderschön, aber auch ich musste immer extra suchen, um die Termine zu finden, im Newsletter fanden sie sich nicht. Schade, denn da könnte man tatsächlich sehr viel mehr machen - vom unsäglichen Schicksal des Cafès beispielsweise ganz zu schweigen. Wir waren dort, als gerade sehr abstrakte Möbel gestellt wurden und wollten im nächsten Jahr einkehren - da war es schon wieder leer ...

Aber auf jeden Fall beruhigend, dass das Schicksal es offenbar noch einmal gut meinte, wir werden immer wieder gerne hingehen!

Liebe Grüße

Angela

ebbonn hat gesagt…

Liebe Angela,

geteilte Begeisterung ist multiplizierte Begeisterung... vielen Dank für Deine Bekräftigung!
Schönste Grüße!

Anonym hat gesagt…

Hallo Brigitte, wenn ich die Ankündigung für die Führungen richtig übersetzt habe, gilt dies nur für Freitags, oder? Hast Du es an anderen Tagen schon mal probiert?
Viele Grüße
Aldebaran

ebbonn hat gesagt…

Moin Aldebaran,

richtig, die REGELführung gilt nur am Freitag. Zusätzliche Führungen wurden bisher separat über Twitter veröffentlicht. (Wenn ich das mitbekomme, setze ich es auf meinen Kulturkalender.) Aber ich glaube, wenn man besonderes Interesse hat (falls das bei Dir der Fall ist) und ein bisschen italienisch kann, kann man per Anruf der Mail auch fragen, ob eine*r der Kunsthistoriker*innen Zeit hat. Falls Du es versuchst, bitte ich um einen kurzen Bericht :-) mir bestem Dank schon im Voraus!