4. Juli 2011

Venedig - Kinder - Strand


Squero San Trovaso bestückt mit Biennale-
kunst (Moldavien)


Ich kenne Menschen, die es ablehnen nach Venedig zu fahren. Sie wurden als Kinder von ihren Eltern hingeschleppt, das reicht ihnen für immer. Touristisches Grausen schon mit 4 kennengelernt.

Ich kenne auch ein Kind (inzwischen erwachsen), das begeistert berichtete "Ich bin auf dem Markusplatz verloren gegangen!" Das Kind war immerhin 10, die ungeahnte Hysterie seiner Eltern hat ihm viel Freude gemacht.


Biennale-Kunst am Ufer von S. Servolo "This is no game"

Ich habe Ende Juni völlig überrascht die Masse von jungen Eltern mit kleinen und sehr kleinen Kindern erlebt, die Venedig anscheinend für einen URLAUBSORT halten.

Leute mit Neugeborenen (damit meine ich unter 3 Monaten alt) in der Känguruhtasche in engen venezianischen Gassen, in denen Bodychecks mit anderen Touristen kaum zu auszuweichen ist. Die den Winzling beim Rempeln im Gedränge gar nicht schnell genug mitkriegen.

Eltern, die sich mit 3 Kleinkindern + 1 Kinderwagen aufs vollgestopfte Vaporetto schieben. Weil sie glauben,das sei immer noch besser als mit Blagen und Kinderwagen an jedem einzelnen Kanal trepperauftrepperunter.

Sieht bunt aus wie manche Kunst. Piept nett wie manche Kunst.
Ist aber eine Brückenrenovierung.
Ponte Sant' Andrea, Cannaregio


Kinder die mit ihren Eltern in praller Sonne durch Venedig ziehen - in den engen Gassen herrscht Schatten, aber an den Kanälen hat man einfach nicht die Wahl zwischen Schatten und Sonne, man geht eben da wo ein Ufer ist!

Ein Sechsjähriger, der auf dem drangvollen Vaporetto seiner Mutter zweimal volle vors Schienbein tritt, sauer und vielleicht in der Hoffnung, so Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht und hatte trotzdem mehr Mitgefühl mit dem Kind als mit der dämlichen Mutter.

Verschwitzte entnervte K
inder, Eltern am Rande der Selbstkontrolle, Warten in der Hitze, Geschiebe in Menschenmengen, ein Hotelzimmer mit dazuzugestellten Kinderbetten in dem man sich nicht aus dem Weg gehen kann, eine einzige Dusche, die ein schlappes Fließen produziert anstelle eines erfrischenden Wasserstrahls.

Das alles, weil wir löblicherweise unseren Kindern Weltkultu
rerbe zeigen wollen und nicht Ballermann, im zarten Alter, in dem sie (wie wir hoffen) noch beeinflussbar sind. Und weil Eltern, die selbst noch nicht in Venedig waren, einfach nicht wissen können, was sie ihren Kindern mit einer solchen (Tor)Tour im Sommer antun.

Auch hier arbeiten Männer. IST aber Kunst. 'Cracked Culture", Palazzo Giustinian Recanati, Dorsoduro







Die am meisten aufgeru-
fenen Einträge dieses Blogs sind


1. Alle Beiträge zum Friedhof San Michele

2. In Venedig am Strand

3. Alle Teile von 'Mit Kindern in Venedig'.


Den Platz 1 für heute beiseite lassend, stelle ich mir also vor, dass Menschen mit jungen Kindern einerseits im Urlaub Kultur konsumieren wollen, anderers
eits aber auch normalen Strandspass, und denken oder sich wünschen, dass sich das in Venedig kombinieren lässt. NEIN.

Venedig ist eine großartige Kulturstadt, die gleichzeitig völlig überlaufen ist von Menschenmassen die kurzeitig
reinkommen, durchgeschleust werden, rausgehen. Das beste Beispiel dafür sind die riesigen Kreuzfahrtschiffe. Kommen an, spucken Menschen aus, die mit dem Peoplemover (dafür wurde er gebaut) in hoher Zahl und Geschwindigkeit in die Stadt befördert werden, dort zirkulieren und (möglichst schnell möglichst viel) Geld ausgeben und nach ein paar Stunden mitsamt ihrem Schiff die Lagune wieder verlassen sollen.

KEINE Kunst. Jedenfalls nicht absichtlich.
Sondern ein kleines hervorragend sortiertes Fachgeschäft für Elektrofummler an der Fondamenta della Misericordia


Zielgerichtete Bewegung in der Stadt (Kirchen, Museen) und an den Rändern unter möglicher Vermeidung des Epizentrums Piazza-Rialto-Akademia verringert den Stress, ist aber verbunden mit viel Lauferei. Frühaufstehen (Kirchen öffnen früh, die Gassen sind noch leer) und Rückzug in der Mittagszeit hilft. Vor 10 Uhr und nach 17 Uhr sind die Vaporetti ok. Obwohl Venedig mitten im Wasser liegt, ist es ziemlich aufwändig, an den Strand zu kommen, Vaporetto + Bus bzw. längere Strecke zu Fuss. Nicht die idealen Vorschläge für Kinder-Eltern-Reisen.

Ich halte es für sinnvoll, die paar Jahre, die man mit kleinen Kindern reist, ihren Wünschen die Priorität zu geben und die Dinge nicht unglücklich zu mischen. Heißt, Massentrampelei in der großen Kultur Venedigs zu lassen und eine geräumige Ferienwohnung an einem Wasser mit Wiese oder Sand zu mieten. In Dänemark, Griechenland oder im Allgäu.
Gleichzeitig Venedig als die große Verheißung aufzubauen und mit den 14jährigen, kurz bevor sie Familienurlaube verweigern und sich ihr erstes Interrailticket kaufen, die wunderbarste aller Städte zu besuchen, am besten in einem Kunstbiennalejahr.

Ohne Furcht vor überforderten, verloren gehenden Kindern zu entdecken, sich treiben und überwältigen zu lassen, mit dem nötigen Freiraum in getrennte
n Zimmern wohnen, unterschiedliche Interessen der Familienmitglieder berücksichtigen und den "Kindern" die Chance geben, sich in Venedig zu verlieben. Damit es ihnen für immer bleibt.


Kunst in der Kunst - Future Generation Art Prize im Palazzo Papadopoli am Canale Grande


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Kommentare:

Angela hat gesagt…

"Gleichzeitig Venedig als die große Verheißung aufzubauen und mit den 14jährigen, kurz bevor sie Familienurlaube verweigern und sich ihr erstes Interrailticket kaufen, die wunderbarste aller Städte zu besuchen, am besten in einem Kunstbiennalejahr.

Ohne Furcht vor überforderten, verloren gehenden Kindern zu entdecken, sich treiben und überwältigen zu lassen, mit dem nötigen Freiraum in getrennten Zimmern wohnen, unterschiedliche Interessen der Familienmitglieder berücksichtigen und den "Kindern" die Chance geben, sich in Venedig zu verlieben. Damit es ihnen für immer bleibt."

Liebe Brigitte,

damit hast Du ziemlich genau beschrieben, was uns mit unserem Jüngsten eigentlich ganz unabsichtlich gelang!
Er war zwar 11 damals, aber die Venedigliebe war sofort da (wie auch bei mir, auch für mich war dieser Besuch 1999 der erste!) und sie hält bis heute!
Vielleicht schaffen wir es wieder einmal gemeinsam dort zu sein!

Vielen Dank für den Artikel!

LG Angela

Brigitte hat gesagt…

Angela,
danke für den Kommentar.
Dann toitoitoi für einen neuen "Mutter-Kind"-Besuch!

Schöne Grüße
B.

Angela hat gesagt…

Vielen Dank, Brigitte,

wir arbeiten dran! ;)

Gruß Angela