8. Dezember 2015

Venezianisches Tagebuch 8.-12.12.1649

S. Nicolò di Lido

Im Sommer fand ich im Kloster von S. Giorgio Maggiore, im kleinen Verkaufsraum vor dem Fahrstuhl zum Turm, ein Buch, das es nur dort (auch nicht online) zu kaufen gibt: Diario veneziano 1649-1650. Eine ganz besondere Leseempfehlung an historisch interessierte Venedig-Appassionati mit Italienischkenntnissen. 

Berichte von Zeitzeugen gehören zum Spannendsten überhaupt. In diesem Fall schreibt der Benediktinerpater Gabriel Bucelin des Klosters Weingarten über seinen anderthalbjährigen Aufenthalt in Venedig. Als Wissenschaftler forschte und schrieb er in diesem Monaten u. a. an der Geschichte der heilig Gesprochenen des Benediktinerordens, aber z. B. auch, im Auftrag von Ernst August von Braunschweig und Lüneburg, an der Genealogie der Herzöge von Braunschweig, und kümmerte sich gleichzeitig um den Druck seiner Werke. Regelmäßig fuhr er mit dem Boot vom Benediktinerkloster S. Nicolò di Lido zu seinem Stampatore, Drucker, in die Stadt, um die Druckarbeiten zu betreuen und zu kontrollieren. Er notiert in seinem Tagebuch Bemerkenswertes, wie z. B. in diesen Tagen vor 366 Jahren ein adventliches Ritual im Männerkloster und den viertägigen Aufenthalt venezianischer Kriegsschiffe vor seinem Zellenfenster. Kein Thema 'nächtlicher Ruhestörung' für ihn... 


Kreuzgang Kloster SS. Nicolò di Lido

8. Dezember 1649
Kloster S. Nicolò di Lido, Venedig.
Dieweil ich hierhin und dahin renne und mit dem Boot fahre, nehme ich fast nichts von der winterlichen Kälte wahr.
Ich arbeite unaufhörlich an der Geschichte der Heiligen unseres Ordens und  verkürze auf die Zusammenfassung der bemerkenswertesten Punkte.


9. Dezember 1649
Venedig.
Fünf Triremen (*), die aus der Stadt stammen oder besser aus der Reede der Stadt, überaus geschmückt und voll beladen mit Soldaten, warfen ihre Anker vor S. Nicolò di Lido und meiner Zelle für eine Rast.
Gemäß dem jährlichen Brauch haben im Konvent S. Nicolò die Oberen, unter ihnen der Ehrwürdige Herr Abt, ihre Gewänder ihrer Vorrangstellung abgelegt und zeigen sich für drei Tage gemäß dem Status ihres Berufes, als ungewöhnliche Demonstration ihrer Demut.


10. Dezember 1649
Venedig, Kloster S. Nicolò di Lido.
Mit allergrößtem Erstaunen - niemals dergleichen bis zu diesem Moment gehört, nicht einmal im Palast des Kaisers und anlässlich der Krönung des Königs und der Kaiserin - höre ich mitten in der Nacht die Trompeter der fünf Triremen der venezianischen Flotte, die auf den Schiffen wetteifern mit Trompetenstößen von solcher Kunstfertigkeit, dass ich sofort in Verzückung bin.
Durch die Windstille und die Ruhe des Meeres ganz besonders klar, wiederholen das nahe Ufer des Lido und seiner beiden Festungen die Töne nicht nur einmal, sondern unendliche Male (was ich so noch nie an einem anderen Ort gehört habe).


11. Dezember 1649


12. Dezember 1649
Die fünf venezianischen Triremen, voll besetzt mit Soldaten, die genau vor meiner Zelle im Kloster S. Nicolò vor Anker lagen, holten nach Mitternacht mit großem Kanonendonner die Anker ein und hissten die Segel, fuhren hinaus aufs offene Meer um sich gegen die Türken (**) zu wenden.

(* Trireme)

(** Krieg um Kreta)

Übersetzung des Tagsbuches aus dem Lateinischen ins Italienische: Gianna Cazzagon, aus dem Italienischen für diesen Eintrag: ebbonn.


Noch erhalten: eine der beiden Festungen des Lido-Eingangs, Forte S. Andrea


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1 Kommentar:

Evelyn Bartolmai hat gesagt…

Immer wieder ein Vergnügen, Ihre tollen Artikel zu lesen!