27. November 2015

Allerletztes Wort zur Biennale 2015

Eingang Zentralpavillon Giardini (Oscar Murillo)
Muss sein, denn: mein Preis "War wohl nix" für meinen größten Ärger der Biennale (bisher: 2009, 20112013) wird in diesem Jahr nicht vergeben. Was mich sonst vielleicht geärgert hätte, winke ich angesichts dieser starken Biennale als banal durch und ziehe das Resümee, dass "All the World's Futures", also die Arbeit Okwui Enwezors, die für mich beeindruckendste Biennale war von allen, die ich gesehen habe. Nicht in allen Details natürlich, aber das Konzept, viele KünstlerInnen einzuladen, über den Status quo der Welt nachdenken, führte a) zu Ergebnissen, deren Sicht ich häufig teile und b) zur Nutzung kreativer Talente, die weit über Ästhetik, Provokation, Marktgängigkeit etc. hinausführt. 


Jenseits der Kunst. Dienstfahrrad im Arsenale
Dass diese Biennale zu politisch sei, zu düster und pessimistisch, war eine häufig geäußerte Kritik, für mich war das ihre Stärke. Was können die Themen dieser Zeit sein, wenn nicht Gier in allen ihren Erscheinungsformen - Krieg, Gewaltherrschaft, Kolonialismus, Ausbeutung und Missbrauch der Menschen und des Planeten? Natürlich ist Kunst da, uns glücklich zu machen, uns vorübergehend aus der Banalität des Alltags zu retten, uns Visionen zu schenken und zu sensibilisieren- aber auch, Klage zu führen über Leid, Bedrohung und Zerstörung, auch durch radikale Darstellung und extreme Ausdrucksformen. 


Entschleunigungsmaschine (4 Runden/Stunde) Giardini (Carsten Höller)
Zur 'politischen' Biennale Okwui Enwezors, des ersten afrikanischen Biennaledirektors, gehörten mehr schwarze KünstlerInnen als jemals zuvor, 35 um genau zu sein. Das ändert den Blick der Kunst auf die Welt, und es hat meine Wahrnehmung in einem Bereich geschärft, über den ich als Europäerin bisher nicht genug nachgedacht hatte (z. B. im Genderbereich, als Frau, schon!). Themavertiefung mit vielen Namen und Links zu KünstlerInnen. Mit diesem Blick fiel mir vor 1 Woche z. B. ein Artikel auf "Five Ways to disrupt White Supremacy in the Mainstream Art World", Link für Interessierte.


Anthony Mills singt "Work Songs",  'Arena' Zentralpavillon
Zur 'politischen' Biennale Okwui Enwezors gehörte auch die 'Arena' im Zentralpavillon in den Giardini, wo 7 Monate lang mehrfach täglich "Das Kapital" von Karl Marx vorgelesen, "performt" wurde, von Begeisterung, Unverständnis, Spott der Kunstkritik begleitet, im Bookshop wurden die 3 Bände verkauft. Ich habe mir mehrfach ein bisschen Zeit genommen, anstatt wie die meisten einfach durchzulatschen. Ich war beeindruckt von der Lesung, und zwar nicht nur seligen Angedenkens der absolvierten "Kapitalkurse" junger Jahre, sondern auch von der Leistung der LeserInnen und der Professionalität der Veranstaltung inkl. Fußnoten auf den beiden Screens rechts und links des Zuschauerraums.
2 englischsprachige Bloggerkollegen gehörten zum VorleserInnenteam, ihre Hintergrundberichte verlinke ich, spannend zu lesen!

Blog 'The Venice Project', Eintrag 29.6.2015 The Capital-ists
Blog 'Venezia Blog', Eintrag 14.10.2015 Of Capital Importance? Marx at the 56. Venice Biennale
und 17.10.2015 How I Came to Be in the Venice Biennale  


Security, Pavillon VR China
In der Arena, als permanenter Veranstaltungsort während der Biennale ein völlig neues Angebot Okwui Enwezors, gab es wechselnde Performances (Filme, weitere Lesungen, Musik, z. T. unter Partizipation der ZuschauerInnen). Mir hat sich vor allem Isaac Juliens Film "Black Face, White Mask" über Frantz Fanons Leben und Werk eingepägt, die erste und vermutlich einmalige Chance, den Film überhaupt zu sehen, hier. Eine wunderbare Arbeit. (Für Interessierte: Text Frantz Fanons 'Black Face, White Mask' in engl. Übersetzung.)
Ebenso die sehr beeindruckende Performance "
Work Songs", ausdrücklich empfohlen in einem meiner Einträge. Für den Bloggerkollegen von Venezia Blog war es "My Favorite Work of Art" und sein Hintergrundbericht dazu ist sehr lesenswert. (Enthält einen Sound-Link zu einer Vorstellung von 'Work Songs' von Anthony Mills.)

Drache (Xu Bing) im nebligen Arsenale (Giaggandre) 
Bleibt die Frage nach dem Widerspruch von 'politischer', ja 'linker' Biennale und Kunstmarkt, der in der Kritik regelmäßig auftauchte. Er schien gerade in diesem Jahr Blüten zu treiben, die ich allerdings nicht nach Gerücht und Tatsachen unterscheiden kann. Wurden die 8 Baselitzschen Selbstportraits im Arsenale parallel zur Biennale an Francois Pinault verkauft und wer hat die Transportkosten bezahlt? Haben 'arme' Länder ihre Nationenpavillons italienischen KuratorInnen überlassen, die dort chinesische und italienische Künstler ausstellen, gegen gutes Geld, deren Marktwert auf diese Weise gesteigert wird? (Die 'syrische' Ausstellung im ehemaligen Kino neben dem Redentore auf der Giudecca war z. B. rein chinesisch.) 
Dieses venezianische Hickhack interessiert mich wenig, die Frage, wie der Wert von Kunst entsteht, schon eher, dazu gab es erst gestern wieder einen lesenswerten Artikel von Philipp Meier in der NZZ "Vom Wert der Kunst". Auch die Rubrik 'Kunstmarkt' der ZEIT lässt manchmal Schlüsse zu für SelbstdenkerInnen. Aus meiner Sicht tut man gut daran, Kunst und Markt striktest, aber sensibel für Details, auseinander zu halten. Kein Problem, wenn man wie ich AusstellungskonsumentIn und nicht KunstkäuferIn und/oder -KunstbesitzerIn ist. 

Zum Schluss noch das Resümee der Biennale selbst: "Great Audience Success"

Und, nebenbei, ein interessanter Termin: 1.12.2015, 19 Uhr, Köln, Museum Ludwig: Okwui Enwezor im Gespräch mit Kasper König "Ist Westkunst Weltkunst?"


Am Ende der Kunst: Venezianischer Sonnenuntergang

Biennale 2015: 31 Einträge

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Kommentare:

Birgit hat gesagt…

Mal wieder ein fantastischer Beitrag. Vielen Dank für die klaren und klärenden Worte!

Marion hat gesagt…

Ja, das ging mir ganz ähnlich - nach anfänglich sprödem Fremdeln mit manchen Beiträgen ist es die Biennale seit 30 Jahren, die am meisten Eindruck hinterlassen hat - und die erste, zu der ich deswegen noch ein zweites Mal gereist bin...