Quelle Video: Website Teatro Stabile Veneto. s. u.
Das Teatro Stabile Veneto, in Venedig: Teatro Goldoni, spielt den ganzen Sommer über fast täglich "Arlecchino, der Diener zweier Herren" des venezianischen Theaterdichters Carlo Goldoni, nach dem das Haus auch benannt ist. Ein ganzheitlich originales Angebot - venezianische Kommödie in venezianischem Theater (bei fehlenden Sprachkenntnissen hilft vielleicht ein vorheriger online-Blick ins Textbuch), und zwar demältesten noch erhaltenen Theater Venedigs und allein schon deshalb einen Besuch wert. Erbaut und eröffnet 1622 von der Familie Vendramin, deren Namen es trug, aber vor allem entsprechend venezianischer Tradition den Namen der Pfarrgemeinde: in diesem Falle gleich 2, San Salvador und San Luca. Auch der Herr von Goethe, quasi (auch) ein Kollege Carlo Goldonis, besuchte es unter dem Namen San Luca und notiert im Tagebuch seiner 'Italienischen Reise' über die Aufführung von Goldonis "Le baruge chiozzotte" am 10.10.1786 ziemlich fröhlich, fast begeistert:
Nun endlich kann ich denn auch sagen, daß ich eine Komödie gesehen habe! Sie spielten heut' auf dem Theater St. Lukas »Le Baruge Chiozzotte«, welches allenfalls zu übersetzen wäre: »Die Rauf- und Schreihändel von Chiozza«. Die Handelnden sind lauter Seeleute, Einwohner von Chiozza, und ihre Weiber, Schwestern und Töchter. Das gewöhnliche Geschrei dieser Leute im Guten und Bösen, ihre Händel, Heftigkeit, Gutmütigkeit, Plattheit, Witz, Humor und ungezwungene Manieren, alles ist gar brav nachgeahmt. Das Stück ist noch von Goldoni, und da ich erst gestern in jener Gegend war und mir Stimmen und Betragen der See- und Hafenleute noch im Aug' und Ohr widerschien und widerklang, so machte es gar große Freude, und ob ich gleich manchen einzelnen Bezug nicht verstand, so konnte ich doch dem Ganzen recht gut folgen. Der Plan des Stücks ist folgender: Die Einwohnerinnen von Chiozza sitzen auf der Reede vor ihren Häusern, spinnen, stricken, nähen, klippeln wie gewöhnlich; ein junger Mensch geht vorüber und grüßt eine freundlicher als die übrigen, sogleich fängt das Sticheln an, dies hält nicht Maße, es schärft sich und wächst bis zum Hohne, steigert sich zu Vorwürfen, eine Unart überbietet die andere, eine heftige Nachbarin platzt mit der Wahrheit heraus, und nun ist Schelten, Schimpfen, Schreien auf einmal losgebunden, es fehlt nicht an entschiedenen Beleidigungen, so daß die Gerichtspersonen sich einzumischen genötigt sind.
Im zweiten Akt befindet man sich in der Gerichtsstube; der Aktuarius an der Stelle des abwesenden Podestà, der als Nobile nicht auf dem Theater hätte erscheinen dürfen, der Aktuarius also läßt die Frauen einzeln vorfordern; dieses wird dadurch bedenklich, daß er selbst in die erste Liebhaberin verliebt ist und, sehr glücklich, sie allein zu sprechen, anstatt sie zu verhören, ihr eine Liebeserklärung tut. Eine andere, die in den Aktuarius verliebt ist, stürzt eifersüchtig herein, der aufgeregte Liebhaber der ersten gleichfalls, die übrigen folgen, neue Vorwürfe häufen sich, und nun ist der Teufel in der Gerichtsstube los wie vorher auf dem Hafenplatz.
Im dritten Akt steigert sich der Scherz, und das Ganze endet mit einer eiligen, notdürftigen Auflösung. Der glücklichste Gedanke jedoch ist in einem Charakter ausgedrückt, der sich folgendermaßen darstellt.
Ein alter Schiffer, dessen Gliedmaßen, besonders aber die Sprachorgane, durch eine von Jugend, auf geführte harte Lebensart stockend geworden, tritt auf als Gegensatz des beweglichen, schwätzenden, schreiseligen Volkes, er nimmt immer erst einen Anlauf durch Bewegung der Lippen und Nachhelfen der Hände und Arme, bis er denn endlich, was er gedacht, herausstößt. Weil ihm dieses aber nur in kurzen Sätzen gelingt, so hat er sich einen lakonischen Ernst angewöhnt, dergestalt, daß alles, was er sagt, sprichwörtlich oder sententios klingt, wodurch denn das übrige wilde, leidenschaftliche Handeln gar schön ins Gleichgewicht gesetzt wird.
Aber auch so eine Lust habe ich noch nie erlebt, als das Volk laut werden ließ, sich und die Seinigen so natürlich vorstellen zu sehen. Ein Gelächter und Gejauchze von Anfang bis zu Ende. Ich muß aber auch gestehen, daß die Schauspieler es vortrefflich machten. Sie hatten sich nach Anlage der Charaktere in die verschiedenen Stimmen geteilt, welche unter dem Volke gewöhnlich vorkommen. Die erste Aktrice war allerliebst, viel besser als neulich in Heldentracht und Leidenschaft. Die Frauen überhaupt, besonders aber diese, ahmten Stimme, Gebärden und Wesen des Volks aufs anmutigste nach. Großes Lob verdient der Verfasser, der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib gebildet hat. Das kann man aber auch nur unmittelbar seinem eignen lebenslustigen Volk. Es ist durchaus mit einer geübten Hand geschrieben.
Von der Truppe Sacchi, für welche Gozzi arbeitete, und die übrigens zerstreut ist, habe ich die Smeraldina gesehen, eine kleine, dicke Figur, voller Leben, Gewandtheit und guten Humors. Mit ihr sah ich den Brighella, einen hagern, wohlgebauten, besonders in Mienen- und Händespiel trefflichen Schauspieler. Diese Masken, die wir fast nur als Mumien kennen, da sie für uns weder Leben noch Bedeutung haben, tun hier gar zu wohl als Geschöpfe dieser Landschaft. Die ausgezeichneten Alter, Charaktere und Stände haben sich in wunderlichen Kleidern verkörpert, und wenn man selbst den größten Teil des Jahrs mit der Maske herumläuft, so findet man nichts natürlicher, als daß da droben auch schwarze Gesichter erscheinen.
Eintrittskarten können auch online gekauft werden, es gibt Reduzierungen und Angebote inkl. Abendessen. Haltestelle Rialto. Zur Vertiefung: Besuch in der Casa Goldoni. Der kleine gotische Palazzo Centani vom Ende des 14., Anfang des 15. JHs hat Wasser- und Landtor, einen schönen Brunnenkopf und eine typische Außentreppe ins Obergeschoss in sehr gut restauriertem Zustand. Dauerausstellung und Theaterbibliothek zu Leben und Werk Goldonis und seiner Zeit. Gelegentlich Sonderausstellungen, zur Zeit nicht, was dem Besuch des schönen Hauses nichts nimmt. Haltestelle S. Tomà. .
Wer in Venedig ankommt, hat ein Ziel: die schönste Stadt. Der Flughafen ist nur ein Teil des Transits. Derzeit aber schon ein bisschen mehr: einer von zwei Teilen der Biennale-Ausstellung von Neuseeland. Im einigen Bereichen von Ankunft und Abflug liegt die ungeheuer prächtige Decke der Biblioteca Nazionale Marciana auf dem Fußboden. Als Faksimilie in Originalgröße. Es gibt Menschen, die das für den Gipfel der Banausierung und Disneysierung Venedigs halten, aber mir gefällt das gut. Jede/r, der/die in Venedig nie die wunderbare Bibliothek betreten würde, hat hier die Chance, einen staunenden Blick auf den Fußboden zu werfen und sich zu fragen... *?!!*?. Und wer oft oder sogar regelmäßig die Marciana besucht, muss sich nicht wie sonst den Hals verrenken und braucht auch kein Opernguckerchen um Details zu sehen, sondern hat die Decke des Prachtsaales in der Entfernung seiner/ihrer eigenen Körperlänge direkt vor Augen.
Wenn schon nicht bei der Ankunft, sollte man sich zumindest beim Abflug die Zeit nehmen, einen intensiven Blick nach unten zu werfen. Und sich von Details überraschen zu lassen, auch wenn überall Leute auf der Decke herumsitzen und -stehen.
Unter dem Link http://www.nzatvenice.com/ (siehe auch oben) finden sich die Lagepläne der Deckenausschnitte und jede Men- ge Detailfotos, bitte nicht übersehen. Teil 2 der Ausstellung Neuseeland findet in der Biblioteca Marciana selber statt, unter dem Titel "Secret Power", siehe Link oben. Eingang von der Piazzetta.
"Noch eine" bezieht sich auf die bereits empfohlene Führung in der Ca' Foscari, per Luftlinie quasi gegenüber auf der anderen Seite des Canal Grande, zu Fuß muss die Accademiabrücke genommen werden. Die Hürde liegt allerdings beim Palazzo Loredan etwas höher, Führungen gibt es nur in italienischer Sprache und vor allem nicht mehrfach wöchentlich, sondern mehrfach jährlich. Die Sache muss sich also ergeben oder gut geplant sein.
Die Termine im 1. Halbjahr 2013 sind Mittwoch 27. März 15:00 Uhr, Mittwoch 10 April 15:00 Uhr, Samstag 20. April 10:00 Uhr, Mittwoch 8. Mai 15:00 Uhr. Was die Sprache betrifft: hier, wie auch bei der Führung im Palazzo Grimani, wird hervorragend italienisch gesprochen, klar und dialektfrei, gut für Lernende, man profitiert zusätzlich zur interessanten Führung, selbst wenn man nur 50 % versteht (ich!) sozusagen von einer Unterrichtsstunde in italienischer Sprache. (Die Geduld von Kindern wird hier allerdings sehr strapaziert - für sie ist diese Führung nicht zu empfehlen.) Der Palazzo Loredan liegt ungewöhnlicherweise völlig frei, nur den kleinen Rio San Vidal im Rücken, seitlich wie ein langer schmaler Riegel am noch längeren Campo S. Stefano. Nur wenn man in Richtung Accademiabrücke geht, zeigt er seine Fassade mit Parterre und Piano nobile, (nur an der langen Seite ist die Zwischenetage, der Mezzanin zu sehen). Für venezianische Verhältnisse wirkt das Ganze etwas unproportioniert.
Im Gegensatz zu den raren Führungsterminen ist das Haus werktags für Publikumsverkehr offen und man kann jederzeit das "Panteon Veneto" im Parterre betreten und besichtige. Man kann auch den freundlichen (auch englischsprachigen) Pförtner in seiner Vitrine ganz links und leicht zu übersehen, fragen, ob man mal kurz einen Blick in die obere Etage werfen darf. (Die meisten Räume sind ohnehin verschlossen.) Bei ihm meldet man sich auch unbedingt telefonisch für die kostenlose (!) Führung an: 041- 2407711. Das Panteon Veneto zeigt Marmorbüsten bedeutender Männer Venedigs und des Veneto (bedeutende Frauen gibts nicht, bzw. falls doch, werden sie wohl irgendwo diskreter präsentiert, könnte man vermuten), aber mehr als die Männergalerie beeindrucken die schönen Treppenaufgänge rechts und links, die sich auf halber Höhe treffen und vereinen, ein Pozzo aus rotem Verona-Marmor und der ganz ungewöhnliche Grundriss des Erdgeschosses.
Hier gibt es nicht den üblichen venezianischen 'Androne', den Mittelraum längs durch das Haus mit einem Wassertor zum Kanal, einem Landtor zur Gasse und rechts und links Lagerräumen, dazwischen irgendwo den Treppenaufgang zu den oberen Etagen. (Die Grundrisse der oberen Etagen sind jeweils analog, über dem Androne der 'Portego', der Empfangssaal längs durch das Gebäude, mit einer schmalen Fensterseite zum Kanal, vielleicht sogar einer weiteren Fensterseite gegenüber liegend, und auch hier rechts und links des Portego kleinere Empfangs- und Aufenthaltsräume.) Im Palazzo Loredan ist das Parterre breit-quer angelegt, von einem Androne keine Rede, und im Piano nobile, der ersten Etage, führt der Portego nicht durch die ganze Tiefe des Stockwerks, sondern sitzt quer am schmalen Nordtrakt des Gebäudes. Man kann diese ungewöhnliche Raumanordnung auch von außen erkennen: die kleine Nordfassade ist reich verziert mit fünf Bogenfenstern und Balustraden im Piano nobile und einem vorgetäuschten Prachttor im Parterre (sowie fünf bequemen und seltenen Steinbänken zum Ausruhen und Beobachten, was auf dem Campo S. Stefano vor sich geht. Oft besetzt von mampfenden Schulklassen oder anderen sparsamen Venedig-Wanderern.) Diese Fassade trug im 16. Jahrhundert ein farbiges Fresko wie viele Fassaden in Venedig.
Diesen außerordent- lichen Grundriss nimmt man nur wahr, wenn man schon ein paar Häuser besichtigt hat und deshalb die "normale" Struktur kennt, sei es in diversen Museen (z. B. im Palazzo Mocenigo bei S. Stae) oder in offenen Palästen entlang des Canal Grande während der Biennale. Auch aus diesem Grunde ist die Führung beson- ders zu empfehlen für erfahrene VenedigbesucherInnen. Die Loredans dieses Hauses sind zeitlich weit entfernt von den Loredans mit denen Francesco Foscari zu schaffen hatte, möglichweise auch genealogisch weit entfernt, da kenne ich mich nicht so gut aus. Foscaris Konkurrent war Pietro Lorendan. Dieses Haus wurde getauscht gegen ein Haus bei San Canciano von den Enkeln des Dogen Leonardo Loredan und dann sehr stark baulich verändert. Mehr zur Geschichte und Ausstattung des Hauses gibt es als PDF der Broschüre "I Palazzi dell'Istituto Veneto" (ital./engl.).
Denn es ist einer der Sitze des "Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti", gegründet von Napoleon in Anlehnung an die Académie Francaise. In Venedig hat das Institut zwei Sitze, den Palazzo Loredan und den Palazzo Franchetti, direkt neben der Accademiabrücke, auf der gegenüberliegenden Seite des Campo S. Stefano. Der Palazzo Franchetti zeigt praktisch rund ums Jahr Kunstausstellungen (gegen ca. 10 € Eintritt) und ist damit immer zu besichtigen, macht auch neben der dort gezeigten Kunst viel her durch seine überbordende Innenausstattung aus dem 19. Jahrhundert.
Der Palazzo Loredan ist Sitz der jetzt nationalen akademischen Institution mit gewählten Mitgliedern, monatlichen Sitzungen, beachtlichen editorischen Aktivitäten (einiges davon online kostenlos zu lesen), und enthält vor allem Bücher. Die Wände des piano nobile bestehen praktisch aus Büchern. Man wandert von einer Bibliothek in die nächste, jeder Raum ist ausgestattet mit Bibliothekseinbauten aus dem 19. Jahrhundert, mit Leitern, Geländern, Vergitterungen, dazu schön gestalteten älteren Terrazzo-Fussböden, Deckengemälden, Muranoleuchtern. Teilweise sind auch noch alte Möbel vorhanden, ein Traum, in diesem Räumen zu lesen und zu arbeiten. Wobei das Haus nur einen kleinen Teil seines wissenschaftlichen Erbes beherbergt, das Meiste ist ausgelagert in Archive und Bibliothekslager auf dem Festland, aus Platz-, aber auch aus Sicherheitsgründen.
Die Bibliotheksräume und der Sitzungssaal im Portego und ein einziges bücherfreies 'Boudoir', ausgestattet mit Stuck und Spiegeln sind Teil der Führung durch das Haus, ebenso wie die bei einer Restaurierung 2007 überraschend wieder entdeckte "Allegoria Napoleonica", ein Fresco von ca. 1809, entstanden während der französischen Besatzung Venedigs. Es ist eher zart und blass und wirkt auf mich nicht unflott etwas sarkozysch-brunisch. Ursprünglich war es der Blickfang eines Empfangssaals, wegen Umbauten in kleinere Bibliotheksräume ist es jetzt einen Flur gezwängt und deshalb schwer zu fotografieren. Man kann es dennoch gut seheh im PDF "I Palazzi dell'Istitute Veneto" (S. 14-16). Zur Führung nicht gehören Wohnräume auf dem Dachboden, die nicht mir und dir, sondern Akademiemitgliedern des Istituto Veneto zur Verfügung stehen, aber per PDF des ausführenden Architekturbüros können wir sie sehen und neidisch sein, falls wir neidisch sein wollen.
Screenshots des ehemaligen Dormitoriums aus dem Fim 'In memoria di me'
Das Erlebnis der neuen Bibliothek der Giorgio Cini Stiftung auf San Giorgio Maggiore ist überwältigend. Ich habe das Privileg, den Vorher-Nachher-Effekt zu sehen. (Links zu vorherigen Einträgen ganz unten.) Schon der ursprüngliche Zustand des riesigen leeren Raumes im Dormitoriumsgebäude des ehemaligen Benediktinerklosters war atemberaubend. Ein sehr langer weißer Flur, nach Norden und Süden jeweils abgeriegelt durch eine große Trifore (dreibogiges Fenster) und in der Mitte durch einen schmalen Flur gekreuzt. Rechts und links eine endlos scheinende Folge von sehr kleinen, steingerahmten Holztüren, die zu den (unmöblierten) Einzelzellen der Mönche gehörten, mit einer Nummer über dem Türsturz.
Diese großartige Leere ist nun natürlich verloren. Man kann sie am besten nachvollziehen im Film 'In memoria di me' von Saverio Costanzo, der 2006 auf S. Giorgio als ausschließlichem Drehort verwirklicht wurde und der die Innen- und Aussenräume des Klosters einzigartig feiert. Vom quarkigen religiösen pseudo-philosophischen Inhalt des Films, der wesentliche (kritische) Aspekte der Novelle "Der vollkommene Jesuit" von Furio Monicelli weg lässt, nehme ich entschieden Abstand. Wenn nicht die schöne Filmmusik wäre (Tschaikowski, Mahler, Walzer-Strauss, ein bisschen Missa Luba...) und der frische ungefilterte (!) Originalton des Bacino mit Fähren, Vaporetti, Polizeibooten und Ambulanzen, sogar Flugzeugen, wäre der Film besser tonlos zu sehen. Ich empfehle, ihn als preiswertes Souvenir in einem beliebigen DVD-Laden zu kaufen und als Dokument zu genießen! Zurück zur Neugestaltung des Dormitoriums. Der monumentale Raum, gebaut mit dem alten "Zypressenkreuzgang" von Giovanni Buora Mitte des 15. Jahrhunderts, wurde von Michele De Lucchi völlig neu gestaltet.
Es wurde nichts weg genommen, angefangen bei den Deckenlampen bis hin zu den alten Zellentüren, die, wo nicht mehr zu erhalten, aus dem gleichen Holz nachgebaut ersetzt wurden. Sogar die Zellennummern sind erhalten. Lediglich die schönen glänzenden Steinplatten des Fussbodens wurden mit Parkett bedeckt, was schade, aber pflege- und geräuschhalber möglicherweise sinnvoll ist.
Von den Regalen über Parkett, Beleuchtung, Arbeitsmöbel, hat De Lucchi die komplette Ausstattung geplant, bis hin zum einzelnen (sehr bequemen!) Holzstuhl, im ehemaligen Flur wie in den Zellen rechts und links davon. Die vielen kleinen Zellentüren sind sorgfältig umrahmt und in die Regale integriert. Die Zellen wurden teils in ursprünglicher (Einzel-) Größe belassen, teils wurden Wände entfernt und so räumliche Arbeitsstrukturen geschaffen für technische Geräte (Recher, Internet, Kopierer etc.), Arbeitsgruppen und Büros unterschiedlicher Größen, und einzelne inhaltliche Bibliotheksbereiche, wie z. B. auch die enorme Sammlung von Microfilmen. Nach Bedarf ist es auch möglich, die Räume untereinander zu verbinden und zu trennen und für spezielle Nutzungen einzurichten, wie z. B. Ausstellungen. Es gibt rechts des Eingangs einen Empfang mit sehr freundlichen hilfsbereiten BibliothekarInnen, und links = Süden, ganz am Ende wo der Blick auf die Marina fällt, eine herrliche große Ledercouchanlage. Es riecht gut nach Holz! Die Leitern in den oberen Regalbereich sind bequem und stabil. Im Kreuzungsbereich (zur alten Bibliothekvon Baldassare Longhena aus dem 17. Jahrhundert) gibt es eine kleine, vermutlich wechselnde, Ausstellung von abstrakter Gegenwartskunst (Name des/der KünsterlerIn nicht gemerkt, sorry).
Der zentrale Raum der Nuova Manica Lunga enthält von den insgesamt 300.000 Bänden der Bibliotheken der Fondazione Cini die 150.00 Bände und 800 Zeitschriften aus dem Bereich der Kunstgeschichte. In den offenen Regalen finden sich die am häufigsten angefragten Werke: Kunstbände generell, Künstlermonographien, Museumskataloge, Bücher der Bereiche Ikonen, Zeichnungen, Stiche, Dokumente, Sammlungen, Auktions- und Gallerienkataloge, ausserdem Veröffentlichungen der Cini Stiftung selbst.
Nach der ersten Schockstarre angesichts dieser Schätze muss man entscheiden, ob man seinen Venedigbesuch wie geplant durchführt oder nicht vielleicht doch abspringt in einen Urlaub in der Bibliothek!Die weiteren Bibliotheksbereiche sind Geschichte Venedigs, Venedig und der Osten, Musik- und Theaterliteratur und eine Phototek, die aber nicht in der Nuova Manica Lunga zur Verfügung stehen und auch nicht unbedingt allgemein, sondern auf Anfrage zugänglich sind.
Der Besuch sollte zur Agenda einer Venedigreise gehören. Nicht nur für BibliothekarInnen und KunsthistorikerInnen, sondern auch für alle, die gerne ein gelungenes Beispiel funktioneller Integration sehen und die großartige Konversion des Benediktiner-Dormitoriums bewundern wollen.
Die Bibliotheken sind geschlossen vom 9.-22. August und danach wieder öffentlich zugänglich gegen Hinterlassen des Personalausweises am Empfang der Giorgio-Cini-Stiftung (schmiedeeisernes Tor rechts der Kirche S. Giorgio Maggiore, Eingang zum Palladio-Kreuzgang). Die Bibliothek ist werktags geöffnet. Beim Besuch am Wochenende mit der angebotenen Führung geht man auch durch die Nuova Manica Lunga, darf aber natürlich nicht an die Bücher ran!
Kreuzgang von Palladio Führungen sind Glücks- sache. Geht es gut, ist der/die FührerIn inhaltlich kompetent, sprachlich und methodisch auf der Höhe und ein sympathischer Mensch. Hat man Pech, ist der/die FührerIn ein nervender Selbstdarsteller, der die Aufmerksamkeit seiner/ihrer Gruppe ausbeutet und nicht kapiert, dass die Zuhörer am Thema interessiert sind und nicht an ihm/ihr. Aber es geht eben manchmal nicht ohne. Und man kann durchaus davon profitieren, besonders wenn man ein einziger Teilnehmer ist und die Sache deshalb einen interaktiven Charakter annimmt. (Siehe z. B. Eintrage Museo Grimani, Museo del Manicomio). Meine sympathische Führerin (Einzelführung) auf S. Giorgio war witzigerweise hauptberuflich wissenschaftliche Übersetzerin vom Deutschen ins Italienische. Führte aber englisch und weigerte sich entschieden, deutsch zu sprechen. Der Perfektionsmus! Glücklich, wer gelassen Fehler macht und gebrochen kommuniziert im Interesse des mündlichen Spracherwerbs!
Zwischen Zypressen- und Palladio-Kreuzgang Beim Besuch der Insel S. Giorgio Maggiore empfehle ich unbedingt eine Führung im ehemaligen Benediktinerkloster. Ich habe schon über einen Besuch berichtet am 18.11.2007, und über die Schwierigkeiten, einen Zeitplan für den Inselbesuch hinzukriegen.Damals war das Refektorium nicht zu besichtigen, weil das Faksimilie von Veroneses Hochzeit zu Kana dort installiert wurde.
In diesem Winter wurden die Führungen ausgesetzt und die beiden Kreuzgänge renoviert.Die Longhena Bibliothek befindet sich noch in Restaurierung, aber das ehemalige Dormitorium, das ebenfalls 2009 von der Führung ausgenommen war, kann wieder besucht werden. (Die historische Bibliothek und der lange Flur mit den Mönchszellen ist uns ja allen bekannt aus diversesten Produkten der Filminstrie von Donna-Leon-Brunetti-Folgen über Casanova (von 2005) bis In Memoria di me, um nur einige zu nennen.) Vor allem bin ich gespannt auf die Veränderungen in diesem Bereich, denn das frühere Dormitorium ist nun als Nuova Manica Lunga Teil der Bibliothek, bzw. des Medienservices, der Stiftung Cini. Einen ersten Eindruck gibt es auf diesem Titelfoto des Newsletter der Stiftung.
Der bekannte Flur des Dormitoriums vor Einbau der Bibliotheksregale Die Führung beinhaltet - den Kreuzgang von Palladio (Bauzeit bis frühes 17. Jahrhundert - den Zypressenkreuzgang aus der Renaissance von Giovanni und Andrea Bora - das Refektorium (Speisesaal des Klosters) von Palladio (spätes 16. Jahrhundert) - das Trppenhaus von Longhena (1643) - die Nuova Manica Lungao, der ehemalige Zellentrakt des Benediktinerklosters- die Longhena Bibliothek (1671, mit gschnitzten Bücherregalen von Franz Pauc) zur Zeit nicht
Eine private Feier im Zypressenkreuzgang ist vorbereitet
Führungen kann man Samstags/Sonntags zu den festgelegten Zeitenohne Anmeldung besuchen, man muss aber immer damit rechnen, dass aufgrund einer Veranstaltung alle Führungen ohne Ankündigung abgesagt werden. Das können wissenschaftliche Kongresse der Stiftung sein, aber auch einfach nur eine venezianische Hochzeit, bei der alle Gäste mit Taxibooten in das Wassertor des Klosters rauschen und neugierigen Blicken des Publikums entzogen sind. Deshalb ist es empfehlenswert, mit einem kleinen Anruf oder zu klären, ob Führungen stattfinden: Codess Cultura, tel. +39 041 5240119, visiteguidate.cini@codesscultura.it Treppenhaus von Longhena (Ich habe bereits im ersten Beitrag zur Insel S. Giorgio erwähnt, dass die Bibliothek öffentlich ist. Man meldet sich im Empfang rechts hinter dem Gittertor zum Palladio-Kreuzgang an, wo die Identität festgestellt wird und vermutlich archiviert.)
Wie die Kirche von Palladio ohne Führung, aber nicht zu auszulassen, sind die vor einigen Jahren eröffneten großen Kunstausstellungräume der Fondazione Cini links von der Kirche S. Giorgio, an der Seite der Marina, die sich bis zum östlichen Ende der Insel ziehen. Im Sommer 2009 gab es dort eine tolle Präsentation von Werken des Pop-Art Malers John Wesley.
Vom 24.4. bis 11.7.2010 wird Sebastiano Ricci ausgestellt unter dem Titel 'The Triumph of Invention in the Venetian Settecento". Ein Ausstellungs- schnäppchen, ich bin sehr gespannt. Bibliothek von Longhena, derzeit noch in Restaurierung befindlich Der Rest der Insel, wie das Theatro Verde, sind privato und weder mit noch ohne Führung zugänglich. Aber dafür bietet das kleine Cafè mit erhöhter Terasse zwischen den Ausstellungsgebäuden einen wunderbaren Blick auf die Marina und die gegenüber liegende Riva, ein ruhiges Plätzchen für eine Ruhepause, an dem man wirklich was zu gucken hat.
Auch hier sind in Venedig Führungen unabdingbar: Insel S. Georgio d. Armeni Insel S. Servolo, Museo del Manicomio Insel Lazaretto Novo Insel S. Franceso d. Deserto Museo Palazzo Grimani Opernhaus Fenice Richard Wagners Wohnung im Palazzo Vendramin-Calergi Uhrenturm an der Piazza Teile des Dogenpalastes Bibliothek des Sansovino an der Piazzetta Die Synagogen im Ghetto Ospedaletto (nahe SS. Giovanni e Paolo) Zitelle-Kirche
Über Führungen auf S. Giorgio d. Armeni, S. Servolo, und dem Palazzo Grimani habe ich schon berichtet. Demnächst berichte ich über die Führung auf Lazaretto Novo, weitere später, nach meiner Teilnahme.
There is something so different in Venice from any other place in the world, that you leave at once all accustomed habits and everyday sights to enter an echanted garden.
Carlo Fruttero:
Perché nessun' altra città al mondo è immersa come questa non già nell'acqua ma nel tempo. È il tempo che circola nei canali, lambisce i palazzi, scivola tra piccoli ponti, cupole, erosi gradini di pietra; è il tempo che impregna persino gli umili souvenir in vendita per i turisti.
Feldbauer, Peter/Morrissey, John; Weltmacht mit Ruder und Segel - Geschichte der Republik Venedig 800-1600; Magnus 2004
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