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5. April 2021

Kreuzfahrtschiffe aus Venedig verbannt...! Ach was...?!


Hatten wir das nicht schon mal? Schon mehrmals? 2013 wurden Schiffe über 96.000 Tonnen aus dem Giudeccakanal "verbannt", die Entscheidung gerichtlich wieder zurück genommen. 2017 versuchte es eine andere (der häufig wechselnden italienischen) Regierungen mit dem Vorschlag, große Schiffe aus dem Canale della Giudecca zu "verbannen" und nur noch in Marghera docken zu lassen - woran sich niemand hielt.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie die internationalen Medien brav eine Pressemitteilung verbreiten, in der die "Verbannung" der Kreuzfahrtschiffe aus Venedig angekündigt wird. Bis auf wenige Ausnahmen machen sich Journalist*innen nicht die Mühe, die Quellen dieser Information zu prüfen.


Zuletzt habe ich dazu im Feburar 2018 geschrieben: 
"Wenn die Tagesschau entwarnt..."
und mir dann das Thema einstweilen geschenkt.


Jetzt wirbeln die internationalen Medien erneut und verkünden die "Verbannung" der Schiffe aus Venedig und den Bau einer Kreuzfahrtstation außerhalb der Lagune, ja sogar Offshore! Wer hofft, auch nach der Covid-Pause der Kreuzfahrtindustrie "keine Riesen mehr in Venedig" sehen zu müssen, täuscht sich wieder einmal bzw. wird wieder einmal vom Mediengeschwätz getäuscht.

Hier ist die Basis dieser Medienmeldungen, der Text des Erlasses des Ministerrates vom 31.3.2021 (scrollen, 2. Absatz "Trasporto Marittimo": 

TRASPORTO MARITTIMO
Disposizioni urgenti in materia di trasporti e per la disciplina del traffico crocieristico nella laguna di Venezia (decreto-legge)
Il Consiglio dei Ministri, su proposta del Presidente Mario Draghi, del Ministro delle infrastrutture e della mobilità sostenibili Enrico Giovannini e del Ministro della cultura Dario Franceschini, ha approvato un decreto-legge che introduce disposizioni urgenti in materia di trasporti e per la disciplina del traffico crocieristico nella laguna di Venezia.
Per contemperare le esigenze di tutela del patrimonio artistico, culturale e ambientale di Venezia e quelle legate allo svolgimento dell’attività crocieristica e al traffico merci, il decreto prevede l’indizione, da parte dell’Autorità portuale del Mare Adriatico settentrionale, di un concorso di idee, volto a raccogliere proposte e progetti di fattibilità tecnica ed economica per la realizzazione di punti di attracco utilizzabili dalle navi adibite al trasporto di passeggeri superiori a 40mila tonnellate e dalle navi portacontenitori adibite a trasporti transoceanici.
Il testo prevede poi misure atte a garantire la mobilità delle persone e la circolazione delle merci su tutto il territorio nazionale, attraverso la proroga dei collegamenti marittimi con Sardegna, Sicilia e isole Tremiti svolti in regime di servizio pubblico, per il tempo necessario a consentire la fine delle procedure di gara e, in ogni caso, fino al 31 maggio 2021. Infine, il decreto proroga di 3 mesi (dal 31 marzo al 30 giugno 2021) l’entrata a regime del documento unico per la circolazione dei veicoli iscritti al Pubblico Registro Automobilistico (PRA). Lo slittamento consente di perfezionare le procedure telematiche relative ai veicoli adibiti al trasporto delle merci e agli autobus, sottoposti a particolari normative di settore, e di completare la fase di rodaggio di tutte le procedure.

Übersetzung:
"Dringende Bestimmungen zum Verkehr und zur Regulierung des Kreuzfahrtverkehrs in der Lagune von Venedig (Gesetzesdektret).
Auf Vorschlag des Präsidenten Mario Draghi, des Ministers für nachhaltige Infrastruktur und Mobilität Enrico Giovannini und des Kulturministers Dario Franceschini genehmigte der Ministerrat ein Gesetzdekret, das dringende Bestimmungen zu Verkehr und zur Regulierung des Kreuzfahrtverkehrs in der Lagune von Venedig enthält.
Um die Bedürfnisse des Schutzes des künstlerischen, kulturellen und ökologischen Erbes Venedigs und des Schutzes von Kreuzfahrten und Güterverkehr in Einklang zu bringen, sieht der Erlass vor, seitens der Hafenbehörde der nördlichen Adra einen Wettbewerb auszurufen um Ideen zusammen zu tragen, die darauf abzielen, Vorschläge und Projekte von technischer und wirtschaftlicher Machbarkeit für den Bau von Liegeplätzen zu sammeln, die von Schiffen für die Beförderungen von Passagieren über 40.000 Tonnen und von Containerschiffen für den Transozeantransport verwendet werden können.
Der Aufruf zielt auch auf Maßnahmen, die die Mobilität von Menschen und Warenverkehr im gesamten Staatsgebiet durch die Ausweitung der Seeverbindungen mit Sardinien, Sizilien und den Tremiti-Inseln für die Zeit gewährleisten, die für die Dauer des Verfahrens erforderlich ist, das auf jeden Fall am 31.5.2021 schließt. Schließlich verlängert der Erlass das Inkrafttreten des einheitlichen Dokuments für den Verkehr von  im Öffentlichen Automobilregister (PRA) zugelassenen Fahrzeugen um drei Monate (vom 31. März bis 30. Juni 2021). Der Beleg ermöglicht es, die Telematikverfahren für Fahrzeuge, die für den Transport von Gütern und für Autobusse verwendet werden, unter Berücksichtigung besonderer Branchenvorschriften zu verbessern und die Einführung aller Verfahren abzuschließen.



Es geht bisher nur um die Ausschreibung von Projektanträgen zur wirtschaftlichen und technischen Entwicklung von Hafenanlagen für Kreuzfahrtschiffe über 40.000 Tonnen und Containerschiffe für den Tranzozeantransport. Eine Absichtserklärung, mehr ist das noch nicht. Auch wenn für die Ausschreibung 2,2 Millionen € zur Verfügung stehen. Das Ergebnis und weitere Entscheidungen bleiben abzuwarten!


Es gibt bereits vorhandene Vorstellungen (erstaunliche, finde ich Ahnungslose!) wie nach dem Dekret von 2017 von Venezia Today vorgestellt; oder Porto Offshore Venezia, vorgestellt in Leipzig 2014; oder eine Nummer kleiner Seingim; oder das ebenfalls seit 2014 existierende Projekt von Duferco, das schon 2001 als Ergänzung der M.O.S.E.-Anlage in der Lidoeinfahrt präsentiert wurde. Die Kreuzfahrtdocks nahe Punkta Sabbioni können in 3 Jahren fertig gestellt sein. Das Projekt hatte bisher gegen die nach dem Erlass von 2017 von Stadt- und Regionalregion durchgesetzten und jetzt praktisch fertig gestellten Docks in Marghera keine Chance. Duferco vermarktet das elektrisch angetriebene Transportsystem für Kreuzfahrer innerhalb der Lagune "Venis Cruise" als kleine Lagunenkreuzfahrt; siehe dazu auch Artikel in der Nuova vom 2.4. "Scalo Duferco a San Nicolò Poi in laguna solo con motori elettrici". Ob der bisherige Plan für die Nutzung durch Schiffe des Transozeantransports geeignet wäre oder angepasst werden könnte, bliebe abzuwarten.

Von Technik und Finanzierung verstehe ich nichts, von Calls und Ausschreibungen etwas mehr und von der Dauer von Auswahlverfahren, von Genehmigungsprozessen, inkl. EU-Projekten, die sich in dieser Größenordnung über Jahre hinziehen. In denen zusätzlich die nationale, regionale und lokale Politik durch Wahlen mit neuen Akteur*innen ausgestattet werden könnte - mit welchen Auswirkungen? Da kann man viel befürchten, ohne grundsätzlich pessimistisch zu sein.

Die "vorläufigen" Docks für Kreuzfahrtschiffe, die finanziert und in Marghera gebaut wurden, erwartet die Kreuzfahrtindustrie schlüsselfertig, wenn sie "nach" der Covid Pandemie (wann?) wieder ins Geschäft einsteigt. Werden Arbeit und Kosten für die erforderliche Kanalvertiefung vor Marghera, den Bau von Docks und Passagierterminals, die einzurichtenden Transportmittel zu Wasser und Land für Passagiere etc. einfach abgeschrieben, wenn ein neuer Hafen außerhalb der Lagune tatsächlich in Gang käme - "Verschwendung" für vielleicht 5 Jahre Betriebsdauer? Oder würden die Betreiber des Port of Venice nicht alle Register ziehen (42.000 Arbeitsplätze, Strukturwandel in Marghera, Beherbungsindustrie in Mestre etc.) um diesen Standort zu erhalten? In dessen Infrastruktur derzeit 41 Millionen fließen?! Geht es nach den Entscheidern aus Wirtschaft und Politik, bleibt alles wie es ist. 

"Dies ist die bevorzugte Hypothese der Region, der Lega, der Hafenbetreiber und der Stadt. 'Ich bleibe beim Kanal Vittorio Emanuele für die Linie Petroli-Margher und Marittima' sagt der Regionalpräsident Luca Zaia, 'es ist das Einfachste: so entfernen wir die Schiffe von San Marco und behalten die Marittima'. Gleiche Linie wie der Bürgermeister Luigi Brugnaro. Gestern zog er es jedoch vor, den Regierungserlass nicht zu kommentieren, obwohl der heute mit Minister Enrico Giovannini darüber gesprochen hatte."
(La Nuova 2.4. "Grandi navi, concorso d'idee dai tempo lunghi. Intanto il terminal crociere andrà a Marghera".)

Wie sich die Ideensammlung für die neuen Kreuzschifffahrtsdocks auch entwickeln wird: weiterhin, "vorläufig", fahren kleinere Schiffe durch die Stadt, sehr große Schiffe durch dieEinfahrt von Malamocco durch die Lagune. Ästhetisch wird das eine Verbesserung sein, aber die Fragen des Umweltschutzes für die Lagune, des Denkmalschutzes für die Stadt, der Gesundheit der Bewohner*innen, des Welterbes für uns alle, bleiben stehen wie bisher. 

Wir reden wahrscheinlich in einigen Jahren wieder über die "Verbannung" der Kreuzfahrtschiffe aus Venedig, vor welchem Hintergrund auch immer. Wollen wir hoffen, dass dann die Verbannung tatsächlich stattfindet und der jahrelange Einsatz venezianischer Bürgerinitativen erfolgreich war.


Ich füge als Ergänzung (vor allem für mich selber) Artikel an, die nach der Veröffentlichung dieses Eintrags am 5.4. erschienen und interessante, erweiterte Aspekte bringen. 

5.4. ytali. Grandi Navi fuori della laguna. Definitivamente e immediatamente
6.4. Italia Nostra La soluzione è imporre navi più piccole alle compagnie di navigazione
6.4. ytali. Fuori le Grandi Navi. Per restare dentro la Laguna
6.4. UNESCO Large cruise ships banned from entering Venice lagoon

💥


Oha. Das ging schneller als erwartet! Nach 2 Wochen ist die Verbannung schon wieder vorbei.

15.5. La Nuova Grandi navi, tornano le MSC in Marittima e a Marghera und Due grandi navi in Bacino San Marco
Im Juli fahren MSC Orechstra und MSC Magnifica wie gewöhnt durch das Bacino, vorbei am Palazzo Ducale und S. Giorgio Maggiore, um ebenfalls wie gewöhnt in der Marittima festzumachen. Weil die "Übergangslösung" des Kreuzfahrthafens in Marghera noch nicht ganz fertig ist. Was soll man machen...? Es bleibt wie gewöhnt alles beim Alten in Venedig.

16.6. CNN Cruise ships head back to Venice despite ban

17.4. Il Fatto Quotidiano Venezia, il governatore Zaia annuncia il ritorno delle crociere (Mehr als eindeutig, dass Regional- und Stadtregierung nicht im Traum an die Verwirklichung der Verordnung der Minister denken.)

19.4. Huffpost Un cavillo riporta le Grandi Navi a Venezia, in attesta di "nuove idee" (Hier die  juristische Begründung der aktuellen Situation nach dem Ministererlass)

22.4. La Nuova Grandi navi a Venezia, stop dal Senato. "Lo scavo del canale è una provocazione"

24.4. Venezia Today Crociere: ecco le offerte per il terminal canale nord, sponda nord, a Porta Marghera (Als hätte es den Ministererlass nie gegeben.)

29.4. The Art Newspaper Has Venice really banned cruise ships? It appears not.

29.4. AgCult DI Venezia: via libera Senato, testo ora alla Camera. Sehr gut. Der Senat hat den Ministererlass mit 168 Stimmen, keinen Gegenstimmen und 26 Enthaltungen passieren lassen. Jetzt kommt die Sache vielleicht langsam, langsam in die Gänge...?

8.5. CNN The truth about cruise ships in Venice


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15. März 2021

No Grandi Navi - man darf sich einmischen




Haste mal'n Euro? Oder 10? Oder 20.000?

Die venezianischen Aktionstage im September 2017 folgten einem bürgerlichen Referendum gegen die Durchfahrt der Riesenkreuzfahrtschiffe mitten durch das historische Zentrum Venedig, gegen die Luftverpestung durch ihre Brennstoffe in 9 Monaten des Jahres, gegen die Erosion des Lagunenbetts und der Fundamente der historischen Gebäude durch die Druckwellen der Riesenschiffe. Die Beteiligung der Venzerianer*innen war beeindruckend. Ganz Venedig war auf den Beinen - auf den Fondamente entlang der Zattere und auf dem Wasser, wie im Video von No Grandi Navi zu sehen. 

Am 4.3.21 wurde die Rechnung präsentiert: 20.000 €, zu zahlen innerhalb eines Monats. Das Komitee No Grandi Navi bittet um Unterstützung und hat ein Crowdfunding gestartet (Link erscheint nochmal am Fuss des Blogeintrags). Wer dank ungenutzter Reisekasse ein paar Euro übrig hat, sollte sich nicht lumpen lassen und den Kampf dieser Bürgerinitiative unterstützen.

Der Text des Aufrufs ist italienisch, gefolgt von der englischen Version. Wer keine Zeit hat, das zu lesen, nimmt vielleicht gerne mit der deutschen Google-Übersetzung vorlieb (habe gerade keine Zeit für eine ordentliche Übersetzung und die schrägen Computerformulierungen haben ja auch was): 

WER WIR SIND

Das No Big Ship Committee ist ein seit langem etabliertes Komitee mit Sitz in Venedig. Seit 2012, als das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio abstürzte und 32 Menschen starben, kämpft das Komitee dafür, dass Kreuzfahrtschiffe die Stadt vollständig auslöschen. Das Hauptziel des Ausschusses ist der Schutz des Ökosystems der Lagune und die Erhaltung seiner Bewohner: Kreuzfahrtschiffe stellen eine enorme Umweltbelastung für die Stadt dar, verschmutzen die Luft und verpfuschen das hydrodynamische System der Lagune.

Wenn Kreuzfahrtschiffe durch den Giudecca-Kanal fahren, bewegen sie den Meeresboden, was die bereits bestehenden Schäden durch Bergbau und Senkung verschlimmert: Jedes Mal, wenn ein Kreuzfahrtschiff nach Venedig einfährt, sinkt die Stadt buchstäblich.

Während dieser neunjährigen Aktion hat das Komitee zusammen mit Tausenden von Menschen Hunderte von Protesten aufgebaut, und sein Kampf wurde in ganz Europa als Beispiel für den Widerstand einer der fragilsten westlichen Städte angeführt. 

DIE FAKTEN 2017 

Im September 2017 organisierte das Komitee nach einem vom No Grandi Navi Committee organisierten Volksentscheid, bei dem 20.000 Menschen in Venedig gegen Kreuzfahrtschiffe stimmten, zwei Tage Kampf und Debatte zusammen mit allen Umweltkomitees aus ganz Italien und Europa.
Am Ende des zweiten Tages nahmen Tausende von Menschen an der vom Ausschuss veranstalteten Demonstration teil. Die ganze Stadt war dort, am Ufer und auf dem Wasser, segelte mit kleinen Booten, forderte die großen Schiffe auf, die Lagune von Venedig für immer zu verlassen, und genoss die Musik und die Kunst, die von einer großen schwimmenden Bühne kamen. Um die Aktivisten aufnehmen zu können, die kein Boot besaßen, mietete das Komitee einige größere Mittel.
Drei Jahre später wurden die Leute, die diese Boote an diesem Tag steuerten, durch einen enormen Zahlungsauftrag erreicht. 

DIE FAKTEN 2021

Am 4. März 2021 teilte der Hafenkapitän von Venedig sieben Aktivisten des Comitato No Grandi Navi sieben Zahlungsaufträge über einen Gesamtbetrag von 14.000 € mit, der innerhalb von 30 Tagen zu zahlen war. Zu dieser Geldsumme müssen 6.000 € für Anwaltskosten hinzugefügt werden.

Was werden den Aktivisten vorgeworfen? Ihre Schuld liegt darin, dass sie während einer Demonstration im Jahr 2017 Boote gesteuert haben. Dies war eine der vielen Aktionen des Komitees, als die "Barchini" (die kleinen privaten Boote) dem Leviathan-Kreuzfahrtschiff gegenüberstanden.

Diese Art von Aktionen kommt immer aus dem Willen, Venedig, seine Lagune, seine Umwelt und sein Leben gegen die Interessen großer multinationaler Kreuzfahrtunternehmen zu retten. An diesem Tag ereignete sich keine Gewalt. Es gab nur eine große Menge von Venezianern, viele Boote und eine schwimmende Bühne, die Musik und Worte der Hoffnung für die Zukunft der Stadt verbreitete. Die große Beteiligung von Menschen und Booten verzögerte die Überfahrt großer Schiffe, die wahrscheinlich zu beschämend waren, um den Hafen zu verlassen und sich dem Zorn Tausender Bürger zu stellen.

Diese hohe Geldstrafe ist ein weiterer Versuch, den Kampf des Komitees zum Schweigen zu bringen, da Klage und Polizei nicht genug zu sein schienen. Schlimmer noch, die Geldstrafe kommt mitten in einem Studium, in einer Zeit, in der es an Arbeit mangelt und die üblichen selbstfinanzierenden Aktivitäten schwer einzurichten sind. Darüber hinaus ist das Ziel der Geldbuße der jüngste Teil des Komitees, der großzügigste und aktivste, aber auch der prekärste und finanziell fragilste.

Dies ist eine echte administrative Rache, die in einem ganz bestimmten Moment stattfindet. Es ist genau die touristische Monokultur, die die Hauptursache für die enormen Auswirkungen von COVID19 auf Venedig ist. Für viele Menschen, die in Venedig leben, ist Pandemie ein Synonym für Wirtschaftskrise, und darüber hinaus ist dies eine Zeit, in der wir unsere traditionellen Selbstfinanzierungsaktivitäten nicht in Gang setzen können.

Aus all diesen Gründen haben wir ein Crowdfunding gestartet. Weil Dutzende kleiner Boote die Riesen des Meeres aufhalten können, können uns Tausende kleiner Spenden helfen, auf eine so große Ungerechtigkeit zu antworten. Wir brauchen die Hilfe aller, um weiter für Venedig zu kämpfen und unsere Stadt vor Spekulanten zu retten. Wir wollen, dass Venedig denen gehört, die darin leben, und denen, die sie lieben!

 

Aiutaci a difendere Venezia-
Sostieni il Comitato No Grandi Navi

Hilf uns Venedig zu verteidigen -


Möglichst bald! Bis jetzt wurden 6.240 € gespendet, noch bleiben 31 Tage um sich mit einer Spende in die Sache einzumischen. Wenn wir schon weiterhin auf einen Besuch in der schönsten Stadt verzichten müssen...!


Ergänzung 19.3.
NoGrandiNavi plant eine Auktion zur Finanzierung des Strafbescheids

Ergänzung 21.3.
Das Büro von NoGrandiNavi am Campo S. Maria Formosa ist wieder geöffnet. Es können auch da Spenden abgegeben werden. 

NZZ: Venedigs Umweltaktivisten droht eine Busse von 20.000 Euro

Ergänzung 24.3.
4 neue Strafzettel sind unerwartet eingetroffen: bitte Geldbeutel noch mal aufmachen!

Ergänzung 8.4.
Die Fundraisingkampagne war ein Riesenerfolg. Siehe Tweet unten.

40.631 TIMES THANK YOU! We expected solidarity, but didn't expect magic. We reached an incredible amount, and we will keep what exceeds as treasury for activists' legal defend. Thanks everybody for the solidarity! Read the full statement at facebook.com/67850318558048

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19. November 2020

Gianni Berengo Gardin - Die Geschichte zweier Städte




Ein weiterer herausragender Dokumentarfilm ist nur heute, 19.11.2020, von 18:30-24:00 Uhr online zu sehen:


Gianni Berengo Gardin's Tale of Two Cities


Obwohl ich bisher auch nur den Trailer sehen konnte, setze ich den Hinweis schon heute Morgen in den Blog, da bei der letzten kurzfristig angekündigten Filmaktion diverse Leser*innen die Information zu spät erhielten.

Der Film basiert auf der Fotoausstellung des venezianischen Fotokünstlers Gianni Berengo Gardin "Venezia e le grandi navi", von der nach einer Terminverlegung 2016 im Negozio Olivetti am Markusplatz ein ausgewählter Teil zu sehen war. 
Der Film der amerikanischen Regisseurin Donna Serbe-Davis wurde beim 
Festival des Dokumentarfilms Thessaloniki vorgestellt.


Mehr dazu bei Artribune:

Tale of Two Cities unter der Regie der amerikanischen Regisseurin und Kunsthistorikerin Donna Serbe-Davis spricht über die Geschichte und Pracht der Serenissima, erzählt aber gleichzeitig von ihrer tiefgreifenden Zerbrechlichkeit.
Durch den Blick von Gianni Berengo Gardin wird die Öffentlichkeit auf eine ungewöhnliche Reise begleitet, die dazu beiträgt, den intimsten und authentischsten Teil der Lagunenstadt wiederzuentdecken, der im Laufe der Zeit durch unkontrollierten Massentourismus verzerrt wurde. Berengo Gardin erzählt sich und seine sechzigjährige Karriere mit einer Reihe suggestiver Bilder. Die neuesten in der Serie, die das Vorhandensein großer Kreuzfahrtschiffe in der Lagune und die daraus resultierende Gefahr für die Erhaltung des architektonischen Erbes der Stadt bezeugen. Eine starke und entschlossene Botschaft, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Problem lenken und zur Schaffung einer Zivilbewegung gegen eine nicht nachhaltige Handelspolitik beitragen kann.
Der Film wird am Donnerstag, den 19. November, auf Initiative des CAMERA - Italienisches Zentrum für Fotografie (das kürzlich die Ausstellung "Gianni Berengo Gardin und Olivetti" organisiert hat, die wegen des Covid-Notfalls im Voraus geschlossen wurde) in Zusammenarbeit mit dem Cinemambiente Festival online ausgestrahlt. Um den Film zu sehen, der von 18.30 bis 24.00 Uhr verfügbar sein wird, müssen Sie sich bei der Streen.org-Plattform anmelden.


Um den Stream sehen zu können, bitte auf STREEN klicken.


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29. Juni 2020

Lagune aus der Ferne - ein neues Konzept für Venedig-Führungen

Bilder: bei Torcello, September 2017/ Oktober 2018

Gestern war ich mit einer schönen Führung in der venezianischen Lagune. Obwohl ich mich derzeit und für den Rest des Jahres in keinen Flieger oder Zug setzen würde und auf Reisen verzichte. 
Meine Regale sind voller Venedig-Material vor allem zu Kunst, Kunstgeschichte, venezianische Geschichte aller Themenbereiche, besonders der Kolonien oltre mare. Ein guter Teil davon noch ungelesen, da in Griechenland oder Venedig gekauft, sehr speziell und zeitaufwändig zu lesen - ideal für eine lange (soziale) Distanz. Das passt also.

Darüber hinaus gibt erfreulich erfinderische Leute, die mit genialen Ideen in die Situation eingreifen: z. B. Luisella Romeo mit ihrem Angebot von Führungen, Spaziergängen und Exkursionen - ONLINE! Sie nennt es 'virtual tour' und 'webinar', es handelt sich um eine Zoom Konferenzschaltung, für die man die Software herunterladen muss. Kostenlos, aber dass wir für solche Anwendungen mit unseren Daten bezahlen, wissen wir. Während der jetzt 4 1/2 monatigen Distanz habe ich mich nach Skype und Googlechats auch an die Zoom Konferenzen gewöhnt. 

Die virtuellen Venedigführungen Luisella Romeos sind einerseits eine erfolgreiche Reaktion auf die Reisesperre, es gibt immer mehr Termine und Themen im Angebot. Andererseits gefällt ihr die neue Form, ihren Job auszuüben, so gut, dass sie es als Angebot beibehalten will. Für Venedigfreund*innen, die nicht reisen können, die über Pauschalwissen und Venedigklischees hinaus wollen, die mehr differnzierte Details über Venedig erfahren möchten, die sich auf eine Venedigreise vorbereiten (und nach einer ersten virtuellen Tour vermutlich gerne eine reale persönliche Führung in Venedig geniessen wollen).




Meine gestrige Tour hatte 7 Teilnehmerinnen aus NL, UK, US, DE, in englischer Sprache, dauerte knapp 2 Stunden. Details siehe:


The Venetian lagoon: landscape, birds and boats

Next Dates of this virtual tour:
June 28th at 7pm CET time and July 11th at 7pm CET time and July 26th at 7pm CET time
About this webinarUnlike other marshland areas along the coasts of the Mediterranean sea, the Venetian lagoon has its own uniqueness. With the help of Luisella Romeo, licensed tourist guide in Venice, during this webinar you will discover what makes this landscape so special and learn about the variety of the fauna, in particular its birds. You will see how man designed specific boats to move around the shallow water and pursue an economy based on fishing, hunting and more.
Duration
The duration of the whole event is around 1,5 hours total including a Q&A session
Cost
Cost per webinar is 35euro per user — you can be as many as you want in front of your computer screen


Lusiella Romeo arbeitet auch in deutscher Sprache, bei entsprechenden Teilnehmer*innen - oder wenn sich eine Gruppe von unter 10 Personen gemeinsam für eine deutschsprachige Tour zu einem Wunschthema anmeldet. 

Dieses Webinar drehte sich NICHT um die bekannten Inseln, sondern ausschließlich um Themen der Lagune: die seit Jahrhunderten menschengemachte Landschaft, Fauna (vor allem Vögel), Flora, die historische Entwicklung der Lagune, ihre Nutzung und Ausbeutung durch Fischer, Jäger, Landwirtschaft, Industrie, Tourismus; die ökologischen Perspektiven der Lagune und die Unmöglichkeit, wirksame Naturschutzgebiete einzurichten; um die Architektur der Lagune, die Mobilität der Lagunenbewohner*innen durch Nutzung verschiedener Boote; die Bedrohung der Lagune durch Kreuzfahrtschiffe und petrochemische Industrie; die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf mögliche Entwicklungen in kürzeren oder längeren Zeiträumen. 

Alles sehr interessant, professionell gut vorbereitet unter Nutzung der Multimediaanwendungen, die Zoom bietet. Und obwohl nicht am Ende der "Tour" eine Frage-Anwort-Runde stattfand, sondern die ganze Zeit von uns Teilnehmerinnen dazwischengefragt und Themenschleifen gedreht wurden, liess sich Luisella nicht aus dem Konzept ihrer Tour bringen. Sie blieb 2 Stunden lang entspannt, fokussiert, zugewandt und charmant (wenn die letzte Bewertung erlaubt ist). Es wurde viel gelacht in der Gruppe, deren Teilnehmerinnen alle Venedigkennerinnen waren, einige einen venezianischen Zweitwohnsitz haben.

Für heute hatte Luisella Romeo ein Mail zur 'Nachbereitung' angekündigt, das ich morgens prompt in der Mailbox fand, Links zu Einträgen in ihrem Blog (also öffentlich!), ich kann sie deshalb hier ungeniert einfügen:

The Birds of the Lagoon of Venice
Wine and vinyards in Venice and its islands
A boat that helped create a mircle called Venice, the trabacolo
Gesamtinhaltsverzeichnis des Blogs, lesenswert und informativ.
Und ein Link zu weiteren experimentellen Venedig-Angeboten dieser bewundernswert kreativen Dame: Unique experiences in Venice.

Ob aus der Distanz oder in Venedig selbst: ich rate, eine Führung Luisellas auszuprobieren. Ich hatte, wie bei den anderen Führungen, die ich getestet und hier empfohlen habe, zwei sehr lehrreiche und angenehme Stunden. Sehr empfehlenswert. Kontaktangaben auf ihrem Blog/ihrer Website.


Siehe auch Eintrag 17.2.20 "Lagunengesang"
Siehe auch Marco Zecchin 30.6.20 Venice Tours in the time of COVID
Siehe auch Doku Deutsche Welle 22.8.20 mit Luisella Romeo






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24. November 2019

Referendum. Scheiden tut weh? Macht froh?


Quelle: Gruppo 25 Aprile

In einer Woche, am 1. 12. 2019, findet das nunmehr 5. Referendum zur kommunalen Trennung von Venedig und Mestre statt. Das Thema ist hochkompliziert und für Außenstehende (mich) nicht wirklich überblickbar. Ein paar Sätze zur politisch und ökonomisch schwierigen Verbindung der beiden Städte stehen schon im Eintrag vom 4.9.19 "Bettenboom in Mestre - Luxuslogis in Venedig":
"Die Stadt Mestre wurde 1926 nach Venedig eingemeindet. Als quasi proletarische Vorstadt der petrochemischen Industrie am Ufer der Lagune, mit ca. halb so vielen Einwohner*innen als damals im 'Centro Storico', also in Venedig, lebten. Die Bevölkerungsstatistik vom Dezember 2018 zählt 260.520 Bürger*innen im gesamten Stadtgebiet (inkl. aller Eingemeindungen), davon  52.996 Bürger*innen in Venedig (ohne Inseln der Lagune) und 116.996 Bürger*innen in Mestre/Marghera. Dieser Bevölkerungszuwachs und -wandel ist mit ein Grund für die Kommunalwahlergebnisse (Lega und weitere rechte Konsorten!) und die sich rasant ändernde Rolle Venedigs, die immer mehr als "Museumsviertel" der "Metropolitanstadt Venedig" bestimmt wird: das der finanziellen Verwertung dienende Touristenzentrum am anderen Ende der Brücke. Dessen räumliche Kapazitäten ihre natürlichen Grenzen haben und deshalb einträglicher genutzt werden müssen (Luxussegment!). Aber darüber hinaus leicht erweitert werden können, im "Venedig" an der Landseite der Brücke, in Mestre. Verkehrstechnisch kein Problem mit den Trenitalia-Bahnen vom Bahnhof Mestre nach Venedig-Santa Lucia ohne Zwischenstopp und Bussen von ATCV und ATVO, und, so der Verkehr die Nutzung der Schiene erlaubt, mit der Tram."

Die bisherigen 4 Volksentscheide führten jedenfalls nicht zur Scheidung. 

Ergebnis 1979 unter der damals noch sozialistischen Verwaltung des Bürgermeisters Mario Rigo (ein engagierter Vertreter der Trennung, dessen Tod vor wenigen Tagen in Venedig sehr betrauert wird): 72,3 % für die Einheit, 27,6 % für die Trennung. 
Nächster Versuch 1989 während der Amtszeit des Bürgermeisters Antonio Casellati der grün-roten Verwaltung: 57,8 für die Einheit, 42,2, für die Trennung. 
Der 3. Anlauf 1994 mit der Stadtverwaltung des linken Bündnisses mit Bürgermeister Massimo Cacciari ergab 55,6 % fürs Zusammenbleiben, 44,4, % fürs Auseinandergehen.
Beim letzten Versuch 2002 unter Bürgermeister Paolo Costa des Mitte-links-Bündnisses wurde die erforderliche Wahlbeteiligung von 50 % nicht erreicht, damit war das Referendum ungültig.

(Es gab im Lauf der Jahre einige weitere Referenden, und zwar zur Autonomie Venetiens.  Hier geht es um eine nationalistische Bewegung, die mit der Autonomie Venedig-Mestre nicht verwechselt werden darf. Allerdings wurden die Trennungsversuche zwischen Venedig und Mestre mit Erfolg von den separatistischen Gruppen Venetiens instrumentalisiert.)

Beim nächsten Vorstoß am 1.12. also soll die Frage " Sind Sie für die Aufgliederung der Stadt Venedig in zwei eigenständige Städte Venedig und Mestre gemäß dem bürgerinitiativen Gesetzesprojekt  Nr. 8?" mit ja oder nein beantwortet werden. 
Die 256 Stimmbezirke (+ 14 Anstaltsbezirke) sind von 7 bis 23 Uhr geöffnet, die Auszählung erfolgt im Anschluss, das Ergebnis wird noch in der Nacht erwartet. Die Anzahl der wahlberechtigten Bürger*innen von Venedig+Inseln und Mestre  steht erst in der letzten Novemberwoche nach der Ausgabe der Wahlkarten fest.  
Hochgerechnet von den bisherigen 4 Venedig-Mestre-Referenden kostet der Spaß eine gute Million, das muss die Demokratie wert sein. Die Stadt kalkuliert 700.000 € für die Wahlvorbereitungen, 150.000 Kostenerstattungen von Wahlleiter*innen, Wahlsekretär*innen und Stimmenauszähler*innen, 150.000 € für die Sonderausgaben der Verwaltungsabteilungen inkl. Stimmzetteln/ Bürobedarf und über 6.000 € für "buon pasto". Gutes Essen gehört auch bei einem Referendum dazu, wir sind in Italien. 

Interessiert uns das? Ich finde schon! Deutschsprachige Medien wissen dazu wenig und sagen fast nichts, weder im Vorfeld und im Nachgang wahrscheinlich nur, wenn eine Sensation zu melden wäre, aber für Venedig-Appassionati sind ein paar Fakten erhellend, die ich venezianischen Medien und social media entnehme.

Z. B. auch die Folgekosten eines Wahlausgangs, der zur Scheidung führen würde: 2 Oberbürgermeister*innen kosten jährlich 132.000 € (Venedig als Regionalhauptstadt mtl. 6.400 €, Mestre nur mtl. 4.600 €). Der derzeitige Vizebürgermeister bekommt 5.200 € pro Monat, jährlich 62.500 €. 2 Vizebürgermeister schlügen für Venedig mit 57.600 € jährlich (4.800/Monat) und für Mestre mit 41.400 € 3.500 €), gesamt 99.000 € zu Buche (alles elegant von mir gerundet). Dazu kommen die Kosten für 2 Ratsvorsitzende von gesamt 79.200 €, bisher einer: 54.200 €.
Die Zahl und Kosten der Referent*innen würden sich erhöhen, ebenso die Zahl und Kosten der Ratsmitglieder. 

Eine konkrete Auflistung weiterer Kosten bzw. Einnahmen, z. B. von Steuern aller Art, Hafengebühren u. Ä. finde ich nicht im www. (Ein Bereich, in dem mir zugegebenermaßen der italienische Wortschatz fehlt, aber mithilfe eines Lexikons...) 
Lediglich die Verkehrsbetriebe ACTV veröffentlichen eine Einschätzung der Folgen einer Trennung der beiden Städte mit der abschließenden Bemerkung (Google-Übersetzung):  
"Auf der Grundlage der obigen Ausführungen, der aktuellen Vorschriften und der derzeit verfügbaren Informationen scheint es unmöglich, dass die Trennung der örtlichen Bevölkerung einen allgemeinen Nutzung in Bezug auf die Dienstleistungen oder niedrigere Sätze bringen könnte. In der Tat würde die hypothetische Gemeinde Mestre im Rahmen des Dienstleistungsvertrags ein strukturelles Defizit von 13 bis 14 Mio. im Jahr verzeichnen... die in jedem Fall zu zahlen sind, um den Bestimmungen des Gesetzes über Dienstleistungsverträge zu entsprechen."
Nun denn. Ich habe nicht den gesamten Text gelesen, da ich mir nicht zutraue, die Rechnerei sinnvoll nachvollziehen zu können.





Wer steht auf welcher Seite?

Die Antwort ist nicht durchgängig eindeutig, sondern zwischen den politischen Parteien und Akteur*innen gibt es auch Zickzacklinien für und gegen Trennung, und für Enthaltung, die ein wichtiger Aspekt bei der Sache ist.

Denn wer für die Enthaltung wirbt, wirbt nach der letzten Erfahrung eigentlich für die Einheit: ist das Referendum wegen mangelnder Wahlbeteiligung ungültig, bleibt alles beim Alten.
Prominenter Enhalter ist, aus nachvollziehbarem Grund, Bürgermeister von Lega Gnaden Luigi Brugnaro. Denn nach einer Scheidung hätte er weder in Venedig noch in Mestre einen Job. 
Zur Enthältung rät ebenfalls, mit erstaunlichen Argumenten, der Ex-Bürgermeister Massimo Cacciari, der Philosoph: "Eine lächerliche Sache, unzeitgemäß, schädlich. Man will die Zahl der Parlamentsmitglieder in Rom verringern, da frage ich die Befürworter: warum wollen sie die Zahl von Referenten und Ratsmitgliedern derart hochziehen?" 
Enthaltung empfehlen auch die Gewerkschaften. 

Gegen die Trennung, fürs Zusammenbleiben ist der Vizebürgermeister von Mestre, Gianfranco Bettin, Soziologe und aktiv in den Themen Umwelt und Anti-Mafia, für die er den Zusammenhalt der Städte wichtig findet - ein nachvollziehbares Argument.
Die Lega wählte Anfang Oktober eine neue Direktion, die zur Teilnahme am Referendum für die Einheit einlädt, aber nicht auffordert. Sie hat ohnehin eine starke Basis auf dem Festland, und sie will Venedig nicht aus ihrem sicheren Machtbereich Veneto entlassen, der Wiege der Lega Nord, aus der die heutige Lega für ganz Italien wurde.
Ebenfalls gegen die Trennung sind die Berlusconi-Partei Forza Italia und der Partito Democratico PD.


Für die Scheidung ist der kleine Teil der Lega, der bei den letzten Kommunalwahlen gegen die Berufung des parteilosen Luigi Brugnaro als Bürgermeister auftrat. Kopf der Gruppe ist Gian Angelo Bellati. Man will einen starken Lega-Mann an der Spitze der Metropolregion Venedig und nicht den parteilosen Selbstdarsteller Brugnaro.
Für die Trennung und zwei autonome Städte wirbt auch die Bewegung 5 Sterne (M5S), nationale Regierungspartei, und ein Zusammenschluss weiterer Gruppen wie CGIL VeneziaPiu Mestre piu Venezia und Mestre Mia.
Die Non-Proft-Organisation We are here in Venice informiert auch in englischer Sprache ausführlich und kompetent - pro Scheidung - auf Ihrer Website. Interessante Artikel sind z. B.: 
Vor allem aber die Bürgerinitiative "Gruppo 25 Aprile", Sprecher Marco Sitran (siehe Video oben) und Marco Gasparinetti kämpft für die Trennung. Auf der Website "25 Aprile" steht (in italienischer Sprache) eine ausführliche Einschätzung "Was sich ändern würde und was sich NICHT ändern würde".
(Die einzelnen Absätze kann man sich ggfs. von
Google übersetzen lassen, den 1. Absatz habe ich schon eingefügt...)

Gruppo 25 Aprile und die zweite wichtige  Bürgerinitiative NoGrandiNavi warben und werben mit gut besuchten Informationsveranstaltungen (z. B. heute um 11 Uhr im Ateneo Veneto  💥) für die Trennung und rufen für heute, 14 Uhr zu einer Demonstration gegen Grandi Navi, MOSE und Brugnaro auf. Das Motto ist "MOSE ist das Problem, nicht die Lösung". Nach den bisherigen  Hochwassern im November die Antwort auf die inkompetenten Behauptungen Brugnaros, sie seien Folge des Klimawandel - Rettung brächte die schnelle Fertigstellung der Hochwassersperren. Das ist ein griffiges Schlagwort. Und näher betrachtet ist es ein wesentlicher Teil des überaus kompexen Problems der Zukunft Venedigs und der Lagune. Aber was wäre die Lösung? Man wird es im Nachhinein wissen oder nie. Die Gletscher schmelzen, das Wasser steigt. MOSE hin, UNESCO Welterbe her. Arbeitet jemand an der Logistik für die Evakuation der mobilen Kunstschätze?

Gegen neue Regeln im Verfahren haben die Bürgerinitiativen Beschwerde eingereicht, weil seitens der Stadtverwaltung praktisch keine Werbung für das Referendum gemacht wird (und damit die Enthaltungen einseitig gefördert werden). Darüberhinaus habe Bürgermeister Brugnare mehrmals gesetzeswidrig zur Stimmenthaltung aufgerufen. Gleichzeitig wird der Aushang von Werbung für die Beteiligung - Aushänge, Fahnen etc. an Privathäusern und -wohnungen) mit Multe (Knollen sozusagen) bestraft und die Aushänge wenn nötig eigenhändig von der Polizei entfernt. 
Beschwerde wird auch geführt gegen die Regelung der Mindestwahlbeteiligung (50 % der Wahlberechtigten +1), die zur Ungültigkeit des letzten Referendumgs 2002 führte.


💥
Ergänzung 25.11.
Die Informations- und Diskussionsvorlage der Veranstaltung am 24.11. von Gruppo 25 Aprile im Ateneo Veneto wurde heute veröffentlicht. 
Das Ateneo Veneto stellt die Filmdokumentation der Veranstaltung am 24.11. auf YouTube. Podium: Gianpaolo Scarante, Presidente Ateneo Veneto
Interventi di: Maria Laura Faccini, portavoce associazione Mestre Mia Laura Fincato, già parlamentare e assessore Comune di Venezia Marco Gasparinetti, portavoce Gruppo 25 Aprile Nicola Pellicani, deputato Partito Democratico Mara Rumiz, già assessore Comune di Venezia Giorgio Suppiej, Presidente Venezia Serenissima (Beide Informationen beantworten einen Teil meiner Fragen, siehe unten, soweit ich sie verstehe - weniger sprachlich als mangels detaillierter Hintergrundkenntnisse als Nicht-Venezianierin.)




Dazu gab es in letzter Zeit einige lesenswerte Artikel:

Blätter für deutsche und internationale Politik Der Tod von Venedig. Tourismus bis zu Kollaps
FAZ Venedig ist nicht Opfer einer Naturkatasstrophe, sondern der Gier
Süddeutsche Zeitung Subito, Venezia!
Süddeutsche Zeitung Luigi Brugnaro
Zeit So schön ist der Hochmut
The Local Venice is dying: Residents to vote on wether to split city in half
Project Syndicate Saving Venice means restauring the citizenry as well as the art and buildings
Daily Beast Venice is Flooding Because of Corruption
APnews Flood-hit Venice's dwindling population faces mounting woes
The Spectator Venice needs Venexit
Guardian Venice goes to the polls in referendum on autonomy
Irish Times Venice voting on split from the sister city
Times Exploited Venice seeks salvation in vote to 'leave' mainland
Times Mayor Luigi Brugnaro accused of dirty tricks as Venice prepares for autonomy vote
ytali. Venezia-Mestre. Le ragioni del ni
ytali. Venezia. Referendum, le ragioni del mio sì
ytali. Venezia. Separare il Comune, scelta miope e anacronistica
ytali. Referendum. Una risposta di pancia ai problemi di Venezia
ytali. La separanzione ha senso solo se aprie la via a uno statuto speciale
La Nuova Applausi e fischi: il referendum "spacca" la platea al Teatro Goldoni
Universität Ca' Foscari Video zur Geschichte Venedig-Marghera

und 2 Tage vor der Abstimmung,  29.22., berichten schnell noch nur die TAZ: Eine Stadt - kein Disneyland und die SZ: Seenotrettung als deutschsprachige Zeitungen (soweit ich es überblicke) über das Thema. 


Die Probleme 
  • Korruption beim MOSE-Projekt, 
  • Abwanderung der Bevölkerung aufs Festland, 
  • mangelnde Bürgerorientierung und -beteiligungder Stadtverwaltung, 
  • halbherzige und groteske Versuche der Besucherregulierung (Drehkreuze! Eintrittgebühren!), 
  • Absicht, Mestre den ahnungslosen Besuchermassen als "Venedig" zu verkaufen und Venedig als lebendes Museum dem touristischen Luxussegment zuzuschlagen, 
  • unverminderte Menge und Größe der Kreuzfahrtschiffe wider alle Absichtserklärungen und Wissen um die Bedrohung von Stadt und Lagune
  • viele andere mehr
  • und zu allem auch noch ein untauglicher Bürgermeister ohne Augenmaß, Qualifikation und Sensibilität
scheinen es mir den Versuch wert sein zu lassen, die Zuordnung und Lenkung in der Kommune Venedig grundsätzlich anders zu organisieren. 
Was mich allerdings irritiert, sind viele Informationen zu den praktischen Konsequenzen, die mir fehlen. Die Gehälter von zwei Bürgermeistern anstelle eines einzelnen reicht als Kostenrechnung nicht aus. Wie genau trennt man zwei völlig verschiedene Städte? Wie funktioniert dann das regionale Konstrukt "Metropolregion"? Müsste man darüber nicht im VORAUS sprechen? Wie wirkt sich die Scheidung auf das Leben der Bewohner*innen in den nächsten 10 Jahren aus (um nur mal kurzfristig zu denken)? Was passiert mit großen Einheiten wie z. B. Flughafen und Hafen, wem "gehören" die, bzw. deren Steuern? Was passiert mit MOSE und dem Schutz der Lagune? Wie kann man den notwendigen Umbau mithilfe echter Bürger*innenbeteiligung aushandeln? Wie die Verantwortlichkeiten?

Nicht nur mich erinnert das an ein anderes Referendum, dessen Drama wir seit Jahren mit Grausen erleben. Schlecht informierte Bevölkerung erstmal abstimmen lassen und hinterher mit Mühe aushandeln, wie mit dem Ergebnis umzugehen ist, ohne vorher die Beteiligung der Bürger*innen am großen Wechsel zu sichern und bei gleichzeitiger Notwendigkeit, verantwortungslose Glücksritter am Aufsatteln zu hindern. 

Ich hoffe nächsten Sonntag auf ein eindeutiges Sì zur Scheidung und viele kluge Venezianerinnen und Venezianer, die danach die richtigen Entscheidungen zur rechten Zeit treffen. In bocca al lupo!


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