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22. Januar 2016

Venezianisch-byzantinische Importe in Glienicke

Byzantinischer Kaiser am Campiello Angaran,
Zwilling des Kaisers aus dem Klosterhof,
dessen Original sich in Washington, Dumbarton Oaks befindet
Bei Recherchen zur Entwicklung des Parkprojektes auf der Insel Certosa (Eintrag vom 19.8.2014) stieß ich auf einen kurzen Film zur Geschichte der Insel, den ich damals für Projektwerbung hielt. Bei Licht betrachtet ist er aber die praktische Umsetzung eines Sommerkurses zum digitalen Visualisieren der Internationalen Universität Venedig, die ihren Sitz auf S. Servolo hat. Und, so gesehen, ein nettes Projekt. (12 weeitere Einträge zum Thema La Certosa hier.)


Ausstellung 'Acqua e Cibo', Dogenpalast 26.9.15-14.2.16
Ansicht der Insel Certosa 17. JH
In der Mitte der zentrale (kleinere) Kreuzgang unterhalb der Kirche
"Isola della Certosa"  enthält von 2:57 bis 3:05 die überraschende Information, dass "(18)50 Prinz Carl von Preussen den zentralen Kreuzgang kaufte und nach Berlin verlegte". Oha. Ich stellte mir das vor wie den Kauf eines schottischen Schlosses und seinen kompletten Wiederaufbau in Kalifornien durch einen U.S. Milliardär. 
Zu Beginn meiner Recherchen war kein venezianischer Kreuzgang in Berlin zu finden, dafür aber ein Mosaik in Potsdam, das vom Bruder Prinz Carls, Kronprinz Friechrich Wilhelm IV. auf Murano gekauft worden war. Dann traf ich im www auf den Kunsthistoriker Gerd-H. Zuchold und seine penible, präzise, perfekte Forschungsarbeit, was zu allen weiteren Schritten führte. (Siehe Buchhinweise am Ende des Eintrags.)

Angeleitet von Heinrich Menu von Minutoli, seinem Erzieher seit dem 9. Lebensjahr, entwickelte Prinz Carl (1801-1883) leidenschaftliches Interesse für Geschichte, Archäologie und alte Kunst. Und sich selbst, neben seiner pflichtschuldigen Militärkarriere als Preussenprinz, seit seiner ersten Italienreise im Alter von 21 Jahren zum Sammler. Laut G.-H. Zuchold zum qualifizierten Sammler, denn "da er auch als Kind nie bedeutende Ansätze einer eigenschöpferischen künstlerischen Veranlagung zeigte, ... verlegte er sich auf das Sammeln von Kunst, und hier gelang ihm in der Tat eine Leistung, deren Bedeutung erst langsam ins Bewußtsein gerufen wird: er legte nämlich die erste Sammlung byzantinischer Kunstwerke im modernen Europa dort an, wo byzantinische Kunst nicht heimisch ist, deren Sammeln also mehr als beispielsweise in Italien einen bewußtseins- und willensmäßigen Akt bedeutete." 


Klosterhof von außen mit 2 Bogenhallen, Vorhof, Säule mit 'Markuslöwen',
in der Mitte der verschlossene Innenhof  
An seinem Sommersitz, heute Schlosspark Glienicke, ließ er in kleiner Entfernung zum Schloss ein Museum zur Aufnahme seiner venezianisch-byzantinisch-mittelalterlichen Sammlung bauen, den Klosterhof. (Er erscheint mittlerweile ausführlich im Wikipedia-Eintrag zu Glienicke, 2014 war das noch nicht nicht der Fall.) Wie Hunold begründet, ist der Architekt des Klosterhofs wohl nicht Ferdinand von Arnim, sondern Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) selber und Friedrich August Stüler, der das Neue Museum in Berlin baute und nach dem Tod des Architekten Ludwig Persius die Friedenskirche in Potsdam (siehe oben). 


Innenhof des Klosterhofs, wie er durch das schmiedeeiserne
Portal zu sehen ist. Säulen aus dem Kreuzgang von
Sant' Andrea della Certosa, Brunnenkopf, die Apsis gestaltet
mit dem (leeren) Sarkopharg des Pietro d' Abono, Säulen,
Formelle, einem Atlanten und weiteren Objekten aus der
byzantnischen Sammlung Prinz Carls.
Die Repliken des Kaiserrelief (s. u.) und der Marmorikone der Agiosoritissa
hängen im rechten Gebäudeteil.
Zur architektonischen Gestaltung von Carls Museum wurden auf La Certosa im bereits weitgehend abgerissenen Kloster Sant' Andrea noch vorhandene Säulen des zentralen (kleineren) Kreuzgangs akquiriert. Hunold belegt mit Dokumenten des Staatssarchivs Venedig, dass, folgend der napoleonischen Schließung des Klosters "bereits 1807 die besten und kostbarsten Stücke verkauft" waren, und dass in Reiseführern der Jahre 1815 und 1819 Sant' Andrea als "schon abgerissen" bezeichnet wird. (Grabplatten und ähnliche Relikte, die weder verkauft noch von Kirchen oder Museen übernommen wurden, werden heute im Seminario Patriarcale aufbewahrt.)
Vor 1811 schlug der damalige venezianische Bürgermeister Daniele Renier die Umnutzung der Certosa als Friedhof vor (und nicht, wie geplant, als Militärstützpunkt der Österreicher), um die vollständige Zerstörung der Kirche von Sant'Andrea zu verhindern, "eines der besten Werke von Pietro Lombardo, ... voll von ausgezeichneten Kunstwerken, reich an preziösen Marmorarten, versehen mit außerordentlichen Malerein, kurzum eine der Zierden der Stadt". Wie wir wissen, wurde nichts daraus, gerettet wurde S. Michele, eine andere Zierde der Stadt. 


1845 wurde das größte Klostergebäude als Kaserne erneuert (heute der letzte Ruinenhaufen auf der Insel), und alle anderen Gebäude unwiederbringlich vernichtet. Hunold vermutet, dass Prinz Carl gerade noch rechtzeitig ein eher kleines Kontingent der wenigen Überreste für seinen Klosterhof ergattern (lassen) konnte. Sein kleines kostbares Museum im Wald oberhalb der Havel, übers Wasser 'verbunden' mit den Sakralbauprojekten seines Bruders, der Friedenskirche in Potsdam und der Heilandskirche in Sacrow, wurde also durch gezielt gekaufte Relikte der Kartause in der Lagune aufgebaut. In seine Mauern wurden planvoll Spolien aus der Sammlung integriert, und die Sammlung byzantinischer Kunst fest eingebaut. (Sie enthielt natürlich auch 'nicht-venezianische' Kostbarkeiten wie den Goslarer Kaiserstuhl, die ich hier nicht berücksichtige.) 


Die letzte Ruinenhaufen auf La Certosa, ehemaliges Kloster-
dann Kasernengebäude. Stand November 2015
Die Provinienz der Kreuzgangssäulen von der Certosa ist belegt. Andere sind selbst erklärend, wie z. B. das Affenrelief vom Turm in Pisa (Austauschteil, das bei einer Restaurierung des schiefen Turmes zum Verkauf stand) oder die Platte mit der Stiftungsinschrift der Scuola S. Giovanni Battista aus Murano. Mögliche Provinzienzen von vielen Einzelstücken erläutert Hunold mit Hilfe seiner kunsthistorischen Expertise, durch Werkvergleiche von Künstlern und Meistern. 
Trotz seiner Kompetenz kann er aber häufig nur vermuten, dass ein Stück "wohl aus dem Andreas-Kloster auf der Insel Certosa" sei. Denn die große Plünderung Konstantinopels 1204 und folgend die jahrundertelange 'Verlegung' massenweiser Kunst- und Kirchenschätze, Heiligenreliquien und ganzer Heiliger überschwemmte die Lagune mit allem, was der Verschönerung und dem Ruhm Venedigs diente. Alles, was nicht eindeutig einheimischen Künstlern zuzuordnen ist, kann also Werk eines Künstlers aus dem byzantinischen Reich sein. Das trifft vor allem auf die vielen dekorativen Patere, Formelle, Säulenteile etc. zu, die einen weiten Weg durch Zeit und Raum hinter sich haben können. 


Stiftungstafel der Scuola S. Giovanni Battista di Murano. Text transkiribiert und übersetzt bei Hunold: 
"Am 30. Oktober des Jahres 1374, als der edle und gelehrte Herr Gabriele Zaccharis Bürgermeister von Murano war, wurde dieses Gebäude errichtet. Oberer war währenddessen Herr Gabriele Buxelo und seine Brüder Vorsteher der Suola der Flagellanten von S. Giovanni Battista in Murano. Herr Iacomelo Damolin, Herr Olivier Darpo, Herr Matteo Roso, Herr Nicholeto von Greguol, Herr Giovanni Capo di Vetro, Herr Paris Sartor, Herr Nicholo del Soler, der Kaufmann Herr Alvise, Herr Meneghelo aus Stra, Herr Anthonio Zio, der Brotbäcker Herr Benvenuto, Herr Marcho Santo".

Große Teile der Klosterhof-Installation Prinz Carls sind überhaupt inzwischen, wie Hunold belegt, weitergewandert. Als erster nutzte sein Enkel Friedrich Leopold (1865-1931) den materiellen Wert und das ging weiter so bis zur historischen Zäsur des 2. Weltkriegs - 1937 z. B. wurden das 'Kaiserrelief' und eine marmorne Marienikone (Agiosoritissa) an amerikanische Sammler verkauft und befinden sich heute in Sicherheit im Museum Dumbarton Oaks in Washington. Im Klosterhof sieht man Repliken beider Werke aus Beton.


Campiello Angaran bei S. Pantaleon
Zum Rundrelief (Tondo) des byzantinisches Kaisers (der im verschlossenen Innenhof des Klosterhofs vom Gitter aus leider nicht zu sehen ist) gibt es einen originalen "Zwilling" in Venedig (bei S. Pantalon rechts, in der Ecke hinter der Bank, Campiello Angaran). Man kann also dort seine Schönheit, Würde und überraschende Größe bewundern. Er ist privates Eigentum, sein Besitzer gab ihn schon für eine Ausstellung her, aber nicht für eine Museumsaufbewahrung, sondern will ihn traditionstreu als Schmuck an seinem Haus behalten. Wissenschaftlich ist er noch ein Rätsel - wurden 2 Kaiserreliefs aus dem Osten nach Venedig geschafft? War es eines, von dem in Venedig eine leicht abweichende Nachbildung gemacht wurde? Wenn ja, wann? Wie sind die Unterschiede der beiden Werke einzuschätzen? Das Deutsche Studienzentrum in Venedig stellte noch detailliertere Fragen (und fand keine abschließenden Antworten) auf einer Studientag am 5.3.2015, von dem ich leider zu spät erfahren und ihn verpasst habe. 
Giuseppe Tassini schreibt in seinen "'Curiosità Veneziane" unter den Text zum Stichwort "Angaran detto Zen, Campiello, a S. Pantaleone" einen kleinen Nachsatz: "Am Campiello Angaran ist in eine Hauswand eingelassen ein Medaillon aus griechischem Marmor, in das ein orientalischer Kaiser in seiner Tracht eingemeißelt ist, eine Arbeit des IX. Jahrhunderts (wahrscheinlich ein Bildnis des Kaisers Leon VI.). Irrtümlicherweise meinte Zanotto, Lorenzo Tiepolo hätte den Marmor aus den Marmorbrüchen von Mongioja nach Venedig schaffen lassen." Auch kein Konsens zum Thema also.


Verschlossenes Portal vom Vorhof zum Innenhof .
2  Säulenpaare aus rostrotem Marmor von der Insel La Certosa,
von Holzlatten geschützt.Originalpatera im Giebel.
Verpatzte Mosaikrestaurierung der 50er Jahre. 2 Heiligenfiguren,
ersetzt bei der Restaurierung.
In Kleinglienicke war ich im April 2015. Nachdem ich rechtzeitig vorher per Mail die Parkverwaltung und das Bezirksamt Zehlendorf kontaktiert hatte, wurde für mich (danke nochmal für diese unklomplizierte Bürgerfreundlichkeit!) sogar der schon seit den Zeiten Prinz Carls immer verschlossene innere Bereich des Klosterhofs aufgeschlossen, inklusive eines hochinteressanten Gesprächs mit den beiden angetretenen Fachfrauen. 
Der Klosterhof ist ein wunderbarer ästhetischer Raum im Wald über der Havel. Eine Komposition alter und sehr sehr alter Gebäudeteile und Kunstobjekte, eine helle Offenheit des Raums und ein Schweben in der Zeit  an einem sonnigen Frühlingstag. Eine Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin. Die Perfektion des sinnlichen Erlebens wird für mich vor allem bestimmt durch die Balance der Architektur und die Symmetrie der eingepassten Kunstwerke - ein Wechsel zwischen Einzelwerken und Paarinstallationen (von denen mehrfach ein altes Exemplar durch eine Nachbildung des 19. JH ergänzt wurde, um eben diese Symmetrie künstlich herzustellen), sowie die ästhetisch sehr kluge und sensible Kombination von Werken, die ursprünglich überhaupt nicht zu einander gehörten. 


'Markussäule' im Vorhof des Klosterhofs
Basis ist eine Säulentrommel vom Poseidon-Tempel des Cap Sounion,
Säule und korinthisches Kapitell byzantinisch, 11. JH. ,
der Löwe  besteht aus Originalspolien und modernen Ergänzungen
Das kann ja sehr schief gehen, wie z. B. beim "Markuslöwen" auf einer Säule im Vorhof, der offensichtlich aus lauter Spolien zusammengesetzt wurde und aussieht wie eine hinkende Katze mit Teddybärengesicht und angeschnallten Flügeln. 

Aber der Fuss der Säule! Er besteht (wissenschaftlich durch Luigi Beschi 1972 nachgewiesen) aus einer Säulentrommel des Poseidontempels vom Cap Sounion in Attika, zwei weitere dieser Trommeln liegen als Dekoration weiter unten im Park beim Schloss, weitere stehen, zu einer Säule aufgerichtet, im Garten der Palazzina Briati (Universitätsgebäude) in Venedig. Es gibt diese Säulentrommeln im Park des Fürsten von Pückler (der mit Peter Josef Lenné den Kleinglienicker Park gestaltete) in Muskau, aber anscheinend ist deren Provinienz noch nicht überprüft und deshalb nicht belegt. Es scheint aber naheliegend, dass sie gleichen Ursprungs sind wie die Säulenteile in Kleinglienicke und Venedig. Zwei Säulen aus Sounion wurden 1825/26 (also mitten im Aufstand der Griechen gegen die osmanische Herrschaft) von österreichischen Flottenkommandanten nach Venedig gebracht. Noch eine spannende Geschichte...


Säulentrommeln vom Poseidon-
Tempel auf Cap Sounion gestalten auch
den Schlosspark
(vergrößern bitte jeweils anklicken)
Säulentrommeln vom Poseidon-
Tempel auf Cap Sounion
Garten der Palazzina Briati


Spannend ist auch der Brunnenkopf ('vera da pozzo') im Innenhof des Klosterhofs und gut durch das verschlossene Gittertor zu sehen (4. Foto von oben). Er wird von Hunold auf das 1. Viertel des 11. JH datiert und ist aus einem Block aus den Steinbrüchen von Aurisina bei Triest gearbeitet. Einen Brunnenkopf mit frei stehenden Ecksäulen gibt es meines Wissens in Venedig nur noch im Innenhof des Palazzo Vendramin Calergi (Spielkasino) und dort bei offener Landtür (ist auch der Eingang zum Wagnermuseum, Calle Larga Vendramin) zu besichtigen.
(Selbstverständlich haben Preussens den Brunnenkopf nicht als SPRINGbrunnen verwendet, wie im Wikipediaeintrag zum Klosterhof steht. Was hätte mitten im Wald springen sollen? Der Springbrunnen befindet sich im inneren Garten des Schlosses, dessen Wände übrigens von römischen, griechischen, karthagischen... Spolien bedeckt sind. Überwältigend.)



Brunnenkopf im Innenhof des Palazzo Vendramin Calergi (Kasino)
mit 4 freistehenden Säulen ähnlich dem Klosterhof-Brunnenkopf,
der aber älter ist.
Der Klosterhof ist in einem relativ guten Zustand, wenige Kriegsschäden wurden in den 50er Jahren restauriert. Die Reparatur des Madonnenmosaiks über dem Eingangsportal,  beschädigt durch Zielübungen Steine werfender Kinder, nicht Bomben, ist leider völlig daneben gegangen. (Hunold liefert in seiner Monographie die dazu gehörige Korrespondenz mit dem ausführenden Berliner Handwerksbetrieb.) 
Dringend restaurierungsbedürftig ist der Mosaikboden des Kreuzgangs, der ebenfalls original aus der Lagune stammt. Seit der Nachkriegsrenovierung hat das Mosaik teilweise keinen festen Kontakt mehr zum darunterliegenden Boden und kann bei jedem Schritt Schaden nehmen. Und natürlich ist prinzipiell Instandhaltung nötig, wofür die Mittel fehlen. Trotz des Statussymbols "Weltkulturerbe" verlottert der Park Kleinglienicke, sagt Anett Kirchner am 6.3.2014 im Tagesspiegel und erklärt auch sehr genau, warum. Am 10.1.2015 wiederholt sie ihre Klage anlässlich der 200-Jahre-Peter-Josef-Lenné-Feier, ich finde, ihre Kritik sollte dringend gehört werden. 

Fahrradtour, die den Park Kleinglienicke mit dem Klosterhof einbezieht, veröffentlicht vom Tagesspiegel am 28.7.2014.
Anreise mit ÖPNV: Bus 316 von Berlin Wannsee nach Schloss Glienicke in 14 Minuten.



Buchhinweise:

Presse- und Informationsamt des Landes Berlin, 1984
Gerd-H. Zuchold: 
Byzanz in Berlin, Der Klosterhof im Schlosspark Glienicke
vergriffen, darf als Teil der Schriftenreihe Berlin Forum "nicht gegen Entgelt weitergegeben werden", ist aber trotzdem antiquarischerhältlich (gegen variables Entgelt) bei Booklooker.
Gute und detaillierte Information auf 84 Kleinbroschürenseiten, s/w Fotos.
Inhalt: 
Glienicke - Klassizismus und Romantik zwischen Berlin und Potsdam
Die Geschichte des Klosterhofs
Prinz Carls Intentionen als Kunstsammler
Kunstgeschmack als politisches Phänomen
Lageplan von Glienicke
Anmerkungen, Nachwort, über den Autor.



Hrsg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Landeskonservator: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin
Gebr. Mann Verlag Berlin 1993
Gerd-H. Zuchold:
Der "Klosterhof" des Prinzen Karl von Preussen im Park von Schloss Glienicke in Berlin
Band 1, Geschichte und Bedeutung eines Bauwerkes und seiner Kunstsammlung
Band 2, Katalgo der von Prinz Karl von Preussen im "Klosterhof" aufbewahrten Kunstwerke
Diese Monographie empfehle ich sehr für LeserInnen, die an einer akribischen, kompetenten wissenschaftlichen Arbeit mit einem entsprechend großen bibliografischen, fotografischen und dokumentarischen Anhang interessiert sind. Geschrieben in erfreulich präziser, aufmerksamkeitsfreundlicher Sprache.

Band 1 enthält die komplette wissenschaftliche Untersuchung des Themas. 
Band 2 enthält die detaillierte wissenschaftliche Beschreibung aller Objekte, inkl. Provinienz, Quellen etc. 
Bei Booklooker wird größenteils nur Band 1 zu unterschiedlichen Preisen angeboten, also Vorsicht, was man da bestellt und Preise vergleichen.
Ich empfehle die Bestellung der Monographie bei Fröhlich und Kaufmann, beide Bände werden als Pack um 2/3 ermäßigt für 50 € angeboten. 






Ergänzung 23.1.2016

Ein weiterer Brunnenkopf mit frei stehenden Ecksäulen wurde mir heute von einem Korrespondenten freundlicherweise gemeldet. Er ist, finde ich, außerordentlich schön gearbeitet und steht im Innenhof des Fondaco dei Turchi, also dem Naturkundemuseum. In allen Jahren Venedig war ich da nie... herzlichen Dank!
Er schreibt dazu:
"Übrigens rate ich allen, bei einem Venedigbesuch das Naturkundemuseum zu besuchen. Ich finde es ausgesprochen gelungen.
Das erste Mal war ich aus Versehen mit GEOMONDO virtuell dort.
Beim letzten Venedigbesuch waren wir dann mit Freunden life im Museum und waren alle hellauf begeistert. (Alle keine ausgewiesenen Naturkundefans.)"




(C) für beide Bilder: C.H.


Hier geht es zum Eintrag "Eine Geschichte von Murano und Potsdam"



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9. Februar 2014

Bessarions Staurothek in der Accademia



Die Accademia ohne Baukräne wirkt, nach so vielen Jahren der Restaurierung, ein bisschen nackt und lockt sicher viele, die noch nie oder schon lange nicht mehr drin waren. Sie ist ein Museum, das (trotz der neuen noch leeren Räume) manche/n überforderdert aber jede/n BesucherIn überwältigt  mit seiner Masse herausragender venezianischer Kunstwerke. Wer wankend den letzten Raum des Rundgangs erreicht, wird endgültig niedergestreckt von der absolut wunderbaren "Darstellung der Jungfrau im Tempel" Tizians, hier seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an ihrem Originalplatz.



Nach diesem letzten Eindruck strebt man ins Treppenhaus und übersieht eine venezianische Kostbarkeit ersten Ranges, auf die ich hinweisen will, denn ich hatte das große Glück, sie zwei Tage lang detailliert kennenzulernen.
Ohne dass ich bei meiner Planung schon davon wußte, fand während meines Oktoberaufenthalts 2013 in Venedig eine Studienveranstaltung statt, die mein Rahmenthema, die Verbindungen der Serenissima mit Byzanz und ihren Kolonien im östlichen Mittelmeehr, ganz wunderbar traf. Die Staurothek des Bessarion war im Labor in Florenz über zwei Jahre lang wissenschaftlich untersucht worden und die Ergebnisse wurden von den Beteiligten sowie internationalen Fachwissen-
schaftlerInnen vorgestellt. 



Eine Staurothek (griechisch: σταυρος = Kreuz, θηκη = Behälter) ist ein Behältnis für eine Kreuzreliquie. Hier in der Accademia finden sich einige Darstellungen von Vittore Carpaccio und Gentile Bellini zu einer berühmten Kreuzreliquie, die der Scuola grande di S. Giovanni Evangelista, die die Scuola im 14. Jahrhundert erhielt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Staurothek hier in der Nische gegenüber Tizians "Jungfrau" im Herbergsraum der ehemaligen Scuola grande della Carità wurde eben dieser Bruderschaft, die als erste venezianische Scuola 1268 gegründet und als erste als "scuola grande" bezeichnet wurde, geschenkt, im 15. Jahrhundert, genau 1463.

Und zwar von Basilius Bessarion, 1408-1472, griechischer Humanist und Philosoph, maßgeblich beteiligt an den Bemühungen des Konzils von Florenz 1439 um die Überwindung der Trennung der orthodoxen und lateinischen christlichen Kirchen. Leider erfolglos, womit auch die Rettung des byznantischen Kaiserreiches ausfiel und Konstantinopel 1453 endgültig von den Osmanen erorbert wurde. Papst Eugen IV ernannte ihn beeindruckt von seinem Einsatz zum lateinischen Kardinal, was seinen Ruf als Bischof der orthodoxen Kirche ruinierte, aber die Basis seiner Karriere als Kirchenmann, Wissenschaftler und Philosoph in Rom wurde. Zweimal wurde er NICHT zum Papst gewählt wegen seiner NICHT lateinischen Vorgeschichte, aber die Serenissima nahm ihn ehrenhalber in den Adel auf.
Er förderte in der Drucker- und Verlegerstadt Venedig die Veröffentlichung der Werke klassischer griechischer Philoso-
phen und damit die Bildung des gesamten Abendlandes. Er vermachte Venedig seine riesige Sammlung (annähernd 1000 Werke) griechischer und lateinischer Handschriften, Drucke und Dokumente, die Basis der 1468 gegründeten Biblioteca Marciana, die einzige heute noch an der Piazzetta existierende Institution der Serenissima Repubblica. 


Weitere Links zu Basilio Bessarione:
http://surprisedbytime.blogspot.de/2010/01/bessarions-nazi.html
http://nauplion.net/CP-BESSARION-portraits.html
http://idlespeculations-terryprest.blogspot.de/2006/11/cardinal-bessarion.html

Und der Scuola della Carità schenkte er diese byzantinische Staurothek, die ihm selbst, wie die Gravuren auf dem Kreuz der Staurothek ergaben, ursprünglich geschenkt wurde von der Nichte des Kaisers, Eirini Palaiologina. Nach Jahrhunderten der Verehrung wurde die Stavrothek, aus religiöser Sicht sicher der kostbarste Besitz der Scuola, mit dem Ende der Serenissima Opfer der allgemeinen Verramschung und landete in der Hofburg in Wien. Sie wurde Mitte des 20. Jahrhunderts zurück gegeben und 2010 nach 250 Jahren zum ersten Mal wieder geöffnet. Die WissenschaftlerInnen wussten nicht, in welchem Zustand sie das Kunstwerk vorfinden würden.


Widmungstext an den Seiten des Kreuzes in der Stavrothek

Die Ergebnisse wurden an den beiden Studientagen in einem beeindruckenden Programm in allen Aspekten ihrer Unter-
suchungen dargestellt, von WissenschaftlerInnen, die selbst an der Arbeit beteiligt waren und KunsthistorikerInnen und ByzantinistInnen, die begleitende und weiterführende Forschungen präsentierten.


Das Exponat, nach der Restaurierung eine glitzernde Pracht, zeigt sich in seiner kleinen Vitrine rechts neben der Treppe, die in den Raum 24 hinunter führt, in sozusagen drei Teilen:
  • die geöffnete Vorderseite mit emaillierten Darstellungen aus der Passion Christi (zu lesen von links oben nach unten, dann rechts oben nach unten, dann unten quer die Darstellung der Grablegung), zwei Erzengeln, dem Kreuz in der Mitte (herausnehmbar, an der Oberseite mit feinstem Goldfiligran verziert (klicken auf den Flyer oben links) und an den Seiten mit der Stiftungsgravur der Palaiologina versehen), und vier Kristallfenstern. Die beiden oberen enthalten kurze Stäbchen vom Holz des "wahren Kreuzes", die beiden unteren dunkelblaue Stücke aus grob gewebtem Stoff, dem 'Kleid von Jesus Christus'.
  • Zu sehen über einen Spiegel ist die Rückseite der Staurothek mit der darauf befestigten Widmung des Kardinals Bessarion an die Scuola della Carità.
  • Rechts daneben der Deckel mit der Kreuzigungsdar-
    stellung , den man mithilfe von Schienen rechts und links über die Reliquien schieben und damit die Staurothek verschließen kann.
     
Erläuterungen dazu finden sich auch neben der Vitrine.


Deckel und gespiegelte Rückseite der Stavrothek (schwer zu fotografieren wegen der Reflektion des Spotlights)


Das Deutsche Studienzentrum in Venedig, das, auch über die Professoren Peter Schreiner und Holger Klein maß-
geblich an den Studientagen zu Bessarions Stavrothek beteiligt war, hat eine Vormittagssitzung der Vorträge ins Internet gestellt. Sie fand statt im Palazzo Franchetti (an der Accademiabrücke), der für Filmaufnahmen von Veranstaltungen ausgerüstet ist. Die drei weiteren Vorlesungen/Diskussionen in der Accademia und dem Istituto Ellenico wurden leider nicht aufgenommen.


http://youtu.be/a8YWVZmzTq8
Beiträge von Antonio Rigo (Universität Ca' Foscari Venedig, Gianfranco Fiaccadori (Universität Mailand), Bissera Pentcheva (Universität Stanford)
http://youtu.be/GUmwqD6kfb0
Beiträge von Anna Pizzati, Valeria Poletto (Gallerie dell'Accademia), Marco Collareta (Universität Pisa)
http://youtu.be/EOz1ThbBIMs
Caroline Campbell  (National Gallery London), Ebe Antetomaso (Accademia Nazionale dei Lincei, Rom)
http://youtu.be/OpZS3ATiDxg  Abschlussdiskussion




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26. Mai 2013

Kleinste Kunst am venezianischen Bau

 
Zwei Pfauen, (naxischer?) Marmor, Castello, Fond. della Tana/Ponte della Tana

Bevor ab dem kommenden Wochenende die große Masse zeitgenössischer Kunst über Venedig ausgeschüttet wird - die Eröffnungen von Biennale, Pinault-Ausstellungen im Palazzo Grassi und der Dogana, der Prada-Ausstellung im Palazzo Corner della Regina, diverse Neben- und Satellitenereignisse der Biennale...

Ähnliches Motiv - Vögel mit Weinstock, Dorsoduro, Dietro gli incurabili
  ...will ich einen Eintrag schreiben über die kleine, alte, unspektakuläre Kunst am Bau, die überall in Venedig präsent ist: die Patera. Ein kleines Relief, 20-80 cm im Durchmesser, bis zu 10 cm dick, entscheidendes Merkmal: rund! Denn Reliefs an Gebäuden in allen Größen und Formen finden sich massen-
haft in Venedig (darüber ein anderes Mal), Patere sind nur die runden. 


Kampf zwischen Schlange und ?, Cannaregio
 Ursprünglich ein flaches tellerförmiges Kultgefäß in der griechischen und römischen Antike, weiter entwickelt in der byzantinischen Kunst, meist aus Ton, aber auch luxuriös in Silber, verziert mit Darstellungen nur auf der Oberseite, wurden Patere für Opferrituale verwendet.
Unter der Bezeichnung Patene gibt es ein ähnliches Gefäß noch immer im christlichen Opferkult (Kommunion, Abendmahl). 


2 Bären (?), Cannaregio
 Die künstlerisch-magische Verwendung  am Bau im byzan-
tinischen Venedig fanden Patere vom Ende des 10. bis zum 12. Jahrhundert, aber auch in folgenden Zeiten hat sich die kleine runde Form behauptet, und auch auf ägägischen Inseln  habe ich mit Patere geschmückte ältere Häuser (und stylische neue!) gefunden. Schöne Teller auf die Fassaden zu pappen hat sich als nachhaltige Idee erwiesen. 


Kirche S. Sebastiano, Eingang, Dorsoduro
In Venedig gibt es Patere in allen Stadtteilen, auch Touristen im Schnelldurchlauf können sie an der Basilika S. Marco bewundern. Hergestellt sind sie meist aus istrischem Stein, allenfalls griechischem Marmor, der weiße Carraramarmor ist zu empfindlich. Man kann ggfs. an ihrem Zustand erkennen ob es sich um alte Patere oder neue handelt (die man zur Haus- oder Gartendekoration vor allem in den Steinmetz-
geschäften in Cannaregio kaufen kann). Wenige alte Patere sind aus Metall. Manche der neuen sind aus Beton gegossen, was immer man sich dabei denkt. 


Dogenwappen, S. Marco, Innenhof Ca' del Duca
  Häufig sind Tiere dargestellt, auf alten verwitterten Patere sind sie manchmal kaum zu erkennen. Ist aber eigentlich egal, denn alle Tierdarstellungen haben Symbolcharakter und die Tiersymbolik wurde schon in der Antike geschickterweise so breit angelegt, dass sich im Prinzip jede/r aussuchen kann, was gemeint ist bzw. was er/sie passend findet.
Ein Löwe (wir sind in Venedig!) kann außer S. Marco auch Christus, Daniel, Hieronymus, sogar den Teufel, Beharrlichkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Stolz, Überlegenheit, Auferstehung symbolisieren. 


Familienwappen, S. Polo, Calle Orsetti
Der Adler ist ein Symbol für Grechtigkeit und Stolz, der Biber für Keuschheit, der Bär für Unkeuschheit, das Einhorn für Jungfräulichkeit, der Hund für Treue, Neid und Zorn, die Taube für Demut, die Elster für Eitelkeit, der Pfau für Unsterblichkeit, der Drache für den Teufel und das Böse schlechthin, der Hase für Fruchtbarkeit... undsoweiter. Entscheidend für die ursprünglichen Patere ist die erhoffte magische Funktion: das symbolisierte Gute rein, das symbolisierte Böse raus.

Das geniale Familienwappen Malipiero,
Cannaregio, Calle Boldo
Der praktische Zusatznutzen trat später ein in Form von Selbstdarstellung: die Familiensymbolik der Wappen, die soziale Symbolik von Gruppen wie der venezianischen Scuole u. ä.. In Einzelfällen trifft heute wohl auch rein der persönliche Geschmack den Kern der Sache.

Symbol der ehem. Scuola del Volto Santo der Seidenhändler aus Lucca,
Cannaregio, bei S. Maddalena
(siehe auch Eintrag "Vom Finden verschwundener Kirchen" )
Patere sind schwer zu fotografieren, finde ich, denn sie hängen in der Regel hoch, man hat die Wahl zwischen Zoom und extrem schräger Untersicht, in beiden Fällen habe ich schon jede Menge Wackler produziert. Unbedingt sind Patere einer der Gründe, in Venedig nie den regelmäßigen Blick nach oben zu vergessen. Damit einem nicht die wunderschöne kleinste Kunst entgeht.

 
















Haus gespickt
mit Patere und Spolien, Cannaregio, Rio di Ca' Widmann bei der Kirche der Miracoli

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14. Oktober 2012

La testa di Carmagnola - Carmagnolas Kopf

So nennt ihn der Volksmund seit dem 15. Jahrhundert. Wieder eine dieser venezianischen Mischungen von Geschichte und Geschichten. Wunderbar.

Ein kleiner dunkler Fleck unterhalb der Fahnenstange auf der Balustrade: Carmagnolas Kopf

1. Der Kopf:
Sitzt oben auf der Südwest-
ecke der Balustrade von San Marco, gegenüber dem Campa-
nile. So hoch, dass man ihn von unten nicht wahrnimmt, es sei denn, man weiß, er ist da. Ob man ihn von oben wahrnimmt, weiß ich nicht, ich war nur einmal vor Jahren auf dieser Terasse und so hin und weg von der Aussicht und der wunderbaren Quadriga (ihrer Nachbildung, aber eben ganz nah!), dass ich diesen roten Hinterkopf links auf der Ecke ganz sicher nicht mitbekommen habe. Und selbst wenn man ihn tätscheln würde: ein Kopf halt, lebensgroß, Porphyr. Stichwort Porphyr: führt zu 3., aber erst mal folgt



2. Carmagnola
eigentlich Franceso Bussone, genannt Carmagnola, war einer der Söldnerführer des 15. Jahrhunderts, die für Venedig die Landkriege erledigten, denn die Serenissima Repubblica besass kein stehendes Heer. Historische Details stehen im Wikipediaeintrag.

Gentile Bellini: Die Prozession auf dem Markusplatz, 1496, Detail. Pfeile: Oben rechts von der roten Figur, unterhalb der orangefarbenen Dekoration der Porta della carta, ein kleiner rotbrauner Kopf: der Porphyrkopf. (Notfalls Lupe nehmen, dann ist er eindeutig zu erkennen. Unten die pietra del bando.

Erfolgreich genug als Mann des Krieges leistete er sich anscheindend den Luxus oder die Dummheit, Loyalitäten nicht klar zu setzen und damit Vertrauen zu verspielen. Da niemand seine Fähigkeiten unterschätzte, lud man ihn zu einem vorgeblichen Palaver nach Venedig ein und, wie ich irgendwo las, führte man ihn im Dogenpalast mittels Schließen von Türen und Postieren von Wachen immer weiter bis in einen Raum aus dem es kein Entkommen mehr gab. Verhör, Geständnis, Gerichtsverhandlung, Urteil und Vollstreckung erfolgten blitzschnell. 
Ehe die VenezianerInnen noch recht wussten was warum passierte, lag sein Kopf schon ausgestellt auf der "pietra del bando", dem Stein (aus ebenfalls Porphyr) an der Südwestecke von San Marco, der eigentlich der Verkündung von Regierungsnachrichten diente (immer noch da, hinter der Absperrung die die Basilika umgibt). Alle abgeschlagenen Köpfe wurden dort drei Tage und drei Nächte zur Abschreckung ausgestellt (wie die Viergeteilten an den Haken an der Fährstation bei S. Canciano und bei den Tolentini). 
Carmagnolas Kopf wurde wieder abgeräumt, aber seine Schuld blieb in der Diskussion, wurde nie bewiesen, die Anklage war falsch, die Strafe unverdient. Eines der nie eingeräumten Fehlurteile der venezianischen Justiz, gegenüber sehr wenigen öffentlich bekannten.
Und die Projektion des justizirrtümlich hingerichteten Carmagnola wanderte von der pietra del bando geraus nach oben auf die darüber liegende Brüstung zum Porphyrkopf, der dort schon seit längerer Zeit angebracht und passend rot war, die Legende von Carmagnolas Kopf entstand.

3. Porphyr - der Stein der Kaiser
Der Kopf stammt, genau wie die Porphyr-Skulptur der Tetrarchen und viele weitere Schätze in und um San Marco, von der Plünderung Konstantino-pels 1204. Porphyr wurde im byzantini-
schen Kaiserreich, also Ostrom, fast ausschließlich für die Darstellung von KaiserInnen verwendet (Kinder byzantinischer Herrscher wurden als porphyrgeboren bezeichnet). Bei der Identifizierung des Kopfes war die Steinart der wichtigste Hinweis, nach einigem wissenschaftli-
chen Hin und Her im 20. Jahrhundert hat man sich darauf geeinigt, dass er Kaiser Justinian I darstellt. Vor allem Vergleiche mit Münzen und Mosaiken in Ravenna, die Justinian I zeigen, führten zu dieser Auffasung. Ausserdem glaubt man, dass er aus dem Philadelphion in Konstantinopel stammt, wie die Tetrachen eine Etage tiefer.



Wenn sich jetzt jemand, wie ich, fragt, ob das französische Revolutionslied 'La Carmagnole' ("...es lebe der Ton der Kanon...") etwas mit Carmagnola zu tun hat: Nein. 
Nicht alles ist mit allem verbunden.


Museum San Marco
Alessandro Manzoni: Il conte di Carmagnola; Trauerspiel