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12. Mai 2016

Venezia Nativa - Die Wiege Venedigs

Ausstellung "Premio Burano" lokaler KünstlerInnen in der Bibliothek Burano
Peyazzetta 2011

Seit 4 Jahren gibt es den "Verband  'Venezia Nativa' zur Aufwertung von Burano, Mazzorbo und Torcello". Sein Ziel ist die ökonomische, touristische und soziale Entwicklung dieser Inseln. Ich gestehe, dass diese Organisation bisher meiner Aufmerksamkeit entgangen ist. Und da ich die Inseln der nördlichen Lagune sehr schätze und regelmäßig besuche, überrascht mich der Aufwertungsbedarf. Auch gemessen an den überfüllten großen Vaporetti und den Fahrgästen, die stehend von Fondamente Nove nach Burano fahren, den rappelvollen Gassen und Lokalen auf Burano und der Ganztagskarawane vom Vaporettohalt zur Piazza und den Kirchen Torcellos scheinen ungenügende Wertschätzung und BesucherInnenzahlen eigentlich nicht das Problem zu sein. Aber das hängt vielleicht vom Gesichtspunkt ab. Oder vielleicht geht es auch um die Aufwertung der BesucherInnen, nicht der Inseln. Weitergehend interessierte Gäste lädt  man mit Angeboten ein, die gleichermaßen über den reinen Tourismuskonsum hinaus gehen. Das jetzt auf der Website von Venezia Nativa aufgelegte Festprogramm für den Frühsommer 



jedenfalls scheint darauf ausgelegt, den Inselgästen mehr vom Alltag, der Geschichte, der Kultur und natürlich den Menschen der nördlichen Lagune zu vermitteln. 
Ich finde das Programm interessant und beeindruckend zusammengestellt, viele engagierte Personen arbeiten offensichtlich daran mit und deshalb fände ich es schade, wenn diese (vorläufig?) beiden Termine 28.5. und 18.6. in meinem mittlerweile langen Kulturterminkalender des 1. Halbjahres ein bisschen untergingen.   

Die Schiffsverbindung nach S. Francesco del Deserto ist ein schönes Angebot, das vielleicht regelmäßig stattfinden sollte analog den Führungen auf S. Lazzaro d. Armeni (nicht täglich, aber vielleicht einmal wöchentlich während der hellen Monate?). Auch die Schiffsverbindung nach Altino zum Museum ist wunderbar, wobei es eine Option für Alleinreisende geben sollte, sich zur geforderten Mindestzahl von 4 Personen zusammenzutun. 

Die 17 Veranstaltungen auf den Inseln haben durchweg Unterhaltungs- bis Informationswert vom Singen auf öffentlichen Plätzen Buranos (Angebot Nr. 1) über die Führung in der Casa d'Artista durch Paolo Andrich auf Torcello (Angebot Nr. 3), in Handwerksbetrieben Buranos (Angebote Nr. 5, 6, 9, 10) und verschiedenen Ausstellungen und Museen der Inseln (Angebote Nr. 4, 11, 14) bis zur "Frittura in Piazza" (Angebot Nr. 16), und auch für Venedig-Passionati sind ganz neue Erfahrungen im Paket. 
Für die meisten Veranstaltungen ist ein Beitrag zu zahlen (sehr gerne aus meiner Sicht), für alle muss man sich telefonisch oder per Mail anmelden. Die Exkursion mit dem Fischerboot der Kooperative S. Marco (Angebot Nr. 9) fällt bei schlechtem Wetter natürlich aus.
Die Informationen auf der PDF-Liste zum Programm beider Tage lassen kaum Fragen offen und sind gut verlinkt, Kontaktaufnahme mit den AnbieterInnen kein Problem. Die Angebote 18 und 19 auf der Liste nur für Kinder (Kickerturnier und Schatzsuche) sind gebühren- und voranmeldefrei.  
Ich hoffe sehr, das Engagement des Verbandes und der einzelnen VeranstalterInnen wird durch viele interessierte TeilnehmerInnen belohnt. Vielleicht könnte es eine Art Nachfolgeprogramm für die erfolgreichen aber gekippten früheren 'Isole in Rete' werden.


Aprilwiese auf Burano. S. Francesco del Deserto im Hintergrund

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26. August 2015

Die mittlere Giudecca

Campo S. Cosmo
Links und rechts der Haltestellen Redentore und Palanca und das Stück dazwischen, in voller Tiefe der Giudecca, ist die Gegend, um die es hier geht. Hier wohnen normale Leute, die großen bzw. exklusiven Hotels sitzen an den jeweiligen Enden der Insel. Hier in der Mitte gibt es genug zu sehen und zu tun, gerne auch mit Kindern. Die Linie 2 fährt im 10-Minuten-Takt, die 4.1/4.2. im 20-Minuten Takt, und auch wer innerhalb dieser Linien umstei-
gen will, tut das besser auf der Giudecca als an der Riva degli Schiavoni und spart sich den Kampf durch die Menschenmassen und über Brücken. 

Auf der Guidecca ist es entspannter, direkt an der Haltestelle Redentore gibt es eine ungestylte Normalbar mit Holztischen, in der auch ein einfaches Mittagessen gekocht wird von einem freundlichen Inhaberpaar und sich Nachbarn auf einen Kaffee oder einen Wein sehen. 

Redentore und Palanca sind zeitweise enorm wichtig im Verkehr des Canale della Giudecca: am Fuß der Kirche des Redentore landet am Redentorefestwochenende (3. Samstag im Juli)  die Pontonbrücke, von S. Spirito in Dorsoduro kommend, und Palan-
ca ist die Verbindung, die während der Streiks der ACTV zu den Zattere hinüber aufrechterhalten wird (neben der Verbindung Zitelle-S. Giorgio). 



Helle Redentorefassade zum Canale della Giudecca
Die Kirche des Santissimo Redentore, des Allerheiligsten Erlö-
sers,  ist eine
Palladio-Kirche (also hohe Besichtigungspriorität!) und CHORUS-Kirche und wird in jedem Reiseführer beschrieben. Vormittagsbesuch empfiehlt sich wegen des Sonnenstandes und Lichts in der Kirche, nachmittags ist es ein bisschen düster. Hinter der Kirche ist auf Karten oder online-Plänen eine große Grünfläche zu sehen, der Klostergarten, in dem Obst, Gemüse, Oliven, Wein und Blumen wachsen, Hühner und Möwen picken, und wer gerne auf "Venetian Style" verzichtet und sich mit not-
wendigstem Wohnambiente begnügt, kann in der ehemaligen Manica Lunga (dem langen Zellentrakt) des Klosters eine
Zelle bewohnen, zu denkbar günstigem Preis. Die Nutzung eines se-
paraten schattigen Gartens zur Laguna Sud raus ist inklusive. Die Mönche leben in einem abgeschlossenen Trakt der Kloster-
anlage.



Rote Redentoreapsis und -türme zum Kloster und Garten
Wer nach der Redentorekirche links die erste Gasse, Calle S. Giacomo, von Canaleseite bis zum Ende der Mietshäusergrup-
pe durchquert, landet in einem schönen öffentlichen Garten an der Lagunenseite, mit alten Bäumen, einem Spielplatz für kleine Kinder und Sitzbänken. Und wer sich vorher auch noch im Super-
markt am Redentore oder beim Bäcker und den Wurst-, Käse- und Gemüsegeschäften an der Palanca eingedeckt hat, kann hier ein wunderbares Picknick mit Aussicht halten. Entsorgen der Abfälle inklusive, unaufgeräumte Hinterlassenschaften sind ja einer der berechtigten Aufreger der VenezianerInnen. Von diesem Garten sieht man die Inseln in der Lagune schwimmen: Lido, San Servolo, La Grazia, San Clemente, Sacca Sessola und in der Ferne die Lagunenausfahrt von Malamocco. Und schon rechts Bootsliegeplätze, eine Art kleiner Marina, das ist das nächste Ziel: ein Bootsparkhaus mit 24stündigen Service, plus Reparaturwerkstätten mit allem Zip und Zap.



Laguna Sud vor der mittleren Giudecca, Blick auf Malamocco
Also zurück über die Calle S. Giacomo, am Ufer links und durch den nächsten Sottoportego links, man erkennt den Eingang zum Gelände an einer dort ausgestellten Gondel, die Kinder zu ihrem Glück richtig anfassen können. Der Weg führt wieder Richtung Lagunenufer. Man sollte den Arbeitern nicht im Weg stehen, aber man darf problemlos bei der Arbeit zusehen: Boote werden computer aided aus der Garage geholt und zu Wasser gelassen, aus dem Wasser geholt und in dem tiefen, mehrstöckigen Han-
gar verstaut, alles hochspannend. Es kann auch stressig wer-
den, an Tagen, an denen viele Leute gleichzeitig ihre Boote abholen wollen (Redentore!), und wenn es ruhig ist, kann man mit den Garagenleuten einen Schwatz halten. Es gibt auf dem Gelände auch ein Restaurant mit Blick auf das Geschehen, habe ich nicht ausprobiert. Zurück zur Canaleseite auf dem gleichen Weg, dann wieder links über den Rio del Ponte Longo, ein wun-
derschöner Blick, und direkt wieder die erste Gasse links, 
Calle delle erbe.


Marina, im Südwesten die Euganeischen Hügel auf dem Fesstland
Von hier aus kann man diese Teilinsel der Giudecca erkunden, die aus Nachbarschaften älterer Wohngebäude besteht, aber auch aus dem Ende der 90er Jahre von Cino Zucchi u. a. neu gestalteten Junghans-Viertel inklusive 2005 erbautem Theater und Schauspielschule. (Siehe meine Buchempfehlung "Architekturführer Venedig" vom 9.6.2014.)
Mir wurde hier empfohlen das "Ristorante Self Service Food & Art" auf dem Campo Junghans 487, Tel. 393.55.97.626, ire_ve_82@yahoo.it als gut, sehr preisgünstig, ambitioniert. Eigentlich ist Food&Art die Kantine für die Arbeiter der Marina und der in der Nähe ansässigen Werften und die Studierenden der Wohnheime auf der Giudecca, aber offen für Gäste - leider auch nicht ausprobiert. Zurück zur Canaleseite durch eine der beiden Calli Ferrando. 


Campo Junghans 2007
Und wieder links, über den Ponte Piccolo und auf die nächste Insel, auf der man eine große Zahl kleiner und großer Campi, Campazzi und Corti findet, um die sich die Wohnnachbarschaften gruppieren. Idyllisch für vorbeigehende BesucherInnen, denen die Intimität solcher Wohngemeinschaften vielleicht weniger gefiele. Bis man schließlich auf einem 'echten' Campo landet, einer der letzten venezianischen grasbewachsenen Campi vor einer Kirche: Campo S. Cosmo vor Kirche und Ex-Kloster SS. Cosmas und Damiano, immer geschmückt mit Fischerutensilien und ausgebreiteten Netzen. So mag das früher in allen Rand-
gebieten Venedigs ausgesehen haben - der Canal Grande ist eine völlig andere Welt.  


Die Kirche ist geschlossen und durch die Nutzung als Fabrik baulich so verändert, dass eine Öffnung nicht zu erwarten ist, aber durch ein unverschlossenes Gittertor tritt man in einen Sottoportego, der zum Kreuzgang führt. Sonnengeflutet, von Katzen bewohnt, ein schöner Brunnenkopf ist erhalten, zwei Ausgänge führen in die umgebende grüne Wildnis, die der Insel-
jugend vorbehalten zu sein scheint. Im Parterre des ehemaligen Klosters hat das Archiv des Komponisten Luigi Nono seinen Sitz und in den letzten Jahren haben sich dort einige Kunsthandwer-
ker mit Ateliers eingerichtet. Man kann auch Ihnen bei der Arbeit zusehen und bei Interesse und Sprachkenntnissen darüber plau-
dern. Die oberen Räume werden von Kulturprojekten genutzt und für Biennaleausstellungen angemietet. Wo man nicht rein soll, ist abgeschlossen, man kann sich also umschauen ohne Sorge, jemandem zu nahe zu treten. 



Vera da pozzo im Kreuzgang SS. Cosmas e Damiano
Auf der Fondamenta del rio di S. Eufemia erreicht man wieder die Canaleseite, und mit Glück (sprich: Gottesdienstzeit, Hochzeit, Taufe, Trauerfeier...) hat man eine Chance, anschließend die Kirche zu betreten. Es dauerte Jahre, bis ich sie zum ersten Mal sehen konnte, aber es dauerte auch lange, bis ich die Guidecca gezielt unter die Füsse nahm - ich vermute, das geht einigen Anderen auch so und ich hoffe, Neugier geweckt zu haben, einen sehr speziellen Teil Venedigs zu erkunden. Auf den beschriebe-
nen Wegen oder anderen.


Dazu bietet sich unbedingt eine aktuelle Gelegenheit, wenn am 11.-13.9.2015 wieder das Guidecca Kunstfestival stattfindet, das von EinwohnerInnen gegründet wurde und gemeinsam ge-
staltet wird, schon 5 mal in Folge mit jeweils gesteigertem Erfolg. Es beteiligen sich die Kulturgruppen der Guidecca - Musik, Thea-
ter, Tanz; die Galerien, Handwerk- und KunsthandwerkerInnen, Restaurants, jeder kann sich an der Gestaltung des Programms beteiligen. Der Termin steht seit Wochen im Kulturkalender, aber ich will noch eigens daran erinnern:


Nicht verpassen!





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3. September 2014

Eine Gondel in Amsterdam

Rijkmuseum Amsterdam
Hendrik Cornelisz Vroom 1566-1640
Rückkehr der 2. ostindischen Expedition
Ein kleiner Wochenendabstecher nach Amsterdam bringt die unerwartete Erfahrung: Das Verkehrskonzept 'Wasser' kann in der Praxis sehr verschiedene Formen annehmen.

Venezianische Kanäle bzw. rii sind vollwertige und stark fre-
quentierte Personen- und Lastenverkehrswege. Privatverkehr, ÖPNV, Wirtschaftsverkehr. Sie dienen dem Transport all dessen, was sonst auf Straßen bewegt wird. Brücken werden ausschließlich von FußgängerInnen benutzt.

  
Amsterdam hat vollwertige Straßen für den Personen- und Lastenverkehr, der sich in Venedig auf dem Wasser abspielt. Brücken werden von allen VerkehrsteilnehmerInnen, zu Fuß und auf egal wie vielen Rädern, benutzt. Und die Kanäle bzw. Grachten? Es gibt Transportboote, die ich aber nach einem knappen Wochenende nicht definieren kann. Flache Stadt-
rundfahrtboote für TouristInnen, mit und ohne Verdeck. Fest liegende Hausboote. Und dann: jede Menge Partyboote! An einem Freitag im August folgt zur Feierabendzeit ein Partyboot dem andern, offen, in allen Größen, mit oder ohne Musik, mit Bierfäßchen und Chips, Sektkühlern und Häppchen, Rotwein-
gläsern, Baguette & Käse, die Passagiere in Freizeitklamotten. Aber auch geschlossene Boote mit gedeckten Tischen, Kerzen, Blumenschmuck, Kellnern, aufgebrezelten Fahrgästen. Man hat den Eindruck, Amsterdam entspannt am liebsten im Boot.


Alles unvorstellbar in Venedig. Dort gibt es mit dem Verkehrs-
mittel Boot einmal im Jahr Party auf dem Wasser, dann aber richtig, jedes Wasserfahrzeug kommt zum Einsatz, wer keines hat, stellt Tische vors Haus und feiert an den Ufern. (Ich spreche vom Redentorefest und war noch nie dabei.) Hausboote wie in Amsterdam sind auf Venedigs engen und viel befahrenen Kanälen undenkbar, auch in der Lagune und an den Inseln habe ich noch kein Hausboot gesehen (die kleinen mobilen Touristenhausbooten sind kein Thema).  


In Venedig rauscht der Verkehr durch die Kanäle, in den Gas-
sen jenseits der rappelvollen touristischen Schwerpunkte bewegt man sich eher entspannt. In Amsterdam herrscht städtischer Straßenverkehr, die Grachten bieten die beschau-
lichere Art der Fortbewegung. 





Soviel zum Thema Wasser-
verkehr   als Vor-
rede zu einer vermutlich venezia-
nischen Gondel in Amsterdam. Gefunden auf dem Bild (siehe ganz oben), das die Rückkehr von 4 Schiffen der 2. Ostindienexpedition unter Kapitän Jacob Cornelisz van Neck am 19.7.1599 zeigt. Die Ostindienexpeditionen waren der Beginn der Niederländischen Ostindien Kompanie, deren wirtschaftlicher Erfolg auch beitrug zum wirtschaftlichen Niedergang Venedigs. Aber das ist ein anderes Thema.




Die amsterdamer Bevölkerung empfängt auf diesem Bild die Rückkehrer aus "Ostindien", Riesenauflauf von Ruder- und Segelbooten im Hafen, jedes voller Menschen, die um die 4 Handelsschiffe wimmeln. 
"Van Neck brachte fast eine Million Pfund Pfeffer und Nelken zurück, zusätzlich ein halbes Schiff voller Muskatnüsse, Zimt und Muskatblüte. Ein Gewinn von 400 %. Die Reisenden wur-
den ekstatisch in Amsterdam empfangen und in einer Parade begleitet von einer Trompetenkapelle durch die Stadt geführt, während alle Kirchenglocken läuteten." (Wikipedia, s.  Link o.)



Mitten unter ihnen eine einzelne Gondel mit Felze, die gerudert wird von einem stehenden Gondolier und einem zweiten sitzenden Ruderer. Nur wenige Menschen sitzen in der Gondel und ich stelle mir vor: hier sitzt der "venezianische Gesandte" in Amsterdam mit seiner Begleitung. Einer dieser Männer, auf die man in der europäischen Geschichte überall stößt, sei es Alvise Contarini beim Westfälischen Frieden, die lange Liste venezianischer Gesandter im Heiligen Römischen Reich oder die noch längere derjenigen in Konstantinopel

Natürlich nimmt er in seiner Präsentationsgondel an diesem historischen Ereignis teil, das Risiko der  wagemutigen See-
fahrer und der Kaufleute Amsterdams hat sich ausgezahlt, ein Bombenerfolg. Er als Venezianer ist da Experte, und er muss vor allem einen Bericht an die Serenissima liefern, einen dispaccio. Dieses Ereignis, die Öffnung der Ostindienroute, die Konkurrenz der niederländischen Handelskonvois, kann aus venezianischer Sicht kaum überbewertet werden. Also ist er dabei, ob er will oder muss.



Die Gondel sieht nicht aus wie eine heutige Gondel. Sie ist breiter und kürzer, Bug und Heck unterscheiden sich deutlich von der zeitgenössischen Gondel. Aber das dargestellte Boot stammt aus dem 16. Jahrhundert. (Siehe Eintrag "Eine wunderschöne Gondel" vom 7.7.2012.)
Vielleicht ist auch der Maler Vroom von der Darstellung dieses Boots überfordert, wenn überhaupt, gehört eine Gondola ja nicht zum täglichen Anblick auf den Grachten Amsterdams. 

Das denke ich mir beim Betrachten des großen Bildes von Hendrik Cornelisz Vrooms. Kann aber auch ganz anders sein, weshalb ich Andreas Götz, Experte in venezianschen Booten, frage. Über den Export venezianischer Gondeln im 16. Jahrhundert ist ihm nichts bekannt. Der Bootsbau sei bis ins 19. Jahrhundert immer sehr regional und an die Besonderheiten des jeweiligen Ortes angepasst gewesen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass man in einer internationalen Stadt wie Amsterdam eine Gondel präsentierte, präsentieren wollte. Oder Wert darauf legte, auf einem imageorientierten Bild eine Gondel zu präsentieren. Auch wenn man vielleicht gar keine hatte... 

Heute jedenfalls, sagt Andreas Götz, fährt eine original venezianische Gondel in Amsterdam.

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7. Juli 2012

Eine wunderschöne Gondel...



liegt im Canale di Cannaregio, linke Seite, wenn man stadtauswärts fährt, rechte Seite, wenn man stadteinwärts fährt, sie ist offensichtlich neu und fiel mir beim ersten Blick auf, schon im April. Die Gondel hat für mein Auge ungewöhnlich harmonische Rundungen, auch des Verdecks, Bug und Heck sind schwungvoll etwa gleich hoch gezogen und mit einer Art silberner Stacheln verziert, sonst gibt es keine Dekorationen und das Schwarz ist matt, nicht glänzend. Elegant!
Im Mai sah ich sie wieder, und diesmal hatte sie sogar ein halbrundes Dach, ein Felze, aus goldgelbem Brokat. Ich war noch tiefer beeindruckt und natürlich neugierig, wer-wie-wo-warum.
Für derartige Fragen ist Andreas Götz seit Jahren ein sachkundiger Ansprechpartner, der mit folgender Antwort spannende und erschöpfende Informationen mailte:
Zu deiner Frage: Es ist eine Rekonstruktion einer Gondola Seicentesca, also des siebzehnten Jahrhunderts. Das Ganze als Teamarbeit des Meisterkurses der Gondelbauer 2011. Beratung durch Gilberto Penzo (wer sonst?) und gebaut auf der Certosa bei Vdv (Alberto Sonnino, wo sonst?).
Der Felze ist, so wie du ihn fotografiert hast, fertig. Er war so im siebzehnten Jh.
Im Dogenpalast habe ich mal ein Bild einer gondola seicentesca gesehen. Leider konnte ich keine Abbildung finden. Fotografieren darf man ja eigentlich nicht und Abbildungen findet man dann nicht; ziemlich doof.

Zeitraffer des Baus der Gondel:
Bericht über den "Stapellauf":

Um die Entwicklung der Gondel skizzenhaft zu vervollständigen:

Im 15. und frühen 16. Jh. ähnelte die Gondel noch stark der Batela. Die Unterschiede haben sich dann erst herausgebildet (Ich sehe die Unterschiede gar nicht, also frag mich nicht). Es gab wohl schon im 15. Jh. ein einfaches Felze. Auf dem Bild aus dem "Kreuzwunder" von Bellini sieht man in den Gondeln runde Bögen liegen, mit denen man bei Bedarf einen Sonnenschutz bauen konnte. Ich habe dir einen Bildausschnitt angelegt.
Detail, Bellini "Kreuzwunder"

Für den Film Casanova wurde eine Gondel des 18. Jh. rekonstruiert. Sehr gerade im Wasser liegend, mit hohem Ferro. Heute ist sie im Besitz des Arzana, dessen Mitglieder auch beim Film mitgewirkt haben. Foto als Anlage.
Gondel des 18. Jahrhunderts, rekonstruiert für den Film 'Casanova'
Im 19. Jh. wurden Bug und Heck immer höher gebaut, wodurch die Gondel sehr viel wendiger wurde. Ich vermute zudem, daß sie dadurch weniger anfällig gegen Wellenschlag wurde. Ein Problem, daß ja erst seit dem 19. Jh. in dieser Form existiert.

Hier noch zwei Links zum Gondelbau:

http://www.youtube.com/watch?v=YGJroKBe4K0

http://www.youtube.com/watch?v=HZKGNa80RJs

Der Kurs war bei Vdv übrigens nur "zu Gast", sicher gegen entsprechende Bezahlung. Eigentlich sind das ganz normale Produktionsstätten.

Cordiali saluti, Andreas

Grazie mille für Deine Erläuterungen und herzliche Grüße zurück.
Ich hoffe, wohlinformierte TouristInnen freuen sich wie ich beim Anblick der Gondel im Canale di Cannaregio.


Nachtrag am 15.7.2012:

Andreas Götz weist mich per Mail darauf hin, dass in der Pfarrrkirche S. Maria Assunta in Malamocco auf einem Altarbild eine Gondel des 17. Jahrhunderts dargestellt sei.  Ob ich vielleicht zufällig ein Foto davon gemacht hätte?

Nein, habe ich leider nicht. Aber das wunderbare www hat. Hier: Dr. Ulrich Alertz, Studien zur Technik des Mittelalters, Die Gondola des Barock


17. Juni 2012

La Certosa April 2012

Kleiner Besuch auf La Certosa zunächst im Oktober 2011, um zu sehen, wie weit Schritte des Projekts Certosa Urban Park 2015 (Eintrag vom 9.9.2010) schon umgesetzt wurden. 



Ziegenherde, mit Zoom
Eines der 'hohlen' Gebäude, zu füllen mit einem
der
energieautarken Gebäude des Projekts
Blick von der erweiterten Marina auf Turm und Dom
S. Pietro, Turm S. Marco, Arsenaleeingang und Turm
Porta Nuova, Turm S. Francesco della Vigna
Gesunder Bärlauch neben giftigem Aaronstab
im Parkgelände
Sandanlegestelle an der Kanalkreuzung
ehemaliger Klosterinnenhof April 2012
Alte Bäume an der 'Hasenwiese', Umgebung gerodet, Okt. 2011

10. September 2011

Laguna Nord - Das Wochenende!



Die Glücklichen, die am nächsten Wochenende in Venedig sein werden, haben das Privileg, am ersten Festival des Inselnetzes der Laguna Nord teilnehmen zu können.Unter dem Titel "Isole in Rete - Festival delle Isole della Laguna Nord di Venezia" gibt es am 17. und 18. September ein so schön zusammen gestelltes Programm dass ich in meine Tastatur beiße, weil ich darauf verzichten muss.
Ein Zusammenschluss vieler Organisationen + Lagunen-ÖPNV + zusätzlicher Vaporetto Parco dell Laguna ermöglichen den Besuch der Veranstaltungen auf:La Certosa: Inselführungen zu Fuß und mit Bootstransfer zum Forte Sant'Andrea
Sant'Erasmo, Torre Massimiliana
Sa
nt'Erasmo: verschieden Radtouren, Einkaufsmöglichkeit der Inselprodukte, Lagunentour im Drachenboot, Ausstellungseröffnung in der Torre Massimiliana und auf dem Geländer der Torre Massimilana (am Samstag um 18:30 Uhr) die unvergleichlichen venezianischen Ska-J! (Siehe Video am Ende des Eintrags und auch unter dem Label Ska-J)
Lazzaretto Nuovo: historisch-archäologische Inselführung, Ausstellung 'Venedig und die Pest'

San Giacomo in Paludo:
'offene Insel' mit Führungen

Burano:
Fischereiexkursion mit Besuch auf S. Giacomo in Paludo

Torcello:
offene Tür und Führungen in der 'Casa d'Artista' (über die ich schon mehrfach berichtet habe, einsehbar unter dem Label 'Torcello')
Inseln der Laguna Nord Juni 2011: von links Torcello, Burano, Mazzorbo, Mazzorbetto; dahinter San Francesco del deserto, Sant'Erasmo; dahinter die Porta del Lido zur Adria

Mazzorbo: Führungen im Weinberg und in der Gärten des 'Venissa'; Tour zu verlassenen Inseln im Bragozzo

Mazzorbetto:
Führung durch die ehemaligen Befestigungsanlagen.



Für einzelne Veranstaltungen gibt es genaue Uhrzeiten und/oder Kostenbeteiligungen, die unter den Tages-Menüpunkten eingesehen werden können, deshalb nochmals der Link zum Programm.






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9. September 2010

La Certosa - Urban Park 2015

Plakat an der Seitenwand der Werft auf La Certosa

Man sollte nicht erwarten, dass es ausser im Zusammenhang mit Biennalen o.ä. (z. B. 2009) etwas über La Certosa zu berichten gäbe. Wenn man nicht gerade Nutzer der Marina oder Werft ist, kommt man auch kaum auf die Idee, im einzigen Hotel dieser Insel abzusteigen, obwohl sie ja vaprotettotechnisch gut angeschlossenist.

Deshalb überrascht mich ein Projekt, auf das ich eher zufällig stieß und das ich ziemlich spannend finde: Certosa Urban Park 2015. Es wurde auf der Expo in Shanghai im Bereich 'Best Urban Practice' im Pavillon Venedigs im Juni vorgestellt ist wohl auch auf der Architekturbiennale in Venedig seit August zu sehen.


Die Idee ist, La Certosa
ener-
getisch unab-
hängig und selbst-
versorgend auszu-
bauen. Heißt, die gesamte Ver- und Entsorgung der Insel und ihrer erweiterten künftigen
Infrastruktur = Schiffbau und Marina, Hotellerie inkl. Jugenherberge, Bildungs- und Konferenzbereiche, Museums/ Kunst-, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Naturbereiche inklusive agrarische Nutzung, nach Prinzipien der Nachhaltigkeit umzugestalten. Unabhängig von den venezianschen Versorgungsnetzen von Energie, Wasser, Abwasser, Kommunikation, und Co2- und Kosten frei.

Unter dem Link oben wird das ganz gut dargestellt, aber extrem schnell, ich empfehle, den Präsentationsfilm immer wieder zu stoppen um die Einzelheiten in Ruhe anzusehen. Hier kurz:

  • Elektrizität , Heizung und Warmwasser werden solar erzeugt durch Photovoltaik und Solarthermie, sowohl auf Außenflächen der Gebäude als auch auf freien Flächen der Insel.
  • Gewinnung von Wasserstoff durch Elektrolyse und dessen Nutzung für den Küchenbereich und als Unterstützung für zusätzliche Generatoren.
  • Wiedernutzung alter venezianischer Wasserspeicherungstechnologien in Form von unterirdischen Brunnen und Tanks im Bereich des ehemaligen Kartäuserklosters auf der Insel. Diese Wasserspeicherung soll auch zu Kühlungszwecken verwendet werden können, zusammen mit solaren Kühlungseinrichtungen.
  • Abwasserbehandlung in Filtern unterhalb der Inseloberfläche, deren Rückstände kompostiert wieder verwendet werden können.
  • Kommunikationsversorgung durch drahtloses Breitband.


La Certosa im Dornröschen-
schlaf






Das alles ist nicht neu, auch der
modifizierte Einsatz alter Technologien wird vielseitig angewendet z. B. im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Im komplizierten Ökosystem der Lagune ist aber der Rückgriff auf alte Technologien mithilfe neuer Methoden eine spannende Angelegenheit.
Früher war jede einzelne Insel zwangsläufig und selbstver-
ständlich eine selbstversorgende Einheit. Dieses Projekt auf La Certosa im Rahmen des lagunaren Systems und des modernen urbanen Systems ermöglicht Lernerfahrungen, und zwar OHNE normale Bewohner aus ihrem beruflichen und häuslichen Alltag zu reißen, wie das z. B. auf S. Erasmo der Fall wäre. Da es quasi keine Bewohner auf La Certosa gibt.


Auf der anderen Seite impliziert ein "Best Practice"-Projekt natürlich auch, dass es anwendbar und übertragbar sein sollte, um nicht ein sozusagen "Particular Practice" zu sein. Viel Phantasie ist nicht nötig, um Fördergelder, Forschungsmittel etc. in den Sand gesetzt zu befürchten für eine neue Infrastruktur, die in der Folge nicht angemessen genutzt wird.
Lassen wir uns überraschen und das Projekt im Auge behalten wie einige weitere im Laufe der nächsten Jahre.