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12. Oktober 2019

Litauens Biennale-Strand und das Blaue Jahrhundert



9:45 Uhr: Ensemble singt sich für den Start der Performance ein

Wegen der vielen Biennale-Pilger*innen auf der sonst wenig frequentierten Strecke zwischen der Riva beim Arsenale und der Celestia (die kürzeste Verbindung zwischen Süd und Nord in Venedig) ist noch mal Aufmerksamkeit geboten für den Pavillon von Litauen, Goldener Löwe 2019, siehe Eintrag vom 16.6.19 "Sun + Sea + Marina + Litauen". 

Um auf 2 Besonderheiten hinzuweisen, damit niemand enttäuscht vor verschlossener Arsenalemauer an der Celestia steht:

  • Der Pavillon spielt nicht die ganze Biennalelaufzeit, 24.11., sondern schließt bereits am 31.10.! Es wird einfach zu kalt für das künstlerische Strandleben im ungeheizten Pavillon. Schon im Juni gab es ein paar ausgesprochen kühle Tage, an denen Ensemble und Freiwillige im Sand vor Kälte schnatterten und notgedrungen Tshirts überziehen mussten. 
  • Zusätzlich wird der Pavillon in der nächsten Woche vom 15.-18.10. geschlossen, weil eine Marine-Tagung im Arsenale stattfindet. In den 4 Tagen ist 1 Performancetag enthalten, Mittwoch 16.10. 


Natürlich will man wissen, was Wichtiges in diesen Tagen passiert und findet im www:
12. Regional Seapower Symposium 2019 - Navies for the Blue Century.

Begriffe wie "Blue Century" und "Seablindness" werden benutzt als seien sie Allgemeingut, mir sind sie aber neu. Ich suche und finde: 



Das Problem der Folgen von Warentransport und -umschlag auf dem internationalen Seeweg steht, wie man an den Daten sehen kann, seit Jahren an, ist aber leider an mir vorbeimarschiert. Ein beispielhafter Fall von Seeblindheit!

Seit Jahren allerdings registriere ich die Entwicklung der BRI - Belt and Road Initiative, die erst vor wenigen Monaten eindeutig als "Neue Seidenstraße" in unseren TV-Nachrichten angekommen ist. 
Wer regelmäßig in Venedig ist, erlebt mit Staunen die Übernahme diverser Wirtschaftsbereiche der Stadt durch 'Chinesen' einerseits und die wachsende Menge chinesischer Tourist*innen andererseits. 
Aber das scheinen Kinkerlitzchen zu sein verglichen mit der chinesischen Übernahme von griechischen Häfen und ihrem massiven Ausbau schon vor, aber vor allem in Folge der 'Krise'. Der Hafen von Piräus wird seit Jahren betrieben von der chinesischen Firma COSCO. Wenn das mir als normaler Touristin auf Reisen in Griechenland und Italien auffällt, muss die wirtschaftliche Verflechtung Chinas mit Europa weit vorgeschritten sein, und das natürlich auf dem Seeweg.  

Einige informative Artikel dazu: 


Golf von Piräus 2018, Hafeneinfahrt im Hintergrund
(von 'meiner' geliehenen Terrasse)
Wegen des Seapower Symposiums können 2 Schiffe im Bacino besichtigt werden: das Schulschiff Amerigo Vespucci am Donnerstag 17.10. 9:30-12:30 Uhr und am Freitag 18.10. 9:30-12:30 und 15:30-20:30 Uhr; und das Amphibienfahrzeug San Giorgio am Freitag 18.10 10-12 und 15-18 Uhr, am Samstag 19.10. und Sonntag 20.10. 10-12 und 15-19 Uhr. (Siehe auch PressMare vom 11.10.19)Viel Interesse bei Venezianer*innen wie Tourist*innen - man muss sich auf lange Warteschlangen einrichten, keine Voranmeldung. 
Am 14., 16. und 17.10. ist auch der Padiglione delle Navi geschlossen (Eingang neben der hölzernen Arsenalebrücke). Den Eintritt ins Museo Storico Navale, zu dem der Schiffspavillon gehört, ist in diesen Tagen ermäßigt. 
Ergänzung 16.10.: 
Il secolo blue, la sicurezza dei mari per garantire il progresso (La Stampa).


Soweit die Links zu "Blue Century" und den ökonomischen Aspekten der Seefahrt (die ökologischen Folgen scheinen nicht ausdrücklich auf der Agenda des Seapower Symposiums zu stehen), dem Thema, das ungestört im Arsenale am 15.-18.10. besprochen wird und deshalb der Pavillon von Litauen pausieren muss.


Ergänzend zum Eintrag vom 16.6.19 "Sun + Sea + Marina + Litauen" kann ich noch berichten, dass ich im September meinen litauischen Strandtag absolviert habe. Morgens wie bestellt um 9:30 Uhr an der Warteschlange vorbei marschiert, in einer winzigen Umkleide gleichzeitig mit ca. 15 Ensemblemitgliedern in meinen Badeanzug gestiegen (umgeben von ca. 30.000 Paaren Flipflops aller Größen, die sich dort seit Mai rundum stapeln), und einen zugewiesenen Platz am Strand eingenommen (die freiwilligen "Beachgoer" liegen rund um das singende Ensemble eher unter der Galerie herum). Ich war zu Beginn die einzige Freiwillige und erlebte das Einsingen von Chor (Studierende des Conservatorio Benedetto Marcello) und Solist*innen, danach noch eine kurze Probe mit Chorleiterin (die Vorstellungen laufen komplett ohne Dirigat), dann wurden 5 Minuten heruntergezählt und Punkt 10 Uhr startete die Performance und das Publikum erschien auf der Empore. 

Eine Performance dauert 70 Minuten und läuft durchgehend als Schleife weiter, das Ensemble singt (abwechselnd und auch gemeinsam der Chor und die Solist*innen) 8 Stunden durch, eine bewundernswerte Leistung, und spielt zwischendurch auch mal Badminton oder Boule. Die Kinder (teils zum Emsemble, teils zu den Freiwilligen gehörig) machen, was sie wollen, das wechselnde Hundchen wird an der Leine herum- (damit man es sieht), und hinausgeführt, wenn es an einzelnen Arienstellen anfängt, mitzusingen. Oder wenn es mal Gassi muss (für Menschen gibt es eine Chemietoilette).
Freiwillige werden vorher per Mail gebeten, Getränke und Essen mitzubringen, nicht laut zu rufen oder während einer Arie den Strand zu verlassen, nicht ins Publikum zu blicken oder winken. Woran sich das sonnige Krabbelkind des Paars neben mir, das mich auf meiner Decke besuchte und zu einem Keks eingeladen wurde, nicht hielt - es zeigte den Keks fröhlich einladend hoch ins Publikum, bevor es reinbiss.
Es war ein warmer Septembertag, ich lag direkt neben einem geöffneten Fenster, durch das eine milde Brise angenehm in den Pavillon wehte - wie man das am Strand erwarten sollte. Ich habe 5 x die ganze schöne melancholische Oper gehört und außerden gelesen, Rätsel gelöst, gegessen und ein Nickerchen gemacht und hätte eigentlich ganz gerne manchmal mitgesungen...

Die Musik kann man im Pavillon und in den beiden Biennale-Bookshops kaufen, leider nur als Schallplatte. Mehrfach nachgefragt: eine CD ist auch weiterhin leider nicht geplant. Schade. Einen Plattenspieler kaufe ich mir deshalb dann doch nicht, aber SCHADE.





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16. Juni 2019

Sun + Sea + Marina + Litauen


Auf der Galerie des Pavillons Litauen "Sun and Sea"

Der Überraschungssieger der nationalen Präsentationen dieser Biennale ist Litauen mit der Performance "Sun and Sea (Marina)", die Siegerinnen heißen Rugilé Barzdziukaité (Filmemacherin und Projektleiterin), Vaiva Grainyté (Autorin und Dichterin) und Lina Lapelyté (Komponistin, Musikerin, Performancekünstlerin). Es ist ein Projekt, dessen Performance und Musik sich magisch kunstvoll, melancholisch, harmonisch und mit sanften Farben der drohenden Umweltkatastrophe nähert, die wir unbedacht im Alltag ausblenden. 





Die Performance findet statt im Arsenale, aber im MILITÄRISCH genutzten Bereich, also niemals zugänglich für Besucher. Jenseits der Ausstellungshallen der Biennale, jenseits auch der Bereiche, die Besucher bei öffentlichen Gelegenheiten wie "offenen Türen" oder dem jetzt wieder anstehenden "Salone Nautico" betreten dürfen . Man kann sich nur über diesen Standort wundern, und es bedurfte wohl einiger Verhandlungen, damit die Anmietung dieses Gebäudes zustande kam. 

Die Anforderungen an einen Raum für das Performanceprojekt sind außergewöhnlich an Größe, Ton- und Lichtinstallation, einer begehbaren Galerie um den Strand von oben beobachten zu können, musiktolerante Nachbarschaft (der Film/die Musikperformance des isländischen Pavillons im Gartenhaus des Palazzo Zenobio musste vor einigen Jahren auf Beschwerden der Nachbarn - tagsüber! -  so leise vorgeführt werden, dass quasi ein Stummfilm daraus wurde). Aber für solche Dinge hat Venedig Locationscouts: die Location ist perfekt, sogar die Galerie war komplett vorhanden und ist kein Einbau. Besucher*innen betreten einen großen Dachboden, über sich die Dachpfannen, unter sich ein einen schlichten Bretterboden aus dessen Ritzen die Strahlen des lichtdurchfluteten Strands eine Etage tiefer scheinen. 
Draußen steht alle paar Meter ein Aufpasser, oder ein kleines Grüppchen im Gespräch, alle in Zivil aber wachsam, damit niemand im militärischen Sperrgebiet fehl tritt und alle Gäste das Gelände wieder verlassen.

Der Eingang ist nicht leicht zu finden und ein einziges schlichtes Aufstellschild auf dem Campo della Celestia spiegelt die Bescheidenheit, aber auch das Selbstbewußtsein der Künstlerinnen: sie werden uns schon finden! 
Und tatsächlich laufen plötzlich die Leute herum in diesem stillen Winkel von Castello, nix los hier an der Nordwestecke des Arsenale, wirklich nur Wohnungen (und Ferienwohnungen), ein Universitätsnebengebäude und ein Ruderclub. Und an den Performancetagen steht eine Warteschlange. So kommt man hin: Haltestelle Celestia, dann links aber nicht über die Brücke, sondern am Kanal entlang geradeaus, zwischen den Wohnhäusern durch zur Calle de la Celestia, dort links, am Eingang des Universitätsgebäudes vorbei Richtung Arsenalemauer. Am kleinen Tor zum Arsenale sitzt gut sichtbar eine Empfangsperson.

Die Veranstaltung ist kostenintensiv (3 €/Minute wurden ausgerechnet), deshalb war die 8-Stunden-Performance zunächst für die Eröffnungstage und dann nur an Samstagen geplant und durch Crowdfundig vorläufig finanziert. Mit dem Goldenen Löwen und dem Publikumserfolg kamen zusätzliche Mittel (vom Staat Litauen, der Stiftung Laurenz Basel, weiteren Stiftungen und Personen), und nun wird erfreulicherweise auch am Mittwoch indoor gesonnt und gesungen und die Finanzierung bis zum Ende am 31.1. ist gesichert.

Dazu schreib die New York Times: Their Beach Opera Won at the Biennale. But They can hardly afford it

Es gibt Bedarf an Freiwilligen, die sogenannten Beach-goers, die neben dem festen Cast an Sänger*innen und Performer*innen den Strand bevölkern. Großartig! Man sich sich auf die Liste setzen und die Perspektive vom Kunstkonsumierenden zur Beteiligten wechseln. Ich habe mich für je einen Samstag im Juni und September angemeldet und wurde für beide Termine eingeladen. Leider kam ich dank technischer Probleme von Eurowings (mal wieder!) am Juni-Samstag nicht um 12, sondern erst nach 19 Uhr in Venedig an und musste ärgerlichweise per Mail meine Teilnahme am Nachmittag absagen. Zum Glück gibt es den 2. Termin, für den ich Strandlaken, Badeanzug und Sonnenhut gar nicht erst wieder auspacke.  

Das Libretto mit den Liedtexten hängt in einigen Exemplaren an der Balustrade der Galerie aus. Hier kann man die Texte herunterladen.
Katalog und Vinyl gibt es am Empfang der Location oder online zu bestellen.

Eine kleine Ergänzung zwischendurch 12.9.19:
Der Pavillon ist der Renner. Ich weiß von Korrespondent*innen, die bei der Information, dass die Schlange mehrfach um den Campo della Celestia herum 2 Stunden Wartezeit bedeutet, wieder gingen. Verständlich.
Heute war ich dort und habe von den Frauen erfahren, dass Leute bisher teilweise 3,5 Stunden Schlange standen. Trotzdem will ich ermutigen, nicht auf den Besuch zu verzichten. Sun + Sea ist das Highlight der Biennale, die insgesamt nicht gaaanz so aufregend ist, aus meiner Sicht.
Aber: 2 Stunden Schlangestehen ist eine der genialen Gelegenheiten, neue interessante Leute kennen zu lernen. Proviant und Wasserflaschen mitnehmen! Am besten genug, um jemanden einzuladen!  (Auch wir ehrenamtlichen "Beachgoer" müssen für die Stunden unseres Einsatzes genügend Futter einpacken, wie das nun mal so ist am Strand...) 

Eine weitere kleine Ergänzung zwischendurch 19.9.19:
Siehe Eintrag "Die Bäume in der Lagune"
Bis die Haltestelle am 24.9. wieder eingerichtet ist, empfiehlt sich der Fußweg von der Riva: 
genau gegenüber der Haltestelle Arsenale die kleine Calle dei Forni (neben dem eingerüsteten Bau der Ca' di Dio), erste Abzweigung links, an San Martino vorbei über die größere Brücke und über den Campo delle gorne am Kanal entlang bis zum Ende. Links, rechts, dem Weg folgen bis zur Brücke links. Nach der Brücke auf dem Campo della Ternità steht das erste Schild (nicht rot, sondern weiß-gold!) von da noch 1 Brücke und der Campo della Celestia, dort Schild und rechts. 

Noch eine Ergänzung 8.10.19:
Eine Konferenz hochrangiger Marineoffiziere findet im Marinestandort Arsenale statt vom 15.-18.10. - der Pavillon Litauen muss in dieser Zeit geschlossen bleiben. Es ist (zum Glück) nur eine der 2 wöchentlichen Performances betroffen, Mittwoch 16.10.

Ergänzung 19.10.19:
Es wurde ein Onlineshop mit 3 "Souvenirs" eröffnet. Hab sie gesehen, sind von guter Qualität, die Musik sowieso. (Achtung Geschenkezeit im Anmarsch!)


Einige Medienkommentare zum litauischen Pavillon:

Bisherige Einträge zur Biennale 2019:

25.4.19 Kunstbiennale 2019 - Medienspiegel 
23.4.19 Biennale 2019 - Die Synchronen
11.4.19 TBA21 öffnet San Lorenzo
10.3.19 Biennale 2019 - Die Kollateralen
27.2.19 58. Kunstbiennale Venedig - Vorschau der Länderpavillons



Folgeeintrag:
12.10.10 Litauens Biennale-Strand und das Blaue Jahrhundert 



Abschiedsmail des Teams  am 28.9.

Only three days are left until the “Sun and Sea (Marina)” finish
at the 58th International Art Exhibition of La Biennale di Venezia
and only one live opera performance on 30th of October.
 Having started on 11th of May, the Lithuanian Pavilion closes its doors
on 31st of October, yet we encourage you to follow the news about the
Golden Lion winner tour on our websiteFacebook, and Instagram.

We are delighted that almost 80,000 people saw and heard the

opera-performance in six months, and more than 2,000 volunteers
were sunbathing under the artificial sun on our beach.

Live performances would not have been possible without the support

 of the Lithuanian Council for Culture and Ministry of Culture of the
Republic of Lithuania, the Laurenz Foundation, Vilnius City Municipality,
and everyone who contributed to the crowdfunding campaign through
the Indiegogo platform. We are grateful to the first sponsors of the project:
the Lewben Art Foundation, JCDecaux Lietuva, The Momentary, and
private individuals who had supported us before the Venice Biennale began.

It is all of you who have made this art piece even brighter and wavier.

We are grateful for this wonderful trip!


Noch ein kleiner Nachtrag: im März 2020 hochgeladenes Video mit Texten.

20.04.20
The Quietus: A Beach In A Box: Sun And Sea In Bergen

15.11.2020

19. Juni 2018

Arsenale aperto - offene Tür 22.-24.6.2018

La casa del Bucintoro im Arsenale, militärischer Bereich

Ach diese kurzfristigen Termine! In Venedig sind sie das Kennzeichen besonderer Ereignisse, die nicht sowieso und traditionell im Jahreskalender stehen. Wer da ist, ist da und hatte eben Glück! In diesem Fall gibt es als Überraschung am bevorstehenden Wochenende drei Tage lang offene Tür im Arsenale, 22., 23. und 24.6. täglich von 10-19 Uhr, kostenlos, ohne Anmeldung.

Ferretti (ein mir bisher völlig unbekannter Name) feiert 50jähriges Firmenjubiläum und die Marina Militare, der noch immer ein Teil der Gebäude und die ganze Wasseroberfläche des Arsenale gehört, zeigt sich großzügig und lässt, selten genug, das Volk rein. Das ist natürlich eine starke Werbemaßnahme sowohl fürs Militär als auch den Markt der Luxusyachten, die sich ja auch gerne am Ufer von Castello und zu Biennalezeiten breit machen. Im großen Arsenalebecken werden laut Ankündigung 11 Yachten von 45 bis 96 Fuß Länge zu sehen sein, und vermutlich viele Jungs aller Altersklassen, die gucken wollen. Als zusätzliche Attraktion fetzen am 22. um 19:30 Uhr die Frecce Tricolori übers Arsenale. Ich frage mich, wie es zur Genehmigung kommen konnte, dass das (dicht bewohnte!) Weltkulturerbe Venedig und seine Lagune einem solchen Schwachsinn ausgesetzt werden. (Nachtrag: damit wird dem ausdrücklichen Wunsch des Bürgermeisters Brugnaro entsprochen.)




Für die Freund*innen der schönsten Stadt ist natürlich das historische Arsenale, bzw. sein heutiger Zustand, das Spannende an der Sache. Und dass an diesem OT-Wochenende inklusive Biennalegelände praktisch das ganze Arsenale (außer den privaten Firmenbereichen) quasi in einem Rundgang zugänglich ist. Zwischen dem Arsenale Nord, an der Tesa (Halle) 105 und dem (kostenpflichtigen) Ausstellungsbereich der Biennale gibt es von 11-19:20 Uhr eine kleine Bootsshuttle, die zwecks Verbindung der Ausstellungshallen kostenlos alle 20 Minuten fährt. Man steigt im öffentlichen Teil des Giardino delle Vergini aus. Wer von hier aus die Architekturbiennale besuchen will und noch keine Eintrittskarte hat, kann vor der Überfahrt in der Bar in der Tesa 105 eine erwerben (Kartenschalter direkt links vom Eingang).

Eingang ist durch den Schiffspavillon neben der Arsenalebrücke und durch die Tesa 105 im Arsenale Nord. (Siehe Karte hier. Haltestelle Arsenale bzw. Bacini.)
Ich füge hier den Link zur Seite von Marine Traffic ein, vielleicht sind hier am Wochenende die Daten der 11 ausgestellten Schiffe abrufbar.



Offizielle Website Arsenale Comune Venezia
Siehe andere Einträge zum Arsenale






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8. Mai 2018

Müll weg

Pittureske venezianische Morgenszene - vorbei!

Fast genau plangemäß, mit nur 3 Monaten Verzug, ist die Einführung des Haus-zu-Haus-Mülleinsammelstystems in Venedig vollzogen. Seit heute wird auch im letzten Sestiere, Castello, der Müll von den spazzini, den Ökologiefachleuten (früher 'Müllmänner'), an der Haustür abgeholt. 
Siehe Eintrag "Warten, bis der Ökologiemann klingelt?" vom 3.10.2016.

(Wer in Venedig grundsätzlich im Hotel wohnt, kann hier aufhören zu lesen. Für Mieter*innen venezianischer Ferienwohnungen ist die Lektüre allerdings wichtig.)


Die Stadt und die Medien gingen ausführlich sowohl auf das heutige Ereignis ein als auch auf die Erfahrungen der letzten 16 Monate, in denen von Sestiere zu Sestiere die morgendlichen Fassaden- und Gassendekorationen bunter, an Haken platzierter gefüllter Plastiktüten eingestellt wurden. Und auch ich schreibe zum 2. Mal über das Thema, denn es geht um das Sestiere, in dem ich wohne, wenn in Venedig.

Die Stadt meldete am 4.5.: wild entsorgter Müll und sowie Rattenbekämpfungsanforderungen (Wort!) sind in den letzten 16 Monaten um 30 % zurück gegangen, die Anzahl der Tauben um ganze 60 %. (Na, das ist doch was. Meine Zweifel aus dem letzten Abfall-Blog bestehen allerdings trotzdem weiter.)

Man hoffe, dass auch die Bürger*innen von Castello sich schnell und problemlos umgewöhnen und also ab heute, 8.5., ihre Mülltüten entweder persönlich zwischen 6:30 und 8:30 Uhr an den 13 Müllsammelbooten abgeben, und zwar 
- Rio di San Zulian (ponte della Malvasia)
- Campo San Giovanni e Paolo
- Campo Santa Maria Formosa
- Riva degli Schiavoni (am Ausgang der calle delle Rasse)
- Riva degli Schiavoni (Höhe der Pietàbrücke)
- Campo San Lorenzo
- Campo Sant' Antonin
- Rio della Ca' di Dio (auf Höhe des öffentlichen Duschbads)
- Campo Santa Ternità
- Fondamenta della Tana (Höhe der Calvi-Schule)
- Fondamenta Sant' Isepo
- Ponte Paludo (auf der Seite von Sant' Elena)
- Rio dei Giardini (Höhe calle Mafafoni)

und natürlich tageweise getrennt:

- Mo-Mi-Fr Papier und Tetrapak
- Di-Do-Sa Plastik, Dosen und Metall 
- Mo bis Sa, also werktäglich, Restmüll im Extrabeutel.

Oder alternativ von 8:30 bis 12 Uhr warten, bis der/die spazzino (netturbino) klingelt, um die Sachen in Empfang zu nehmen.

Heute war eine Gruppe von Stadtoffiziellen und Fachleuten zur Einführung und Unterstützung der Bürger*innen im Sestiere unterwegs, damit auch alles klappt und alle Fragen seitens Bürgerschaft und Tourist*innen gestellt werden konnten. Nach einer Einübungszeit von 10, 15 Tagen allerdings greift bei Mißachtung der neuen Regeln, also: Müll auf der Gasse, unnachsichtig die Knöllchenstrafe von 167 €. 

Die Lokalpresse (z. B. La Nuova) teilte zusätzlich mit, dass 12.000 Flugblätter zur Erklärung des Systems in italienisch und englisch verteilt wurden. Ein weiteres Informationsblatt zur Auslage in privat vermieteten Zimmern- und Wohnungen erhielten Vermieter*innen in französisch, spanisch, deutsch, russisch, chinesisch und japanisch als Mail.  

Veritas, der Umweltdienstleister für Venedig und die Metropolregion bietet italienisch/englisch eine kostenlose App "Veritas Scoasse" (venezianisch für Müll, neben den weiteren schönen Begriffen immondizie, spazzatura und rifuiti), mit der man hoffentlich alle Abfallprobleme schnell lösen und also knöllchenfrei leben kann.
Ohne App, aber mit Italienischkenntnissen kann man sich auch auf der Veritas-Website über Entsorgungsdetails informieren. 

Übrigens, da die Giudecca aus Sicht der Einheimischen eine Insel ist und nicht Venedig, wird hier die Mülleinsammlung erst zum Jahresende umgesetzt. Voraussichtlich.



Ergänzung 6.11.
Oha. Auf der Guidecca geht die Mülleinsammlung bereits ab dem 15.11. los! Alle Details. 

Ergänzung 16.4.2019
Ab heute gilt die neue Müllordnung auch auf Burano und Mazzorbo. Ich füge diese Information an, da in den letzten Jahren die Unterkünfte (und die Zahl der zum Verkauf stehenden Häuser, Zielgruppe ausländische Interessent*innen) erheblich gestiegen ist. Müll wird zwischen 6:30 und 8:30 Uhr entgegengenommen auf den Müllsammelbooten nahe bei den ACTV-Bootsanlegern/Vaporettihaltestellen in Burano und Mazzorbo. Abholung von Tür zu Tür von 8:30-12 Uhr. 
Auch hier gilt: Hausmüll Mo-Sa; Papier, Karton und Tetrapak Mi und Fr; Glas, Plastik, Dosen und Metall Di, Do und Sa.
Gesamt-Müll-Übersicht der Entsorgungsfirma Veritas. Und hier noch die App wie, wo, wann weg mit dem Müll.

Ergänzug 3.5.2019
Ab dem 7.5. gelten auch in Murano die Müllregeln, die sich im Centro Storico gut eingespielt haben, zumindest was die Einheimischen betrifft. Hier die offizielle Information mit den Müllabgabestellen. Weitere Informationen siehe in der Ergänzung vom 16.4. oben.

Ergänzung 30.6.2021
Ab 5.7.2021 gibt es neues zusätzliches Angebot zur Entsorgung von recycelfähigem Müll (Glas, Plastik, Papier): ein e-getriebenes Müllboot das Mo-Sa an festen Stellen nachmittags in den Sestieri anlegt. Dort kann man gesammelten sortierten Müll angeben. Orte und Zeiten im obigen Link. Ebenso werden entsprechende Sammelbehälter in der Stadt aufgestellt (bisher gibt es ja nur gemischte Müllsammelbehälter).







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10. März 2018

Nasenkorrektur in Venedig

Richard Wagner am 5.3.2018
Ich muss sofort mit der Tür ins Haus fallen: er hat eine neue Nase! Richard Wagner! Nach sage und schreibe 5 Jahren.
Wenn auch das Ergebnis dieser Restaurierung zu wünschen übrig lässt, sie ist zu klein, pappt nicht ganz zentriert oder rutscht vielleicht gerade? Ein "Schönheitschirurg" käme damit nicht durch. 



Nachdem in einer Januarnacht 2013 die Nasen fast aller Skulpturen in den napoleonischen Gärten abgeschlagen wurden, war die Entrüstung in Venedigs Lokalmedien über diesen Schwachsinnsakt groß, aber auch international wurde Notiz genommen, wie z. B. in der "Welt"
Ein deutschsprachiger Bloggerkollege, Thomas Roth, schrieb trauernd einen informativen Eintrag zum Thema Richard Wagner in Venedig, und der englischsprachige Bloggerkollege Steven Vami verknüpfte die fehlende Wagnernase sofort mit einer anderen, im 19. JH abhanden gekommenen Nase - der von Sior Antonio Rioba bei der Madonna dell'Orto, dem 3 Jahre zuvor sogar der ganze Kopf vorübergehend fehlte. 

Dieser Vergleich stellt sich nun als schlagender heraus, als man vor 5 Jahren hätte erwarten können. Denn nun gibt es 2 Metallnasen in Venedig, wobei die grobe Stahlnase von Rioba deutlich übertroffen wird von der quasi goldenen Nase Wagners. 

Ich habe ein bisschen im www geblättert und stieß auf eine Einrichtung des italienischen Kulturministeriums "Artbonus": Steuerermäßigung gegen Spenden zur Erhaltung des italienischen Kulturerbes. Eine gute Sache. Und hier ist auch Richard Wagners Nase gelistet. Sieh an, vor einem Monat. Für 8.000 €. Eine teure schlecht gemachte Nasenkorrektur. 



Nachtrag 11.3.: 
Weniger als 24 Stunden nach Veröffentlichung dieses Eintrags trifft das Mail eines Korrespondenten ein, dem die katastrophische Nase bereits am 10.2. auffiel. Nochmal herzlichen Dank für das Foto!


(C) M. M. 10.2.2018

Nachtrag 12.3.:
Nachdem mittlerweile auf verschiedenen Kommunikationswegen über die Nase und die misslungende Restaurierung diskutiert wird, habe ich auf kurzem Weg bei einer Korrespondentin (nicht Fachfrau in Sachen Restaurierungen, aber Architektur) in Venedig angefragt, was sie von der Sache hält:


Liebe Brigitte,
... ich war länger nicht mehr bei den giardini und sehe von daher die Nase zum ersten Mal auf Deinem Foto. Für mich hat sich da eindeutig jemand einen Scherz erlaubt. Das hat ja nun wirklich nichts mit „Restauro“ zu tun!
Bei Artbonus wird ja darüber informiert, (Stand 2017), dass man die Nase restaurieren möchte für 8.000,00 von denen man bis dato 0,00 hat…


Nehmen wir das als kompetente Information. Vielleicht hat ein*e Venedig-UND Wagnerfreund*in aus unserem Kreis 8.000 € zu viel und möchte sich, auch ohne Steuerermäßigung im eigenen Land, mit einer neuen, besseren Nase für Richard Wagner ein Denkmal setzen und bei jedem Venedigbesuch mit besonderer Freude und stolzem Blick auf R.W. durch die Giardini schlendern? 

Nachtrag 25.3.:
Ein neuer, spannender Eintrag vom 18.3. zu Richard Wagner in Venedig bzw. Recherchen zum Palazzo Giustiniani auf dem Blog von Thomas Roth.


Nachtrag 13.7.2019

Die etwas fragwürdige Nasenpracht war nicht von Dauer. In der ersten Juniwoche 2019 (ich hatte ein Jahr lang nicht nach ihm gesehen) fand ich Richard Wagner ohne goldene Nasenspitze. Und wieder weiss man nicht, wann und wer...!



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2. Dezember 2017

S. Lazzaro dei Mendicanti


Canaletto; Rio dei Mendicanti 1724

Portal S. Lazzaro dei Menidanti 2009

Tatsächlich ein Bericht über diese Kirche, zum Ospedale-Komplex gehörig und praktisch immer verschlossen! 
San Lazzaro dei Mendicanti wird nur noch genutzt für katholische Trauergottesdienste; meist für Menschen, die als Patienten des Ospedale verstarben, aber die Nähe zur Friedhofsinsel S. Michele spielt vielleicht auch eine Rolle. 


Guernico, S. Helena betet das Kreuz an


Veronese, Kreuzigung mit Jungfrau und S. Giovanni


Tintoretto, S, Orsola und die 11.000 Jungfrauen

Der Bau ist vergleichsweise jung (1630er Jahre), aber der Name S. Lazzaro wanderte vom ehemaligen Heim für Leprakranke neben der Kirche S. Trovaso, das wegen der Ansteckungsgefahr, aber auch des Anblicks der Kranken 1262 auf eine der nahen Laguneninseln verlegt wurde und dort hängenblieb (seit dem 18. JH S. Lazzaro degli Armeni) an den Rio dei Mendicanti. Die Lepra in ganz Europa im Rückzug und die umständliche und teure Inselversorgung der Kranken in Venedig bei 'nur' noch 42 Patientinnen im Jahr 1595 führte zum Beschluss, das Heim auf S. Lazzaro zu schließen und die Kranken in ein allgemeines Hospital in die Stadt zurückzubringen. 'Allgemein' bedeutete die öffentliche Versorgung von Menschen, die nicht selbst für sich sorgen konnten - Waisen, Alte, Versehrte, chronisch Kranke, 'Vagabunden', Behinderte - die Hospitäler wurden von Orden getragen. Finanziert wurden sie über Spenden, Erbschaften und ähnliches Fundraising, aber auch genialerweise über die Verbindung von Pädagogik (musikalischer Erziehung der Waisenkinder, sprich Waisenmädchen) und vorhandenen Räumlichkeiten (Kirchen) zu enorm beliebten Konzertveranstaltungen, die die Kassen klingeln ließen.  

Herr Goethe hörte ein Konzert in S. Lazzaro dei Mendicanti am 3.10.1786 und schreibt in der "Italienischen Reise":
Den 3. Oktober.

Den Plan in der Hand suchte ich mich durch die wunderlichsten Irrgänge bis zur Kirche der Mendicanti zu finden. Hier ist das Konservatorium, welches gegenwärtig den meisten Beifall hat. Die Frauenzimmer führten ein Oratorium hinter dem Gitter auf, die Kirche war voll Zuhörer, die Musik sehr schön, und herrliche Stimmen. Ein Alt sang den König Saul, die Hauptperson des Gedichtes. Von einer solchen Stimme hatte ich gar keinen Begriff; einige Stellen der Musik waren unendlich schön, der Text vollkommen singbar, so italienisch Latein, daß man an manchen Stellen lachen muß; die Musik aber findet hier ein weites Feld.

Es wäre ein trefflicher Genuß gewesen, wenn nicht der vermaledeite Kapellmeister den Takt mit einer Rolle Noten wider das Gitter und so unverschämt geklappt hätte, als habe er mit Schuljungen zu tun, die er eben unterrichtete; und die Mädchen hatten das Stück oft wiederholt, sein Klatschen war ganz unnötig und zerstörte allen Eindruck, nicht anders als wenn einer, um uns eine schöne Statue begreiflich zu machen, ihr Scharlachläppchen auf die Gelenke klebte. Der fremde Schall hebt alle Harmonie auf. Das ist nun ein Musiker, und er hört es nicht, oder er will vielmehr, daß man seine Gegenwart durch eine Unschicklichkeit vernehmen soll, da es besser wäre, er ließe seinen Wert an der Vollkommenheit der Ausführung erraten. Ich weiß, die Franzosen haben es an der Art, den Italienern hätte ich es nicht zugetraut, und das Publikum scheint daran gewöhnt. Es ist nicht das einzige Mal, daß es sich einbilden läßt, das gerade gehöre zum Genuß, was den Genuß verdirbt.

Mit dem Ende der Serenissima 1797 wurden auch die vier für ihre Musikveranstaltungen berühmten Hospitäler Pieta, Mendicanti, Ospedaletto und Incurabili geschlossen und konvertiert. Das Ospedale der Mendicanti diente zunächst als österreichisches Militärkrankenhaus und entwickelte sich dann zum städtischen Krankenhaus Venedigs, aber das ist eine andere Geschichte.
Hier geht es um die Kirche, die immer geschlossen ist, es sei denn, man kommt während einer Trauerfeier am offenen Portal vorbei. Wer hätte den Nerv... ich jedenfalls nicht. Vor Jahren konnte ich NACH einem Gottesdienst (und nachdem ich gefragt hatte) mal einen viel zu kurzen Blick ins Innere werfen. 






Überraschung im September: im Rahmen eines 2wöchigen Berufserkundungsprojekts venezianischer Gymnasien wurde die Kirche  aufgesperrt und von einem Mädchen und einem Jungen betreut und präsentiert - täglich 3 Stunden, gut vorbereitet, in gutem Englisch bei Bedarf, aufmerksam, motiviert. Eine tolle Sache. Ich bedanke mich nochmals bei den Beiden für ihr ungewöhnliches Erkundungsthema und berichte hier für alle Neugierigen, die das Ereignis verpasst haben.


Fassade S. Lazzaro dei Mendicanti
Denkmal Alvise Mocenigo, Seite zur Vorhalle


Denkmal Alvise Mocenigo, Innenseite
Blick zur Vorhalle

Hinter der palladianischen Fassade zur Fondamenta (von Antonio Sardi und seinem Sohn Giuseppe) befindet sich eine große Vorhalle von der Tiefe der Gebäudezeile am Ufer, dann erst folgt die einschiffige Kirche (Architekt Vincenzo Scamozzi) und rechts und links davon jeweils ein Kreuzgang mit altem Baumbestand und schönen Brunnenköpfen nach Entwürfen von Baldassare Longhena
Die Kirchenfassade in der Vorhalle und ihre Rückseite in der Kirche ist komplett das enorme Denkmal (restauriert mit Mitteln der Stiftung Pro Venezia) für den Admiral Alvise Mocenigo (1584-1654), Procurator von San Marco, Vorbild und Held mehrerer Seeschlachten um Paros, Naxos, Kreta, bestattet ein paar Schritte weiter in SS. Giovanni e Paolo.
In der Vorhalle gestaltet von Giuseppe Sardi mit 8 schwarzen, korinthischen Säulen, 2 Engeln mit dem Wappen des Seehelden und an den Seiten 4 Basreliefs mit den Festungen von Candia (dem venezianischen Kreta, das 1645-69 Festung für Festung von den Osmanen genommen wurde). Auf der Innenseite der Kirche wurde das Denkmal Alvise Mocenigos als Auftrag seines Enkels Alvise IV von Giusto Le Court geschaffen. Zwei großartige Reliefs in weißem Carrara-Marmor zeigen links eine Schlacht um Candia (heute Heraklion) rechts eine Schlacht um Paros. Darunter Skulpturen von 'Gerechtigkeit' und 'Tapferkeit' über allem in der Mitte von Alvise Mocenigo persönlich. 



Denkmal Alvise Mocenigo
Relief Schlacht um Candia


Denkmal Alvise Mocenigo
Relief Schlacht um Paros

Das Kirchenschiff ist eine schlichte rechteckige Box ohne Seitenkapellen, aber mit Seitenaltären, deren Altarbilder Werke von Guercino ( S. Elena betet das Kreuz an), Salviati (Verkündigung), Paolo Veronese (Kreuzigung mit Jungfrau und S. Giovanni) und Iacopo Tintoretto ( S. Orsola und die 11.000 Jungfrauen) sind. Der Guernico und der Salviati wurden mit Mitteln von Save Venice restauriert. Die ursprüngliche Deckenbemalung existiert nicht mehr, aber die optisch sehr nachdrückliche Gestaltung der Seitenwände durch Marmorinkrustation. Und natürlich die eingebaute vergitterte Empore, 1744 erfolgshalber vergrößert, für die Orgel und den Chor der "Putte" der Waisenmädchen, die den Blicken des Publikums nicht dargeboten werden sollten, siehe Goethe oben.  


Kirchenschiff, Apsis (mit eher schlichtem Tafelbild von Bellini di Fino:
Auferweckung des Lazarus, 1857
Kirchenschiff, linke Seite mit Kanzel und vergitterten "Putte"-Räumen

Kirchenschiff, rechte Seite mit Orgelempore und
vergitterten "Putte"-Räumen

In den Kreuzgängen an den Seiten des Kirchenschiffs befindet man sich  im nicht mehr funktionalen Teil des heutigen Ospedale Civile. Es geht mal jemand vom Krankenhauspersonal durch, oder man trifft auf einzelne Patient*innen, die vielleicht abseits ein bisschen Ruhe suchen. Die findet man hier auf den bequemen Bänken wirklich, ohne Sorge, zu stören. Es ist einer der schönsten venezianischen Tagträume, unter der Ruine des Kirchturms im Schatten des Kreuzgangs und in Gesellschaft einer der hier lebenden Katzen eine kleine Ruhe- und Denkpause einzulegen. Die Kreuzgänge und die Vorhalle von S. Lazzaro dei Mendicanti erreicht man auch durch den Haupteingang (wenn man den Weg durch die Ospedalegebäude kennt), aber die Möglichkeit des Kirchenbesuchs dürfte wohl ziemlich einmalig gewesen sein. 


Kreuzgang links der Kirche mit Brunnen und Campanile

Ergänzung 22.12.:
Ab dem 12.1.2018 ist die Kirche San Lazzaro dei Mendicanti geöffnet. Ist das nicht eine Freude! Eingang durch das Portal an der Fondamenta dei Mendicanti, Öffnungszeiten montags und mittwochs von 12-17 Uhr. Ein Eintrittsbetrag (nicht genannter Höhe, er wird es wert sein) wird erhoben.


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31. Juli 2017

Riva dei Sette Martiri - nicht nur Biennale

Pavillon Seychellen
Am kurzen Stück der venezianischen Uferpromenade, die den Namen Riva dei Sette Martiri* trägt, wird in diesem Jahr eine überraschende Menge Kunst präsentiert. Für Kunstinteressierte mit wenig Zeit sozusagen ein kostenloses, aber vielfältiges Kurzangebot zwischen den Haltestellen Arsenale und Biennale. 2 Nationenausstellungen (Seychellen und Tunesien) und eine Handvoll Nicht-Biennale-Events.

Tunesien hat seinen ersten Biennaleauftritt seit 1958 und an der Ecke der Riva und Via Garibaldi eine seiner Niederlassungen des Projektes "The Absence of Paths". Besucher*innen, die hier an den historischen Kiosk treten, sind Teil der Performance, die immer wieder neu stattfindet: schriftlicher Antrag, mündliche Prüfung und Ausgabe eines universellen Reisedokuments für Migrant*innen, eines "Freesa". Der Ausweis kostet nichts, ebenso wie das Gespräch, das alleine schon die Sache wert ist. Die Projektidee ist, dass wir alle Migrant*innen sind, zumindest im historischen Sinn, und obwohl wir als Toursti*innen hoffen, weiterhin zu den Privilegierten zu gehören, die nicht auf die ungewollte Wanderschaft geworfen werden - könnten wir uns ja irren. 

Die Ausweisbroschüre für das persönliche Freesa enthält die Erklärung: "Mit der Unterzeichnung dieses universellen Reisedokuments stimmt der Empfänger ausdrücklich einer Philosophie der universellen Reisefreit ohne staatlich begründete Sanktionen zu. Er behält sich eine wesentliche Beteiligung, auch auf kreative Weise, an der Diskussion des Themas Migration vor..." und ein Gedicht von Maulana Rumi: "Den ganzen Tag denke ich darüber nach, und in der Nacht sage ich es. Woher komme ich, und was ist meine Aufgabe? Ich habe keine Ahnung..."  
Wer schon da war und noch nachträglich (oder überhaupt!) das Bedürfnis hat, sich zu äußern oder zum Projekt beizutragen, hat hier die Gelegenheit.


Migranten an der Riva dei Sette Martiri

Ein paar Häuser weiter, Hausnummer 1610/A, gibt es "Empire II": 115 Kurzfilme ebenso vieler Künstler*innen, gezeigt in einer Schleife, präsentiert in einem winzigen Vorführräumchen "ein pulsierendes Herz digitaler Kunst" (sagt die Broschüre), das vom ebenso winzigen Eingangzimmerchen, vollgestopft mit Büchern wie ein Flohmarktbücherverkauf "an extensive library engaging in film history and theory" (sagt die Broschüre), nur durch einen schwarzen Vorhang getrennt ist. 
Die Frau, von der man in der Filmbude empfangen wird, ssschhhht die ganze Zeit, weil jede noch so kleine Konversation die Filmvorführung stört. Ein paar Klappstühle. Hitze. Schlechter Geruch mangels Lüftung. Auf "...Überlegungen zu Klimawandel, Verschleißpolitik, Immigration, Narzißmus, Sex, Verzweiflung, Liebe, Hass, Identitätsverlust, Abhängigkeit, Gewalt, misslungene Ökonomie, digitale Vergewaltigung, Cyberkriminalität, Raumfahrt, Umweltverschmutzung, Tod und Konsumdenken..." kann ich mich unter diesen Bedingungen leider nicht so richtig einlassen. Liebe Güte. Ein schweigendes Lächeln für die Empfangsdame, die ihre Schultern hochzieht und zurück lächelt.
Verantwortlich für diese (nicht Biennale-gebundene) Veranstaltung ist Negin Vaziri, ein Name, den man sich noch nicht merken muss, glaube ich. 


Tobi Möhring

Mehr Bewegungsfreiheit, Luft und Licht gibt es in der Palazzina Canonica, Haus Nummer 1364, wenn auch der Erdgeschossraum zur Riva in voller Breite einen Filmvorführraum enthält und die Fensterläden geschlossen sind. Das Haus ließ sich 1911 der Bildhauer Pietro Canonica bauen, ein Gründerzeitbau eben, aber die Aussicht vom Obergeschoss auf das Becken und S. Giorgio Maggiore ist phantastisch. Auch der Blick auf die Riva, die zu Beginn der 1930er Jahre als 'Riva dell'Impero' verbreitert wurde und Militär- und faschistischen Parteiaufmärschen diente. Während der deutschen Besatzung ab 1943 war das Haus der Sitz des Wehrmachtskommandos (über den Begriff bin ich unsicher, da mir das in einem italienisch geführten Gespräch erzählt wurde - jedenfalls die kommandierenden Nazis). Später hatten wissenschaftliche Einrichtungen hier ihren Sitz, zuletzt die Bibliothek des Instituts für Meeresforschung CNR ISMAR, das jetzt seinen Sitz in der Tesa 104 des Arsenale hat. Die Palazzina Canonica war seit 1970 nicht mehr öffentlich zugänglich, seit 4 Jahren stand sie leer. 


 "Where do we go now?"

ISMAR, der Nationale Forschungsrat, die Fondazione Querini Stampalia und Fortuny sind am Kunstprojekt "Leviathan" (7.5.-24.9.) von Shezad Dawood beteiligt, das hier seinen Start hat und während einer dreijährigen internationalen Tour bis 2020 weiterentwickelt und vollendet wird. Es besteht derzeit aus 2 Filmen, die im Haus Canonica (Episode 1: Ben, 13,5 Min.) und in einem Nebengebäude (Episode 2: Yasmine, 23 Min.) gezeigt werden, ab 1. September folgt in einem weiteren Gebäude im Garten der dritte Filmteil (Episode 3: Arturo) von insgesamt 10 Episoden, die bis 2020 hergestellt werden. 
Bis 25.8. wird jeweils Freitags um 18:30 Uhr zu (kostenlosen) Filmvorführungen eingeladen (siehe Link). 
Ds Filmprojekt wird im Haus Canonica ergänzt durch zwei Skulpturen ("Leviathan" und "Where do we go now?") und eine Installation in der ehemaligen Bibliothek unter Verwendung von Fortuny-Stoffen ("Labanof Cycle").

Haus ist interessant, Kunstinstallationen und Filme sehenswert, der Besuch ist zu empfehlen, genügend Zeit sollte eingeplant werden (alleine die Filmepisoden 1+2 dauern über 30 Minuten).


Lih-Jen Shih, The Reappearing of King Kong Rhino

Nunmehr kommt die Abteilung Menschen (lebensecht!), Tiere (groß und wild!), Sensationen (Badeanzüge trotz EnjoyRespectVenezia!) an der Riva dei Sette Martiri. Der Reihe nach. 

Alles findet statt in den beiden Gärten links und rechts der Marinaressa, dem Gebäude aus dem 16. JH mit den beiden hohen Torbögen, mit dem die Serenissima Repubblica besonders verdienten, vor allem seekriegsverdienten, Seeleuten kostenlose Alterswohnsitze zur Verfügung stellte. 
Links liegt der sogenannte Giardino della Marinaressa, der 2010 wieder angelegt und der Bevölkerung als Park übergeben, zur Biennale 2015 für die Ausstellung von Ursula von Rydingsvard wieder schön geputzt und erneuert wurde. 
Der Garten rechts gehört, wie man mir sagte, zum Gästehaus der Salesianer (siehe auch Eintrag "Wohnen in venezianischen Klöstern") zu betreten durch ein Gartentor im Hintergrund aber bisher nicht zu begehen, weil ein wildes Gestrüpp alles bedeckte und in dem ich noch nie einen Menschen gesehen hatte. Jetzt steht hier stahlblitzend ein riesiges Rhinozeros von Li-Jen Shih, ein paar der sehr witzigen Schweißarbeiten von Tobi Möhring, und, neben ein paar eher kunsthandwerklichen Schildkröten, dessen Schöpfer*in ich mir leider nicht gemerkt habe, die umwerfenden 16 Riesenschildkröten der Nationalausstellung der Seychellen. 
Unter dem Titel "Slowly Quietly" haben 16 Künstler*innen das von George Camille und Allen Camille geschaffene Schildkrötenbasismodell gestaltet - auf verschiedenste Weisen bemalt, ergänzt, und eher bescheiden im Hintergrund des Gartens aufgebaut. 
Hier sind alle Individuen, aber ohne den schönen Rahmen von Pinien und Sträuchern und Lagune. Sehr unterhaltsam. Und über den üblichen Zeitraum von 18 Uhr hinaus offen für Besuche - gemäß den Öffnungszeiten venezianischer Parks im Sommer bis 21 Uhr.


Carole Feuerman
Eine der Skulpturen ist bekleidet...

Nächste Tür: Menschen+Sensationen, die Badeanzugfrauen (und ein Mann) von Carole Feuerman. (Siehe auch Eintrag "2 x hyperrealistische Skulpturen..."). Parallel zu Duane Hanson entwickelte sie seit den 70er Jahren realistische, aber im Gegensatz zu seinen Charakterfiguren ausschließlich "schöne" Skulpturen Badender, ihre Werke sind unverwechselbar wie die Hansons. Auf der Biennale 2007 stellte sie ihre "Grande Catalina" im Garten des Paradiso vor, es war Liebe auf den ersten Blick für mich. 
Der Giardino della Marinaressa strahlt mit den scheinbar tropfnassen Leuten im Badeanzug derart Sommerlust und -frische aus, dass er schier zu einem Badeanzugflashmob herausfordert, natürlich innerhalb des Gartenzauns! Um die Gebote des genießenden Respekts nicht zu übertreten und kein 200 €-Knöllchen zu provozieren. Die Ausstellung an der Riva läuft bis 5.12., die parallele Ausstellung im Garten der Venissa auf Mazzorbo nur bis Ende September.


Carole Feuerman

* In einem katholischen Kosmos wie Venedig vermutet man beim Begriff "Martiri" leicht christliche Märtyrer - die Sieben, die hier mit der Uferbenennung geehrt werden, sind aber Teil der italienisch-deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Umbenennung von Riva dell'Impero in Riva dei 7 Martiri, Ufer der 7 Blutzeugen, ist die Erinnerung an
Bruno De Gasperi, 20 Jahre
Girolamo Guasto, 25 Jahre
Alfredo Gelmi, 20 Jahre
Luciano Gelmi, 19 Jahre
Gino Conti, 46 Jahre
Alibrando Armellini, 24 Jahre
Afredo Vivian, 36 Jahre,
die bei Sonnenaufgang des 3.8.1944 zwischen zwei Uferlaternen vor der Palazzina Canonica von 24 Soldaten des deutschen Besatzungskommandos in Venedig erschossen wurden. Sie waren antifaschistische politische Gefangene im venezianischen Männergefängnis S. Maria Maggiore; ihre Ermordung die Repressalie wegen eines verschwundenen deutschen Soldaten (der, wie sich herausstellte, besoffen in der Lagune ertrunken war). 500 BürgerInnen von Castello wurden gezwungen der Hinrichtung zuzusehen, die Toten lagen tagelang in der Sommerhitze am Ufer, von deutschen Soldaten bewacht, bis ihr Begräbnis erlaubt wurde.

Es wird Ihrer jährlich treu am 3. 8. gedacht, siehe unten das Einladungsplakat zum 72. Todestag 2016, das ich auf der Via Garibaldi fotografiert habe. Dass im Anschluss an den gemeinsamem Trauermarsch zur Riva, Gedenken und offziellen Ansprachen von 20-23 Uhr an der Riva Tango getanzt wird, ist eine schöne Geste in Erinnerung des trionfo della ingiusta morte...




Ergänzung 2.8.:
Tweet zum Gedenken am 3.8.2017  pic.twitter.com/N2tmoe2xGe

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